Alternativlosigkeit – eine Fata Morgana

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Wolfgang Sofsky
Alternativlosigkeit – eine Fata Morgana

Wer behauptet, zu dem Sachverhalt, der Entscheidung oder der Person p gäbe es keine Alternativen, der behauptet zugleich, keine Wahl mehr zu haben, keine Unabhängigkeit, keine Freiheit. Er ist von p abhängig. Pikant wird diese Behauptung, wenn eine Person P von sich selbst behauptet, sie sei alternativlos. Dies ist nicht nur vermessen und zeugt von einem ungetrübtem Selbstbewußtsein der Macht. Vielmehr behauptet die Person zugleich, alle anderen hätten keine Wahl, keine Freiheit, sie seien von ihr abhängig, ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Aber nur Narren glauben dies. Doch sind der Narren – nicht nur zur Faschingszeit – viele. Sie glauben allen Ernstes, zu dem König, dem Präsidenten, dem Kanzler oder großen Vorsitzenden (ob fem. oder mask. ist egal), gäbe es keine andere Möglichkeit als jene, die real ist.

Nicht ungeschickt ist von der betreffenden Person die Strategie, ihren eigenen Machtanspruch hinter der vermeintlichen Alternativlosigkeit ihrer Entscheidungen zu verstecken: „Was ich sage und tue, ist ohne Alternative, also bin ich ohne Alternative – mir fällt gar nicht ein, wie es anders sein könnte“. Wer derart in sich selbst vernarrt ist, dem fehlt jegliche Phantasie an einen Zustand jenseits ihrer selbst.

Aber es ist nicht minder närrisch, neben der Gewöhnung an das bekannte Gesicht auch an die Verschmelzung von Amt und Person zu glauben Niemand sonst könne, so dieser Irrglaube, das Amt derart ausfüllen. Gewiß hat die Person, die sich selbst für unersetzbar hält und dies immerzu anderen – in ungetrübter Unbeirrbarkeit – weiszumachen sucht, dafür gesorgt, daß im Schatten ihrer Sonnenexistenz niemand sonst erkennbar ist. Sie allein soll über ihre Nachfolge irgendwann entscheiden, sie allein sagt, was real und was möglich sei. Und alle Narren in ihrem Gefolge und dem Publikum rundum glauben tatsächlich an diese Inszenierung. Aber es ist nur Fassadenkunst, Maskerade, Vorspiegelung, Fake. P könnte im Nu ersetzt werden, ihre Beschlüsse könnten im Nu korrigiert, ergänzt oder gestrichen werden. Diese Einsicht setzt allerdings voraus, daß man die Realität, die P zu verkörpern scheint, nicht für die einzig mögliche Wirklichkeit hält. Man braucht nur ein wenig Phantasie, ein wenig Möglichkeitssinn, und die Fata Morgana der Alternativlosigkeit würde augenblicklich zerplatzen.

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„Tief gespalten“

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Wolfgang Sofsky
„Tief gespalten“

Zu den Lieblingsvokabeln des aktuellen Politgeredes gehört die Formulierung, etwas sei „tief gespalten“. So ist die amerikanische Gesellschaft tief gespalten – wegen dem Donald. Britannien ist tief gepalten – wegen dem Boris. Die deutsche Gesellschaft ist tief gespalten – wegen der Ungleichheit und der Männer. Die SPD ist tief  gespalten – wegen der Groko. Die EU ist tief gespalten – wegen der Ostnationen, wegen dem Viktor u.a.. Die  CSU war bis vor kurzem noch tief gespalten, wegen dem Markus. Das Frankenreich ist tief gespalten – wegen dem Rhein dazwischen, undsoweiterundsofort. Parteien, Gesellschaften, Nationen, Allianzen, Religionen, ja, die ganze Welt sind irgendwie tief gespalten. Dieser Zustand gilt vielen als höchst bedenklich, die Risse im „ganzen Haus“ drohen die Konstruktion zu zerstören. Doch worin besteht diese Konstruktion? Man beruhige sich! Es ist nur eine Vorstellung, eine vage Vorstellung von Einheit, Einheitlichkeit, Integration, Harmonie, allumfassender Gemeinschaft. Diese Vorstellung ist ein zentraler Bestandteil einer besonders in Deutschland virulenten Ideologie, die weder Unterschiede, Differenzen, Ungleichheiten noch Gegensätze voneinander zu unterscheiden, geschweige denn zu ertragen vermag. Wenns nicht ganzheitlich zusammengeht, wenn Meinungen unterschiedlich ausfallen, Vorlieben, Wünsche, Überzeugungen, Kontostände voneinander abweichen, wenn Gegner streiten, Feinde einander bekämpfen, dann ist das fiktive Einheitsgebilde „zutiefst gespalten“. Immer gibt es dafür Schuldige, meist diejenigen, die man besonders haßt, der Donald, der Viktor, der Markus… Gegensätze, Antagonismen, Unterschiede sind nicht das Ergebnis struktureller Tatsachen, sondern übler Subjekte.

Der Vorwurf der Spaltung ist bekanntlich uralt. Gespalten wurde die Einheit des römischen Reichs (Ost – West), der Kirche (Papst – Gegenpapst, Katholizismus – Protestantismus), die Einheit des Abendlandes (Papst – Kaiser), die Einheit der Nation, der Arbeiterbewegung, der Partei, des Königreichs, der Union der Völker, der Menschheit. Immer lag als Ideal die Idee der Union, wenn nicht gar der Homogenität zugrunde. Das Spaltungsgerede ist ein bizarres Erbe religiösen (keineswegs nur abendlänischen) und politischen Denkens. In Wahrheit sind Unterschiede, Differenzen, Segregationen, Konflikte, Gegnerschaften, ja sogar Feindschaften keine Spaltungen. Niemand ist enger miteinander verbunden als Erzfeinde. Sie beobachten einander bei jeder Regung, kennen einander so genau, daß ihnen nichts entgeht. Spaltung liegt nur vor, wenn die Verbindungen gekappt sind, wenn jede Seite, jede Partei ihrer Wege geht. Das ist nach Trennungen, Segregationen, Sezessionen etc. manchmal der Fall. Viele dieser Spaltungen sind für die Beteiligten heilsamer als der Fortbestand einer Gemeinschaftsfiktion, die jede Gewalt zu rechtfertigen scheint. Terror für eine Union ist unter Menschen höchst beliebt, da sich der unbedingte Wille zur Einhalt moralisch immer selbst erhöht. Einheit ist Rettung, Heil, Zwist ist Untergang. Aber der gesellschaftliche Normalzustand ist nicht das gemeindliche Miteinander im Gesellschaftshaus der Begegnung, sondern das Nebeneinander der Fremden, die wissen, wann sie sich annähern und wann sie sich besser wieder entfernen sollten, um einander überhaupt ertragen zu können.

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Politik, Posten, Pensionen

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Wolfgang Sofsky
Politik, Posten, Pensionen

Politik ist, nach einem hellsichtigen Wort Niklas Luhmanns, die „Verteilung von Posten und Pensionen“. Die Rhetorik der Ziele, Aufgaben, Missionen, Werte ist nur ein Oberflächenphänomen. Sie dient zur Beschaffung von Glauben, Vertrauen, Fügsamkeit, von „Legitimität“. Was immer sonst noch verlauten mag, Legitimität ist „in der praktischen Politik gleichbedeutend mit Popularität.“ Demokratien machen die Verteilung von Posten und Pensionen abhängig von Wahlstimmen. Wahlstimmen erlangt man, indem man für Popularität sorgt. Wem diese abhanden gekommen ist, der verliert den Zugang zu Posten und Pensionen. Darin besteht das ganze Spiel, das stündlich in den öffentlichen Medien aufgeführt wird. So stellt sich der gemeine Untertan nicht zu Unrecht die Frage, wieviel Politik denn wirklich nötig sei. Politiker waren immer erfinderisch in der Proklamation neuer Aufgaben, in der Einrichtung neuer Posten und der Bezahlung höherer Pensionen. Das Wachstum des politischen Systems, der Staatsbürokratie, ergibt sich vornehmlich aus der Selbsterzeugung ihrer Aufgaben und Probleme. Nicht die Gesellschaft, Staat und Politik sollen zuständig sein. So ist eine der zentralen Beschäftigungen des politischen Personals, Probleme populär zu machen, damit man selbst die Posten erlangt, die einem die korrespondierenden Pensionen einbringen.

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Leere Bank

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Wolfgang Sofsky
Leere Bank

Die Nichtregierungsorganisation SPD hat offenbar ein internes Repräsentationsproblem. Funktionäre und Mitglieder fühlen sich von der Parteielite nicht recht verstanden, vertreten und vergegenwärtigt. Was immer die Gründe für diese politische Entfremdung sein mögen (im Zweifelsfall sind es Mißerfolge, politische Wahlpleiten, Hoffnungs-, Amts- und Jobverluste), ein entschiedenes oder auch nur knappes Nein für eine größere Koalition könnte sich für das Land insgesamt als Segen erweisen. In der nächsten Regierung, sofern es einmal zu einer derartigen kommen sollte, sind folgende verdiente Minister nicht mehr vertreten: H.Maas, S.Gabriel, A.Nahles, B.Hendricks, B.Zypries, K.Barley. Auch SPD-Staatssekretäre dürfen die Ministerien schleunigst verlassen. Erspart bleibt der Nation i.ü. auch ein Außenminister Schulz. Und zuletzt könnte auch die jetzige Kanzlerin, mit der niemand mehr so recht sich verbünden will, den Spaß an der Sache verlieren und bei den früher oder später anstehenden Neuwahlen nicht mehr antreten. Diese segensreiche Entwicklung führt zwar weder zu den vielfach verlangten parteilichen „Erneuerungen“ noch zu dem ebenso vielfach beschworenen nationalen, ja kontinentalen „Aufbruch“ (wer bewahrt den gemeinen und mißgelaunten Untertanen nur vor all diesen „Aufbrüchen“?). Aber sie leert die politische Bühne von alten Gesichtern. Und manchmal sind leere Bänke besser als vollbesetzte. Keine Regierung ist schließlich besser als eine schlechte. Schlechte Regierungen fassen schlechte Beschlüsse, die der Untertan ausbaden muß. Eine Regierung, die nicht existiert, fällt weder gute noch schlechte Entscheidungen, sondern gar keine.

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Ziele der Parteien

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Wolfgang Sofsky
Ziele der Parteien?

Politische Parteien sind Organisationen. Wie alle Organisationen weisen sie eine interne Struktur auf, eine Hierarchie, Arbeitsteilung, Abteilungen und Gruppen. Wie alle Organisationen sind sie zuerst an der Erhaltung ihrer selbst interessiert. Sie wollen ihre Mitglieder behalten, deren Arbeit, Unterstützung und Beiträge nutzen und interne Konflikte reduzieren. Sie benötigen Wählerstimmen, um öffentliche Finanzen und private Spenden einzustreichen, und sie benötigen Zustimmung, um weitere Mitglieder und Wählerstimmen zu bekommen. Alles andere ist zweitrangig. Politische Programme und Propaganda dienen lediglich dazu, Personal zu binden, zu mobilisieren, zu vermehren, öffentliche Ämter und Finanzen einzutreiben, innere Harmonie herzustellen, Einfluß in der Gesellschaft auszuüben und die eigene Machtsphäre auszudehnen, um wiederum den Bestand an Menschen und Geld zu erhalten bzw. auszudehnen. Der Selbsterhaltung dient auch die Fähigkeit, Kampagnen zu führen. Was tagtäglich in den öffentlichen Verlautbarungen und deren medialer Verdopplung dargeboten, was mithin als politisches Ziel oder als  Mission verkündet und vieltausendfach besprochen und wiederholt wird, auch dies dient zuletzt nur der Selbsterhaltung der Organisation. Niemand muß dieses Gerede für bare Münze nehmen. Es ist dazu da, Aufmerksamkeit, Zustimmung, Stimmen, Geld und Macht zu akkumulieren. Keiner politischen Partei ist ernsthaft an „sozialer Gerechtigkeit“ gelegen, an „ökonomischer Prosperität“, „individueller Freiheit“, „ökologischem Gleichgewicht“, „nationaler Unabhängigkeit“ und was immer die Slogans sein mögen. Politik ist nur ein Mittel für die Erhaltung und Stärkung der Organisation. Deswegen ist es auch keineswegs verwunderlich, daß Parteien sich in bestimmten Lagen weigern, sich an Regierungen zu beteiligen. Wenn man glaubt, daß dies keine Vorteile für den eigenen Verband einbringt, läßt man es bleiben. Wenn man jedoch glaubt, die eigene Existenz hinge von der Regierungsmacht ab, strebt man die Ämter um jeden Preis an. All dies bedeutet nur, daß der Kalkül der organisatorischen Selbsterhaltung weit vor irgendwelchen politischen Zielen oder Programmen rangiert.

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Leo Strauss: Was ist Religionskritik?

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Wolfgang Sofsky
Leo Strauss: Was ist Religionskritik?

In seiner frühen (1930) Arbeit über Spinozas Religionskritik präzisiert Leo Strauss in einer Fußnote, was unter Religionskritik zu verstehen ist. Sie ist weder mit Indifferenz noch Unglaube oder schwankender Skepsis zu verwechseln. Agnostizismus ist keine Religionskritik, die den Namen verdient. Religionskritik zielt gegen die Religion als solche, gegen ihre Mythen, Dogmen, Riten und Organisationen, nicht zuletzt gegen ihre Auswirkungen auf die Hirne der Menschen und ihre politischen und sozialen Verhältnisse.

„Religions-Kritik kann eigentlich nur heißen die ausdrückliche Kritik, die aktuelle Bekämpfung der Religion; die bloße Indifferenz gegenüber der Religion gilt uns auch dann, wenn sie keinen Platz für die Religion übrig läßt, noch nicht als Religions-Kritik. Auch dann liegt noch keine Religions-Kritik vor, wenn zwar ausdrücklich zur Religion Nein gesagt wird, dieses Nein aber nicht mehr ausdrücken will als die „freie Entscheidung der Person“: der Unglaube ist noch nicht Religions-Kritik. Dabei bleibt dahingestellt, ob nicht die Indifferenz und der Unglaube, selbst die strengste Skepsis, wenn sie sich nur radikal verstehen, notwendig zur Religion-Kritik werden. Um nun die eigentliche Religions-Kritik auch endlich von der inner-religiösen Kritik an bestimmten Religions-Formen zu unterscheiden, wollen wir radikale Religions-Kritik jedes Nein-Sagen zur Religion als solcher nennen, das Anspruch darauf erhebt, für alle Menschen (für alle „höheren Menschen“) verpflichtend zu gelten.“

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John Selden: Ohne Ölung

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Wolfgang Sofsky
John Selden: Ohne Ölung

Als John Selden, Autor des „Mare clausum“ und mehrerer rechtshistorischer Werke, führender Gelehrter für hebräische und arabische Studien und Widersacher des englischen Königs in Steuerfraggen, auf dem Sterbebett lag, soll er überlegt haben, von einem Priester der Sakaramente zu empfangen. Selden hatte mit vielerlei Traditionen gebrochen, neue, freie, widerspenstige Gedanken vorgelegt und in der gelehrten und politischen Welt mutig vertreten. Und nun wollte er sich – kurz vor Toresschluß – wirklich die letzte Ölung geben lassen? Thomas Hobbes soll, einer Anekdote gemäß, anwesend gewesen sein und seinen sterbenden Geisteskollegen energisch zurecht gewiesen haben: „What, will you that have written like a man, now dye like a woman?“ Derart ermahnt, gab Selden die Anweisung, den Priester doch nicht vorzulassen.

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Todesarten – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Todesarten. Bilder der Gewalt (Neuauflage) – Inhalt

br., 280 Seiten, 34 SW-Abb., 16,80 €
CreateSpace Independent Publishing: London/Leipzig/Wroclaw 2017
zu beziehen über Amazon.

Inhalt:

Gewalt im Bild –
I. Tiere und Menschen: Tod und Verwandlung. Die Höhle von Lascaux – Die Apathie der Kreatur. Löwenjagd von Eugène Delacroix – Der Heilige und die Bestie.
Der Heilige Georg und der Drache von Paolo Uccello – Fleisch und Blut. Im Schlachthaus von Lovis Corinth, Der geschlachtete Ochse von Chaïm Soutine.

II. Menschenopfer: Liebe oder Gottesfurcht. Die Opferung Isaaks von Donatello – Tod am Nachmittag. Die Enthauptung des Johannes von Caravaggio – Der gemarterte Gott. Kreuzigung von Matthias Grünewald.

III. Qualen und Strafen: Der Schlund. Das Tympanon der Abteikirche Sainte-Foy in Conques-en-Rouergue, Das Kuppelmosaik im Baptisterium in Florenz – Todesarten.
Die Apostelmartyrien von Stefan Lochner – Messerarbeit. Die Schindung des Marsyas von Tizian.

IV. Freitod: Nach dem Amok. Der Tod des Aias von Exekias – Letzte Trauer. Lucretia von Rembrandt – Im Hotel. Triptychon Mai – Juni 1973 von Francis Bacon.

V. Mord und Kampf: Unter Brüdern. Die Bernwardstür am Dom zu Hildesheim – Das Attentat. Judith von Peter Paul Rubens – Die Wut der Kraft. Herkules und Antäus von Hans Baldung Grien – Tödliche Genugtuung. Das Duell von Francisco Goya.

VI. Krieg: Nach der Schlacht. Flandern von Otto Dix – Die Greuel des Aufstands.
Desastres de la Guerra von Francisco Goya – Der wilde Krieg. Photographien von Corinne Dufka, James Nachtwey und Paul Lowe.

Literatur – Abbildungsverzeichnis

WS 2017

Denkbilder – Inhalt

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Denkbilder – Inhalt

Verlag CreateSpace, London, Leipzig, Wroclaw
160 S., 43 SW-Abb., 12,80 €
erhältlich bei amazon

Denken ist unsichtbar. Deshalb machen sich Menschen Bilder vom Denken. Skulpturen und Gemälde führen nachdenkliche Figuren vor Augen; Epen, Verse und Dramen lassen große und kleine Denker sprechen. Metaphern vergleichen das Denken mit Gebäuden, Blitzen, Wegen oder Strömen. Die Kunst- und Kulturgeschichte des Geistes war schon immer damit befaßt, Gedanken ins Bild zu setzen. Der Essay geht dieser Geschichte nach, nicht ohne die Systematik des Denkens selbst zu bedenken.

Inhalt : Cernavodă – Denkbilder – Demokleides – Sarcofago della Cerbita – Sokrates: Denken im Tod – Der Groll des Achilleus – Aias: Denken vor dem Tod – Diego Velazquez: Nach der Schlacht – Penelope und Eurykleia – Herakles: Zwischen der Arbeit – Pythagoras: Denken im Leben – Aristoteles: Denkendes Leben – Raffael: Heraklits tiefe Seele – Gedankenblitz – Denkweg – Gedankengebäude – Gedankenfluß – Avalokiteshvara – Zen: Undenkbares denken – Sukia: Im anderen Zustand – Der Bucklige – denkend – Michelangelo: Jeremia – Donatello: Zuccone – Hieronymus Bosch: Wüstengedanken – Vittore Carpaccio: Hiob – Hans Leinweber: Im Elend denkend – Auf hartem Steine – Il Pensieroso – Albrecht Dürer: Melencolia – Fledermäuse oder Das Denken der anderen – Niclaus Gerhaert: Gedankenkreis – Der Tod – denkend – „Alas, poor Yorick“ – Thomas Hobbes: Denkmaschine – Pieter Jacobsz Codde: Denkpause – Gedankenfälle – J.H.W.Tischbein: In der Zelle – Johann Heinrich Füssli: Grames Stolz – Robert Schumann: Töne denkend – Fernand Khnopff: Töne hörend – Charles Meryon: Le Stryge – Charles Baudelaire: Gedankenflug – Dante Gabriel Rossetti: Penelope – G.F.Watts: Undeutliches Gemurmel – Eduard Manet: La Prune oder Der Tagtraum – Vincent van Gogh: Das innere Hindernis – Rodin: Denkathlet – Edvard Munch: Schattendenker – Franz von Stuck: Haßlicht – Giorgio de Chirico: Muse – gedankenlos – Samuel Beckett: Denken – gemeinsam? – Ron Mueck: In der Ecke – Der Wächter – Sichtweisen

© WS 2017

Koalitionen – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Koalitionen – Inhalt

Verlag: CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2017.
br., 140 Seiten, 9.80 €.
erhältlich bei Amazon

Inhalt

Eins, zwei, drei
Die Struktur der Koalition: Gegensätze, Gemeinsamkeiten – Ressourcen, Präferenzen, Offerten
Formen der Koalition: Stimmung und Spontaneität – Feindespakt und Probebündnis Zweckbündnis und Verteidigungspakt – Dauerallianz und Gewohnheitsbündnis.
Koalitionsbildung: Kontaktlinien und Kanalarbeit – Intrige und Geheimnis – Abstände, Ränder, Zentren, Netze.
Machtfelder: Despotie und Gleichgewicht – Revolution und Reform – Einzelgänger, Nutznießer, Mitläufer – Gewinne und Kosten.
 Wahlverwandtschaften: Der Wille zur Macht und der Wille zum Profit – Der Wille zur Sicherheit – Ideologische Nachbarschaft – Gleichheit und Schutz – Solidarität.
Regeln und Programme: Teilnahmerechte – Versprechen, Vorauszahlung, Verteilung – Themen, Ziele – Unklarheiten, Fiktionen.
Gefahren: Ungewißheiten – Ungleichheit – Unfreiheit – Entfremdung – Sinnverlust.
Maßnahmen: Organisation – Koordination und Demokratie – Politisches Theater – Wachstum.
Finale: Repression und Explosion – Sezession – Verrat – Koalitionswechsel – Agonie.

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Lautlos – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Lautlos – Inhalt


Verlag: Createspace Independent Publishing, London/Leipzig/Wroclaw,
br., 134 Seiten, 7,60 €
erhältlich bei Amazon.

„Lautlos“ versammelt kurze Geschichten über Menschen und Tiere, Geister und Götter. Manche handeln von wirklichen Vorkommnissen, andere von irrealen oder surrealen Begebenheiten. Unter den ernsten Stücken sind auch mehrere von eher heiterer Natur. Einige Geschichten haben eine tiefere Bedeutung, andere nicht.

Inhalt: Lautlos – Fälle – Grundlos – Der Bote – Käsetorte – Pferdegetrappel – Brille mit Goldrand – Der Austräger – Keine Umstände – Ein Spaßmacher – Hülsen – Holzkatzen – Festmahl – Am Straßenrand – Samstagnachmittag – Licht – Rühreier – Lange Bahn – Lavendel – Baskenmütze – Blindweiß – Atemlos – Die Puppe – Kabel – Fürsorge – Gleisbett – Rosenquarz – Schatten – Tor – Der Zigarillo – Stellenausschreibung – Vater und Sohn – Regen – Der Berg – Waldbrand – Drei Brüder – Ein Unfall – Erinnerungen – Alabaster – Der Kurs – Schlaflos – Sand – Müllkipper – Krokodile – Flugkatzen – Ein Elefant – Blechkannen – Pflanzenschmerz – Vikunja – Die Peitsche – Konzert – Rückkehr – Der Ring – Glissando – Favoriten – Schließung – Der Inquisitor – Ungestüm – Totenspeise – Die Mauer – Fittiche – Die Sterblichen – Die Unsterblichen – Wortlos – Wortschwall – Lobpreis – Bilanzen – Menschen? – Zwei Götter – Rasso – Das Standbild – Danach – Blindenzug – Abstieg – Die rote Schleife – Seidenkleider – Nachtfarben – Punkte – Gesichter – Federmantel – Nachhall – Zeit.

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Prinzip Sicherheit – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Prinzip Sicherheit – Inhalt

prinzipsicherheit

 

 

 

 

 

 

 

CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2016.
ISBN-13: 978-1539666714
ISBN-10: 1539666719
br., 162 S.; 8,90 €; 8,00 GBP; 9,80 USD.
erhältlich bei Amazon

Inhalt

I. Katastrophen 7
Crash – Explosionen – 9/11 – Das Verhängnis – Wille zur Normalität
II. Gefahren, Wagnisse 17
Risiko und Verantwortung – Normale Gefahren
III. Kalkulation und Verleugnung 22
Glück oder Pech – Unwahrscheinliches Unglück
IV. Angst, Mut und Risikolust 27
Alarmstimmung – Lob der Courage – Kultur der Ängstlichkeit – Nischen des Wagemuts
V. Versicherungsgesellschaft 37
Geld gegen Sicherheit – Schuld und Schaden – Das Elend der Sozialkassen
VI. Soziale Komplikationen 44
Rollen, Normen, Phantasien – Vertrauen – Distanz und Verrat – Argwohn – Einsamkeit
VII. Risikowirtschaft 59
Markt und Konkurrenz – Arbeitsmarkt – Wechselfälle des Bankgeschäfts – Auf glattem Parkett – Geld und Charakter
VIII. Sicherheitsstaat 72
Herrschaft und Sicherheit – Staatsgewalt – Rechtssicherheit? – Machträume – Polizei – Der totale Sozialstaat – Ende des Staates?
IX. Kriegsgefahren 85
Gefühle, Kalküle – Krieg der Soldaten – Kriegsrecht –  Der totale Krieg
X. Terror 95
Schauplätze, Motive – Vom Terrorismus zum Terrorkrieg – Herren des Schreckens – Heckenschützen, Geiselnehmer – Selbstmordattentäter – Die Schwäche des Starken – Siege des Schwachen
XI. Frieden und Sicherheit 112
Gleichgewicht der Destruktivkräfte – Der Kalte Krieg – Hegemonie – Das Weltreich – Beschleunigte Staatsbildung?
XII. Freiheit oder Sicherheit 127
Negative Freiheit – Ausnahmezustand – Gefahren der Vorsorge – Totaler Terror
Anmerkungen 141
Krieg und Krise. Nachwort 2016  151

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Machtteilung und Minderheitsregierung

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Wolfgang Sofsky
Machtteilung und Minderheitsregierung

Mit der institutionellen Teilung der Macht ist es in der deutschen Parteien“demokratie“ nicht sonderlich weit her. Das Personal der Judikative muß häufig das „richtige“ Parteibuch haben, um ernannt oder bestellt, nicht gewählt zu werden. Das Verfassungsgericht kann der Politik zwar dazwischenfunken, ein Gesetz zurückweisen oder einen Regelungsbedarf anmahnen, aber sein Personal ist oft von politischen Netzwerken abhängig. Die Legislative, das Parlament, ist weniger dazu da, die Exekutive zu kontrollieren, als die Regierung zu unterstützen. Die Kontrollopposition ist stets in der Minderheit. Die Trennung von legislativer und exekutiver Befugnis ist nie recht zustande gekommen. Die Personalunion von Abgeordneten und Ministern gilt als Selbstverständlichkeit. Von der Trennung der Gewalten ist allenfalls die Trennung der Büros übriggeblieben. Und das politische Publikum lechzt nach starker Regierung und alleseitigem Einvernehmen. Dezentralisation der Macht gilt geradezu als Staats- oder Autoritätskrise.

In Anbetracht dessen sind die jüngsten Entwicklungen durchaus positiv zu bewerten. Erstens hat die Zahl der Nichtregierungsorganisation im Parlament drastisch zugenommen. Mittlerweile sind drei, wenn nicht vier Parteien unwillens, in die Exekutive zu wechseln (AfD, SPD, FDP, Linke). Das bedeutet eine Stärkung der Legislative. Zweitens bedeutete eine mögliche Minderheitsregierung einen Rückzug der Exekutive. Das Parlament wäre befreit von der Akklamationspflicht für die Regierung. Es hätte das zu tun, wozu es da ist: die Macht der Exekutive zu beschneiden und die Gesetze selbst zu erfinden und zu beschließen. Und die Regierung wäre genötigt, kluge und überzeugende Vorschläge zu machen, um mit jeweils wechselnden Mehrheiten die Zustimmung der Legislative finden, vor allem aber die Gesetze auszuführen, die das Parlament beschlossen hat. Nicht zuletzt würde die deutsche Demokratie endlich in den Normalzustand eintreten, der in vielen anderen Ländern Europas längst üblich ist. Dort gelten Minderheitsregierungen mitnichten als nationaler Untergang.

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Montesquieu: Freiheit und Machtteilung

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Wolfgang Sofsky
Montesquieu: Freiheit und Machtteilung

Im sechsten Kapitel des 11.Buches über den „Geist der Gesetze“ von 1748 begründet Montesqieu die Idee der Machtteilung. Sie dient der Beschränkung, nicht der, wie man heute in wohlwollendem Staatskonformiismus zu sagen pflegt, der „Verschränkung“ der Macht. Beschränkung der Staatsmacht sichert dem Bürger die Freiheit. Die Unfreiheit der Großen sichert die Freiheit der Kleinen. Die unabhängige Justiz verbrieft einen politikfreien Raum. Denn jeder Bürger hat das Recht, von der Politik nicht behelligt zu werden. Hier ein paar Passagen:

„Es gibt in jedem Staat drei Arten von Vollmacht: die legislative Befugnis, die exekutive Befugnis in Sachen, die vom Völkerrecht abhängen, und die exekutive Befugnis in Sachen, die vom Zivilrecht abhängen.
Auf Grund der ersteren schafft der Herrscher oder Magistrat Gesetze auf Zeit oder für die Dauer, ändert geltende Gesetze oder schafft sie ab. Auf Grund der zweiten stiftet er Frieden oder Krieg, sendet oder empfängt Botschaften, stellt die Sicherheit her, sorgt gegen Einfälle vor. Auf Grund der dritten bestraft er Verbrechen oder sitzt zu Gericht über die Streitfälle der Einzelpersonen. Diese letztere soll richterliche Befugnis heiflen, und die andere schlechtweg exekutive Befugnis des Staates.
Politische Freiheit für jeden Bürger ist jene geistige Beruhigung, die aus der Uberzeugung hervorgeht, die jedermann von seiner Sicherheit hat. Damit man diese Freiheit genieße, muß die Regierung so beschaffen sein, daß kein Bürger einen andern zu fürchten braucht.
Sobald in ein und derselben Person oder derselben Beamtenschaft die legislative Befugnis mit der exekutiven verbunden ist, gibt es keine Freiheit. Es wäre nämlich zu befürchten, daß derselbe Monarch oder derselbe Senat tyrannische Gesetze erließe und dann tyrannisch durchführte.
Freiheit gibt es auch nicht, wenn die richterliche Befugnis nicht von der legislativen und von der exekutiven Befugnis geschieden wird. Die Macht über Leben und Freiheit der Bürger würde unumschränkt sein, wenn jene mit der legislativen Befugnis gekoppelt wäre; denn der Richter wäre Gesetzgeber. Der Richter hätte die Zwangsgewalt eines Unterdrückers, wenn jene mit der exekutiven Gewalt gekoppelt ware.
Alles wäre verloren, wenn ein und derselbe Mann beziehungsweise die gleiche Körperschaft entweder der Mächtigsten oder der Adligen oder des Volkes folgende drei Machtvollkommenheiten ausübte: Gesetze erlassen, öffentliche Beschlüsse in die Tat umsetzen, Verbrechen und private Streitfälle aburteilen.
In den meisten Königreichen Europas ist die Regierung maßvoll, da der Herrscher sich die zwei ersteren Befugnisse vorbehält und die Ausübung der dritten durch seine Untertanen zuläßt. Bei den Türken kommen diese drei Machtvollkommenheiten bei dem Oberhaupt, dem Sultan, zusammen, und ein grauenvoller Despotismus regiert.
In den Republiken Italiens werden diese drei Machtvollkommenheiten vereint. Daher ist dort weniger Freiheit zu finden als in unseren Monarchien. Deswegen hat die Regierung genau solche Gewaltmittel zu ihrer Erhaltung nötig wie die türkische. Das bezeugen die Staatsinquisitoren sowie jene Büchse, in die jederzeit jeder Denunziant auf einem Zettel seine Anschuldigung einwerfen kann.
Man betrachte die Situation eines Bürgers in diesen Republiken. Die gleiche Beamtenschaft hat als Ausführer der Gesetze alle die Befugnisse, die sie sich als Gesetzgeber selber verliehen hat. Sie vermag den Staat durch ihren Gemeinwillen [volontés générales] zu verheeren. Da sie auch noch die richterliche Gewalt innehat, vermag sie jeden Bürger durch ihre Sonderbeschlüsse zugrunde zu richten.
Alle Befugnisse bilden hier eine einzige. Obwohl hier keine äußere Pracht einen despotischen Herrscher verrät, bekommt man ihn auf Schritt und Tritt zu spüren.
Daher haben alle Herrscher, die sich zu Despoten machen wollten, stets mit einer Vereinigung aller Ämter in ihrer Hand den Anfang gemacht; desgleichen mehrere europäische Könige mit der Vereinigung aller höchsten Stellen ihres Staats.
Zwar glaube ich gern, daß die reine Geburtsaristokratie der italienischen Republiken mit dem asiatischen Despotismus nicht aufs Haar übereinstimmt. Die Ämterfülle mildert das Ämterwesen manchmal. Nicht immer verfolgen alle Adligen dieselben Pläne. Gegensätzliche Tribunale, die einander einschränken, bilden sich. Auf solche Weise hat in Venedig der Große Rat die Legislation inne, der Pregadi die Durchführung, die Vierzig die Gerichtsbefugnis. Das Übel besteht aber darin, daß diese unterschiedlichen Tribunale durch Beamte aus der gleichen Körperschaft gebildet werden. So entsteht kaum etwas anderes daraus als die eine, gleiche Befugnis.
Richterliche Befugnis darf nicht einem unabsetzbaren Senat verliehen werden, vielmehr muß sie von Personen ausgeübt werden, die nach einer vom Gesetz vorgeschriebenen Weise zu gewissen Zeiten im Jahr aus dem Volkskörper ausgesucht werden. Sie sollen ein Tribunal bilden, das nur so lange besteht, wie die Notwendigkeit es verlangt.
In dieser Form wird die Gerichtsbefugnis, so gefürchtet sie unter den Menchen ist, sozusagen unsichtbar und nichtig, da sie weder mit einem bestimmten Stand noch einem bestimmten Beruf verbunden ist. Man hat nicht dauernd Richter vor der Nase. Gefürchtet ist das Amt, nicht die Beamten.
Bei schweren Anklagen ist es sogar nötig, daß sich der Verbrecher, gemeinsam mit dem Gesetz, Richter wählen kann. Zumindest muß er eine so große Anzahl zurückweisen können, daß die restlichen als Männer seiner Wahl angesehen werden können.
Die zwei anderen Vollmachten können viel eher Beamten oder unabsetzbaren Körperschaften anvertraut werden; denn sie werden nicht gegen Einzelpersonen angewendet. Die eine ist lediglich der Gemeinwille des Staates, die andere lediglich der Vollzug des Gemeinwillens.
Indessen, die Gerichte sollen nicht unveränderlich sein, die Urteile müssen es aber so weitgehend sein, daß sie nie mehr als ein genauer Gesetzestext sind. Wenn sie nur die Privatmeinung des Richters darstellten, würde man in einem Gesellschaftszustand leben, ohne genau die Verpflichtungen zu kennen, die man damit vertraglich eingeht.
Die Richter müssen sogar aus dem Stand des Angeklagten stammen oder ihm ebenbürtig sein. Sonst könnte er sich in den Kopf setzen, er sei in die Hände voreingenommener Leute gefallen, die ihm Gewalt antun wollen.
Wenn die legislative Befugnis der Exekutive das Recht zur Gefangensetzung von Bürgern abtritt, die eine Kaution für ihr Verhalten stellen können, gibt es keine Freiheit mehr. Höchstens wenn sie verhaftet worden sind, um sich auf Grund einer Anklage wegen eines Verbrechens unverzüglich zu verantworten, auf das nach dem Gesetz die Todesstrafe steht. In solchem Fall sind sie tatsächlich frei, weil sie allein der Gewalt des Gesetzes unterstehen.
Falls aber die legislative Befugnis sich infolge irgendeiner geheimen Verschwörung gegen den Staat oder infolge irgendeines Einverständnisses mit äußeren Feinden für gefährdet hielte, könnte sie der exekutiven Befugnis die Verhaftung verdächtiger Bürger für eine kurze und beschränkte Zeit gestatten. Die Betroffenen würden ihre Freiheit nur zeitweilig verlustig gehen, damit die Freiheit für immer bewahrt wird.
Einzig und allein dies Mittel steht der Vernunft an als Ersatz für die tyrannische Amtsführung der Ephoren und die nicht minder despotische der Staatsinquisitoren von Venedig.
In einem freien Staat soll jeder Mensch, dem man eine freie Seele zugesteht, durch sich selbst regiert werden: daher müßte das Volk als Gesamtkörper die legislative Befugnis innehaben. Da dies in den großen Staaten unmöglich ist und in den kleinen Staaten vielen Nachteilen unterliegt, ist das Volk genötigt, all das, was es nicht selbst machen kann, durch seine Repräsentanten machen zu lassen.
Die Nöte seiner eigenen Stadt kennt man besser als die anderer Städte. Uber die Leistungskraft seiner Nachbarn urteilt man sicherer als über die von femstehenden Mitbürgern. Darum sollen die Mitglieder der legislativen Körperschaft nicht pauschal aus dem Ganzen der Nation ausgesucht werden. Es ist vielmehr zweckmäßig, daß sich die Finwohner jedes bedeutenden Orts einen Repräsentanten wählen.
Die Repräsentanten sind in der Lage, die Angelegenheiten zu erörtern. Das ist ihr großer Vorteil. Das Volk ist dazu durchaus nicht geeignet. Das ist eines der großen Gebrechen der Demokratie.
Haben die Repräsentanten von ihren Wählern eine allgemeine Anweisung erhalten, so ist eine besondere Anweisung für jede Angelegenheit, wie es bei den deutschen Reichstagen gehandhabt wird, nicht notwendig. Gewiß gäbe das Wort der Deputierten bei diesem Verfahren weit eher der Stimme der Nation Ausdruck; aber das würde endlose Verlängerungen heraufbeschwören. Jeder Deputierte wäre der Herr aller anderen. Bei Ereignissen, die schnellstes Handeln erfordern, könnte die ganze Kraft einer Nation durch eine Laune gelähmt werden.“

© WS 2017

Blutrat in Brüssel

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Wolfgang Sofsky
Blutrat in Brüssel

Von 1567 bis 1573 wurden die Niederlande vom „Rat der Unruhen“, den die Einheimischen alsbald den „Blutrat“ nannten, tyrannisiert. Der spanische König Philipp II. entsandte den berüchtigten Herzog von Alba als Statthalter mit spanischen Truppen, um den einheimischen Adel und den Aufruhr (Rebellion!) der calvinistischen „Ketzer“ und Bilderstürmer zu unterdrücken. Albas Aufgaben waren klar definiert: Bestrafung der Rebellen, Stärkung der Zentralmacht, Reform des Steuersystems zugunsten des Königs, d.h. Konfiszierung einhemischen Vermögens zugunsten der Krone. Bereits eine Woche nach seinem Eintreffen in Brüssel setzte Alba den Rat der Unruhen ein. Er konnte, ungeachtet des Standes, jede verdächtige Person vor Gericht laden und aburteilen. Revision oder Berufung waren nicht vorgesehen. Das Urteil war unwiderruflich und an keine weitere Autorität gebunden. Der Blutrat war nichts anderes als die Fortsetzung spanisch-katholischer Besatzungsmacht mit den Mitteln der Blutjustiz. Die bekanntesten Opfer des Rats, desssen Beschlüsse zuletzt von Alba selbst oder seinem Günstling, dem Lizentiaten Vargas gefällt wurden, waren die Grafen Egmont und Philipp van Hoorne, die am 5. Juni 1568 in Brüssel hingerichtet wurden. Die Schreckensherrschaft Albas löste eine Flüchtlingswelle aus, bis zu 18.000 Todesurteile soll der Blutrat verhängt haben.

„Alle Gefängnisse, deren der Herzog gleich beim Antritt seiner Verwaltung eine große Menge hatte neu erbauen lassen, waren von Delinquenten vollgepreßt; Hängen, Köpfen, Vierteilen, Verbrennen waren die hergebrachten und ordentlichen Verrichtungen des Tages; weit schon seltener hörte man von Galeerenstrafe und Verweisung, denn fast keine Verschuldung war, die man für Todesstrafe zu leicht geachtet hätte.“ (Friedrich Schiller, Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung ,1788).

Es dauerte achtzig Kriegsjahre, bis die Niederlande die Unabhängigkeit von Spanien errungen hatten. Parallelen zu aktuellen Vorkommnissen in Madrid, Barcelona und Brüssel sind rein zufällig.

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Moses Mendelssohn: Kleine Schwingungen

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Wolfgang Sofsky
Moses Mendelssohn: Kleine Schwingungen

1783 veröffentlicht der Aufkärer Moses Mendelssohn „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“. Im zweiten Abschnitt findet sich ein nüchternes Fazit der sittlichen und moralischen Qualitäten des Menschengeschlechts, vor allem jedoch eine Absage an jede Illusion von sittlichem Fortschritt. Ein solcher ist in der Geschichte und in der göttlichen Vorsehung (sofern es solches geben sollte) nicht  vorgesehen. Man soll sich illusionärer Hypothesen und blinder Hoffnungen enthalten und „umherschauen auf das, was wirklich geschieht.“ Der Realist Mendelssohn kommt ohne Fortschrittsglauben aus, im Gegensatz zu jedweden „Idealisten“ wie Lessing, Kant, Fichte, Hegel, Marx etc., im Gegensatz aber auch zu den atheistischen Fortschrittsgläubigen des Pariser Holbach-Kreises, die auf den läuternden Fortschritt durch die Erkenntnisse der Wissenschaften hoffen. Vom Geschwätz der populären politischen Ideologien jeglicher Couleur wollen wir gar nicht reden.

„Aber daß auch das Ganze, die Menschheit hienieden, in der Folge der Zeiten immer vorwärts rücken und sich vervollkommnen soll, dieses scheint mir der Zweck der Vorsehung nicht gewesen zu sein…. Nun findet ihr,in Absicht auf das gesamte Menschengeschlecht, keinen beständigen Fortschritt in der Ausbildung, der sich der Vollkommenheit immer weiter näherte. Vielmehr sehen wir das Menschengeschlecht im ganzen kleine Schwingungen machen; und es tat nie einige Schritte vorwärts, ohne bald nachher, mit gedoppelter Geschwindigkeit in seinen vorigen Zustand zurück zu gleiten… Der Mensch geht weiter; aber die Menschheit schwankt beständig zwischen festgesetzten Schranken auf und nieder; behält aber, im ganzen betrachtet, in allen Perioden der Zeit ungefähr dieselbe Stufe der Sittlichkeit, das selbe Maß von Religion und Irreligion, von Tugend und Laster, von Glückseligkeit  und Elend.“ 

Eine realistische Sicht auf die Zeitläufte erfordert indes eine theoretische Einstellung aus der Perspektive des unbeteiligten Zuschauers. Ihr bietet sich das Welttheater als das dar, was es ist. Die an praktischer, sittlicher Vervollkommnung interessierten Dichter und  Denker, Pädagogen, Pastoren und Politiker sind viel zu sehr mit der Erziehung und „Rettung“ des Menschengeschlechts befaßt, als daß sie die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens sehen, geschweige denn einsehen könnten. Die theoretische Einstellung ist ihnen unmöglich. Die Trauer würde sie lähmen, der Zorn der Vergeblichkeit würde sie rasend machen. Irgendwann fällt der Vorhang vor diesem statischen Trauerspiel.

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Freiheit, Katalonien, deutsche Reaktionen

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Wolfgang Sofsky
Freiheit, Katalonien, deutsche Reaktionen

Im ach so freisinnigen Germany reagiert man auf die Freiheitsbewegung der Katalanen mit seltsamen Etikettierungen.

Die einen sind verärgert, daß sie in ihrer Ruhe und ihrem innigen Glauben an die allseitige Welteinheit gestört werden. Andere sind erbost, daß eine Region mit knapper Mehrheit für die Freiheit votiert und dabei das Verfassungsrecht des spanischen Zentralstaates mißachtet. Es liegt in der Natur einer Sezession, daß Justiz und Recht des alten Regimes für den neuen Staat nicht mehr zuständig sind, weswegen es auch nicht ohne eine gewisse Absurdität ist, daß sich die Wortführer der Sezession nach Madrid begeben, um sich von dem dortigen Sondergericht aburteilen zu lassen. Nach der Sezession ist Madrid für Barcelona nicht mehr zuständig. Wie man seinen Häschern entkommt, ob in den Bergen, im Keller, in Brüssel, Antwerpen, Helsinki, London, Edinburgh oder New York ist eine Frage der Sicherheit und Gelegenheit. Aber was fordern die altgermanisch, protestantischen Kommentatoren? Wer sich der spanischen Repression entzieht, sei ein Feigling, der „anständige“ Widerstandskämpfer, deren Zahl in Old Germany ja seinerzeit in die Millionen ging, habe – auch ohne freies Geleit – vor das Gericht zu treten, „anständig“ zu bekennen, schließlich kann er gesinnungsmäßig nicht anders, als sich verhaften und einkerkern zu lassen. Wahrhaft Ehre hat im neuen Deutschland nur, wer sich köpfen läßt.

Wieder andere germanische Kommentatoren schreiben den Katalanen eine bewußte, halbbewußte oder unbewußte Neigung zu „Masochismus“ zu, als hätten sie die aktuelle Niederlage gegen das spanische Protektoratsregime halbwillentlich herbeigeführt, um besser und schöner leiden zu können. Auch eine Neigung zur Opferrolle dichtet man den Katalanen an. Wer verliert, ist schließlich selber schuld. Das ist besonders perfide, weil man so das, was man den Deutschen nicht zu Unrecht vorhalten konnte, ins Ausland projizieren und sich selbst damit entlasten kann: Seht nur, diese Katalanen sind genauso wehleidig und selbstgerecht wie wir selber. Aber wir haben uns davon emanzipiert, wir haben gelernt, wir sind also die historisch Besseren. Abgesehen davon, daß historische Verlierer keine Opfer sind, und man nach einer Niederlage durchaus Grund zu Trauer haben kann.

Und da sind die Staatstreuen und Staatsgläubigen aller Couleur, die Konservativen ohnehin, die Liberalen (in Germany seit je eher nationaleinheitlich als libertär gesinnt) im Zweifelsfall ebenso, und die Sozialdemokraten und Staatssozialisten schon immer. Alle fürchten sie, ihr Glaube an die Legitimität staatlicher Ordnung könne Risse bekommen, wenn sich ein paar Millionen von einem Staat lossagen und ihren eigenen gründen. So groß ist die Staatstreue und die Angst vor dem Chaos, daß der Zentralstaat auch ruhig mal etwas energischer, robuster für Ordnung sorgen darf. Lieber Ordnung als Freiheit, das ist die Devise aller Staatsparteien.

Vorgehalten wird den Katalanen auch, sie seien „unsolidarisch“, weil sie sich von Madrid steuerlich nicht ausplündern lassen wollen und nur der Zentralstaat für gerechte Umverteilung in die ärmeren Regionen sorgen könne. Es seien die Reichen, die frei sein wollten. Nun kann man getrost bezweifeln, wie effektiv und gerecht eine zentrale Umverteilung in Spanien vonstatten geht und wieviel von der Umverteilung in den Taschen der regierenden Parteien landet, deren Korruptheit und Bestechlichkeit kaum jemand ernsthaft bestreitet. Solidarität, die nicht freiwillig erbracht wird, ist keine. Umverteilung ohne Zustimmung ist nichts als Zwang und Ausbeutung. Wer wollte es den Katalanen verdenken, daß sie selbst darüber entscheiden wollen, ob und wieviel sie ärmeren Regionen zahlen wollen, für welche Gegenleistung oder als Geschenk, nach dem Prinzip Etwas für Nichts.

Übel stößt es dem Deutsch-Demokraten auf, wenn bei einer Wahl oder einem Volksentscheid ein Ergebnis herauskommt, was ihm nicht gefällt. Das dumme „Volk“ ist stets verführt worden, von blonden Strähnenköpfen beim Brexit oder von dunklen Pilzköpfen in Barcelona. Die Verführer sollten endlich mal zum Friseur gehen. Aber immer ist das Volk dumm, von „Eliten“ verführt, ahnungslos, unvernünftig. Denn vernünftig ist nur, was dem Michel gefällt, wohlrasiert und wohlfrisiert, weise und klug, wie er ist. Das Deutungsschema ist altbekannt. Die armen Millionen, sie werden immer nur verführt, schon damals wurden die Deutschen, ahnungslos und unschuldig wie sie waren, verführt – von einer Figur mit seltsamer Haar- und Barttracht. Der Verführte kann nichts dafür, daß er will, was er will; es sind die Anführer (früher „Führer“), die ihm sagten, was er wollen soll.

Ein wahrer Horror ist vielen Germanen ein drohender „Rückfall in Kleinstaaterei“ , hat man doch Jahrhunderte gebraucht, um sich von der Obrigkeit zur späten Nation einen zu lassen. Katalonien wäre ein respektabler Staat in Europa mit sieben Mill. Einwohnern, offenen Grenzen, nicht zuletzt zu Spanien, größer als ein Drittel aller EU-Staaten, größer jedenfalls als das Herkunftland eines EU-Oberen, der, aus Klein-Luxembourg stammend, unermüdlich nach Größe strebt. Kleinere Staatsgebilde bieten zahlreiche Vorteile, neben der Bürgernähe und Kontrolldichte nicht zuletzt die kürzeren Fluchtwege. Von Ludwigsburg nach Mannheim war es seinerzeit nur ein Tagesritt, und der Deutschen Freiheitsdichter Fritze Schiller war in Sicherheit.

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Schröder-Sonnenstern: Staatsnarrenschiff

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Wolfgang Sofsky
Schröder-Sonnenstern: Staatsnarrenschiff

Von Friedrich Schröder-Sonnenstern, der erst 1949, mit knapp sechzig Jahren damit begann, abseits des Kunstbetriebs mit Buntstiften Bilder zu zeichnen, die in  Grenzbereiche des Surrealen führen, stammt ein Bildnis vom Staatsschiff auf Mondgeistfahrt, dessen Verweise auf wirkliche Narrenschiffe und politische Geisterfahren zwar beabsichtigt, aber ganz und gar zufällig ist.

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Joan Miró: Le Faucheur

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Joan Miró: Le Faucheur

1937 malte der „internationale Katalane“ Joan Miró im Pavillon der spanischen Republik bei der Weltauststellung zu Paris, gegenüber von Picassos (einem anderen internationalen Katalanen!) „Guernica“ ein großes Wandbild: „Le faucheur“ – „Der Schnitter“ oder „Aufständischer katalanischer Bauer“, einen schmalen Rumpf, darauf hochgereckt ein Kopf. Das Bild ist verschollen, aber ein Photo zeigt Miró bei der Arbeit.

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Respice finem

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Wolfgang Sofsky
Respice finem

„Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, sagt ein mittelalterlicher Mahnspruch aus den Gesta Romanorum: Was immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende. Die Empfehlung geht nicht nur auf das apokryphe Buch „Jesus Sirach“ zurück, sondern auch auf den griechischen Fabeldichter Äsop, der einsichtigen Lesern auf den Weg gab: „Klugen Leuten ziemt es, zunächst das Ende eines Unternehmens ins Auge zu fassen und es erst dann also ins Werk zu setzen.“ Anders gesagt: Nicht derjenige handelt verantwortlich und klug, der gute Absichten, feste Überzeugungen, herzvolle Worte, unverrückbare Prinzipien zum Ausgang seiner Dezision nimmt, sondern eine umsichtige Einschätzung der faktischen Konsequenzen seiner Entscheidung.  Nur auf die laute innere Stimme zu hören, kann leicht dazu führen, daß die realen Folgen diametral der guten Absicht widersprechen.

Dieser Grundsatz erspart viele hypermoralisch gesteuerte Entscheidungen, angefangen von der Migrationspolitik der offenen Grenzen, der Umverteilungspolitik des begrenzten Reichtums, der Wirtschaftspolitik des unbegrenzten Wachstums, der Sicherheitspolitik der unbegrenzten Überwachung bis zur Konsumpolitik des begrenzten Verbrauchs. Allerdings lassen sich, da Entscheidungen oftmals Knotenpunkte für den Start konträrer und divergenter Entwicklungen sind, die Folgen selten klar voraussagen. Die Wirklichkeit der Dezision streicht zwar akute Möglichkeiten und befreit von der Last der Unentschlossenheit, aber sie erzeugt neue mögliche Welten in der Zukunft. Nur der allwissende Dämon kennt bereits alle Konsequenzen, die erwünschten und die unerwünschten.

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Max Weber: Politik, Staat und Gewalt

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Max Weber: Staat, Gewalt, Politik

Zu Beginn (§2) der Staatssoziologie in „Wirtschaft und Gesellschaft“ gibt Max Weber eine kurze und nüchterne Charakteristik dessen, was man unter „Staat“ und „Politik“ zu verstehen hat, wen man sich auf dem Boden der historischen Wirklichkeit bewegen will. Man klammere also alles ein, was in Sonntags-, Kanzel-,   Katheder- und sonstigen Pultreden aus interessiertem oder unberufenem Munde zu hören ist, und richte den Blick auf das, was der Fall ist. Das dem Staat spezifische Mittel ist die Gewalt, die er zu monopolisieren trachtet. Und Politik ist nichts anderes als das Streben nach Macht, nicht zuletzt nach Macht über die fraglichen Gewaltmittel. Alles andere ist Schönfärberei, Illusionspolitik. Dies heißt natürlich nicht, daß Machtpolitik sich nicht auch gewaltfreier Taktiken bediente oder daß der Gehorsam, auf dem die Staatsherrschaft aufruht, allein durch Angst motiviert sei.

„Vom Standpunkt der soziologischen Betrachtung ist ein »politischer« Verband und insbesondere ein »Staat« nicht aus dem Inhalt dessen zu definieren, was er tut. Es gibt fast keine Aufgabe, die nicht ein politischer Verband hier und da in die Hand genommen hätte, andererseits auch keine, von der man sagen könnte, daß sie jederzeit, vollends: daß sie immer ausschließlich denjenigen Verbänden, die man als politische, heute: als Staaten, bezeichnet oder welche geschichtlich die Vorfahren des modernen Staates waren, eigen gewesen wäre. Man kann vielmehr den modernen Staat soziologisch letztlich nur definieren aus einem spezifischen Mittel, das ihm, wie jedem politischen Verband, eignet: das der physischen Gewaltsamkeit. »Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet«, sagte seinerzeit Trotzkij in Brest-Litwosk. Das ist in der Tat richtig. Wenn nur soziale Gebilde beständen, denen die Gewaltsamkeit als Mittel unbekannt wäre, würde der Begriff »Staat« fortgefallen sein; dann wäre eingetreten, was man in diesem besonderen Sinn des Wortes als »Anarchie« bezeichnen würde. Gewaltsamkeit ist natürlich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates – davon ist keine Rede –, wohl aber: das ihm spezifische. In der Vergangenheit haben die verschiedensten Verbände – von der Sippe angefangen – physische Gewaltsamkeit als ganz normales Mittel gekannt. Heute dagegen werden wir sagen müssen: Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes – dies: das »Gebiet«, gehört zum Merkmal – das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezifische ist, daß man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur soweit zuschreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des »Rechts« auf Gewaltsamkeit.

»Politik« würde für uns also heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt. Das entspricht im wesentlichen auch dem Sprachgebrauch. Wenn man von einer Frage sagt: sie sei eine »politische« Frage, von einem Minister oder Beamten: er sei ein »politischer« Beamter, von einem Entschluß: er sei »politisch« bedingt, so ist damit immer gemeint: Machtverteilungs-, Machterhaltungs-oder Machtverschiebungsinteressen sind maßgebend für die Antwort auf jene Frage oder bedingen diesen Entschluß oder bestimmen die Tätigkeitssphäre des betreffenden Beamten. Wer Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele – idealer oder egoistischer –, oder Macht »um ihrer selbst willen«: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen.

Der Staat ist, ebenso wie die ihm geschichtlich vorausgehenden politischen Verbände, ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Damit er bestehe, müssen sich also die beherrschten Menschen der beanspruchten Autorität der jeweils herrschenden fügen. Wann und warum sie das tun, läßt sich nur verstehen, wenn man die inneren Rechtfertigungsgründe und die äußeren Mittel kennt, auf welche sich eine Herrschaft stützt.“

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Sebastian Brant: Von unnützen Büchern

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Sebastian Brant: Von unnützen Büchern

Im Narrentanz voran ich gehe
Da ich viel Bücher um mich sehe,
Die ich nicht lese und verstehe.
Daß ich vornan sitz‘ in dem Schiff,
Das hat fürwahr besondern Griff;
Ohn Ursach ist das nicht gekommen:
Auf Bücher stellte ich mein Frommen,
Von Büchern hab‘ ich großen Hort,
Versteh‘ ich gleich drin wenig Wort‘,
So halt‘ ich sie doch hoch in Ehren:
Es darf sie keine Flieg‘ versehren.
Wo man von Künsten reden thut,
Sprech‘ ich: »Daheim hab‘ ich sie gut!«
Denn es genügt schon meinem Sinn,
Wenn ich umringt von Büchern bin.
Von Ptolemäus wird erzählt,
Er hatte die Bücher der ganzen Welt
Und hielt das für den größten Schatz,
Doch manches füllte nur den Platz,
Er zog daraus sich keine Lehr‘.
Ich hab‘ viel Bücher gleich wie er
Und les‘ doch herzlich wenig drin.
Zerbrechen sollt‘ ich mir den Sinn,
Und mir mit Lernen machen Last?
Wer viel studirt, wird ein Phantast!
Ich gleiche sonst doch einem Herrn
Und lohne einem, der für mich lern‘!
Wenn ich auch habe groben Sinn
Und einmal bei Gelehrten bin,
Kann ich doch sprechen: »Ita! – So!«
Des deutschen Ordens bin ich froh,
Dieweil ich wenig weiß Latein.
Ich weiß, dass vinum heißet »Wein,«
Gucklus, ein Gauch, stultus, ein Thor,
Und dass ich heiß‘: »domine doctor!«
Die Ohren sind verborgen mir,
Sonst säh‘ man bald des Müllers Thier.

(Sebastian Brant, Das Narrenschyff, Basel 1494.

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Hegel: Leere Blätter

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Wolfgang Sofsky
Hegel: Leere Blätter

In der berühmten Einleitung zu den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte bemerkt der große Realist Georg Wilhelm Friedrich Hegel:

„Glücklich ist derjenige, welcher sein Dasein seinem besonderen Charakter, Wollen und Willkür angemessen hat und so in seinem Dasein sich selbst genießt. Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr; denn sie sind Perioden der Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes.“

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Kleist: Ich

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Kleist: Ich

Merkur: Halt dort! Wer geht dort?
Sosias: Ich.
Merkur: Was für ein Ich?
Sosias: Meins mit Verlaub…

(H.v.Kleist, Amphitryon I,2)

Aus der Verwechslung von deiktischen Ausdrücken wie „ich“, „du“, „wir“ „hier“ oder „dort“ mit vermeintlichen Nominativen „Ich“, „Du“, „Wir“ ergeben sich nicht nur allerhand dramatische Verwicklungen, sondern auch kuriose philosophische, politische oder psychologische Theorien, über die Jahrhunderte lang trefflich gestritten werden kann.

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Unregierbarkeit?

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Unregierbarkeit?

Gegeben sei der hypothetische, geradezu fiktive, aber nicht ganz unwahrscheinliche Wahlausgang, wonach nur zwei Konstellationen eine Mehrheitsregierung bilden können: 1. CDU-FDP-Grüne (Jamaika) oder 2. CDU-SPD (GroKo). Nun läßt der SPD-Parteivorstand wie angekündigt die Mitglieder zur GroKo befragen, und diese lehnen mit knapper Mehrheit (50.1.%) eine Fortsetzung von GroKo ab. Gut innerparteidemokratisch folgt der SPD-Parteivorstand diesem Votum, obwohl Merkel Angebote macht (2 SPD-Vizekanzler, 2 SPD-Außenminister, gleich viele Ministerien, Sondergratifikation für Koalitionsskeptiker etc.), die man bei Verstand kaum ablehnen kann. Trotzdem, GroKo findet nicht statt, auch aus „gesamtstaatlicher Verantwortung“ nicht. Bleibt Jamaika: auch hier überproportionale und unverdiente Angebote an die kleinste Partei der Grünen (insbesondere an die alte FDJ-Genossin G-Eckardt, die zweite Vizekanzlerin werden soll ), die Mehrheit der abstimmenden grünen Mitglieder (unter revitalisierter Führung von Altleninist Trittin) ist dagegen. Da sagt dann auch die FDP, für eine Minderheitskoalition allein mit der CDU stehe sie nicht zur Verfügung. Also: Merkel steht alleine da, keiner will (was letztlich völlig unwahrscheinlich ist, weil alle wissen: „Opposition ist Mist“ und „Prinzipien sind relativ“). Aber mal angenommen, Merkel steht alleine da. Eine Minderheitskoalition mit Duldung traut sie sich nicht. Nachhausegehen will sie auch nicht. Bleiben Neuwahlen, das Ganze von vorn. Und da sind allüberall im Lande die Wehklagen, ach Gott, das Land ist unregierbar, wenn´s mal keine satte Mehrheit gibt. Neuwahlen: Die SPD verliert weiter, sagen wir 19,98%, weil die Mehrheit der Bevölkerung keine SPD wählen will, die nicht regieren will. AfD (Morgenluft witternd) erreicht dafür 16,59%. Da müssen dann „ruckmäßig“ alle Demokraten in antifaschistischer Einheitsfront zusammenhalten: CDU-SPD-FDP-Grüne, unter Duldung der Linken. Das ist keine GroKo, sondern eine ÜgroKo (Übergroße Koalition).  Das ist der Zustand der totalen Regierbarkeit – der i.ü. auch mit der GroKo fast schon erreicht ist. Merkels großer Traum: Endlich mal richtig „durchregieren“, „retten“, was alles so zu retten ist. Und der seniorale Bürger freut sich: Endlich sind sie sich mal alle einig, nicht immer dieser ewige Streit. So sorgt die AfD letztlich dafür, daß das Land total regierbar wird. Aber, wie gesagt, das ist alles hypothetisch, fiktiv, Koalitionssatzleserei.

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Werte und Macht

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Wolfgang Sofsky
Werte und Macht

Wer Wert sagt, will den Wert setzen, ihn durchsetzen. Tugenden übt man aus, Normen werden auf Einzelfälle angewendet, Befehle werden exekutiert, Werte indes werden gesetzt und durchgesetzt. Wer behauptet, daß Werte einfach gelten, kaschiert, daß sie entweder bereits durchgesetzt wurden (dies wäre eine überprüfbare empirische Behauptung), oder noch durchgesetzt werden sollen (dies wäre eine verkappt präskriptive Behauptung). Meist wird beides vermischt, wobei so getan wird, als sei das, was man durchsetzen will, bereits verbindlich, als sei das Resultat der Machtaktion bereits eine Tatsache. Dies ist eine Methode der, um mit C.Schmitt zu reden, „Selbstverpanzerung im Kampf der Wertungen“, oder anders gesagt, eine Methode im Machtkampf der Ideologien. Die Behauptung, ein Wert sei „objektiv“ kann also einen harmlosen Sinn haben, wenn man dessen Verbindlichkeit empirisch festgestellt hat, z.B. daß eine Mehrheit den Wert für richtig und in ihrem Handeln für verbindlich hält. Ein solcher Wert gilt dann, er hat faktische Geltung. Einen ganz anderen Sinn hat die Behauptung von der „Objektivität“ eines Werte,  wenn derjenige, der dies behauptet, den Wertträger (also die eigene Gruppe) verschweigt, das Subjekt der Wertsetzung verschleiert und vor allem den thetischen Charakter seiner Wertsetzung verharmlost. Wer einen Wert setzt, wertet das eine auf und das andere ab, er verwertet den Wert und setzt sich gegen Unwertes ab. Nicht selten wird diese Setzung mit den stärksten Mitteln betrieben. Das Böse kann getrost und mit bestem Gewissen mit Bösem bekämpft werden.

Behält man diesen Zusammenhang im Auge, dann erscheint das beliebte Gerede von Werten als eine Aktion im ideologischen Machtkampf. Werte zu beschwören, an sie zu appellieren oder so zu tun, als würden sie gelten, sind Maßnahmen der Wertdurchsetzung. Sie gehen einher mit einer aggressiven Abwertung des Gegners. Man kann im Kampf gegen den Haß selbst haßerfüllt sein. Die vielen Friedens-, Demokratie- und Menschenfreunde, die höchste Werte im Munde führen, können im Machtkampf und Wortgefecht selbst ziemlich rabiat werden. Dasselbe gilt für die Gegenseite, die von Volk, Vaterland, Heimat, Verrat etc. redet. Moralpropaganda ist ein aggressiver Machtkampf. Die einen sollen eingesperrt, die anderen verjagt werden. So wäre schon etwas gewonnen, würde man diese Wertebene einfach mal streichen, oder zumindest deutlich, ohne menschen(un)freundlichen Augenaufschlag, sagen, wer was durchsetzen und daß er etwas durchsetzen will. Ist das Visier geöffnet, kann man zumindest die Gegner erkennen in ihren Interessen, Standpunkten, Angriffspunkten.

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Carl Schmitt: Allerlei Wertpunkte

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Wolfgang Sofsky
Carl Schmitt: Allerlei Wertpunkte

In dem Beitrag „Die Tyrannei der Werte“ in der Forsthoff-Festschrift „Säkularisation und Utopie“ von 1967 sorgt sich Carl Schmitt um die heimliche „Aggressivität“ der Punktsetzung, die mit der Etablierung von Werten stets verbunden ist.

„Worte wie Standpunkt oder Gesichtspunkt lenken davon ab oder erwecken den Eindruck eines scheinbar grenzenlosen Relativismus, Relationismus und Perspektivismus und damit auch einer ebenso großen Toleranz, verbunden mit einer grundsätzlichen, wohlwollenden Neutralität. Sobald aber zum Bewußtsein kommt, daß hier auch Angriffspunkte im Spiel sind, entfallen die neutralistischen Illusionen. Man kann versuchen, das Wort „Angriffspunkt“ zu verharmlosen, indem man es in einen bloßen „Ansatzpunkt“ umdeutet. Das würde jedoch nur den unbequemen Eindruck mildern, nicht aber immanente Aggressivität selbst. Diese bleibt die „fatale Kehrseite der Werte““.

Ein „Angriffspunkt“ ist jener Punkt, auf den ein Angriff zielt, worauf also die Waffe gerichtet ist. Oder es ist jener Punkt, von dem aus ein Angriff startet? Zwar scheint der „postmoderne“ Relativismus gar keine Angriffspunkte zu kennen, da alle Werte relativ, in ihrer Geltung also begrenzt, als Werte also nicht viel wert sind. Wo alle Mauern geschleift sind, gibt es keine Angriffspunkte. Werte, die den Namen verdienen, bieten indes auch Angriffspunkte. Sie können bestritten und müssen verteidigt werden. Sie nur zu proklamieren oder zu beschwören, ist keine Wertsetzung, keine Punktsetzung. Aber jeder Wertsetzung haftet ein Moment des Punktuellen an, der Dezision. Irgendwann ist die Debatte beendet und der Wert gilt, punktum. Solange er diskutiert wird, gilt er nicht. Wie das Gesetz per Abstimmung oder Erlaß gesetzt wird, so werden auch Werte am Ende gesetzt. Die Attacken mögen erneut beginnen, aber das können sie nur, weil der Wert als solcher, durch seine bloße Existenz, einen Angriffspunkt bietet. Aber umso leichter läßt sich eine Wertmauer verteidigen, je dürftiger die Attacke und je besser der Wert begründet ist.  Je begründeter die Dezision, desto weniger Angriffspunkte. Das aber ist nur die sachliche, nicht die politische oder soziale Seite der ganzen Angelegenheit.

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Paul Klee: Punkt

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Paul Klee: Punkt

Klee hat in seiner Form- und Gestaltungslehre „Das bildnerische Denken“ auch auf den Punkt verwiesen, obwohl der Punkt so ziemlich das Gegenteil von dem zu sein scheint, worum es bei Klee meistens geht: die Bewegung, Dynamik, die Spannung:

„Der Punkt ist nicht dimensionslos, sondern unendlich kleines Flächenelement, das als Agens die Bewegung Null ausführt, das heißt es ruht. Kurz nach dem Ansetzen des Stiftes entsteht eine Linie. Der Punkt ist kosmisch, als Urelement. Jeder Eisamen ist kosmisch. Der Punkt ist kosmisch als Überschneidungsstelle von Bahnen. Der Punkt ist statisch als Aufprallpunkt. Der Punkt in Spannung zu Punkt gibt Linie…“

„Der Punkt ist kosmisch als Urelement. Die Dinge auf der Erde sind in ihrer Bewegung gehemmt und müssen einen Anstoß erfahren. Die Urbewegung, das Agens, ist ein Punkt, der sich in Bewegung setzt (Genesis der Form). Es entsteht eine Linie…“

Wenn auf einer Fläche zwei Punkte, zumal jene in Rot und Schwarz einander entgegenstehen, sind sie nicht durch eine Linie verbunden. Sie bleiben isoliert, für sich. Rot bewegt sich nicht zu Schwarz und Schwarz nicht Richtung Rot. Das ist das Nebeneinander der Punkte, allenfalls noch ein Gegensatz, eine Konstellation, die Klee im Bild realisiert hat, obwohl er sie im Text nicht vorgesehen hat.

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Kandinsky: Punkt

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Wolfgang Sofsky
Kandinsky: Punkt

Die Idee, das Universum sei zuletzt aus einem Punkt entstanden, dessen Durchmesser so winzig gewesen sei, daß man ihn fast für nichts halten könnte, wäre da nicht eine Hitze gewesen, eine Art „Urkraft“, in der Strahlung und Materie noch eins gewesen sein müssen und die durch irgendeine winzige Schwankung dafür sorgte, daß der Anfangspunkt instabil  wurde und zur Welt explodierte, diese Idee ist nicht zuletzt deshalb so bestechend wie unvorstellbar, weil es eine ästhetische Analogie für den Anfang gibt, den Punkt, mit dem die Linie anhebt, der Punkt, der je nach Raumlage Spannung erzeugt. Dieser Punkt ist ungleich anschaulicher als der astronomische Urpunkt der Welt, aber er vermittelt eine Phantasie von dem, worüber wir fast nichts wissen.

In dem Bauhaus-Buch Nr.9 von 1926 „Punkt und Linie zu Fläche“, einem Beitrag zur Analyse der malerischen Elemente, beginnt Wassily Kandinsky die Betrachtung des Punktes jedoch mit einem Blick auf die Sprache. Der Punkt ist das Schweigen, das stumme Universum, und er ist die Brücke von Satz zu Satz, von Gedanke zu Gedanke. Und dann reißt es den Punkt auf einmal auseinander zu einem neuen Klang:

„Der geometrische Punkt ist ein unsichtbares Wesen. Er muß also
als ein unmaterielles Wesen definiert werden. Materiell gedacht
gleicht der Punkt einer Null.

In dieser Null sind aber verschiedene Eigenschaften verborgen, die
„menschlich“ sind. In unserer Vorstellung ist diese Null — der
geometrische Punkt — mit der höchsten Knappheit verbunden, d. h.
mit der größten Zurückhaltung, die aber spricht.

So ist der geometrische Punkt in unserer Vorstellung die höchste
und höchst einzelne Verbindung von Schweigen und
Sprechen.

Deshalb hat der geometrische Punkt seine materielle Form in
erster Linie in der Schrift gefunden — er gehört zur Sprache und
bedeutet Schweigen.

In der fließenden Rede ist der Punkt das Symbol der Unterbrechung,
des Nichtseins (negatives Element), und zur selben Zeit ist er eine
Brücke von einem Sein zum anderen (positives Element). Das ist in
der Schrift seine innere Bedeutung.

Äußerlich ist er hier bloß ein Zeichen in einer zweckmäßigen Verwen-
dung, die das Element des „Praktisch-Zweckmäßigen“ in sich trägt,
das wir schon als Kinder kennenlernen. Das äußere Zeichen wird
zur Gewohnheit und verschleiert den inneren Klang des Symbols.

Das Innere wird durch das Äußere zugemauert.

Der Punkt gehört zum engeren Kreis der Gewohnheitserscheinungen
mit ihrem traditionellen Klang, der stumm ist.

Der Klang des mit dem Punkt gewohnheitsmäßig verbundenen
Schweigens ist so laut, daß er die anderen Eigenschaften vollkommen
übertönt.

Alle traditionell gewohnten Erscheinungen werden durch ihre ein-
seitige Sprache stumm. Wir hören nicht mehr ihre Stimme und sind
vom Schweigen umgeben. Dem „Praktisch-Zweckmäßigen“ unter-
liegen wir tödlich.

Manchmal ist eine außergewöhnliche Erschütterung imstande, uns
aus dem toten Zustand zu einem lebendigen Empfinden heraus-
zureißen. Nicht selten vermag aber auch das kräftigste Rütteln nicht, den toten Zustand in einen lebendigen zu verwandeln…. Durch das allmähliche Herausreißen des Punktes aus dem engen Kreis seines gewohnten Wirkens bekommen seine bis jetzt schweigenden inneren Eigenschaften einen immer mehr wachsenden Klang.“

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Der Staatsfeind

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Der Staatsfeind

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Staatsfeind geleitet den Tyrannen zur Place de la Revolution. Die Oligarchen begleitet er zum Tor des Kerkers. Ochlokraten und Demokraten schickt der Staatsfeind nach Hause, zwecks Ausübung ihres bürgerlichen Berufs.

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Die Unschlüssigen

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Wolfgang Sofsky
Die Unschlüssigen

In Michelhausen, nicht zu verwechseln mit der Marktgemeinde nämlichen Namens am Südrand des Tullnerfeldes, sind die Einwohner aufgerufen, demnächst an einer Urne ihre Stimme abzugeben, damit die zur Wahl stehenden Parteien neben den Stimmen auch die Gelder aus der Steuerkasse erhalten, damit sie ihre Büros, Sekretäre, Sekretärinnen, Stiftungen und Wahlkampagnen bezahlen können, vermittels derer sie auch beim nächsten Mal wieder die Stimmen der Michelleute einwerben und ihre Steuergelder einkassieren können und so bis zum SanktNimmerleinsTag den Michelleuten auf Tasche und Gemüt liegen können, weswegen nicht wenige Michelleute, es dürften so um die 25 Prozent sein, sich dazu entschlossen haben, auch dieses Mal zumindest ihre Stimme für sich zu behalten, anstatt sie, wie die anderen Narren, abzugeben, was ihnen von den Meinungsbefragern das Etikett eingetragen hat, sie seien wohl noch unschlüssig, obwohl sie längst beschlossen haben, sich nicht länger ausstimmen, ausplündern und langweilen zu lassen, und zwar weder von den Stimmeinwerbern, die seit ein paar Wochen von Haustür zu Haustür eilen, noch von den Marktstandsrufern, die jedem Passanten einen Papierzettel überreichen und sie in ein überflüssiges Gespräch verwickeln wollen, noch gar von den halbamtlichen, parteinahen Berichterstattern, die ihre Seiten und Minuten mit belanglosen Berichten über Stimmenfänger, Parteirufer und Michelleutefischer füllen, nicht zuletzt, um nachzuweisen, daß die Zwangsabgaben, welche die Michelleute allmonatlich entrichten müssen, um allabendlich und allmorgendlich von den Zuträgern, Stichwortgebern und Teppichlegern der zur Wahl stehenden Kandidaten gelangweilt zu werden, zu Recht erhoben werden, was nicht wenige Michelleute, es dürften etwa 24 Prozent sein, dazu verleitet hat, statt langweiliger und zeitstehlender Wahlberichte lieber ein halbspannendes Fußballspiel oder einen Actionfilm zu betrachten, wodurch sich in ihrem verdrossenen Gemüt Tag für Tag die Überzeugung gefestigt hat, man solle am Stimmabgabe- und Parteizahlungstag lieber ins Grüne fahren, sich ans Meer oder vor die Berge setzen und darüber nachdenken, wie man alle die Stimmeinwerber, seien es die der alten, seien es die der neuen Parteien, auf einen Schlag loswerden könne, ja, wie man eine Regierung samt Wasser- Koffer- und Meinungsträger auf den zweiten Schlag loswerden könne, und was zu tun sei, wenn man seine Stimme einfach für sich behalte und von den jährlichen Steuerzahlungen einfach den Betrag einbehalte, der für die Finanzierung von Parteien und anderen Einrichtungen abgezweigt wird, was besonnene Michelleute, es dürften so etwa 23 Prozent sein, indes auf den Gedanken brachte, wieso man überhaupt eine Obrigkeit finanzieren solle, die weder gute Straßen, noch gute Schulen, noch hinreichende Sicherheitsvorkehrungen oder medizinische Versorgung zustande bringe, die sich mithin weder Stimme noch Geld verdient habe, wie es die Gerechtigkeit fordere, woraufhin sich bei nicht wenigen Michelleuten, es dürften mindestens 22 Prozent sein, eine gewisse Schlüssigkeit einstellte, daß das Gebot der Gerechtigkeit zuerst gegenüber den Kandidaten, Vertretern, Repräsentanten und ihren Gehilfen anzuwenden sei, wonach jeder erhält, was er sich verdient hat, und jeder, der nichts verdient hat, auch nichts erhalten soll, weder Geld noch Stimme.

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Lügen in der Politik oder Was ist ein Argument?

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Wolfgang Sofsky
Lügen in der Politik oder Was ist ein Argument?

Ein Argument besteht aus einer Menge oder einer Serie von Aussagen oder Behauptungen (p,q,r,s…z). Im klarsten Falle ist eine dieser Aussagen z als Zielaussage, als Konklusion gekennzeichnet, welche durch die anderen Behauptungen p,q,… gestützt werden soll. Die Konklusion ist das, wofür argumentiert wird; die anderen Behauptungen, die Prämissen, sind das, woher argumentiert wird. Weitere Aussagen in einem Argument dienen dazu, die Verbindung zwischen Prämissen und Konklusion herzustellen. Sie sollen nachweisen, daß derjenige, der die Wahrheit der Prämissen anerkennt, damit auch verpflichtet ist, die Wahrheit der Konklusion anzuerkennen. Jedes Argument hat also eine Struktur des „Wenn-Dann“. Wenn jemand die Wahrheit von p und q anerkennt, muß er auch die Wahrheit der Aussage z, der Konklusion anerkennen. Ein Argument besteht also nicht nur aus den „Gründen“ p, q etc., den Prämissen, die für z angeführt werden. Es besteht vielmehr in der Wenn-Dann-Beziehung zwischen Prämissen und Konklusion. Wenn ein Argument gültig ist, dann führt es von wahren Prämissen zur wahren Konklusion. Die Geltung eines Arguments ergibt sich mithin nicht aus der Wahrheit einzelner Behauptungen, sondern aus der Wahrheit der gesamten Wenn-Dann-Struktur.

Um ein Argument anzufechten, genügt es nicht, die Konklusion abzulehnen, weil sie einem nicht paßt oder weil man anderer Meinung ist. Viele Dispute erschöpfen sich im Austausch von Meinungen, nicht im begründeten Einspruch gegen Argumente. Daher ist nicht nur die Konklusion zur Rechenschaft zu ziehen, sondern das gesamte Argument. Es genügt nicht zu glauben, daß etwas mit einer Behauptung nicht stimmt. Man muß herausfinden, was nicht stimmt. Wie also kritisiert man ein Argument? Wenn man eine Konklusion als falsch nachweisen will, gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten.

Erstens kann man nach Prämissen suchen, um überhaupt Gründe für eine Behauptung ausfindig zu machen. Zeigt es sich, daß überhaupt keine Gründe angeführt werden oder aufzufinden sind, handelt es sich offenbar um eine unbegründete Behauptung. Der Austausch solcher unbegründeten Meinungen entspricht zwar dem gängigen Diskursniveau. Eine weitere Debatte erübrigt sich jedoch mangels argumentativer Substanz.

Zweitens kann man eine der Prämissen bestreiten und als falsch nachweisen. Sobald man die Unwahrheit einer Prämisse gezeigt hat, einer expliziten oder impliziten Annahme, erübrigt sich alles Weitere. Denn aus einer falschen Prämisse läßt sich keine wahre Konklusion ziehen.

Drittens kann man die Gültigkeit des Argumentes selbst prüfen. Dabei kann es vorkommen, daß man die Prämissen zwar akzeptieren muß, nicht aber die Beziehung zwischen den Prämissen und der Konklusion. Man sagt dann nicht: „Das ist nicht wahr!“, sondern „Das folgt nicht daraus!“.

Ein Beispiel: An Stammtischen wird häufig gesagt: „Politiker sind Lügner“ (z). Zur Begründung heißt es üblicherweise: „Politiker sind Lügner, weil sie nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind“ (p); Oder: „Politiker sind Lügner, weil sie durchtrieben und schlau sind“ (q). Offensichtlich sind die Behauptungen p und q weder für sich noch gemeinsam dazu geeignet, die Schlußfolgerung z zu stützen. Politiker, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, sagen die Wahrheit, wenn es ihnen nützt, und sie sagen die Unwahrheit, wenn es ihnen nützt. Zudem haben sie mit dem Problem zu tun, daß in dem Falle, da eine Lüge aufgedeckt wird, einem Politiker gewisse Nachteile zu entstehen pflegen. Wer als Lügner bekannt ist, dessen Ruf und Glaubwürdigkeit sind ruiniert; seine Wiederwahl, seine Karriere sind gefährdet. Ein notorischer Lügner ist daher unmöglich zugleich schlau und egoistisch. Ist er nämlich schlau, dann weiß er, daß Lügen oft kurze Beine haben und ihm Nachteile einbringen werden. Das Argument, wonach Politiker Lügner seien, weil sie egoistisch und schlau seien, ist mithin ungültig. Auch wenn man behauptete, Politiker wollten nur ihren eigenen Vorteil und seien dumm und kurzsichtig, kann man unmöglich folgern: „Politiker sind Lügner“. Weder prädestiniert Egoismus zur Unwahrheit noch Torheit. Dummheit kann dazu verleiten, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen, je nach Situation. Kurzum: Die Behauptung z: „Politiker sind Lügner“ ist weder mit p („Politiker sind Egoisten“) noch mit q (Politiker sind durchtrieben), geschweige denn mit p+q (Politiker sind durchtriebene Egoisten) begründbar. Das heißt natürlich nicht, daß Politiker prinzipiell keine Lügner wären, sei es zum eigenen, sei es zum Vorteil Dritter, sei es aus Klugheit oder aus Torheit. Aber das ist eine andere Geschichte.

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„Rechte“ Torheiten

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Wolfgang Sofsky
„Rechte“ Torheiten

Es gab einmal eine Zeit, da zeichnete sich die „Rechte“ dadurch aus, daß sie für Ruhe und Ordnung eintrat, für die Autorität von Staat, Kirche und Militär, für die Elite durch Bildung und Besitz, für die Gemeinschaft in Familie, Region und Nation. Heute scheint davon lediglich die Affinität zum russischen Autoritarismus geblieben. Gegen den angelsächsischen Kapitalismus, zumal das Finanzkapital, insbesondere jüdischen Namens ist man ebenso aversiv wie die „Linke“. Bildung kennt man allenfalls vom Hörensagen, die Sprache der Nation ist nicht wenigen eine Fremdsprache, und der Drill des Militärs ist ihr ebenso verhaßt wie der innere Gerichtshof des preußischen Gewissens. Anstatt der Mehrheit der Einheimischen zur politischen Mehrheit zu verhelfen, setzt die heimatfrohe Rechte auf obskure Vorstellungen von „Identität“, die mangels kulturellen und historischen Selbstverständnisses in Xenophobie umschlägt. Dem Staat huldigt die Rechte, je größer er wird. Das biologisch-reinrassige Landleben auf Rittergütern zieht sie dem unübersichtlichen Massenleben in der lärmigen und obendrein verdieselten Stadtzivilisation vor. Dem historisch-unaufhaltsamen Prozeß der Globalisierung und Technisierung begegnet die „Rechte“ nicht mit der für sie einst typischen Mischung aus Realismus und Resignation, sondern mit sektiererischer Wut, die auf alles losgehen möchte, was ihr vor Augen führt, wie wenig Elite sie selbst ist.

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„Linke“ Torheiten

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Wolfgang Sofsky
„Linke“ Torheiten

Es gab einmal eine Zeit, da zeichnete sich die “Linke“ dadurch aus, daß sie gegen das Kapital, den Staat und die Idiotien des Landlebens und der Religion anging. Heute scheint davon lediglich die Aversion gegen den angelsächsischen Kapitalismus, insbesondere das böse Finanzkapital in Gestalt von Goldman/Sachs geblieben. Ohnehin ist man, zumal in Deutschland, höchst aversiv gegen Amerika (man hat den USA schließlich zwei Weltkriegsniederlagen zu verdanken) und gegenüber Israel („wird man doch wohl noch kritisieren dürfen!“). Anstatt der Mehrheit der Gesellschaft, zumal den Lohnabhängigen zur politischen Mehrheit zu verhelfen, setzt die sozialpädagogisch desorientierte „Linke“ auf Minderheiten jedweder Orientierung und Desorientierung. Dem Staat huldigt sie, je größer er wird. Das biologisch-korrekte Landleben zieht sie der unübersichtlichen, lärmigen und obendrein überdieselten Stadtzivilisation vor, und niemand verteidigt die Religion, zumal den Islam, zur Zeit lautstarker als die vermeintlich „linken“ Anhänger einer Spätpostmoderne, die sich der Idiotie des Relativismus verschrieben haben. Alle Pastoren, Päpste, Popen und Prediger, alle Vor- und Nachbeter werden es ihnen von Herzen danken.

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Diderot über Mohammed

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Denis Diderot über Mohammed

„On peut regarder Mahomet comme le plus grand ennemi que la raison humaine ait eu.“

(Histoire générale des dogmes et opinions philosophiques: Depuis les plus anciens temps jusqu’à nos jours. Tirée du Dictionnaire encyclopédique, des arts & des sciences, Band 3. London 1769. S. 128)

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Die Katze, der Mungo und die Maus oder: Lob des Mißtrauens

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Wolfgang Sofsky
Die Katze, der Mungo und die Maus oder: Lob des Mißtrauens

Folgende Fabel aus dem Mahabharata (Buch 12, Kap.138), jenem indischen Epos aus dem 4. Jahrhundert vor Chr.istus, in dem zu finden ist, was andernorts auch zu finden ist, und in dem obendrein zu finden ist, was andernorts nicht zu finden ist,  wohingegen in ihm nicht gefunden werden kann, was nirgendwo sonst gefunden werden kann, in diesem Opus mithin findet sich eine Fabel, die den Leser über die Befristung von Bündnissen und den hohen Wert des Mißtrauens belehrt. Die Fabel ersetzt alles aktuelle Gerede vom Vertrauen in der Politik oder von Wertegemeinschaften aller Art, sei es auf lokaler, sei es auf internationaler Ebene.

Es gab einst einen großen Baum inmitten eines riesigen Dschungels. Er war mit vielen Arten von Kletterpflanzen bedeckt und Wohnort verschiedenartigster Vögel. Er hatte einen mächtigen Stamm, aus dem sich zahlreiche Äste in alle Richtungen ausstreckten. Er war entzückend anzuschauen, und sein Schatten war höchst erfrischend. Eine Maus mit großer Weisheit lebte am Fuße dieses Baumes und hatte sich dort eine Höhle mit hundert Ausgängen geschaffen. Auf den Zweigen des Baumes wohnte glücklich eine Wildkatze, die täglich einige Vögel oder Mäuse verspeiste.

Eines Tages legte ein Fallensteller ein Netz aus ledernen Schnüren unter dem Baum aus. In einer Nacht verfing sich die Katze in den Maschen. Erfreut kam die Maus aus ihrem Loch, wanderte fröhlich durch den Wald, lief um die Falle herum und beknabberte den Köder. Fast vergaß sie beim Fressen jede Gefahr. Da gewahrte sie auf einmal zwei neue Feinde: den ruhelosen Mungo mit den kupferfarbigen Augen, der schon auf seinen Hinterbeinen stand und sich die Mundwinkel leckte, und hoch oben im Laub die Eule mit ihrem scharfem Schnabel und gierig funkelnden Augen. Derart von Feinden umzingelt, entschloß sich die Maus zu einer List. Sie näherte sich der Katze, denn jene war gleichfalls in Not. Wer durch einen Stärkeren bedroht ist, sollte sogar mit einem Feinde Frieden schließen. In Gefahr ist ein kluger Feind besser als ein dummer Freund. So sprach sie mit süßen Worten zu der gefangenen Katze:

„Ich spreche in Freundschaft zu dir, oh Katze! Lebst du noch? Ich möchte, daß du lebst. Ich wünsche das Wohl für uns beide. Oh Liebenswürdige, du hast keinen Grund zur Angst. Du sollst glücklich leben. Ich werde dich retten, wenn du mich nicht tötest. Es gibt einen guten Ausweg aus dieser Situation, der sich mir angedeutet hat, und wodurch du fliehen könntest, zum großen Nutzen für uns beide. Durch ernsthaftes Nachdenken habe ich diesen Ausweg für mich und dich erkannt, der uns nützlich sein wird… Ohne meine Hilfe, oh Katze, wirst du es niemals schaffen, das Netz zu zerreißen. Ich könnte es jedoch durchnagen, um dir zu helfen, wenn du davon abläßt, mich zu töten.“ Wenn sie ins Netz schlüpfen dürfe und sich an der Brust der Katze verbergen könne, dann werde sie sie retten und die Schnur durchnagen. Die Katze, überzeugt von ihren Interessen, stimmte zu, und die Maus schlüpfte hinein. Der Mungo und die Eule zogen sich zurück, verwirrt ob des ungewöhnlichen Bündnisses zwischen der Katz und der Maus.

Doch die ungeduldige Katze, die auf sofortige Rettung gesetzt hatte, wurde enttäuscht. Die Maus schmiegte sich behaglich an sie und beschloß, ein Schläfchen zu machen. Die Katze protestierte. Die Maus erklärte, sie habe keine Eile. Sie wußte, daß sie jederzeit der Falle entschlüpfen könne und daß sich ihre murrende Gastgeberin mit der Hoffnung auf Befreiung zufriedengeben müsse. Würde sie sie fressen, wäre jede Aussicht auf Rettung dahin. Da konnte die große Katze nichts tun. In aller Ruhe wartete die Maus, bis der Jäger nahte, um nach seinen Fallen zu sehen. Als sie ihn kommen sah, zernagte sie geschwind das Netz und erfüllte so ihr Versprechen. Dann schlüpfte sie in ihre Höhle, indes sich die Katze mit einem verzweifelten Ruck losriß, hinauf in die Zweige kletterte und so dem nahen Tod entwischte.

Nachdem der enttäuschte Fallensteller abgezogen war, kam die Katze wiederum vom Baum herunter und rief mit süßer Stimme nach der Maus. Sie möge doch herauskommen und sich zu ihrer alten Gefährtin gesellen. Die gemeinsame heikle Lage der vergangenen Nacht und die gegenseitige treue Hilfe im gemeinsamen Daseinskampf hätten ein bleibendes Band geknüpft. Vorbei sei alle frühere Zwietracht. Für immer sollten sie Freunde sein und einander rückhaltlos vertrauen. Die Maus zögerte, die Überredungskünste der Katze ließen sie kalt. Die gemeinsame Notlage war vorüber, die Einigkeit gegenstandslos. Nicht das schönste Gerede konnte das vorsichtige Tier dazu bewegen, sich dem Erzfeind zu nähern. Jedes Bündnis hat seine Frist.

So sprach die kluge Maus: „Du bist wahrlich eine gute Katze. Aber ich kann Dir nicht vertrauen. Du kannst weder durch Lobreden noch durch reiche Geschenke unsere Freundschaft erzwingen. Ich sage dir aufrichtig, oh Freund, daß sich kein Weiser ohne triftigen Grund unter die Macht eines stärkeren Feindes stellt. Ein Schwacher, der ein Bündnis mit einem Stärkeren geschlossen hat, als beide von Feinden bedroht wurden, sollte stets achtsam sein und mit Bedacht handeln. Wenn das Ziel erreicht ist, sollte der Schwächere nicht weiter dem Stärkeren vertrauen. Man sollte niemals einem vertrauen, der es nicht verdient hat, noch irgend jemandem blind vertrauen. Man sollte allerdings stets bestrebt sein, das Vertrauen der anderen zu gewinnen, ohne jemals das Vertrauen auf einem Feind ruhen zu lassen. So sollte man unter allen Umständen sich selbst beschützen. Denn alle Besitztümer, die Kinder und alles andere sind nur so lange wertvoll, solange man lebendig ist. Kurz gesagt, die höchste Wahrheit in allen Belehrungen über das geschickte Handeln ist gesundes Mißtrauen. So ist Mißtrauen von größtem Nutzen und führt zum Wohlergehen. Wie schwach man auch ist, wenn man seinen Feinden mißtraut, selbst wenn sie stark sind, können sie dich nie unter ihre Macht bringen. Oh Katze, jemand wie ich sollte sein Leben stets vor Personen wie dir beschützen. So beschütze auch dein Leben vor dem Jäger, dessen Zorn erregt wurde!“

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Étienne de La Boëtie: Ursachen freiwilliger Knechtschaft

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Wolfgang Sofsky
Étienne de La Boëtie: Ursachen freiwilliger Knechtschaft

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Étienne de La Boëtie, in jungen Jahren Tyrannenfeind, später dann loyaler Beamter wie sein Freund Montaigne, verfaßte während seiner Studienzeit Anfang der 1550er Jahre den „Discours de la servitude volontaire“, ein Text, der den Hugenotten zeitweilig als Kampfschrift gegen die katholische Krone diente, jedoch nicht nur als Aufforderung zum Tyrannensturz gelesen werden kann, sondern als Analyse der Ursachen freiwilliger Unterwerfung.  Der Discours wurde zunächst in kleinem Kreis in Abschriften weitergegeben. Ein erster Druck erfolgte erst 1574, elf Jahre nach dem Tod seines Verfassers, die erste deutsche Übersetzung erschien 1593. Warum erdulden die Menschen das auferlegte Joch der Despotie, die Herrschaft des Königs, des Klerus, der Generäle, der Steuereintreiber, der Beamten und Unternehmer, der Chefs, des Staates, des Kapitals, der Religion? Warum schätzen sie ihre Freiheit so gering? Nach La Boëtie sind es neben der Feigheit auch die schiere Gewohnheit und die verblödende Ablenkung durch die „Kulturindustrie“, gestützt auf der Herrschaft des Steuer- und Wohlfahrtsstaates, welcher die Untertanen in Sklaverei hält:

„Wie dem Menschen alle Dinge natürlich sind, von denen er sich nährt und an die er sich gewöhnt, während ihm nur das eingeboren ist, wozu seine einfache und noch nicht veränderte Natur ihn beruft, so ist die erste Ursache der freiwilligen Knechtschaft die Gewohnheit. Sie sagen, sie seien immer untertan gewesen, ihre Väter hätten geradeso gelebt; sie meinen, sie seien verpflichtet, sich den Zaum anlegen zu lassen, und gründen selbst den Besitz derer, die ihre Tyrannen sind, auf die Länge der Zeit, die verstrichen ist; aber in Wahrheit geben die Jahre nie ein Recht, Übel zu tun, sondern sie vergrößern das Unrecht. Es bleiben immer ein paar, die von Natur aus besser Geborene sind: die spüren den Druck des Joches und müssen den Versuch machen, es abzuschütteln. Die gewöhnen sich nie an die Unterdrückung;… das sind freilich die, die einen guten Verstand und einen hellen Geist haben und sich nicht wie die große Masse mit dem Anblick dessen begnügen, was ihnen zu Füßen liegt; die nach vorwärts und rückwärts schauen, die Dinge der Vergangenheit herbeiholen, um die kommenden zu beurteilen und die gegenwärtigen an ihnen zu messen; das sind die, welche von Haus aus einen wohlgeschaffenen Kopf haben und ihn noch durch Studium und Wissenschaft verbessert haben; diese würden die Freiheit, wenn sie völlig verloren und ganz aus der Welt wäre, in ihrer Phantasie wieder schaffen und sie im Geiste empfinden und ihren Duft schlürfen; die Knechtschaft schmeckt ihnen nie, so fein man sie auch servieren mag…

Aber um auf meinen Faden zurückzukommen, den ich fast verloren hätte: der erste Grund, warum die Menschen freiwillig Knechte sind, ist der, daß sie als Knechte geboren werden und so aufwachsen. Aus diesem folgt ein zweiter: daß nämlich die Menschen unter den Tyrannen leicht feige und weibisch werden. Mit der Freiheit geht wie mit einem Mal die Tapferkeit verloren. Geknechtete haben im Kampf keine Frische und keine Schärfe: sie gehen wie Gefesselte und Starre und, als ob’s nicht Ernst wäre, in die Gefahr; in ihren Adern kocht nicht die Glut der Freiheit, die die Gefahr verachten läßt und die Lust hervorbringt, durch einen schönen Tod inmitten der Genossen die Ehre des Ruhms zu erkaufen. Die Freien wetteifern untereinander, jeder kämpft fürs Gemeinwohl und jeder für sich, alle wissen, daß die Niederlage oder aber der Sieg ihre eigene Sache sein wird, während die Geknechteten außer dem kriegerischen Mut auch noch in allen andern Stücken die Lebendigkeit verlieren und ein niedriges und weichliches Herz haben und zu allen großen Dingen unfähig sind. Die Tyrannen wissen das wohl, und tun ihr Bestes, wenn die Völker erst einmal so weit gekommen sind, sie noch schlaffer zu machen.

Die Theater, die Spiele, die Volksbelustigungen und Aufführungen aller Art, die Gladiatoren, die exotischen Tiere, die Medaillen, Bilder und anderer Kram der Art, das waren für die antiken Völker der Köder der Knechtschaft, der Preis für ihre Freiheit, das Handwerkszeug der Tyrannei. Dieses Mittel, diese Praktik, diesen Köder hatten die antiken Tyrannen, um ihre antiken Untertanen unters Joch der Tyrannei zu schläfern. So gewöhnten sich die Völker in ihrer Torheit, an die sie selbst erst gewöhnt waren, an diesen Zeitvertreib, und vergnügten sich mit eitlem Spielzeug, das man ihnen vor die Augen hielt, damit sie ihre Knechtschaft nicht merkten. Die römischen Tyrannen verfielen noch auf etwas weiteres: sie sorgten für öffentliche Schmäuse, damit die Kanaille sich an die Gefräßigkeit gewöhnte: sie rechneten ganz richtig, daß von solcher Gesellschaft keiner seinen Suppentopf lassen würde, um die Freiheit der platonischen Republik wiederherzustellen. Die Tyrannen ließen Korn, Wein und Geld verteilen: und wie konnte man da »Es lebe der König!« zum Ekel schreien hören! Den Tölpeln fiel es nicht ein, daß sie nur einen Teil ihres Eigentums wiederbekamen und daß auch das, was sie wiederbekamen, der Tyrann ihnen nicht hätte geben können, wenn er es nicht vorher ihnen selber weggenommen hätte.“ (Étienne de La Boëtie, Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen, Ü: Gustav Landauer, Münster/Ulm 1991)

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Metempsychosis

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Wolfgang Sofsky
Metempsychosis

Auf dem Erdball sind einige Ethnien und Religionen verbreitet, in denen Menschen der Idee der Transmigration der Seele anhängen. Ehrwürdige Philosophen, aber auch Schamanen und Geisterheiler glauben an Seelenwanderungen. Diese „Theorien“ sind um keinen Deut schlechter oder besser als“ Theorien“ von der definitiven Seelenunsterblichkeit in irgendeinem himmlischen oder höllischen Jenseits. Ihre Geltung ist gleichermaßen Null. Bei der Rekonstruktion solcher Ideen stellen sich indes eine Reihe interessanter Fragen. Wird ein jeder wiedergeboren oder nur ein paar Auserwählte? Wird die Seele in menschliches oder tierisches Leben hinein wiedergeboren oder auch in pflanzliches? Kann die Seele auch in leblose Materie einfahren, in Stein, Sand, Feuer und Wasser? Gibt es eine vorbestimmte Zahl von Wiedergeburten, ist es ein endloser Zyklus? Gibt es einen Ausweg aus der ewigen Wanderschaft? Welche Karriere simmt die Seele? Bleibt das Niveau der Wiedergeburten gleich, gibt es einen Niedergang von einem ursprünglich seligen Zustand oder einen Aufstieg zu seligeren Zuständen? Gibt es, früher oder später, eine Rückkehr in einen ursprünglichen Körper? Was genau ist unterwegs, die gesamte Seele, die für Geist, Bewußtsein und Handeln verantwortlich ist? Oder sind es nur Seelenteile, oder ist es der persönliche daimon, der keine Seele ist, oder ist es ein Bild des Lebens, das schläft, während wir wach sind und unsere Seele aktiv ist (so Pindar)? Vielerlei Fragen mithin, die sich naturgemäß nicht beantworten lassen, die aber hilfreich sind, um zu beantworten, was mit Wiedergeburt, Seelenwanderung etc. jeweils gemeint ist.

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Lili Kraus spielt Mozart KV 333

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Wolfgang Sofsky
Lili Kraus spielt Mozart KV 333

Zu den wenigen famosen Mozart-Spielern (neben Haskil, A.Fischer, Casadesus, Anda, Gieseking etc.) des 20.Jahrhunderts gehört Lili Kraus, Schülerin von Kodaly, Bartok und Arthur Schnabel, vor den Nazis geflohen, in Java von den japanischen Besatzern drei Jahre eingesperrt, was ihr teilweise die Hände ruinierte, nach 1945 in Australien in 120 Konzerten erneut das Klavierspiel lernend, lebte in Kapstadt, Paris, Wien und Nizza, Konzerte weltweit, in Deutschland kaum bekannt (vom Klavierpapst J.Kaiser nicht einmal erwähnt). Sie spielt den 1.Satz von Mozarts B-Dur Sonate KV 333 zügig, nuanciert und unverzärtelt, das Grazioso des Rondosatzes jedoch tatsächlich als Allegretto und nicht wie viele andere als verhetztes Allegro:

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Baudelaire und die Menschenrechte

Wolfgang Sofsky
Baudelaire und die Menschenrechte

In einem Essay über Edgar A. Poe bemängelt Charles Baudelaire beiläufig, daß man im Kodex der Menschenrechte, „zu deren Aufzählung die Weisheit des 19.Jahrhunderts sich so häufig und so selbstgefällig anschickt, zwei von erheblicher Wichtigkeit vergessen hat: das Recht, sich zu widersprechen, und das Recht, auf und davon zu gehen.“ Besonders das letztere ist in Zeiten, da jedermann in diese oder jene Gruppe oder – schlimmer noch – „Gemeinschaft“  eingefügt werden soll, um als vollwertiger Mensch angesehen zu werden, unverzichtbar. Ein jeder hat das Recht, sich von sich und seinen Meinungen abzusetzen und die unerwünschte Gesellschaft anderer hinter sich zu lassen. Negation, Abstand, Distanz ist das allererste Recht. Es konstituiert allererst das Individuum.

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Berufung zur Politik

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Wolfgang Sofsky
Berufung zur Politik

Warum beschließen Menschen, Politiker zu werden? Manche wollen berühmt werden, andere wollen nur bekannt werden. Dritte wollen ihren Zeitgenossen Vorschriften machen oder sie in ihrem Inneren verbessern. Vierte wollen die „Verhältnisse“ verbessern oder die „Verhältnisse“ vor Verbesserern bewahren. Fünfte wollen Geld verdienen und Kontakte gewinnen, mit denen sich noch mehr Geld verdienen läßt. Die Sechsten wollen endlich mal ins Fernsehen oder ein Amt innehaben. Die Siebten haben nichts gelernt und denken, Politik kann jeder. Achte denken, Politik kann jeder lernen, auch wenn man sonst nichts gelernt hat. Die Neunten langweilen sich und denken, in der Politik sei immer was los. Die Zehnten denken, in der Politik könne man immer etwas los machen und junge Männer und Frauen auf die Straße oder in den Krieg schicken. Die Elften möchten, daß es ihren Kindern und Kindeskindern mal besser ergehen soll, d.h. diese sollen dann nicht in die Politik gehen müssen. Die Zwölften denken, daß es den Alten nicht schlechter ergehen soll, weil sie selbst mal alt werden. Die 13. wollen endlich mal in die Hauptstadt, ohne die Fahrt bezahlen zu müssen. Die 14. wollen endlich mal einen Chauffeur. Die 15. wollen, daß alle mit dem Fahrrad fahren müssen. Die 16. denken, was die können, kann ich schon lange. Die 17. denken, was die nicht können, kann ich viel besser. Die 18. möchten nicht so oft zuhause herumsitzen. Die 19. möchten kostenlos durch die Welt reisen und immer von einem Botschafter empfangen werden. Die 20. möchten, daß sich alle mit ihnen beschäftigen. Die 21. möchten auch mal aufs Gruppenfoto. Man sieht, die Motive zum Beruf des Politikers sind zahllos. Aber da die Gründe alle dürftig sind, reden sie alle, so verschieden ihre Gründe sind, von „Verantwortung“, vom „Dienst am Gemeinwesen“, von der „Verbesserung der Welt“, zumindest der „Umwelt“. Man muß diesen Schwindel von links bis rechts nicht glauben.  Aber wer sich vergegenwärtigt, wie banal die Gründe zuletzt sind, sieht keinen Anlaß, Politikern irgendwelche Vorrechte, Vorteile oder Verdienste zuzubilligen. Was bliebe den Menschen alles erspart, hätte nur niemand die Chance, überhaupt Politiker zu werden?

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Religionsfreiheit

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Wolfgang Sofsky
Religionsfreiheit

Religionsfreiheit = Freiheit von Religion, inkl. Freiheit von politisierenden Predigern und predigenden Politikern, inkl. Freiheit von staatlich verbürgten Privilegien für Kirchen, Sekten, Vereinen, inkl. Freiheit von Religions- oder Kirchensteuern, Freiheit von staatssteuerlicher Finanzierung theologischer Lehrstühle und Fakultäten, Freiheit von staatssteuerlicher Subventionierung religiöser Großveranstaltungen, inkl. Freiheit von religiöser Propaganda und Indokrination in staatlichen Einrichtungen (z.B. Schulen), inkl. Freiheit von kirchlichem Einfluß auf öffentlich-rechtliche Institutionen. Als private Vereine ohne staatssteuerliche Subvention können religiöse Gemeinden und Institutionen mit ihren Eigenmitteln tun, was sie wollen, solange sie sich an die Gesetze halten. Inwiefern einem Verein Gemeinnützigkeit zukommt, ist im Einzelfall zu entscheiden. Torheiten und Narreteien jeder Art sind in freien Gesellschaften gestattet, inkl. der Selbstschädigung des eigenen Verstandes und der eigenen Person.

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Kritik der deutschen Ideologie

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Kritik der deutschen Ideologie

1845/6 hatten es Marx, Engels, Moses Hess und Joseph Weydemeyer noch mit illustren Gegnern zu tun, als sie sich die Kritik der deutschen Ideologie vornahmen. Ihre Attacke zielte gegen die Hegelsche Nachhut: Feuerbach, Bruno Bauer, Max Stirner. Friedrich Nietzsche hatte ebenfalls noch gewichtige Gegner: David Friedrich Strauß, Schopenhauer, Wagner, Moralismus und Pfahlbürgerei. Im 20. Jahrhundert konnte sich die Ideologiekritik des Heideggerschen Dunkeltums annehmen. Die Kritik der Nazi-Ideologie war keine intellektuelle Herausforderung, die Kritik des postmarxistischen Kommunismus ebensowenig. Wer den gegenwärtigen Zustand der deutschen Ideologie erkunden wollte, der kann sich der Kirchentage widmen, wo sich Politiker und Prediger samt Anhängern zu großer Gemeinschaft unter Gottes Auge („Du siehst mich“) treffen, um aller Welt vorzumachen, daß man so gut „geworden“ ist, daß die Gottheit („seit wann Duzen wir uns denn“) sich nicht mehr mit Grausen abwenden muß. Die massenwirksame Verknüpfung von postprotestantischer Predigt und politischem Wertegeschwätz ist kaum der Rede wert. Sie zeigt jedoch, daß die Kritik der (politischen) Religion auch in ihren Verfallsformen keineswegs beendet ist. Zwar glaubt kaum jemand noch an die vom Christentum offerierte Gottesfigur, dafür scheint die Religion in die Moral gerutscht zu sein, wo sie sich in den Platitüden von Eintracht, Versöhnung, „Gespräch“, „Begegnung“, Harmonie, „Anstand“, „Solidarität“, „Gerechtigkeit“ festgesetzt hat. Ungefragt können sich dann manche Pfaffen als Hüter der politischen Moral aufspielen.

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George Orwell: „Die Luft der Gleichheit“

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Wolfgang Sofsky
George Orwell: „Die Luft der Gleichheit“

George Orwell gehörte zu den westeuropäischen Intellektuellen, die 1936 nach Spanien eilten, um für die Republik zu kämpfen. An der Front von Aragon hielt er sich fast vier Monate in der Volksmiliz auf. Sein 1938 erschienenes Buch „Homage to Catalonia“ berichtet über den „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“, als Anfang Mai 1937 Kommunisten und Bereitschaftspolizei unter Anleitung sowjetischer Politkommissare in Barcelona eine Hexenjagd auf Sozialrevolutionäre, Trotzkisten und Anarchisten veranstalteten und Hunderte liquidierten. Aus seiner Zeit im Stellungskrieg an der Aragon-Front erzählt Orwell vom temporären Zustand der Anarchie unter Gleichen, eine befristete Erfahrung, welche jedoch die Faszinationskraft der Utopie von sozialer Egalität plausibel macht. Die sozialistische Propaganda beutet diese seltene Erfahrung aus, erhebt sie zum utopischen Wunschbild und planiert dabei den Unterschied zwischen befristeter Kommunität und dauerhafter Gesellschaft. Die Luft der Gleichheit ist flüchtig, aber es gibt sie.

„Als wir auf Urlaub gingen, war ich hundertfünfzehn Tage an der Front gewesen, und damals schien dieser Zeitraum einer der nutzlosesten meines ganzen Lebens gewesen zu sein. Ich war in die Miliz eingetreten, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Ich hatte jedoch kaum gekämpft, sondern nur wie ein passives Objekt existiert. Ich tat nichts als Gegenleistung für meine Rationen, außer daß ich unter der Kälte und dem Mangel an Schlaf litt. Das ist aber vielleicht in den meisten Kriegen das Schicksal der Mehrzahl der Soldaten. Wenn ich jedoch heute diese ganze Zeit rückblickend betrachte, bedauere ich sie nicht vollständig. Ich wünschte allerdings, ich hätte der spanischen Regierung etwas

wirkungsvoller dienen können. Aber von meinem persönlichen Gesichtspunkt, das heißt von dem Gesichtspunkt meiner persönlichen Entwicklung her gesehen, waren die ersten drei oder vier Monate, die ich an der Front verbrachte, weniger nutzlos, als ich dachte. Sie waren eine Art Interregnum in meinem Leben, völlig unterschieden von allem, was vorausgegangen war und was vielleicht auch noch kommen sollte. Diese Zeit lehrte mich Dinge, die ich auf keine andere Weise hätte lernen können.

Der wesentlichste Punkt bestand darin, daß ich während dieser ganzen Zeit isoliert war — denn an der Front war man fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten: selbst von dem, was sich in Barcelona ereignete, hatte man nur eine verschwommene Vorstellung, und das unter Leuten, die man etwas verallgemeinert und doch nicht zu ungenau als Revolutionäre bezeichnen konnte. Das war das Ergebnis des Milizsystems, das vor 1937 an der aragonischen Front nicht grundlegend geändert wurde. Die Arbeitermiliz, die auf den Gewerkschaften aufbaute und sich aus Leuten von ungefähr der gleichen politischen Meinung zusammensetzte, bewirkte, daß an einer Stelle die intensivsten revolutionären Gefühle des ganzen Landes zusammenkamen. Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewußtsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht vollständig aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, daß man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, daß die geistige Atmosphäre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens — Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boß und so weiter — hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn über sich. Natürlich konnte dieser Zustand nicht andauern. Es war einfach ein zeitlich und örtlich begrenzter Abschnitt in einem gewaltigen Spiel, das augenblicklich auf der ganzen Erdoberfläche gespielt wird. Aber es dauerte lange genug, um jeden, der es erlebte, zu beeindrucken. Wie sehr damals auch geflucht wurde, später erkannte jeder, daß er mit etwas Fremdem und Wertvollem in Berührung gewesen war. Man hatte in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Hoffnung normaler war als die Gleichgültigkeit oder der Zynismus, wo das Wort Kamerad für Kameradschaft stand und nicht, wie in den meisten Ländern, für Schwindel. Man hatte die Luft der Gleichheit eingeatmet. Ich weiß sehr genau, wie es heute zum guten Ton gehört zu verleugnen, daß der Sozialismus etwas mit Gleichheit zu tun hat. In jedem Land der Welt ist ein ungeheurer Schwarm Parteibonzen und schlauer, kleiner Professoren beschäftigt zu „beweisen“, daß Sozialismus nichts anderes bedeutet als planwirtschaftlicher Staatskapitalismus, in dem das Motiv des Raffens erhalten bleibt. Aber zum Glück gibt es daneben auch eine Version des Sozialismus, die sich hiervon gewaltig unterscheidet. Die Idee der Gleichheit zieht den normalen Menschen zum Sozialismus hin. Diese „Mystik“ des Sozialismus läßt ihn sogar seine Haut dafür riskieren. Für die große Mehrheit der Menschen bedeutet der Sozialismus die klassenlose Gesellschaft, oder er bedeutet ihnen überhaupt nichts. Unter diesem Gesichtspunkt aber waren die wenigen Monate in der Miliz wertvoll für mich. Denn solange die spanischen Milizen sich hielten, waren sie gewissermaßen der Mikrokosmos einer klassenlosen Gesellschaft. In dieser Gemeinschaft, in der keiner hinter dem Geld herrannte, wo alles knapp war, es aber keine Privilegien und kein Speichellecken mehr gab, fand man vielleicht in groben Umrissen eine Vorschau davon, wie die ersten Schritte des Sozialismus aussehen könnten. Statt mir meine Illusionen zu rauben, fesselte mich dieser Zustand. Die Folge war, daß ich noch viel stärker als vorher wünschte, der Sozialismus möge verwirklicht werden. Teilweise kam das daher, weil ich das Glück gehabt hatte, unter Spaniern zu leben. Mit ihrer angeborenen Anständigkeit und ihrem immer gegenwärtigen anarchistischen Gefühl würden sie selbst die ersten Stadien des Sozialismus erträglicher machen, wenn man ihnen nur eine Chance gäbe.“

© W.Sofsky 2017

Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens

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Wolfgang Sofsky
Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens

In der 227. Betrachtung über „Menschliches, Allzumenschliches“ erörtert Friedrich Nietzsche die stabile Grundlosigkeit vieler Institutionen, Tätigkeiten, Überzeugungen. Der unübertroffene Diagnostiker menschlicher Torheiten beschreibt die Fadenscheinigkeit des „Vertrauens“, dessen Schwinden von Politik, Laien- und Expertenpublizistik so lautstark beklagt wird:

Aus den Folgen auf Grund und Ungrund zurückgeschlossen. – Alle Staaten und Ordnungen der Gesellschaft: die Stände, die Ehe, die Erziehung, das Recht, alles dies hat seine Kraft und Dauer allein in dem Glauben der gebundenen Geister an sie, – also in der Abwesenheit der Gründe, mindestens in der Abwehr des Fragens nach Gründen. Das wollen die gebundenen Geister nicht gern zugeben und sie fühlen wohl, dass es ein Pudendum ist. Das Christentum, das sehr unschuldig in seinen intellektuellen Einfällen war, merkte von diesem Pudendum nichts, forderte Glauben und nichts als Glauben und wies das Verlangen nach Gründen mit Leidenschaft ab; es zeigte auf den Erfolg des Glaubens hin: ihr werdet den Vorteil des Glaubens schon spüren, deutete es an, ihr sollt durch ihn selig werden. Tatsächlich verfährt der Staat ebenso und jeder Vater erzieht in gleicher Weise seinen Sohn: halte dies nur für wahr, sagt er, du wirst spüren, wie gut dies tut. Dies bedeutet aber, daß aus dem persönlichen Nutzen, den eine Meinung einträgt, ihre Wahrheit erwiesen werden soll, die Zuträglichkeit einer Lehre soll für die intellektuelle Sicherheit und Begründetheit Gewähr leisten. Es ist dies so, wie wenn der Angeklagte vor Gericht spräche: mein Verteidiger sagt die ganze Wahrheit, denn seht nur zu, was aus seiner Rede folgt: ich werde freigesprochen. – Weil die gebundenen Geister ihre Grundsätze ihres Nutzens wegen haben, so vermuthen sie auch beim Freigeist, daß er mit seinen Ansichten ebenfalls seinen Nutzen suche und nur das für wahr halte, was ihm gerade frommt. Da ihm aber das Entgegengesetzte von dem zu nützen scheint, was seinen Landes- oder Standesgenossen nützt, so nehmen diese an, daß seine Grundsätze ihnen gefährlich sind; sie sagen oder fühlen: er darf nicht Recht haben, denn er ist uns schädlich.“

Hierbei ist weniger bedeutsam, daß sich der gebundene Gläubige auf einen vermeintlichen Nutzen beruft, um die „Wahrheit“ seines Glaubens zu beweisen. Wichtiger ist der subversive Hinweis auf die Glaubensgrundlage von Macht und Institution. Glaube ist eine Machtquelle eigener Art (nicht zu verwechseln mit dem Glauben an die Legitimität eines Machtvorsprungs). Glauben bindet, tilgt Freiheit. Glaube nur recht fest an Gott, sagen dessen Prediger, denn so wirst Du selig werden. Glaube nur recht fest an das, was ich Dir erkläre, sagt der Lehrer, denn so wirst Du klüger werden. Glaube nur recht fest an das, was ich Dir verspreche (bis in den Tod) sagt der/die Angetraute, denn so wirst Du glücklich werden. Glaube nur recht fest an das, was ich ankündige (Steuererleichterung, Sicherheit, Bildung für alle, Gerechtigkeit etc.,) sagt der Wahlkämpfer, denn so wird es Dir besser ergehen. Glaube nur recht fest, was ich verkünde, sagt der Moralapostel, denn dann wirst Du gut werden. Glaube nur recht fest, was im Antrag steht, sagt der akademische Drittmittelantragsteller, denn so wird die gemeine Forschung voranschreiten. Glaube nur recht fest an mich, sagt der Machthaber, denn so wirst Du sicher und geborgen sein. Glaube nur recht fest an das Gesetz, sagen Richter, Anwälte und Henker, denn so wird alles gerecht zugehen. Glaube nichts, sagt der Freigeist, denn so wird Dir niemand etwas vormachen, was nicht der Fall ist.

© WS 2017

Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

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Wolfgang Sofsky
Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

Vierzehn Monate saß Erich Mühsam in den Zuchthäusern (Plötzensee, Brandenburg) und KZs (Sonnenburg, Oranienburg) der Nationalsozialisten in „Schutzhaft“, dann brachte ihn die SS in der Nacht des 10. Juli 1934 um. Sie schlugen ihn, injizierten ihm Gift, legten ihm eine Schlinge um den Hals und hängten ihn in der Latrine auf. Eine Woche zuvor war Theodor Eicke, der spätere Erfinder des Dachauer KZ-Modells und Generalinspekteur aller Lager, mit 150 SS-Leuten angerückt und hatte die SA-Wachleute entwaffnet. Drei Tage später wurde das KZ in der Alten Brauerei von Oranienburg aufgelöst, die überlebenden Häftlinge brachte man nach Lichtenburg.

Erich Mühsam war, neben Ernst Toller, Ernst Niekisch und seinem „Lebensfreund“ Gustav Landauer, eine der Leitfiguren der Münchener Novemberrevolution und Räterepublik, wofür man ihn zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilte. Nach knapp sechs Jahren wurde zu Weihnachten 1924 im Rahmen einer Generalamnestie freigelassen. Schon im März 1918 hatte man ihn wegen Streikaufrufen in Traunstein eingesperrt, nach wenigen Wochen aber wieder entlassen. 1915 saß er wegen Kriegsdienstverweigerung ein halbes Jahr im Zuchthaus. Und schon im Februar 1910 hatte man ihn wegen „Geheimbündelei“ kurzzeitig festgesetzt und angeklagt, später jedoch freigesprochen.

Ein alleseits „rebellisches Subjekt“ war Erich Mühsam, Literat, Anarchist, Kritiker der Sozialdemokratie, später auch der USPD und KPD, aus der er nach wenigen Wochen wieder austrat, aber auch der „Föderation kommunistischer Anarchisten“, die ihn 1925 ausschloß – wegen angeblicher Nähe zur KPD. 1931 entfernte ihn der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ aus seiner Mitgliederkartei, wegen Verletzung der „Überparteilichkeit“. Gegner und Feinde hatte Mühsam zuhauf, bei Linken wie Rechten, aber er hatte auch Freunde, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Frank Wedekind oder Erwin Piscator, in dessen Berliner Bühnenbeirat er 1927 saß. Unermüdlich organisierte er die Opposition gegen die Autorität, gegen das Kapital, den Staat, den Krieg, gegen linken Konformismus und gegen die Nazi-Bewegung. Ebenso unermüdlich schrieb er: Satiren, Kampflyrik, Gedichte, Abhandlungen, Manifeste, Tagebücher, Memoiren, Dramen, darunter das Dokumentarstück für die Piscator-Bühne: „Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti“. Wenn niemand ihn drucken wollte, gab er seine Schriften selbst heraus. 1911-14 und 1918/19 war er Alleinautor der Monatsschrift „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“, von 1926 bis 1931 des Monatsmagazins „Fanal“, in dem er den Niedergang der Weimarer Republik analysierte.

Mühsam soll ein freundlicher, wenngleich etwas aufgeregter Zeitgenosse gewesen sein. Ein Antipode mit gewissen Sympathien für anarchische und allerdings (national)revolutionäre Gedanken, Ernst Jünger, schilderte im Rückblick eine Begegnung um 1930 in seinem Kriegstagebuch „Strahlungen II“: „Mühsam lernte ich bei Ernst Niekisch kennen, den ich häufig aufsuchte. Ich glaube, auch Toller war an jenem Abend dabei. Sie kannten sich aus der Zeit der Münchener Räterepublik, mit der sich die Linke eine ähnliche Absurdität wie später die Rechte mit dem Kapp-Putsch leistete. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, Mühsam begleitete mich auf dem Heimwege. Er war Bohemien vom Schlage Peter Hilles, weltfremder Anarchist, verworren, kindlich-gutmütig… Er redete in flatterndem Mantel wild, beinahe schreiend auf mich ein, so daß sich die Passanten nach der seltsamen Erscheinung umwandten, die an einen großen unbeholfenen Vogel erinnerte. Wir tauschten einige Briefe, bis kurz vor seiner Verhaftung; schreckliche Gerüchte sickerten bald über sein Schicksal durch… Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“

Die Neigung zur Bohème war beiden Autoren gemeinsam. Aber der Chemikersohn Jünger spielte im Berlin der 20er Jahre eher mit dieser Existenzform, während der Apothekersohn Mühsam viele Jahre in der Schwabinger Bohème verbracht hatte. Er wußte, daß diese Lebensform kein Spaß ist, daß sie aber einen Vorzug hat, und zwar über alle Klassen- und Standesschranken hinweg: die Freiheit.

„Meine eigene Lebensführung entsprach so wenig den Anforderungen grundsatzfester Zeitgenossen an geregelte Ausgeglichenheit, daß das Bestreben, mich doch wie jeden Menschen irgendwo einzuordnen, nur durch die Etikettierung als Bohemien erreicht werden konnte. Die mit dieser Bezeichnung verbundenen Assoziationen werden gemeinhin von Murgers Zigeunerleben und Puccinis Oper hergeleitet, wo materielle Kalamitäten so lange mit leichtsinnigen Scherzen verpflastert werden, bis die Kunstjünger arrivieren und die Kapitulation vor sittenstrammer Moral und staatsbürgerlicher Korrektheit vollziehen. Man braucht nur an die ganz großen Bohemenaturen der Weltliteratur, etwa an Li Tai Pe oder François Villon, zu erinnern, um die Seichtigkeit solcher Vorstellungen zu zeigen. Ich habe gewiß viele recht vergnügte Stunden in Gesellschaft künstlerischer Menschen verlebt, und wir haben uns gewiß, wenn kein Geld da war, mit allerlei gewagten Mitteln zu helfen gesucht, weniger, um uns zu amüsieren, als um in häufig schlimmster Not unsere Kameradenpflicht zu erfüllen, aber daß das sozusagen organisierte Bummeln den Lebensinhalt geistig bewegter Persönlichkeiten ausgemacht hätte, dafür habe ich kein Beispiel gefunden. Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium für die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen.

Stimmt die Definition, dann habe ich nichts gegen meine Charakterisierung als Bohemien einzuwenden, dann ist aber auch klar, daß Boheme eine angeborene Eigenschaft von Menschen ist, die sich dadurch nicht ändert, daß der Freiheitswille nicht auf die Führung des eigenen Lebens in größtmöglicher Ungebundenheit beschränkt bleibt, sondern sich in Arbeit für die soziale Befreiung aller umsetzt. Bewußt oder geahnt – der Rebellentrotz der Fronde war bei all den Bohemenaturen lebendig, die nur je meinen Weg gekreuzt haben, ob sie sich aus dumpfen Proletarierkreisen, aus bigottischer Kleinbürgeratmosphäre, aus behütetem Bürgerwohlstand oder aus dem Museumsstaub adliger Herrenschlösser zur Freiheit der Künste und zur Geselligkeit auf sich selbst gestellter Menschen geflüchtet hatten“ (E.Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1927).

Wie jeder Anarchist, der den diesen Ehrennamen verdient, hatte Mühsam die Aversion gegen jedwede Macht im Leib. Er träumte von ursprünglicher Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft auf Wechselseitigkeit, doch bedeutsamer als die Träume ist die kompromißlose Kritik der Macht, einschließlich der demokratischen Herrschaftsform. Vergesellschaftung des Staates, Beseitigung der Zentralmacht, Selbstverfügung in Gesellschaft, dies gehörte zu Mühsams Leitideen. Seine letzte Schrift von Anfang 1933, erschienen in einer letzten Sondernummer von „Fanal“, handelt von der „Befreiung des Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?“ In diesem Vermächtnis findet sich auch eine, weiterhin aktuelle Passage zur Kritik der Demokratie. :

„Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder, um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen. Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden. Hierbei spielt die Regierungsform nicht die geringste Rolle. Monarchie, Demokratie, Diktatur stellen als Staatsarten nur verschiedene Möglichkeiten im Verfahren der zentralistischen Menschenbeherrschung dar. Wenn die Demokratie sich darauf beruft, daß sie dem Volksganzen die Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung mit gleichem Stimmrecht für alle gewährt, so ist daran zu erinnern, daß gleiches Stimmrecht nichts mit gleichem Recht zu tun hat und daß die Aussonderung von Abgeordneten eben die Beteiligung der Aussondernden an der Verwaltung verhindert und ihre Vertretung durch einander ablösende Machthaber bedeutet. Wo es Vorrechte des Besitzes gibt, kann kein formales Gleichsetzen von Stimmen wirkliche Gleichheit schaffen, ebensowenig wo die Selbstbestimmung der Menschen sich durch Verleihung von Macht ablösen läßt. Macht beruht immer auf wirtschaftlicher Ueberlegenheit, und die Abschaffung wirtschaftlicher Ueberlegenheit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Macht bewirkt unter allen Umständen das Bestreben derer, die über die Macht verfügen, sie durch Neugewinnung wirtschaftlicher Ueberlegenheit zu sichern. Jeder auch nur zeitweilige Gesetzgeber, sei er Landesoberster, Minister oder Parlamentarier, fühlt sich über diejenigen, denen er Vorschriften machen darf, emporgehoben, wird also, auch wenn er es vorher nicht war, Sachwalter einer vom Ganzen gelösten Oberschicht mit anderen, gesteigerten Bedürfnissen und Lebenszielen, hört auf, der Klasse anzugehören, die sich nach den Gesetzen und Vorschriften zu richten hat. Das zeigt sich schon bei den zentralistisch organisierten Arbeitervereinigungen. Hier wird eine beamtete Führerschaft mit dem Vorrecht ausgestattet, die Richtlinien für das Verhalten und die Verpflichtungen der übrigen zu bestimmen, es entsteht Befehlsgewalt, Obrigkeit, Macht. Dadurch entsteht weiterhin eine grundsätzliche Scheidung der Interessen mit der Folge, daß der Kopf der Organisation ein Eigenleben gegenüber den Gliedern führt und daß die Verwaltung der Organisation Selbstzweck wird und stets seine Bedürfnisse wichtiger nimmt als die Aufgaben, derentwegen die Organisation geschaffen wurde.

Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihrer Handlungen zugrunde zu legen. Menschen und gesellschaftlich lebenden Tieren ist das Machtstreben nicht angeboren. Erst jahrtausendelange Gewöhnung an Vorrecht und Entrechtung hat die Menschen, nur sie, zu dem Glauben gebracht, es sei in ihrer Natur bedingt, daß der Wettstreit um den Platz an der Sonnenseite des Daseins in der Form von Machtkämpfen geführt werden müsse. Gerade aber erst die Machtkämpfe haben mit der Spaltung des Menschengeschlechts in Herrschende und Beherrschte verursacht, daß es eine Sonnenseite und eine Schattenseite des Lebens gibt. Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist. Wer nach Macht strebt, kann sein Ziel nur erreichen, indem er andere ohnmächtig macht.“

© W.Sofsky 2017

Lügen in Politik und Religion

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Wolfgang Sofsky
Lügen in Politik und Religion

Die Rhetorik der demokratischen und religiösen Propaganda ist in der Regel keine gezielte Manipulation, keine willentliche Täuschung, keine Lüge, die das Publikum für dumm verkauft. Auf den korrupten Mandatsträger, den machtgierigen Minister oder hinterlistigen Kanzelprediger kommt es nicht an. Diese Kritik der Politik und Religion greift entschieden zu kurz. Politik, Presse oder Propheten notorische Lügen vorzuhalten, verfehlt den Sachverhalt. Diese Kritik denkt lediglich nach dem Modell des Priesterbetrugs: der Politiker/Prediger/Journalist ein frömmelnder Hochstapler, ein Blender und Beutelschneider, ein zynischer Falschspieler, der das ahnungslose, abergläubische Publikum hinters Licht führt. Davon kann in der Mehrzahl der Fälle keine Rede sein. Viele Redner/Schreiber bemühen sich wirklich um das, was sie für die Interessen aller halten, sie arbeiten hart, und sie glauben in der Tat an das, was sie sagen. Wer lügt, kennt die Wahrheit und sagt willentlich die Unwahrheit. Keine Lüge ohne das Bewußtsein der Lüge. Von den hier genannten Subjekten indes gilt: Sie hintergehen das Publikum, aber sie merken nicht, daß sie es hintergehen. Sie betrügen sich selbst, erkennen aber ihren Selbstbetrug nicht. Sie meinen, für andere zu sprechen, aber sie sprechen nur für sich selbst. In gutem Glauben halten sie sich selbst für jemand anderen, als sie wirklich sind. Ihr Gerede entpringt  nicht dem trüben Gehirnen zynischer Demagogen, ihre Moralpredigten, ihr Wertegeschwafel, ihr hoher Ton entspringt ihrer selbstgesetzten Mission. Ohne den unbedingten Willen zum Selbstbetrug ist ihr sozialer Betrug unmöglich. Zu Arglist und Tücke fehlt ihnen die Distanz, zu sich und zur Sache. Zum wahren Betrug fehlt ihnen die Boshaftigkeit. In Nietzsches unübertroffener Diagnose (Menschliches, Allzumenschliches I,52):

„Bei allen großen Betrügern ist ein Vorgang bemerkenswert, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Akt des Betrugs, unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der wirkungsvollen Szenerie überkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es dann, der dann so wundergleich und bezwingend zu denUmgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen großen Betrügern, daß sie aus diesem Zustand der Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher zuschiebend. Selbstbetrug muß da sein, damit diese und jene großartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird“.

© W.Sofsky 2017

Halbierte Aufklärung oder Vom Sinn religiöser Toleranz

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Wolfgang Sofsky
Halbierte Aufklärung oder Vom Sinn religiöser Toleranz

In vielen deutschen Schulen und Akademien glaubt man, ein Subjekt sei schon ziemlich aufgeklärt, wenn es gelegentlich – ohne fremdes Zutun und ohne fremde Anweisung – seinen Verstand bzw. das, was es dafür halte, benutze und wenn es eindringlich und voll stolzer Mündigkeit wie jedermann dafür plädiere, daß jeder den religiösen Irrsinn des anderen getreulich tolerieren möge, da schließlich alle Subjekte gleich nah bei Gott seien. Als noch „aufgeklärter“ gilt ein Subjekt, wenn es sich dafür einsetzt, daß jede Religion im Staat vertreten sein solle, und wenn es davor warnt, es mit der Kritik  zu übertreiben, da jede Aufklärung bekanntlich auch ihre Schattenseiten habe („Dialektik“!), zumal man letztlich sowieso nichts wissen, sondern nur glauben oder meinen könne, weswegen es ja auch so viele „falsche Wahrheiten“ gebe. Als besonders „aufgeklärt“ indes gilt unter seinesgleichen ein Subjekt, das die Meinung vertritt, es gebe gar keine Wahrheiten, Tatsachen oder Erkenntnisse, sondern nur irgendwelche Vorstellungen oder „Konstruktionen“, was gelegentlich dazu führt, daß ein derart „aufgeklärtes“ Subjekt beim Auftreffen seines Kopfes an der Betonwand sich ein wenig darüber wundert, daß die Konstruktion der Betonwand etwas härter zu sein scheint als die Konstruktionen in seinem Kopf.

Mit der Religion hält es das halbaufgeklärte Subjekt so, daß zwar jeder seine Götter anbeten möge, es aber konstruktiv doch wohl so sei, daß man zuletzt zwar nichts beweisen könne, auch das Gegenteil nicht, daß aber jenseits der schnöden materiellen und symbolischen Welt noch irgendetwas anderes sei, ja, sein müsse, eine transzendente Sphäre sozusagen, weil ja die Welt, so wie sie nun einmal sei, doch nur eine recht profane Angelegenheit sei, was unmöglich alles (gewesen) sein könne, schließlich müsse sich irgendjemand das Ganze ausgedacht haben und das Nichts mit dem Etwas aufgefüllt haben, ein genialer Mikro-, Makrophysiker vermutlich, der damals schon alle Gesetze verstanden habe, die er gerade erfunden hatte und die heutige Menschengeister erst mühsam per Experiment und allerlei Rechenkünsten entdecken müßten. Auch die Entwicklung der Arten hätte jener damals schon geplant, hunderttausende Arten ruckzuck in eineinhalb Tagen entworfen und auch umgehend festgelegt, wo sich welche Art ansiedeln und wo im Kosmos nur leere Wüstenei herrschen solle, wobei jenes Schöpfungssubjekt wohl entweder eine gewisse Vorliebe für öde Ländereien hatte oder einfach die anderen Sterne und Planeten bei der Verteilung der Elemente und Organismen vergessen habe, so daß die Erdenbewohner, die ja schließlich den Mittelpunkt der Welt einnehmen würden, sich weder Sorgen noch Hoffnungen machen müßten, irgendwo im All, das sich ja bekanntlich, wie ruckzuck geplant, immer weiter ausdehne, jemanden zu treffen, mit dem er reden oder Faxen machen könne, schließlich sei das Subjekt, das derlei ersonnen habe, doch ziemlich einzig auf der Welt, zumal es schon da gewesen sei, bevor überhaupt etwas da gewesen sei, auch wenn es in plötzlichem Zorne mal seinen Verstand vergessen und alles vernichten könne, zumal dann, wenn es um vermeintlich letzte Fragen ginge, um die Frage nach Alpha und Omega, Anfang und Ende, nicht zuletzt um das Finale seines sinnlosen Werks, seines nicht minder sinnlosen Plans oder aber eines sinnlosen Gedankens oder eines nicht minder sinnlosen und obendrein jeder Grammatik entbehrenden Satzes.

© W.Sofsky 2017

Symposium: Die Götter Griechenlands

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Symposium: Die Götter Griechenlands

Kürzlich fand in Bad Berka, unweit von Weimar, ein Treffen des Holbach-Instituts statt. Anwesend waren die korrespondierenden Mitglieder Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS). Gegenstand waren einige Fragen des Atheismus sowie der antiken Religion. Hier einige Auszüge aus der Konversation:

WS: Da wir uns hier in der Nähe von Weimar aufhalten, ist es zur Einstimmung vielleicht angebracht, an Schillers philosophisches Gedicht über „Die Götter Griechenlands“ zu erinnern. Bekanntlich hat das Poem seinem Autor einige Vorwürfe eingebracht: es zeige eine antichristliche Tendenz. Daraufhin hat Schiller fünf Jahre später, 1793 also, den Text umgedichtet. Der Vorwurf des Atheismus war auch im klassischen Weimar wenig angenehm. Halten wir uns an die erste Fassung von 1788. Dort heißt es zu Beginn:

„Da ihr noch die schöne Welt regieret, an der Freude leichtem Gängelband glücklichere Menschenalter führtet, schöne Wesen aus dem Fabelland! Ach! Da eurer Wonnendienst noch glänzte, wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte Venus Amathusia!“

RL: Nun, Schiller hatte ein klares Bewußsein davon, daß Götter Fabelwesen sind, Ausgeburten der Imagination. Es wäre ihm nicht im Traume eingefallen, sie für real zu halten. Ebenso fabel-haft ist natürlich die Idee, die Welt sei damals „schöner“ gewesen. Worum es ihm in dieser biographischen Phase künstlerischen Selbstzweifels geht, ist wohl die Erweiterung des Denk- und Imaginationsraums um das Fabelland der griechischen Antike.

IP: Man könnte auch sagen, es ging ihm um die Opposition der Kulturen. Hier die christliche Kultur, welche die Sinnlichkeit verleumdet, mit ihrem ernsten, unsichtbaren Gott, dieser grausamen Gottheit, die ihren eigenen Sohn opfert und alle Untertanen unter das Regime von Schuld und Gewissen zwingt. Dort aber eine Wunschkultur, die der griechischen Götter eben, eine Kultur der Daseinsfreude, der Lebenslust, des Lebens im Draußen, nicht in der Höhle der Innerlichkeit. Die griechischen Götter müssen keine Erlösung oder Versöhnung versprechen, da sie die Menschen nicht zuvor mit der Knute von Angst und Gewissensnot geschlagen haben.

ZM: Aber jenseits der moralistischen Tyrannei sollten wir zunächst die simple Tatsache festhalten: die Götter sind Fabelwesen, und zwar alle Götter, die griechischen, indischen und aztekischen, der christliche Gott oder der islamische Allah, allesamt Fabelfiguren! Der Rückgang in die Antike zeigt, wie jede Reise in eine andere Kultur, die Relativität der Gottesbilder, aber auch den ungeheueren Reichtum der Imagination in Kulturen, die keine heiligen Bücher und Dogmen kennen, keinen absoluten Eingott, sondern viele Götterfiguren, bei Hesiod sind es über 300. Da gibt es einfach viel mehr zu erzählen. Wenn man dagegen nicht mehr viel zu erzählen hat, muß man damit anfangen, jedes Wort umzudrehen. So entstand die Exegese, die Auslegung „heiliger“ Worte, die Theologie.

RL: Das würde heißen, daß die Christianisierung des Abendlandes eines kulturelle Verarmung bedeutet hat. Nicht die Entzauberung durch das moderne Denken ist das Problem, sondern die monotheistische Kanalisierung, diese kognitive Engführung, bedeutete einen epochalen Kulturverlust.

WS: Das ist eine steile These. Das frühe Mittelalter war zwar bekanntlich nicht finster, aber im Vergleich mit der antiken Hochkultur wohl doch ein kultureller Niveauverlust. Was die literarischen Schätze anlangt: hätten die Christen nicht das „Alte Testament“ von den Juden übernommen und die neuen Heiligenlegenden hinzugefügt, dann müßten sie sich mit dem kanonischen Neuen Testament begnügen, ein recht übersichtliche Lektüre für den Wunderglauben und mit einer Zentralgeschichte: dem Menschenopfer Jesu. Das ist nur mehr ein Gerippe von Imagination.

ZM: Die christliche Welt scheint für Schiller eine kalte Welt zu sein, der Gott im unsichtbaren Jenseits, die Seele in unsichtbarer Innerlichkeit, ein drakonisches Regimes.

RL: Das würden die glühenden Anhänger des Monotheismus natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Aber sie reagieren naturgemäß recht erbost, wenn da noch andere Götter die Welt bevölkern, diese Götzen, die ausradiert gehören: Baal, Zeus, Aphrodite, Eros, Buddha, Vishnu, alles Götzen, weg damit, sprengen!

ZM: Und zwar im selbstgerechten Bewußtsein, nur einen Gotteswillen zu exekutieren, den Willen des einzigen Gottes. Wer aber den Gattungsbegriff „Gott“ zum Eigennamen umwidmet, der verliert auch das Bewußtsein davon, daß alle Götter kulturelle Erfindungen sind. Monotheismus und Fanatismus scheinen nahe beieinander zu liegen.

WS: Ich möchte noch einmal zu Schillers Gedicht zurück. Wenn es Schiller um die Restitution des mythischen Bewußtseins geht, zumindest innerhalb der Poesie, dann ist Bereicherung sein Ziel, Belebung, Verschönerung der Künste und des Lebens. Doch sind die Götter Griechenlands mitnichten derart lebensfroh, rosig, edel, hold und erhaben, wie Schillers geradezu enzyklopädisches Gedicht suggeriert. Er idealisiert ohne Ende. Es gibt ja nicht nur den wilden Dionysos, die fremden Götter wie Adonis, Kybele, die Große Göttin Meter oder Sabazios, es gibt kleinere Götter wie Hestia, Hekate oder Prometheus, es gibt Untiere, Monstren, Dämonen, Gorgonen, Sirenen, Schreckensgestalten, vor allem aber sind selbst die zwölf olympischen Gottheiten Homers zumindest ambivalent, um nicht zu sagen vielgesichtig. Fast alle haben eine schwarze, bedrohliche Seite. Artemis, die Jägerin und Geburtshelferin, schickt auch das Kindbettfieber und hat ihren Tempel an der Stelle in Athen, wo man die Hingerichteten hinwirft. Aphrodite, Inbegriff von Schönheit und Liebreiz, bestraft drakonisch, wer sich zur Liebe nicht hinreißen läßt. Von den rituellen Ekstasen und Rasereien ganz zu schweigen. Nicht nur die Mythologie, auch die Riten der griechischen Religion sind vielgesichtig, widersprüchlich, gegensätzlich, fern des ideologischen Dogmas und des liturgischen Ritualismus.

RL: So führt der „Rückgang“ in die Antike in freiere Gefilde, da nicht nur andere Fabelwesen hausen, sondern auch „menschlichere“ Götter?

ZM: Damit beginnt ja der antike Atheismus, mit dem Nachweis nämlich, daß die Götter wie Menschen sind, Projektionen. Sie leben in Familie, kennen Generationskonflikte, Vatermorde, Rivalitäten, Eifersucht, Machtlust, Zerstörungswut, Sympathie, Klugheit, Geschicklichkeit, Verführung, sie haben Sex, mit Ausnahme der göttlichen Jungfrauen Artemis und Athene. Sie sind wie die Menschen, nur sterblich sind sie halt nicht.

WS: Schiller: „Da die Götter menschlicher noch waren, waren Menschen göttlicher.“

IP: Nicht nur Unsterblichkeit markiert die Trennlinie. Die Götter sind nicht allwissend, aber sie wissen meist mehr als die Menschen. Ihre Planung zielt weiter hinaus, indes die Menschen mehr oder weniger im Dunkel der Tagesereignisse herumtappen. Götter können riesige Räume überwinden, man denke an Hermes, aber sie sind keineswegs immer da. Allgegenwart ist ohnehin kein göttliches Attribut, sondern eine Horrorvorstellung. Es ist immer gut, wenn Götter auch mal fort sind. Außerdem verwandeln sie sich, nehmen Tiergestalt an, kommen in Wolken oder Dunstschleiern daher. Aber sie sind Personen, wie die Menschen Personen sind, sie haben ein Verhältnis zu sich selbst. Und weil sie Personen sind, können nicht nur Menschen über Götter lachen, sondern auch die Götter über sich selbst. Man stelle sich Jahwe oder den Christengott oder Allah als lachenden Gott vor! Im Monotheismus gibt’s immer wenig zu lachen. Ein schmunzelndes Christuskind auf Mariens Arm ist armselig. Über der Madonna mit dem Kind lauert immer schon das Wissen ums fatale Ende am Kreuz. Und das selige Lächeln der in Ewigkeit Entrückten, auf den Portalen des Jüngsten Gerichts. Denen scheint das Lachen so vergangen zu sein, daß es nur mehr zu einem verklärten Lächeln reicht.

ZM: Die Ebenbildlichkeit von Menschen und Göttern muß man noch genauer bestimmen für das jeweilige Pantheon. Im Grunde geben Gottesbilder ja Aufschluß darüber, welche kollektiven Vorstellungen, Wünsche, Machtphantasien, Ängste Menschen jeweils haben. In ihren Göttern spiegeln sie sich selbst. Deshalb sind Götter kulturhistorisch so interessant. Aber der Ausgangspunkt ist stets der genuin atheistische Befund, daß das Pantheon eine menschliche Kreation ist, in der die Menschen sich ein Gegenüber erfinden, das fast so ist wie sie selbst. Religion – Menschenwerk, Götter – Fabelwesen.

RL: Wie kann man die vermeintliche Macht der Götter verstehen? Es kommt ein Prozeß der Entfremdung in Gang, oder sagen wir, der Objektivation: Zuerst von den Menschen in die Welt gesetzt, gewinnen die Götter eine Art Eigenleben, eine unabhängige Existenz. Sie machen, was sie wollen, sonst wären sie ja keine Götter, sie übertrumpfen die Menschen, beherrschen sie, spielen mit ihnen, hetzen sie aufeinander wie vor Troja. Als eigenständige, unbegrenzte Macht scheinen sie die Welt zu regieren. Und die Menschen beten sie an, unterwerfen sich, errichten Kultstätten für Idole, die nichts als ihre eigenen Erfindungen sind. Diese Objektivation macht der Atheismus rückgängig. Er besteht darauf, daß Götter nichts als Fabelwesen sind. Dadurch befreit er die Menschen von Idolen und Illusionen, aber auch von einem autokratischen Regime, das in den Köpfen und in der Gesellschaft existiert.

ZM: Ein nicht geringer Vorteil der griechischen Götter ist immerhin, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, den Menschen erschaffen zu wollen. Sie genügen sich selbst. Sie brauchen kein Spiegelbild wie der einsame Wüstengott im vorderen Orient. Wovon die nahöstliche Mythologie geradezu besessen ist, nämlich die Schöpfung von Anbeginn, die Erfindung der ersten Menschen, das ist für die griechische Religion kein Thema. Die Menschen sind schon da. Das ist ja auch nicht verwunderlich, sind sie es doch, welche die Götter erschaffen haben.

RL: Und Prometheus?

ZM: Eine subliterarische Fabel, apokryph!

RL: Nun gut, wie schafft es aber eine Kultur, die Frage nach dem Anfang des Menschen auf sich beruhen zu lassen?

WS: Vielleicht waren die Griechen weise, manche zumindest. Da die Menschen einfach da waren, brauchte man diese Selbstverständlichkeit nicht zu bezweifeln, trotz gewisser Verluste bei Eroberungszügen, Erdbeben, Vulkaneruptionen. Erst wenn die Todesangst überhand nimmt, stellt sich unablässig die Frage, woher die Menschen eigentlich gekommen sind. Wer sich weniger ängstigt, muß sich auch nicht dauernd seiner selbst vergewissern. Ein letzter Blick in Schillers Gegenwelt: „Damals trat kein gräßliches Gerippe vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß nahm das letzte Leben von der Lippe, still und traurig senkt ein Genius seine Fackel. Schöne, lichte Bilder scherzten auch um die Notwendigkeit, und das ernste Schicksal blickte milder durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.“

© WS,IP,ZM,RL 2017

Religionsfrevel

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Wolfgang Sofsky
Religionsfrevel

Die Geschichte der Religionen kennt mehrere Formen des Frevels. Die erste besteht darin, die Existenz der Götter zu leugnen. Atheisten bestreiten, daß Götter überaupt existieren. Das hindert sie nicht daran festzustellen, daß Menschen aus diesem oder jenem Grunde glauben, daß Götter existieren. Allein, aus dem Glauben, daß p, folgt mitnichten, daß p. Solcher Religionsfrevel rechnet mit der Wirklichkeit und Wirkmäch-tigkeit religiöser Vorstellungen, aber nicht mit der Wirklichkeit der vorgestellten Götter. Atheisten beteiligen sich daher auch nicht an theologischen Debatten über die Eigenschaften von Göttern. Ob ein Gott allmächtig oder ohnmächtig, allklug oder alldumm, allgut oder allböse, allgegenwärtig oder verborgen, allgelb, allrot oder allschwarz ist, ist für ihn eine sinnlose Frage. Sie hat nicht mehr Bedeutung als diejenige, ob Einhörner groß, klein, gescheckt oder einfarbig sind.

Davon zu unterscheiden sind Einstellungen, welche die Götter mißachten und sich nicht um sie kümmern. Gleichgültigkeit gegenüber den Göttern verwirft nicht ihre Existenz, hält diese aber für belanglos. Für den Gleichgültigen ist es unerheblich, ob Götter sind oder nicht sind. Ebenso unbedeutend sind für ihn die Kultpflichten, die Achtungsgebote, die Wertschätzung heiliger Worte und Taten. Gleichgültige vernachlässigen die Götter, die von anderen verehrt werden. Sie nehmen nicht an Kulthandlungen teil, beten nicht, opfern nicht, denken nicht einmal an irgendeinen Gott. Diese Mißachtung wird ihnen von Gläubigen und Halbgläubigen zutiefst verübelt. Dem Gleichgültigen ist das, was für den Gottesanhänger den allerhöchsten Wert hat, schlechterdings wertlos.

Eine dritte Form des Religionsfrevels ist der Glaube an andere Götter.  Anhänger anderer Götter lehnen die Vorstellungen, Dogmen, Lehrmeinungen, Überzeugungen, Bekenntnisse, Gesinnungen von Religion A ab und präferieren stattdessen Götter und Lehren vom Typ B. Solche Frevler gelten gemeinhin als Ketzer, Häretiker, „Andersgläubige“, „Ungläubige“. Ihnen sind andere Götter und Kulte heilig. Insbesondere monotheistische Religionen wie das Christentum und der Islam sind in der Verfolgung solchen Religionsfrevels besonders unduldsam. Sie prüfen Gesinnungen, strafen und töten Abweichler. Während Atheisten und Gleichgültigen gar nichts heilig ist, ist den „Ketzern“ eine andere Gottheit heilig. Dies können Gesinnungsreligionen, die ihren monozentrischen Universalitätsanspruch ernst nehmen, unmöglich ertragen. Sie fordern, B abzuschwören und A anzubeten, und zwar nicht aus Opportunität, sondern aus tiefster Überzeugung. Abweichungen des Glaubens provozieren Gesinnungsterror und robuste Repression bis zur Ausstellung gemarterter Ketzer in öffentlichen Käfigen. Religion ist hier weniger eine Frage des korrekten Kultus als des korrekten Glaubens.

Eine vierter Frevel richtet sich nicht gegen Götter, sondern gegen deren Statthalter, Sprecher, Vertreter. Die Mißachtung oder Verachtung, der Ungehorsam oder die Indifferenz gegenüber Propheten, Predigern und Priestern ist ein gesellschaftlicher und ideologischer Machtkonflikt, der mit allen Mitteln der Resistenz, Renitenz und Repression geführt werden kann. Im Zentrum steht dabei zunächst die Delegitimierung sakraler Ämter und Personen, die „Entweihung“ angemaßter höherer „Würden“, die Widerlegung des Anspruch, in einem „höheren“ Namen zu reden und zu handeln. Nichts verärgert religiöse Virtuosen, Statthalter und Amtsträger mehr als die Profanisierung ihrer Stellung, ihrer Rollen und persönlichen Eigenschaften. Sie erscheinen am Ende als durchschnittliche Figuren, die weder für Götter noch mit Göttern zu sprechen vermögen. Ihre religiöse Vermittlungsfunktion erweist sich überaus weltlicher Machtanspruch.

Eine eigene Betrachtung verdienen die Methoden und Strategien des Religionsfrevels, die Techniken der Ruchlosigkeit, der Lästerung, Blasphemie, der Entweihung, der Profanisierung sowie die Repressionsformen religiöser Machthaber. Diese Analyse der Handungen, Aktivitäten, Konflikt- und Herrschaftsprozeduren ist naturgemäß eine weites Feld.

© W.Sofsky 2017

Goethe: Menschengötter

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Wolfgang Sofsky
Goethe: Menschengötter

Irgendwann zwischen 1804 und 1812 soll Goethe zu Friedrich Wilhelm Riemer bemerkt haben: „Was der Mensch als Gott verehrt, ist sein eigenstes Inneres herausgekehrt.“ Und er soll in dieser Zeit auch hinzugefügt haben: „Erkennt er Würde, sucht er Würde, so verehrt er sie auch außer sich… Zur Zeit, als es noch Könige gab, gab es auch noch Götter.“ Als aber die Könige verschwanden, kam nicht nur die Würde in Dekadenz, sondern auch die der Götter. „Sie mußten sich gefallen lassen, daß man mit ihnen umsprang wie mit den Menschen. Es war die Egalisierung bis in den Himmel gedrungen.“

Diese religionshistorische Notiz über den Niedergang der Götter findet ihre Bestätigung in der spät- und postchristlichen Vorstellung, daß der Gott in jedem Menschen sei, ja, daß er nichts anderes als der jeweilige „Mit“mensch sei, und Gotteswürde eben nichts anderes die allgemeine Würde sei, die jedem Menschen eigen sei, worin immer sie genau bestehen mag. Abgesehen von solcherlei historischer Diagnose über den Konnex von Götterglaube und Fürstenautorität – die These von der Exkorporation der Götter rechnet damit, daß die Menschen eine, zumindest vage Vorstellung von sich selbst haben. Sie haben Wünsche, Sehnsüchte, Ideen von Glück und Gefühl, von Stolz, Macht, Zorn, Gnade, Sorge, Beschwörung. Erst wenn sie dies haben, können sie Götter als Ebenbilder ihrer selbst entwerfen.

Womöglich hat es sich historisch jedoch umgekehrt verhalten. Was die Menschen mit der Zeit als ihr Inneres erkannten, war die Inkorporation dessen, was sie zuvor den Göttern zugesprochen hatten. Das Innenleben war einst ein Eingriff der Gottheit, ein Widerfahrnis, das die Menschen übermannte. Angst, Trauer, Zorn, Freude, Liebe ereilte die Menschen wie eine fremde Macht. Und diese fremde Macht waren die Götter. Sie versetzten die Menschen in die jeweiligen Zustände, erlegten ihnen Gedanken, Entscheidungen, Gefühle auf. Erst als die Menschen zu glauben begannen, daß sie selbst im Mittelpunkt der Welt stünden, kehrten sie die Inkorportion des Göttlichen um in eine Exkorporation des Menschlichen. Seitdem ist die Zeit der Götter vorbei. Und die Menschen halten sich selbst für Götter, die man nur bei Gottesstrafe verachten und verlachen darf. Das Ende der Religion indes ist erst erreicht, wenn der Himmel leer ist, wenn dort weder Götter oder Menschen noch Affen oder Spatzen als höhere Wesen verehrt werden.

© W.Sofsky 2017

Goya: Inquisition

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Wolfgang Sofsky
Goya: Inquisition

Religionsterror wird öffentlich ausgestellt, bei der Verbrennung der Delinquenten, bei ihrer Schändung, bei der Verkündung des Urteils. Die Religion usurpiert die Verfahren der Justiz, klagt an, überführt, verhängt Urteile und vollstreckt sie. Viel Volk ist immer versammelt, wenn der Schauprozeß inszeniert wird. Die Gesichter verschwimmen in Namenlosigkeit. Rund um das Podium indes sitzen die Mönche der verschiedenen Orden. Man erkennt sie an den weißen, schwarzen, braunen, schwarzweißen Kutten und Trachten. Angeklagt sind vier Personen. Sie tragen eine Art Meßgewand und Spitzhüte, auf denen rot aufzüngelnde Flammen gezeichnet sind, die Zeichen des nahen Scheiterhaufens. Der Vertreter der weltlichen Obrigkeit sitzt lässig da, hat den linken Fuß nach vorn geschoben und hört aufmerksam der Urteilsverkündung zu. Der Inquisitor in der Bildmitte berät sich mit dem Gehilfen der peinlichen Untersuchung. Im Schein der Kerze verliest der Richter das Urteil. Die Angeklagten reagieren individuell. Einer hat sittsam den Kopf gesenkt und die betenden Hände zum Empfang des Urteils gefaltet. Ein anderer in der ersten Reihe ist verzweifelt in sich zusammengesunken. Einem Ditten haben sich die Füße weit auseinandergestellt, als wollte etwas aus seinem Körper herausfahren. Francisco Goya hat das Bild zwischen 1812 und 1819 gemalt, vielleicht noch vor 1814, als die Inquisition unter dem Regime Bonapartes zwischenzeitlich ausgesetzt war. 1815 wurde er selbst vor das Sanctum Officium zitiert, wegen der Bildnisse von der nackten und der bekleideten Schönen. Goyas Antworten sind nicht überliefert.

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Religionsterror

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Religionsterror

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Schillers erste historische Schrift (1788) befaßt sich mit dem Freiheitskampf der Niederlande gegen die spanische Tyrannis. Darin findet sich im ersten Buch auch eine Charakterisierung der spanischen Inquisition. Diese Institution der Glaubensreinigung, einst erfunden gegen Sarazenen, Synkretisten, Muslime, Juden und Ketzer, betrieben von Bettelmönchen, „einer Abart des menschlichen Namens, die die heiligen Triebe der Natur abgeschworen“ und sich zu „dienstbaren Kreaturen des römischen Stuhls“ hochgedient hat, um die Wurzeln alter Religionen „auszureuten“, diese Institution trug bereits totalitäre Züge. „Inquisition hat es gegeben, seitdem die Vernunft sich an das Heilige wagte, seitdem es Zweifler und Neuerer gab.“ Die spanische Inqusition indes zielte nicht nur gegen verrufene Praktiken, sondern gegen Gesinnungen, gegen die Tiefen der Seele. Sie gab das Vorbild für alle Einrichtungen moderner Art, die mittels  Befragung, Selbstkritik, Umerziehung, Tortur, Schauprozeß, Lager oder Exekution abweichende Gedanken, Gesinnungen, Gefühle auszutilgen sucht. In jede Verästelung der Seele treibt sie den Schrecken.

„Wollte die Kirche einen vollständigen Sieg über den feindlichen Gottesdienst feiern und ihre neue Eroberung vor jedem Rückfalle sicherstellen, so mußte sie den Grund selbst unterwühlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; sie mußte die ganze Form des sittlichen Charakters zerschlagen, an die er aufs innigste geheftet schien. In den verborgensten Tiefen der Seele mußte sie seine geheimen Wurzeln ablösen, alle seine Spuren im Kreise des häuslichen Lebens und in der Bürgerwelt auslöschen, jede Erinnerung an ihn absterben lassen und wo möglich selbst die Empfänglichkeit für seine Eindrücke töten. Vaterland und Familie, Gewissen und Ehre, die heiligen Gefühle der Gesellschaft und der Natur sind immer die ersten und nächsten, mit denen Religionen sich mischen, von denen sie Stärke empfangen und denen sie sie geben. Diese Verbindung mußte jetzt aufgelöst, von den heiligen Gefühlen der Natur mußte die alte Religion gewaltsam gerissen werden – und sollte es selbst die Heiligkeit dieser Empfindungen kosten, So wurde die Inquisition, die wir zum Unterschiede von den menschlicheren Gerichten, die ihren Namen führen, die spanische nennen. Sie hat den Kardinal Ximenes zum Stifter; ein Dominikanermönch, Torquemeda, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freiheit gefesselt. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glau-ben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am heiligsten achtet. Alle Ansprüche auf seine Gattung sind für einen Ketzer verscherzt; mit der leichtesten Untreue an der mütterlichen Kirche hat er sein Geschlecht ausgezogen. Ein bescheidner Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papsts wird geahndet wie Vatermord und schändet wie Sodomie; ihre Urteile gleichen den schrecklichen Fermenten der Pest, die den gesundesten Körper in schnelle Verwesung treiben. Selbst das Leblose, das einem Ketzer angehörte, ist verflucht; ihre Opfer kann kein Schicksal ihr unterschlagen; an Leichen und Gemälden werden ihre Sentenzen vollstreckt; und das Grab selbst ist keine Zuflucht vor ihrem entsetzlichen Arme.“

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

© WS 2018

Friedrich Schiller: „Ausleerungen des Tränensacks“

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: „Ausleerungen des Tränensacks“

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In seiner ästhetischen Grundschrift „Über das Pathetische“ (1793) geißelt Friedrich Schiller nicht nur die Darstellung der peinlichen Passion, die blutrünstige Vorführung des Schmerzes und Leidens, die den Sinn bloß quält, ohne zugleich den Geist mit einem Gedanken zu entschädigen, sondern auch die Darstellung der wollüstigen Passion, die den Affekt erschlaffen und schmelzen läßt. Jede Kunst, welche den Namen verdient, bedarf einer gehörigen Portion Leid und Pathos, damit sich der Widerstand der Freiheit regen kann. Rührseligkeit indes treibt das Subjekt unter sein Niveau. Schiller beschreibt diese ästhetische Wirkung am Exemplum musikalischen Wohllauts. Man kann diese Diagnose unschwer auf die Literatur, ja, auf die Neigungen und Vorlieben einer kollektiven Mentalität übertragen, die das Angenehme, Empfindsame, das „trunkene Auge“ hochschätzt und diese sensorische Reizung sogar mit einer moralischen Haltung verwechselt.

„Die schmelzenden Affekte, die bloß zärtlichen Rührungen, gehören zum Gebiet des Angenehmen, mit dem die schöne Kunst nichts tun hat. Sie ergötzen bloß den Sinn durch Auflösung oder Erschlaffung und beziehen sich bloß aufden äußern, nicht auf den inneren Zustand des Menschen. Viele unsrer Romane und Trauerspiele, besonders der sogenannten Dramen (Mitteldinge zwischen Lustspiel im Trauerspiel) und der beliebten Familiengemälde gehören in diese Klasse. Sie bewirken bloß Ausleerungen des Tränensacks und eine wollüstige Erleichterung der Gefäße; aber der Geist geht leer aus, und die edlere Kraft im Menschen wird ganz und gar nicht dadurch gestärkt. Ebenso, sagt Kant, fühlt sich mancher durch eine Predigt erbaut, wobei doch gar nichts in ihm aufgebaut worden ist. Auch die Musik der Neuem scheint es vorzüglich nur aufdie Sinnlichkeit anzulegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden Geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will. Alles Schmelzende wird daher vorgezogen, und wenn noch so großer Lärm in einem Konzertsaal ist, so wird plötzlich alles Ohr, wenn eine schmelzende Passage vorgetragen wird. Ein bis ins Tierische gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erscheint dann gewöhnlich auf allen Gesichtern, die trunkenen Augen schwimmen, der offene Mund ist ganz Begierde, ein wollüstiges Zittern ergreift de ganzen Körper, der Atem ist schnell und schwach, kurz alle Symptome der Berauschung stellen sich ein: zum deutlichen Beweise, daß die Sinne schwelgen, der Geist aber oder das Prinzip der Freiheit im Menschen der Gewalt des sinnlichen Eindrucks zum Raube wird. Alle diese Rührungen, sage ich, sind durch einen edeln und männlichen Geschmack von der Kunst ausgeschlossen, weil sie bloß allein dem Sinne gefallen, mit dem die Kunst nichts zu verkehren hat.“

© WS 2017

Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

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Wolfgang Sofsky
Ludwig Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

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Zu den aufmerksamsten, wenngleich unwilligsten Lesern von Frazers „Goldenem Zweig“ gehörte Ludwig Wittgenstein. Wie Frazer hielt sich Wittgenstein in den 30er Jahren in Cambridge auf. Daß sich die beiden je begegneten, ist unbekannt. Frazer, der viktorianische Ethnologe im Geiste des Evolutionismus, hatte fast sein ganzes Gelehrtenleben am Trinity College zugebracht. Er war in den 1930ern Jahren bereits in den späten 70ern und fast blind. Wittgenstein war 35 Jahre jünger und hatte vor dem Großen Krieg am Trinity College studiert. 1929 wurde er in Cambridge mit dem „Tractatus“ promoviert, gab in den 30ern Kurse und Vorlesungen, wurde jedoch erst 1939 auf den Lehrstuhl von G.E.Moore berufen. 1930 ließ er sich aus dem ersten Band von Frazers 12bändigem Werk vorlesen, später besaß er als Leseexemplar die einbändige Ausgabe von 1922. Im Sommer 1931 notierte er einige Bemerkungen in sein Manuskriptbuch. Viele Jahre später kamen ein paar Anmerkungen auf Papierzetteln hinzu. G.E.Anscombe fand sie nach seinem Tod in seiner Hinterlassenschaft. Die „Remarks“ wurden erstmals 1967 publiziert und sodann in den Sammelband „Philosophical Occasions: 1912-1951“ (1993) aufgenommen. Wittgenstein störte sich besonders an der  Verwechslung von Magie mit einer Art primitiver Wissenschaft, dem eurozentrischen Evolutionismus, den Projektionen in Frazers Beschreibungen sowie an der Verharmlosung des Befremdlichen zur irrigen Abweichung vom Vertrauten. Mythen beschreiben und erklären nichts, sie geben keine Meinung wieder. Die Wahrheitsfrage stellt sich gar nicht. Riten bezwecken nichts, sondern zeigen etwas. Man kann Wittgensteins Bemerkungen unschwer als Kritik einer Religionskritik lesen, die auf prompte  Aufklärung durch Gegenbeweise setzt, ohne den langen Weg der Aufklärung religiöser Motive zu gehen. Wenn man nicht erkundet, weshalb Menschen das glauben, was sie glauben, wird man gegen Irrglauben nie etwas ausrichten können. Hier ein paar Passagen:

„Man muß beim Irrtum ansetzen und ihn in die Wahrheit überführen. D.h. man muß die Quelle des Irrtums aufdecken, sonst nützt uns das Hören der Wahrheit nichts. Sie kann nicht eindringen, wenn etwas anderes seinen Platz einnimmt. Einen von der Wahrheit zu überzeugen, genügt es nicht, die Wahrheit zu konstatieren, sondern man muß den Weg vom Irrtum zur Wahrheit finden…

Schon die Idee, den Gebrauch – etwa die Tötung des Priesterkönigs – erklären zu wollen, scheint mir verfehlt. Alles, was Frazer tut, ist, sie Menschen, die so ähnlich denken wie er, plausibel zu machen. Es ist sehr merkwürdig, daß alle diese Gebräuche endlich so zu sagen als Dummheit dargestellt werden. Nie wird es aber plausibel, daß die Menschen aus purer Dummheit all das tun…

In effigie verbrennen. Das Bild des Geliebten küssen. Das basiert natürlich nicht auf einem Glauben an eine bestimmte Wirkung auf den Gegenstand, den das Bild darstellt. Es bezweckt eine Befriedigung und erreicht sie auch. Oder vielmehr, es bezweckt gar nichts; wir handeln so und fühlen uns dann befriedigt…

Daß der Schatten des Menschen, der wie ein Mensch ausschaut, oder sein Spiegelbild, daß Regen, Gewitter, die Mondphasen, der Jahreszeitwechsel, die Ähnlichkeit und Verschiedenheit der Tiere untereinander und zum Menschen, die Erscheinungen des Todes, der Geburt und des Geschlechtslebens, kurz alles, was der Mensch jahraus jahrein um sich wahrnimmt, in mannigfaltigster Weise miteinander verknüpft, in seinem Denken (seiner Philosophie) und seinen Gebräuchen eine Rolle spielen wird, ist selbstverständlich, oder ist eben das, was wir wirklich wissen und interessant ist…

Bei der magischen Heilung einer Krankheit bedeutet man ihr, sie möge den Patienten verlassen. Man möchte nach der Beschreibung so einer magischen Kur immer sagen: Wenn das die Krankheit nicht versteht, so weiß ich nicht, wie man es ihr sagen soll…

Frazer ist viel mehr savage, als die meisten seiner savages, denn diese werden nicht so weit vom Verständnis einer geistigen Angelegenheit entfernt sein, wie ein Engländer des 20sten Jahrhunderts. Seine Erklärungen der primitiven Gebräuche sind viel roher, als der Sinn dieser Gebräuche selbst…

Wenn es einem Menschen freigestellt wäre, sich in einen Baum eines Waldes gebären zu lassen: so gäbe es solche, die sich den schönsten oder höchsten Baum aussuchen würden, solche, die sich den kleinsten wählten, und solche, die sich einen Durchschnitts- oder minderen Durchschnittsbaum wählen würden, und zwar meine ich nicht aus Philostrosität, sondern aus eben dem Grund, oder der Art von Grund, warum der Andre den höchsten gewählt hat. Daß das Gefühl, welches wir für unser Leben haben, mit dem eines solchen Wesens, das sich seinen Standpunkt in der Welt wählen konnte, vergleichbar ist, liegt, glaube ich, dem Mythus — oder dem Glauben — zu Grunde, wir hätten uns unsern Körper vor der Geburt gewählt…

Wenn ich über etwas wütend bin, so schlage ich manchmal mit meinem Stock auf die Erde oder an einen Baum etc. Aber ich glaube doch nicht, daß die Erde schuld ist oder das Schlagen etwas helfen kann. »Ich lasse meinen Zorn aus.« Und dieser Art sind alle Riten. Solche Handlungen kann man Instinkt-Handlungen nennen. — Und eine historische Erklärung, etwa daß ich früher oder meine Vorfahren früher geglaubt haben, das Schlagen der Erde helfe etwas, sind Spiegelfechtereien, denn sie sind überflüssige Annahmen, die nichts erklären. Wichtig ist die Ähnlichkeit des Aktes mit einem Akt der Züchtigung, aber mehr als diese Ähnlichkeit ist nicht zu konstatieren.“

© W.Sofsky 2016

James George Frazer: Hanged God

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Wolfgang Sofsky
James George Frazer: Hanged God

Frazer

In einigen Religionen gibt es nicht nur die Vorstellung, daß Götter sterben und alsdann erneut aufstehen, sondern auch eine mythische Erzählung, wonach ein Gott oder Dämon an einen Baum aufgehängt wird. Das bekannteste Exemplum ist der christliche Jesus, der am arbor infelix stirbt, die Lanze in die Seite gestoßen. Aber auch der nordische Odin gehört in den Kreis der „hanged gods“. Gelegentlich wird ein Gott – wie Adonis oder Attis – geopfert, um das Wachstum der Vegetation zu fördern; manchmal opfert er sich – wie Odin – selbst, um in die Weisheit der Welt eingeweiht zu werden. Mitunter werden jedoch auch andere Lebewesen an Bäumen geopfert, wie der vorwitzige phrygische Satyr Marsyas, der es musikalisch mit Apoll aufnehmen wollte. Sir Frazer, der große Religionsethnologe und Anthropologe, hat im „Golden Bough“, diesem Kompendium religiöser Tötungsriten, Opferfeuer, Fruchtbarkeitszaubereien, Tabus und magischen Praktiken zum fraglichen Motiv ein paar Hinweise gesammelt. Die  Passage aus Odins Runenlied in der Edda ist hier jedoch nach der Simrock-Übersetzung eingefügt.

„Im Heiligen Haine zu Upsala wurden Menschen und Tiere dadurch geopfert, daß man sie an heiligen Bäumen aufhing. Die dem Odin geweihten Menschenopfer wurden regelmäßig durch Erhängen oder durch Erhängen und gleichzeitiges Erdolchen getötet. Der Mann wurde an einem Baum oder einem Galgen emporgezogen und alsdann mit einem Speer verwundet. Daher wurde Odin der Gott des Galgens oder der Gott der Gehängten genannt und unter einem Galgenbaum sitzend dargestellt. Ja, er soll selbst auf die gewöhnliche Art geopfert worden sein, wie wir aus den unheimlichen Versen des Hávarnál erfahren. Darin beschreibt der Gott, wie er seine göttliche Kraft erwarb, indem er die magischen Runen erlernte:

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann
Aus welcher Wurzel er sproß.

Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde. (Edda, Havamal, 139f., Ü: E.Simrock)

Die Bagobos von Mindanao, einer der Phillipinen, opferten früher alljährlich Menschen in ähnlicher Weise, um das Wachstum des Getreides zu fördern. Anfang Dezember, wenn das Sternbild des Orion um sieben Uhr abends am Himmel erschien, wußten die Leute, daß die Zeit gekommen war, um die Felder zur Saat zu bereiten und einen Sklaven zu opfern. Das Opfer wurde gewissen mächtigen Geistern als Dank für das gute Jahr dargebracht, welches das Volk gehabt hatte, und außerdem, um sich die Gunst der Geister im folgenden zu sichern. Das Opfer wurde an einen großen Baum im Walde geführt. Dort wurde es mit dem Rücken an den Baum gebunden und seine Arme über dem Kopfe ausgestreckt in der Stellung, in der die antiken Künstler den Marsyas darzustellen pflegten, wie er an dem verhängnisvollen Baume hing. Während es so an den Armen hing, wurde es getötet, indem man ihm einen Speer in der Höhe der Achselhöhlen durch den Körper bohrte. Später wurde der Körper an der Taille mitten durchgeschnitten, und die obere Hälfte ließ man eine Weile vom Baum herabhängen, während die untere Hälfte am Boden sich im Blute wälzte. Die beiden Teile wurden schließlich in einen flachen Graben neben den Baum geworfen. Bevor man dies tat, durfte jeder, der es wollte, ein Stück Fleisch oder eine Haarlocke von dem Leichnam abschneiden und sie zum Grabe eines Verwandten tragen, dessen Körper von einem Ghul verzehrt wurde. Von dem frischen Leichnam angelockt, würde der Ghul den vermodernden, alten Körper in Frieden lassen.

Diese Opfer sind heute noch lebenden Männern dargebracht worden. In Griechenland scheint die große Göttin selbst alljährlich i n e f f i g i e in ihrem heiligen Haine zu Confylea in den Arcadischen Bergen aufgehängt worden zu sein, und sie führte infolgedessen dort den Namen die „Erhängte“. Eine Spur von einem ähnliche Kult läßt sich in der Tat selbst in Ephesus, dem berühmtesten ihrer Heiligtümer, nachweisen, und zwar in der Sage von einer Frau, die sich erhängte und darauf von der mitleidigen Göttin in ihre eigenen geheiligten Gewänder gehüllt und Hecate benannt wurde. Ebenso wurde zu Melite in Phtia die Geschichte von einem Mädchen erzählt, mit Namen Aspalis, die sich erhängte, die aber scheinbar nur eine Abart der Artemis war. Denn nach ihrem Tode konnte man ihre Leiche nicht finden, aber ein Bild von ihr wurde gefunden, das neben dem Bilde der Artemis stand, und das Volk gab ihm den Namen Hecaerge oder Weitschießerin, einen der regelmäßigen Beinamen der Göttin. Alljährlich opferten die Jungfrauen dem Bildnis eine junge Ziege, indem sie diese aufhängten, weil Aspalis sich erhängt haben sollte. Das Opfer mag ein Ersatz für das Aufhängen eines Bildes oder eines menschlichen Stellvertreters der Artemis gewesen sein. In Rhodos wurde die schöne Helena unter der Bezeichnung „Helena des Baumes“ verehrt, denn die Königin der Insel hatte sie durch ihre Mägde, die als Furien verkleidet waren, an einem Ast aufhängen lassen. Daß die asiatischen Griechen Tiere auf diese Weise opferten, beweisen Münzen aus Ilium, die einen an einem Baume aufgehängten Ochsen oder eine Kuh darstellen, die von einem in den Zweigen oder auf dem Rücken des Tieres sitzenden Mann totgestochen werden. Auch in Hierapolis wurden die Opfer an Bäumen aufgehängt, ehe man sie verbrannte. Mit diesen griechischen und skandinavischen Parallelen vor unseren Augen vermögen wir wohl die Annahme kaum als völlig unwahrscheinlich abzutun, daß in Phrygien vielleicht Jahr für Jahr ein Menschengott an dem heiligen, aber verhängnisvollen Baume gehangen haben mag.“ (James George Frazer, Der goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Leipzig 1928, 517ff.)

Curzio Malaparte: Legaler Staatsstreich

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Wolfgang Sofsky
Curzio Malaparte: Legaler Staatsstreich

1931 erschien bei Grasset in Paris die französische Übersetzung von Curzio Malapartes „Technik des Staatsstreichs“. Der Essay gilt als Klassiker für das Studium catilinarischer Aktivitäten auf der linken wie auf der rechten Seite. Von Trotzkij lernte der Autor, daß es für die Machtübernahme keines Generalstreiks, keines Massenaufstands, keines Umsturzes durch eine ganze Armee bedarf, sondern nur der wohltrainierten und wohlgezielten Operationen von Stoßtrupps gegen die technische Infrastruktur. Ein erfolgreicher Staatsstreich bombardiert keine Parlamentsgebäude oder Präsidialbauten, er demonstriert die neue Macht nicht durch die Besetzung von Brücken oder durch umherstehende Panzer. Die Ingenieure der Macht bemächtigen sich sämtlicher Schaltzentralen, der E-werke, Telegraphenämter, Internetknoten, Funknetze, der Bahnhöfe und Flughäfen. Sie besetzen die Zentralen der Geheimdienste, der Polizei und Militärstäbe. Die Führungsfiguren des alten Regimes werden auf einen Schlag festgesetzt. In der Öffentlichkeit werden sie fortan nicht mehr gesehen.

Dieser Taktik des linken Staatsstreichs steht der bonapartistische Umsturz gegenüber, der die Legalität zur Machteroberung benutzt, das Parlament in seine Dienste nimmt und sich durch die Stabilität der Ordnung zu legitimieren sucht. Nur wer die Lektionen der letzten Jahrhunderte nie gelernt hat und die Existenz von Parlamenten als Demokratiebeweis mitversteht, der begreift auch nicht, wie sich auch innerhalb demokratischer Kulissen Staatsstreiche vollziehen können.

„Die Grundregel der bonapartistischen Taktik ist Opportunismus. Was diese Regel von der Taktik der Catilinarier der Linken unterscheidet, ist die Heranziehung des Parlaments als des geeignetsten Geländes, auf dem Gewaltanwendung mit Achtung der Legalität verbunden werden kann. Und das ist das Kennzeichen des 18. Brumaire. Kapp, Primo de Rivera, Pilsudski und sogar Hitler sind, wie alle Catilinarier der Rechten, Männer der Ordnung, Konservative oder Reaktionäre, die sich vornehmen, die Macht zu erringen, um Prestige, Kraft und Autorität des Staates erhöhen, und die sich bemühen, ihre Umsturzpläne dadurch zu rechtfertigen, daß sie sich nicht als Feinde, sondern als Diener des Staates ausgeben. Am meisten fürchten sie, für „gesetzlos“ erklärt zu werden. Das Beispiel Bonapartes, der erschrickt, als man ihm meldet, daß er außer Gesetz erklärt werden soll, gehört zu der Umsturztradition, deren Fortsetzer sie sind. Sie wollen den Staat über das Parlament erobern. Nur die Legislative, die das Spiel von Kompromiß und Mitschuld so sehr erleichtert, kann ihnen helfen, die vollzogene Tatsache in die bestehende Ordnung einzufügen, da sie ihnen die Möglichkeit gibt, die revolutionäre Gewalt auf die verfassungsmäßige Legalität aufzupfropfen.

Das Parlament ist der unfreiwillige, notwendige Komplice und gleichzeitig das erste Opfer des bonapartistischen Staatsstreichs. Entweder erkennt das Parlament die vollzogene Tatsache an und legalisiert sie formgerecht, indem es den Staatsstreich in einen Ministerwechsel umwandelt, oder die Catilinarier lösen das Parlament auf und beauftragen eine neue Versammlung, die revolutionäre Gewalt zu einer gesetzmäßigen zu machen. Das Parlament aber, das darauf eingeht, den Staatsstreich zu legalisieren, beschließt sein eigenes Ende. Es gibt in der Geschichte der Revolutionen kein Beispiel einer Volksvertretung, die nicht das erste Opfer der von ihr legalisierten revolutionären Gewalt gewesen wäre. Die Vermehrung des Prestiges, der Macht und der Autorität des Staates kann sich bonapartistische Logik nur als Reform der Verfassung und als Einschränkung der öffentlichen Freiheit und der Prärogativen des Parlaments vorstellen. Die Freiheit: das ist der Feind. Die bonapartistische Taktik ist darauf angewiesen, um jeden Preis auf dem Boden der Legalität zu bleiben. Sie faßt die Anwendung von Gewalt nur für solche Fälle ins Auge, in denen sie sich auf diesem Boden halten oder auf ihn zurückkehren will, wenn man sie gezwungen hatte, sich von der Legalität zu entfernen. Was tut Bonaparte, der legalitäre Bonaparte des 18. Brumaire, als er erfährt, daß die Fünfhundert ihn außer Gesetz erklären? Er greift zur Gewalt, läßt seine Soldaten die Orangerie räumen, er verjagt und zerstreut die Vertreter der Nation. Einige Stunden später aber beeilt sich Lucien Bonaparte, Präsident des Rates der Fünfhundert, ein paar Dutzend Deputierte wieder einzufangen, versammelt den Rat von neuem und sorgt dafür, daß diese Ruine eines Parlaments den Staatsstreich legalisiert. Die Taktik des 18. Brumaire läßt sich nur auf parlamentrischem Terrain anwenden. Ein Parlament ist die unerläßliche Vorbedingung für den bonapartistischen Staatsstreich; in einer absoluten Monarchie sind nur Palastverschwörungen und Militärputsche vorstellbar.

Hierzu ist zu bemerken, daß es nicht möglich ist, einen Zusammenhang zwischen dem bonapartistischen Staatsstreich und der Militärrevolte herzustellen. Merkmal dieser letzteren ist die absolute Mißachtung der Legalität. Das Grundprinzip dagegen, das die bonapartistische Taktik leitet, ist die Notwendigkeit, Gewalt und Legalität miteinander zu versöhnen. Bonpartistische Taktik ist nicht nur ein Ausspielen der Gewalt, sie ist vor allem Augenmaß und Geschicklichkeit. Ihre Merkmale sind nicht die eines Volksaufstandes, bei dem die instinktive blinde Gewalt der Massen überwiegt, noch auch die einer Militärrevolte, bei der zur Brutalität der Methoden gröbstes Unverständnis für die Bedeutung der politischen und moralischen Faktoren und tiefste Verachtung der Legalität hinzukommen, sondern die Merkmale einer Exerzierübung, ja einer Schachpartie, wobei jeder Ausführende seine präzise Aufgabe und seinen vorgeschriebenen Platz hat, und die leitende Idee rein politisch ist, beherrscht von der sorgfältigen, ständigen Bemühung, jeden Ausführenden zur Figur in einem parlamentarischen Spiel zu machen, nicht in einem Kriegsspiel oder auf dem Kasernenhof.“

© W.Sofsky 2016

Erasmus: Torheit Religion

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Wolfgang Sofsky
Erasmus: Torheit Religion

erasmus

Nach ausführlicher Erörterung des Beitrags der Stände und Berufe zur Verbreitung der Narretei faßt Stultitia, die es besonders gut mit ihresgleichen meint, ihre Erwägungen, die Religion betreffend, zusammen: „.. ,daß die christliche Religion offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zur Torheit hat, dagegen weit weniger mit der Weisheit übereinstimmt. Wollt ihr einen Beweis für diesen Sachverhalt, so achtet darauf, daß es vor allem Kinder, Greise, Frauen und Dummköpfe sind, die besonderes Gefallen an heiligen Gegenständen und religiösen Übungen finden und sich stets ganz nah an den Altar drängen, offenbar aus natürlicher Veranlagung. Außerdem seht ihr, daß die Gründer der Religion sich einer wunderbaren Einfalt anvertrauten und erklärte Feinde der Wissenschaft waren. Schließlich werdet ihr keinen Toren sich unsinniger verhalten sehen als den, der ganz von der Glut christlicher Frömmigkeit ergriffen ist. Sein Vermögen schenkt er freigebig weg, um Unrecht, das ihm zugefügt wird, kümmert er sich nicht, läßt sich hintergehen, unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, verschmäht jedes Vergnügen, ernährt sich nur mit Fasten, Nachtwachen, Tränen, Mühsam und Mißhandlungen, ekelt sich vor dem Leben und wünscht einzig den Tod herbei – kurz mit allem, was das gewöhnliche Leben ausmacht, hat er die Verbindung verloren, gleichsam als lebte sein Geist schon anderswo, nur nicht mehr in seinem Körper…“

Nicht nur an den mönchischen Asketen des Lebens, auch an den Lehrern und Schülern des Glaubens hat Stultitia ihr Vergnügen. Sie beten Holzstatuen an, murmeln heilige Zauberformeln, stimmen Bittgesänge an, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben, sagen einschlägige Verse auf, spenden Kerzen, lassen Ablaßzahlungen und Steuern eintreiben, flehen die Heiligen an, von denen der eine gegen Zahnschmerzen hilft, der andere gegen Seenot, der dritte gegen den Teufel. „Kein einziger jedoch dankt für Erlösung von der Torheit. Sie ist so reizvoll für die Sterblichen, daß sie von allem anderen befreit werden wollen, nur nicht von der Torheit“. (Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit).

Man muß nicht denken, daß fünf Jahrhunderte später die Zahl der Narren geringer sei. Nun bevölkern neben Greisen, Kindern und Dummköpfen auch viele junge und alte Männer die Beträume, neigen Haupt und Glieder, lauschen andächtig dem Prediger, murmeln einschlägige Verse und Formeln, huldigen einem toten Propheten und seiner Gottheit, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben und geraten in gar großen Zorn, wenn der Spott des Teufels sie ereilt, die Sottisen der Stultitia, welche doch gar nichts mehr liebt als ihresgleichen, die Narreteien der Gläubigen, Frömmler und Frommen. Gäbe es die Torheiten nicht, Stultitia würde sie erfinden müssen, auf daß allüberall lautes Gelächter erschallt.

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David Hume: Das Schauspiel der Dinge

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Wolfgang Sofsky
David Hume: Das Schauspiel der Dinge

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Man hat sich über die Jahrhunderte darüber gestritten, ob David Hume ein Atheist war oder sich nur weigerte, sich Atheist zu nennen, weil er die zeittypischen Nachteile wie einen Platz auf der Galeere oder im Kerker fürchtete. Religionsfreunde nannten ihn lediglich einen Agnostiker, obwohl seine Argumente so harmlos und unentschieden keineswegs sind. Eines seiner Argumente führt in die Nähe von Hobbes´ negativer Theologie, wonach man über X überhaupt nichts sagen kann, wenn man X nicht zu einer Art Supermensch verniedlichen will. Auch über einen Schöpfer der Natur läßt sich nichts weiter sagen als das, was man über sein Werk, die Natur, sagen kann. So heißt es in Humes Enquiry Concerning Human Understanding im 11.Abschnitt:

„Zugegeben also, die Götter seien die Urheber der Existenz und Ordnung des Universums, so folgt, daß sie genau jenen Grad an Macht, Intelligenz und Güte besitzen, der in ihren Werken erscheint; nichts darüber hinaus kann jemals bewiesen werden, außer wir berufen uns auf Übertreibung und Schmeichelei, um die Mängel der vernünftigen Argumentation zu ersetzen. Soweit sich die Spuren der Eigenschaflen jetzt zeigen, soweit können wir auf die Existenz dieser Eigenschaften schließen. Die Annahme weiterer Eigenschaften ist bloße Hypothese,  noch mehr die Annahme, daß es in fernen Räumen oder Zeiten eine großartigere Kundgabe dieser Eigenschaften und ein solchen eingebildeten Eigenschaften entsprechendes Ordnungsschema gegeben habe oder geben werde: Es kann uns niemals gestattet sein, vom Universum als der Wirkung zu Jupiter als der Ursache aufzusteigen und dann herabzusteigen, um aus dieser Ursache eine neue Wirkung abzuleiten – als ob die gegenwärtigen Wirkungen allein nicht ganz der ruhmreichen Eigenschaften würdig wären, die wir der Gottheit beilegen. Da die Kenntnis  der Ursache ausschließlich aus der Wirkung hergeleitet ist, müssen beide einander genau angemessen sein, und das eine kann sich auf nichts weiteres beziehen oder die Grundlage einer neuen Ableitung und Schlußfolgerung sein.

Ihr findet gewisse Phänomene in der Natur. Ihr sucht nach einer Ursache oder einem Urheber. Ihr bildet euch ein, ihn gefunden zu haben. Ihr verliebt euch nachher so in euer Hirngespinst, daß es euch unmöglich dünkt, es sollte nicht etwas Größeres und Vollkommeneres hervorbringen als das gegenwärtige Schauspiel der  Dinge, das so voll Übel und Unordnung ist. Ihr vergeßt, daß diese überlegene Intelligenz und Güte völlig imaginär oder, zumindest, ohne jede vernünftige Grundlage ist und daß ihr keinen Grund habt, ihr andere Qualitäten zuzuschreiben außer denen, die ihr wirklich in ihren Werken ausgeübt und entfaltet seht. Laßt deshalb, o Philosophen, eure Götter dem gegenwärtigen Erscheinungsbild der Natur entsprechen und trachtet nicht, diese Erscheinungen durch willkürliche Unterstellungen zu verändern, um sie den Eigenschaften anzupassen, die ihr so gerne euren Gottheiten beilegt.“

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„Gottes“macht – endlich

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Wolfgang Sofsky
„Gottes“macht – endlich

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Was immer Menschen sich vorstellen, ist endlich. Sie können daher keine Vorstellung von etwas haben, das sie unendlich nennen. Niemand kann sich ein Bild von unendlicher Größe machen oder eine unendliche Geschichte erzählen. Auch unermeßliche Kraft oder Macht ist dem Menschen nicht vorstellbar. Wenn die Menschen daher von X sagen, er sei unendlich, so sagen sie damit nichts, was sie sich vorstellen könnten, sondern lediglich, daß sie sich für außerstande halten, sich X überhaupt vorzustellen. „Und deshalb dient der Name Gottes nicht dazu, uns eine Vorstellung von ihm zu vermitteln, denn er ist unbegreiflich und seine Größe und Macht sind unvorstellbar, sondern um uns zu seiner Verehrung anzuhalten.“ (Hobbes, Leviathan, Kapitel 3). Nicht um die Erkennbarkeit der Gottheit geht es mithin, sondern um Unterwerfung. Der Zweck der Verehrung ist Macht. Wen man verehrt sieht, durch demütige Gesten, Lobreden oder Bekenntnisse, der wird für verehrungswürdig und mächtig gehalten. Ihm will man gleichfalls gehorchen, wodurch sich dessen Macht wiederum vergrößert. Alle Prädikate, welche man X zusprechen könnte und die man X im Laufe der Glaubensgeschichte zugesprochen hat, sind Aufforderungen zur Verehrung. Was immer man X zuspricht, läuft entweder auf eine Anthropomorphisierung hinaus oder auf einen logischen Widerspruch. Hält man X z.B. für die Ursache der Welt und behauptet man, die Welt insgesamt sei Gott, so behauptet man zugleich, die Welt habe keine Ursache, es gäbe also keinen Gott. „Zu sagen, die Welt sei nicht geschaffen worden, sondern ewig, heißt zu bestreiten, daß es einen Gott gibt, da was ewig ist, keine Ursache hat… Die Vertreter der Ansicht, Gott befinde sich im Zustand der Ruhe, sprechen ihm die Sorge um die Menschheit und somit seine Ehre ab. Denn dies bewirkt, daß die Menschen ihm gegenüber weder Liebe noch Furcht empfinden, und dies ist die Wurzel der Ehre“ (Hobbes, Leviathan, Kap.31). Weder Gestalt, Idee, Ort oder Bewegung, weder Zorn, Liebe, Vernunft oder Wissen kann X zugeschrieben werden, denn alle diese Eigenschaften sind entweder begrenzt und endlich oder sie haben eine Ursache. Von X kann mithin nichts gesagt werden. Wovon aber nichts gesagt werden kann, was unterscheidet dies von nichts? Wenn von allen Dingen, Ereignissen, Zuständen gilt, daß sie endlich und verursacht sind, so ist X nichts. Aber nichts zu verehren, kann dennoch zu einer beträchtlichen Anhäufung von Macht führen. Diese „Gottes“macht jedoch ist begrenzt. Sie ist nur eine begrenzte Vorstellung von etwas Endlichem, nichts sonst. Sie kann daher bestritten, beschnitten, beseitigt werden.

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Goya: Goldschnabelpredigt

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Wolfgang Sofsky
Goya: Goldschnabelpredigt

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Das Capricho Nr.53 von Franscisco Goya, dem größten aller Satiriker und steten Feind christlicher Bigotterie, porträtiert den Kanzelredner und das andächtig lauschende Auditorium. „Welch goldener Schnabel“ lautet der Bildkommentar. Welch goldene Worte enthält das sinnlose Gekrächze des Papageis. Der Prado-Kommentar, immer bemüht der satirischen Attacke die Spitze zu kappen und die Kirche ungeschoren zu lassen, redet von einer „akademischen Sitzung“ faselnder Ärzte. Doch unter den Zuhörern der Versammlung (man darf dabei getrost an öffentliche Kirchentreffen denken, zu denen Gläubige zu Zehntausenden zusammenströmen), sind viele Mönche; und der Papagei ist ein Priester, der auf der Kanzel nachbetet, was man seit Jahrhunderten vorbetet.

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Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wer je Zweifel daran hatte, daß Religionen niemals nur Privatsache, sondern stets eine öffentliche, politische Angelegenheit sind, der werfe einen Blick ins 12.Kapitel von Thomas Hobbes „Leviathan“. Wie immer zeichnet sich Hobbes auch in Fragen der Religion durch unliebsame Einsichten aus. Der Ursprung der Religion liegt in vier Quellen: dem Glauben an unsichtbare Geister, der Unkenntnis abgeleiteter Ursachen, der Verehrung dessen, was man fürchtet, und dem Umstand, daß zufällige Ereignisse für Vorzeichen gehalten werden. Zwei Arten von Menschen nutzen diese Tendenzen aus: Staatsgründer und Propheten. Beide verfolgen die Absicht, „die Menschen, die sich ihnen anvertrauten, zu Gehorsam, Befolgung den Gesetzen, Frieden, Nächstenliebe und zur bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen. So ist die Religion der ersten Art  ein Bestandteil menschlicher Politik und lehrt einen Teil der Pflicht, die irdische Könige von ihren Untertanen verlangen. Die Religion der letzten Art ist göttliche Politik und enthält Vorschriften für diejenigen, welche sich dem Reich Gottes unterworfen haben.“

Politiker verfolgen einige Strategien, um ihrem Tun göttliche Weihen zu verleihen. Erstens suchen sie den Untertanen einzuprägen, die von ihnen erlassenen Gesetze seien göttliche Weisungen. „So behauptete Numa Pompilius, er habe die Regeln des Gottesdienstes, die er bei den Römern einführte, von der Nymphe Egeria empfangen, und der erste König und Gründer des Königreiches von Peru gab vor, er und seine Frau seien Kinder der Sonne, und Mohammed behauptete, um seine neue Religion einführen zu können, er habe Zusammenkünfte mit dem Heiligen Geist, der als Taube erscheine. Zweitens legten sie Wert darauf, den Glauben zu erwecken, daß dieselben Dinge, die durch Gesetz verboten waren, auch den Göttern mißfielen. Drittens waren sie auf die Einführung von Zeremonien, Bittgebeten, Opfern und Festen bedacht, wodurch die Menschen dazu gebracht werden sollten, zu glauben, der Zorn der Götter könne besänftigt werden, und Mißerfolge im Krieg, große Epidemien und das persönliche Unglück jedes einzelnen rührten vom Zorn der Götter her, und ihr Zorn von der Vernachlässigung ihrer Verehrung oder einigen Fehlern bei den verlangten Zeremonien…

Aber wo Gott selbst durch übernatürliche Offenbarung die Religion einpflanzte, schuf er sich auch ein besonderes Reich und erließ Gesetze, die nicht nur das Betragen gegen ihn selbst, sondern auch das der Menschen untereinander betrafen. Und dadurch sind in diesem göttlichen Reich Politik und bürgerliche Gesetze ein Bestandteil der Religion, und somit ist dort die Unterscheidung von zeitlicher und geistlicher Herrschaft gegenstandslos. Es ist richtig, daß Gott König der ganzen Welt ist — doch kann er auch König eines besonderen und auserwählten Volkes sein. Denn darin liegt auch kein größerer Widerspruch als in der Tatsache, daß der Oberbefehlshaber der ganzen Armee zugleich ein besonderes eigenes Regiment oder eine eigene Kompanie befehligen kann. Gott ist durch seine Gewalt König der ganzen Erde, aber er ist König seines erwählten Volkes durch Vertrag.“

Kurz gesagt: Politik und Religion sind stets aufs Engste verknüpft. Dies gilt für alle Religionen, zumal jene monotheistischen Offenbarungsreligionen, die von einer imperialen Mission getrieben sind. Sie wollen die gesamte Menschheit, also alle Heiden, Abtrünnige, Anders- und Ungläubige bekehren oder beseitigen. Solche Religionen für eine harmlose Privatsache zu halten, ist Kinderglauben. Ebenso närrisch ist es, in einem Anflug von subtiler Betulichkeit, die politische von der vermeintlich privaten Religion unterscheiden zu wollen. Religion will stets in die Politik, in die Gesellschaft, will die Formen des Lebens prägen, durchherrschen. Mit den Seelen des Individuums gab sie sich noch nie zufrieden.

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Karl Barth: Die Harmlosigkeit der Religion

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Wolfgang Sofsky
Karl Barth: Die Harmlosigkeit der Religion

karl_barthAngesichts des Festprogramms des EKD-Gremienprotestantismus zum Lutherjahr reibt sich jeder Freund und Feind des Christentums die Augen ob der verordneten Harmlosigkeit. Gewiß, Luther war ein großer Hasser, er haßte die Juristen, die Bauern, die Kleriker, die Juden, den Islam, den Papst und die Bischöfe. Die Reformation war ein Akt des Protests, der Revolution. Davon ist im heutigen Kirchentags“protestantismus“ kaum mehr als eine leise Erinnerung im Geiste der „Internationalität und Ökumene“ geblieben. Keiner will die christliche Wiedervereinigung mehr als die EKD-Elite. Dafür pilgert ihr Oberhaupt zur Audienz beim Papst, dafür pilgert sie bußfertig und reumütig mit ihren katholischen Kollegen zu den heiligen Stätten. Vom theologischen oder kulturhistorischen Gehalt des Protestantismus ist nichts zu hören. Vom Gestus des riskanten Protests ohnehin nichts. Man muß kein Freund des Christentums sein, um angesichts solch staatsnah verordneter Harmlosigkeit entsetzt zu sein. Man wünscht sich starke Gegner, an denen die Geschichte des Protestantismus wahrlich nicht arm ist. Die Liste der großen Theologen, angefangen bei Luther, Zwingli, Calvin über Schleiermacher, Kierkegaard, David Friedrich Strauß, Ernst Troeltsch, Paul Tillich, Rudolf Otto, Rudolf Bultmann, Bonhoeffer bis zu Moltmann, Pannenberg, Jüngel u.a. ist lang. Sie verfügten über die Gabe des klaren Wortes und scharfen Arguments. Geschwafel war ihre Sache nie, ebensowenig wie intellektuelle Selbstpreisgabe durch Anpassung an akute Zeitgeister. Einer der bedeutendsten in dieser Reihe, der Schweizer Karl Barth (1886-1968) , der sich vehement gegen die falsche Vermenschlichung Gottes bzw. die Vergöttlichung des homo sapiens wehrte, hatte einen klaren Blick für die Harmlosigkeit pseudoprotestantischer Gemütsreligion.

„Wir predigen Gesinnung, wir machen Stimmung. Vielleicht gelingt es uns, aber was soll das eigentlich?… Es ist eben auch nichts Ernstes. Ernst sind nur Kräfte. Darum hat doch z.B. der Kapitalismus die Religion nie ernst genommen, sondern ganz ruhig Kirchen und Schulen gebaut ohne die geringste Furcht, daß von daher jemals eine ihm gefährliche Gegenkraft sich erheben könnte. Darum nimmt der Militarismus die Religion so wenig ernst, daß er ganz ruhig Feldprediger anstellt, die auf Feldkanzeln zwischen zwei Geschützen ihre Gesinnungssprüchlein sagen dürfen, wie die Spatzen, die zwischen den Zähnen eines Krokodils herumhüpfen. Das militärische Ungeheuer weiß eben ganz genau, daß es von den wackeren Feldpredigern nichts Böses u befürchten hat. Es wird keine Kraft von ihnen ausgehen. Darum sagt der Sozialismus ganz freundlich: Religion ist Privatsache!, nimmt auch ganz duldsam Notiz von uns paar sozialdemokratischen Pfarrern ohne eine Spur von Furcht vor den Kräften, die von daher ins Spiel kommen und die seinen Kräften eines Tages ernstliche Konkurrenz machen könnten. Religion nimmt man doch nicht ernst! Die Vorstellung, daß sie etwas Reales sei, etwas mit wirklichen Kräften zu tun haben könnte – diese Vorstellung gibt es einfach nicht in der Welt und wenn wir uns auf den Kopf stellen“  (K. Barth, Religion und Leben, Evangelische Theologie 11, 1951/52, 437ff.).

„Es ist typische Mittelstandsideologie mit ihrem gediegenen, aber etwas beschränkten Horizont, mit ihrer bescheidenen, aber in sich gegründeten Selbstzuversicht, mit ihrer klugen Fügsamkeit nach oben und mit ihrer Behäbigkeit nach unten, mit ihrer Richtung auf das Praktische und Greifbare und mit ihrem berechtigten Wunsch nach äußerem Frieden und innerer Ruhe, mit ihrem Bedürfnis nach Erhebung über die Sorgen des Alltags und mit ihrer soliden Abneigung gegen unverständliche Paradoxien, was, wenn wir von dem christlichen Inhalt einmal absehen wollen, etwa den Liturgien und Gesangbüchern, aber auch den Predigtinhalten dieser Zeit das Gesicht gegeben hat“ (K.Barth, Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, Zürich 1947, 71).

„Er verliert nichts bei diesem Rückzug; er zieht ja bloß sein Kapital zurück aus einer Unternehmung, die ihm nicht mehr rentabel erscheint: die Vitalität und Intensität, die er bis jetzt an die Gestalt des Gottesbildes und die Erfüllung des Gesetzes seiner Religion verwendete, schlagen nun nach innen, werden nun fruchtbar gemacht zugunsten und in der Richtung der gestaltlosen und werklosen, der gedankenlosen und willenlosen Wirklichkeit, aus deren Reichtum die Religion einst hervorging, um nun in sie zurückgenommen zu werden… Dasselbe so gar nicht bedürftige religiöse Bedürfnis sucht seine Befriedigung nun in seiner Nicht-Befriedigung, in einem pathetischen Verzicht auf die Darstellung, in einem pathetischen Schweigen, in einem pathetischen Zur-Ruhe-Kommen der Seele in sich selbst, in der feierlichen Leere, die es der ebenso feierlichen Fülle von vorher nun auf einmal vorziehen zu wollen glaubt“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik  I/2, 347).

„Als man nicht mehr wußte oder wissen wollte, was Glauben und Gehorsam ist, da fing man an, von Religion zu reden. ‚Religion‘, das ist, geistesgeschichtlich betrachtet, die Flagge, die den Winkel bezeichnet, in den sich die neuere Theologie fluchtartig zurückzuziehen begann, als sie den Mut verlor, vom Worte Gottes aus zu denken, und froh war, in der dieser Größe scheinbar entsprechenden menschlichen Gemütsaffektion ein Flecklein Humanität zu finden, auf dem sie sich, im Frieden mit dem modernen Wissenschaftsbegriff, als rechte Als-Ob-Theologie ansiedeln und niederlassen konnte“  (K.Barth, Die christliche Dogmatik im Entwurf, Karl Barth Gesamtausgabe, Zürich 1982, 594f).

„Das Christliche ist jetzt … tatsächlich zu einem Prädikat des neutral und allgemein Menschlichen, die Offenbarung ist nun zu einer geschichtlichen Bestätigung dessen geworden, was der Mensch auch ohne Offenbarung von sich selbst und damit von Gott wissen kann“ (K. Barth, Kirchlich Dogmatik I/2, 315).

„Daß Ihr als Christen mit Monarchie, Kapitalismus, Militarismus, Patriotismus und Freisinn nichts zu tun habt, ist so selbstverständlich, daß ich es gar nicht zu sagen brauche. ‘Die wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir in ihr weiterleben können?’ ([Röm.]6,2). Viel näher liegt euch natürlich die andere Möglichkeit, die im Christus kommende Revolution willkürlich vorauszunehmen und dadurch hintanzuhalten. Und davor warne ich Euch! Die Sache der göttlichen Erneuerung darf nicht vermengt werden mit der Sache des menschlichen Fortschritts. Das Göttliche darf nicht politisiert und das Menschliche nicht theologisiert werden, auch nicht zugunsten der Demokratie und Sozialdemokratie. Ihr müßt euch, mag eure Stellung in den vorletzten Dingen sein, welche sie wolle, freihalten für das Letzte. Ihr dürft in keinem Fall in dem, was ihr gegen den jetzigen Staat tun könnt, die Entscheidung, den Sieg des Gottesreiches suchen“’ (K. Barth, Der Römerbrief, 1919, Nachdruck Zürich 1963, 381).

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Symposium: Kulturmacht

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Zoe Merck, Isabeau Prévost, Romuald Lenski, Wolfgang Sofsky
Symposium: Kulturmacht

Am 24.4.2016 fand in Baden Baden ein zweites Symposium statt mit den korrespondierenden Mitgliedern des Holbach-Instituts Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS, Bovenden). Gegenstand waren einige Fragen einer Theorie der kulturellen Macht. Hier Auszüge aus der Konversation:

WS: Wir hatten bei unserem letzten Treffen festgestellt, daß das, was wir mit einem vorläufigen Arbeitsbegriff „kulturelle Macht“ nennen wollen, eine Begrenzung von Freiheiten mit sich bringt, von Freiheiten des Denkens, Fühlens, Wissens, Glaubens und Tuns. Das ist die limitierende, die repressive Funktion dieser Macht. Zweitens hatten wir vermutet, daß kulturelle Macht ein Kompositum ist. Sie hat eine sanfte, nahezu unmerkliche Seite, und eine massive, handgreifliche, die bis zur Verfolgung und Vernichtung von Außenseitern oder Abtrünnigen reicht. Die sanften Einschränkungen mögen manchmal unbemerkt bleiben, die verletzenden Sanktionen sind selten ignorierbar. Zu erinnern ist auch an die Objektbereiche dieser Macht: Kognition, Moral, Geschmack, Kult. Wichtig ist ferner, daß diese Macht nicht immer sozial unmittelbar ist, sondern indirekt wirksam sein kann, vermittels prägender, formativer Gegenstände und materieller Tatsachen wie Architektur, Technik, etc. Das könnte man die Sachlichkeit kultureller Macht nennen. Um nun einen Schritt weiterzukommen, sollte man zunächst noch einmal einen Schritt zurücktreten und klären, was an dieser Macht eigentlich Macht ist.

RL: Nun, nehmen wir einen klassischen Vorschlag: Danach ist Macht ein soziales Verhältnis, in welchem A die Chance hat, seinen Willen auch gegen den Widerstand B´s durchzusetzen. Das heißt, A ist überlegen und könnte, falls er auf Widerstand träfe, seinen Willen durchsetzen. Das heißt nicht, daß Widerstreben tatsächlich vorliegt. Wenn B tut, was A will, braucht A keinen Widerstand zu brechen. Vielleicht ist kulturelle Macht jene Machtform, die dafür sorgt, daß überhaupt kein Widerstreben aufkommt, daß A´s Macht also bereits in eine Art von Herrschaft transformiert ist.

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ZM: Das heißt, daß kulturelle Macht eine starke Tendenz zur Herrschaft hat, und zwar weniger durch Institutionalisierung, sondern durch ihre subkutane Wirkung, durch die Verinnerlichung der Macht, durch den Übergang von objektiver in subjektive Kultur. Kulturelle Sozialisation oder Integration ist also eine Hauptstraße dieser Macht. Aber wie kann man kulturelle Herrschaft unterscheiden von einem Konsens ohne Machtgefälle, von einem Einverständnis, ohne daß jemand überlegen oder abhängig ist?

RL: Macht oder Herrschaft schließen nicht aus, daß sich beide Seiten in manchen Interessen, Zielen, Methoden einig sind. In einer Herrschaft findet jedoch kein Konflikt zwischen konträren Zielen statt. Daß der Unterlegene auf die Verfolgung seiner Ziele verzichtet, heißt nicht, daß keine Herrschaft bestünde. Im Gegenteil: Er fügt sich, ist gehorsam, aus Angst, aus Gewohnheit, aus dem Glauben an die Berechtigung der Herrschaft oder – und hier wird es interessant – weil ihm gar nicht mehr in den Sinn kommt, daß er eigene Ziele haben könnte. Der Sinn für die Freiheit ist ebenso dahin wie der Sinn für Selbständigkeit. Kulturelle Macht setzt sich oft durch, ohne daß die Unterworfenen ihrer gewahr werden.

ZM: Ich möchte widersprechen. Kulturelle Macht ist häufig keineswegs konfliktfrei. Es gibt Deutungskonflikte, Auseinandersetzungen über die Grenzen des Diskurses, über das korrekte Vokabular, über die Schönheit, die Häßlichkeit, über den rechten Vollzug der Regeln, Konventionen, Rituale, über legitimes und verfemtes Wissen, über die Richtigkeit von Gefühlen usw.usw. Friedhofsruhe aufgrund unbemerkter Manipulation und Indoktrination scheint nicht die Regel zu sein. Der Machthaber wünscht sich zwar die selbstverständliche Gefolgschaft, den fraglosen Gehorsam, die Unterwerfung ohne Murren, doch die Unterlegenen murren, auch wenn sie folgen.

IP: Aber Murren ist kein Widerstand!

RL: Zweifellos. Aber wo beginnt die Aufkündigung des Gehorsams? Wenn B nicht mehr tut, was A von ihm will, wenn er bremst, die Ausführung des Befehls verschleppt, wenn er zwar tut, was er soll, aber an nichts mehr glaubt, hinhaltende Passivität, Mentalreserve, Rollendistanz, Eigensinn..?

Prévost

IP: Hoffentlich bemerkt das noch jemand! Der unbemerkten Widerstandskämpfer sind immer viele. Wenn´s opportun ist, also nichts kostet, finden sich oft emsige Gegner der bösen Macht. Alle waren sie in der Résistance, aber keiner hat sie dort je gesehen.

ZM: Wenn Gesten vermeintlicher Widerständigkeit zum guten Ton gehören, ist immer höchste Vorsicht geboten. Nehmen wir Autoren, deren Texte von der Kritik unisono gelobt werden, wie kritisch sie doch die Verhältnisse betrachten. Die Attitüde der Kritik, zumal der Gesellschaftskritik, scheint zeitweise zu den dominanten Kriterien der Kulturindustrie zu gehören. Gesinnungsgebot erfüllt, politisches Urteil vorhanden, genehm und genehmigt, Text zwar mäßig, all das ist eine Form des Konformismus. Kritik ist hier in Affirmation umgeschlagen, die Kulturmacht hat die die Geste der Verweigerung bereits eingemeindet, zum Teil ihrer selbst gemacht.

WS: Ein Zwischenruf: Wir kommen in Fragen der Macht naturgemäß rasch zu dem Problem der Opposition, der vielfältigen Weisen des Widerstrebens, hier also des „kulturellen“ Widerstrebens. All dies klingt so, als sei kulturelle Macht eher ein Kampfforum, ein Schlachtfeld des Glaubens, Meinens, Wissens und Tuns. Sollten wir nicht einfach zugestehen, daß das kulturelle Machtverhältnis diverse Formen annehmen kann. Da ist die kulturelle Herrschaft, die Macht ohne Konflikt, und da ist der andauernde Machtkonflikt, der Kampf um den Glauben, das Wissen, Denken und Reden. Wir haben also zwei Grundformen der Macht: Herrschaft und Konflikt, wobei, und das war die Ausgangsfrage, eine Seite dominant ist, d.h. Mittel zur Verfügung hat, um das, was sie will, letztlich durchzusetzen. Macht ist stets Durchsetzungsmacht, das Vermögen, sich gegen fremde Kräfte durchzusetzen, ob jene sich wehren oder nicht. Hält jedoch der Konflikt an, ohne daß eine Seite  gewinnen kann, dann liegt kein Machtverhältnis vor.

RL: Das ist absurd: Macht gibt es nicht nur dann, wenn einer gewonnen hat. Gewiß ist der Begriff eines „Gleichgewichts der Mächte“ Unsinn, es fehlt die für Machtverhältnisse konstitutive Asymmetrie der Chancen und Mittel. Ein Patt ist kein Machtverhältnis, sondern dessen Neutralisierung.

WS: Man kann begrifflich nicht von Macht reden, wenn zwei gleich Mächtige aufeinander losgehen. Wir haben dann einen Kampf um die Macht, einen unentschiedenen Streit.

IP: Vielleicht besteht der Vorteil einer offenen Gesellschaft darin, daß es immer beim Unentschieden bleibt, weil immer neue Parteien ins Spiel kommen und keine auf Dauer letztlich die Oberhand gewinnen kann.

Lenski

RL: Schön wär´s. Nehmen Sie den Meinungskampf in einer demokratischen Eliteherrschaft. Es gibt freie Presse, einige einflußreiche Leitorgane, Sendeanstalten, Oligopole des Meinungskampfs. Nun kann man beobachten, wie ähnlich sich diese Organe häufig sind. Die Meinungen gehen nicht sonderlich  weit auseinander. Und es gibt eine Praxis der Verfemung. Wer sich nicht in diesen Rahmen fügt, wer die Grenzen der Mitte nach links, rechts, oben oder unten überschreitet, wird sofort etikettiert, diskreditiert, abgestempelt. Es gibt ein elaboriertes Vokabular der Ausgrenzung, des Ausschlusses. Nicht jeder darf bei diesem geregelten Meinungsspiel mitspielen. Das nenne ich kulturelle Macht gegen Abweichung, und die Akteure bilden bei allem Wettbewerb untereinander eine dominante, große Meinungskoalition. Tauchen dann an den Rändern Exzentriker auf, Unruhestifter können das nur Extremisten oder Terroristen sein. Aus mittlerer Perspektive ist alles extremistisch, was nicht Mitte ist.

ZM: Diese Exzentriker sind jedoch häufig höchst unangenehme Gestalten.

RL: Das kann ja sein. Aber sind die Figuren in der Mitte angenehmer? Mir geht es darum, daß auch in „offenen“ oder demokratischen Herrschaftssystemen ein Bezirk definiert ist, in dem das offizielle Politik- und Kulturspiel stattfinden soll, ein Bereich, der überwacht, kontrolliert, sanktioniert ist, alles andere ist Stammtisch, schlechter Geschmack, ekelhaft, böse, dumm und was die Etiketten noch alle sind.

WS: Wir sind nun schon angelangt bei den Methoden der Macht. Dazu gehört auch der soziale Ausschluß, die Diskreditierung, die Ausgrenzung, der soziale und kulturelle Tod. Es erscheint sinnvoll,  zwischen Strukturen, also den Machtfigurationen, seien sie zur Herrschaft geronnen oder noch in einem andauerndem Konflikt ausgetragen, und den Prozessen, Methoden, Strategien zu unterscheiden. Daraus ergeben sich zahlreiche Forschungsfragen, die wir für heute protokollieren sollten: 1. Welche Figurationen sind typisch und elementar für kulturelle Macht? Hier sind ja nicht nur Machthaber am Werk, sondern eine Vielzahl von Handlangern, Gehilfen, Exekutoren: Lehrer, Schreiber, Baumeister, Priester, Propagandisten, Zensoren usw. 2. Wie verlaufen in diesem Machtfeld Konflikte? Wer markiert die Arena, wer darf teilnehmen, wer nicht? Wer verbündet sich, wer hilft wem, wer vollstreckt die Sanktionen, welche Ausweichmanöver gibt es, Tarnung, Flucht, etc. 3. Welche Formen der kulturellen Fügsamkeit und des Widerstrebens gibt es? Was denken und tun die Unterlegenen, bemerken sie überhaupt ihre Unterlegenheit? 4. Welche Methoden sind typisch für kulturelle Macht, wie operiert sie, durch Setzung von Daten, Sachen, durch Erzeugung von Emotionen, Indoktrination, durch „kulturelle Sozialisation“, also Gewöhnung, Verinnerlichung etc. 5. Aus welchen Quellen speist sich kulturelle Macht, wie entsteht aus Abhängigkeit und Alternativlosigkeit, aus der Verletzbarkeit des Menschen ein Machtverhältnis, und was heißt überhaupt „kulturell verletzbar“?

RL: Ich möchte noch einen Punkt anfügen, wir bewegen uns in der Diskussion ja noch ganz am Anfang. Wir sortieren Probleme, ohne daß eine Lösung in Sicht wäre. Was ich sagen will: Kulturelle Macht hat die Tendenz zu einer Art „innerer Macht“ zu werden. Sie wird Teil der Seele. Und sie wirkt im Dunkeln. Sie steuert Einstellungen, Überzeugungen, setzt Maßstäbe, liefert Sinn. Und sie beruht auf einem spezifischen Mangel des Menschen: seinem Bedürfnis nach Orientierung, Maß, Regel, Bedeutung. Das ist das Einfallstor kultureller Macht.

IP: Eine zweite Quelle dieser Macht scheint mir darin zu liegen, daß Menschen auf kulturelle Artefakte angewiesen sind. Sie benötigen Techniken, Gegenstände, Werkzeuge, Behausungen, Treffpunkte, vielleicht auch Idole und Fetische. Also ein zweites Einfallstor kultureller Macht.

ZM: Aller schlechten Dinge sind drei: Eine dritte, vielleicht etwas metaphysische Quelle könnte darin liegen, daß das menschliche Leben Formen benötigt. Das sind nicht nur Artefakte, soziale Regeln, sondern auch Denkmuster, Gefühls- und Geschmacksmuster. Menschen geben ihrem Leben eine Form, sie müssen dies tun, sonst würden sie im Chaos untergehen. Zumindest glauben sie das. Wer aber diese Formen prägen und durchzusetzen vermag, der hat kulturelle Macht.

WS: Damit sind wir bei einigen anthropologischen Bedingungen, welche die Bildung kultureller Macht begünstigen und auch die historische Konstanz dieser Machtform, so vielfältig sie sich zunächst darstellen mag, erklären kann. Solange Menschen Formen, Maßstäbe und Artefakte benötigen, solange sind sie gefährdet, in ein Machtfeld zu geraten, in dem sie ihre Freiheiten einbüßen.

© ZM, IP, RL, WS

Lichtenberg: Gedankenspiele

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Wolfgang Sofsky
Lichtenberg: Gedankenspiele

LichtenbergGB

Georg Christoph Lichtenberg, Sprößling eines pietistischen Pfarrhauses, soll gelegentlich gebetet haben und, was die Gottesfrage angeht, zuletzt unentschieden gewesen sein. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, Religion für eine Sonntags-Affaire zu halten, „fromme“ Prediger mit dem gebotenen Spott zu bedenken und auch sonst beim Nachdenken über den Glauben sein Niveau zu halten:

„Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.“ (D198)

„Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas glauben, und das Gegenteil nicht glauben können. Ich kann sehr oft etwas glauben, ohne es beweisen zu können, so wie ich etwas nicht glaube, ohne es widerlegen zu können. Die Seite, die ich nehme, wird nicht durch strikten Beweis, sondern durch das Übergewicht bestimmt.“ (I/73,1)

„Im Religionshaß liegt sicherlich etwas Wahres, also vermutlich etwas Nützliches. Ich wünschte sehr, man möchte dieses herausfinden. Unsere Philosophen sprechen vom Religionshaß als von etwas, das sich vielleicht wegraisonnieren ließe; das ist aber sicherlich nicht.“ (I78,4)

„So viel ist ausgemacht, die christliche Religion wird mehr von solchen Leuten verfochten, die ihr Brot von ihr haben, als solchen, die von ihrer Wahrheit überzeugt sind. Man muß hier nicht auf gedruckte Bücher sehen, das ist das Wenigste, die bekommen Tausende nicht zu lesen, sondern auf die Personen, die täglich an ihrer Aufrechterhaltung schnitzeln und stümpern, und auf Universitäten vom Freitische an dazu erzogen und verzogen werden.“ (II,192,1)

„Es gibt zwar viele rechtschaffene Christen, das ist gar keine Frage, so wie es überall und in allen Ständen gute Menschen gibt, allein so viel ist gewiß, in corpore und was sie als solches unternommen haben, ist nie viel wert gewesen.“ (J,341)

„Die meisten Glaubens-Lehrer verteidigen ihre Sätze, nicht weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie die Wahrheit derselben einmal behauptet haben.“ (J502)

„Von Wahrsagen läßt sich´s wohl leben, aber nicht vom Wahrheit-Sagen.“ (J765)

„Erst müssen wir glauben, dann glauben wir.“ (I,200,4)

„Man kann nicht genug beherzigen, daß die Existenz eines Gottes, die Unsterblichkeit der Seele u.dergl. bloß gedenkbare, aber nicht erkennbare Dinge sind. Es sind Gedankenverbindungen, Gedankenspiele, denen nichts Objektives zu korrespondieren braucht…“ (I/81,2)

„Ich kann mir eine Zeit denken, welcher unsere religiösen Begriffe so sonderbar vorkommen werden als der unsrigen der Rittergeist.“ (II, 163,2)
(G.C.Lichtenberg, Sudelbücher)

© WS 2016

Symposium: Freiwillige Knechtschaft – Themen der Aufklärung

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Isabeau Prévost, Romuald Lenski, Wolfgang Sofsky
Symposium: Freiwillige Knechtschaft – Themen der Aufklärung

Am 5.4.2016 fand in Bad Kissingen ein Gespräch statt zwischen den korrespondierenden Mitgliedern des Holbach-Instituts Isabeau Prévost (IP, Strasbourg) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS, Göttingen). Gegenstand waren einige Themen der Aufklärung sowie einige Probleme der kulturellen Macht. Hier Auszüge aus der Konversation:

WS: Welchen Sinn hat es, heute an ein Programm der Aufklärung anzuknüpfen, für die ja nicht nur die Namen Holbach, Diderot oder LaMettrie stehen, sondern auch die klandestinen radikalen Aufklärer. Sie sind im Land von Lessing oder Kant kaum bekannt, und sie wären, wenn sie seinerzeit bekannt geworden wären, auch ziemlich unpopulär gewesen. Diese Aufklärung hat keinen Frieden  mit der Obrigkeit gemacht und sich auch nicht mit betulichem Agnostizismus begnügt. Aber welchen Sinn hat heute noch eine Religionskritik? Ist sie nach Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud noch immer Dreh- und Angelpunkt radikaler Aufklärung?

Prévost

IP: Sagen wir so: sobald, wie in Deutschland, das Verhältnis von Staat und Kirchen unscharf ist und Kleriker eine führende Rolle im moralischen und politischen Diskurs beanspruchen, ist die Kritik der Religion zugleich eine Kritik an der dominanten politischen Ideologie. Wichtiger als die dogmatischen Überreste und die sozialen Kirchenruinen sind jedoch die säkularen Versatzstücke der alten Religion. Da ist weithin verbreitet eine merkwürdige Hoffnung auf Konsens, Versöhnung, Erlösung. Da sind zuhauf sentimentale Appelle an Mitleid, Nächstenliebe, unbedingten Pazifismus, da ist die Sehnsucht nach Gemeinschaften, nach rituellen Kollektiven, nach Eintracht. Die Glaubensgemeinde dient als Vorbild der Politik. Nicht umsonst gleichen sich politische Sonntagsreden und Predigten bis in Tonfall und Wortwahl. Da sind aber auch endzeitliche, geradezu apokalyptische Beschwörungen von Weltuntergängen, ein durch und durch christliches, wenn nicht messianisches Denkmotiv. Von der zur Zeit eigentümlichen Sympathie für andere Religionen und andere Spiritualitäten, einschließlich für esoterischen Obskurantismus einmal ganz abgesehen.

WS: Ein letzthin wiederaufgelegtes Pamphlet aus dem frühen 18.Jahrhundert über die drei Betrüger, also über Moses, Jesus, Mohammed, wird als akademische Editionsarbeit zu den Akten gelegt.  Würde sich aber jemand in einer Talkshow hinstellen und sagen, das sind die drei großen Betrüger, hagelte es offiziellen Protest, nicht zuletzt bei allen „Antiphobikern“. Als ob Religionen nicht tatsächlich zum Fürchten wären. Doch, was die Transformationen angeht: Motive der alten Religion finden sich nicht nur in totalitären politischen Ideologien, sondern auch in anderen politische und unpolitischen „Weltanschauungen“, nicht zuletzt in der Ideologie der Demokratie, die ja angeblich auf irgendwelchen Grundwerten beruht.

IP: Man muß aber fragen, inwieweit dies ein besonders deutsches Phänomen ist. In einer laizistischen Nation haben Kleriker weit weniger zu sagen, mit der protestantischen Innerlichkeit ist es auch nicht so weit her, der politische Streit ist ruppiger, Demokratie heißt nicht Eintracht, sondern Streit. Das Parlament ist nur der notdürftig gezähmte Bürgerkrieg. Aber es gibt dort eine andere große Gemeinschaft, die Nation, die Grand Nation.

Lenski

RL: Eine ziemlich religionsähnliche Idee. Die Nation hat ihre große Erzählung, ihre Legenden und Mythen, ihre affektive Bindung, ihre Helden, ihre Gläubigen, ihre Liturgie, ihre Opfer, ihr Mausoleum. Dies reicht weiter als jede neonationalistische Ideologie, es ist eine Religion der Nation, jenseits der Parteien.

WS: Es scheint aber einen Unterschied zu geben zwischen der Profanisierung und Umwidmung altreligiöser Versatzstücke und Motive und wirklichen politischen Religionen, welche die Altreligionen beerbt haben. Will man den Religionsbegriff nicht so aufblähen, daß er am Ende nichts mehr besagt, dann braucht man eine Idee, die nur für Religionen – ohnehin schon ein weites Feld – spezifisch ist. Wie wäre es mit dem Begriff des Heiligen, mit Praktiken der Verehrung, Unterwerfung, Vorstellungen von Unantastbarkeit, Unendlichkeit, Empfindungen von Schrecken, Erhabenheit usw.

IP: Dann ist die Frage: Was gilt heute als heilig? Der Fortschritt, das Wachstum, der Staat, die Demokratie, die Menschenrechte, die westlichen Werte, Europa? Das sind alles unpersönliche Ideen, das Heilige ohne Götter. Nachdem die Könige verschwunden sind, das gottgleiche Amtscharisma herabgestuft wurde, herrscht immer noch eine Art Staatsvergottung, die alle Herrschaftsformen überdauert und durchzieht. Der Etatismus als politische Religion: der Staat soll schützen, nähren, ordnen, orientieren, bilden, versöhnen, erlösen. Er soll Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Bruderliebe realisieren. Der Staat als Gemeinschaft und Gemeinde. Thomas Hobbes hätte nie zu denken gewagt, wofür dieser „sterbliche Gott“ alles gut sein soll. Es braucht gar keine Staatskirche, wenn der Staat selbst schon die Kirche ist.

WS: Nicht einmal den Aztekengöttern wurden so viele Blutopfer gebracht wie dem modernen Staat, wenn er seine Kriege führte.

RL: Das würde heißen, daß die alte Religionskritik überführt werden muß in Staatskritik. Aber das wäre nun doch eine Verengung, zumal die hohe Zeit des Staates vorbei zu sein scheint. Alle Welt beklagt die Ohnmacht des Staates gegenüber den Märkten, den Banken, der Ökonomie, den lokalen Kriegsherren, etc.

IP: So ist das, wenn Götter miteinander wetteifern und ein Monopolgott sich gegen andere Götzen behaupten will.

WS: Entscheidend scheint mir nicht zu sein, ob der Staat ein moderner Gott ist, sondern ob die Menschen daran glauben, er solle es sein. Es geht also um eine konstante Disposition, eine Bereitschaft, ja, ein Bedürfnis nach gottgleichen Personen, Institutionen, nach Bindungen, Abhängigkeiten, Autoritäten, um ein Bedürfnis nach Übermacht. Diese soll schützen, lenken, die Person einfügen in die Gemeinde; einen Sinn soll sie vermitteln, den Geist soll sie formen, und sie soll einen trösten. Schließlich will man zu dieser Macht guten Gewissens und guten Glaubens aufsehen und sich ihr unterwerfen können.

RL: Untertanengeist?

WS: Man muß sich hier nicht den altbekannten Kriecher vorstellen, der sich duckt und buckelt und sich vor dem Altar oder Gottesbild zu Boden wirft.  Der neue Untertan geht aufrechter, er hält sich bereits für gerecht und moralisch, er liebt das Gute, er ist schon halb erlöst. Aber er ist auf schwer erträgliche, weil selbstgerechte Weise Konformist, angepaßt an sein Milieu, angepaßt an die verstaatlichten Verhältnisse, auch wenn er stets die Attitüde des Nonkonformisten, des Originären, Originellen, Individuellen an den Tag legt. Doch halten wir fest: Ein bleibendes Thema heutiger Aufklärung sind die quasireligiösen Versatzstücke in kollektiven Mentalitäten, die Ersatzobjekte und –institutionen, die falsche Toleranz gegen religiöse Übergriffe, vor allem aber das, was La Boëtie einst die „freiwillige Knechtschaft“ genannt hat, die Unterwerfungsbereitschaft und deren Mechanismen. Aufklärung nicht zuletzt als Kritik der Sklavenmoral, und zwar von Sklaven, die gar nicht wissen, daß sie welche sind.

RL: Wobei nicht zu vergessen ist, daß der Untertanengeist aktiv befördert wird. Bevor die Polizei kommt und der öffentliche Pranger aufgestellt wird, sind die leisen Strategien der kulturellen Macht wirksam, Bildung, Indoktrination, Moral- und Geschmackskontrolle, der Kult des Heiligen. So plural sich die moderne Kultur geriert, die Vorschriften für die Lebensführung nehmen wieder zu, die Normen für die richtigen Gedanken, den richtigen Geschmack, die richtigen Werte, usw.

WS: Die Rede von kultureller Macht ist zwar nicht unüblich, aber haben wir bereits begriffen, um was es sich genau handelt? In den meisten Fällen wird ja wenig gedroht oder bestraft, wo regt sich manifester Widerstand? Oder ist diese weiche Macht schon so effektiv, daß Widerstreben gar nicht mehr gebrochen werden muß, da sie sich gar nichts mehr regt. Fast alles wird toleriert, Außenseitertum gilt als Gütesiegel von Kreativität, einen Kanon gibt es nicht. Es sieht so aus, als sei alles erlaubt.

RL: Das ist eine Illusion. Zwar ist diese Macht nicht so kompakt wie, sagen wir, diejenige der Kirche des Mittelalters. Die Gesellschaft ist differenzierter und heterogener als die Gesellschaft der Ständehierarchie. Die Kulturmacht durchdringt die Milieus in unterschiedlichem Maße. Aber, um ein simples Beispiel zu geben, das Vokabular der Rede, auch der privaten, soll reguliert, der ganze Schimpfklatsch überwacht und unterdrückt werden, im Internet, in der Schule, im Theater, im Parlament. Es gab selten Zeiten, da alles gesagt werden durfte. Doch seit einiger Zeit, so mein Eindruck, soll immer weniger gesagt werden dürfen. Das verkauft man dann als Fortschritt an Zivilisierung, obwohl es nur ein Rückschritt an Repression ist.

WS: So ähnlich redet die rechte Opposition auch, die zur Zeit gegen den Konsens der korrekten Demokratie rebelliert.

RL: Es ist völlig egal, wer was sagt. Entscheidend ist, ob es zutrifft. Jede Rebellion kämpft auch gegen die Sprache des alten Regimes. Das Problem ist, daß die Rebellion sofort eine neue Hegemonie zu errichten sucht, sei sie nationalistisch, ethnisch, heimatlich, spießig, partikularistisch oder universalistisch. Es ist zuletzt auch nur eine neue kulturelle Macht.

WS: Kein Unterschied in der Gültigkeit einer Kultur?

RL: Kulturelle Macht ist immer Freiheitsberaubung.

IP: Das liegt in der Natur von Macht, daß sie Freiheiten begrenzt. Aber, um ein älteres, unstrittiges Beispiel zu erwähnen: Die große Revolution demolierte vielerorts die Bauwerke der alten Macht, die großen Kathedralen, diese Wunderwerke der Architektur und Skulptur. Es war ein Bildersturm gegen die Monumente des Regimes, in dem Königtum und Religion aufs Engste verbunden waren. Natürlich ist es bedauerlich, was dabei alles unwiederbringlich zerstört wurde. Aber die Rebellen haßten die Religion, und sie haßten deren materielle Kultur, die steinernen Himmelsgebäude. Hier könnte man nun etwas genauer fragen, was für eine Art von Macht die kulturelle Macht ist.

WS: Es ist eine gemischte Macht. Neben der physischen Repression, die bis zur Vernichtung von Ungläubigen geht, gibt es die sanfte, durchdringende Wirkung der Autorität, des Glaubens und die sich in Stein, Glas, Schrift, Licht materialisierende Macht. Eine doppelte soziale Macht, die des Königtums und des Klerus ist hier materielle und ästhetische Macht geworden. Wir wissen nicht wie diese Macht funktioniert, aber die Bilderstürmer wußten genau, daß die Steine und Statuen keineswegs so unschuldig waren.

IP: Was die Revolutionäre ja nicht davon abgehalten hat, sogleich neue Liturgien, Glaubensdogmen zu erfinden, eine politische Religion der Revolution, mit terroristischen Folgen.

WS: Halten wir vorläufig fest. Zur Aufklärung gehört nicht zuletzt Aufklärung über den Religionshaß, der selbst eine quasireligiöse Form des Fanatismus annehmen kann. Doch ebenso gehört zu unserem Themenprogramm die Klärung der Wirkungsweise kultureller Macht. Religion ist ja nur ein, wenngleich ein historisch besonders prominenter und aktuell virulenter Fall von kultureller Macht. Sie beruht nicht zuletzt auf einer schier unerschöpflichen, unaufgeklärten Machtquelle, dem Bedürfnis nach freiwilliger Knechtschaft.

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Gabe, Schuld, Religion

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Wolfgang Sofsky
Gabe, Schuld, Religion. Eine Spekulation

Massengebet

Niemand hatte seinerzeit die Götter um die Schöpfung gebeten. Die Gabe war freiwillig, wie die Stiftung der Kultur. Von Anbeginn steht die Menschheit in der Schuld von Mächten, die ihr die Welt bereitet und als Erbe hinterlassen haben. Diese Last des Anfangs ist niemals abzutragen, weder durch Gebete, Gehorsam oder Dankbarkeit noch durch das Opfer tierischen oder menschlichen Lebens. Nicht einmal das Blutopfer vermag die Schuld gegen die Götter zu tilgen. Die Menschen haben nichts Gleichwertiges einzutauschen. Was könnte die Gabe des Lebens, des Tods, der Welt vergelten? So sind die Menschen auf Gedeih und Verderb in Religionen verstrickt. Ist Religion etwas anderes als die unentwirrbare Bindungsschuld, welche die Menschen gegen die Götter haben? Jene sind die Schöpfer und  Eigentümer der Welt, ihrer Dinge und Güter. Sie existieren jenseits aller Wechselwirtschaft, jenseits aller Verträge und Tauschgeschäfte. Die Geister sind weder verpflichtet zu geben, noch sind sie angehalten, die Gaben der Menschen anzunehmen oder gar zu erwidern. Souveränität besteht nicht zuletzt darin, den Verpflichtungen des Tauschs enthoben zu sein. Dennoch versuchen wahrhaft Gläubige immerzu, endlich ihre Schulden zu begleichen – vergeblich. Streben sie gar nach einer Welt ohne Schuld, in der es keine Geister und keinen Urheber der Welt mehr gibt?

Die „Schöpfung“ schafft – wie jede Gabe – Macht, Verpflichtung, Bindung. Indem der Geber sein Werk an den Empfänger übergibt und mit ihm die Welt teilt, macht er ihn zu seinem Schuldner. Freigebigkeit, Abhängigkeit und Ungleichheit sind aufs Engste miteinander verknüpft. Die Gabe formt Gesellschaft, Ökonomie und Moral. Derjenige erwirbt Macht und Prestige, der sich freigebiger erweisen kann als jeder andere und der aus der Rivalität aller Wesen als Sieger hervorgeht. Wer vermag mehr zu geben als die Götter? Sie geben, um andere Wesen auszustechen, sie zu verschulden, ihres Gesichts zu berauben. Dank ihrer unermeßlichen Großzügigkeit stürzen die Götter die Menschen nicht nur in Schuld und Abhängigkeit, sondern in tiefste Scham. Beim Gebet neigen die Menschen das Haupt, sinken auf die Knie, werfen sich zu Boden. Denn sie wissen, ihrem Gegenüber, dem sie alles, auch sich selbst zu verdanken glauben, alles schuldig bleiben zu müssen.

© WS 2016

Logik des Monotheismus

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Wolfgang Sofsky
Zur Logik des Monotheismus

Götterrat

Aus dem „Dialog der Religionen“ wurde folgende Konversation bekannt: Ein Muslim behauptet: „Allah“ ist der einzige Gott (z1). Ein Jude behauptet: „Jahwe“ ist der einzige Gott (z2); ein Zoroastrier behauptet: „Ahura Mazda“ ist der einzige Gott (z3); ein Christ sagt: wir sollten uns alle vertragen, deshalb: „Gott“ ist der einzige Gott (z4).

Jeder Religionsvertreter argumentiert aufgrund folgenden Arguments:
p: Es gibt nur einen einzigen Gott.
q: Allah (ersatzweise Jahwe, Ahura Mazda, Gott) ist ein Gott.
z: Also ist Allah (ersatzweise, Jahwe, Azura Mazda, Gott) der einzige Gott.

In der Struktur des Arguments und in der Prämisse p sind sich die Vertreter des Monotheismus einig. Strittig ist jedoch, wer überhaupt ein Gott ist (q), und umstritten ist daher auch, wer der einzige Gott sein soll (z). Der Christ sucht den Streit durch einen Trick zu lösen, indem er die verschiedenen Namen streicht und seinen Gott einfach „Gott“ nennt, den Gattungsbegriff, das Prädikat „Gott“ also mit dem Eigennamen „Gott“ in eins setzt. Besorgt um die Eintracht der Menschheit, sagt er: „Allah, Jahwe, Ahura Mazda, Gott sind ein und derselbe, nur der Name variiert. Aber was bedeuten Namen? Namen sind Schall und Rausch!“ Dieser Vorschlag traf der naturgemäß auf heftigen Widerspruch, da die Vertreter der anderen Religionen ja nicht nur behaupten, daß ihr jeweiliger Gott der einzige sei, sondern daß der jeweils andere, also Allah bzw. Jahwe, bzw. Ahura Mazda, bzw. Gott gar kein Gott, sondern ein Götze sei. Nur der eigene Gott sei ein richtiger, also der einzige Gott. Wie läßt sich dieser Disput, der mittlerweile Jahrtausende währt und Millionen Menschenleben gefordert hat, entscheiden?

Die erste Operation bei der Beurteilung von Argumenten ist die Prüfung der  Prämissen. Die monotheistische Grundthese p, es gebe nur einen einzigen Gott, läßt sich in folgender Weise formalisieren. Es gibt genau einen Gott = Es gibt mindestens ein Objekt, das einerseits G ist und für das gilt, daß alle anderen G mit diesem identisch sind: ∃x(G(x)∧∀y(G(y)→x=y)).

Diese These hält der Prüfung schwerlich stand. Unzählige Götter haben die Menschheitsgeschichte bevölkert, die nicht miteinander identisch waren:  ∃x(G(x)∧¬∀y(G(y)→x=y)). Manche sind längst tot, d.h. sie haben keine Anhänger mehr, die an sie glauben (z.B. Odin, Zeus, Horus oder Maat). Andere sind noch recht lebendig wie z.B. Vishnu, Shiva oder Durga, d.h. es gibt Anhänger, die an sie glauben. Versteht man Götter als historische Figuren des Glaubens und der Verehrung, so ist p eindeutig falsch.

Doch wird diese Prämisse auch häufig in einem postulativen Sinn mißverstanden, dergestalt: Es soll nur einen Gott geben, also gibt es nur einen Gott. Dieser Schluß vom Wunsch auf die Wirklichkeit ist ungültig. Er ist eine Art „postulativer Fehlschluß“. Seine logische Qualität ist ebenso irreführend wie folgender Fehlschluß: „Es soll Fische und Brote vom Himmel regnen, also regnen Fische und Brote vom Himmel.“

Schließlich steht mit der Prämisse p jedoch nicht nur die Singularität, sondern auch die Existenz von Göttern in Frage. Behauptet wird nämlich: Es gibt einen Gott und dieser Gott ist der einzige, andere Götter sind mit ihm identisch. Es gibt also einen Gott, alles andere, was es auch noch gibt, ist niemals Gott. Um jedoch einem Objekt das Prädikat „Gott“ zuzusprechen, muß man voraussetzen, daß es von jenem Objekt mindestens eins gibt. Man kann also die Einzigkeit eines Gottes G nur behaupten, wenn man voraussetzt, daß es ein x gibt, das die Eigenschaft G hat. Es ist jedoch durchaus zweifelhaft, in welchem Sinne es Götter überhaupt gibt, inwiefern der Existenzquantor überhaupt anwendbar ist. Im allgemeinen „existieren“ Götter nicht jenseits des Glaubens ihrer Anhänger. Sie sind keine Objekte der Entdeckung so wie Neutronen, Sternennebel oder chemische Formeln. Es ist bislang noch nicht bekannt geworden, daß Götter nur für sich existieren, ohne daß jemand sie bemerkt und an sie geglaubt hätte. Aber es ist ebensowenig wahr, daß aus der Tatsache, daß A glaubt, daß es G gibt, die Tatsache folgt, daß es G gibt: Auch in diesem Sinne ist p mithin falsch.

Ähnlich verhält es sich mit der Annahme (q): Jeder Dialogpartner bestreitet, daß es sich bei der jeweils anderen Gestalt überhaupt um einen Gott handelt. Jeder glaubt nur an seinen jeweiligen Gott. Aber aus dem Glauben folgt nicht, daß die jeweilige Gestalt ein Gott ist. Aus dem Satz: Der Muslim (Jude, Zoroastrier, Christ) glaubt, daß q (Allah, Jahwe etc.) ein Gott ist, folgt mitnichten, daß q. Deshalb tun Gläubige häufig so, als glaubten sie nicht, daß q, sondern als wüßten sie, daß q. Wenn A weiß, daß q, dann ist q der Fall. Wenn A glaubt, daß q, dann ist offen, ob q der Fall ist oder nicht. Kurzum: Die Wahrheit der Prämisse q ist nicht zu entscheiden.

Das aber heißt für die Konklusion und die Geltung des gesamten Arguments: Prämisse p ist falsch, Prämisse q ist unbestimmt, daraus folgt: die Konklusion z ist falsch. Weder Allah noch Jahwe, Ahura Mazda oder Gott ist der einzige Gott.

Ratlos wandten sich im Dialog der Religionen die Disputanten daher an einen Mann  aus den Bergen, der zufällig des Weges kam. Der sagte zu den versammelten Eingottgläubigen: „Versuchen Sie es doch einmal mit Vielgötterei, da haben Sie zumindest zwei wahre Prämissen: (Es gibt viele Götter) und (Einige Menschen glauben, daß Allah, Jahwe etc. ein Gott sei). Aber sie sparen sich die ebenso falsche wie überflüssige und obendrein lebensgefährliche Konklusion z.

© W.Sofsky 2016

Kritik der Religion

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Wolfgang Sofsky
Kritik der Religion.
Dankrede zur Verleihung des Holbach-Preises am 20.9.2015 in Edenkoben

Meine Damen und Herren,

HolbachWer als erster einen Preis zu tragen hat, der des Barons Holbach gedenkt, hat einen seltenen Vorteil. Er hat das erste Wort und entgeht der Gefahr zu wiederholen, was frühere Laureaten über den freundlichen Aufklärer mit dem bösen Blick gesagt haben. Ein unermüdlicher Streiter war Holbach, wider Vorurteile, Illusionen und Selbsttäuschungen aller Art. Er hielt sich an das, was wir wissen, und mißtraute allem, woran wir nur glauben. Die Welt war für ihn die Summe aller Tatsachen, der Steine, Tiere, Menschen, der Körper am Himmel und auf Erden. Während man sich in deutschen Landen meist um Werte, Gemüt und Gesinnung sorgt, widmete sich Holbach dem irdischen Leben. Zur Enzyklopädie seines Freundes Denis Diderot steuerte er nicht nur hunderte Artikel zur Chemie, Biologie oder Mineralogie bei. Von Holbach stammen auch kritische Beiträge zur Theokratie und politischen Repräsentation, zum Aberglauben und zu Religionen fremder Völker.

Für einen Realisten sind Götter und Geister keineswegs bedeutungslos. Im Gegenteil: Woran Menschen glauben, was sie erfinden oder sich einbilden, ist in seinen Folgen stets real, wenn nicht fatal. Die Mythen und Kultriten, die Verklärung sinnlosen Leidens, die Paradiesträume und Höllenängste sind geschichtsmächtige Tatsachen. Holbachs Themen, das sind neben den Materien der Natur die Wirklichkeit der Macht und Moral, vor allem jedoch der Religion.

Trotz Aufklärung, trotz Säkularisierung ist die Kritik der Religion niemals abgeschlossen. Mit dem Verdacht des Priesterbetrugs ist die Angelegenheit nicht erledigt. Nicht selten will der Betrogene selbst betrogen werden. Holbach wußte genau, daß sich Religionskritik nicht in Kirchen-, Sekten- oder Predigerkritik erschöpft. Die Doktrin, die Dogmen, die Götter sind zu entzaubern, als historische Begebenheiten, als systematische Irrtümer.

Schon die Idee eines allmächtigen Schöpfers ist, wie man weiß, eine logische Unmöglichkeit. Kann ein omnipotenter Gott einen Felsen erschaffen, den niemand bewegen kann, also auch er selbst nicht? Vermag er einen solchen Felsen nicht zu erschaffen, ist er nicht allmächtig. Vermag er einen solch schweren Felsen indes zu erschaffen, kann ihn aber nicht von der Stelle rücken, ist er ebenfalls nicht allmächtig. Kann sich ein großmächtiger Gott in einen Zustand der Ohnmacht versetzen, kann er sich selbst auslöschen? Wie soll ein toter Gott allmächtig sein? In Fragen der Gottesexistenz mag man unentschieden sein. Was die kardinalen Eigenschaften angeht, ist das Ergebnis eindeutig. Allmächtig kann ein Gott ebensowenig sein wie allwissend und allgut.

Woher aber rührt der tiefe Wunsch nach Frömmigkeit, nach Hörigkeit, nach absolutem Sinn? Götter sind meist eine Erfindung menschlicher Angst. Nichts scheint gräßlicher als die Aussicht, alsbald nicht mehr da zu sein. So leben die Toten als Geister fort. Die Idee der unsterblichen Seele, so Holbach, hat eine organische Ursache. Sie entspringt dem Trieb der Selbsterhaltung. „Dieser Wunsch verwandelte sich gar bald in Gewißheit; und darin, daß die Natur uns den Wunsch, immer fortzudauern, eingeprägt hatte, glaubte man einen hinlänglichen Beweis zu finden, daß der Mensch nie aufhören werde fortzudauern.“ Wie jeder Philosoph, der den Namen verdient, lehrt Holbach ein rechtes Verhältnis zum eigenen Ende: „Sterben ist nichts weiter als aufhören zu denken und zu empfinden, zu genießen und zu leiden. Deine Ideen werden mit dir untergehen, und deine Schmerzen dir nicht ins Grab folgen. Denke an deinen Tod, nicht um… deinen Trübsinn zu nähren, sondern dich zu gewöhnen, ihm mit ruhigen Augen entgegen zu sehen, und dich gegen die leeren Schrecken zu sichern, welche die Feinde deiner Ruhe dir einzuflößen bemüht sind.“

Holbachs Lebenswerk ist eine Schule der Atheisten. Sein Pariser Salon war Treffpunkt für die freien Geister seiner Zeit. Auf der Gästeliste finden sich Laurence Sterne und Adam Smith, der Abbé Galiani, Diderot, der Historiker Edward Gibbon, Benjamin Franklin. Als David Hume, der große schottische Skeptiker, das Gastmahl des Barons zum ersten Mal besuchte, war er über den ungewohnt freimütigen Ton leicht schockiert. Er saß neben dem Gastgeber, als er der Runde mitteilte, er glaube nicht an die Existenz von Atheisten, da er noch nie einen getroffen habe. Holbach erwiderte prompt: „Monsieur, zählen Sie, wie viele von uns hier sind.“ Achtzehn Gäste waren anwesend. „Es ist ein guter Anfang, Ihnen sofort fünfzehn zeigen zu können. Die anderen drei haben sich noch nicht entschieden.“

Auf Atheismus stand im spätabsolutistischen Frankreich die Peitsche, das Beil, die Galeere oder die Bastille. Der fleißige Autor Holbach veröffentlichte viele seiner Bücher ohne oder unter falschem Namen. Seine erste Schrift „Das entschleierte Christentum“ wurde zuerst in Nancy, dann im freien Amsterdam gedruckt. In Strohballen versteckt oder in Heringsfässern mit doppeltem Boden gelangten die Bücher nach Paris. Obwohl es in Paris damals wie in einer Kloake roch, dürfte manchem Leser im Untergrund die Lektüre ziemlich gestunken haben. Sein Hauptwerk, das „System der Natur“, dieses Kompendium für ein Leben jenseits von Ignoranz, Angst und Unmündigkeit, wurde in handlichen Teilbänden aus Amsterdam zurückgeschmuggelt. So konnte man sie leichter verstecken. Als Autor firmierte ein verstorbener Akademiker. Die Maske eines Toten bewahrte den Baron vor den Häschern des alten Regimes.

Man sage nicht, daß Atheisten heutzutage besser gelitten seien. 225 Jahre nach Holbachs Tod sind die Fanatiker mitten unter uns. Sie werden nicht weniger. Es genügen ein paar Zeichnungen, ein Roman oder unliebsame Blogeinträge, und der Autor riskiert tausend Stockschläge – von Staats wegen -, ein weltweites Todesurteil, ein Blutbad. Die Wut der Gotteshüter scheint grenzenlos. Sie fühlen ihren Propheten durch eine Karikatur beleidigt, und bemerken nichts von ihrer gotteslästerlichen Anmaßung. Götter können durch Bilder oder Worte unmöglich verunglimpft werden. Nur wer seine Götter zu Menschen degradiert hat, kann überhaupt auf die Idee kommen, ihnen beispringen, sie rächen zu müssen.

Fanatismus und Gewalt verkleistern die Risse des Halbglaubens. Nicht in Buchstabentreue, nicht in beflissenem Gehorsam, nicht im Mausoleum wohlfeilen Trosts liegt das Fundament des Glaubens, sondern im Geschmack fürs Unsichtbare, im Widerfahrnis dessen, was Gläubige in Momenten der Ergriffenheit, der Verzückung, der Ekstase oder Offenbarung als heilig erleben. All dies sind zwar unvernünftige mentale Zustände, aber es gibt sie, und sie bedürfen der Erhellung, der Aufklärung.

Wem aber die Evidenz des Heiligen nicht zuteil wurde, muß sich mit Frömmigkeiten aus zweiter Hand begnügen. Der Halbgläubige kennt keine Kompromisse, er ist notorisch beleidigt. Dringend benötigt er die Zeremonie, die Stütze die Autorität – oder die direkte Aktion, die Macht der Gewalt. Wer sich selbst nicht ganz glaubt, tötet die Ungläubigen, in den Banktürmen, in Redaktionsbüros, im Schnellzug. Blut und Schmerz bezeugen ihm den Besitz vermeintlicher Wahrheit. Die Tötungsmacht beweist den Gotteskriegern, einem allmächtigen Gott anzuhängen. Gewalt verschafft tatsächlich jene Allmacht, die sie ihrem Idol andichten. Sie ist eine Art praktischer Gottesbeweis. Die Todesschwadrone des Glaubens führen heilige Kriege, verschleppen Sklavinnen, sprengen uralte Tempel in die Luft. Abermillionen Tote, Verstümmelte, Vertriebene gehen auf das Konto der Religionen, nicht zuletzt die Millionen, die zur Zeit vor den Religionskriegen aus Afrika und Asien nach Europa fliehen.

Ein aufgeklärter Atheismus rechnet heute nicht mehr mit einem Siegeszug der Vernunft. Der selbständige Gebrauch der Vernunft ist nicht jedermanns Sache. Die Gier nach den Opiaten der Verheißung, Erbauung und Erlösung scheint unersättlich. Man kann reden, soviel man will. Man bläst auf erloschenen Kohlen, auf denen sich kein Fünkchen Verstand entzündet. Die Sehnsucht nach Illusionen und Despotie ist durch Wissen, Argumente, Gegenbeweise nicht aus der Welt zu schaffen. Von einem Dialog der Religionen darf man ohnehin nur die gegenseitige Anerkennung aller Irrwege erwarten. Umso bedeutsamer ist das Prinzip der Religionsfreiheit. Holbach hielt die Freiheit des Willens und Handelns für eine Kopfgeburt. Doch nicht jede Bedingung, unter denen Menschen handeln, ist eine kausale Ursache, ein Zwang. Die Welt ist voller Alternativen, auch wenn manche sich gerne weismachen lassen, es gebe sie nicht.

Was besagt die Freiheit der Religion? Ein jeder darf denken, was er will, glauben, was er will, beten, zu wem er will. Jeder darf sich seinen Torheiten verschreiben. Klugheit ist nicht geboten, Einfalt nicht verboten. Jeder darf Unglaubwürdiges glauben, darf sich der Schwärmerei hingeben, sich mit Gleichgesinnten zu Kultfeiern treffen. Wo immer er seine Seligkeit zu erlangen hofft, kein Weg ist ihm versperrt. Allerdings erleidet das Individuum auf Dauer Schaden, wenn es die Pflichten gegen sich selbst mißachtet. Wer sich in Unmündigkeit einrichtet, verliert seine Urteilskraft. Wer sich vor Göttern zu Boden wirft, ergibt sich, um es mit einem alten, auch von Kant benutzten Ausdruck zu sagen, der Kriecherei.

In der Öffentlichkeit ist es mit dem privaten Illusionsglück vorbei. Gottesbilder prallen aufeinander, werden beargwöhnt, verlacht. Der Anfechtungen sind viele. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Eintracht der Bekenntnisse. Sie ist ein unruhiges Terrain voller Kollisionen, Animositäten, Feindseligkeiten. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Niemand ist gehalten, einem frommen Ansinnen Glauben zu schenken und die Götter eines anderen zu verehren. Religionen sind nicht sakrosankt. Des einen Frömmigkeit ist dem anderen nichts als Bigotterie. Was der eine für heilig hält, ist für andere ein profaner Irrtum. Zum Schutz eines jeden heißt Freiheit der Religion zuallererst Freiheit von Religion.

Um den Religionskrieg zu beenden, hat der moderne Staat den Glauben zwar zur Privatsache erklärt. Dennoch strebt der Staat, dieser sterbliche Leviathan, selbst nach höheren Weihen. In Wahrheit ist seine Aufgabe höchst profan: Schutz der Freiheit und Sicherheit der Bürger. Hierzu hat er in Glaubensdingen neutral zu bleiben. Auf strikte Indifferenz hat er zu achten, in jeder öffentlichen Einrichtung. Bibel oder Koran sind als Lehrbücher nicht zugelassen. Die Schule ist die Schule der Nation, nicht der Religion.

Der gottlose Staat ist die Voraussetzung für religiöse Vielfalt – und Einfalt. Er bewahrt die Minderheiten vor der Hegemonie der Mehrheit, und er weist den Fanatismus in seine Schranken. Religionen wollen wachsen, wollen ihre Anhänger mehren, wollen sich die Erde untertan machen. Dieser imperialen Mission beugt der Staat vor. Indem er den Religionen die Waffen der Macht aus der Hand schlägt, schützt er die Strenggläubigen und die Ungläubigen, die Gleichgültigen, die Abtrünnigen, jene, denen das Hemd des Glaubens locker sitzt, und die Freigeister, die sich allein auf gottlose Vernunft stützen.

Der Baron starb im Januar 1789. Die Revolution stieß die Philosophen des Holbachschen Salons in den Strom des Vergessens. Sie waren für die Revolutionäre zu radikal. Die neue politische Religion, diese totalitäre Allianz von Tugend, Tod und Terror, hätte dem Seziermesser von Diderot und Holbach und ihren Freunden kaum standgehalten. Sie setzten auf Kritik, Wahrheit, Wissen, nicht auf Glauben und Gefühl, Macht und Mission. In Zeiten der Idole, der Eiferer, des korrekten Konformismus, des betulichen Kleinmuts bedarf es dringend radikaler Störenfriede. Sie streiten gegen jede Illusion, jede Macht.

© W.Sofsky 2015

Malatesta: Über die Regierung

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Wolfgang Sofsky
Malatesta: Über die Regierung

Errico Malatesta, der freundliche Anarchist, ist heute weithin unbekannt. Sein Leben glich einer Odyssee, überall suchte ihn die Polizei. Er lebte in Ancona, Ägypten, Genf, Rumänien, Paris, Florenz, Buenos Aires, auf der Haftinsel Lampedusa, in Malta, New Jersey und kehrte immer wieder nach London zurück. Als er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat reiste, sollen die Seeleute von Genua ihm zu Ehren die Arbeit eingestellt und alle im Hafen liegenden Schiffe ihre Sirenen betätigt haben. 1921 wurde er erneut verhaftet, mit einem Hungerstreik protestierte er gegen die Verzögerung seines Prozesses. Zwei Monate vor der faschistischen Machtübernahme ließ man ihn frei. Mussolini ließ den alten Mann – Malatesta war mittlerweile fast siebzig – ungeschoren. Er arbeitete in Rom als Elektriker, und so mancher römische Bourgeois soll sich entsetzt haben, wenn er erfuhr, daß die Leitungen in seiner Villa von dem „fürchterlichen“ Malatesta gelegt worden waren.

Malatesta war ebenso unbeugsam wie unbestechlich. Er träumte den Traum vom Endzustand umfassender Freiheit in Solidarität, doch teilte er weder die Hoffnung auf den syndikalistischen Generalstreik noch verfocht er die gewaltsame Propaganda der Tat, geschweige denn die autoritäre Vorhutpolitik einer kommunistischen Sekte oder Partei. Von der Eroberung des Staates durch Wahlen (Sozialdemokratie), Putsch (Leninismus) oder lange Märsche durch Institutionen bei unvermeidlicher Angleichung an dieselben hielt der erklärte Feind jeglicher Regierung nichts. Man muß die Illusionen des Anarchismus nicht teilen, aber niemand betreibt die Kritik der Macht unnachsichtiger als der Anarchismus. Hier einige Passagen zur Kritik der Regierung:

Drei Formen der Herrschaft
„Man unterjocht die Menschen auf zweierlei Art; entweder unmittelbar durch die rohe Kraft, die körperliche Gewalt; oder auf Umwegen, indem man ihnen alles wegnimmt, was sie zum Leben brauchen und sie so zur Ohnmacht verdammt. Die erste Art ist der Ursprung der Regierung, der politischen Macht überhaupt; die andere Art ist der Ursprung des Reichtums, der wirtschaftlichen Vorrechte. Es gibt zwar noch eine dritte Art, um die Menschen zu bedrücken; nämlich indem man ihren Verstand und ihre Gefühle unterdrückt. Das ist die religiöse, die priesterliche Herrschaft. Aber so wie der so genannte „Geist“ ein Ergebnis der materiellen Kräfte ist, so ist die Lüge, und die Institutionen, die den Zweck haben, die Lüge zu verbreiten, nur eine Folge der wirtschaftlichen Vorrechte, und ihr Zweck ist nur, diese Vorrechte zu schützen und zu befestigen.

Staatsaufgaben
Für uns ist die Regierung die Gesamtheit der Regierenden; und die Regierenden, Monarchen, Präsidenten, Minister, Abgeordnete u. s. w. sind diejenigen, die die Macht haben, Gesetze zu schaffen, um die Beziehungen der Menschen zu einander zu regeln, und die Macht haben, diese Gesetze vollziehen zu lassen; z. B.: Steuern auszuwerfen und einzutreiben; die Menschen zum Militärdienst zu zwingen; diejenigen, die gegen die Gesetze handeln, zu verurteilen und zu bestrafen; die privaten Vereinbarungen zu überwachen und gut zu heissen; einzelne Zweige der Produktion und der öffentlichen Dienstleistungen zu monopolisieren (z. B. Tabak, Salz; Eisenbahnen, Post und Telegraf u. s. w.) oder wenn sie wollen, die ganze Produktion und alle öffentlichen Dienste zu verstaatlichen, in die Hand zu nehmen; den Austausch der Produkte (den Handel) zu fördern oder zu beschränken; mit den Regierungen anderer Länder Krieg anzufangen oder Frieden zu schliessen; dem Volke das Wahlrecht zu gewähren oder zu entziehen — und dergleichen Dinge mehr. Die Regierenden sind also, mit einem Wort, diejenigen Menschen, die mehr oder weniger die Macht haben, die Kräfte die Gesellschaft, d.h. die körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte aller andern Menschen in ihre Dienste zu zwingen. In dieser Macht besteht das Prinzip der Regierung, das Prinzip der Herrschaft.

Privilegien
„Eine Regierung, d.h. eine gewisse Anzahl von Leuten, deren Aufgabe es ist, Gesetze zu machen, die gewohnt sind, sich der Kraft aller zu bedienen, um jeden zu zwingen, sie zu achten, bildet schon in und für sich selbst eine privilegierte Klasse, welche von der Masse des Volkes geschieden ist. Sie wird, wie jede fest begründete Körperschaft instinktiv danach trachten, ihre Machtbefugnisse zu erweitern, sich der Aufsicht des Volkes zu entziehen, ihre besonderen Bestrebungen zu verwirklichen und ihre eigenen Interessen den übrigen Menschen aufzuzwingen. Indem sie eine privilegierte Stellung einnimmt, befindet sich die Regierung im Gegensatz zur Masse des Volkes, dessen Kräfte sie täglich in Anspruch nimmt.“

Der Irrglaube an die Macht
„Die Regierung übernimmt es, das Leben der Staatsbürger mehr oder weniger gegen unmittelbare brutale Angriffe zu verteidigen. Sie anerkennt und legalisiert eine Anzahl von grundlegenden Rechten und Pflichten, von Gewohnheiten und Gebräuchen, ohne welche ein gesellschaftliches Leben unmöglich ist. Sie organisiert und leitet einige öffentliche Dienstleistungen, wie z. B. die Post, die Landstrassen, die öffentliche Gesundheit, die Wasserregulierung, den Forstschutz usw.; sie gründet Waisenhäuser und Spitäler und gibt sich gern den Anschein, daß sie die Beschützerin und Wohltäterin der Armen und Schwachen ist. Wenn wir es aber genauer betrachten, wie und warum sie diese Aufgaben erledigt, so beweisen die Tatsachen, daß alles was die Regierung tut, nur darum und deswegen getan wird, um zu herrschen, um die Vorrechte – ihre eigenen und diejenigen der Klasse, die sie vertritt und verteidigt — aufrecht zu erhalten, zu vermehren und zu verewigen.

Keine Regierung kann lange bestehen, ohne ihre wahre Natur unter dem Vorwand der allgemeinen Nützlichkeit zu verstecken; sie kann nicht das Leben der Bevorzugten beschützen, ohne daß sie sich den Anschein gibt, das Leben Aller beschützen zu wollen; sie kann nicht den Vorrechten Einzelner Geltung verschaffen, ohne Miene zu machen, das Recht von allen Menschen aufrecht zu erhalten.

Wider die freiwillige Knechtschaft
Wir sind gewohnt, unter einer Regierung zu leben, die alle Kräfte, alle Intelligenz, jeden Willen, den sie für ihre eigenen Zwecke benützen kann, in Beschlag nimmt, und alle jene, welche sie nicht braucht oder welche ihr feindlich sind, hindert, lähmt und unterdrückt — und wir bilden uns ein, daß Alles, was in der Gesellschaft geschieht, das Werk der Regierung ist und daß ohne Regierung weder die Gesellschaft noch die Kraft, die Intelligenz oder der gute Willen der Menschen weiterbestehen würde.

Was ist der Zweck der Regierung? Warum sollen wir zu Gunsten einiger Menschen unsere eigene Freiheit, unsere eigene Initiative aufgeben? Warum müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich — mit oder ohne Willen der übrigen Menschen — der Kraft aller Anderen zu bemächtigen und über dieselbe nach eigenem Gutdünken zu verfügen? Sind sie denn so aussergewöhnlich begabt, dass sie, mit einigem Rechte, sich an die Stelle des ganzen Volkes setzen, und für die Interessen der übrigen Menschen besser sorgen könnten? Sind sie unfehlbar und moralisch nicht zu verderben, so dass man vernünftigerweise das Los eines Jeden ihrer Güte anvertrauen kann?“

© W.Sofsky 2015

Ferdinand Lasalle

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Wolfgang Sofsky
Ferdinand Lasalle

Heute ist an einen Vorkämpfer der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Ehre zu erinnern, der schon als 12jähriger einen Nebenbuhler schriftlich zum Duell forderte und mit 15 Jahren die deutschen Verhältnisse beschrieb als „großen Kerker mit Menschen, deren Rechte von Tyrannen mit Füßen getreten werden.“ Den idealen Staat indes hielt Lasalle, der Bewunderer Hegels, für die Verkörperung des sittlichen Ganzen, „eine Einheit, welche die Kräfte aller freien Menschen millionenfach vermehrte“. Er studierte Heine, Börne, Goethe, Fichte und immer wieder die Fragmente Heraklits. Der Gräfin von Hatzfeldt verschaffte er als Anwalt die Freiheit von der Ehe und von ihrem demütigenden Ehemann. 1848 rief er zur Steuerverweigerung (heute Steuerhinterziehung) und zur Bewaffnung der Bürger auf, wofür er mehrere Monate im Gefängnis saß. Der Bund der Kommunisten verweigerte ihm die Mitgliedschaft, weil er von der „roten Gräfin“ als Dank eine Leibrente bezog und man den Ruf des Vereins nicht beflecken wollte. Er verfaßte ein Drama über Franz von Sickingen, traf Marx in London und Berlin, um ihn für die Agitation in Deutschland zu gewinnen. Doch auch Marx fürchtete um seinen Ruf, so brach der Kontakt 1862 ab. Im Mai 1863 gründete Lasalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein; man forderte das Wahlrecht für alle und staatliche Vorzugskredite für neue Genossenschaften, ein Jahr später stand er wegen Hochverrats vor Gericht. Kurz darauf verliebte er sich in eine junge Frau, doch deren Eltern waren gegen die Ehe. Um ihren Vater, einen bayerischen Diplomaten wegen „Sequestrierung“ seiner Tochter verklagen zu können, versuchte er König Ludwig II. zu gewinnen, durch Vermittlung des Dirigenten Hans von Bülow, der auf Richard Wagner einwirken sollte, damit jener wiederum den König gewänne. Das ging Wagner, dem Antisemiten, zu weit. Sie mochten ihn alle nicht, die ehrgeizigen Künstler und Revolutionäre, die sorgsam auf ihren bürgerlichen Leumund bedacht waren. Schließlich forderte Lasalle den Diplomaten zum Duell, doch jener schickte einen rumänischen Bojaren vor, den er als Verlobten für seine Tochter ausgewählt hatte. In der Früh um 7 Uhr 30 am 28.8.1864 standen sich im Genfer Vorort Carouge die Kontrahenten gegenüber. Der erste Schuß traf Lasalle in den Unterleib. Drei Tage später starb er. Lasalle gilt als ein Stammvater der deutschen Sozialdemokratie. Er kann zudem als Mann von Prinzipien, von Ehre und seltenem Freiheitssinn gelten, im Leben wie in politicis:
„Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist. (…) Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.“

© W.Sofsky 2014

Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei "demokratischer Wahlen"

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Wolfgang Sofsky
Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei „demokratischer Wahlen“

Gustav Landauer (1870-1919) gehörte zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die für die Freiheit rundum fochten, gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen den Parlamentarismus der Parteien, gegen den Zentralismus des Reichs, und gegen den Jakobinismus der Kommunisten. Gesellschaftliche Ordnung dachte er als „Bünde der Freiwilligkeit“, jenseits staatlicher Herrschaft. „Die Anarchie ist der Ausdruck für die Befreiung des Menschen vom Staatsgötzen, vom Kirchengötzen, vom Kapitalgötzen“. Landauer verfaßte Novellen und Romane, schrieb – im Anschluß an Fritz Mauthners Sprachkritik – über „Skepsis und Mystik“, kommentierte die Predigten Meister Eckharts und das Werk William Shakespeares, übersetzte Balzac, Oscar Wilde und Kropotkin, schrieb für Martin Buber eine Monographie über „Die Revolution“ und gab von 1909 und 1915 den „Sozialist“ heraus, das Organ des „Sozialistischen Bundes“, zu dessen ersten Mitgliedern Erich Mühsam und Martin Buber zählten. In 115 Artikeln schrieb Landauer über Tagesereignisse, über Literatur, Philosophie und Kultur und veröffentlichte mehrere Übersetzungen von Proudhon. Gegen die Kriegsbegeisterung 1914 war der Pazifist Landauer immun und gegen den Staatsglauben der Marxisten, Sozialdemokraten und Spartakisten ohnehin. Mitte November 1918 beriet er den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und plädierte im Zentralarbeiterrat Bayerns für den Aufbau einer föderativen Republik. Als am 7.4.1919 gegen die SPD-Regierung eine Räterepublik ausgerufen wurde, übernahm er kurzzeitig das Amt eines „Volksbeauftragten für Volksaufklärung“. An Fritz Mauthner schrieb er: „Läßt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß es nur ein paar Tage sind und dann war es ein Traum.“ Seine erste und einzige Entscheidung war die Abschaffung des Geschichtsunterrichts in bisheriger Form in bayerischen Schulen. Eine Woche später, als die KPD die Räteregierung okkupiert hatte, verzichtete er auf die weitere Mitarbeit. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik durch Reichswehr und Freikorps wurde Landauer am 1.Mai aufgrund einer Denunziation in München verhaftet und nach Stadelheim verbracht. Dort ist er am 2.Mai nach den Mißhandlungen durch Offiziere und Soldaten gestorben.

In Zeiten vielfacher Verdrossenheit über repräsentative Ohnmacht und über die  Selbstbeweihräucherung der Macht- und publizistischen Kommentareliten dürfte – ohne Anlaß irgendeines Gedenktages – eine kleine Erinnerung angebracht sein, an die Verbreitung von Dummheit bei „demokratischen“ Wahlen.

Was die Menschen angeht, so ist ihr ganzes Leben auf Verkehr, Meinungsaustausch, Erinnerung der Generationen und Erfahrung, Überlegung und Vorsorge gestellt. Was aber machen die Menschen für einen Gebrauch von ihren besonderen Eigenschaften, Gaben und Möglichkeiten? Zum Teil ohne Zweifel den richtigen: sie kleiden sich warm, haben Häuser gebaut und heizen den Ofen gegen die Kälte, sie sorgen für ihre und ihrer Angehörigen Ernährung, sie machen einander Mitteilungen über Gefahren, die drohen, sie überliefern sich von Geschlecht zu Geschlecht nützliche Kenntnisse. Aber zum andern Teil machen sie von ihrer besonderen Natur, die Verstand heißt, den sehr unzulänglichen und sehr verkehrten Gebrauch.

Die Menschen unterscheiden sich nämlich von … Tieren nicht nur durch den Verstand, sondern ebensosehr durch die Kehrseite des Verstandes: die Dummheit und deren traditionelles Weiterleben. Keineswegs ist die Dummheit bloß Abwesenheit von Verstand, bloß etwas Nichtvorhandenes, Negatives. Es ist darum auch falsch, Tiere dumm zu nennen, weil ihnen der Menschenverstand fehlt. Es gibt, bildlich gesprochen, im Kopf des Menschen keine leere Stelle; das soll heißen, kein Mensch leidet an Abwesenheit des Verstandes, der nicht dafür etwas anderes hätte: manche haben eine Art Instinkt, die meisten aber ganz positive, veritable Dummheit….

Heute geht ihr, alle fünf Jahre einmal, zur Wahl! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedrucktem Namen hinein, klebt zu, daß keiner sehe, was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer (mittlerweile auch Frauen, WS) zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden.Und die Männer (und Frauen!) sind so gewählt, wie es der Mehrheit entspricht: ein Recht der Minderheit, sich nun von der Mehrheit zu trennen und, sei’s auch nur auf diesem wahnsinnig verkehrten Wege dessen, was ihr Wahl heißet, eigenes durchzusetzen, gibt’s nicht. Die Mehrheit geht alle fünf Jahre ins Klosett, um abzudanken; die Minderheit hat nicht einmal dieses Recht, sie hat gar keines. Der Telegraph, es ist so sonnenklar, hat die Bestimmung in sich, getrennte Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich während ihrer Entschließungen in Verbindung zu halten. Heute dient er (und TV, WS) dazu, daß die Menschen nach geschehener Lächerlichkeit erfahren, diese Lächerlichkeit sei mit den und den Ergebnissen in ganz Deutschland vor sich gegangen.

Und welche Aufregung, welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslose, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht, Wahlsieg, Triumph; es ist, wie wenn sich Affen in einem Zeughaus Ritterrüstungen über das braune Fell gezogen hätten.

Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?

(Aus: Gustav Landauer, Von der Dummheit und von der Wahl, in: Der Sozialist, 15.01.1912)

© W.Sofsky 2014

Michael Oppitz über Kulturen ohne Schrift

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Wolfgang Sofsky
Michael Oppitz über schriftlose Kulturen, Schamanen
und das Erbe der Menschheit

Über sieben Jahre verbrachte der Anthropologe Michael Oppitz im nepalesischen Bergland, knapp unter den Achttausendern des Himalaja, um Leben, Gesellschaft, Religion und Rituale der nördlichen Magar zu erforschen. Sein vierstündiger Film „Schamanen im Blinden Land“  ist ein Klassiker und zirkulierte auch in Künstlerkreisen, nicht zuletzt unter selbsternannten Düsseldorfer „Schamanen“. Oppitz lebte in Kathmandu, Paris, London, New York, Los Angeles, Berkeley und Berlin, bevor er 1991 im Alter von Fünfzig seßhaft wurde und an der Züricher Universität Professor und Direktor des Völkerkundemuseums wurde. Nach der Emiritierung gab er dem Schweizer Fernsehen 2008 ein langes Interview (Dauer 56 Minuten), in der er von den schriftlosen Kulturen erzählt, von Gesellschaften ohne Staat, von einer Religion ohne heiligen Text, ohne Dogma und Exegese, von Trommeln, Ritualen, Glaubensheilungen, von der Berufung, Ausbildung und Initiation der Schamanen, die zehn Jahre benötigen, um sich die mündliche Überlieferung anzueignen. Auch von den Geistern erzählt er, von gutartigen und bösen, und dem Aufenthalt im Reich zwischen Menschen und Geistern und dem Tausch von Seelen und Blut. „Anthropologie beschäftigt sich mit allem, was der Fall ist“, sagt Oppitz, nicht zuletzt mit dem Fremden, das den eigenen Geist verwirrt und einen der eigenen Kultur entfremdet. Eine kluge Erzählung des großen Forschers, die Dutzende von Medienstunden ersetzt, denn Oppitz hat alles verstanden und weiß davon wunderbar zu berichten.

 http://www.youtube.com/watch?v=W3jQ_ZqR_WQ

© WS 2016

Bakunin: Über die Freiheit

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Wolfgang Sofsky
Michail Bakunin: Über die Freiheit

Im dritten Band seiner Autobiographie „Mein Leben“ berichtet Alexander Herzen von manch ungestümen Taten seines Freundes Michail Bakunin, der von Prag kommend, 1848 in Dresden eintrifft und als ehemaliger Artillerieoffizier „die Professoren, Musiker und Pharmazeuten, die zur Waffe gegriffen haben, das Kriegshandwerk lehrt… er gibt ihnen den Rat, die „Madonna“ von Raffael und die Bilder von Murillo auf die Stadtmauern zu stellen und sich mit ihnen vor den Preußen zu schützen, die zu klassisch gebildet seien, um es zu wagen auf Raffael zu schießen. Seine artilleristischen Kenntnisse haben ihm überhaupt geholfen. Als er von Paris nach Prag unterwegs war, stieß er irgendwo in Deutschland auf einen Bauernaufstand. Sie lärmten und schrien vor dem Schloß und wußten sich nicht zu helfen. Bakunin stieg aus dem Wagen, und da er keine Zeit hatte festzustellen, um was es ging, stellte er die Bauern in Reih und Glied auf und gab ihnen so gute Lehren, daß, als er sich wieder in den Wagen setzte, um den Weg fortzusetzen, das Schloß aus allen vier Ecken brannte.“ Aber wie kann man nur die hehre Kunst für die Freiheit opfern, Bilder als farbigen Schutzschild der Revolution mißbrauchen!, wird der besorgte Philister fragen. Die preußischen und sächsischen Truppen waren nie zimperlich, wenn sie Aufstände niederschlugen.

In den üblichen Gedenkstücken zu Bakunin verkommt die Anarchie meist zum „Bildungs“- und „Erbauungsgut“ . Ein kleines, wohliges Grausen befällt den staatstreuen Bürger angesichts des ärgsten Widersachers jeder Staats- und Religionsordnung: ein Leben für die Freiheit, jenseits aller Karriere, mit allen Gefahren für Leib und Leben. Auf einer Irrfahrt war Bakunin unterwegs, von Aufstand zu Aufstand, von Konvent zu Konvent, vom habsburgischen, dann zaristischen Zuchthaus in die sibirische Verbannung, woraus ihn nur die Flucht von Irkutsk, den Amur hinauf nach Japan, Kalifornien, London rettete. Den autoritären Kommunisten widerstand er schon Jahrzehnte, bevor Lenin, Trotzki, Stalin, Berija samt Helfershelfern den Staatsterror in Gang setzten, dennoch übersetzte er das Manifest des Denunzianten Marx ins Russische. Von der späten Altersarmut im Tessin weiß man weniger, auch nicht von seinen Treffen mit den Leitfiguren der italienischen Unabhängigkeit Mazzini und Garibaldi oder seinen Reden vor den anarchistischen Uhrmachern im Schweizer Jura.

Als Weltreisender der Revolution, als Prophet lustvoller Zerstörung und obskurer Bewunderer des Tatpropagandisten Netschajew wird Bakunin meist dargestellt, ein Hüne von Gestalt, der seinen Filzhut angeblich nie abnahm, es dafür aber versäumte, seine Kleidung regelmäßig abzubürsten. Von seinen Schriften, geschweige denn seinen Einsichten ist kaum die Rede. Als sei Bakunin ein geistloser Gewaltmensch des Aufstands gewesen. Ein Blick in sein Hauptwerk „Gott und der Staat“ von 1871 kann eines Besseren belehren. Seine Religionskritik überrundet diejenige von Ludwig Feuerbach oder David Friedrich Strauß um einige Meilen, die Passage zur praktischen Antiphilosophie der Befreiung nimmt der Riese Bakunin leichtfüßiger als der Verfasser der Thesen ad Feuerbach („Die Philosophen haben die Welt nur….“), die Idee der Selbstüberschreitung oder Selbstentgrenzung durch die Kraft der Negation findet sich bei dem Linkshegelianer ebenso wie die Aufkündigung jeden Gehorsams gegenüber Priestern, Propheten, Polizisten und Beamten.

Denn der Staat ist Repression, Herrschaft, und jede Eroberung des Staates, sei es via Putsch, sei es via Wahl und paternalistischer Reform, setzt nur die Unfreiheit fort. Alle verehren sie den Staat, auch der Liberalismus, der sich die Freiheit zu Unrecht auf die Fahnen geschrieben hat. Er vermag die Freiheit nur als persönliche, private Freiheit des heiligen Individuums jenseits aller Gesellschaft zu denken und nicht als sozialen Zustand. Er verwechselt das Soziale mit Sozialismus, träumt von freien Verträgen und fürchtet die Freiheit des anderen, was ihn spornstreichs wieder unter den Schutzmantel des Staates flüchten läßt. So endet das zaghafte Individuum kläglich als Staatssklave neben allen anderen. Doch der Ort der Freiheit ist weder der Staat oder die Kirche noch das Individuum, sondern die Gesellschaft der freien Assoziationen. Der Philister verwechselt bis heute den Zustand der An-Archie, der Herrschaftslosigkeit, mit Gewalt und Unordnung. In Wahrheit ist auch Anarchie Organisation. Kooperation und Konflikt, Produktion und Konsum, Wirtschaft und Politik, schließlich die Föderation der Regionen, Länder und Nationen werden von unten nach oben mehr oder weniger direkt „organisiert“.

„Nur im Schoße der Gesellschaft, die notwendig vor der Entstehung seines Denkens, seiner Sprache und seines Willens da ist, wird (der Mensch) fortschreitend Mensch und frei; er kann das nur tun durch die gemeinsamen Anstrengungen aller ehemaligen und gegenwärtigen Glieder dieser Gesellschaft, die demnach die natürliche Grundlage und der Ausgangspunkt seines menschlichen Daseins ist. Daraus geht hervor, daß der Mensch seine individuelle Freiheit oder seine Persönlichkeit nur dadurch verwirklicht, daß er sich mit allen Individuen, welche ihn umgeben, vervollständigt, daß er dies nur kann durch die gemeinsame Arbeit und Kraft der Gesellschaft, außerhalb derer er zweifelsohne unter allen wilden Tieren, welche auf der Erde existieren, das dümmste und elendste bleiben würde. .. Erst die Gesellschaft, weit davon entfernt, die Freiheit zu verringern und zu beschränken, schafft die Freiheit der menschlichen Individuen. Sie ist die Wurzel, der Baum, die Freiheit ihre Frucht.“ Sicher ist die Freiheit nicht in der Isolierung und auch nicht unter dem Regime des Rechts, das niemals neutral ist, sondern einzig in der gegenseitigen Anerkennung. Geteilte Freiheit ist nicht halbe Freiheit, sondern doppelte Freiheit. „Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon entfernt, eine Beschränkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.“

Negativ schließlich ist die Freiheit, weil sie sich empört, gegen jegliche Macht, auch gegen die vermeintliche Schutzmacht der Autorität. Wer die Freiheit in Leib und Seele hat, der duldet keinen Tyrannen, keinen Herrn über sich, keinen Gott, keinen König, aber auch keine niedrigen Exekutionsgehilfen der Sklaverei. Wer immer sich anmaßt, anderen Vorschriften zu machen, ist vor der Attacke der Freiheit nicht sicher. Und wer sich anmaßt, andere als sein Eigentum oder sein Verfügungsobjekt zu beanspruchen, vergeht sich an der Freiheit. Kinder gehören nicht der Kirche, nicht der Partei, nicht dem Staat, nicht der Schule, nicht den Verbänden, nicht den Lehrern und nicht den Eltern, sie gehören einzig sich selbst.

Man mag von Bakunins Pathos oder seinem menschenfreundlichen Optimismus befremdet sein. Angesichts der Kleingeisterei, des Duckmäusertums, der Botmäßigkeit in fast allen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bereichen gerät der kritische Beobachter der Unfreiheiten heutzutage in keineswegs mildes Entsetzen.

© W.Sofsky 2014