Wieland: Obrigkeiten unbekannt

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Wieland: Obrigkeiten unbekannt

„Nichts von Sultanen, Wesiren, Statthaltern, Kadis, Schatzmeistern, Zollpächtern, Fakiren und Bonzen zu wissen, ist ein Glück, wovon der größte Teil der Menschheit keine Vorstellung hat.“

Christoph Martin Wieland, (Geschichte des Weisen Danischmend, 1775)

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Wahl?

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Wolfgang Sofsky
Wahl?

In Demokratien, die in Wahrheit keine Demokratien, sondern Oligarchien sind, fragt sich der gemeine Untertan, ob er überhaupt regiert werden will und, falls ja, von wem er sich fortlaufend Vorschriften machen lassen will. Als schlafender Souverän kümmert er sich meist nicht um die Personalauswahl, die ihm anschließend zur Wahl gestellt wird. Er überläßt diese Prozedur schreibeifrigen Kommentatoren, Funktionären, die an der eigenen Karriere interessiert sind, oder klandestinen Hinterzimmerclubs, in denen Posten und Pensionen vorab verteilt werden. Hat er schließlich den Wahlzettel in der Hand, ertappt er sich gelegentlich bei der Frage: „Ist das alles; gibt´s keine besseren Kandidaten?“ Er wählt, wenn er denn wählt, das geringste Übel und geht sodann halbverdrossen und halbschläfrig wieder nach Hause. Es soll aber auch schon vorgekommen sein, daß er den Zettel im Zorn in der Mitte zerrissen oder mit einem großzügigen Federstrich markiert hat. Solche Zettel gelten gemeinhin als ungültig und werden nie mehr erwähnt. Nicht wenige Untertanen, es sind meist zwischen 25 und 40 Prozent, gehen erst gar nicht zur Wahl und studieren auch die Zettel nicht mehr. Sie halten das Personalangebot für unzureichend und fragen sich, ob sie tatsächlich weiter regiert werden wollen. Einige stellen sich diese Frage schon frühzeitig angesichts der künftigen Kandidaten. Von welchem Kanzler (w/m) wollen Sie künftig regiert werden: von Kramp-Karrenbauer, Nahles, Habeck, Merz, Kipping, Laschet, Lindner, Baerbock, Kühnert, Söder etc. etc.? In der hiesigen Oligarchie, die sich immerzu als Demokratie zu feiern pflegt, hat der gemeine Untertan keine Wahl. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er von einem dieser Subjekte regiert werden, ob er will oder nicht. Was tun?, fragt er sich, die Ansprüche ans Personal radikal herunterschrauben, protestieren, abwandern,  Schlafmittel besorgen, sich nicht weiter regieren lassen oder etwas tun, wo man eine Wahl hat?

© WS 2018

Der Untertan: Liebe oder Angst?

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Wolfgang Sofsky
Der Untertan: Liebe oder Angst?

Selten nur kommt die Streitfrage auf, ob es für den Untertanen besser sei, von der Regierung geliebt oder gefürchtet zu werden. Die Antwort ist einfach: Der Untertan sollte beides werden. Aber da es schwierig ist, beides zugleich zu sein, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn denn schon eins von beiden fehlen muß. Denn von den Menschen kann man im allgemeinen folgendes sagen: Sie sind herrschsüchtig, töricht, feige, heuchlerisch, geldgierig und meist auf ihren Vorteil bedacht. Solange Du der Regierung Gutes tust, sie lobst, ihr Beifall spendest und sie wiederwählst, macht sie, was sie will. Wenn Du ihr aber Böses tust, ihr mit Mißgunst begegnest, ihr das Vertrauen entziehst, sie abwählst oder ab und zu den Palast stürmst und sie zum Teufel oder vor die Laterne jagst, äugt sie ängstlich nach der Stimmung der Untertanen. In diesem Falle macht sie nicht mehr, was sie will, sondern, was sie soll. Auf die Dankbarkeit für erwiesene Zuneigung kann sich der Untertan nie und nimmer verlassen. Sie zerbricht augenblicklich, wenn Eigennutz, Machtgier und Herrschsucht im Spiele sind. Und da Machtgier und Herrschsucht immer im Spiel sind, vergeht die Dankbarkeit sofort. Die Furcht jedoch ist von Dauer. Die Angst vor Strafe hört niemals auf. Ein kluger Untertan wird niemals auf die Furcht verzichten. Wer ihn zu regieren, zu beherrschen, ihm Vorschriften zu machen wünscht, der sollte stets wissen, womit er zu rechnen hat.

(Das analoge Argument für den Machthaber findet sich bekanntlich im 17.Kapitel des „Principe“ von Niccolo Machiavelli).

© W.Sofsky 2018

Troller: Antisemitismus und Nation

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Troller: Antisemitismus und Nation

Georg Stefan Troller zitiert in einem autobiographischen Interview mit der FAZ eine, in den 30er Jahren kursierende Erklärung des Judenhasses: „Die Deutschen sind Antisemiten, weil sie Nazis sind. Die Österreicher sind Nazis, weil sie Antisemiten sind.“

© WS 2018

Leseempfehlungen für Gesellschafts- und Politikbeobachter

Wolfgang Sofsky
Leseempfehlungen für Gesellschafts- und Politikbeobachter

Auf mehrfache Nachfrage von Schülern, Studenten und anderen jüngeren und älteren Semestern hier eine kleine Liste von zwölf Leseempfehlungen. Es kursieren in den diversen Fachgesellschaften, Fachbereichen und Fachinstituten allerhand Lesepflichtkürlisten kleineren und größeren Umfangs. Der Zweck meiner Empfehlung ist einfach: Die Texte sollen Sichtweisen auf das Soziale vorstellen. Nach dieser oder jener Lektüre können sich kleinere erhellende Verschiebungen beim Blick auf die Tatsachen einstellen. Beim Lesen sollte man allerdings mit einer gewissen Gründlichkeit nicht sparen. Flüchtigkeit erbringt nur selten Einsichten, vom Vergnügen des Wahrheits- und Verständnisgewinns ganz zu schweigen. Manche Texte gibt es in mehreren Ausgaben, hier wird immer nur eine genannt.

Niccolo Machiavelli, Der Fürst, Stuttgart 1995

Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in:
Marx-Engels-Gesamtausgabe“ Abteilung I. Band 11. Berlin 1983.

Emile Durkheim, Über soziale Arbeitsteilung. Frankfurt/Main 1988.

Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Studienausg., Tübingen 1972 u.ö., insbesondere die Kapitel I: Soziologische Grundbegriffe (was ist: soziale Beziehung, Brauch, Sitte, Kampf, Gemeinschaft, Gesellschaft, Verband, Betrieb, Macht etc..) Zur Vertiefung: Kap. III: Typen der Herrschaft (traditional, charismatisch, bürokratisch etc.)

Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis, in: Ges. Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988.

Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Bd. 11, Frankfurt 1992 (insbesondere die Kapitel: Der Streit, Exkurse über den Schmuck, die Sinne, der Fremde.

Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld, Hans Zeisel, Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Frankfurt a.M. 1975.

Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, in: Soziologie und Anthropologie, Band 2, München 1975.

Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen, Frankfurt 1978

Norbert Elias, J.L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt 1990. (über die Beziehungen zwischen Alteingesessen und Zuwanderern)

Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München 1969.

Elias Canetti, Masse und Macht, Hamburg 1964, Kap.: Eingeweide der Macht, Der Überlebende, Von den Stellungen des Menschen.

© WS 2018

Hugo Ball: Gadji beri bimba

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Wolfgang Sofsky
Hugo Ball: Gadji beri bimba

Unsinnsgedichte haben bekanntlich eine Bedeutung, Lautmalgedichte nicht. Hugo Balls Vortrag der Laute im Zürcher Dada-Club Voltaire wurde von Clusterschlägen des Klaviers begleitet. Er kam dabei allerdings in die Nähe der Kindersprache und afrikanischer Laute. Dennoch sind diese Verse erst verstanden, wenn man keine Bedeutung mehr sucht.

gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori
gadjama gramma berida bimbala glandri galassassa laulitalomini
gadji beri bin blassa glassala laula lonni cadorsu sassala bim
gadjama tuffm i zimzalla binban gligla wowolimai bin beri ban
o katalominai rhinozerossola hopsamen laulitalomini hoooo
gadjama rhinozerossola hopsamen
bluku terullala blaulala loooo

zimzim urullala zimzim urullala zimzim zanzibar zimzalla zam
elifantolim brussala bulomen brussala bulomen tromtata
velo da bang band affalo purzamai affalo purzamai lengado tor
gadjama bimbalo glandridi glassala zingtata pimpalo ögrögöööö
viola laxato viola zimbrabim viola uli paluji malooo

tuffm im zimbrabim negramai bumbalo negramai bumbalo tuffm i zim
gadjama bimbala oo beri gadjama gaga di gadjama affalo pinx
gaga di bumbalo bumbalo gadjamen
gaga di bling blong
gaga blung

© WS 2018

Lob des Zynismus

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Wolfgang Sofsky
Lob des Zynismus

Was schert die zotigste Sittenlosigkeit, die frechste Gotteslästerlichkeit, die beleidigende Entlarvung der Maskeraden? Es ist schlimm bestellt, vom allfälligen zynischen Spott Gesinnung zu erwarten, auf deren Kosten der Spott selbst nur möglich ist. Es kommt nur abständige und langweilige Komik heraus, wenn sie nur im Sinne hat, Moral zu predigen; und die Moral selbst ist doppelt übel dran, solche Priester zu finden, die am Beispiele und der Lust des Lasters die Tugend lehren möchten. Wie schön sind doch die Phrasen, wie wunderbar und begeisternd die Worte über all das Heilige und Große, die sodann, zwei Sätze weiter, im Kot landen. In Zeiten stolzer Zivilisation, wenn man sich über Unsitte, Vorurteil und mancherlei Böses erhaben dünkt, alles Überlieferte und Substanzielle aber nahezu vergessen hat, wenn in der  Fäulnis der Spät“kultur“ das wimmelnde Einzelleben immer beweglicher und bunter durcheinanderarbeitet, dann ist für zynischen Spott und tolles Gelächter allerhöchste Zeit.

WS 2018

Lügen in Politik und Religion

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Wolfgang Sofsky
Lügen in Politik und Religion

Die Rhetorik der demokratischen und religiösen Propaganda ist in der Regel keine gezielte Manipulation, keine willentliche Täuschung, keine Lüge, die das Publikum für dumm verkauft. Auf den korrupten Mandatsträger, den machtgierigen Minister oder hinterlistigen Kanzelprediger kommt es nicht an. Diese Kritik der Politik und Religion greift entschieden zu kurz. Politik, Presse oder Propheten notorische Lügen vorzuhalten, verfehlt den Sachverhalt. Diese Kritik denkt lediglich nach dem Modell des Priesterbetrugs: der Politiker/Prediger/Journalist ein frömmelnder Hochstapler, ein Blender und Beutelschneider, ein zynischer Falschspieler, der das ahnungslose, abergläubische Publikum hinters Licht führt. Davon kann in der Mehrzahl der Fälle keine Rede sein. Viele Redner/Schreiber bemühen sich wirklich um das, was sie für die Interessen aller halten, sie arbeiten hart, und sie glauben in der Tat an das, was sie sagen. Wer lügt, kennt die Wahrheit und sagt willentlich die Unwahrheit. Keine Lüge ohne das Bewußtsein der Lüge. Von den hier genannten Subjekten indes gilt: Sie hintergehen das Publikum, aber sie merken nicht, daß sie es hintergehen. Sie betrügen sich selbst, erkennen aber ihren Selbstbetrug nicht. Sie meinen, für andere zu sprechen, aber sie sprechen nur für sich selbst. In gutem Glauben halten sie sich selbst für jemand anderen, als sie wirklich sind. Ihr Gerede entpringt  nicht dem trüben Gehirnen zynischer Demagogen, ihre Moralpredigten, ihr Wertegeschwafel, ihr hoher Ton entspringt ihrer selbstgesetzten Mission. Ohne den unbedingten Willen zum Selbstbetrug ist ihr sozialer Betrug unmöglich. Zu Arglist und Tücke fehlt ihnen die Distanz, zu sich und zur Sache. Zum wahren Betrug fehlt ihnen die Boshaftigkeit. In Nietzsches unübertroffener Diagnose (Menschliches, Allzumenschliches I,52):

„Bei allen großen Betrügern ist ein Vorgang bemerkenswert, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Akt des Betrugs, unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der wirkungsvollen Szenerie überkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es dann, der dann so wundergleich und bezwingend zu den Umgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen großen Betrügern, daß sie aus diesem Zustand der Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher zuschiebend. Selbstbetrug muß da sein, damit diese und jene großartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird“.

© W.Sofsky 2017

Sendboten der Macht

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Wolfgang Sofsky
Sendboten der Macht

Manche Religionsstifter verschaffen sich das Bewußtsein eigener Sendung und Geltung, mit dem sie sich und ihre Anhänger in Bann schlagen, indem sie sich als Boten eines höheren Wesens, eines Gottes, fühlen und darstellen. Die Idee ist stets dieselbe, ob bei Buddha, Jesus oder Mohammed. Da ist der unsichtbare König der Welt, den nie jemand tatsächlich zu Gesicht oder Gehör bekommt, eine pure Phantasmagorie, und da ist der Königsbote aus Fleisch und Blut, dessen Worte nicht seine eigenen, sondern diejenigen des Königs oder Gottes sind. Die unsichtbare Macht läßt den irdischen Boten selbst in Glanz und Gloria erscheinen. Wesentlich für diese Struktur ist jedoch, daß der Betrug stets mit intensivem Selbstbetrug einhergeht. Der Bote glaubt tatsächlich, daß er der Bote sei. Und nur weil er selbst an sich glaubt, kann er auch andere dazu bringen, an ihn zu glauben.

Einer der seltenen Fälle, da ein Religionsstifter diese Struktur indirekter charismatischer Macht selbst analysiert, ist Mani, der Begründer des Manichäismus. Er  schrieb an König Shapur von Persien, der den Propheten eine Zeitlang in seinem Reich gewähren ließ: „Die Weisheit und die Werke sind es, die von Äon zu Äon heranzubringen die Gesandten Gottes nicht aufhörten. So geschah ihr Kommen in dem einen Zeitalter in der Gestalt des Gesandten, der der Buddha war, in die Gebiete Indiens, in einem anderen (Zeitalter) in der Gestalt Zarathustras in das Land Persien; (wieder) in einem anderen (Zeitalter) in der Gestalt Jesu in das Land des Westens; dann stieg herab diese Offenbarung … in Gestalt meiner selbst, des Mani, des Gesandten des wahren Gottes in das Land Babel.“

© WS 2018