„Tief gespalten“

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Wolfgang Sofsky
„Tief gespalten“

Zu den Lieblingsvokabeln des aktuellen Politgeredes gehört die Formulierung, etwas sei „tief gespalten“. So ist die amerikanische Gesellschaft tief gespalten – wegen dem Donald. Britannien ist tief gepalten – wegen dem Boris. Die deutsche Gesellschaft ist tief gespalten – wegen der Ungleichheit und der Männer. Die SPD ist tief  gespalten – wegen der Groko. Die EU ist tief gespalten – wegen der Ostnationen, wegen dem Viktor u.a.. Die  CSU war bis vor kurzem noch tief gespalten, wegen dem Markus. Das Frankenreich ist tief gespalten – wegen dem Rhein dazwischen, undsoweiterundsofort. Parteien, Gesellschaften, Nationen, Allianzen, Religionen, ja, die ganze Welt sind irgendwie tief gespalten. Dieser Zustand gilt vielen als höchst bedenklich, die Risse im „ganzen Haus“ drohen die Konstruktion zu zerstören. Doch worin besteht diese Konstruktion? Man beruhige sich! Es ist nur eine Vorstellung, eine vage Vorstellung von Einheit, Einheitlichkeit, Integration, Harmonie, allumfassender Gemeinschaft. Diese Vorstellung ist ein zentraler Bestandteil einer besonders in Deutschland virulenten Ideologie, die weder Unterschiede, Differenzen, Ungleichheiten noch Gegensätze voneinander zu unterscheiden, geschweige denn zu ertragen vermag. Wenns nicht ganzheitlich zusammengeht, wenn Meinungen unterschiedlich ausfallen, Vorlieben, Wünsche, Überzeugungen, Kontostände voneinander abweichen, wenn Gegner streiten, Feinde einander bekämpfen, dann ist das fiktive Einheitsgebilde „zutiefst gespalten“. Immer gibt es dafür Schuldige, meist diejenigen, die man besonders haßt, der Donald, der Viktor, der Markus… Gegensätze, Antagonismen, Unterschiede sind nicht das Ergebnis struktureller Tatsachen, sondern übler Subjekte.

Der Vorwurf der Spaltung ist bekanntlich uralt. Gespalten wurde die Einheit des römischen Reichs (Ost – West), der Kirche (Papst – Gegenpapst, Katholizismus – Protestantismus), die Einheit des Abendlandes (Papst – Kaiser), die Einheit der Nation, der Arbeiterbewegung, der Partei, des Königreichs, der Union der Völker, der Menschheit. Immer lag als Ideal die Idee der Union, wenn nicht gar der Homogenität zugrunde. Das Spaltungsgerede ist ein bizarres Erbe religiösen (keineswegs nur abendlänischen) und politischen Denkens. In Wahrheit sind Unterschiede, Differenzen, Segregationen, Konflikte, Gegnerschaften, ja sogar Feindschaften keine Spaltungen. Niemand ist enger miteinander verbunden als Erzfeinde. Sie beobachten einander bei jeder Regung, kennen einander so genau, daß ihnen nichts entgeht. Spaltung liegt nur vor, wenn die Verbindungen gekappt sind, wenn jede Seite, jede Partei ihrer Wege geht. Das ist nach Trennungen, Segregationen, Sezessionen etc. manchmal der Fall. Viele dieser Spaltungen sind für die Beteiligten heilsamer als der Fortbestand einer Gemeinschaftsfiktion, die jede Gewalt zu rechtfertigen scheint. Terror für eine Union ist unter Menschen höchst beliebt, da sich der unbedingte Wille zur Einhalt moralisch immer selbst erhöht. Einheit ist Rettung, Heil, Zwist ist Untergang. Aber der gesellschaftliche Normalzustand ist nicht das gemeindliche Miteinander im Gesellschaftshaus der Begegnung, sondern das Nebeneinander der Fremden, die wissen, wann sie sich annähern und wann sie sich besser wieder entfernen sollten, um einander überhaupt ertragen zu können.

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Politik, Posten, Pensionen

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Wolfgang Sofsky
Politik, Posten, Pensionen

Politik ist, nach einem hellsichtigen Wort Niklas Luhmanns, die „Verteilung von Posten und Pensionen“. Die Rhetorik der Ziele, Aufgaben, Missionen, Werte ist nur ein Oberflächenphänomen. Sie dient zur Beschaffung von Glauben, Vertrauen, Fügsamkeit, von „Legitimität“. Was immer sonst noch verlauten mag, Legitimität ist „in der praktischen Politik gleichbedeutend mit Popularität.“ Demokratien machen die Verteilung von Posten und Pensionen abhängig von Wahlstimmen. Wahlstimmen erlangt man, indem man für Popularität sorgt. Wem diese abhanden gekommen ist, der verliert den Zugang zu Posten und Pensionen. Darin besteht das ganze Spiel, das stündlich in den öffentlichen Medien aufgeführt wird. So stellt sich der gemeine Untertan nicht zu Unrecht die Frage, wieviel Politik denn wirklich nötig sei. Politiker waren immer erfinderisch in der Proklamation neuer Aufgaben, in der Einrichtung neuer Posten und der Bezahlung höherer Pensionen. Das Wachstum des politischen Systems, der Staatsbürokratie, ergibt sich vornehmlich aus der Selbsterzeugung ihrer Aufgaben und Probleme. Nicht die Gesellschaft, Staat und Politik sollen zuständig sein. So ist eine der zentralen Beschäftigungen des politischen Personals, Probleme populär zu machen, damit man selbst die Posten erlangt, die einem die korrespondierenden Pensionen einbringen.

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Leere Bank

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Wolfgang Sofsky
Leere Bank

Die Nichtregierungsorganisation SPD hat offenbar ein internes Repräsentationsproblem. Funktionäre und Mitglieder fühlen sich von der Parteielite nicht recht verstanden, vertreten und vergegenwärtigt. Was immer die Gründe für diese politische Entfremdung sein mögen (im Zweifelsfall sind es Mißerfolge, politische Wahlpleiten, Hoffnungs-, Amts- und Jobverluste), ein entschiedenes oder auch nur knappes Nein für eine größere Koalition könnte sich für das Land insgesamt als Segen erweisen. In der nächsten Regierung, sofern es einmal zu einer derartigen kommen sollte, sind folgende verdiente Minister nicht mehr vertreten: H.Maas, S.Gabriel, A.Nahles, B.Hendricks, B.Zypries, K.Barley. Auch SPD-Staatssekretäre dürfen die Ministerien schleunigst verlassen. Erspart bleibt der Nation i.ü. auch ein Außenminister Schulz. Und zuletzt könnte auch die jetzige Kanzlerin, mit der niemand mehr so recht sich verbünden will, den Spaß an der Sache verlieren und bei den früher oder später anstehenden Neuwahlen nicht mehr antreten. Diese segensreiche Entwicklung führt zwar weder zu den vielfach verlangten parteilichen „Erneuerungen“ noch zu dem ebenso vielfach beschworenen nationalen, ja kontinentalen „Aufbruch“ (wer bewahrt den gemeinen und mißgelaunten Untertanen nur vor all diesen „Aufbrüchen“?). Aber sie leert die politische Bühne von alten Gesichtern. Und manchmal sind leere Bänke besser als vollbesetzte. Keine Regierung ist schließlich besser als eine schlechte. Schlechte Regierungen fassen schlechte Beschlüsse, die der Untertan ausbaden muß. Eine Regierung, die nicht existiert, fällt weder gute noch schlechte Entscheidungen, sondern gar keine.

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Ziele der Parteien

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Wolfgang Sofsky
Ziele der Parteien?

Politische Parteien sind Organisationen. Wie alle Organisationen weisen sie eine interne Struktur auf, eine Hierarchie, Arbeitsteilung, Abteilungen und Gruppen. Wie alle Organisationen sind sie zuerst an der Erhaltung ihrer selbst interessiert. Sie wollen ihre Mitglieder behalten, deren Arbeit, Unterstützung und Beiträge nutzen und interne Konflikte reduzieren. Sie benötigen Wählerstimmen, um öffentliche Finanzen und private Spenden einzustreichen, und sie benötigen Zustimmung, um weitere Mitglieder und Wählerstimmen zu bekommen. Alles andere ist zweitrangig. Politische Programme und Propaganda dienen lediglich dazu, Personal zu binden, zu mobilisieren, zu vermehren, öffentliche Ämter und Finanzen einzutreiben, innere Harmonie herzustellen, Einfluß in der Gesellschaft auszuüben und die eigene Machtsphäre auszudehnen, um wiederum den Bestand an Menschen und Geld zu erhalten bzw. auszudehnen. Der Selbsterhaltung dient auch die Fähigkeit, Kampagnen zu führen. Was tagtäglich in den öffentlichen Verlautbarungen und deren medialer Verdopplung dargeboten, was mithin als politisches Ziel oder als  Mission verkündet und vieltausendfach besprochen und wiederholt wird, auch dies dient zuletzt nur der Selbsterhaltung der Organisation. Niemand muß dieses Gerede für bare Münze nehmen. Es ist dazu da, Aufmerksamkeit, Zustimmung, Stimmen, Geld und Macht zu akkumulieren. Keiner politischen Partei ist ernsthaft an „sozialer Gerechtigkeit“ gelegen, an „ökonomischer Prosperität“, „individueller Freiheit“, „ökologischem Gleichgewicht“, „nationaler Unabhängigkeit“ und was immer die Slogans sein mögen. Politik ist nur ein Mittel für die Erhaltung und Stärkung der Organisation. Deswegen ist es auch keineswegs verwunderlich, daß Parteien sich in bestimmten Lagen weigern, sich an Regierungen zu beteiligen. Wenn man glaubt, daß dies keine Vorteile für den eigenen Verband einbringt, läßt man es bleiben. Wenn man jedoch glaubt, die eigene Existenz hinge von der Regierungsmacht ab, strebt man die Ämter um jeden Preis an. All dies bedeutet nur, daß der Kalkül der organisatorischen Selbsterhaltung weit vor irgendwelchen politischen Zielen oder Programmen rangiert.

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Leo Strauss: Was ist Religionskritik?

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Wolfgang Sofsky
Leo Strauss: Was ist Religionskritik?

In seiner frühen (1930) Arbeit über Spinozas Religionskritik präzisiert Leo Strauss in einer Fußnote, was unter Religionskritik zu verstehen ist. Sie ist weder mit Indifferenz noch Unglaube oder schwankender Skepsis zu verwechseln. Agnostizismus ist keine Religionskritik, die den Namen verdient. Religionskritik zielt gegen die Religion als solche, gegen ihre Mythen, Dogmen, Riten und Organisationen, nicht zuletzt gegen ihre Auswirkungen auf die Hirne der Menschen und ihre politischen und sozialen Verhältnisse.

„Religions-Kritik kann eigentlich nur heißen die ausdrückliche Kritik, die aktuelle Bekämpfung der Religion; die bloße Indifferenz gegenüber der Religion gilt uns auch dann, wenn sie keinen Platz für die Religion übrig läßt, noch nicht als Religions-Kritik. Auch dann liegt noch keine Religions-Kritik vor, wenn zwar ausdrücklich zur Religion Nein gesagt wird, dieses Nein aber nicht mehr ausdrücken will als die „freie Entscheidung der Person“: der Unglaube ist noch nicht Religions-Kritik. Dabei bleibt dahingestellt, ob nicht die Indifferenz und der Unglaube, selbst die strengste Skepsis, wenn sie sich nur radikal verstehen, notwendig zur Religion-Kritik werden. Um nun die eigentliche Religions-Kritik auch endlich von der inner-religiösen Kritik an bestimmten Religions-Formen zu unterscheiden, wollen wir radikale Religions-Kritik jedes Nein-Sagen zur Religion als solcher nennen, das Anspruch darauf erhebt, für alle Menschen (für alle „höheren Menschen“) verpflichtend zu gelten.“

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John Selden: Ohne Ölung

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Wolfgang Sofsky
John Selden: Ohne Ölung

Als John Selden, Autor des „Mare clausum“ und mehrerer rechtshistorischer Werke, führender Gelehrter für hebräische und arabische Studien und Widersacher des englischen Königs in Steuerfraggen, auf dem Sterbebett lag, soll er überlegt haben, von einem Priester der Sakaramente zu empfangen. Selden hatte mit vielerlei Traditionen gebrochen, neue, freie, widerspenstige Gedanken vorgelegt und in der gelehrten und politischen Welt mutig vertreten. Und nun wollte er sich – kurz vor Toresschluß – wirklich die letzte Ölung geben lassen? Thomas Hobbes soll, einer Anekdote gemäß, anwesend gewesen sein und seinen sterbenden Geisteskollegen energisch zurecht gewiesen haben: „What, will you that have written like a man, now dye like a woman?“ Derart ermahnt, gab Selden die Anweisung, den Priester doch nicht vorzulassen.

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Todesarten – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Todesarten. Bilder der Gewalt (Neuauflage) – Inhalt

br., 280 Seiten, 34 SW-Abb., 16,80 €
CreateSpace Independent Publishing: London/Leipzig/Wroclaw 2017
zu beziehen über Amazon.

Inhalt:

Gewalt im Bild –
I. Tiere und Menschen: Tod und Verwandlung. Die Höhle von Lascaux – Die Apathie der Kreatur. Löwenjagd von Eugène Delacroix – Der Heilige und die Bestie.
Der Heilige Georg und der Drache von Paolo Uccello – Fleisch und Blut. Im Schlachthaus von Lovis Corinth, Der geschlachtete Ochse von Chaïm Soutine.

II. Menschenopfer: Liebe oder Gottesfurcht. Die Opferung Isaaks von Donatello – Tod am Nachmittag. Die Enthauptung des Johannes von Caravaggio – Der gemarterte Gott. Kreuzigung von Matthias Grünewald.

III. Qualen und Strafen: Der Schlund. Das Tympanon der Abteikirche Sainte-Foy in Conques-en-Rouergue, Das Kuppelmosaik im Baptisterium in Florenz – Todesarten.
Die Apostelmartyrien von Stefan Lochner – Messerarbeit. Die Schindung des Marsyas von Tizian.

IV. Freitod: Nach dem Amok. Der Tod des Aias von Exekias – Letzte Trauer. Lucretia von Rembrandt – Im Hotel. Triptychon Mai – Juni 1973 von Francis Bacon.

V. Mord und Kampf: Unter Brüdern. Die Bernwardstür am Dom zu Hildesheim – Das Attentat. Judith von Peter Paul Rubens – Die Wut der Kraft. Herkules und Antäus von Hans Baldung Grien – Tödliche Genugtuung. Das Duell von Francisco Goya.

VI. Krieg: Nach der Schlacht. Flandern von Otto Dix – Die Greuel des Aufstands.
Desastres de la Guerra von Francisco Goya – Der wilde Krieg. Photographien von Corinne Dufka, James Nachtwey und Paul Lowe.

Literatur – Abbildungsverzeichnis

WS 2017

Denkbilder – Inhalt

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Denkbilder – Inhalt

Verlag CreateSpace, London, Leipzig, Wroclaw
160 S., 43 SW-Abb., 12,80 €
erhältlich bei über amazon:

Denken ist unsichtbar. Deshalb machen sich Menschen Bilder vom Denken. Skulpturen und Gemälde führen nachdenkliche Figuren vor Augen; Epen, Verse und Dramen lassen große und kleine Denker sprechen. Metaphern vergleichen das Denken mit Gebäuden, Blitzen, Wegen oder Strömen. Die Kunst- und Kulturgeschichte des Geistes war schon immer damit befaßt, Gedanken ins Bild zu setzen. Der Essay geht dieser Geschichte nach, nicht ohne die Systematik des Denkens selbst zu bedenken.

Inhalt : Cernavodă – Denkbilder – Demokleides – Sarcofago della Cerbita – Sokrates: Denken im Tod – Der Groll des Achilleus – Aias: Denken vor dem Tod – Diego Velazquez: Nach der Schlacht – Penelope und Eurykleia – Herakles: Zwischen der Arbeit – Pythagoras: Denken im Leben – Aristoteles: Denkendes Leben – Raffael: Heraklits tiefe Seele – Gedankenblitz – Denkweg – Gedankengebäude – Gedankenfluß – Avalokiteshvara – Zen: Undenkbares denken – Sukia: Im anderen Zustand – Der Bucklige – denkend – Michelangelo: Jeremia – Donatello: Zuccone – Hieronymus Bosch: Wüstengedanken – Vittore Carpaccio: Hiob – Hans Leinweber: Im Elend denkend – Auf hartem Steine – Il Pensieroso – Albrecht Dürer: Melencolia – Fledermäuse oder Das Denken der anderen – Niclaus Gerhaert: Gedankenkreis – Der Tod – denkend – „Alas, poor Yorick“ – Thomas Hobbes: Denkmaschine – Pieter Jacobsz Codde: Denkpause – Gedankenfälle – J.H.W.Tischbein: In der Zelle – Johann Heinrich Füssli: Grames Stolz – Robert Schumann: Töne denkend – Fernand Khnopff: Töne hörend – Charles Meryon: Le Stryge – Charles Baudelaire: Gedankenflug – Dante Gabriel Rossetti: Penelope – G.F.Watts: Undeutliches Gemurmel – Eduard Manet: La Prune oder Der Tagtraum – Vincent van Gogh: Das innere Hindernis – Rodin: Denkathlet – Edvard Munch: Schattendenker – Franz von Stuck: Haßlicht – Giorgio de Chirico: Muse – gedankenlos – Samuel Beckett: Denken – gemeinsam? – Ron Mueck: In der Ecke – Der Wächter – Sichtweisen

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Koalitionen – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Koalitionen – Inhalt

Verlag: CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2017.
br., 140 Seiten, 9.80 €.
erhältlich bei Amazon:

https://www.amazon.de/dp/1975742184/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1504096504&sr=8-2&keywords=sofsky

Inhalt

Eins, zwei, drei
Die Struktur der Koalition: Gegensätze, Gemeinsamkeiten – Ressourcen, Präferenzen, Offerten
Formen der Koalition: Stimmung und Spontaneität – Feindespakt und Probebündnis Zweckbündnis und Verteidigungspakt – Dauerallianz und Gewohnheitsbündnis.
Koalitionsbildung: Kontaktlinien und Kanalarbeit – Intrige und Geheimnis – Abstände, Ränder, Zentren, Netze.
Machtfelder: Despotie und Gleichgewicht – Revolution und Reform – Einzelgänger, Nutznießer, Mitläufer – Gewinne und Kosten.
 Wahlverwandtschaften: Der Wille zur Macht und der Wille zum Profit – Der Wille zur Sicherheit – Ideologische Nachbarschaft – Gleichheit und Schutz – Solidarität.
Regeln und Programme: Teilnahmerechte – Versprechen, Vorauszahlung, Verteilung – Themen, Ziele – Unklarheiten, Fiktionen.
Gefahren: Ungewißheiten – Ungleichheit – Unfreiheit – Entfremdung – Sinnverlust.
Maßnahmen: Organisation – Koordination und Demokratie – Politisches Theater – Wachstum.
Finale: Repression und Explosion – Sezession – Verrat – Koalitionswechsel – Agonie.

© WS 2017

Lautlos – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Lautlos – Inhalt


Verlag: Createspace Independent Publishing, London/Leipzig/Wroclaw,
br., 134 Seiten, 7,60 €
erhältlich bei Amazon.

„Lautlos“ versammelt kurze Geschichten über Menschen und Tiere, Geister und Götter. Manche handeln von wirklichen Vorkommnissen, andere von irrealen oder surrealen Begebenheiten. Unter den ernsten Stücken sind auch mehrere von eher heiterer Natur. Einige Geschichten haben eine tiefere Bedeutung, andere nicht.

Inhalt: Lautlos – Fälle – Grundlos – Der Bote – Käsetorte – Pferdegetrappel – Brille mit Goldrand – Der Austräger – Keine Umstände – Ein Spaßmacher – Hülsen – Holzkatzen – Festmahl – Am Straßenrand – Samstagnachmittag – Licht – Rühreier – Lange Bahn – Lavendel – Baskenmütze – Blindweiß – Atemlos – Die Puppe – Kabel – Fürsorge – Gleisbett – Rosenquarz – Schatten – Tor – Der Zigarillo – Stellenausschreibung – Vater und Sohn – Regen – Der Berg – Waldbrand – Drei Brüder – Ein Unfall – Erinnerungen – Alabaster – Der Kurs – Schlaflos – Sand – Müllkipper – Krokodile – Flugkatzen – Ein Elefant – Blechkannen – Pflanzenschmerz – Vikunja – Die Peitsche – Konzert – Rückkehr – Der Ring – Glissando – Favoriten – Schließung – Der Inquisitor – Ungestüm – Totenspeise – Die Mauer – Fittiche – Die Sterblichen – Die Unsterblichen – Wortlos – Wortschwall – Lobpreis – Bilanzen – Menschen? – Zwei Götter – Rasso – Das Standbild – Danach – Blindenzug – Abstieg – Die rote Schleife – Seidenkleider – Nachtfarben – Punkte – Gesichter – Federmantel – Nachhall – Zeit.

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Prinzip Sicherheit – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Prinzip Sicherheit – Inhalt

prinzipsicherheit

 

 

 

 

 

 

 

CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2016.
ISBN-13: 978-1539666714
ISBN-10: 1539666719
br., 162 S.; 8,90 €; 8,00 GBP; 9,80 USD.
erhältlich bei Amazon

Inhalt

I. Katastrophen 7
Crash – Explosionen – 9/11 – Das Verhängnis – Wille zur Normalität
II. Gefahren, Wagnisse 17
Risiko und Verantwortung – Normale Gefahren
III. Kalkulation und Verleugnung 22
Glück oder Pech – Unwahrscheinliches Unglück
IV. Angst, Mut und Risikolust 27
Alarmstimmung – Lob der Courage – Kultur der Ängstlichkeit – Nischen des Wagemuts
V. Versicherungsgesellschaft 37
Geld gegen Sicherheit – Schuld und Schaden – Das Elend der Sozialkassen
VI. Soziale Komplikationen 44
Rollen, Normen, Phantasien – Vertrauen – Distanz und Verrat – Argwohn – Einsamkeit
VII. Risikowirtschaft 59
Markt und Konkurrenz – Arbeitsmarkt – Wechselfälle des Bankgeschäfts – Auf glattem Parkett – Geld und Charakter
VIII. Sicherheitsstaat 72
Herrschaft und Sicherheit – Staatsgewalt – Rechtssicherheit? – Machträume – Polizei – Der totale Sozialstaat – Ende des Staates?
IX. Kriegsgefahren 85
Gefühle, Kalküle – Krieg der Soldaten – Kriegsrecht –  Der totale Krieg
X. Terror 95
Schauplätze, Motive – Vom Terrorismus zum Terrorkrieg – Herren des Schreckens – Heckenschützen, Geiselnehmer – Selbstmordattentäter – Die Schwäche des Starken – Siege des Schwachen
XI. Frieden und Sicherheit 112
Gleichgewicht der Destruktivkräfte – Der Kalte Krieg – Hegemonie – Das Weltreich – Beschleunigte Staatsbildung?
XII. Freiheit oder Sicherheit 127
Negative Freiheit – Ausnahmezustand – Gefahren der Vorsorge – Totaler Terror
Anmerkungen 141
Krieg und Krise. Nachwort 2016  151

© WS 2016

Machtteilung und Minderheitsregierung

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Wolfgang Sofsky
Machtteilung und Minderheitsregierung

Mit der institutionellen Teilung der Macht ist es in der deutschen Parteien“demokratie“ nicht sonderlich weit her. Das Personal der Judikative muß häufig das „richtige“ Parteibuch haben, um ernannt oder bestellt, nicht gewählt zu werden. Das Verfassungsgericht kann der Politik zwar dazwischenfunken, ein Gesetz zurückweisen oder einen Regelungsbedarf anmahnen, aber sein Personal ist oft von politischen Netzwerken abhängig. Die Legislative, das Parlament, ist weniger dazu da, die Exekutive zu kontrollieren, als die Regierung zu unterstützen. Die Kontrollopposition ist stets in der Minderheit. Die Trennung von legislativer und exekutiver Befugnis ist nie recht zustande gekommen. Die Personalunion von Abgeordneten und Ministern gilt als Selbstverständlichkeit. Von der Trennung der Gewalten ist allenfalls die Trennung der Büros übriggeblieben. Und das politische Publikum lechzt nach starker Regierung und alleseitigem Einvernehmen. Dezentralisation der Macht gilt geradezu als Staats- oder Autoritätskrise.

In Anbetracht dessen sind die jüngsten Entwicklungen durchaus positiv zu bewerten. Erstens hat die Zahl der Nichtregierungsorganisation im Parlament drastisch zugenommen. Mittlerweile sind drei, wenn nicht vier Parteien unwillens, in die Exekutive zu wechseln (AfD, SPD, FDP, Linke). Das bedeutet eine Stärkung der Legislative. Zweitens bedeutete eine mögliche Minderheitsregierung einen Rückzug der Exekutive. Das Parlament wäre befreit von der Akklamationspflicht für die Regierung. Es hätte das zu tun, wozu es da ist: die Macht der Exekutive zu beschneiden und die Gesetze selbst zu erfinden und zu beschließen. Und die Regierung wäre genötigt, kluge und überzeugende Vorschläge zu machen, um mit jeweils wechselnden Mehrheiten die Zustimmung der Legislative finden, vor allem aber die Gesetze auszuführen, die das Parlament beschlossen hat. Nicht zuletzt würde die deutsche Demokratie endlich in den Normalzustand eintreten, der in vielen anderen Ländern Europas längst üblich ist. Dort gelten Minderheitsregierungen mitnichten als nationaler Untergang.

© WS 2017

Montesquieu: Freiheit und Machtteilung

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Wolfgang Sofsky
Montesquieu: Freiheit und Machtteilung

Im sechsten Kapitel des 11.Buches über den „Geist der Gesetze“ von 1748 begründet Montesqieu die Idee der Machtteilung. Sie dient der Beschränkung, nicht der, wie man heute in wohlwollendem Staatskonformiismus zu sagen pflegt, der „Verschränkung“ der Macht. Beschränkung der Staatsmacht sichert dem Bürger die Freiheit. Die Unfreiheit der Großen sichert die Freiheit der Kleinen. Die unabhängige Justiz verbrieft einen politikfreien Raum. Denn jeder Bürger hat das Recht, von der Politik nicht behelligt zu werden. Hier ein paar Passagen:

„Es gibt in jedem Staat drei Arten von Vollmacht: die legislative Befugnis, die exekutive Befugnis in Sachen, die vom Völkerrecht abhängen, und die exekutive Befugnis in Sachen, die vom Zivilrecht abhängen.
Auf Grund der ersteren schafft der Herrscher oder Magistrat Gesetze auf Zeit oder für die Dauer, ändert geltende Gesetze oder schafft sie ab. Auf Grund der zweiten stiftet er Frieden oder Krieg, sendet oder empfängt Botschaften, stellt die Sicherheit her, sorgt gegen Einfälle vor. Auf Grund der dritten bestraft er Verbrechen oder sitzt zu Gericht über die Streitfälle der Einzelpersonen. Diese letztere soll richterliche Befugnis heiflen, und die andere schlechtweg exekutive Befugnis des Staates.
Politische Freiheit für jeden Bürger ist jene geistige Beruhigung, die aus der Uberzeugung hervorgeht, die jedermann von seiner Sicherheit hat. Damit man diese Freiheit genieße, muß die Regierung so beschaffen sein, daß kein Bürger einen andern zu fürchten braucht.
Sobald in ein und derselben Person oder derselben Beamtenschaft die legislative Befugnis mit der exekutiven verbunden ist, gibt es keine Freiheit. Es wäre nämlich zu befürchten, daß derselbe Monarch oder derselbe Senat tyrannische Gesetze erließe und dann tyrannisch durchführte.
Freiheit gibt es auch nicht, wenn die richterliche Befugnis nicht von der legislativen und von der exekutiven Befugnis geschieden wird. Die Macht über Leben und Freiheit der Bürger würde unumschränkt sein, wenn jene mit der legislativen Befugnis gekoppelt wäre; denn der Richter wäre Gesetzgeber. Der Richter hätte die Zwangsgewalt eines Unterdrückers, wenn jene mit der exekutiven Gewalt gekoppelt ware.
Alles wäre verloren, wenn ein und derselbe Mann beziehungsweise die gleiche Körperschaft entweder der Mächtigsten oder der Adligen oder des Volkes folgende drei Machtvollkommenheiten ausübte: Gesetze erlassen, öffentliche Beschlüsse in die Tat umsetzen, Verbrechen und private Streitfälle aburteilen.
In den meisten Königreichen Europas ist die Regierung maßvoll, da der Herrscher sich die zwei ersteren Befugnisse vorbehält und die Ausübung der dritten durch seine Untertanen zuläßt. Bei den Türken kommen diese drei Machtvollkommenheiten bei dem Oberhaupt, dem Sultan, zusammen, und ein grauenvoller Despotismus regiert.
In den Republiken Italiens werden diese drei Machtvollkommenheiten vereint. Daher ist dort weniger Freiheit zu finden als in unseren Monarchien. Deswegen hat die Regierung genau solche Gewaltmittel zu ihrer Erhaltung nötig wie die türkische. Das bezeugen die Staatsinquisitoren sowie jene Büchse, in die jederzeit jeder Denunziant auf einem Zettel seine Anschuldigung einwerfen kann.
Man betrachte die Situation eines Bürgers in diesen Republiken. Die gleiche Beamtenschaft hat als Ausführer der Gesetze alle die Befugnisse, die sie sich als Gesetzgeber selber verliehen hat. Sie vermag den Staat durch ihren Gemeinwillen [volontés générales] zu verheeren. Da sie auch noch die richterliche Gewalt innehat, vermag sie jeden Bürger durch ihre Sonderbeschlüsse zugrunde zu richten.
Alle Befugnisse bilden hier eine einzige. Obwohl hier keine äußere Pracht einen despotischen Herrscher verrät, bekommt man ihn auf Schritt und Tritt zu spüren.
Daher haben alle Herrscher, die sich zu Despoten machen wollten, stets mit einer Vereinigung aller Ämter in ihrer Hand den Anfang gemacht; desgleichen mehrere europäische Könige mit der Vereinigung aller höchsten Stellen ihres Staats.
Zwar glaube ich gern, daß die reine Geburtsaristokratie der italienischen Republiken mit dem asiatischen Despotismus nicht aufs Haar übereinstimmt. Die Ämterfülle mildert das Ämterwesen manchmal. Nicht immer verfolgen alle Adligen dieselben Pläne. Gegensätzliche Tribunale, die einander einschränken, bilden sich. Auf solche Weise hat in Venedig der Große Rat die Legislation inne, der Pregadi die Durchführung, die Vierzig die Gerichtsbefugnis. Das Übel besteht aber darin, daß diese unterschiedlichen Tribunale durch Beamte aus der gleichen Körperschaft gebildet werden. So entsteht kaum etwas anderes daraus als die eine, gleiche Befugnis.
Richterliche Befugnis darf nicht einem unabsetzbaren Senat verliehen werden, vielmehr muß sie von Personen ausgeübt werden, die nach einer vom Gesetz vorgeschriebenen Weise zu gewissen Zeiten im Jahr aus dem Volkskörper ausgesucht werden. Sie sollen ein Tribunal bilden, das nur so lange besteht, wie die Notwendigkeit es verlangt.
In dieser Form wird die Gerichtsbefugnis, so gefürchtet sie unter den Menchen ist, sozusagen unsichtbar und nichtig, da sie weder mit einem bestimmten Stand noch einem bestimmten Beruf verbunden ist. Man hat nicht dauernd Richter vor der Nase. Gefürchtet ist das Amt, nicht die Beamten.
Bei schweren Anklagen ist es sogar nötig, daß sich der Verbrecher, gemeinsam mit dem Gesetz, Richter wählen kann. Zumindest muß er eine so große Anzahl zurückweisen können, daß die restlichen als Männer seiner Wahl angesehen werden können.
Die zwei anderen Vollmachten können viel eher Beamten oder unabsetzbaren Körperschaften anvertraut werden; denn sie werden nicht gegen Einzelpersonen angewendet. Die eine ist lediglich der Gemeinwille des Staates, die andere lediglich der Vollzug des Gemeinwillens.
Indessen, die Gerichte sollen nicht unveränderlich sein, die Urteile müssen es aber so weitgehend sein, daß sie nie mehr als ein genauer Gesetzestext sind. Wenn sie nur die Privatmeinung des Richters darstellten, würde man in einem Gesellschaftszustand leben, ohne genau die Verpflichtungen zu kennen, die man damit vertraglich eingeht.
Die Richter müssen sogar aus dem Stand des Angeklagten stammen oder ihm ebenbürtig sein. Sonst könnte er sich in den Kopf setzen, er sei in die Hände voreingenommener Leute gefallen, die ihm Gewalt antun wollen.
Wenn die legislative Befugnis der Exekutive das Recht zur Gefangensetzung von Bürgern abtritt, die eine Kaution für ihr Verhalten stellen können, gibt es keine Freiheit mehr. Höchstens wenn sie verhaftet worden sind, um sich auf Grund einer Anklage wegen eines Verbrechens unverzüglich zu verantworten, auf das nach dem Gesetz die Todesstrafe steht. In solchem Fall sind sie tatsächlich frei, weil sie allein der Gewalt des Gesetzes unterstehen.
Falls aber die legislative Befugnis sich infolge irgendeiner geheimen Verschwörung gegen den Staat oder infolge irgendeines Einverständnisses mit äußeren Feinden für gefährdet hielte, könnte sie der exekutiven Befugnis die Verhaftung verdächtiger Bürger für eine kurze und beschränkte Zeit gestatten. Die Betroffenen würden ihre Freiheit nur zeitweilig verlustig gehen, damit die Freiheit für immer bewahrt wird.
Einzig und allein dies Mittel steht der Vernunft an als Ersatz für die tyrannische Amtsführung der Ephoren und die nicht minder despotische der Staatsinquisitoren von Venedig.
In einem freien Staat soll jeder Mensch, dem man eine freie Seele zugesteht, durch sich selbst regiert werden: daher müßte das Volk als Gesamtkörper die legislative Befugnis innehaben. Da dies in den großen Staaten unmöglich ist und in den kleinen Staaten vielen Nachteilen unterliegt, ist das Volk genötigt, all das, was es nicht selbst machen kann, durch seine Repräsentanten machen zu lassen.
Die Nöte seiner eigenen Stadt kennt man besser als die anderer Städte. Uber die Leistungskraft seiner Nachbarn urteilt man sicherer als über die von femstehenden Mitbürgern. Darum sollen die Mitglieder der legislativen Körperschaft nicht pauschal aus dem Ganzen der Nation ausgesucht werden. Es ist vielmehr zweckmäßig, daß sich die Finwohner jedes bedeutenden Orts einen Repräsentanten wählen.
Die Repräsentanten sind in der Lage, die Angelegenheiten zu erörtern. Das ist ihr großer Vorteil. Das Volk ist dazu durchaus nicht geeignet. Das ist eines der großen Gebrechen der Demokratie.
Haben die Repräsentanten von ihren Wählern eine allgemeine Anweisung erhalten, so ist eine besondere Anweisung für jede Angelegenheit, wie es bei den deutschen Reichstagen gehandhabt wird, nicht notwendig. Gewiß gäbe das Wort der Deputierten bei diesem Verfahren weit eher der Stimme der Nation Ausdruck; aber das würde endlose Verlängerungen heraufbeschwören. Jeder Deputierte wäre der Herr aller anderen. Bei Ereignissen, die schnellstes Handeln erfordern, könnte die ganze Kraft einer Nation durch eine Laune gelähmt werden.“

© WS 2017

Blutrat in Brüssel

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Wolfgang Sofsky
Blutrat in Brüssel

Von 1567 bis 1573 wurden die Niederlande vom „Rat der Unruhen“, den die Einheimischen alsbald den „Blutrat“ nannten, tyrannisiert. Der spanische König Philipp II. entsandte den berüchtigten Herzog von Alba als Statthalter mit spanischen Truppen, um den einheimischen Adel und den Aufruhr (Rebellion!) der calvinistischen „Ketzer“ und Bilderstürmer zu unterdrücken. Albas Aufgaben waren klar definiert: Bestrafung der Rebellen, Stärkung der Zentralmacht, Reform des Steuersystems zugunsten des Königs, d.h. Konfiszierung einhemischen Vermögens zugunsten der Krone. Bereits eine Woche nach seinem Eintreffen in Brüssel setzte Alba den Rat der Unruhen ein. Er konnte, ungeachtet des Standes, jede verdächtige Person vor Gericht laden und aburteilen. Revision oder Berufung waren nicht vorgesehen. Das Urteil war unwiderruflich und an keine weitere Autorität gebunden. Der Blutrat war nichts anderes als die Fortsetzung spanisch-katholischer Besatzungsmacht mit den Mitteln der Blutjustiz. Die bekanntesten Opfer des Rats, desssen Beschlüsse zuletzt von Alba selbst oder seinem Günstling, dem Lizentiaten Vargas gefällt wurden, waren die Grafen Egmont und Philipp van Hoorne, die am 5. Juni 1568 in Brüssel hingerichtet wurden. Die Schreckensherrschaft Albas löste eine Flüchtlingswelle aus, bis zu 18.000 Todesurteile soll der Blutrat verhängt haben.

„Alle Gefängnisse, deren der Herzog gleich beim Antritt seiner Verwaltung eine große Menge hatte neu erbauen lassen, waren von Delinquenten vollgepreßt; Hängen, Köpfen, Vierteilen, Verbrennen waren die hergebrachten und ordentlichen Verrichtungen des Tages; weit schon seltener hörte man von Galeerenstrafe und Verweisung, denn fast keine Verschuldung war, die man für Todesstrafe zu leicht geachtet hätte.“ (Friedrich Schiller, Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung ,1788).

Es dauerte achtzig Kriegsjahre, bis die Niederlande die Unabhängigkeit von Spanien errungen hatten. Parallelen zu aktuellen Vorkommnissen in Madrid, Barcelona und Brüssel sind rein zufällig.

© WS 2017

Moses Mendelssohn: Kleine Schwingungen

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Wolfgang Sofsky
Moses Mendelssohn: Kleine Schwingungen

1783 veröffentlicht der Aufkärer Moses Mendelssohn „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“. Im zweiten Abschnitt findet sich ein nüchternes Fazit der sittlichen und moralischen Qualitäten des Menschengeschlechts, vor allem jedoch eine Absage an jede Illusion von sittlichem Fortschritt. Ein solcher ist in der Geschichte und in der göttlichen Vorsehung (sofern es solches geben sollte) nicht  vorgesehen. Man soll sich illusionärer Hypothesen und blinder Hoffnungen enthalten und „umherschauen auf das, was wirklich geschieht.“ Der Realist Mendelssohn kommt ohne Fortschrittsglauben aus, im Gegensatz zu jedweden „Idealisten“ wie Lessing, Kant, Fichte, Hegel, Marx etc., im Gegensatz aber auch zu den atheistischen Fortschrittsgläubigen des Pariser Holbach-Kreises, die auf den läuternden Fortschritt durch die Erkenntnisse der Wissenschaften hoffen. Vom Geschwätz der populären politischen Ideologien jeglicher Couleur wollen wir gar nicht reden.

„Aber daß auch das Ganze, die Menschheit hienieden, in der Folge der Zeiten immer vorwärts rücken und sich vervollkommnen soll, dieses scheint mir der Zweck der Vorsehung nicht gewesen zu sein…. Nun findet ihr,in Absicht auf das gesamte Menschengeschlecht, keinen beständigen Fortschritt in der Ausbildung, der sich der Vollkommenheit immer weiter näherte. Vielmehr sehen wir das Menschengeschlecht im ganzen kleine Schwingungen machen; und es tat nie einige Schritte vorwärts, ohne bald nachher, mit gedoppelter Geschwindigkeit in seinen vorigen Zustand zurück zu gleiten… Der Mensch geht weiter; aber die Menschheit schwankt beständig zwischen festgesetzten Schranken auf und nieder; behält aber, im ganzen betrachtet, in allen Perioden der Zeit ungefähr dieselbe Stufe der Sittlichkeit, das selbe Maß von Religion und Irreligion, von Tugend und Laster, von Glückseligkeit  und Elend.“ 

Eine realistische Sicht auf die Zeitläufte erfordert indes eine theoretische Einstellung aus der Perspektive des unbeteiligten Zuschauers. Ihr bietet sich das Welttheater als das dar, was es ist. Die an praktischer, sittlicher Vervollkommnung interessierten Dichter und  Denker, Pädagogen, Pastoren und Politiker sind viel zu sehr mit der Erziehung und „Rettung“ des Menschengeschlechts befaßt, als daß sie die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens sehen, geschweige denn einsehen könnten. Die theoretische Einstellung ist ihnen unmöglich. Die Trauer würde sie lähmen, der Zorn der Vergeblichkeit würde sie rasend machen. Irgendwann fällt der Vorhang vor diesem statischen Trauerspiel.

© W.Sofsky 2017

Freiheit, Katalonien, deutsche Reaktionen

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Wolfgang Sofsky
Freiheit, Katalonien, deutsche Reaktionen

Im ach so freisinnigen Germany reagiert man auf die Freiheitsbewegung der Katalanen mit seltsamen Etikettierungen.

Die einen sind verärgert, daß sie in ihrer Ruhe und ihrem innigen Glauben an die allseitige Welteinheit gestört werden. Andere sind erbost, daß eine Region mit knapper Mehrheit für die Freiheit votiert und dabei das Verfassungsrecht des spanischen Zentralstaates mißachtet. Es liegt in der Natur einer Sezession, daß Justiz und Recht des alten Regimes für den neuen Staat nicht mehr zuständig sind, weswegen es auch nicht ohne eine gewisse Absurdität ist, daß sich die Wortführer der Sezession nach Madrid begeben, um sich von dem dortigen Sondergericht aburteilen zu lassen. Nach der Sezession ist Madrid für Barcelona nicht mehr zuständig. Wie man seinen Häschern entkommt, ob in den Bergen, im Keller, in Brüssel, Antwerpen, Helsinki, London, Edinburgh oder New York ist eine Frage der Sicherheit und Gelegenheit. Aber was fordern die altgermanisch, protestantischen Kommentatoren? Wer sich der spanischen Repression entzieht, sei ein Feigling, der „anständige“ Widerstandskämpfer, deren Zahl in Old Germany ja seinerzeit in die Millionen ging, habe – auch ohne freies Geleit – vor das Gericht zu treten, „anständig“ zu bekennen, schließlich kann er gesinnungsmäßig nicht anders, als sich verhaften und einkerkern zu lassen. Wahrhaft Ehre hat im neuen Deutschland nur, wer sich köpfen läßt.

Wieder andere germanische Kommentatoren schreiben den Katalanen eine bewußte, halbbewußte oder unbewußte Neigung zu „Masochismus“ zu, als hätten sie die aktuelle Niederlage gegen das spanische Protektoratsregime halbwillentlich herbeigeführt, um besser und schöner leiden zu können. Auch eine Neigung zur Opferrolle dichtet man den Katalanen an. Wer verliert, ist schließlich selber schuld. Das ist besonders perfide, weil man so das, was man den Deutschen nicht zu Unrecht vorhalten konnte, ins Ausland projizieren und sich selbst damit entlasten kann: Seht nur, diese Katalanen sind genauso wehleidig und selbstgerecht wie wir selber. Aber wir haben uns davon emanzipiert, wir haben gelernt, wir sind also die historisch Besseren. Abgesehen davon, daß historische Verlierer keine Opfer sind, und man nach einer Niederlage durchaus Grund zu Trauer haben kann.

Und da sind die Staatstreuen und Staatsgläubigen aller Couleur, die Konservativen ohnehin, die Liberalen (in Germany seit je eher nationaleinheitlich als libertär gesinnt) im Zweifelsfall ebenso, und die Sozialdemokraten und Staatssozialisten schon immer. Alle fürchten sie, ihr Glaube an die Legitimität staatlicher Ordnung könne Risse bekommen, wenn sich ein paar Millionen von einem Staat lossagen und ihren eigenen gründen. So groß ist die Staatstreue und die Angst vor dem Chaos, daß der Zentralstaat auch ruhig mal etwas energischer, robuster für Ordnung sorgen darf. Lieber Ordnung als Freiheit, das ist die Devise aller Staatsparteien.

Vorgehalten wird den Katalanen auch, sie seien „unsolidarisch“, weil sie sich von Madrid steuerlich nicht ausplündern lassen wollen und nur der Zentralstaat für gerechte Umverteilung in die ärmeren Regionen sorgen könne. Es seien die Reichen, die frei sein wollten. Nun kann man getrost bezweifeln, wie effektiv und gerecht eine zentrale Umverteilung in Spanien vonstatten geht und wieviel von der Umverteilung in den Taschen der regierenden Parteien landet, deren Korruptheit und Bestechlichkeit kaum jemand ernsthaft bestreitet. Solidarität, die nicht freiwillig erbracht wird, ist keine. Umverteilung ohne Zustimmung ist nichts als Zwang und Ausbeutung. Wer wollte es den Katalanen verdenken, daß sie selbst darüber entscheiden wollen, ob und wieviel sie ärmeren Regionen zahlen wollen, für welche Gegenleistung oder als Geschenk, nach dem Prinzip Etwas für Nichts.

Übel stößt es dem Deutsch-Demokraten auf, wenn bei einer Wahl oder einem Volksentscheid ein Ergebnis herauskommt, was ihm nicht gefällt. Das dumme „Volk“ ist stets verführt worden, von blonden Strähnenköpfen beim Brexit oder von dunklen Pilzköpfen in Barcelona. Die Verführer sollten endlich mal zum Friseur gehen. Aber immer ist das Volk dumm, von „Eliten“ verführt, ahnungslos, unvernünftig. Denn vernünftig ist nur, was dem Michel gefällt, wohlrasiert und wohlfrisiert, weise und klug, wie er ist. Das Deutungsschema ist altbekannt. Die armen Millionen, sie werden immer nur verführt, schon damals wurden die Deutschen, ahnungslos und unschuldig wie sie waren, verführt – von einer Figur mit seltsamer Haar- und Barttracht. Der Verführte kann nichts dafür, daß er will, was er will; es sind die Anführer (früher „Führer“), die ihm sagten, was er wollen soll.

Ein wahrer Horror ist vielen Germanen ein drohender „Rückfall in Kleinstaaterei“ , hat man doch Jahrhunderte gebraucht, um sich von der Obrigkeit zur späten Nation einen zu lassen. Katalonien wäre ein respektabler Staat in Europa mit sieben Mill. Einwohnern, offenen Grenzen, nicht zuletzt zu Spanien, größer als ein Drittel aller EU-Staaten, größer jedenfalls als das Herkunftland eines EU-Oberen, der, aus Klein-Luxembourg stammend, unermüdlich nach Größe strebt. Kleinere Staatsgebilde bieten zahlreiche Vorteile, neben der Bürgernähe und Kontrolldichte nicht zuletzt die kürzeren Fluchtwege. Von Ludwigsburg nach Mannheim war es seinerzeit nur ein Tagesritt, und der Deutschen Freiheitsdichter Fritze Schiller war in Sicherheit.

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Schröder-Sonnenstern: Staatsnarrenschiff

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Wolfgang Sofsky
Schröder-Sonnenstern: Staatsnarrenschiff

Von Friedrich Schröder-Sonnenstern, der erst 1949, mit knapp sechzig Jahren damit begann, abseits des Kunstbetriebs mit Buntstiften Bilder zu zeichnen, die in  Grenzbereiche des Surrealen führen, stammt ein Bildnis vom Staatsschiff auf Mondgeistfahrt, dessen Verweise auf wirkliche Narrenschiffe und politische Geisterfahren zwar beabsichtigt, aber ganz und gar zufällig ist.

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Joan Miró: Le Faucheur

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Joan Miró: Le Faucheur

1937 malte der „internationale Katalane“ Joan Miró im Pavillon der spanischen Republik bei der Weltauststellung zu Paris, gegenüber von Picassos (einem anderen internationalen Katalanen!) „Guernica“ ein großes Wandbild: „Le faucheur“ – „Der Schnitter“ oder „Aufständischer katalanischer Bauer“, einen schmalen Rumpf, darauf hochgereckt ein Kopf. Das Bild ist verschollen, aber ein Photo zeigt Miró bei der Arbeit.

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Respice finem

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Wolfgang Sofsky
Respice finem

„Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, sagt ein mittelalterlicher Mahnspruch aus den Gesta Romanorum: Was immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende. Die Empfehlung geht nicht nur auf das apokryphe Buch „Jesus Sirach“ zurück, sondern auch auf den griechischen Fabeldichter Äsop, der einsichtigen Lesern auf den Weg gab: „Klugen Leuten ziemt es, zunächst das Ende eines Unternehmens ins Auge zu fassen und es erst dann also ins Werk zu setzen.“ Anders gesagt: Nicht derjenige handelt verantwortlich und klug, der gute Absichten, feste Überzeugungen, herzvolle Worte, unverrückbare Prinzipien zum Ausgang seiner Dezision nimmt, sondern eine umsichtige Einschätzung der faktischen Konsequenzen seiner Entscheidung.  Nur auf die laute innere Stimme zu hören, kann leicht dazu führen, daß die realen Folgen diametral der guten Absicht widersprechen.

Dieser Grundsatz erspart viele hypermoralisch gesteuerte Entscheidungen, angefangen von der Migrationspolitik der offenen Grenzen, der Umverteilungspolitik des begrenzten Reichtums, der Wirtschaftspolitik des unbegrenzten Wachstums, der Sicherheitspolitik der unbegrenzten Überwachung bis zur Konsumpolitik des begrenzten Verbrauchs. Allerdings lassen sich, da Entscheidungen oftmals Knotenpunkte für den Start konträrer und divergenter Entwicklungen sind, die Folgen selten klar voraussagen. Die Wirklichkeit der Dezision streicht zwar akute Möglichkeiten und befreit von der Last der Unentschlossenheit, aber sie erzeugt neue mögliche Welten in der Zukunft. Nur der allwissende Dämon kennt bereits alle Konsequenzen, die erwünschten und die unerwünschten.

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Max Weber: Politik, Staat und Gewalt

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Max Weber: Staat, Gewalt, Politik

Zu Beginn (§2) der Staatssoziologie in „Wirtschaft und Gesellschaft“ gibt Max Weber eine kurze und nüchterne Charakteristik dessen, was man unter „Staat“ und „Politik“ zu verstehen hat, wen man sich auf dem Boden der historischen Wirklichkeit bewegen will. Man klammere also alles ein, was in Sonntags-, Kanzel-,   Katheder- und sonstigen Pultreden aus interessiertem oder unberufenem Munde zu hören ist, und richte den Blick auf das, was der Fall ist. Das dem Staat spezifische Mittel ist die Gewalt, die er zu monopolisieren trachtet. Und Politik ist nichts anderes als das Streben nach Macht, nicht zuletzt nach Macht über die fraglichen Gewaltmittel. Alles andere ist Schönfärberei, Illusionspolitik. Dies heißt natürlich nicht, daß Machtpolitik sich nicht auch gewaltfreier Taktiken bediente oder daß der Gehorsam, auf dem die Staatsherrschaft aufruht, allein durch Angst motiviert sei.

„Vom Standpunkt der soziologischen Betrachtung ist ein »politischer« Verband und insbesondere ein »Staat« nicht aus dem Inhalt dessen zu definieren, was er tut. Es gibt fast keine Aufgabe, die nicht ein politischer Verband hier und da in die Hand genommen hätte, andererseits auch keine, von der man sagen könnte, daß sie jederzeit, vollends: daß sie immer ausschließlich denjenigen Verbänden, die man als politische, heute: als Staaten, bezeichnet oder welche geschichtlich die Vorfahren des modernen Staates waren, eigen gewesen wäre. Man kann vielmehr den modernen Staat soziologisch letztlich nur definieren aus einem spezifischen Mittel, das ihm, wie jedem politischen Verband, eignet: das der physischen Gewaltsamkeit. »Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet«, sagte seinerzeit Trotzkij in Brest-Litwosk. Das ist in der Tat richtig. Wenn nur soziale Gebilde beständen, denen die Gewaltsamkeit als Mittel unbekannt wäre, würde der Begriff »Staat« fortgefallen sein; dann wäre eingetreten, was man in diesem besonderen Sinn des Wortes als »Anarchie« bezeichnen würde. Gewaltsamkeit ist natürlich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates – davon ist keine Rede –, wohl aber: das ihm spezifische. In der Vergangenheit haben die verschiedensten Verbände – von der Sippe angefangen – physische Gewaltsamkeit als ganz normales Mittel gekannt. Heute dagegen werden wir sagen müssen: Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes – dies: das »Gebiet«, gehört zum Merkmal – das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezifische ist, daß man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur soweit zuschreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des »Rechts« auf Gewaltsamkeit.

»Politik« würde für uns also heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt. Das entspricht im wesentlichen auch dem Sprachgebrauch. Wenn man von einer Frage sagt: sie sei eine »politische« Frage, von einem Minister oder Beamten: er sei ein »politischer« Beamter, von einem Entschluß: er sei »politisch« bedingt, so ist damit immer gemeint: Machtverteilungs-, Machterhaltungs-oder Machtverschiebungsinteressen sind maßgebend für die Antwort auf jene Frage oder bedingen diesen Entschluß oder bestimmen die Tätigkeitssphäre des betreffenden Beamten. Wer Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele – idealer oder egoistischer –, oder Macht »um ihrer selbst willen«: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen.

Der Staat ist, ebenso wie die ihm geschichtlich vorausgehenden politischen Verbände, ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Damit er bestehe, müssen sich also die beherrschten Menschen der beanspruchten Autorität der jeweils herrschenden fügen. Wann und warum sie das tun, läßt sich nur verstehen, wenn man die inneren Rechtfertigungsgründe und die äußeren Mittel kennt, auf welche sich eine Herrschaft stützt.“

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Sebastian Brant: Von unnützen Büchern

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Sebastian Brant: Von unnützen Büchern

Im Narrentanz voran ich gehe
Da ich viel Bücher um mich sehe,
Die ich nicht lese und verstehe.
Daß ich vornan sitz‘ in dem Schiff,
Das hat fürwahr besondern Griff;
Ohn Ursach ist das nicht gekommen:
Auf Bücher stellte ich mein Frommen,
Von Büchern hab‘ ich großen Hort,
Versteh‘ ich gleich drin wenig Wort‘,
So halt‘ ich sie doch hoch in Ehren:
Es darf sie keine Flieg‘ versehren.
Wo man von Künsten reden thut,
Sprech‘ ich: »Daheim hab‘ ich sie gut!«
Denn es genügt schon meinem Sinn,
Wenn ich umringt von Büchern bin.
Von Ptolemäus wird erzählt,
Er hatte die Bücher der ganzen Welt
Und hielt das für den größten Schatz,
Doch manches füllte nur den Platz,
Er zog daraus sich keine Lehr‘.
Ich hab‘ viel Bücher gleich wie er
Und les‘ doch herzlich wenig drin.
Zerbrechen sollt‘ ich mir den Sinn,
Und mir mit Lernen machen Last?
Wer viel studirt, wird ein Phantast!
Ich gleiche sonst doch einem Herrn
Und lohne einem, der für mich lern‘!
Wenn ich auch habe groben Sinn
Und einmal bei Gelehrten bin,
Kann ich doch sprechen: »Ita! – So!«
Des deutschen Ordens bin ich froh,
Dieweil ich wenig weiß Latein.
Ich weiß, dass vinum heißet »Wein,«
Gucklus, ein Gauch, stultus, ein Thor,
Und dass ich heiß‘: »domine doctor!«
Die Ohren sind verborgen mir,
Sonst säh‘ man bald des Müllers Thier.

(Sebastian Brant, Das Narrenschyff, Basel 1494.

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Hegel: Leere Blätter

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Hegel: Leere Blätter

In der berühmten Einleitung zu den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte bemerkt der große Realist Georg Wilhelm Friedrich Hegel:

„Glücklich ist derjenige, welcher sein Dasein seinem besonderen Charakter, Wollen und Willkür angemessen hat und so in seinem Dasein sich selbst genießt. Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr; denn sie sind Perioden der Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes.“

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Kleist: Ich

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Kleist: Ich

Merkur: Halt dort! Wer geht dort?
Sosias: Ich.
Merkur: Was für ein Ich?
Sosias: Meins mit Verlaub…

(H.v.Kleist, Amphitryon I,2)

Aus der Verwechslung von deiktischen Ausdrücken wie „ich“, „du“, „wir“ „hier“ oder „dort“ mit vermeintlichen Nominativen „Ich“, „Du“, „Wir“ ergeben sich nicht nur allerhand dramatische Verwicklungen, sondern auch kuriose philosophische, politische oder psychologische Theorien, über die Jahrhunderte lang trefflich gestritten werden kann.

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Unregierbarkeit?

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Unregierbarkeit?

Gegeben sei der hypothetische, geradezu fiktive, aber nicht ganz unwahrscheinliche Wahlausgang, wonach nur zwei Konstellationen eine Mehrheitsregierung bilden können: 1. CDU-FDP-Grüne (Jamaika) oder 2. CDU-SPD (GroKo). Nun läßt der SPD-Parteivorstand wie angekündigt die Mitglieder zur GroKo befragen, und diese lehnen mit knapper Mehrheit (50.1.%) eine Fortsetzung von GroKo ab. Gut innerparteidemokratisch folgt der SPD-Parteivorstand diesem Votum, obwohl Merkel Angebote macht (2 SPD-Vizekanzler, 2 SPD-Außenminister, gleich viele Ministerien, Sondergratifikation für Koalitionsskeptiker etc.), die man bei Verstand kaum ablehnen kann. Trotzdem, GroKo findet nicht statt, auch aus „gesamtstaatlicher Verantwortung“ nicht. Bleibt Jamaika: auch hier überproportionale und unverdiente Angebote an die kleinste Partei der Grünen (insbesondere an die alte FDJ-Genossin G-Eckardt, die zweite Vizekanzlerin werden soll ), die Mehrheit der abstimmenden grünen Mitglieder (unter revitalisierter Führung von Altleninist Trittin) ist dagegen. Da sagt dann auch die FDP, für eine Minderheitskoalition allein mit der CDU stehe sie nicht zur Verfügung. Also: Merkel steht alleine da, keiner will (was letztlich völlig unwahrscheinlich ist, weil alle wissen: „Opposition ist Mist“ und „Prinzipien sind relativ“). Aber mal angenommen, Merkel steht alleine da. Eine Minderheitskoalition mit Duldung traut sie sich nicht. Nachhausegehen will sie auch nicht. Bleiben Neuwahlen, das Ganze von vorn. Und da sind allüberall im Lande die Wehklagen, ach Gott, das Land ist unregierbar, wenn´s mal keine satte Mehrheit gibt. Neuwahlen: Die SPD verliert weiter, sagen wir 19,98%, weil die Mehrheit der Bevölkerung keine SPD wählen will, die nicht regieren will. AfD (Morgenluft witternd) erreicht dafür 16,59%. Da müssen dann „ruckmäßig“ alle Demokraten in antifaschistischer Einheitsfront zusammenhalten: CDU-SPD-FDP-Grüne, unter Duldung der Linken. Das ist keine GroKo, sondern eine ÜgroKo (Übergroße Koalition).  Das ist der Zustand der totalen Regierbarkeit – der i.ü. auch mit der GroKo fast schon erreicht ist. Merkels großer Traum: Endlich mal richtig „durchregieren“, „retten“, was alles so zu retten ist. Und der seniorale Bürger freut sich: Endlich sind sie sich mal alle einig, nicht immer dieser ewige Streit. So sorgt die AfD letztlich dafür, daß das Land total regierbar wird. Aber, wie gesagt, das ist alles hypothetisch, fiktiv, Koalitionssatzleserei.

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Diderot über Mohammed

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Denis Diderot über Mohammed

„On peut regarder Mahomet comme le plus grand ennemi que la raison humaine ait eu.“

(Histoire générale des dogmes et opinions philosophiques: Depuis les plus anciens temps jusqu’à nos jours. Tirée du Dictionnaire encyclopédique, des arts & des sciences, Band 3. London 1769. S. 128)

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Metempsychosis

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Wolfgang Sofsky
Metempsychosis

Auf dem Erdball sind einige Ethnien und Religionen verbreitet, in denen Menschen der Idee der Transmigration der Seele anhängen. Ehrwürdige Philosophen, aber auch Schamanen und Geisterheiler glauben an Seelenwanderungen. Diese „Theorien“ sind um keinen Deut schlechter oder besser als“ Theorien“ von der definitiven Seelenunsterblichkeit in irgendeinem himmlischen oder höllischen Jenseits. Ihre Geltung ist gleichermaßen Null. Bei der Rekonstruktion solcher Ideen stellen sich indes eine Reihe interessanter Fragen. Wird ein jeder wiedergeboren oder nur ein paar Auserwählte? Wird die Seele in menschliches oder tierisches Leben hinein wiedergeboren oder auch in pflanzliches? Kann die Seele auch in leblose Materie einfahren, in Stein, Sand, Feuer und Wasser? Gibt es eine vorbestimmte Zahl von Wiedergeburten, ist es ein endloser Zyklus? Gibt es einen Ausweg aus der ewigen Wanderschaft? Welche Karriere simmt die Seele? Bleibt das Niveau der Wiedergeburten gleich, gibt es einen Niedergang von einem ursprünglich seligen Zustand oder einen Aufstieg zu seligeren Zuständen? Gibt es, früher oder später, eine Rückkehr in einen ursprünglichen Körper? Was genau ist unterwegs, die gesamte Seele, die für Geist, Bewußtsein und Handeln verantwortlich ist? Oder sind es nur Seelenteile, oder ist es der persönliche daimon, der keine Seele ist, oder ist es ein Bild des Lebens, das schläft, während wir wach sind und unsere Seele aktiv ist (so Pindar)? Vielerlei Fragen mithin, die sich naturgemäß nicht beantworten lassen, die aber hilfreich sind, um zu beantworten, was mit Wiedergeburt, Seelenwanderung etc. jeweils gemeint ist.

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Lili Kraus spielt Mozart KV 333

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Wolfgang Sofsky
Lili Kraus spielt Mozart KV 333

Zu den wenigen famosen Mozart-Spielern (neben Haskil, A.Fischer, Casadesus, Anda, Gieseking etc.) des 20.Jahrhunderts gehört Lili Kraus, Schülerin von Kodaly, Bartok und Arthur Schnabel, vor den Nazis geflohen, in Java von den japanischen Besatzern drei Jahre eingesperrt, was ihr teilweise die Hände ruinierte, nach 1945 in Australien in 120 Konzerten erneut das Klavierspiel lernend, lebte in Kapstadt, Paris, Wien und Nizza, Konzerte weltweit, in Deutschland kaum bekannt (vom Klavierpapst J.Kaiser nicht einmal erwähnt). Sie spielt den 1.Satz von Mozarts B-Dur Sonate KV 333 zügig, nuanciert und unverzärtelt, das Grazioso des Rondosatzes jedoch tatsächlich als Allegretto und nicht wie viele andere als verhetztes Allegro:

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Berufung zur Politik

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Wolfgang Sofsky
Berufung zur Politik

Warum beschließen Menschen, Politiker zu werden? Manche wollen berühmt werden, andere wollen nur bekannt werden. Dritte wollen ihren Zeitgenossen Vorschriften machen oder sie in ihrem Inneren verbessern. Vierte wollen die „Verhältnisse“ verbessern oder die „Verhältnisse“ vor Verbesserern bewahren. Fünfte wollen Geld verdienen und Kontakte gewinnen, mit denen sich noch mehr Geld verdienen läßt. Die Sechsten wollen endlich mal ins Fernsehen oder ein Amt innehaben. Die Siebten haben nichts gelernt und denken, Politik kann jeder. Achte denken, Politik kann jeder lernen, auch wenn man sonst nichts gelernt hat. Die Neunten langweilen sich und denken, in der Politik sei immer was los. Die Zehnten denken, in der Politik könne man immer etwas los machen und junge Männer und Frauen auf die Straße oder in den Krieg schicken. Die Elften möchten, daß es ihren Kindern und Kindeskindern mal besser ergehen soll, d.h. diese sollen dann nicht in die Politik gehen müssen. Die Zwölften denken, daß es den Alten nicht schlechter ergehen soll, weil sie selbst mal alt werden. Die 13. wollen endlich mal in die Hauptstadt, ohne die Fahrt bezahlen zu müssen. Die 14. wollen endlich mal einen Chauffeur. Die 15. wollen, daß alle mit dem Fahrrad fahren müssen. Die 16. denken, was die können, kann ich schon lange. Die 17. denken, was die nicht können, kann ich viel besser. Die 18. möchten nicht so oft zuhause herumsitzen. Die 19. möchten kostenlos durch die Welt reisen und immer von einem Botschafter empfangen werden. Die 20. möchten, daß sich alle mit ihnen beschäftigen. Die 21. möchten auch mal aufs Gruppenfoto. Man sieht, die Motive zum Beruf des Politikers sind zahllos. Aber da die Gründe alle dürftig sind, reden sie alle, so verschieden ihre Gründe sind, von „Verantwortung“, vom „Dienst am Gemeinwesen“, von der „Verbesserung der Welt“, zumindest der „Umwelt“. Man muß diesen Schwindel von links bis rechts nicht glauben.  Aber wer sich vergegenwärtigt, wie banal die Gründe zuletzt sind, sieht keinen Anlaß, Politikern irgendwelche Vorrechte, Vorteile oder Verdienste zuzubilligen. Was bliebe den Menschen alles erspart, hätte nur niemand die Chance, überhaupt Politiker zu werden?

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George Orwell: „Die Luft der Gleichheit“

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Wolfgang Sofsky
George Orwell: „Die Luft der Gleichheit“

George Orwell gehörte zu den westeuropäischen Intellektuellen, die 1936 nach Spanien eilten, um für die Republik zu kämpfen. An der Front von Aragon hielt er sich fast vier Monate in der Volksmiliz auf. Sein 1938 erschienenes Buch „Homage to Catalonia“ berichtet über den „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“, als Anfang Mai 1937 Kommunisten und Bereitschaftspolizei unter Anleitung sowjetischer Politkommissare in Barcelona eine Hexenjagd auf Sozialrevolutionäre, Trotzkisten und Anarchisten veranstalteten und Hunderte liquidierten. Aus seiner Zeit im Stellungskrieg an der Aragon-Front erzählt Orwell vom temporären Zustand der Anarchie unter Gleichen, eine befristete Erfahrung, welche jedoch die Faszinationskraft der Utopie von sozialer Egalität plausibel macht. Die sozialistische Propaganda beutet diese seltene Erfahrung aus, erhebt sie zum utopischen Wunschbild und planiert dabei den Unterschied zwischen befristeter Kommunität und dauerhafter Gesellschaft. Die Luft der Gleichheit ist flüchtig, aber es gibt sie.

„Als wir auf Urlaub gingen, war ich hundertfünfzehn Tage an der Front gewesen, und damals schien dieser Zeitraum einer der nutzlosesten meines ganzen Lebens gewesen zu sein. Ich war in die Miliz eingetreten, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Ich hatte jedoch kaum gekämpft, sondern nur wie ein passives Objekt existiert. Ich tat nichts als Gegenleistung für meine Rationen, außer daß ich unter der Kälte und dem Mangel an Schlaf litt. Das ist aber vielleicht in den meisten Kriegen das Schicksal der Mehrzahl der Soldaten. Wenn ich jedoch heute diese ganze Zeit rückblickend betrachte, bedauere ich sie nicht vollständig. Ich wünschte allerdings, ich hätte der spanischen Regierung etwas

wirkungsvoller dienen können. Aber von meinem persönlichen Gesichtspunkt, das heißt von dem Gesichtspunkt meiner persönlichen Entwicklung her gesehen, waren die ersten drei oder vier Monate, die ich an der Front verbrachte, weniger nutzlos, als ich dachte. Sie waren eine Art Interregnum in meinem Leben, völlig unterschieden von allem, was vorausgegangen war und was vielleicht auch noch kommen sollte. Diese Zeit lehrte mich Dinge, die ich auf keine andere Weise hätte lernen können.

Der wesentlichste Punkt bestand darin, daß ich während dieser ganzen Zeit isoliert war — denn an der Front war man fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten: selbst von dem, was sich in Barcelona ereignete, hatte man nur eine verschwommene Vorstellung, und das unter Leuten, die man etwas verallgemeinert und doch nicht zu ungenau als Revolutionäre bezeichnen konnte. Das war das Ergebnis des Milizsystems, das vor 1937 an der aragonischen Front nicht grundlegend geändert wurde. Die Arbeitermiliz, die auf den Gewerkschaften aufbaute und sich aus Leuten von ungefähr der gleichen politischen Meinung zusammensetzte, bewirkte, daß an einer Stelle die intensivsten revolutionären Gefühle des ganzen Landes zusammenkamen. Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewußtsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht vollständig aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, daß man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, daß die geistige Atmosphäre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens — Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boß und so weiter — hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn über sich. Natürlich konnte dieser Zustand nicht andauern. Es war einfach ein zeitlich und örtlich begrenzter Abschnitt in einem gewaltigen Spiel, das augenblicklich auf der ganzen Erdoberfläche gespielt wird. Aber es dauerte lange genug, um jeden, der es erlebte, zu beeindrucken. Wie sehr damals auch geflucht wurde, später erkannte jeder, daß er mit etwas Fremdem und Wertvollem in Berührung gewesen war. Man hatte in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Hoffnung normaler war als die Gleichgültigkeit oder der Zynismus, wo das Wort Kamerad für Kameradschaft stand und nicht, wie in den meisten Ländern, für Schwindel. Man hatte die Luft der Gleichheit eingeatmet. Ich weiß sehr genau, wie es heute zum guten Ton gehört zu verleugnen, daß der Sozialismus etwas mit Gleichheit zu tun hat. In jedem Land der Welt ist ein ungeheurer Schwarm Parteibonzen und schlauer, kleiner Professoren beschäftigt zu „beweisen“, daß Sozialismus nichts anderes bedeutet als planwirtschaftlicher Staatskapitalismus, in dem das Motiv des Raffens erhalten bleibt. Aber zum Glück gibt es daneben auch eine Version des Sozialismus, die sich hiervon gewaltig unterscheidet. Die Idee der Gleichheit zieht den normalen Menschen zum Sozialismus hin. Diese „Mystik“ des Sozialismus läßt ihn sogar seine Haut dafür riskieren. Für die große Mehrheit der Menschen bedeutet der Sozialismus die klassenlose Gesellschaft, oder er bedeutet ihnen überhaupt nichts. Unter diesem Gesichtspunkt aber waren die wenigen Monate in der Miliz wertvoll für mich. Denn solange die spanischen Milizen sich hielten, waren sie gewissermaßen der Mikrokosmos einer klassenlosen Gesellschaft. In dieser Gemeinschaft, in der keiner hinter dem Geld herrannte, wo alles knapp war, es aber keine Privilegien und kein Speichellecken mehr gab, fand man vielleicht in groben Umrissen eine Vorschau davon, wie die ersten Schritte des Sozialismus aussehen könnten. Statt mir meine Illusionen zu rauben, fesselte mich dieser Zustand. Die Folge war, daß ich noch viel stärker als vorher wünschte, der Sozialismus möge verwirklicht werden. Teilweise kam das daher, weil ich das Glück gehabt hatte, unter Spaniern zu leben. Mit ihrer angeborenen Anständigkeit und ihrem immer gegenwärtigen anarchistischen Gefühl würden sie selbst die ersten Stadien des Sozialismus erträglicher machen, wenn man ihnen nur eine Chance gäbe.“

© W.Sofsky 2017

Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

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Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

Vierzehn Monate saß Erich Mühsam in den Zuchthäusern (Plötzensee, Brandenburg) und KZs (Sonnenburg, Oranienburg) der Nationalsozialisten in „Schutzhaft“, dann brachte ihn die SS in der Nacht des 10. Juli 1934 um. Sie schlugen ihn, injizierten ihm Gift, legten ihm eine Schlinge um den Hals und hängten ihn in der Latrine auf. Eine Woche zuvor war Theodor Eicke, der spätere Erfinder des Dachauer KZ-Modells und Generalinspekteur aller Lager, mit 150 SS-Leuten angerückt und hatte die SA-Wachleute entwaffnet. Drei Tage später wurde das KZ in der Alten Brauerei von Oranienburg aufgelöst, die überlebenden Häftlinge brachte man nach Lichtenburg.

Erich Mühsam war, neben Ernst Toller, Ernst Niekisch und seinem „Lebensfreund“ Gustav Landauer, eine der Leitfiguren der Münchener Novemberrevolution und Räterepublik, wofür man ihn zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilte. Nach knapp sechs Jahren wurde zu Weihnachten 1924 im Rahmen einer Generalamnestie freigelassen. Schon im März 1918 hatte man ihn wegen Streikaufrufen in Traunstein eingesperrt, nach wenigen Wochen aber wieder entlassen. 1915 saß er wegen Kriegsdienstverweigerung ein halbes Jahr im Zuchthaus. Und schon im Februar 1910 hatte man ihn wegen „Geheimbündelei“ kurzzeitig festgesetzt und angeklagt, später jedoch freigesprochen.

Ein alleseits „rebellisches Subjekt“ war Erich Mühsam, Literat, Anarchist, Kritiker der Sozialdemokratie, später auch der USPD und KPD, aus der er nach wenigen Wochen wieder austrat, aber auch der „Föderation kommunistischer Anarchisten“, die ihn 1925 ausschloß – wegen angeblicher Nähe zur KPD. 1931 entfernte ihn der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ aus seiner Mitgliederkartei, wegen Verletzung der „Überparteilichkeit“. Gegner und Feinde hatte Mühsam zuhauf, bei Linken wie Rechten, aber er hatte auch Freunde, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Frank Wedekind oder Erwin Piscator, in dessen Berliner Bühnenbeirat er 1927 saß. Unermüdlich organisierte er die Opposition gegen die Autorität, gegen das Kapital, den Staat, den Krieg, gegen linken Konformismus und gegen die Nazi-Bewegung. Ebenso unermüdlich schrieb er: Satiren, Kampflyrik, Gedichte, Abhandlungen, Manifeste, Tagebücher, Memoiren, Dramen, darunter das Dokumentarstück für die Piscator-Bühne: „Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti“. Wenn niemand ihn drucken wollte, gab er seine Schriften selbst heraus. 1911-14 und 1918/19 war er Alleinautor der Monatsschrift „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“, von 1926 bis 1931 des Monatsmagazins „Fanal“, in dem er den Niedergang der Weimarer Republik analysierte.

Mühsam soll ein freundlicher, wenngleich etwas aufgeregter Zeitgenosse gewesen sein. Ein Antipode mit gewissen Sympathien für anarchische und allerdings (national)revolutionäre Gedanken, Ernst Jünger, schilderte im Rückblick eine Begegnung um 1930 in seinem Kriegstagebuch „Strahlungen II“: „Mühsam lernte ich bei Ernst Niekisch kennen, den ich häufig aufsuchte. Ich glaube, auch Toller war an jenem Abend dabei. Sie kannten sich aus der Zeit der Münchener Räterepublik, mit der sich die Linke eine ähnliche Absurdität wie später die Rechte mit dem Kapp-Putsch leistete. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, Mühsam begleitete mich auf dem Heimwege. Er war Bohemien vom Schlage Peter Hilles, weltfremder Anarchist, verworren, kindlich-gutmütig… Er redete in flatterndem Mantel wild, beinahe schreiend auf mich ein, so daß sich die Passanten nach der seltsamen Erscheinung umwandten, die an einen großen unbeholfenen Vogel erinnerte. Wir tauschten einige Briefe, bis kurz vor seiner Verhaftung; schreckliche Gerüchte sickerten bald über sein Schicksal durch… Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“

Die Neigung zur Bohème war beiden Autoren gemeinsam. Aber der Chemikersohn Jünger spielte im Berlin der 20er Jahre eher mit dieser Existenzform, während der Apothekersohn Mühsam viele Jahre in der Schwabinger Bohème verbracht hatte. Er wußte, daß diese Lebensform kein Spaß ist, daß sie aber einen Vorzug hat, und zwar über alle Klassen- und Standesschranken hinweg: die Freiheit.

„Meine eigene Lebensführung entsprach so wenig den Anforderungen grundsatzfester Zeitgenossen an geregelte Ausgeglichenheit, daß das Bestreben, mich doch wie jeden Menschen irgendwo einzuordnen, nur durch die Etikettierung als Bohemien erreicht werden konnte. Die mit dieser Bezeichnung verbundenen Assoziationen werden gemeinhin von Murgers Zigeunerleben und Puccinis Oper hergeleitet, wo materielle Kalamitäten so lange mit leichtsinnigen Scherzen verpflastert werden, bis die Kunstjünger arrivieren und die Kapitulation vor sittenstrammer Moral und staatsbürgerlicher Korrektheit vollziehen. Man braucht nur an die ganz großen Bohemenaturen der Weltliteratur, etwa an Li Tai Pe oder François Villon, zu erinnern, um die Seichtigkeit solcher Vorstellungen zu zeigen. Ich habe gewiß viele recht vergnügte Stunden in Gesellschaft künstlerischer Menschen verlebt, und wir haben uns gewiß, wenn kein Geld da war, mit allerlei gewagten Mitteln zu helfen gesucht, weniger, um uns zu amüsieren, als um in häufig schlimmster Not unsere Kameradenpflicht zu erfüllen, aber daß das sozusagen organisierte Bummeln den Lebensinhalt geistig bewegter Persönlichkeiten ausgemacht hätte, dafür habe ich kein Beispiel gefunden. Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium für die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen.

Stimmt die Definition, dann habe ich nichts gegen meine Charakterisierung als Bohemien einzuwenden, dann ist aber auch klar, daß Boheme eine angeborene Eigenschaft von Menschen ist, die sich dadurch nicht ändert, daß der Freiheitswille nicht auf die Führung des eigenen Lebens in größtmöglicher Ungebundenheit beschränkt bleibt, sondern sich in Arbeit für die soziale Befreiung aller umsetzt. Bewußt oder geahnt – der Rebellentrotz der Fronde war bei all den Bohemenaturen lebendig, die nur je meinen Weg gekreuzt haben, ob sie sich aus dumpfen Proletarierkreisen, aus bigottischer Kleinbürgeratmosphäre, aus behütetem Bürgerwohlstand oder aus dem Museumsstaub adliger Herrenschlösser zur Freiheit der Künste und zur Geselligkeit auf sich selbst gestellter Menschen geflüchtet hatten“ (E.Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1927).

Wie jeder Anarchist, der den diesen Ehrennamen verdient, hatte Mühsam die Aversion gegen jedwede Macht im Leib. Er träumte von ursprünglicher Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft auf Wechselseitigkeit, doch bedeutsamer als die Träume ist die kompromißlose Kritik der Macht, einschließlich der demokratischen Herrschaftsform. Vergesellschaftung des Staates, Beseitigung der Zentralmacht, Selbstverfügung in Gesellschaft, dies gehörte zu Mühsams Leitideen. Seine letzte Schrift von Anfang 1933, erschienen in einer letzten Sondernummer von „Fanal“, handelt von der „Befreiung des Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?“ In diesem Vermächtnis findet sich auch eine, weiterhin aktuelle Passage zur Kritik der Demokratie. :

„Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder, um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen. Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden. Hierbei spielt die Regierungsform nicht die geringste Rolle. Monarchie, Demokratie, Diktatur stellen als Staatsarten nur verschiedene Möglichkeiten im Verfahren der zentralistischen Menschenbeherrschung dar. Wenn die Demokratie sich darauf beruft, daß sie dem Volksganzen die Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung mit gleichem Stimmrecht für alle gewährt, so ist daran zu erinnern, daß gleiches Stimmrecht nichts mit gleichem Recht zu tun hat und daß die Aussonderung von Abgeordneten eben die Beteiligung der Aussondernden an der Verwaltung verhindert und ihre Vertretung durch einander ablösende Machthaber bedeutet. Wo es Vorrechte des Besitzes gibt, kann kein formales Gleichsetzen von Stimmen wirkliche Gleichheit schaffen, ebensowenig wo die Selbstbestimmung der Menschen sich durch Verleihung von Macht ablösen läßt. Macht beruht immer auf wirtschaftlicher Ueberlegenheit, und die Abschaffung wirtschaftlicher Ueberlegenheit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Macht bewirkt unter allen Umständen das Bestreben derer, die über die Macht verfügen, sie durch Neugewinnung wirtschaftlicher Ueberlegenheit zu sichern. Jeder auch nur zeitweilige Gesetzgeber, sei er Landesoberster, Minister oder Parlamentarier, fühlt sich über diejenigen, denen er Vorschriften machen darf, emporgehoben, wird also, auch wenn er es vorher nicht war, Sachwalter einer vom Ganzen gelösten Oberschicht mit anderen, gesteigerten Bedürfnissen und Lebenszielen, hört auf, der Klasse anzugehören, die sich nach den Gesetzen und Vorschriften zu richten hat. Das zeigt sich schon bei den zentralistisch organisierten Arbeitervereinigungen. Hier wird eine beamtete Führerschaft mit dem Vorrecht ausgestattet, die Richtlinien für das Verhalten und die Verpflichtungen der übrigen zu bestimmen, es entsteht Befehlsgewalt, Obrigkeit, Macht. Dadurch entsteht weiterhin eine grundsätzliche Scheidung der Interessen mit der Folge, daß der Kopf der Organisation ein Eigenleben gegenüber den Gliedern führt und daß die Verwaltung der Organisation Selbstzweck wird und stets seine Bedürfnisse wichtiger nimmt als die Aufgaben, derentwegen die Organisation geschaffen wurde.

Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihrer Handlungen zugrunde zu legen. Menschen und gesellschaftlich lebenden Tieren ist das Machtstreben nicht angeboren. Erst jahrtausendelange Gewöhnung an Vorrecht und Entrechtung hat die Menschen, nur sie, zu dem Glauben gebracht, es sei in ihrer Natur bedingt, daß der Wettstreit um den Platz an der Sonnenseite des Daseins in der Form von Machtkämpfen geführt werden müsse. Gerade aber erst die Machtkämpfe haben mit der Spaltung des Menschengeschlechts in Herrschende und Beherrschte verursacht, daß es eine Sonnenseite und eine Schattenseite des Lebens gibt. Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist. Wer nach Macht strebt, kann sein Ziel nur erreichen, indem er andere ohnmächtig macht.“

© W.Sofsky 2017

Lügen in Politik und Religion

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Wolfgang Sofsky
Lügen in Politik und Religion

Die Rhetorik der demokratischen und religiösen Propaganda ist in der Regel keine gezielte Manipulation, keine willentliche Täuschung, keine Lüge, die das Publikum für dumm verkauft. Auf den korrupten Mandatsträger, den machtgierigen Minister oder hinterlistigen Kanzelprediger kommt es nicht an. Diese Kritik der Politik und Religion greift entschieden zu kurz. Politik, Presse oder Propheten notorische Lügen vorzuhalten, verfehlt den Sachverhalt. Diese Kritik denkt lediglich nach dem Modell des Priesterbetrugs: der Politiker/Prediger/Journalist ein frömmelnder Hochstapler, ein Blender und Beutelschneider, ein zynischer Falschspieler, der das ahnungslose, abergläubische Publikum hinters Licht führt. Davon kann in der Mehrzahl der Fälle keine Rede sein. Viele Redner/Schreiber bemühen sich wirklich um das, was sie für die Interessen aller halten, sie arbeiten hart, und sie glauben in der Tat an das, was sie sagen. Wer lügt, kennt die Wahrheit und sagt willentlich die Unwahrheit. Keine Lüge ohne das Bewußtsein der Lüge. Von den hier genannten Subjekten indes gilt: Sie hintergehen das Publikum, aber sie merken nicht, daß sie es hintergehen. Sie betrügen sich selbst, erkennen aber ihren Selbstbetrug nicht. Sie meinen, für andere zu sprechen, aber sie sprechen nur für sich selbst. In gutem Glauben halten sie sich selbst für jemand anderen, als sie wirklich sind. Ihr Gerede entpringt  nicht dem trüben Gehirnen zynischer Demagogen, ihre Moralpredigten, ihr Wertegeschwafel, ihr hoher Ton entspringt ihrer selbstgesetzten Mission. Ohne den unbedingten Willen zum Selbstbetrug ist ihr sozialer Betrug unmöglich. Zu Arglist und Tücke fehlt ihnen die Distanz, zu sich und zur Sache. Zum wahren Betrug fehlt ihnen die Boshaftigkeit. In Nietzsches unübertroffener Diagnose (Menschliches, Allzumenschliches I,52):

„Bei allen großen Betrügern ist ein Vorgang bemerkenswert, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Akt des Betrugs, unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der wirkungsvollen Szenerie überkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es dann, der dann so wundergleich und bezwingend zu denUmgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen großen Betrügern, daß sie aus diesem Zustand der Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher zuschiebend. Selbstbetrug muß da sein, damit diese und jene großartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird“.

© W.Sofsky 2017

Halbierte Aufklärung oder Vom Sinn religiöser Toleranz

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Wolfgang Sofsky
Halbierte Aufklärung oder Vom Sinn religiöser Toleranz

In vielen deutschen Schulen und Akademien glaubt man, ein Subjekt sei schon ziemlich aufgeklärt, wenn es gelegentlich – ohne fremdes Zutun und ohne fremde Anweisung – seinen Verstand bzw. das, was es dafür halte, benutze und wenn es eindringlich und voll stolzer Mündigkeit wie jedermann dafür plädiere, daß jeder den religiösen Irrsinn des anderen getreulich tolerieren möge, da schließlich alle Subjekte gleich nah bei Gott seien. Als noch „aufgeklärter“ gilt ein Subjekt, wenn es sich dafür einsetzt, daß jede Religion im Staat vertreten sein solle, und wenn es davor warnt, es mit der Kritik  zu übertreiben, da jede Aufklärung bekanntlich auch ihre Schattenseiten habe („Dialektik“!), zumal man letztlich sowieso nichts wissen, sondern nur glauben oder meinen könne, weswegen es ja auch so viele „falsche Wahrheiten“ gebe. Als besonders „aufgeklärt“ indes gilt unter seinesgleichen ein Subjekt, das die Meinung vertritt, es gebe gar keine Wahrheiten, Tatsachen oder Erkenntnisse, sondern nur irgendwelche Vorstellungen oder „Konstruktionen“, was gelegentlich dazu führt, daß ein derart „aufgeklärtes“ Subjekt beim Auftreffen seines Kopfes an der Betonwand sich ein wenig darüber wundert, daß die Konstruktion der Betonwand etwas härter zu sein scheint als die Konstruktionen in seinem Kopf.

Mit der Religion hält es das halbaufgeklärte Subjekt so, daß zwar jeder seine Götter anbeten möge, es aber konstruktiv doch wohl so sei, daß man zuletzt zwar nichts beweisen könne, auch das Gegenteil nicht, daß aber jenseits der schnöden materiellen und symbolischen Welt noch irgendetwas anderes sei, ja, sein müsse, eine transzendente Sphäre sozusagen, weil ja die Welt, so wie sie nun einmal sei, doch nur eine recht profane Angelegenheit sei, was unmöglich alles (gewesen) sein könne, schließlich müsse sich irgendjemand das Ganze ausgedacht haben und das Nichts mit dem Etwas aufgefüllt haben, ein genialer Mikro-, Makrophysiker vermutlich, der damals schon alle Gesetze verstanden habe, die er gerade erfunden hatte und die heutige Menschengeister erst mühsam per Experiment und allerlei Rechenkünsten entdecken müßten. Auch die Entwicklung der Arten hätte jener damals schon geplant, hunderttausende Arten ruckzuck in eineinhalb Tagen entworfen und auch umgehend festgelegt, wo sich welche Art ansiedeln und wo im Kosmos nur leere Wüstenei herrschen solle, wobei jenes Schöpfungssubjekt wohl entweder eine gewisse Vorliebe für öde Ländereien hatte oder einfach die anderen Sterne und Planeten bei der Verteilung der Elemente und Organismen vergessen habe, so daß die Erdenbewohner, die ja schließlich den Mittelpunkt der Welt einnehmen würden, sich weder Sorgen noch Hoffnungen machen müßten, irgendwo im All, das sich ja bekanntlich, wie ruckzuck geplant, immer weiter ausdehne, jemanden zu treffen, mit dem er reden oder Faxen machen könne, schließlich sei das Subjekt, das derlei ersonnen habe, doch ziemlich einzig auf der Welt, zumal es schon da gewesen sei, bevor überhaupt etwas da gewesen sei, auch wenn es in plötzlichem Zorne mal seinen Verstand vergessen und alles vernichten könne, zumal dann, wenn es um vermeintlich letzte Fragen ginge, um die Frage nach Alpha und Omega, Anfang und Ende, nicht zuletzt um das Finale seines sinnlosen Werks, seines nicht minder sinnlosen Plans oder aber eines sinnlosen Gedankens oder eines nicht minder sinnlosen und obendrein jeder Grammatik entbehrenden Satzes.

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Religionsterror

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Religionsterror

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Schillers erste historische Schrift (1788) befaßt sich mit dem Freiheitskampf der Niederlande gegen die spanische Tyrannis. Darin findet sich im ersten Buch auch eine Charakterisierung der spanischen Inquisition. Diese Institution der Glaubensreinigung, einst erfunden gegen Sarazenen, Synkretisten, Muslime, Juden und Ketzer, betrieben von Bettelmönchen, „einer Abart des menschlichen Namens, die die heiligen Triebe der Natur abgeschworen“ und sich zu „dienstbaren Kreaturen des römischen Stuhls“ hochgedient hat, um die Wurzeln alter Religionen „auszureuten“, diese Institution trug bereits totalitäre Züge. „Inquisition hat es gegeben, seitdem die Vernunft sich an das Heilige wagte, seitdem es Zweifler und Neuerer gab.“ Die spanische Inqusition indes zielte nicht nur gegen verrufene Praktiken, sondern gegen Gesinnungen, gegen die Tiefen der Seele. Sie gab das Vorbild für alle Einrichtungen moderner Art, die mittels  Befragung, Selbstkritik, Umerziehung, Tortur, Schauprozeß, Lager oder Exekution abweichende Gedanken, Gesinnungen, Gefühle auszutilgen sucht. In jede Verästelung der Seele treibt sie den Schrecken.

„Wollte die Kirche einen vollständigen Sieg über den feindlichen Gottesdienst feiern und ihre neue Eroberung vor jedem Rückfalle sicherstellen, so mußte sie den Grund selbst unterwühlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; sie mußte die ganze Form des sittlichen Charakters zerschlagen, an die er aufs innigste geheftet schien. In den verborgensten Tiefen der Seele mußte sie seine geheimen Wurzeln ablösen, alle seine Spuren im Kreise des häuslichen Lebens und in der Bürgerwelt auslöschen, jede Erinnerung an ihn absterben lassen und wo möglich selbst die Empfänglichkeit für seine Eindrücke töten. Vaterland und Familie, Gewissen und Ehre, die heiligen Gefühle der Gesellschaft und der Natur sind immer die ersten und nächsten, mit denen Religionen sich mischen, von denen sie Stärke empfangen und denen sie sie geben. Diese Verbindung mußte jetzt aufgelöst, von den heiligen Gefühlen der Natur mußte die alte Religion gewaltsam gerissen werden – und sollte es selbst die Heiligkeit dieser Empfindungen kosten, So wurde die Inquisition, die wir zum Unterschiede von den menschlicheren Gerichten, die ihren Namen führen, die spanische nennen. Sie hat den Kardinal Ximenes zum Stifter; ein Dominikanermönch, Torquemeda, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freiheit gefesselt. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glau-ben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am heiligsten achtet. Alle Ansprüche auf seine Gattung sind für einen Ketzer verscherzt; mit der leichtesten Untreue an der mütterlichen Kirche hat er sein Geschlecht ausgezogen. Ein bescheidner Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papsts wird geahndet wie Vatermord und schändet wie Sodomie; ihre Urteile gleichen den schrecklichen Fermenten der Pest, die den gesundesten Körper in schnelle Verwesung treiben. Selbst das Leblose, das einem Ketzer angehörte, ist verflucht; ihre Opfer kann kein Schicksal ihr unterschlagen; an Leichen und Gemälden werden ihre Sentenzen vollstreckt; und das Grab selbst ist keine Zuflucht vor ihrem entsetzlichen Arme.“

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

© WS 2018

Kritik der Religion

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Wolfgang Sofsky
Kritik der Religion.
Dankrede zur Verleihung des Holbach-Preises am 20.9.2015 in Edenkoben

Meine Damen und Herren,

HolbachWer als erster einen Preis zu tragen hat, der des Barons Holbach gedenkt, hat einen seltenen Vorteil. Er hat das erste Wort und entgeht der Gefahr zu wiederholen, was frühere Laureaten über den freundlichen Aufklärer mit dem bösen Blick gesagt haben. Ein unermüdlicher Streiter war Holbach, wider Vorurteile, Illusionen und Selbsttäuschungen aller Art. Er hielt sich an das, was wir wissen, und mißtraute allem, woran wir nur glauben. Die Welt war für ihn die Summe aller Tatsachen, der Steine, Tiere, Menschen, der Körper am Himmel und auf Erden. Während man sich in deutschen Landen meist um Werte, Gemüt und Gesinnung sorgt, widmete sich Holbach dem irdischen Leben. Zur Enzyklopädie seines Freundes Denis Diderot steuerte er nicht nur hunderte Artikel zur Chemie, Biologie oder Mineralogie bei. Von Holbach stammen auch kritische Beiträge zur Theokratie und politischen Repräsentation, zum Aberglauben und zu Religionen fremder Völker.

Für einen Realisten sind Götter und Geister keineswegs bedeutungslos. Im Gegenteil: Woran Menschen glauben, was sie erfinden oder sich einbilden, ist in seinen Folgen stets real, wenn nicht fatal. Die Mythen und Kultriten, die Verklärung sinnlosen Leidens, die Paradiesträume und Höllenängste sind geschichtsmächtige Tatsachen. Holbachs Themen, das sind neben den Materien der Natur die Wirklichkeit der Macht und Moral, vor allem jedoch der Religion.

Trotz Aufklärung, trotz Säkularisierung ist die Kritik der Religion niemals abgeschlossen. Mit dem Verdacht des Priesterbetrugs ist die Angelegenheit nicht erledigt. Nicht selten will der Betrogene selbst betrogen werden. Holbach wußte genau, daß sich Religionskritik nicht in Kirchen-, Sekten- oder Predigerkritik erschöpft. Die Doktrin, die Dogmen, die Götter sind zu entzaubern, als historische Begebenheiten, als systematische Irrtümer.

Schon die Idee eines allmächtigen Schöpfers ist, wie man weiß, eine logische Unmöglichkeit. Kann ein omnipotenter Gott einen Felsen erschaffen, den niemand bewegen kann, also auch er selbst nicht? Vermag er einen solchen Felsen nicht zu erschaffen, ist er nicht allmächtig. Vermag er einen solch schweren Felsen indes zu erschaffen, kann ihn aber nicht von der Stelle rücken, ist er ebenfalls nicht allmächtig. Kann sich ein großmächtiger Gott in einen Zustand der Ohnmacht versetzen, kann er sich selbst auslöschen? Wie soll ein toter Gott allmächtig sein? In Fragen der Gottesexistenz mag man unentschieden sein. Was die kardinalen Eigenschaften angeht, ist das Ergebnis eindeutig. Allmächtig kann ein Gott ebensowenig sein wie allwissend und allgut.

Woher aber rührt der tiefe Wunsch nach Frömmigkeit, nach Hörigkeit, nach absolutem Sinn? Götter sind meist eine Erfindung menschlicher Angst. Nichts scheint gräßlicher als die Aussicht, alsbald nicht mehr da zu sein. So leben die Toten als Geister fort. Die Idee der unsterblichen Seele, so Holbach, hat eine organische Ursache. Sie entspringt dem Trieb der Selbsterhaltung. „Dieser Wunsch verwandelte sich gar bald in Gewißheit; und darin, daß die Natur uns den Wunsch, immer fortzudauern, eingeprägt hatte, glaubte man einen hinlänglichen Beweis zu finden, daß der Mensch nie aufhören werde fortzudauern.“ Wie jeder Philosoph, der den Namen verdient, lehrt Holbach ein rechtes Verhältnis zum eigenen Ende: „Sterben ist nichts weiter als aufhören zu denken und zu empfinden, zu genießen und zu leiden. Deine Ideen werden mit dir untergehen, und deine Schmerzen dir nicht ins Grab folgen. Denke an deinen Tod, nicht um… deinen Trübsinn zu nähren, sondern dich zu gewöhnen, ihm mit ruhigen Augen entgegen zu sehen, und dich gegen die leeren Schrecken zu sichern, welche die Feinde deiner Ruhe dir einzuflößen bemüht sind.“

Holbachs Lebenswerk ist eine Schule der Atheisten. Sein Pariser Salon war Treffpunkt für die freien Geister seiner Zeit. Auf der Gästeliste finden sich Laurence Sterne und Adam Smith, der Abbé Galiani, Diderot, der Historiker Edward Gibbon, Benjamin Franklin. Als David Hume, der große schottische Skeptiker, das Gastmahl des Barons zum ersten Mal besuchte, war er über den ungewohnt freimütigen Ton leicht schockiert. Er saß neben dem Gastgeber, als er der Runde mitteilte, er glaube nicht an die Existenz von Atheisten, da er noch nie einen getroffen habe. Holbach erwiderte prompt: „Monsieur, zählen Sie, wie viele von uns hier sind.“ Achtzehn Gäste waren anwesend. „Es ist ein guter Anfang, Ihnen sofort fünfzehn zeigen zu können. Die anderen drei haben sich noch nicht entschieden.“

Auf Atheismus stand im spätabsolutistischen Frankreich die Peitsche, das Beil, die Galeere oder die Bastille. Der fleißige Autor Holbach veröffentlichte viele seiner Bücher ohne oder unter falschem Namen. Seine erste Schrift „Das entschleierte Christentum“ wurde zuerst in Nancy, dann im freien Amsterdam gedruckt. In Strohballen versteckt oder in Heringsfässern mit doppeltem Boden gelangten die Bücher nach Paris. Obwohl es in Paris damals wie in einer Kloake roch, dürfte manchem Leser im Untergrund die Lektüre ziemlich gestunken haben. Sein Hauptwerk, das „System der Natur“, dieses Kompendium für ein Leben jenseits von Ignoranz, Angst und Unmündigkeit, wurde in handlichen Teilbänden aus Amsterdam zurückgeschmuggelt. So konnte man sie leichter verstecken. Als Autor firmierte ein verstorbener Akademiker. Die Maske eines Toten bewahrte den Baron vor den Häschern des alten Regimes.

Man sage nicht, daß Atheisten heutzutage besser gelitten seien. 225 Jahre nach Holbachs Tod sind die Fanatiker mitten unter uns. Sie werden nicht weniger. Es genügen ein paar Zeichnungen, ein Roman oder unliebsame Blogeinträge, und der Autor riskiert tausend Stockschläge – von Staats wegen -, ein weltweites Todesurteil, ein Blutbad. Die Wut der Gotteshüter scheint grenzenlos. Sie fühlen ihren Propheten durch eine Karikatur beleidigt, und bemerken nichts von ihrer gotteslästerlichen Anmaßung. Götter können durch Bilder oder Worte unmöglich verunglimpft werden. Nur wer seine Götter zu Menschen degradiert hat, kann überhaupt auf die Idee kommen, ihnen beispringen, sie rächen zu müssen.

Fanatismus und Gewalt verkleistern die Risse des Halbglaubens. Nicht in Buchstabentreue, nicht in beflissenem Gehorsam, nicht im Mausoleum wohlfeilen Trosts liegt das Fundament des Glaubens, sondern im Geschmack fürs Unsichtbare, im Widerfahrnis dessen, was Gläubige in Momenten der Ergriffenheit, der Verzückung, der Ekstase oder Offenbarung als heilig erleben. All dies sind zwar unvernünftige mentale Zustände, aber es gibt sie, und sie bedürfen der Erhellung, der Aufklärung.

Wem aber die Evidenz des Heiligen nicht zuteil wurde, muß sich mit Frömmigkeiten aus zweiter Hand begnügen. Der Halbgläubige kennt keine Kompromisse, er ist notorisch beleidigt. Dringend benötigt er die Zeremonie, die Stütze die Autorität – oder die direkte Aktion, die Macht der Gewalt. Wer sich selbst nicht ganz glaubt, tötet die Ungläubigen, in den Banktürmen, in Redaktionsbüros, im Schnellzug. Blut und Schmerz bezeugen ihm den Besitz vermeintlicher Wahrheit. Die Tötungsmacht beweist den Gotteskriegern, einem allmächtigen Gott anzuhängen. Gewalt verschafft tatsächlich jene Allmacht, die sie ihrem Idol andichten. Sie ist eine Art praktischer Gottesbeweis. Die Todesschwadrone des Glaubens führen heilige Kriege, verschleppen Sklavinnen, sprengen uralte Tempel in die Luft. Abermillionen Tote, Verstümmelte, Vertriebene gehen auf das Konto der Religionen, nicht zuletzt die Millionen, die zur Zeit vor den Religionskriegen aus Afrika und Asien nach Europa fliehen.

Ein aufgeklärter Atheismus rechnet heute nicht mehr mit einem Siegeszug der Vernunft. Der selbständige Gebrauch der Vernunft ist nicht jedermanns Sache. Die Gier nach den Opiaten der Verheißung, Erbauung und Erlösung scheint unersättlich. Man kann reden, soviel man will. Man bläst auf erloschenen Kohlen, auf denen sich kein Fünkchen Verstand entzündet. Die Sehnsucht nach Illusionen und Despotie ist durch Wissen, Argumente, Gegenbeweise nicht aus der Welt zu schaffen. Von einem Dialog der Religionen darf man ohnehin nur die gegenseitige Anerkennung aller Irrwege erwarten. Umso bedeutsamer ist das Prinzip der Religionsfreiheit. Holbach hielt die Freiheit des Willens und Handelns für eine Kopfgeburt. Doch nicht jede Bedingung, unter denen Menschen handeln, ist eine kausale Ursache, ein Zwang. Die Welt ist voller Alternativen, auch wenn manche sich gerne weismachen lassen, es gebe sie nicht.

Was besagt die Freiheit der Religion? Ein jeder darf denken, was er will, glauben, was er will, beten, zu wem er will. Jeder darf sich seinen Torheiten verschreiben. Klugheit ist nicht geboten, Einfalt nicht verboten. Jeder darf Unglaubwürdiges glauben, darf sich der Schwärmerei hingeben, sich mit Gleichgesinnten zu Kultfeiern treffen. Wo immer er seine Seligkeit zu erlangen hofft, kein Weg ist ihm versperrt. Allerdings erleidet das Individuum auf Dauer Schaden, wenn es die Pflichten gegen sich selbst mißachtet. Wer sich in Unmündigkeit einrichtet, verliert seine Urteilskraft. Wer sich vor Göttern zu Boden wirft, ergibt sich, um es mit einem alten, auch von Kant benutzten Ausdruck zu sagen, der Kriecherei.

In der Öffentlichkeit ist es mit dem privaten Illusionsglück vorbei. Gottesbilder prallen aufeinander, werden beargwöhnt, verlacht. Der Anfechtungen sind viele. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Eintracht der Bekenntnisse. Sie ist ein unruhiges Terrain voller Kollisionen, Animositäten, Feindseligkeiten. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Niemand ist gehalten, einem frommen Ansinnen Glauben zu schenken und die Götter eines anderen zu verehren. Religionen sind nicht sakrosankt. Des einen Frömmigkeit ist dem anderen nichts als Bigotterie. Was der eine für heilig hält, ist für andere ein profaner Irrtum. Zum Schutz eines jeden heißt Freiheit der Religion zuallererst Freiheit von Religion.

Um den Religionskrieg zu beenden, hat der moderne Staat den Glauben zwar zur Privatsache erklärt. Dennoch strebt der Staat, dieser sterbliche Leviathan, selbst nach höheren Weihen. In Wahrheit ist seine Aufgabe höchst profan: Schutz der Freiheit und Sicherheit der Bürger. Hierzu hat er in Glaubensdingen neutral zu bleiben. Auf strikte Indifferenz hat er zu achten, in jeder öffentlichen Einrichtung. Bibel oder Koran sind als Lehrbücher nicht zugelassen. Die Schule ist die Schule der Nation, nicht der Religion.

Der gottlose Staat ist die Voraussetzung für religiöse Vielfalt – und Einfalt. Er bewahrt die Minderheiten vor der Hegemonie der Mehrheit, und er weist den Fanatismus in seine Schranken. Religionen wollen wachsen, wollen ihre Anhänger mehren, wollen sich die Erde untertan machen. Dieser imperialen Mission beugt der Staat vor. Indem er den Religionen die Waffen der Macht aus der Hand schlägt, schützt er die Strenggläubigen und die Ungläubigen, die Gleichgültigen, die Abtrünnigen, jene, denen das Hemd des Glaubens locker sitzt, und die Freigeister, die sich allein auf gottlose Vernunft stützen.

Der Baron starb im Januar 1789. Die Revolution stieß die Philosophen des Holbachschen Salons in den Strom des Vergessens. Sie waren für die Revolutionäre zu radikal. Die neue politische Religion, diese totalitäre Allianz von Tugend, Tod und Terror, hätte dem Seziermesser von Diderot und Holbach und ihren Freunden kaum standgehalten. Sie setzten auf Kritik, Wahrheit, Wissen, nicht auf Glauben und Gefühl, Macht und Mission. In Zeiten der Idole, der Eiferer, des korrekten Konformismus, des betulichen Kleinmuts bedarf es dringend radikaler Störenfriede. Sie streiten gegen jede Illusion, jede Macht.

© W.Sofsky 2015

Malatesta: Über die Regierung

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Wolfgang Sofsky
Malatesta: Über die Regierung

Errico Malatesta, der freundliche Anarchist, ist heute weithin unbekannt. Sein Leben glich einer Odyssee, überall suchte ihn die Polizei. Er lebte in Ancona, Ägypten, Genf, Rumänien, Paris, Florenz, Buenos Aires, auf der Haftinsel Lampedusa, in Malta, New Jersey und kehrte immer wieder nach London zurück. Als er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat reiste, sollen die Seeleute von Genua ihm zu Ehren die Arbeit eingestellt und alle im Hafen liegenden Schiffe ihre Sirenen betätigt haben. 1921 wurde er erneut verhaftet, mit einem Hungerstreik protestierte er gegen die Verzögerung seines Prozesses. Zwei Monate vor der faschistischen Machtübernahme ließ man ihn frei. Mussolini ließ den alten Mann – Malatesta war mittlerweile fast siebzig – ungeschoren. Er arbeitete in Rom als Elektriker, und so mancher römische Bourgeois soll sich entsetzt haben, wenn er erfuhr, daß die Leitungen in seiner Villa von dem „fürchterlichen“ Malatesta gelegt worden waren.

Malatesta war ebenso unbeugsam wie unbestechlich. Er träumte den Traum vom Endzustand umfassender Freiheit in Solidarität, doch teilte er weder die Hoffnung auf den syndikalistischen Generalstreik noch verfocht er die gewaltsame Propaganda der Tat, geschweige denn die autoritäre Vorhutpolitik einer kommunistischen Sekte oder Partei. Von der Eroberung des Staates durch Wahlen (Sozialdemokratie), Putsch (Leninismus) oder lange Märsche durch Institutionen bei unvermeidlicher Angleichung an dieselben hielt der erklärte Feind jeglicher Regierung nichts. Man muß die Illusionen des Anarchismus nicht teilen, aber niemand betreibt die Kritik der Macht unnachsichtiger als der Anarchismus. Hier einige Passagen zur Kritik der Regierung:

Drei Formen der Herrschaft
„Man unterjocht die Menschen auf zweierlei Art; entweder unmittelbar durch die rohe Kraft, die körperliche Gewalt; oder auf Umwegen, indem man ihnen alles wegnimmt, was sie zum Leben brauchen und sie so zur Ohnmacht verdammt. Die erste Art ist der Ursprung der Regierung, der politischen Macht überhaupt; die andere Art ist der Ursprung des Reichtums, der wirtschaftlichen Vorrechte. Es gibt zwar noch eine dritte Art, um die Menschen zu bedrücken; nämlich indem man ihren Verstand und ihre Gefühle unterdrückt. Das ist die religiöse, die priesterliche Herrschaft. Aber so wie der so genannte „Geist“ ein Ergebnis der materiellen Kräfte ist, so ist die Lüge, und die Institutionen, die den Zweck haben, die Lüge zu verbreiten, nur eine Folge der wirtschaftlichen Vorrechte, und ihr Zweck ist nur, diese Vorrechte zu schützen und zu befestigen.

Staatsaufgaben
Für uns ist die Regierung die Gesamtheit der Regierenden; und die Regierenden, Monarchen, Präsidenten, Minister, Abgeordnete u. s. w. sind diejenigen, die die Macht haben, Gesetze zu schaffen, um die Beziehungen der Menschen zu einander zu regeln, und die Macht haben, diese Gesetze vollziehen zu lassen; z. B.: Steuern auszuwerfen und einzutreiben; die Menschen zum Militärdienst zu zwingen; diejenigen, die gegen die Gesetze handeln, zu verurteilen und zu bestrafen; die privaten Vereinbarungen zu überwachen und gut zu heissen; einzelne Zweige der Produktion und der öffentlichen Dienstleistungen zu monopolisieren (z. B. Tabak, Salz; Eisenbahnen, Post und Telegraf u. s. w.) oder wenn sie wollen, die ganze Produktion und alle öffentlichen Dienste zu verstaatlichen, in die Hand zu nehmen; den Austausch der Produkte (den Handel) zu fördern oder zu beschränken; mit den Regierungen anderer Länder Krieg anzufangen oder Frieden zu schliessen; dem Volke das Wahlrecht zu gewähren oder zu entziehen — und dergleichen Dinge mehr. Die Regierenden sind also, mit einem Wort, diejenigen Menschen, die mehr oder weniger die Macht haben, die Kräfte die Gesellschaft, d.h. die körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte aller andern Menschen in ihre Dienste zu zwingen. In dieser Macht besteht das Prinzip der Regierung, das Prinzip der Herrschaft.

Privilegien
„Eine Regierung, d.h. eine gewisse Anzahl von Leuten, deren Aufgabe es ist, Gesetze zu machen, die gewohnt sind, sich der Kraft aller zu bedienen, um jeden zu zwingen, sie zu achten, bildet schon in und für sich selbst eine privilegierte Klasse, welche von der Masse des Volkes geschieden ist. Sie wird, wie jede fest begründete Körperschaft instinktiv danach trachten, ihre Machtbefugnisse zu erweitern, sich der Aufsicht des Volkes zu entziehen, ihre besonderen Bestrebungen zu verwirklichen und ihre eigenen Interessen den übrigen Menschen aufzuzwingen. Indem sie eine privilegierte Stellung einnimmt, befindet sich die Regierung im Gegensatz zur Masse des Volkes, dessen Kräfte sie täglich in Anspruch nimmt.“

Der Irrglaube an die Macht
„Die Regierung übernimmt es, das Leben der Staatsbürger mehr oder weniger gegen unmittelbare brutale Angriffe zu verteidigen. Sie anerkennt und legalisiert eine Anzahl von grundlegenden Rechten und Pflichten, von Gewohnheiten und Gebräuchen, ohne welche ein gesellschaftliches Leben unmöglich ist. Sie organisiert und leitet einige öffentliche Dienstleistungen, wie z. B. die Post, die Landstrassen, die öffentliche Gesundheit, die Wasserregulierung, den Forstschutz usw.; sie gründet Waisenhäuser und Spitäler und gibt sich gern den Anschein, daß sie die Beschützerin und Wohltäterin der Armen und Schwachen ist. Wenn wir es aber genauer betrachten, wie und warum sie diese Aufgaben erledigt, so beweisen die Tatsachen, daß alles was die Regierung tut, nur darum und deswegen getan wird, um zu herrschen, um die Vorrechte – ihre eigenen und diejenigen der Klasse, die sie vertritt und verteidigt — aufrecht zu erhalten, zu vermehren und zu verewigen.

Keine Regierung kann lange bestehen, ohne ihre wahre Natur unter dem Vorwand der allgemeinen Nützlichkeit zu verstecken; sie kann nicht das Leben der Bevorzugten beschützen, ohne daß sie sich den Anschein gibt, das Leben Aller beschützen zu wollen; sie kann nicht den Vorrechten Einzelner Geltung verschaffen, ohne Miene zu machen, das Recht von allen Menschen aufrecht zu erhalten.

Wider die freiwillige Knechtschaft
Wir sind gewohnt, unter einer Regierung zu leben, die alle Kräfte, alle Intelligenz, jeden Willen, den sie für ihre eigenen Zwecke benützen kann, in Beschlag nimmt, und alle jene, welche sie nicht braucht oder welche ihr feindlich sind, hindert, lähmt und unterdrückt — und wir bilden uns ein, daß Alles, was in der Gesellschaft geschieht, das Werk der Regierung ist und daß ohne Regierung weder die Gesellschaft noch die Kraft, die Intelligenz oder der gute Willen der Menschen weiterbestehen würde.

Was ist der Zweck der Regierung? Warum sollen wir zu Gunsten einiger Menschen unsere eigene Freiheit, unsere eigene Initiative aufgeben? Warum müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich — mit oder ohne Willen der übrigen Menschen — der Kraft aller Anderen zu bemächtigen und über dieselbe nach eigenem Gutdünken zu verfügen? Sind sie denn so aussergewöhnlich begabt, dass sie, mit einigem Rechte, sich an die Stelle des ganzen Volkes setzen, und für die Interessen der übrigen Menschen besser sorgen könnten? Sind sie unfehlbar und moralisch nicht zu verderben, so dass man vernünftigerweise das Los eines Jeden ihrer Güte anvertrauen kann?“

© W.Sofsky 2015

Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei "demokratischer Wahlen"

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Wolfgang Sofsky
Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei „demokratischer Wahlen“

Gustav Landauer (1870-1919) gehörte zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die für die Freiheit rundum fochten, gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen den Parlamentarismus der Parteien, gegen den Zentralismus des Reichs, und gegen den Jakobinismus der Kommunisten. Gesellschaftliche Ordnung dachte er als „Bünde der Freiwilligkeit“, jenseits staatlicher Herrschaft. „Die Anarchie ist der Ausdruck für die Befreiung des Menschen vom Staatsgötzen, vom Kirchengötzen, vom Kapitalgötzen“. Landauer verfaßte Novellen und Romane, schrieb – im Anschluß an Fritz Mauthners Sprachkritik – über „Skepsis und Mystik“, kommentierte die Predigten Meister Eckharts und das Werk William Shakespeares, übersetzte Balzac, Oscar Wilde und Kropotkin, schrieb für Martin Buber eine Monographie über „Die Revolution“ und gab von 1909 und 1915 den „Sozialist“ heraus, das Organ des „Sozialistischen Bundes“, zu dessen ersten Mitgliedern Erich Mühsam und Martin Buber zählten. In 115 Artikeln schrieb Landauer über Tagesereignisse, über Literatur, Philosophie und Kultur und veröffentlichte mehrere Übersetzungen von Proudhon. Gegen die Kriegsbegeisterung 1914 war der Pazifist Landauer immun und gegen den Staatsglauben der Marxisten, Sozialdemokraten und Spartakisten ohnehin. Mitte November 1918 beriet er den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und plädierte im Zentralarbeiterrat Bayerns für den Aufbau einer föderativen Republik. Als am 7.4.1919 gegen die SPD-Regierung eine Räterepublik ausgerufen wurde, übernahm er kurzzeitig das Amt eines „Volksbeauftragten für Volksaufklärung“. An Fritz Mauthner schrieb er: „Läßt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß es nur ein paar Tage sind und dann war es ein Traum.“ Seine erste und einzige Entscheidung war die Abschaffung des Geschichtsunterrichts in bisheriger Form in bayerischen Schulen. Eine Woche später, als die KPD die Räteregierung okkupiert hatte, verzichtete er auf die weitere Mitarbeit. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik durch Reichswehr und Freikorps wurde Landauer am 1.Mai aufgrund einer Denunziation in München verhaftet und nach Stadelheim verbracht. Dort ist er am 2.Mai nach den Mißhandlungen durch Offiziere und Soldaten gestorben.

In Zeiten vielfacher Verdrossenheit über repräsentative Ohnmacht und über die  Selbstbeweihräucherung der Macht- und publizistischen Kommentareliten dürfte – ohne Anlaß irgendeines Gedenktages – eine kleine Erinnerung angebracht sein, an die Verbreitung von Dummheit bei „demokratischen“ Wahlen.

Was die Menschen angeht, so ist ihr ganzes Leben auf Verkehr, Meinungsaustausch, Erinnerung der Generationen und Erfahrung, Überlegung und Vorsorge gestellt. Was aber machen die Menschen für einen Gebrauch von ihren besonderen Eigenschaften, Gaben und Möglichkeiten? Zum Teil ohne Zweifel den richtigen: sie kleiden sich warm, haben Häuser gebaut und heizen den Ofen gegen die Kälte, sie sorgen für ihre und ihrer Angehörigen Ernährung, sie machen einander Mitteilungen über Gefahren, die drohen, sie überliefern sich von Geschlecht zu Geschlecht nützliche Kenntnisse. Aber zum andern Teil machen sie von ihrer besonderen Natur, die Verstand heißt, den sehr unzulänglichen und sehr verkehrten Gebrauch.

Die Menschen unterscheiden sich nämlich von … Tieren nicht nur durch den Verstand, sondern ebensosehr durch die Kehrseite des Verstandes: die Dummheit und deren traditionelles Weiterleben. Keineswegs ist die Dummheit bloß Abwesenheit von Verstand, bloß etwas Nichtvorhandenes, Negatives. Es ist darum auch falsch, Tiere dumm zu nennen, weil ihnen der Menschenverstand fehlt. Es gibt, bildlich gesprochen, im Kopf des Menschen keine leere Stelle; das soll heißen, kein Mensch leidet an Abwesenheit des Verstandes, der nicht dafür etwas anderes hätte: manche haben eine Art Instinkt, die meisten aber ganz positive, veritable Dummheit….

Heute geht ihr, alle fünf Jahre einmal, zur Wahl! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedrucktem Namen hinein, klebt zu, daß keiner sehe, was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer (mittlerweile auch Frauen, WS) zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden.Und die Männer (und Frauen!) sind so gewählt, wie es der Mehrheit entspricht: ein Recht der Minderheit, sich nun von der Mehrheit zu trennen und, sei’s auch nur auf diesem wahnsinnig verkehrten Wege dessen, was ihr Wahl heißet, eigenes durchzusetzen, gibt’s nicht. Die Mehrheit geht alle fünf Jahre ins Klosett, um abzudanken; die Minderheit hat nicht einmal dieses Recht, sie hat gar keines. Der Telegraph, es ist so sonnenklar, hat die Bestimmung in sich, getrennte Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich während ihrer Entschließungen in Verbindung zu halten. Heute dient er (und TV, WS) dazu, daß die Menschen nach geschehener Lächerlichkeit erfahren, diese Lächerlichkeit sei mit den und den Ergebnissen in ganz Deutschland vor sich gegangen.

Und welche Aufregung, welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslose, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht, Wahlsieg, Triumph; es ist, wie wenn sich Affen in einem Zeughaus Ritterrüstungen über das braune Fell gezogen hätten.

Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?

(Aus: Gustav Landauer, Von der Dummheit und von der Wahl, in: Der Sozialist, 15.01.1912)

© W.Sofsky 2014

Bakunin: Über die Freiheit

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Wolfgang Sofsky
Michail Bakunin: Über die Freiheit

Im dritten Band seiner Autobiographie „Mein Leben“ berichtet Alexander Herzen von manch ungestümen Taten seines Freundes Michail Bakunin, der von Prag kommend, 1848 in Dresden eintrifft und als ehemaliger Artillerieoffizier „die Professoren, Musiker und Pharmazeuten, die zur Waffe gegriffen haben, das Kriegshandwerk lehrt… er gibt ihnen den Rat, die „Madonna“ von Raffael und die Bilder von Murillo auf die Stadtmauern zu stellen und sich mit ihnen vor den Preußen zu schützen, die zu klassisch gebildet seien, um es zu wagen auf Raffael zu schießen. Seine artilleristischen Kenntnisse haben ihm überhaupt geholfen. Als er von Paris nach Prag unterwegs war, stieß er irgendwo in Deutschland auf einen Bauernaufstand. Sie lärmten und schrien vor dem Schloß und wußten sich nicht zu helfen. Bakunin stieg aus dem Wagen, und da er keine Zeit hatte festzustellen, um was es ging, stellte er die Bauern in Reih und Glied auf und gab ihnen so gute Lehren, daß, als er sich wieder in den Wagen setzte, um den Weg fortzusetzen, das Schloß aus allen vier Ecken brannte.“ Aber wie kann man nur die hehre Kunst für die Freiheit opfern, Bilder als farbigen Schutzschild der Revolution mißbrauchen!, wird der besorgte Philister fragen. Die preußischen und sächsischen Truppen waren nie zimperlich, wenn sie Aufstände niederschlugen.

In den üblichen Gedenkstücken zu Bakunin verkommt die Anarchie meist zum „Bildungs“- und „Erbauungsgut“ . Ein kleines, wohliges Grausen befällt den staatstreuen Bürger angesichts des ärgsten Widersachers jeder Staats- und Religionsordnung: ein Leben für die Freiheit, jenseits aller Karriere, mit allen Gefahren für Leib und Leben. Auf einer Irrfahrt war Bakunin unterwegs, von Aufstand zu Aufstand, von Konvent zu Konvent, vom habsburgischen, dann zaristischen Zuchthaus in die sibirische Verbannung, woraus ihn nur die Flucht von Irkutsk, den Amur hinauf nach Japan, Kalifornien, London rettete. Den autoritären Kommunisten widerstand er schon Jahrzehnte, bevor Lenin, Trotzki, Stalin, Berija samt Helfershelfern den Staatsterror in Gang setzten, dennoch übersetzte er das Manifest des Denunzianten Marx ins Russische. Von der späten Altersarmut im Tessin weiß man weniger, auch nicht von seinen Treffen mit den Leitfiguren der italienischen Unabhängigkeit Mazzini und Garibaldi oder seinen Reden vor den anarchistischen Uhrmachern im Schweizer Jura.

Als Weltreisender der Revolution, als Prophet lustvoller Zerstörung und obskurer Bewunderer des Tatpropagandisten Netschajew wird Bakunin meist dargestellt, ein Hüne von Gestalt, der seinen Filzhut angeblich nie abnahm, es dafür aber versäumte, seine Kleidung regelmäßig abzubürsten. Von seinen Schriften, geschweige denn seinen Einsichten ist kaum die Rede. Als sei Bakunin ein geistloser Gewaltmensch des Aufstands gewesen. Ein Blick in sein Hauptwerk „Gott und der Staat“ von 1871 kann eines Besseren belehren. Seine Religionskritik überrundet diejenige von Ludwig Feuerbach oder David Friedrich Strauß um einige Meilen, die Passage zur praktischen Antiphilosophie der Befreiung nimmt der Riese Bakunin leichtfüßiger als der Verfasser der Thesen ad Feuerbach („Die Philosophen haben die Welt nur….“), die Idee der Selbstüberschreitung oder Selbstentgrenzung durch die Kraft der Negation findet sich bei dem Linkshegelianer ebenso wie die Aufkündigung jeden Gehorsams gegenüber Priestern, Propheten, Polizisten und Beamten.

Denn der Staat ist Repression, Herrschaft, und jede Eroberung des Staates, sei es via Putsch, sei es via Wahl und paternalistischer Reform, setzt nur die Unfreiheit fort. Alle verehren sie den Staat, auch der Liberalismus, der sich die Freiheit zu Unrecht auf die Fahnen geschrieben hat. Er vermag die Freiheit nur als persönliche, private Freiheit des heiligen Individuums jenseits aller Gesellschaft zu denken und nicht als sozialen Zustand. Er verwechselt das Soziale mit Sozialismus, träumt von freien Verträgen und fürchtet die Freiheit des anderen, was ihn spornstreichs wieder unter den Schutzmantel des Staates flüchten läßt. So endet das zaghafte Individuum kläglich als Staatssklave neben allen anderen. Doch der Ort der Freiheit ist weder der Staat oder die Kirche noch das Individuum, sondern die Gesellschaft der freien Assoziationen. Der Philister verwechselt bis heute den Zustand der An-Archie, der Herrschaftslosigkeit, mit Gewalt und Unordnung. In Wahrheit ist auch Anarchie Organisation. Kooperation und Konflikt, Produktion und Konsum, Wirtschaft und Politik, schließlich die Föderation der Regionen, Länder und Nationen werden von unten nach oben mehr oder weniger direkt „organisiert“.

„Nur im Schoße der Gesellschaft, die notwendig vor der Entstehung seines Denkens, seiner Sprache und seines Willens da ist, wird (der Mensch) fortschreitend Mensch und frei; er kann das nur tun durch die gemeinsamen Anstrengungen aller ehemaligen und gegenwärtigen Glieder dieser Gesellschaft, die demnach die natürliche Grundlage und der Ausgangspunkt seines menschlichen Daseins ist. Daraus geht hervor, daß der Mensch seine individuelle Freiheit oder seine Persönlichkeit nur dadurch verwirklicht, daß er sich mit allen Individuen, welche ihn umgeben, vervollständigt, daß er dies nur kann durch die gemeinsame Arbeit und Kraft der Gesellschaft, außerhalb derer er zweifelsohne unter allen wilden Tieren, welche auf der Erde existieren, das dümmste und elendste bleiben würde. .. Erst die Gesellschaft, weit davon entfernt, die Freiheit zu verringern und zu beschränken, schafft die Freiheit der menschlichen Individuen. Sie ist die Wurzel, der Baum, die Freiheit ihre Frucht.“ Sicher ist die Freiheit nicht in der Isolierung und auch nicht unter dem Regime des Rechts, das niemals neutral ist, sondern einzig in der gegenseitigen Anerkennung. Geteilte Freiheit ist nicht halbe Freiheit, sondern doppelte Freiheit. „Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon entfernt, eine Beschränkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.“

Negativ schließlich ist die Freiheit, weil sie sich empört, gegen jegliche Macht, auch gegen die vermeintliche Schutzmacht der Autorität. Wer die Freiheit in Leib und Seele hat, der duldet keinen Tyrannen, keinen Herrn über sich, keinen Gott, keinen König, aber auch keine niedrigen Exekutionsgehilfen der Sklaverei. Wer immer sich anmaßt, anderen Vorschriften zu machen, ist vor der Attacke der Freiheit nicht sicher. Und wer sich anmaßt, andere als sein Eigentum oder sein Verfügungsobjekt zu beanspruchen, vergeht sich an der Freiheit. Kinder gehören nicht der Kirche, nicht der Partei, nicht dem Staat, nicht der Schule, nicht den Verbänden, nicht den Lehrern und nicht den Eltern, sie gehören einzig sich selbst.

Man mag von Bakunins Pathos oder seinem menschenfreundlichen Optimismus befremdet sein. Angesichts der Kleingeisterei, des Duckmäusertums, der Botmäßigkeit in fast allen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bereichen gerät der kritische Beobachter der Unfreiheiten heutzutage in keineswegs mildes Entsetzen.

© W.Sofsky 2014