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Pablo Casals: Eine katalanische Geschichte

In seinen Erinnerungen „Joys and sorrows“ (1970) erzählt Pablo Casals, der große katalanische Cellist, von der Bindung an seine Heimat: fester Boden unter den Füßen.

„Der glänzende katalanische Dichter Joan Maragall schrieb einmal: »Wer sich empor zum Himmel schwingen will, muß festen Boden unter den Füßen haben: den Boden seiner Heimat.« Meine Heimat ist Katalonien, dort bin ich geboren. Fast drei Jahre lang war ich fort gewesen; nun freute ich mich, wieder daheim zu sein.

Mein Leben lang habe ich viele Länder bereist und überall Schönheit angetroffen, aber die Schönheit Kataloniens geht mir über alles. Seit meiner frühesten Kindheit bin ich ihr verfallen, und wenn ich meine Augen schließe, sehe ich vor mir den Ozean bei San Salvador und das Küstendorf Sitges mit den kleinen Fischerbooten am Strand, die Weingärten und Olivenhaine und Granatapfelbäume der Provinz Tarragona, den Fluß Llobregat und die Zinnen von Montserrat. Katalonien ist das Land meiner Geburt, und ich liebe es wie eine Mutter.

Selbstverständlich bin ich spanischer Staatsbürger. Obwohl ich seit mehr als dreißig Jahren im Exil lebe, habe ich immer noch einen spanischen Paß; nicht im Traume denke ich daran, mich von ihm zu trennen. Ein spanischer Konsulatsbeamter in Perpignan fragte mich einmal, warum ich nicht auf meinen Paß verzichte, wenn ich doch nicht nach Spanien zurückkehren wolle. Ich antwortete : »Warum ich? Soll doch Franco auf seinen Paß verzichten ! Ich finde dann schon heim.« Aber vor allem und hauptsächlich bin ich Katalane. Ich habe mich fast ein Jahrhundert lang als Katalane gefühlt und werde mich nicht mehr ändern.

Wir Katalanen haben unsere eigene Nationalsprache. Es ist eine alte romanische Sprache, vom kastilischen Spanisch völlig verschieden. Wir haben eine eigenständige Kultur, die Sardana ist unser Nationaltanz — welch wunderschöner Tanz —, und wir haben unsere eigene Geschichte. Schon im Mittelalter lebte in Katalonien eine große Nation, deren Einfluß bis weit nach Frankreich und Italien reichte; auch heute sprechen in diesen beiden Ländern nicht wenige Leute noch Katalanisch. Könige hatten wir nie, wir begnügten uns damit, von Grafen regiert zu werden. Und in unserer mittelalterlichen Verfassung stehen die folgenden Worte, die das katalanische Volk an seinen Regenten richtete: »Jeder von uns ist dir ebenbürtig, alle zusammen sind wir größer als du.« Schon im 11.Jahrhundert berief Katalonien eine Versammlung ein, auf der die Abschaffung des Krieges in aller Welt gefordert wurde— gibt es einen besseren Beweis für eine hohe Kultur?

Alle Nationen haben ihr diminuendo. Es ist gar nicht solange her, daß über dem britischen Empire, wie man sagte, die Sonne nicht unterging; heute gibt es nach wie vor England, aber vom Empire ist nichts übriggeblieben. Auch Katalonien ist heute nicht mehr jene mächtige Nation, die es einmal war, aber das mindert nicht seinen geschichtlichen Rang und gestattet niemandem, ihm die nationalen Rechte abzusprechen. Und doch ist Katalonien heute kaum mehr als ein Untertan Spaniens. Wir Kata-lanen wollen aber mit den anderen Völkern Spaniens wie Brüder zusammenleben, nicht wie Sklaven! Und wie Sklaven leben wir unter dem heutigen spanischen Regime. In unseren Volksschulen ist es nicht erlaubt, unsere Sprache zu lehren; statt dessen unterrichtet man Kastilisch. Unsere Kultur wird erstickt.

Ich bin immer Gegner eines extremen Nationalismus gewesen. kein Volk ist besser als das andere — es mag sich von ihm unterscheiden, aber besser ist es nicht. Extreme Nationalisten maßen sich die Vorherrschaft über andere Nationen an. Patriotismus ist etwas völlig anderes. Die Liebe zum heimatlichen Boden ist tief verwurzelt in der menschlichen Natur. Ich muß dabei an den Tod von Luis Companys denken. Ich lernte Companys kennen, als als er in den Tagen der Spanischen Republik Präsident von KataIonien war. Nicht immer war ich mit ihm einer Meinung, aber er war ein Patriot. Er hatte, ein brillanter Rechtsanwalt, die Sache der katalanischen Arbeiter verfochten. Als die Faschisten die Macht ergriffen, gehörte Companys zu den republikanischen Führern, die nach Frankreich entkamen. Franco forderte seine Auslieferung, und die Petain-Regierung fügte sich. Die spanischen Faschisten richteten ihn hin. Als er vor dem Peleton stand, zündete sich Companys eine Zigarette an und legte dann Schuhe und Strümpfe ab. Er wollte beim Sterben mit beiden Füßen lest auf dem Boden Kataloniens stehen.“

© WS 2019