Holbach-Preis 2017: Paloma Varga Weisz.

Holbach-Preis 2017: Paloma Varga Weisz. 

Der Holbach-Preis 2017 geht an Paloma Varga Weisz. Er wird am 5.Mai 2017, 19.00 in der Pfalzgalerie Kaiserslautern verliehen.

Paloma Varga Weisz studierte nach einer Holzbildhauerlehre bei Tony Cragg und Gerhard Merz an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihr Werk, das Skulpturen, Installationen, Aquarelle und Zeichnungen umfaßt, wird international rezipiert, z.B. 2005 auf der Biennale in Venedig und 2012 im Museum of Modern Art, New York.  Als Material bevorzugt die Künstlerin Holz und Keramik. Ihre oftmals surreal anmutenden Skulpturen werden bühnenhaft inszeniert; sie „berühren und überwältigen durch handwerkliche Präzision, Erhabenheit, Subtilität, ikonografische und kunsthistorische Referenzen“, so das Urteil der Jury.

Der Holbach-Preis, der 2015 an Wolfgang Sofsky verliehen wurde, wird im Turnus von zwei Jahren abwechselnd in den Bereichen Literatur, Bildende Kunst und Musik für das Gesamtwerk vergeben. Er erinnert an den Radikalaufklärer, Enzyklopädisten, Gelehrten, Übersetzer und Pariser Salonchef Paul Henri Thiry d’Holbach (1723 – 1789), der auch der Namensgeber dieses Instituts ist.

Wir gratulieren sehr herzlich.

http://www.mpk.de/pressematerial-leser/items/110.html

© WS 2017

Neuerscheinung: „Lautlos“

Wolfgang Sofsky
Neuerscheinung: „Lautlos“

Liebe Leser der „Holbachiana“,
soeben ist erschienen:

Lautlos
Verlag: Createspace Independent Publishing, London/Leipzig/Wroclaw,
ISBN-10: 154545602X
ISBN-13: 978-1545456026
br., 104 Seiten, 7,60 €; 8,20 USD; 6,30 GBP.
zu beziehen über Amazon (de, fr., co.uk, com):

https://www.amazon.de/dp/154545602X/ref=sr_1_25?ie=UTF8&qid=1493034995&sr=8-25&keywords=sofsky
sowie: Createspace eStore: https://www.createspace.com/7098528

„Lautlos“ versammelt 71 kurze Geschichten über Menschen und Tiere, Geister und Götter. Manche handeln von wirklichen Vorkommnissen, andere von irrealen oder surrealen Begebenheiten. Unter den ernsten Stücken sind auch mehrere von eher heiterer Natur. Einige Geschichten haben eine tiefere Bedeutung, andere nicht.

© WS 2017

Die Farbe töten

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Wolfgang Sofsky
Die Farbe töten

Von japanischen Tee-Meistern wird gerne ein Gedicht von Fujiwara Teika (1162-1241) zitiert:

„Rundum sind keine blühenden Blumen zu sehen.
Ich sehe keine auffallenden Ahornblätter,
Ich sehe nur eine einsame Fischerhütte,
Am Meeresstrand, in der Dämmerung des Herbstabends.“

Der Tee-Raum, insbesondere jener des Rikyu-Stils, ist nur eine schmale Hütte für fünf Personen. Die Einrichtung ist einfach und reinlich, geradezu trostlos. Es gibt keine lauten Töne, keine voluminösen Gegenstände. Der Raum ist fast leer, abgesehen von dem Geschirr von vornehmer Einfachheit. Nichts unterbricht die Stille außer dem kochenden Wasser im Eisentopf. Es ist ein Raum der Farblosigkeit. Die Farben sind getötet, d.h. so abgedämpft und unaufdringlich wie möglich. Diese Dekolorisation führt letztlich zum Schwarzweiß . Die Monochromie ist die Abwesenheit der Farben. Doch entsteht diese Abwesenheit durch die Dämpfung, die Tötung der Farbe, in welcher der vorige Zustand in der Erinnerung noch gegenwärtig sein kann. Die Realität negiert, löscht die Vorstellung von Pracht und Farbigkeit, mit der man den Raum betreten hat: nirgends blühende Blumen, nirgends auffallende, bunte Ahornblätter. Die Vorstellung glänzender, üppiger Farben wird auf eine blaße tonlose Grundfarbe zurückgeführt, auf eine Farbe, die keine Farbe mehr ist. In dieser farblosen Welt steht die Fischerhütte allein am grauen Meer im grauen Herbstnebel.  Dies ist die Annäherung an die Leere der Monochromie, die jedoch nur derjenige zu schätzen weiß, der jemals die blühenden Blumen und farbigen Blätter aufmerksam angeschaut hat. Die Farbaskese wird zum Weg in die geistige Einsamkeit. Der Vorgang der Dekolorisation gibt ein fernöstliches Exempel für das, was im Westen mit Theoria auch gemeint sein könnte.

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Mondrian: Komposition 10 in Schwarzweiß

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Wolfgang Sofsky
Mondrian: Komposition 10 in Schwarzweiß

Piet Mondrian, den man gelegentlich den „Priester im Dienst der weißen Fläche“ nannte, versuchte sich 1915 an einer „Komposition Nr. 10 in Schwarzweiß“, aus der jede weitere Farbe verbannt ist. Manche Betrachter fühlten sich durch den „Rhythmus“ der horizontalen und vertikalen Linien an Meereswellen erinnert, wobei man oben einen Horizont zu sehen glaubte, in der unteren Mitte dagegen eine ins Meer ragende Mole. Das Bild trug auch den Titel „Sternennacht“ oder „Weihnachtsnacht“. Die radikale Unbestimmtheit abstrakter Kompositionen setzt für wuchernde Phantasien keine Grenzen. Einige Linien ergeben auch Grabkreuze, Doppelkreuze, Taus, T-Träger, Flugzeuge oder Bettgestelle. Es liegt jedoch in der Natur des Abstrakten, daß ein Bild von jedem Sinn radikal abstrahiert und daher ohne Bedeutung ist. Seine Wirkung besteht in der variablen Regelmäßigkeit von Strichen innerhalb einer elliptischen Fläche mit Verdichtungen, Klumpungen, Knoten, Dehnungen, und zwar in einer weißen Grundfläche, die von hellem Grau umgeben ist, einem Grau, das sich ergäbe, wenn man das sinnlose Weiß mit dem ebenso sinnlosen Schwarz der Striche vermischen würde. Wer es mit der Bedeutung partout nicht lassen will und längere Zeit aufs Bild blickt, der kann in dem regelmäßigen Wirrwarr der Striche tatsächlich ein großes Kreuz angedeutet sehen, das aus dem Hintergrund der gesamten elliptischen Fläche hervorzutreten scheint.

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Dino Campana: Weiße Zelle

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Wolfgang Sofsky
Dino Campana: Weiße Zelle

„Im Veilchenblau der Nacht vernehme ich Gesänge im Bronzeton. Die Zelle ist weiß, die Pritsche ist weiß. Die Zelle ist weiß. erfüllt von einem Stimmenschwall engelhaft in den Wiegen ersterbend, von engelhaft bronzenen Stimmen erfüllt ist die weiße Zelle. Stille: Veilchenblau der Nacht: in Arabesken von den weißen Gitterstäben die Bläue des Traums. Ich denke an Anika: einsame Sterne über verschneiten Bergen: einsame weiße Straßen: dann Kirchen aus Marmor, weiß: Anika singt auf den Straßen: ein höllenäugiger Spaßmacher führt sie, schreit. Jetzt mein Dorf im Gebirge. Ich am Geländer des Friedhofs gegenüber der Bahnstation, wie ich den schwarzen Weg der Lokomotiven hinauf-und hinunterblicke. Noch ist es nicht Nacht; vieläugige feurige Stille: die Lokomotiven verschlingen wieder und wieder die schwarze Stille des Wegs durch die Nacht. Ein Zug: schwillt ab, kommt an in der Stille, steht: der Purpur des Zuges ein Biß in die Nacht: vom Geländer des Friedhofs die roten Augenhöhlen, die anschwellen in der Nacht dann wandelt sich alles in Dröhnen: An einem Wagenfenster ich auf der Flucht? ich, die Arme erhoben im Licht!! (der Zug fährt dröhnend wie ein Dämon unter mir vorbei).“ 

Dino Campana floh sein ganzes Leben vor Institutionen und landete am Ende für immer in der totalen Anstalt. Seine „Orphischen Gesänge“, verfaßt zwischen 1906 und 1913, berichten von realen Lebensreisen zwischen Traum und Wachbewußtsein, zwischen Nacht und Tag. Die Verse und Prosagedichte gelten als Schlüsselwerk der modernen Poesie. Der „Sogno di prigione“ (Gefängnistraum)  fehlte in der ersten Fassung der Gesänge, Campana schrieb ihn vermutlich erst 1914. Man kann ihn autobiographisch als Antizipation seiner letzten Lebensphase lesen, aber auch als Kunstwerk literarischer Koloristik.

Campana kam 1885 im toskanischen Städtchen Marradi zur Welt. Zur Schule ging er in Marradi und Faenza, die letzte Klasse jedoch absolvierte er wegen ungenügender Leistungen und fehlender Disziplin in einem Internat bei Turin. Im Sommer 1903 bestand er die Aufnahmeprüfung zur Militärakademie in Modena, schrieb sich aber zugleich in Bologna für Chemie ein; ein Jahr darauf wechselte er nach Florenz, fiel nach einem Studienjahr durch alle Examina und kehrte nach Bologna zurück. Im Frühjahr 1906 trieb es ihn nach Mailand, in Genua wurde er von der Polizei angehalten und wieder nach Marradi heimgeschickt. Im Mai begleitete ihn der Vater zu einem Psychiater. Kurz darauf floh Campana nach Mailand, in die Schweiz, nach Frankreich, von wo man ihn wieder nach Hause schickte. Am 5. September 1906 lieferte ihn die Obrigkeit von Marradi, dem Fixpunkt seines unsteten Lebens, ins Irrenhaus von Imola ein. Dort wurden ihm die zivilen Rechte entzogen. Dennoch kehrte er Ende Oktober auf Wunsch des Vaters nach Hause zurück, als Verwirrter und Verrückter.

Im Herbst 1907 erhielt Campana einen Paß für Buenos Aires, wohin er sich von Genua aus einschiffte. In Argentinien reiste er mit dem Zug bis nach Bahia Blanca, wo er sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlug. Anfang 1909 fuhr er auf einem Frachter nach Antwerpen, an der Grenze nach Frankreich wurde er aufgegriffen und in Toumai eingesperrt. Da in seiner Heimatstadt Marradi niemand etwas von ihm wissen wollte, dauerte es trotz eines medizinischem Zeugnisses Monate bis zur Ausreiseerlaubnis. Im Herbst 1910 war Campana unterwegs von Marradi zum franziskanischen Pilgerort La Verna.

Von nun an bewegte sich Campana zwischen Florenz, Bologna, Genua und Marradi, verkehrte unter Studenten, Literaten, im Zirkel der Florentiner Futuristen und im Hafenviertel von Genua. Regelmäßig hatte er mit der Polizei zu tun. Im Sommer 1913 findet man ihn auf Sardinien, dann wieder in Marradi, wo er sich an die Reinschrift der „novelle poetiche e poesie“ machte, die in den letzten zehn Jahren entstanden waren. Nach ein paar Monaten als Saisonarbeiter in Bem ließ Campana 1914 in Marradi 1000 Exemplare des Buches drucken, dem er nun den Titel „Canti Orfici“ gab. In Florenz bot er das Werk zum Kauf an, die Polizei wurde aufmerksam, da die germanophile Widmung unangenehm auffiel. Erneut floh Campana nach Sardinien, dann in die Schweiz.

Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig, wurde aber nach wenigen Tagen von der italienischen Armee als dienstuntauglich entlassen und nach Marradi abgeschoben. Dort lag er mit Syphilis im Krankenhaus. Starke Kopfschmerzen quälten ihn – und fixe Ideen. Er stritt sich mit der Polizei herum und forderte den Direktor einer Zeitung zum Duell, das mangels Sekundanten ausfiel. Er verliebte sich heftig in Sibilla Aleramo, der Schriftstellerin, Feministin, Futuristin, Sozialistin,  Faschistin und späteren Kommunistin, welche die Canti Orfici mit Begeisterung gelesen hatte; die Affaire dauerte einige Monate. 1918 erklärte ihn ein Gericht für geisteskrank. Im Castel Pulci in Florenz litt er anfangs unter Delirien. Einen Psychiater, mit dem er zwischen 1926 und 1930 vielfach redete, hielt er für einen „Agenten des Königs“. Schließlich beruhigte sich Campana, der unstet Getriebene. Ende 1931 verbesserte sich sein Zustand, am 1.März 1932 starb er – unerwartet.

Läßt man die Biographie beiseite, so muß man sich bei der Betrachtung des Textes zunächst den Farben widmen. Das Blau der Nacht und das Weiß der Zelle scheinen noch der primären Wirklichkeit zu entsprechen. Aber das Weiß ist die Summe aller Farben, in dem alle Farben verschwunden sind. Das Weiß klingt wie ein Schweigen, doch ist es erfüllt von „engelhaft bronzenen Stimmen“. Weiß sind die Gitterstäbe der Zelle, die Wände, die Pritsche, der Boden, weiß ist der Schnee in den Bergen jenseits der Zelle, draußen in der Welt der Imagination, weiß sind die einsamen Straßen, die Kirchen aus Marmor. Die Phantasie, die sich im Nichts der Zelle regt, läßt zunächst auch die Welt in kaltem Weiß erscheinen, wären da nicht die bronzenen, goldenen, warmen Stimmen, welche die kahle Welt der Wirklichkeit, die Stille, das Nichts ganz ausfüllen. Engelsstimmen schwellen an und dringen durch das Weiß der Wände, durchdringen die Gitterstäbe, die Traumstimmen überwinden das Gefängnis. Draußen: Anika, das heimatliche Dorf, nicht mehr das Fenstergitter, sondern das Geländer des Friedhofs, die Bahnstation, der Ort der Ankunft und Abreise, der Gegenort der Gefangenschaft, der weißen Zelle. Nicht länger ist diese imaginäre Welt weiß, diese Welt der Bewegung, des Fahrens, der Flucht. Die schwarzen Lokomotiven, Feuer speiend, „verschlingen die schwarze Stille des Wegs durch die Nacht.“ Ein Zug verklingt in der Stille der Nacht, das blutige Purpurrot beißt sich ins finstere Höllenschwarz. Rote Augenhöhlen, Lampen, Feuerglut nähern sich, bis alles in Dröhnen übergeht. Weiß und Schwarz, Goldbronze und Feuerrot, Stille und Krach, Innen und Außen, Realität und Imagination, Zelle und Friedhof, die Gitterstäbe des Einschlusses und das sichere Geländer des Geleits, Gefangenschaft und Bewegung, Flucht, alle diese Oppositionen sind in dem Gefängnistraum gegenwärtig. Folgt man der Zeitlinie dieser Prosa, scheint sich die biographische Fluchtbewegung im Text zu wiederholen. Doch fährt der Träumende nicht mehr mit dem Zug davon, er entkommt der weißen Zelle ebensowenig wie der schwarzen Welt des Friedhofs, des Todes. Obwohl er sich im Licht der Freiheit wähnt und begeistert die Arme hebt, dem hellen Lichtschein entgegen – der Zug fährt vorbei.

© W.Sofsky 2017

Halbierte Aufklärung

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Wolfgang Sofsky
Halbierte Aufklärung

In vielen deutschen Schulen oder Akademien glaubt man, ein Subjekt sei schon ziemlich aufgeklärt, wenn es gelegentlich – ohne fremdes Zutun und ohne fremde Anweisung- seinen Verstand benutze und wenn es eindringlich und voll stolzer Mündigkeit wie jedermann dafür plädiere, daß jeder den religiösen Irrsinn des anderen getreulich tolerieren möge, da schließlich alle Subjekte gleich nah bei Gott seien. Als noch „aufgeklärter“ gilt ein Subjekt, wenn es sich dafür einsetzt, daß jede Religion im Staat vertreten sein solle, und wenn es davor warnt, es mit der Kritik  zu übertreiben, da jede Aufklärung bekanntlich auch ihre Schattenseiten habe („Dialektik“!), zumal man letztlich sowieso nichts wissen, sondern nur glauben oder meinen könne, weswegen es ja auch so viele „falsche Wahrheiten“ gebe. Als besonders „aufgeklärt“ indes gilt unter seinesgleichen ein Subjekt, das die Meinung vertritt, es gebe gar keine Wahrheiten, Tatsachen oder Erkenntnisse, sondern nur irgendwelche Vorstellungen oder „Konstruktionen“, was gelegentlich dazu führt, daß ein derart „aufgeklärtes“ Subjekt beim Auftreffen seines Kopfes an der Betonwand sich ein wenig darüber wundert, daß die Konstruktion der Betonwand etwas härter zu sein scheint als die Konstruktionen in seinem Kopf.

Mit der Religion hält es das halbaufgeklärte Subjekt so, daß zwar jeder seine Götter anbeten möge, es aber konstruktiv doch wohl so sei, daß man zuletzt zwar nichts beweisen könne, auch das Gegenteil nicht, daß aber jenseits der schnöden materiellen und symbolischen Welt noch irgendetwas anderes sei, ja, sein müsse, eine transzendente Sphäre sozusagen, weil ja die Welt, so wie sie nun einmal sei, doch nur eine recht profane Angelegenheit sei, was unmöglich alles (gewesen) sein könne, schließlich müsse sich irgendjemand das Ganze ausgedacht haben und das Nichts mit dem Etwas aufgefüllt haben, ein genialer Mikro-, Makrophysiker vermutlich, der damals schon alle Gesetze verstanden haben müsse, die er gerade erfunden hatte und die heutige Menschengeister erst mühsam per Experiment und allerlei Rechenkünsten entdecken müßten. Auch die Entwicklung der Arten hätte jener damals schon geplant, hunderttausende Arten ruckzuck entworfen und auch umgehend festgelegt, wo sich welche Art ansiedeln und wo im Kosmos nur leere Wüstenei herrschen solle, wobei jenes Schöpfungssubjekt wohl entweder eine gewisse Vorliebe für öde Ländereien hatte oder einfach die anderen Sterne und Planeten bei der Verteilung der Elemente und Organismen vergessen haben müsse, so daß die Erdenbewohner, die ja schließlich den Mittelpunkt der Welt einnehmen würden, sich weder Sorgen noch Hoffnungen machen müßten, irgendwo im All, das sich ja bekanntlich, wie ruckzuck geplant, immer weiter ausdehne, jemanden zu treffen, mit dem er reden oder Faxen machen könne, schließlich sei das Subjekt,das derlei ersonnen habe, doch ziemlich einzig auf der Welt, zumal es schon da gewesen sei, bevor überhaupt etwas da gewesen sei, auch wenn es in plötzlichem Zorne mal seinen Verstand vergessen und alles vernichten könne, zumal dann, wenn es um vermeintlich letzte Fragen ginge, um die Frage nach Alpha und Omega, Anfang und Ende, nicht zuletzt um das Finale seines sinnlosen Werks, seines nicht minder sinnlosen Plans oder aber eines sinnlosen Gedankens oder eines nicht minder sinnlosen und obendrein jeder Grammatik entbehrenden Satzes.

© W.Sofsky 2017

Die Götter Griechenlands

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Die Götter Griechenlands

Kürzlich fand in Bad Berka, unweit von Weimar, ein Treffen des Holbach-Instituts statt. Anwesend waren die korrespondierenden Mitglieder Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS). Gegenstand waren einige Fragen des Atheismus sowie der antiken Religion. Hier einige Auszüge aus der Konversation:

WS: Da wir uns hier in der Nähe von Weimar aufhalten, ist es zur Einstimmung vielleicht angebracht, an Schillers philosophisches Gedicht über „Die Götter Griechenlands“ zu erinnern. Bekanntlich hat das Poem seinem Autor einige Vorwürfe eingebracht: es zeige eine antichristliche Tendenz. Daraufhin hat er fünf Jahre später, 1793 also, den Text umgedichtet. Der Vorwurf des Atheismus war auch im klassischen Weimar wenig angenehm. Halten wir uns an die erste Fassung von 1788. Dort heißt es zu Beginn:

„Da ihr noch die schöne Welt regieret, an der Freude leichtem Gängelband glücklichere Menschenalter führtet, schöne Wesen aus dem Fabelland! Ach! Da eurer Wonnendienst noch glänzte, wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte Venus Amathusia!“

RL: Nun, Schiller hatte ein klares Bewußsein davon, daß Götter Fabelwesen sind, Ausgeburten der Imagination. Es wäre ihm nicht im Traume eingefallen, sie für real zu halten. Ebenso fabel-haft ist natürlich die Idee, die Welt sei damals „schöner“ gewesen. Worum es ihm in dieser biographischen Phase künstlerischen Selbstzweifels geht, ist wohl die Erweiterung des Denk- und Imaginationsraums um das Fabelland der griechischen Antike.

IP: Man könnte auch sagen, es ging ihm um die Opposition der Kulturen. Hier die christliche Kultur, welche die Sinnlichkeit verleumdet, mit ihrem ernsten, unsichtbaren Gott, dieser grausamen Gottheit, die ihren eigenen Sohn opfert und alle Untertanen unter das Regime von Schuld und Gewissen zwingt. Dort aber eine Wunschkultur, die der griechischen Götter eben, eine Kultur der Daseinsfreude, der Lebenslust, des Lebens im Draußen, nicht in der Höhle der Innerlichkeit. Die griechischen Götter müssen keine Erlösung oder Versöhnung versprechen, da sie die Menschen nicht zuvor mit der Knute von Angst und Gewissensnot geschlagen haben.

ZM: Aber jenseits der moralistischen Tyrannei sollten wir zunächst die simple Tatsache festhalten: die Götter sind Fabelwesen, und zwar alle Götter, die griechischen, indischen und aztekischen, der christliche Gott oder der islamische Allah, allesamt Fabelfiguren! Der Rückgang in die Antike zeigt, wie jede Reise in eine andere Kultur, die Relativität der Gottesbilder, aber auch den ungeheueren Reichtum der Imagination in Kulturen, die keine heiligen Bücher und Dogmen kennen, keinen absoluten Eingott, sondern viele Götterfiguren, bei Hesiod sind es über 300. Da gibt es einfach viel mehr zu erzählen. Wenn man dagegen nicht mehr viel zu erzählen hat, muß man damit anfangen, jedes Wort umzudrehen. So entstand die Exegese, die Auslegung „heiliger“ Worte, die Theologie.

RL: Das würde heißen, daß die Christianisierung des Abendlandes eines kulturelle Verarmung bedeutet hat. Nicht die Entzauberung durch das moderne Denken ist das Problem, sondern die monotheistische Kanalisierung, diese kognitive Engführung, bedeutete einen epochalen Kulturverlust.

WS: Das ist eine steile These. Das frühe Mittelalter war zwar bekanntlich nicht finster, aber im Vergleich mit der antiken Hochkultur wohl doch ein kultureller Niveauverlust. Was die literarischen Schätze anlangt: hätten die Christen nicht das „Alte Testament“ von den Juden übernommen und die neuen Heiligenlegenden hinzugefügt, dann müßten sie sich mit dem kanonischen Neuen Testament begnügen, ein recht übersichtliche Lektüre für den Wunderglauben und mit einer Zentralgeschichte: dem Menschenopfer Jesu. Das ist nurmehr ein Gerippe von Imagination.

ZM: Die christliche Welt scheint für Schiller eine kalte Welt zu sein, der Gott im unsichtbaren Jenseits, die Seele in unsichtbarer Innerlichkeit, ein drakonisches Regimes.

RL: Das würden die glühenden Anhänger des Monotheismus natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Aber sie reagieren naturgemäß recht erbost, wenn da noch andere Götter die Welt bevölkern, diese Götzen, die ausradiert gehören: Baal, Zeus, Aphrodite, Eros, Buddha, Vishnu, alles Götzen, weg damit, sprengen!

ZM: Und zwar im selbstgerechten Bewußtsein, nur einen Gotteswillen zu exekutieren, den Willen des einzigen Gottes. Wer aber den Gattungsbegriff „Gott“ zum Eigennamen umwidmet, der verliert auch das Bewußtsein davon, daß alle Götter kulturelle Erfindungen sind. Monotheismus und Fanatismus scheinen nahe beieinander zu liegen.

WS: Ich möchte noch einmal zu Schillers Gedicht zurück. Wenn es Schiller um die Restitution des mythischen Bewußtseins geht, zumindest innerhalb der Poesie, dann ist Bereicherung sein Ziel, Belebung, Verschönerung der Künste und des Lebens. Doch sind die Götter Griechenlands mitnichten derart lebensfroh, rosig, edel, hold und erhaben, wie Schillers geradezu enzyklopädisches Gedicht suggeriert. Er idealisiert ohne Ende. Es gibt ja nicht nur den wilden Dionysos, die fremden Götter wie Adonis, Kybele, die Große Göttin Meter oder Sabazios, es gibt kleinere Götter wie Hestia, Hekate oder Prometheus, es gibt Untiere, Monstren, Dämonen, Gorgonen, Sirenen, Schreckensgestalten, vor allem aber sind selbst die zwölf olympischen Gottheiten Homers zumindest ambivalent, um nicht zu sagen vielgesichtig. Fast alle haben eine schwarze, bedrohliche Seite. Artemis, die Jägerin und Geburtshelferin, schickt auch das Kindbettfieber und hat ihren Tempel an der Stelle in Athen, wo man die Hingerichteten hinwirft. Aphrodite, Inbegriff von Schönheit und Liebreiz, bestraft drakonisch, wer sich zur Liebe nicht hinreißen läßt. Von den rituellen Ekstasen und Rasereien ganz zu schweigen. Nicht nur die Mythologie, auch die Riten der griechischen Religion sind vielgesichtig, widersprüchlich, gegensätzlich, fern des ideologischen Dogmas und des liturgischen Ritualismus.

RL: So führt der „Rückgang“ in die Antike in freiere Gefilde, da nicht nur andere Fabelwesen hausen, sondern auch „menschlichere“ Götter?

ZM: Damit beginnt ja der antike Atheismus, mit dem Nachweis nämlich, daß die Götter wie Menschen sind, Projektionen. Sie leben in Familie, kennen Generationskonflikte, Vatermorde, Rivalitäten, Eifersucht, Machtlust, Zerstörungswut, Sympathie, Klugheit, Geschicklichkeit, Verführung, sie haben Sex, mit Ausnahme der göttlichen Jungfrauen Artemis und Athene. Sie sind wie die Menschen, nur sterblich sind sie halt nicht.

WS: Schiller: „Da die Götter menschlicher noch waren, waren Menschen göttlicher.“

IP: Nicht nur Unsterblichkeit markiert die Trennlinie. Die Götter sind nicht allwissend, aber sie wissen meist mehr als die Menschen. Ihre Planung zielt weiter hinaus, indes die Menschen mehr oder weniger im Dunkel der Tagesereignisse herumtappen. Götter können riesige Räume überwinden, man denke an Hermes, aber sie sind keineswegs immer da. Allgegenwart ist ohnehin kein göttliches Attribut, sondern eine Horrorvorstellung. Es ist immer gut, wenn Götter auch mal fort sind. Außerdem verwandeln sie sich, nehmen Tiergestalt an, kommen in Wolken oder Dunstschleiern daher. Aber sie sind Personen, wie die Menschen Personen sind, sie haben ein Verhältnis zu sich selbst. Und weil sie Personen sind, können nicht nur Menschen über Götter lachen, sondern auch die Götter über sich selbst. Man stelle sich Jahwe oder den Christengott oder Allah als lachenden Gott vor! Im Monotheismus gibt’s immer wenig zu lachen. Ein schmunzelndes Christuskind auf Mariens Arm ist armselig. Über der Madonna mit dem Kind lauert immer schon das Wissen ums fatale Ende am Kreuz. Und das selige Lächeln der in Ewigkeit Entrückten, auf den Portalen des Jüngsten Gerichts. Denen scheint das Lachen so vergangen zu sein, daß es nurmehr zu einem verklärten Lächeln reicht.

ZM: Die Ebenbildlichkeit von Menschen und Göttern muß man noch genauer bestimmen für das jeweilige Pantheon. Im Grunde geben Gottesbilder ja Aufschluß darüber, welche kollektiven Vorstellungen, Wünsche, Machtphantasien, Ängste Menschen jeweils haben. In ihren Göttern spiegeln sie sich selbst. Deshalb sind Götter kulturhistorisch so interessant. Aber der Ausgangspunkt ist stets der genuin atheistische Befund, daß das Pantheon eine menschliche Kreation ist, in der die Menschen sich ein Gegenüber erfinden, das fast so ist wie sie selbst. Religion – Menschenwerk, Götter – Fabelwesen.

RL: Wie kann man die vermeintliche Macht der Götter verstehen? Es kommt ein Prozeß der Entfremdung in Gang, oder sagen wir, der Objektivation: Zuerst von den Menschen in die Welt gesetzt, gewinnen die Götter eine Art Eigenleben, eine unabhängige Existenz. Sie machen, was sie wollen, sonst wären sie ja keine Götter, sie übertrumpfen die Menschen, beherrschen sie, spielen mit ihnen, hetzen sie aufeinander wie vor Troja. Als eigenständige, unbegrenzte Macht scheinen sie die Welt zu regieren. Und die Menschen beten sie an, unterwerfen sich, errichten Kultstätten für Idole, die nichts als ihre eigenen Erfindungen sind. Diese Objektivation macht der Atheismus rückgängig. Er besteht darauf, daß Götter nichts als Fabelwesen sind. Dadurch befreit er die Menschen von Idolen und Illusionen, aber auch von einem autokratischen Regime, das in den Köpfen und in der Gesellschaft existiert.

ZM: Ein nicht geringer Vorteil der griechischen Götter ist immerhin, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, den Menschen erschaffen zu wollen. Sie genügen sich selbst. Sie brauchen kein Spiegelbild wie der einsame Wüstengott im vorderen Orient. Wovon die nahöstliche Mythologie geradezu besessen ist, nämlich die Schöpfung von Anbeginn, die Erfindung der ersten Menschen, das ist für die griechische Religion kein Thema. Die Menschen sind schon da. Das ist ja auch nicht verwunderlich, sind sie es doch, welche die Götter erschaffen haben.

RL: Und Prometheus?

ZM: Eine subliterarische Fabel, apokryph!

RL: Nun gut, wie schafft es aber eine Kultur, die Frage nach dem Anfang des Menschen auf sich beruhen zu lassen?

WS: Vielleicht waren die Griechen weise, manche zumindest. Da die Menschen einfach da waren, brauchte man diese Selbstverständlichkeit nicht zu bezweifeln, trotz gewisser Verluste bei Eroberungszügen, Erdbeben, Vulkaneruptionen. Erst wenn die Todesangst überhand nimmt, stellt sich unablässig die Frage, woher die Menschen eigentlich gekommen sind. Wer sich weniger ängstigt, muß sich auch nicht dauernd seiner selbst vergewissern. Ein letzter Blick in Schillers Gegenwelt: „Damals trat kein gräßliches Gerippe vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß nahm das letzte Leben von der Lippe, still und traurig senkt ein Genius seine Fackel. Schöne, lichte Bilder scherzten auch um die Notwendigkeit, und das ernste Schicksal blickte milder durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.“

© WS,IP,ZM,RL 2017

Uranos: Ein anderer Anfang

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Wolfgang Sofsky
Uranos: Ein anderer Anfang

Es gab eine Zeit, da waren die Menschen noch frei von dem Glauben, daß der Erste zugleich der Höchste, der Allmächtige und der Allerbeste sei. Generationen sollte es dauern, bis sich nach dem Anfang allmählich eine Ordnung bildete. Die ersten Väter haßten ihre Kinder, fraßen sie auf – wie Kronos – oder verbargen sie – wie des Kronos Vater Uranos – in der inneren Höhlung der Erde. Jede Nacht kam Uranos, der strotzende Himmelsgott, zu seiner breitbrüstigen Gattin Gaia, um sie gänzlich zu bedecken. Berge gebar sie, Göttersitze, Nymphen, die zerklüftete Höhen bewohnen, den tiefwirbelnden Okeanos, Themis, das Recht, und Mnemosyne, die Erinnerung, Gyges ferner, die Kyklopen und manche andere. Von Anfang an waren diese gemeinsamen Kinder dem Uranos ein Greuel, alle verbarg er, kaum daß sie geboren waren, im Schoße der Gaia und ließ sie niemals ans Licht. Die riesige Erde indes stöhnte unter der Last in ihrem Innern. Jede weitere Geburt füllte ihre inneren Höhlen. Da ersann sie eine böse List. Endlich wollte sie den lästigen Begatter loswerden. Rasch brachte sie den grauen Stahl hervor, fertigte eine Sichel mit scharfen Zähnen und forderte ihre Kinder auf, sich des bösartigen Vaters zu entledigen. Doch nur Kronos, ein Jüngling von krummen Gedanken, faßte Mut und versprach Rache.

„Die riesige Erde aber freute sich. Sie barg ihn in einem Versteck, gab ihm die scharfgezahnte Sichel in die Hand und lehrte ihn die ganze List. Es kam aber der große Himmel, führte die Nacht herauf, umfing die Erde voller Liebesverlangen und breitete sich ganz über sie. Der Sohn aber griff aus dem Versteck mit der linken Hand nach ihm, nahm die riesige, lange, scharfgezahnte Sichel in die Rechte, mähte rasch das Geschlecht seines Vaters ab und warf es hinter sich, daß es fortflog; doch fiel es nicht ohne Wirkung aus seiner Hand, denn all die blutigen Tropfen, die herabfielen, empfing Gaia und gebar im Kreislauf der Jahre die starken Erinyen, die großen Giganten in strahlender Rüstung und mit langen Speeren in der Hand sowie auch die Nymphen, die man auf der unendlichen Erde Meliai nennt.“ (Hesiod, Theogonie, 175-185)

Am Anfang war nicht das Wort, und auch nicht die Tat, sondern der kosmogonische Sex und der Kampf der Geschlechter. Erst die Entmannung trennt Himmel und Erde für immer. Gaia handelt in Notwehr. Die Erdgöttin fürchtet weitere Kinder, an denen sie Zerplatzen würde. Doch führt ihre List zur Schuld. Ihr Sohn Kronos wirft das kastrierte Gemächt des Uranos hinter sich, eine Geste, die das Unheil zu meiden sucht. Die Erinyen, die Geister der Rache, sinnen auf Vergeltung, und die Nymphen der Eschen behüten das harte Kriegsholz der Speere und Pfeile. Aus dem Geschlecht des Uranos indes wird alsbald Aphrodite erstehen, die Schönste von allen.

© W.Sofsky 2017

Die Kinder der Nacht

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Wolfgang Sofsky
Die Kinder der Nacht

Nicht nur Gaia entstand aus dem Chaos, sondern auch Erebos, die Finsternis, und Nyx, die Nacht. Erebos ist das Stockschwarze, das sich mit nichts vermengt, in dem niemand etwas sieht, da niemals ein Lichtstrahl in die Finsternis dringt. Erebos ist den Lebenden unbekannt, sie erkennen es erst mit dem Tod. Nyx indessen ist fruchtbar, ohne sich mit jemandem zu vereinen. Aus dem Gewebe der Nacht schneidet sie das Tageslicht, den Tag, Hemera, und die Helligkeit des Himmels, den Äther. Vor dem Eingang des Tartaros treffen sich Tag und Nacht, dort winken sie einander zu, laufen aneinander vorbei, ohne sich je zu streifen. Wenn Tag ist, ist nicht Nacht; und wenn Nacht ist, ist nicht Tag. Doch ist der Tag ein Kind der Nacht, ein Enkel des Chaos. So erschafft das Chaos nicht nur die Erde, sondern zuletzt auch die Zeit. Aus nichts wird die Welt und die Zeit, Sein und Zeit.

Keineswegs ist die Nacht nur die Quelle der Zeit. Aus ihr entstehen düstere Kräfte. Bei Hesiod hat das Unheimliche, das Schwarze, das Verderben, einen ungleich größeren Raum als bei Homer. Hesiods Götter sind nicht die leichthin Lebenden. In Hesiods Genealogie, die bekanntlich über 300 Gottheiten umfaßt, kommt auch das Ungestalte, Feindliche, Tödliche zu seinem Recht. Insofern ist Hesoid weit realistischer als sein Antipode, der blinde Homer. Ohne Vater sind die Kinder der Nacht. Nyx bringt sie hervor, allein aus sich heraus, aus eigener Quelle und Potenz. Das Unheil jeglicher Art hat keine weitere Ursache.

„Die Nacht gebar das schreckliche Verhängnis, das schwarze Verderben und den Tod, gebar auch den Schlaf und brachte die Sippe der Träume hervor; keinem gesellt, gebar sie die Göttin, die finstere Nacht. Weiter erschuf sie den Momos (Tadel), die schmerzliche Oizys (Not) und die Hesperiden, die jenseits des berühmten Okeanos schöne goldene Äpfel hüten und früchtetragende Bäume. Auch gebar sie die Moiren (Schicksalsgöttinen) und die Keren, gnadenlose Rächerinnen, (und Klotho (Spinnerin), Lachesis (Zuteilerin) und Atropos (die Unabwendbare), diese bestimmen den Menschen bei der Geburt ihren Anteil an Glück und Unglück), die Vergehen von Menschen und Göttern verfolgen; dann erst lassen die Göttinnen von ihrem schrecklichen Groll, wenn sie den Frevler furchtbar bestraft haben. Die verderbliche Nacht gebar auch Nemesis (Vergeltung) zum Leid der sterblichen Menschen, und nach ihr gebar sie List und Liebe und das verderbliche Alter, sie gebar auch die trotzige Eris (Streit).

Die schreckliche Eris nun gebar die leidvolle Mühsal, das Vergessen, den Hunger, und tränenbringende Schmerzen, auch Schlachten, Kämpfe, Mord und Totschlag, Zwietracht, Betrug, Rede und Widerrede und, eng miteinander verbunden, Rechtsverletzung und Verderben und Eid, der irdischen Menschen das größte Leid bringt, wenn einer willentlich falsch schwört.“ (Theogonie, 211-233).

© W.Sofsky 2017

Hesiod: Chaos

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Wolfgang Sofsky
Hesiod: Chaos

Eine der rätselhaftesten Passagen der abendländischen Literaturgeschichte, die beinahe in Stein gemeißelt worden wäre, stammt aus der Theogonie des Hesiod:

„Zuerst nun war das Chaos,
danach die breitbrüstige Gaia,
der Unsterblichen ewiger Wohnsitz,
die das Haupt des verschneiten Olymp
und den finsteren Tartaros bewohnen tief
unter der breitstraßigen Erde;…“

Was war, als noch nichts war? Nichts! Was war, als es noch nichts gab? Nichts! Wieso kann etwas sein, wenn nichts ist? Hesiod nannte den Zustand vor dem Anfang „Chaos“. Chaos, das ist die gähnende Leere des Raums, eine finstere Tiefe, ein Abgrund ohne Grenzen, in dem nichts unterschieden werden kann, weil er vollkommen leer ist. Es ist ein Raum des Fallens, des Taumels, ohne jeden Grund und Boden, ein unermeßlicher Rachen, der alles, würde denn etwas existieren, in endlose Nacht hinabreißen würde. Ein Schlund ist das Chaos, leer und wüst. Chaos ist also nicht das wilde Durcheinander ungeschiedener Elemente, die große Unordnung, der Wirrwarr, das Tohuwabohu, sondern einfach – nichts. Doch scheint dieser leere Chaosraum Ränder zu haben. Abgründe, Rachen sind begrenzt durch Felsen, Wände, Gewebe.

Es zeigt sich sofort, wie sinnlos es ist, das Chaos in irgendeiner Weise zu veranschaulichen. Noch die Leere wäre etwas und nicht nichts. Wenn aber nichts ist, dann ist da, wo nichts ist, auch keine Grenze. Sonst wäre schon etwas da. Sogar eine heimliche Kraft soll – laut Hesiod – dem Chaos innewohnen, die Kraft, Gaia hervorzubringen, die Plattform der festen, wohlumrissenen Erde, über der sich dann der Himmel wölbt, unter der jedoch weiterhin der große finstere Abgrund, der Tartaros, klafft, der bis hinunter ins Chaos reicht.

© W.Sofsky 2017

Pausanias: Der Stuhl der Mnemosyne

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Wolfgang Sofsky
Pausanias: Der Stuhl der Mnemosyne

Zu den berüchtigsten antiken Orakeln gehört jenes des Trophonios in der böotischen Stadt Lebadeia. Der Wißbegierige gerät dabei unweigerlich in die Unterwelt, wobei ihm Hören und Sehen vergeht. Wenn er wiederkehrt, hat er das Lachen verlernt. Auf dem Stuhl der Erinnerung soll er sich jedoch vergegenwärtigen, was ihm aus der Zukunft widerfahren ist. Pausanias hat sich der Prozedur selbst unterworfen. Im neunten Buch der „Reise durch Griechenland“ berichtet er davon (Kap.39):

„Bezüglich des Orakels bestehen folgende Gebräuche. Wenn jemand im Sinne hat, zu dem Orakel des Trophonius hinabzusteigen , so muß er zuvor eine bestimmte Anzahl Tage in der, dem guten Dämon und dem guten Glücke geweihten Kapelle zubringen. Während seines dortigen Aufenthalts nimmt er verschiedene Reinigungen vor, enthält sich aber der warmen Bäder und badet nur im Herkynafluß. Dabei hat er Fleisch im Überfluß von seinen Opfern , denn in Wahrheit opfert jeder, der hinuntergeht, dem Trophonius und seinen Söhnen, dem Apollo, Kronos und Zeus dem König, der Hera Henioche und der Demeter Europe, welche man für die Wärterin des Trophonius ausgibt. Bei jedem von diesen Opfern ist ein Wahrsager anwesend, der die Eingeweide des Opfertiers beschaut und daraus dem Orakelsuchenden voraussagt, ob Trophonius ihn huldvoll und gnädig aufnehmen werde. Die Eingeweide aller andern Opfertiere geben jedoch die Gesinnung des Trophonius nicht so deutlich zu erkennen, wie das Widderopfer, das jeder in der Nacht, da er hinabsteigt, unter Anrufung des Agamedes in eine Grube hinein darbringt, und die vorhergehenden Opfer, wenn sie auch Glück anzeigten, gelten nichts , wenn nicht auch die Eingeweide dieses Widders eben dahin deuten; harmonieren aber diese mit jenen, so steigt nun der Betreffende voller Hoffnung hinab, und zwar auf folgende Weise.

In jener Nacht wird er von zwei ungefähr dreizehnjährigen Knaben aus der Stadt, Hermen genannt , an den Herkynafluß geführt und dort mit Öl gesalbt und gewaschen. Diese also baden den, der hinabsteigen will, und besorgen überhaupt alles Erforderliche, ganz wie Diener. Vom Flusse aber führen ihn die Priester nicht sogleich zu dem Orakel, sondern zu zwei ganz nahe beieinander liegenden Wasserquellen: aus der einen trinkt er das Wasser der Lethe, um alle bisherigen Sorgen zu vergessen, aus der andern das Wasser der Mnemosyne, um das , was er unten sehen wird, im Gedächtnis zu behalten. Dann wird ihm ein dem Dädalus zugeschriebenes Götterbild gezeigt, das die Priester nur diejenigen sehen lassen, welche dem Trophonius nahen wollen. Wenn er dieses Bild gesehen, ihm geopfert und zu ihm gebetet hat, führt man ihn in einem linnenen, mit Binden aufgegürteteu Unterkleid und mit hierzulande üblichen Sandalen an den Füßen zu dem Orakel.

Dieses Orakel liegt oberhalb des Haines auf der Berghöhe. Hier steht eine kreisförmige Mauereinlassung aus Marmor, im Umfang der kleinsten Tennen und nicht ganz zwei Ellen hoch. Auf diesem Mauerrande stehen Spieße, aus Erz, wie die Bänder, durch welche sie miteinander verbunden sind; eine Türe führt durch dieselben hinein. Innerhalb der Umfassungsmauer findet sich eine nicht von selbst entstandene, sondern mit größter Kunst und Regelmäßigkeit gebaute Erdöffnung. Dieser Bau hat die Form des Gefäßes zum Brotbacken, seinen Durchmesser kann man auf vier Ellen und auch seine Tiefe nicht höher als auf acht Ellen schätzen. Es führt jedoch kein Weg auf den Grund hinab , sondern wenn jemand dem Trophonius sich nähern will, so holt man eine enge und schwache Leiter herbei; steigt man auf dieser hinab, so sieht man zwischen dem Boden und der darauf gebauten Wand eine Öffnung, die mir zwei Spannen breit und eine Spanne hoch vorkam. Ist man unten, so legt man sich mit Honigkuchen in den Händen auf den Boden, steckt dann zuerst die Füße in die Öffnung und rückt dann auch mit dem übrigen Körper nach, um die Knie in die Öffnung hineinzubringen; ist es so weit, so wird der Körper augenblicklich nachgezogen und muß den Knien so schnell folgen, wie wenn ein sehr großer und reißender Strom einen Menschen verschlingt, den der Strudel gefaßt hat. Ist man aber in  das innerste Heiligtum gelangt, so besteht von jetzt an keine feste Bestimmung mehr darüber, wie man die Zukunft erfahren solI, sondern der eine erfährt sie durch das, was er sieht, der andere durch das, was er hört. Wer hinabsteigt, muß auch den Rückweg wieder durch dieselbe Öffnung nehmen, gleichfalls die Füße voran.

Den Tod soll noch keiner, der hinabgestiegen, gefunden haben, außer einer von der Leibwache des Demetrius, der nicht nur die gebräuchlichen Gottesdienste in der Umgebung des Heiligtums unterließ , sondern auch nicht zu dem Zweck hinabstieg , den Gott zu befragen, sondern weil er Gold und Silber aus dem Heiligtum entwenden zu können hoffte. Sein Leichnam wurde nach der Sage nicht durch die geheiligte Öffnung herausgeschafft, sondern kam anderswo heraus. Damit habe ich von den verschiedenen Erzählungen über diesen Menschen die glaubwürdigste mitgeteilt.

Kommt einer vom Trophonius herauf, so wird er noch einmal von den Priestern in Empfang genommen, auf den sogenannten Stuhl der Mnemosyne, der unweit des Heiligtums steht, gesetzt und darüber ausgefragt, was er gesehen und gehört habe. Nachdem die Priester dieses erfahren, überantworten sie ihn den zuständigen Dienern, welche ihn, während er noch vom Schrecken betäubt weder sich noch seine Umgebung erkennt, in die Kapelle des guten Glückes und des guten Dämon tragen, in der er sich früher schon aufgehalten hatte: hier kommt ihm bald sein voller früherer Verstand wieder und selbst das Lachen stellt sich ein. Ich berichte dies nicht nach Hörensagen, sondern habe es teils an andern Leuten gesehen, teils selbst auch den Trophonius befragt. Wer nun zum Trophonius hinabsteigt, muß unweigerlich das, was er gehört oder gesehen, auf eine Tafel schreiben und diese hier aufstellen.“

© WS 2017

Mnemosyne und ihre Töchter

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Wolfgang Sofsky
Mnemosyne und ihre Töchter

Von der Titanin Mnemosyne ist, obwohl sie den Menschen einen unerforschlichen Kontinent hinterlassen hat, selbst wenig bekannt. Als Göttin wurde sie in den Bergen Böotiens verehrt. Neun lange Nächte verbrachte sie mit Zeus, dem Wolkenversammler, auf ihrem heiligen Lager, fernab der übrigen Götter. Als die Zeit vergangen war, gebar sie unweit des schneebedeckten Olymp neun Töchter, die das Werk ihrer Mutter vollenden sollten. Erinnerung nämlich hält sich im Gedächtnis der Menschen allein durch die Künste, die Poesie. Klio, die erste Tochter, bewirkt, daß der Gesang vom Ruhme kündet. Euterpe erfreut den Hörer durch das Süße, Herzerquickende des Gesangs. Thalia knüpft die Poesie an das Fest, Melopene und Terpsichore verbinden sie mit Tönen, mit Musik und Tanz. Erato weckt das Verlangen nach Dichtung, Polhymnia sorgt für reiche Abwechslung, Urania hebt den Gesang der Poeten über das Menschliche hinaus. Kalliope, die neunte Tochter, sorgt für die Schönheit der Stimme beim Vortrag der Verse. Durch ihre Lieder erfreuen die neun Musen ihren Vater und seine olympische Sippe mit süßem Gesang. Rings jauchzte die dunkle Erde, reizend klang der Takt ihrer Füße, als sie hinanstiegen zum Göttersitz. Unsterbliche Weisen singen sie seitdem. Sie verkünden, was ist, was sein wird und was einst war. Ihre gestrenge Mutter Mnemosyne indes sorgt dafür, daß die so reizend singenden und tanzenden Musen sich nicht in Fiktionen verlieren, sondern Genaues und Zuverlässiges berichten und dem Poeten vergegenwärtigen, wie es tatsächlich war.

© W.Sofsky 2017

Religionsfrevel

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Wolfgang Sofsky
Religionsfrevel

Die Geschichte der Religionen kennt mehrere Formen des Frevels. Die erste besteht darin, die Existenz der Götter zu leugnen. Atheisten bestreiten, daß Götter überaupt existieren. Das hindert sie nicht daran festzustellen, daß Menschen aus diesem oder jenem Grunde glauben, daß Götter existieren. Allein, aus dem Glauben, daß p, folgt mitnichten, daß p. Solcher Religionsfrevel rechnet mit der Wirklichkeit und Wirkmäch-tigkeit religiöser Vorstellungen, aber nicht mit der Wirklichkeit der vorgestellten Götter. Atheisten beteiligen sich daher auch nicht an theologischen Debatten über die Eigenschaften von Göttern. Ob ein Gott allmächtig oder ohnmächtig, allklug oder alldumm, allgut oder allböse, allgegenwärtig oder verborgen, allgelb, allrot oder allschwarz ist, ist für ihn eine sinnlose Frage. Sie hat nicht mehr Bedeutung als diejenige, ob Einhörner groß, klein, gescheckt oder einfarbig sind.

Davon zu unterscheiden sind Einstellungen, welche die Götter mißachten und sich nicht um sie kümmern. Gleichgültigkeit gegenüber den Göttern verwirft nicht ihre Existenz, hält diese aber für belanglos. Für den Gleichgültigen ist es unerheblich, ob Götter sind oder nicht sind. Ebenso unbedeutend sind für ihn die Kultpflichten, die Achtungsgebote, die Wertschätzung heiliger Worte und Taten. Gleichgültige vernachlässigen die Götter, die von anderen verehrt werden. Sie nehmen nicht an Kulthandlungen teil, beten nicht, opfern nicht, denken nicht einmal an irgendeinen Gott. Diese Mißachtung wird ihnen von Gläubigen und Halbgläubigen zutiefst verübelt. Dem Gleichgültigen ist das, was für den Gottesanhänger den allerhöchsten Wert hat, schlechterdings wertlos.

Eine dritte Form des Religionsfrevels ist der Glaube an andere Götter.  Anhänger anderer Götter lehnen die Vorstellungen, Dogmen, Lehrmeinungen, Überzeugungen, Bekenntnisse, Gesinnungen von Religion A ab und präferieren stattdessen Götter und Lehren vom Typ B. Solche Frevler gelten gemeinhin als Ketzer, Häretiker, „Andersgläubige“, „Ungläubige“. Ihnen sind andere Götter und Kulte heilig. Insbesondere monotheistische Religionen wie das Christentum und der Islam sind in der Verfolgung solchen Religionsfrevels besonders unduldsam. Sie prüfen Gesinnungen, strafen und töten Abweichler. Während Atheisten und Gleichgültigen gar nichts heilig ist, ist den „Ketzern“ eine andere Gottheit heilig. Dies können Gesinnungsreligionen, die ihren monozentrischen Universalitätsanspruch ernst nehmen, unmöglich ertragen. Sie fordern, B abzuschwören und A anzubeten, und zwar nicht aus Opportunität, sondern aus tiefster Überzeugung. Abweichungen des Glaubens provozieren Gesinnungsterror und robuste Repression bis zur Ausstellung gemarterter Ketzer in öffentlichen Käfigen. Religion ist hier weniger eine Frage des korrekten Kultus als des korrekten Glaubens.

Eine vierter Frevel richtet sich nicht gegen Götter, sondern gegen deren Statthalter, Sprecher, Vertreter. Die Mißachtung oder Verachtung, der Ungehorsam oder die Indifferenz gegenüber Propheten, Predigern und Priestern ist ein gesellschaftlicher und ideologischer Machtkonflikt, der mit allen Mitteln der Resistenz, Renitenz und Repression geführt werden kann. Im Zentrum steht dabei zunächst die Delegitimierung sakraler Ämter und Personen, die „Entweihung“ angemaßter höherer „Würden“, die Widerlegung des Anspruch, in einem „höheren“ Namen zu reden und zu handeln. Nichts verärgert religiöse Virtuosen, Statthalter und Amtsträger mehr als die Profanisierung ihrer Stellung, ihrer Rollen und persönlichen Eigenschaften. Sie erscheinen am Ende als durchschnittliche Figuren, die weder für Götter noch mit Göttern zu sprechen vermögen. Ihre religiöse Vermittlungsfunktion erweist sich überaus weltlicher Machtanspruch.

Eine eigene Betrachtung verdienen die Methoden und Strategien des Religionsfrevels, die Techniken der Ruchlosigkeit, der Lästerung, Blasphemie, der Entweihung, der Profanisierung sowie die Repressionsformen religiöser Machthaber. Diese Analyse der Handungen, Aktivitäten, Konflikt- und Herrschaftsprozeduren ist naturgemäß eine weites Feld.

© W.Sofsky 2017

Tatsachen, Geschichte, Erinnerung

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Wolfgang Sofsky
Tatsachen, Geschichte, Erinnerung

Wer Vergangenes erkennen will, muß sowohl die Götter als auch die Greise aus dem Diskurs verbannen. Bei keiner Entscheidung, keiner Schlacht, keiner Verhandlung ist jemals ein Gott anwesend gewesen, ebensowenig wie das Schicksal. Was die Alten davon erzählen, ist indes genauso wenig überzeugend. Auch diese Tradition der Erinnerung gehört auf den Index. »Wer aber das Gewesene klar erkennen will“, heißt es in der methodischen Vorbemerkung zum  „Peloponnesischen Krieg“ von Thukydides,  „und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird“, der muß auf das Hörensagen mit seinen Irrfahrten, Seitenflüchten und trügerischen Vergnügungen verzichten. Von Mund zu Mund gehen nur leere Gerüchte und vorgestanzte Ideen. Die flottierende Erinnerung, jeder Täuschung, vor allem aber Selbsttäuschung verfallen, wählt willkürlich aus, deutet um, wie es ihr beliebt. Grundloses Raunen formiert sie zu unüberprüfbaren „Tatsachen“. Erinnerung ist Fälschungsarbeit, man überlasse sie den Dichtern, Geschichtenschreibern, Propagandisten, den Erfindern kleiner und großer Erzählungen. Die einen überhöhen die Dinge und schmücken sie aus, suchen nach Sensationen, die sie empören, indes die anderen Belangloses aneinanderreihen oder Unbeweisbares im Brustton der Überzeugung vorbringen, indem sie „alles bieten, was die Hörlust lockt, nur keine Wahrheit“. Das halb Glaubwürige erweist sich rasch als unglaubhaft. Doch die Leichtgläubigen und Gedächtnisschwachen, die Meinungsfreudigen und Selbstüberzeugten, sie folgen den jungen Erzählern und geschwätzigen Greisen. Geschichte indes steht außerhalb der gängigen, populären Urteile. Sie beginnt dort, wo die Erinnerung ihr Ende hat. Eine Mauer ist errichtet: hier das Gesagte und Fabulierte, der betörende Gesang, die laute Stimme, dort das, was tatsächlich der Fall war und ist.

© W.Sofsky 2017

Totenspeise

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Wolfgang Sofsky
Totenspeise

Zu Ehren der Toten wurde kein Altar errichtet, sondern eine Grube gegraben. Am Rand der bewohnbaren Welt hob der Reisende – auf Geheiß der Zauberin – ein ellenlanges Quadrat aus, goß ein Gemisch aus Honig hinein, süßen Wein sodann und endlich klares Wasser, um darauf weiße Gerste zu streuen, nicht ohne einen Eid abzulegen, bei der Heimkehr dereinst ein unfruchtbares Rind sowie einen schwarzen Bock zu opfern. Nach solchem Gelübde schlachtete er den Widder und das schwarze Schaf, und als die Toten immer näher herankamen, strömte das schwarzwolkige Blut in die Grube, indes seine Gefährten die Tiere häuteten, das Fleisch verbrannten und zu Hades und Persephone beteten. Junge Frauen und Männer kamen immer näher heran, lautlos, Schatten gleich, Greise, die vieles erduldet hatten, Mädchen mit jungem Gram im Herzen, tödlich Verwundete, Krieger in blutverkrusteter Rüstung. Sie umringten die Grube, da schrien sie auf, markerschütternd, als sie des Blutes ansichtig wurden. Die Nahrung erweckte sie, der Hunger, die Aussicht auf Sättigung – für einen kurzen Augenblick.

© W.Sofsky 2017

Unter Schatten

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Wolfgang Sofsky
Unter Schatten

Im Augenblick des Todes verläßt Thymós den Körper und verschwindet für immer. Er ist jene Kraft, welche den Menschen in Regung versetzt hat. Sie ist nun dahin. Psyché indes, der Lebenshauch, geht ins Haus des Hades ein. Die Atmung hört auf, aber der Odem wechselt den Ort. Psyché ist weder die Seele noch der Geist, und auch kein Doppelgänger des Menschen. Empfindungen und Gedanken sind mit dem Tode ebenfalls dahin. Sogar das Wissen, das allein der Lebende in sich wahrte, ist mit seinem Tode für immer verschwunden. Es bleibt allein Psyché. In dem Augenblick, da sie den Leichnam verläßt, wird sie zum eídolon, zur Bilderscheinung, gleich dem Spiegelbild, das man zwar manchmal sehen, aber nie ergreifen kann, ein Traumbild, ein Spukbild. So ist die Psyché eines Toten manchmal  sichtbar, zumindest vorstellbar. Als aber Achilleus den toten Patroklos, Odysseus seine Mutter umarmen will, gleitet das Bild wie ein Schatten oder Rauch durch ihre Hand. Die Schatten sind Häupter ohne Lebenskraft, sie haben keine Energie, kein Bewußtsein. Sie müssen erst Lebenssaft, Opferblut trinken, um sich erinnern und sprechen zu können. Sonst flattern sie – gleich zirpenden Fledermäusen in ihrer Höhle – umher. Als Erinnerungsbilder verharren manche „Seelen“ in der letzten Stunde des Lebens. Orion der Jäger jagt, Minos der König spricht Recht, Agamemnon ist umgeben von denen, die mit ihm erschlagen wurden. Die Schatten sind die Gewesenen. Sie erhoffen nichts, erwarten nichts. Manchmal flackert für einen Moment das Bewußtsein auf und sie ahnen die anderen Schatten ringsum. Manchmal ist es, als riefe jemand oder werfe die Arme in die Höhe. Dann versinken sie wieder in der Stille der Geschichte.

© W.Sofsky 2017

Goethe: Menschengötter

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Wolfgang Sofsky
Goethe: Menschengötter

Irgendwann zwischen 1804 und 1812 soll Goethe zu Friedrich Wilhelm Riemer bemerkt haben: „Was der Mensch als Gott verehrt, ist sein eigenstes Inneres herausgekehrt.“ Und er soll in dieser Zeit auch hinzugefügt haben: „Erkennt er Würde, sucht er Würde, so verehrt er sie auch außer sich… Zur Zeit, als es noch Könige gab, gab es auch noch Götter.“ Als aber die Könige verschwanden, kam nicht nur die Würde in Dekadenz, sondern auch die der Götter. „Sie mußten sich gefallen lassen, daß man mit ihnen umsprang wie mit den Menschen. Es war die Egalisierung bis in den Himmel gedrungen.“

Diese religionshistorische Notiz über den Niedergang der Götter findet ihre Bestätigung in der spät- und postchristlichen Vorstellung, daß der Gott in jedem Menschen sei, ja, daß er nichts anderes als der jeweilige „Mit“mensch sei, und Gotteswürde eben nichts anderes die allgemeine Würde sei, die jedem Menschen eigen sei, worin immer sie genau bestehen mag. Abgesehen von solcherlei historischer Diagnose über den Konnex von Götterglaube und Fürstenautorität – die These von der Exkorporation der Götter rechnet damit, daß die Menschen eine, zumindest vage Vorstellung von sich selbst haben. Sie haben Wünsche, Sehnsüchte, Ideen von Glück und Gefühl, von Stolz, Macht, Zorn, Gnade, Sorge, Beschwörung. Erst wenn sie dies haben, können sie Götter als Ebenbilder ihrer selbst entwerfen.

Womöglich hat es sich historisch jedoch umgekehrt verhalten. Was die Menschen mit der Zeit als ihr Inneres erkannten, war die Inkorporation dessen, was sie zuvor den Göttern zugesprochen hatten. Das Innenleben war einst ein Eingriff der Gottheit, ein Widerfahrnis, das die Menschen übermannte. Angst, Trauer, Zorn, Freude, Liebe ereilte die Menschen wie eine fremde Macht. Und diese fremde Macht waren die Götter. Sie versetzten die Menschen in die jeweiligen Zustände, erlegten ihnen Gedanken, Entscheidungen, Gefühle auf. Erst als die Menschen zu glauben begannen, daß sie selbst im Mittelpunkt der Welt stünden, kehrten sie die Inkorportion des Göttlichen um in eine Exkorporation des Menschlichen. Seitdem ist die Zeit der Götter vorbei. Und die Menschen halten sich selbst für Götter, die man nur bei Gottesstrafe verachten und verlachen darf. Das Ende der Religion indes ist erst erreicht, wenn der Himmel leer ist, wenn dort weder Götter oder Menschen noch Affen oder Spatzen als höhere Wesen verehrt werden.

© W.Sofsky 2017

Gottverhaßt

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Wolfgang Sofsky
Gottverhaßt

PlutonVon den Kyklopen erhielt Zeus den Blitz als Waffe des Angriffs, Poseidon gaben sie den Dreizack, Pluton jedoch erhielt die Tarnkappe. Er ist der Unsichtbare, der alle unsichtbar macht. Niemand soll ihn bei seinem wahren Namen „Hades“ rufen. So nennt man ihn Polydegmon, der „viele Gäste Empfangende“ oder „Pluton“, der „Reiche“ und „Reichtum spendende“. Auch „Eubulos“, den „guten Ratgeber“ heißt man ihn, obwohl zuletzt niemand mehr seinen Rat benötigt. Dunkle Locken umgeben sein Haupt, manchmal begleitet ihn der dreiköpfige Hund Kerberos, der das große Tor bewacht. Auf einer Quadriga mit schwarzen Rössern entführte er einst seine Nichte Persephone in die Finsternis. Er ist der einzige Gott, der stets mit den Toten verkehrt. Hermes Psychopompos, der Seelengeleiter, führt nur wenige Verstorbene bis zu den Ufern des Acheron oder, wie die hingemordeten Freier der Penelope, bis zu aschebestreuten Wiese. Hades indes ist von allen Toten umgeben, für alle Zeit. Alle Sterblichen werden seine Gäste. Niemand entkommt ihm, alles Lebendige läßt er verschwinden. Wer das Tor des Hades durchschreitet, wird nie mehr zurückkehren. Oftmals ist sein Antlitz nach hinten gewandt, denn er blickt stets in die Vergangenheit. Wer ihm opfern will, muß dies gleichfalls mit abgewandtem Gesicht tun. In der unteren Welt ist er allgegenwärtig, aber niemand soll ihn sehen, weder die Toten noch die wenigen Lebenden, welche die Unterwelt aufsuchen. Ein Blick auf seine Gestalt, jeder würde zu Tode erschrecken.

Hades führt ein wenig geselliges Leben. Obwohl Bruder des Zeus und des Poseidon, gehört er nicht in den olympischen Kreis der leichthin Lebenden. Außer der Geschichte vom Raub der Persephone gibt es über ihn wenig zu berichten. Umso unheimlicher ist diese Gestalt. Doch kennt er, wie jeder Machthaber, die Furcht vor dem Ende der Macht. Als im Götterkampf die Erde bebt (Ilias 20,62ff.), springt Hades vom Thron auf und brüllt auf vor Schreck, damit Poseidon ihm von oben nicht die Erde zerrisse . Er fürchtet, die Erde könne aufbrechen und sein geheimes Reich werde ans Licht kommen, gräßlich, modrig, dumpf und gottverhaßt, wie es ist. Es ist, als würde man einen alten Stein umdrehen, und darunter wimmelte es von Larven und Getier.

Die Herrschaft des Hades ist von eigener Art. Er regiert die Toten. Die Toten aber sind nichts als Schemen, als Schatten ihrer selbst. Sie sind die Gewesenen. Hades beherrscht die Vergangenheit und nichts als die Vergangenheit. Sein Reich ist gegenwärtig, und jeder künftig Lebende wird dort eintreten. Aber es ist ein Reich der Geschichte, der verblichenen Erinnerung, in dem nichts mehr zu ändern, nichts mehr wahrzunehmen, zu erwarten, zu hoffen ist.

© WS 2017

Gottverlassen

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Wolfgang Sofsky
Gottverlassen

hippolytos-lemoyne

Zu den Eigenarten der alten Götter gehört ihre Todesferne. Leichtlebend wandeln sie festlich einher, unsterblich sind sie, nachdem sie einstmals geboren wurden. Wenn die Menschen etwas zu entscheiden haben, sind sie manchmal zugegen, doch sind sie keineswegs allgegenwärtig. Sobald es ans Sterben geht, verschwinden sie. Jammer und Wehklag geziemt ihnen nicht. Zwischen Göttern und Menschen ist eine Linie markiert: der Tod. Hier die Sterblichen auf dem Weg zu ihrem Ende, dort die todlosen Götter.

Spätestens in der letzten Not ziehen sich die Götter zurück. Apollon verläßt seinen Schützling Hektor, als dessen Schicksal besiegelt ist. Und der Held erkennt am Verschwinden Apollons, daß seine Zeit gekommen ist. Als Hippolytos mit zerschmetterten Gliedern am Boden liegt, spürt er noch, wie der Glanz der Artemis seine Seele überströmt, doch ist sie bereits im Aufbruch: „Ich seh´s und würde weinen, wenn ich dürfte… Leb wohl! Ich darf Verblichene nicht schau´n, mein Antliz darf  Todeshauch berühren. Und du bist nahe dieser letzten Not.“ Der Sterbende verabschiedet die Glückselige: „Du gehst? So leb´denn wohl auch, du sel´ge Maid. Die lange Freundschaft endet kurzes Scheiden.“ (Euripides, Hippolytos, 1396, 1437ff.)

Die antiken Götter trösten nicht, versprechen keine ewige Heimstatt, dienen nicht als Nothelfer, begleiten den Menschen nicht auf seinem letzten Gang. Vielleicht erwarten sie ihn irgendwo, womöglich enden die Verblichenen im Schattenreich des Hades. Aber kein Gott droht mit christlicher Hölle, Strafgericht oder höllengleicher Ewigkeit. Das Reich der Persephone ist von anderer Art als der christliche Teufelspfuhl. Womöglich trauen die Götter den Menschen am Ende mehr zu als  spätere Trost-, Jammer- und Angstreligionen. Wohl können Götter Menschen vernichten, aber sie können ihnen kein Leben geben, weder am Anfang noch am Ende. Das Gesetz der Befristung, das für irdische Angelegenheiten gilt, können sie nicht aufheben.

© W.Sofsky 2017

Goya: Inquisition

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Wolfgang Sofsky
Goya: Inquisition

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Religionsterror wird öffentlich ausgestellt, bei der Verbrennung der Delinquenten, bei ihrer Schändung, bei der Verkündung des Urteils. Die Religion usurpiert die Verfahren der Justiz, klagt an, überführt, verhängt Urteile und vollstreckt sie. Viel Volk ist immer versammelt, wenn der Schauprozeß inszeniert wird. Die Gesichter verschwimmen in Namenlosigkeit. Rund um das Podium indes sitzen die Mönche der verschiedenen Orden. Man erkennt sie an den weißen, schwarzen, braunen, schwarzweißen Kutten und Trachten. Angeklagt sind vier Personen. Sie tragen eine Art Meßgewand und Spitzhüte, auf denen rot aufzüngelnde Flammen gezeichnet sind, die Zeichen des nahen Scheiterhaufens. Der Vertreter der weltlichen Obrigkeit sitzt lässig da, hat den linken Fuß nach vorn geschoben und hört aufmerksam der Urteilsverkündung zu. Der Inquisitor in der Bildmitte berät sich mit dem Gehilfen der peinlichen Untersuchung. Im Schein der Kerze verliest der Richter das Urteil. Die Angeklagten reagieren individuell. Einer hat sittsam den Kopf gesenkt und die betenden Hände zum Empfang des Urteils gefaltet. Ein anderer in der ersten Reihe ist verzweifelt in sich zusammengesunken. Einem Ditten haben sich die Füße weit auseinandergestellt, als wollte sein Körper aus sich herausfahren. Francisco Goya hat das Bild zwischen 1812 und 1819 gemalt, vielleicht noch vor 1814, als die Inquisition unter dem Regime Bonapartes zwischenzeitlich ausgesetzt war. 1815 wurde er selbst vor das Sanctum Officium zitiert, wegen der Bildnisse von der nackten und der bekleideten Schönen. Goyas Antworten sind nicht überliefert.

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Religionsterror

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Religionsterror

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Schillers erste historische Schrift (1788) befaßt sich mit dem Freiheitskampf der Niederlande gegen die spanische Tyrannis. Darin findet sich im ersten Buch auch eine Charakterisierung der spanischen Inquisition. Diese Institution der Glaubensreinigung, einst erfunden gegen Sarazenen, Synkretisten, Muslime, Juden und Ketzer, betrieben von Bettelmönchen, „einer Abart des menschlichen Namens, die die heiligen Triebe der Natur abgeschworen“ und sich zu „dienstbaren Kreaturen des römischen Stuhls“ hochgedient hat, um die Wurzeln alter Religionen „auszureuten“, diese Institution trug bereits totalitäre Züge. „Inquisition hat es gegeben, seitdem die Vernunft sich an das Heilige wagte, seitdem es Zweifler und Neuerer gab.“ Die spanische Inqusition indes zielte nicht nur gegen verrufene Praktiken, sondern gegen Gesinnungen, gegen die Tiefen der Seele. Sie gab das Vorbild für alle Einrichtungen moderner Art, die mittels  Befragung, Selbstkritik, Umerziehung, Tortur, Schauprozeß, Lager oder Exekution abweichende Gedanken, Gesinnungen, Gefühle auszutilgen sucht. In jede Verästelung der Seele treibt sie den Schrecken.

„Wollte die Kirche einen vollständigen Sieg über den feindlichen Gottesdienst feiern und ihre neue Eroberung vor jedem Rückfalle sicherstellen, so mußte sie den Grund selbst unterwühlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; sie mußte die ganze Form des sittlichen Charakters zerschlagen, an die er aufs innigste geheftet schien. In den verborgensten Tiefen der Seele mußte sie seine geheimen Wurzeln ablösen, alle seine Spuren im Kreise des häuslichen Lebens und in der Bürgerwelt auslöschen, jede Erinnerung an ihn absterben lassen und wo möglich selbst die Empfänglichkeit für seine Eindrücke töten. Vaterland und Familie, Gewissen und Ehre, die heiligen Gefühle der Gesellschaft und der Natur sind immer die ersten und nächsten, mit denen Religionen sich mischen, von denen sie Stärke empfangen und denen sie sie geben. Diese Verbindung mußte jetzt aufgelöst, von den heiligen Gefühlen der Natur mußte die alte Religion gewaltsam gerissen werden – und sollte es selbst die Heiligkeit dieser Empfindungen kosten, So wurde die Inquisition, die wir zum Unterschiede von den menschlicheren Gerichten, die ihren Namen führen, die spanische nennen. Sie hat den Kardinal Ximenes zum Stifter; ein Dominikanermönch, Torquemeda, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freiheit gefesselt. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glau-ben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am heiligsten achtet. Alle Ansprüche auf seine Gattung sind für einen Ketzer verscherzt; mit der leichtesten Untreue an der mütterlichen Kirche hat er sein Geschlecht ausgezogen. Ein bescheidner Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papsts wird geahndet wie Vatermord und schändet wie Sodomie; ihre Urteile gleichen den schrecklichen Fermenten der Pest, die den gesundesten Körper in schnelle Verwesung treiben. Selbst das Leblose, das einem Ketzer angehörte, ist verflucht; ihre Opfer kann kein Schicksal ihr unterschlagen; an Leichen und Gemälden werden ihre Sentenzen vollstreckt; und das Grab selbst ist keine Zuflucht vor ihrem entsetzlichen Arme.“

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

Friedrich Schiller: „Ausleerungen des Tränensacks“

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: „Ausleerungen des Tränensacks“

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In seiner ästhetischen Grundschrift „Über das Pathetische“ (1793) geißelt Friedrich Schiller nicht nur die Darstellung der peinlichen Passion, die blutrünstige Vorführung des Schmerzes und Leidens, die den Sinn bloß quält, ohne zugleich den Geist mit einem Gedanken zu entschädigen, sondern auch die Darstellung der wollüstigen Passion, die den Affekt erschlaffen und schmelzen läßt. Jede Kunst, welche den Namen verdient, bedarf einer gehörigen Portion Leid und Pathos, damit sich der Widerstand der Freiheit regen kann. Rührseligkeit indes treibt das Subjekt unter sein Niveau. Schiller beschreibt diese ästhetische Wirkung am Exemplum musikalischen Wohllauts. Man kann diese Diagnose unschwer auf die Literatur, ja, auf die Neigungen und Vorlieben einer kollektiven Mentalität übertragen, die das Angenehme, Empfindsame, das „trunkene Auge“ hochschätzt und diese sensorische Reizung sogar mit einer moralischen Haltung verwechselt.

„Die schmelzenden Affekte, die bloß zärtlichen Rührungen, gehören zum Gebiet des Angenehmen, mit dem die schöne Kunst nichts tun hat. Sie ergötzen bloß den Sinn durch Auflösung oder Erschlaffung und beziehen sich bloß aufden äußern, nicht auf den inneren Zustand des Menschen. Viele unsrer Romane und Trauerspiele, besonders der sogenannten Dramen (Mitteldinge zwischen Lustspiel im Trauerspiel) und der beliebten Familiengemälde gehören in diese Klasse. Sie bewirken bloß Ausleerungen des Tränensacks und eine wollüstige Erleichterung der Gefäße; aber der Geist geht leer aus, und die edlere Kraft im Menschen wird ganz und gar nicht dadurch gestärkt. Ebenso, sagt Kant, fühlt sich mancher durch eine Predigt erbaut, wobei doch gar nichts in ihm aufgebaut worden ist. Auch die Musik der Neuem scheint es vorzüglich nur aufdie Sinnlichkeit anzulegen und schmeichelt dadurch dem herrschenden Geschmack, der nur angenehm gekitzelt, nicht ergriffen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will. Alles Schmelzende wird daher vorgezogen, und wenn noch so großer Lärm in einem Konzertsaal ist, so wird plötzlich alles Ohr, wenn eine schmelzende Passage vorgetragen wird. Ein bis ins Tierische gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erscheint dann gewöhnlich auf allen Gesichtern, die trunkenen Augen schwimmen, der offene Mund ist ganz Begierde, ein wollüstiges Zittern ergreift de ganzen Körper, der Atem ist schnell und schwach, kurz alle Symptome der Berauschung stellen sich ein: zum deutlichen Beweise, daß die Sinne schwelgen, der Geist aber oder das Prinzip der Freiheit im Menschen der Gewalt des sinnlichen Eindrucks zum Raube wird. Alle diese Rührungen, sage ich, sind durch einen edeln und männlichen Geschmack von der Kunst ausgeschlossen, weil sie bloß allein dem Sinne gefallen, mit dem die Kunst nichts zu verkehren hat.“

© WS 2017

William Byrd: Tristitia et anxietas

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Wolfgang Sofsky
William Byrd: Tristitia et anxietas

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William Byrd, Zeitgenosse Shakespeares und gelegentlich als der „englische Palestrina“ bezeichnet, über dessen Werk zwischen den Religionen vieles gesagt wurde, bemerkte in der Vorrede zu Psalms, Songs, and Sonnets (1611), seiner letzten Sammlung englischer Lieder, über die Kunst der Aufführung – und die Kunst des musikalischen Hörens:

„Nur diesen einen Wunsch hege ich: daß der Hörer ebensoviel Sorgfalt darauf verwenden möge, (meine Stücke) gut ausgeführt zu hören, wie ich auf die Komposition und Korrektur verwendet habe. Andernfalls muß das schönste Lied, das je geschrieben ward, herb und unerquicklich klingen … Auch kann man einen recht kunstvoll komponierten Gesang beim ersten Hören nicht gut erfassen und verstehen; je häufiger ihn man jedoch hört, desto mehr Gefallen wird man daran finden.“

Es gibt mithin eine Kunst des Hörens, die dem Faden der Worte und Töne nachspürt und die wecheselnden Klänge in sich erklingen läßt. Diese Kunstfertigkeit verlangt Zeit, Geduld, manchmal Sachkenntnis, Konzentration – Sorgfalt, auch die Sorgfalt des Gemüts, welche dafür sorgt, daß das Gehörte einsinkt. Man versuche es einmal mit folgenden, für heutige Ohren etwas fremden Klängen. Aus Byrds erstem Buch der sacrarum cantionum für fünf Stimmen von 1589 stammt die lateinische Motette „Tristitia et anxietas“, eine meditative Lamentation, die auch ohne Verständnis des heiligen Textes durch ihr schwebendes Pathos das Gemüt des Hörers affiziert, zumal in einer sorgfältig-meisterhaften Präsentation wie jener der Tallis Scholars:  https://www.youtube.com/watch?v=OBGUN5fENrQ

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Bach: Himmelsburgklänge

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Wolfgang Sofsky
Bach: Himmelsburgklänge

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In der alten Wilhelmsburg, dem Residenzschloß zu Weimar oberhalb der Ilm, befand sich auch eine Kirche, die bei dem Brand am 6.Mai 1774 zerstört wurde. Über dem dreistöckigen Kirchenschiff befand sich in etwa 20 Metern Höhe, durch ein Oberlicht mit dem Kirchenraum verbunden, eine umlaufende Orgelempore mit Balustrade. Diese Capelle, die „Himmelsburg“, verband die irdische Wilhemsburg mit dem Himmelsreich Gottes. Acht Meter über der Balustrade war die Himmelskuppel mit Putten und Engeln ausgemalt. Durch eine drei mal vier Meter große Öffnung rieselten himmlische Töne auf die Gemeinde herab. In einer Schilderung von 1702 hieß es: Dort „höret man die delicateste und angenehmste Music, welche von virtuosen und geschickten Vocal- und Instrumental-Musicis gehalten wird, mit größtem Vergnügen.“  Die Akustik wirkte durch den Echoturm-Effekt wie eine Art Engelskonzert. Von 1708 bis 1717 pflegte Johann Sebastian Bach zweimal wöchentlich für den Herzog in dieser Himmelsburg zu spielen. Von 1712 bis 1714 wurde die Musikgalerie umgestaltet. Während des Gottesdienstes ohne Musik ließ sich die Deckenöffnung des Kirchenraums schließen. Während des Musizierens war der Organist oder Kappellmeister Bach, ebenso wie das Ensemble für die Kantaten, auf der Empore für den Herzog, seine Beamten und Gäste unsichtbar. Es war, als schallten die Töne aus himmlischer Sphäre auf den versammelten Hofstaat herab. Musikalische Erhabenheit kam hier nicht nur durch die raffinierte Architektur, die Klangfülle und Klangrichtung zustande,  sondern auch durch die Gegenwart des Unsichtbaren in flüchtigen Tönen.

Zu den Stücken, die derart den Weimarer Kirchenraum erfüllten, dürften auch Präludium und Fuge in f-moll, BWV 534 gehört haben. In dem Präludium verlangt der Notentext den seltenen tiefen Pedalton Des, der in Weimar nach dem Umbau 1714 zur Verfügung stand. F-moll galt im damaligen Tonartbewußtsein als Ausdruck von „Angst und Verzweiflung“. So ist das Vorspiel geprägt von Motiven, Sequenzen und harmonischen Folgen, die eine Abwärtsbewegung ergeben. Das Thema führt gewissermaßen hinab in die Tiefe. Vom Himmel erschallt eine Musik, deren Tonfolge hinab auf die Erde reicht. Es spielt Helmut Walcha auf der Schnitger Orgel der St.Laurenskerk, Alkmaar. Walchas stimmentransparente Version benötigt fast eineinhalb Minuten länger als die Interpretation jüngerer, moderner, historistischer Organisten: https://www.youtube.com/watch?v=1jMG1PNm_Rc.

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Lukrez: Ursprung der Gottesverehrung

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Wolfgang Sofsky
Lukrez:  Ursprung der Gottesverehrung

lukrez

Obwohl der Götterglaube keiner logischen oder argumentativen Prüfung standhält, glauben viele Menschen unverdrossen an ihre Götter, verehren sie, beten sie an und verfolgen diejenigen, die derlei Aktivitäten für Zeitverschwendung, Torheit, Unfug oder Selbstverdummung halten. Die Quellen der Religion versiegen nicht. Auch die besten Erklärungen für vermeintlich Unerklärliches, auch der Nachweis logischer, begrifflicher Inkonsistenzen, auch die Aufklärung unbewußter Wünsche, Sehnsüchte, Ängste hat nur begrenzten Erfolg. So liegt es nahe, den Ursprüngen der Gottes- und Geisterverehrung, die auf dem Globus gar vielfältige Blüten getrieben hat, nachzugehen. Lukretius, der römische Epikureer, Zeitgenosse Ciceros, Caesars und Catulls, fragt im fünften Buch des Lehrgedichts „De rerum natura“ (V,1161-1240), „woher in den Menschen der heilige Schauer gepflanzt ward, der jetzt überall noch auf dem Erdkreis Tempel auf Tempel Göttern errichtet und zwingt, sie an festlichen Tagen zu feiern“? Am Anfang waren es Traumgestalten, denen die Menschen Gefühle und erhabene Worte zuschrieben, riesige Kräfte, ewiges Leben, Unbesiegbarkeit und Wundertätigkeit. Dann erkor man diese Figuren zu kosmischen Bewegern:

„Und wie die Jahreszeiten in ständigem Wechsel sich drehten,
Ohne daß ihnen der Grund für diese Erscheinungen klar ward.
Und so flüchteten sie zu den Göttern, vertrauten sich ihnen,
Deren Geheiß und Wink, wie sie glaubten, die Welten regiere.
In den Himmel verlegen sie Tempel der Götter und Wohnsitz,
Weil auch Sonne und Mond durch den Himmel schienen zu wandeln,
Mond und Tag und Nacht und der Nacht tiefernste Gestirne
Und die nächtlichen Fackeln des Himmels und fliegenden Flammen,
Wolken und Tau und Regen und Schnee, Wind, Hagel und Blitze,
Rasend heulender Sturm und gewaltig drohender Donner.
0 unseliges Menschengeschlecht, das solches den Göttern im
Zuschrieb, ja ihnen gar der Zornwut Bitterkeit beigab!…
Frömmigkeit ist es mitnichten, verhüllten Hauptes ein Steinbild
Zu umwandeln und opfernd an alle Altäre zu treten
Oder zur Erde zu fallen der Länge nach oder die Hände
Zu den Tempeln der Götter zu heben und reichliches Tierblut
Ihren Altären zu weihn und Gelübd‘ an Gelübde zu reihen,
Sondern mit ruhigem Geiste auf alles schauen zu können…

Nicht Frömmigkeit und Götterverehrung ist die angemessene Einstellung zu den erstaunlichen Phänomenen der Natur, zu den übermächtigen Widerfahrnissen, sondern die theoretische Einstellung, die Theoria, das meditierend analytische Betrachten und Erforschen der realen Kräfte. Dies erspart auch die furchtsame Frage, ob irgendwann einmal eine Schöpfungsstunde der Welt schlug, ob es göttlicher Willkür und Macht obliegt, wie lange die Welt dauert, ob sie irgendwann untergeht oder ob die göttliche Gnade für ewigen Schwung der Gestirne sorgt. Die Frömmelei indes, sie betrachtet die Natur nach Maßstäben der Gesellschaft. Sie projiziert die Erfahrung sozialer Macht auf die Bewegungen der Natur. So bleibt den Menschen nur Zittern und Zagen, blinde Hoffnung, Wunderglaube – und Angst.

„Und: wem krampft sich das Herz nicht aus Angst vor den Göttern zusammen,
Wem fährt nicht ein entsetzlicher Schreck in die Glieder, wenn plötzlich
Furchtbarer Blitzeinschlag die vertrocknete Erde erschüttert,
Während des Himmels Gewölbe durchrollt der grollende Donner?
Zittern nicht ganze Völker alsdann? Erfaßt nicht der Schrecken
Stolzer Könige Glieder, so daß sie in Angst vor den Göttern
Fürchten, es nahe die Stunde, in der sie für scheußlichen Frevel
Oder tyrannischen Spruch die Bestrafung müßten erwarten?

Doch alle Gebete sind vergebens, zumal der Blitzgott noch nie bei gutem Wetter seine Pfeile entsandt hat. Kein Gott bewahrt den Menschen vor dem Tod. So gering ist seine Wunderkraft, daß er über das natürliche Ende nicht bestimmen kann. Der Gottesglaube indes verkleinert den Menschen und vergrößert seine Illusionen ins schier Unermeßliche.

© W.Sofsky 2017

Sextus Empiricus: Gotteszweifel

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Wolfgang Sofsky
Sextus Empiricus: Gotteszweifel

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Im „Grundriß der pyrrhonischen Skepsis“ führt Sextus Empiricus auch einige Argumente wider die Existenz eines Gottes an. Erstens ist ein Gott als solcher gar nicht denkbar; zweitens wäre er, sofern er denkbar wäre, keineswegs beweisbar, weder durch Verweis auf Offenbares noch auf Verborgenes; und schließlich besteht das notorische Problem der Theodizee. Die Beweisführung richtet sich gegen alle Dogmatiker, die Erzfeinde der Skepsis, wobei als Dogmatiker keineswegs nur religiöse Schriftgelehrte gelten, sondern alle, welche die Methode des skeptischen Zweifels abbrechen, um irgendetwas für gewiß halten zu können. Verfaßt wurde die Schrift ca. 180 -200 p. Chr. Sie gilt als ausführlichste Quelle für die pyrrhonische Skepsis. Im einzelnen lauten die Argumente aus Buch 3, 2-12 (Ü: M.Hossenfelder) wie folgt:

„[2] Da nun die Mehrzahl Gott die wirksamste Ursache nennt, so will ich zunächst Gott betrachten, nachdem ich vorausgeschickt habe, daß wir zwar, dem täglichen Leben folgend, undogmatisch Götter annehmen und Götter verehren und ihre Vorsorge gelten lassen, daß wir aber gegen die Voreiligkeit der Dogmatiker folgendes anführen:

Von allen Dingen, die wir denken, müssen wir die Substanz denken, z. B. ob sie körperlich sind oder unkörperlich. Aber auch die Gestalt; denn man könnte kein Pferd denken, ohne vorher die Gestalt des Pferdes kennengelernt zu haben. Ferner muß das Gedachte an irgendeinem Ort gedacht werden.

[3] Da nun von den Dogmatikern die einen behaupten, der Gott sei körperlich, die anderen, er sei unkörperlich, und die einen, er habe Menschengestalt, die anderen, er habe sie nicht, und die einen, er befinde sich an einem Ort, die anderen, er tue es nicht, und von denen, die ihn an einem Ort sein lassen, die einen, er sei innerhalb der Welt, die anderen, er sei außerhalb – wie sollen wir da einen Begriff von Gott bekommen können, da wir weder eine anerkannte Substanz von ihm haben noch eine Gestalt noch einen Ort, an dem er sich befände? Vorher nämlich mögen jene sich einig werden und zu einer Übereinstimmung gelangen, daß der Gott so und so beschaffen sei, dann mögen sie ihn uns beschreiben und dann erst verlangen, daß wir einen Begriff von Gott bekommen. Solange sie sich aber unentscheidbar streiten, haben wir von ihnen nichts, was wir anerkanntermaßen denken können.

[4] „Aber“, sagen sie, „denke dir etwas Unvergängliches und Seliges und glaube, daß dies der Gott sei.“ Das ist jedoch naiv. Denn wie derjenige, der Dion nicht kennt, auch dessen Akzidenzien nicht als Dions Akzidenzien denken kann, so können auch wir, da wir die Substanz des Gottes nicht kennen, nicht dessen Akzidenzien denken und verstehen.

[5] Außerdem mögen sie uns sagen, was das Selige ist: ob das, was tugendgemäß wirkt und für das ihm Untergeordnete vorsorgt oder das, was untätig ist und weder selbst Unannehmlichkeiten hat noch einem anderen bereitet. Denn auch hierüber sind sie in unentscheidbaren Widerstreit geraten und haben uns dadurch das Selige undenkbar gemacht und deswegen auch den Gott.

[6] Mag der Gott aber auch gedacht werden können, so muß man sich doch notwendig darüber zurückhalten, ob es ihn gibt oder nicht, im Sinne der Dogmatiker. Denn die Existenz des Gottes ist nicht offenbar. Wenn er sich nämlich von sich aus zeigte, dann würden die Dogmatiker darin übereinstimmen, wer er ist und von welcher Art und wo. Der unentscheidbare Widerstreit aber hat bewirkt, daß er uns verborgen zu sein scheint und beweisbedürftig.

[7] Wer nun beweisen will, daß es Gott gibt, der hat den Beweis durch Bezugnahme entweder auf Offenbares oder auf Verborgenes zu führen. Durch Bezugnahme auf Offenbares gelingt dies in keiner Weise. Denn wenn das die Existenz Gottes Beweisende offenbar wäre, dann müßte auch die Existenz Gottes offenbar sein, da sie mit dem sie beweisenden Offenbaren zusammen erkannt würde; denn das Bewiesene wird bezogen auf das Beweisende gedacht, weshalb es auch mit ihm zusammen erkannt wird, wie ich gezeigt habe. Die Existenz Gottes ist aber nicht offenbar, wie ich dargetan habe. Also wird sie auch nicht durch Offenbares bewiesen.

[8] Aber auch nicht durch Bezugnahme auf Verborgenes. Denn das Verborgene, das die Existenz Gottes beweist, bedarf eines Beweises, und wenn es durch Offenbares bewiesen werden soll, dann ist es nicht mehr verborgen, sondern offenbar. Also wird das Verborgene, das die Existenz Gottes beweist, nicht durch Offenbares bewiesen. Aber auch nicht durch Verborgenes. Denn wer das behauptet, gerät in einen unendlichen Regreß, da wir immer wieder einen Beweis für das Verborgene fordern, das zum Beweis des vorher angeführten angebracht wird. Also läßt sich die Existenz Gottes nicht aus etwas anderem beweisen.

[9] Wenn sie aber weder aus sich selbst offenbar ist noch aus etwas anderem bewiesen wird, dann ist unerkennbar, ob es Gott gibt.

Ferner ist noch folgendes zu sagen: Wer die Existenz Gottes behauptet, der sagt entweder, dieser sorge für die Dinge in der Welt, oder, er tue es nicht, und wenn er vorsorge, dann entweder für alle oder nur für einige. Wenn er für alle vorsorgte, dann gäbe es weder Schlechtes noch Schlechtigkeit in der Welt. Von Schlechtigkeit sollen aber alle Dinge voll sein. Also wird man nicht behaupten, der Gott sorge für alle Dinge.

[10] Wenn er aber nur für einige vorsorgt, warum sorgt er dann für die einen, für die anderen aber nicht? Entweder will und kann er für alle Dinge vorsorgen, oder er will zwar, kann aber nicht, oder er kann zwar, will aber nicht, oder er will weder noch kann er. Wenn er sowohl wollte als auch könnte, dann würde er für alle Dinge vorsorgen. Er sorgt aber nicht für alle Dinge wegen des oben Gesagten. Also trifft es nicht zu, daß er für alle Dinge sowohl vorsorgen will als auch kann. Wenn er zwar will, aber nicht kann, dann ist er schwächer als die Ursache, derentwegen er nicht für die Dinge vorsorgen kann, für die er nicht vorsorgt.

[11] Es verstößt jedoch gegen den Gottesbegriff, daß er schwächer als etwas sein soll. Wenn er für alle Dinge zwar vorsorgen kann, aber nicht will, dann müßte man ihn für mißgünstig halten, und wenn er weder will noch kann, dann ist er sowohl mißgünstig als auch schwach, was nur Frevler von Gott behaupten. Also sorgt der Gott nicht für die Dinge in der Welt. Wenn er aber für nichts Vorsorge trifft und es kein Werk von ihm gibt und auch keine Wirkung, dann vermag man nicht zu sagen, woher erkannt wird, daß es Gott gibt, wenn er doch weder aus sich selbst erscheint noch durch irgendwelche Wirkungen erkannt wird. Auch deswegen also ist unerkennbar, ob es Gott gibt.

[12] Hieraus folgern wir, daß diejenigen, die die Existenz Gottes mit Sicherheit behaupten, womöglich zum Frevel gezwungen werden. Wenn sie ihn nämlich für alle Dinge vorsorgen lassen, behaupten sie, der Gott sei Urheber von Übeln. Lassen sie ihn aber nur für einige Dinge oder sogar für nichts vorsorgen, dann werden sie gezwungen, den Gott entweder mißgünstig oder schwach zu nennen. Das aber ist offenkundig Frevel.“

© WS 2017

Götter – moralisch

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Wolfgang Sofsky
Götter – moralisch

Können Götter moralische Wesen sein? Moralität beruht auf der Chance, das Schlechte, das Böse zu tun. Sie erfordert Klugheit bei der Wahl zwischen Alternativen. Bei moralisch relevanten Entscheidungen sind stets die guten bzw. schlechten Konsequenzen zu bedenken. Ein Gott jedoch, der rundum gut ist, kann nicht weise sein. Entweder ist er gut oder er ist zu moralischen Entscheidungen imstande. Wer gut ist, dem stellen sich keine Alternativen. Gute Götter geraten niemals in Versuchung, sie haben nie die Option, das Böse, das Ungerechte zu tun. Moralische Urteile fällen sie nicht, denn sie haben keine Wahl. Gute Götter sind keine moralische Wesen. Und sie sind selten klug. Götter jedoch, die selbst zwischen gut und böse unterscheiden und einmal diese und einmal jene Alternative wählen, sind nicht gut. Sie sind wie die Menschen. Also sind sie keine Götter.

© WS 2017

Götter – sensibel

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Wolfgang Sofsky
Götter – sensibel

Götter sind den Menschen überlegen. Sie können mehr, sie sehen mehr, hören mehr, riechen besser als die Menschen. Vermutlich haben sie nicht nur empfindlichere Nasen, schärfere Augen und offenere Ohren. Es liegt in ihrer Natur, daß sie noch über andere Sinne verfügen als die Menschen. Die Welt der Götter ist eine Welt voll sinnlicher Sensationen, von denen die Menschen noch nie etwas gehört, gesehen oder gerochen haben. Aber jede Sensation, jede Affizierung ist eine Form der Verletzlichkeit durch äußere Einflüsse. Wenn die Götter den süßesten Met schmecken können, dann müssen sie auch das bitterste Gebräu schmecken, den lautesten Krach hören, den bestialischsten Gestank riechen, Reize mithin, von denen die Menschen dank ihrer bescheidenen sinnlichen Ausstattung verschont bleiben. Die Götter sind mithin weitaus reizbarer, verletzlicher durch Vorkommnisse, die nicht ihrer Kontrolle unterliegen. Kräfte können ihnen eine Pein bereiten, von denen die Menschen weder Begriff noch Vorstellung oder Erfahrung haben können. Wenn die Götter also den Menschen überlegen sind, dann sind sie Kräften ausgeliefert, die zu ihrem Verfall führen. Sind die Götter jedoch nicht verwundbarer als die Menschen, dann ist ihre sinnliche Ausstattung schlechter als diejenige der Menschen. Aber wenn sie den Menschen, was ihre Sinnlichkeit anlangt, nicht überlegen sind, dann sind sie auch keine Götter.

© WS 2017

Lukrez: Schöpfungswerk

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Wolfgang Sofsky
Lukrez: Schöpfungswerk

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In seinem Werk „Über die Natur der Dinge“ erörtert der römische Epikureer Lucretius auch die Frage, weshalb Götter die Welt erschaffen haben sollen. Nur derjenige ist an einem Wechsel der Lage gelegen, dem sein Leben mißfällt. Gelüste nach Erneuerung kommen erst auf, wenn der alte Zustand als mißlich empfunden wird. Haben sich die Götter derart gelangweilt, waren sie so verdrossen ob ihres Lebens, daß sie auf einmal den Drang verspürten, die Welt zu erschaffen? Die Erschaffung der Welt – eine Maßnahme göttlicher Selbsttherapie? Noch wichtiger als die Untiefen der Götterseele ist jedoch das logische Problem. Falls Götter Bestandteil der Welt sind, wie stellen es Götter an, aus dem Zustand der Nichtexistenz sich selbst Existenz zu verschaffen. Denn indem sie die Welt erschufen, erschufen sie zugleich sich selbst. Sie waren nichts und wollten etwas werden. Wie aber kann aus nichts etwas werden? Und wie können Götter, gleich welcher Konfession, sich selbst erschaffen, wenn es sie gar nicht gibt? Womöglich fühlten sie sich zur Schöpfung bemüßigt, weil sie den Zustand der eigenen Nichtexistenz als etwas defizitär empfanden. Wer nicht ist, fühlt auch nichts, am wenigsten sich selbst. Aber wer nicht ist, der hat überhaupt keine Gefühle, auch keine, sich selbst betreffend. Er existiert gar nicht. In der bewährten Übersetzung von Hermann Diels heißt es im fünften Buch von Lukrezens „Natur der Dinge“:

„Welches Ereignis verlockte die vordem ruhigen Götter
Noch so spät zu dem Wunsche ihr früheres Leben zu ändern?
Denn mich dünket, nur dem kann ein Wechsel der Lage genehm sein,
Welchem die alte mißfällt. Doch wer nichts Schlimmes erfahren
In der vergangenen Zeit, wo er glücklich sein Leben verbrachte,
Was nur konnte in dem das Gelüst der Neuerung wecken?
Oder war etwa vorher ihr Leben voll Dunkel und Trübsal,
Ehe die Schöpfungsstunde das Licht in der Welt hat entzündet?
Oder was brächte denn uns, nicht geschaffen zu werden, für Übel?
Freilich wer einmal geboren, der wird auch im Leben noch bleiben
Wollen, solang‘ er behält des Daseins wonnige Freude.
Doch wer nimmer gekostet des Lebens Freude, wer nie ward
Mitgezählt, was schadet es dem, wenn er nie ward geboren?“

© W.Sofsky 2017

Bellerophon

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Wolfgang Sofsky
Bellerophon

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Bellerophon, Sohn des Glaukos und Enkel des Sisyphos, Dompteur des Pegasos und Bezwinger der Chimaira, einem feuerspeienden weiblichen Ungeheuer mit dem Haupte eines Löwen, dem Leib einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange, Belerophon mithin fliegt nach bewegtem Leben zum Olymp hinan, als ob er unsterblich sei. Nach der populären Legende soll Zeus eine Stechmücke entsandt haben, die Pegasos unter dem Schwanz stach, sodaß das fliegende Pferd sich aufbäumte und den übermütigen Reiter zur Erde abwarf, woraufhin Pegasos weiter gen Himmel flog, damit Zeus ihn als Träger seiner Blitze einsetzen konnte, derweil Bellerophon in einen Dornbusch fiel, lahm, blind und einsam über die Erde wanderte, die Menschen mied, bis ihn der Tod erlöste. Gemäß einer unpopulären Legende, von der Euripides in seinem Drama „Bellerophontes“, von dem allerdings nur wenige, wenngleich entscheidende Verse überliefert sind, verhielt es sich eher umgekehrt. Bevor er in den Himmel startete, sagt der frühe Atheist:

„Sagt da einer, es gebe Götterim Himmel? Es gibt sie nicht, es gibt sie nicht, wenn man sich nicht dumm auf das alte Wort verlassen will. Betrachtet es für euch selbst, bildet eure Meinung nicht nach meinen Worten! Die Tyrannis, so sage ich, tötet sehr viele und bringt sie um ihren Besitz; Tyrannen, ihre Eide brechend, zerstören Städte. Und die, die solches tun, sind glücklicher als die, die ruhig Tag für Tag die Götter verehren. Ich kenne kleine Städte, die die Götter verehren, die größeren, frevelhaften gehorchen müssen, durch die zahlenmäßige Überlegenheit des Heeres besiegt. Wenn einer von euch faul wäre, aber zu den Göttern betete und nicht selbst für seinen Lebensunterhalt sorgte… und schlimme Unglücke lassen Religion groß wie ein Turm werden.“ (Euripides Fr286 N2)

Bellerophon fliegt mit Pegasus zum Himmel, um die Götter mit ihrer Ungerechtigkeit zu konfrontieren – der Himmelsritt als Göttertest. Zeus aber schickt einen Blitz, sodaß Bellerophon tödlich verwundet vom Pferd fällt. Die Götter existieren – unzweifelhaft -, aber sie sind ungerecht und Urprung alles Bösen. Lange währte der Expertenstreit, ob der Dichter sich selbst in der Figur äußert, was bei Euripides nicht selten ist, und ob des Zeusens Blitzstrahl nur ein Zugeständnis des Atheisten an den offiziellen Götterglauben war. Da Atheisten indes seit je zu den wenig beliebten Zeitgenossen gehören, hat die altphilologische Exegese meist an der Trennung von Autor und Figur festgehalten, ja, den Dichter zu einem Frömmling umgedeutet, der den Ungläubigen Bellerophon die gerechte Strafe erleiden läßt. Immerhin war Euripides die radikale Religionskritik nicht fremd: Entweder sind die Götter allmächtig und ungerecht, oder sie sind gerecht, aber nicht allmächtig. Wenn sie jedoch nicht allmächtig sind, so sind sie keine Götter. Und wenn sie ungerecht sind, sind sie ebenfalls keine Götter.

© W.Sofsky 2017

Göttergefolge

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Wolfgang Sofsky
Göttergefolge

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Wenn Götter wie Menschen sind, wenn sie miteinander reden und verkehren, einander lieben, zürnen oder leiden, Kinder zeugen und verstoßen, dann muß ihnen die menschliche Einbildungskraft einige Bei- und Hilfsgötter zuweisen, die abstrakte Eigenschaften oder Mächte verkörpern, welche die Gottheit selbst nicht erfüllt. So entsteht das Göttergefolge. Mit Themis, der Ordnung, zeugt Zeus die Jahreszeiten und die Göttinen des Schicksals;  Metis, die Klugheit, wurde von Zeus verschlungen, doch verursachte ihm die Weisheit solche Kopfschmerzen, daß er schließlich Athena aus seinem Haupte gebar. Eine andere seiner Töchter ist Dike, das Recht. Böse Männer zerren sie gelegentlich durch die Gassen der Stadt, so daß sie von den Göttern gerettet werden muß. Sie setzt sich sodann neben ihren Vater und berichtet vom Treiben der Menschen, woraufhin jener ganze Völker büßen läßt. Athena trägt Nike, den Sieg, als kleine, vier Ellen hohe Flügelfigur auf der Hand. Ares, der Gott des wilden Krieges, wird von „Furcht“ und „Schrecken“ begleitet, von Phobos und Deimos. Aphrodite ist von Eros umgeben, der Liebe, von Himeros, der Sehnsucht, und Peitho, der Überredung. Dionysos führt die Horen an, die „Zeiten“ des fruchtbringenden Jahres. Sie überwachen das Leben, denn sie sind Töchter von Zeus und Themis, der Ordnung.

© W.Sofsky 2017

Xenophanes: Götterprojektionen

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Wolfgang Sofsky
Xenophanes: Götterprojektionen

xenophanes

Über den Poeten Xenophanes, der um 570 a.Chr. im kleinasiatischen  Kolophon geboren wurde, stammt die Einsicht, daß nicht die Götter die Menschen erschaffen, sondern die Menschen die Götter. Geister und Götter sind nichts als Projektionen. Man hat diesen kritischen Freigeist in einen verkappten negativen Theologen umgetauft, in  einen frühen Mono- oder Pantheisten, um ihn ins christliche Entwicklungsmodell einzupassen. Doch war für ihn das Wort „Gott“ nur ein linguistischer Platzhalter für eine Art universaler Kraft, die Blumen zum Blühen, Tiere zum Laufen, Sterne zum Leuchten und Menschen zum Reden bringt. Sobald man die jeweiligen Ursachen kennt, erübrigt sich das Wort „Gott“. Bedeutsamer indes ist die Einsicht in die projektive Gestalt der Götter. Götter haben menschliche Eigenschaften, sie denken, reden, zürnen, lieben, opfern sich auf. Der anthropomorphistische Gipfelpunkt ist erreicht, wenn sich in einer Religion die Vorstellung verbreitet, der Gott sei Mensch geworden, ja er sei in Menschen selbst verkörpert. Es muß daher nicht verwundern, daß die Gottesbilder nach Ethnien und Kulturen erheblich variieren:

Homer und Hesiod haben die Götter mit allem belastet, was bei Menschen übelgenommen und getadelt wird: stehlen und ehebrechen und einander betrügen. Sie haben soviel Missetaten der Götter aufgezählt als möglich: stehlen und ehebrechen und einander betrügen.

Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond.

Aber die Menschen nehmen an, die Götter seien geboren, sie trügen Kleider, hätten Stimme und Körper – wie sie selber.

Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder in der von Rindern, und sie würden solche Statuen meißeln, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.“ (Diels/Kranz (Hg.) Vorsokratiker 21 B11-16)

© W.Sofsky 2017

Antiker Atheismus

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Wolfgang Sofsky
Antiker Atheismus

Unglauben ist keine Erfindung der modernen Aufklärung. Es gab Atheismus und Agnostizismus in der griechischen und römischen Antike, es gab ihn im alten China oder im christlichen Mittelalter. Auch in archaischen Gesellschaften glaubten nicht alle an Geister oder übernatürliche Kräfte, auch wenn sie bei den Ritualen der Schamanen, Magier oder Hexen mitmachten. Nüchternheit in religiösen Fragen ist mithin keine moderne Errungenschaft. Sie war und ist eine menschliche Möglichkeit. Daß der Mensch von Natur ein homo religiosus sei, ist eine Legende, in die Welt gesetzt von Ideologen und Missionaren, die innigst glauben wollen, daß in jedem Menschenwesen ein angeborenes, gleichsam natürliches Potential fürs Christentum angelegt sei. Die Antike kennt Figuren wie Anaxagoras, Diagoras, Prodikos oder Xenophanes, von dem demnächst zu reden sein wird; sie kennt das logische Gegenargument gegen Gottesexistenzen oder –eigenschaften, sie kennt die Psychologie der Gottesfurcht oder des Priesterbetrugs, aber auch die spöttische, blasphemische Verunglimpfung der Illusionsgötter. Und sie kennt den Ketzerprozeß und die Verbannung oder Tötung der Ungläubigen. Das neuzeitliche Abendland  muß sich nicht einbilden, erst mit Giordano Bruno, Spinoza, Hume, Meslier oder den bösen Philosophen zu Paris sei der Atheismus in die Welt gekommen. Es ist fataler. Man wußte von Anbeginn, daß nichts an dem Götter- oder Gottesglaube dran ist, aber jedes Jahrhundert, jede Generation muß sich von derlei Torheit neu befreien.

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Anaxagoras: Kosmologischer Atheismus

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Wolfgang Sofsky
Anaxagoras: Kosmologischer Atheismus

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Anaxagoras wurde kurz vor 500 in Ionien geboren und führte in Athen die Philosophie ein. Da er ein Freund von Perikles war, verfolgten ihn dessen Gegner wegen Gotteslästerung. Der Kosmologe, Naturforscher und Ontologe hatte beiläufig bemerkt, der Sonnengott Helios sei, wie andere Himmelskörper, ein glühender Metallklumpen. Wenn aber die Sonne nur ein rotglühender Felsen, etwas größer als die Peloponnes, und ihre Verfinsterungen, wie auch jene des erdmäßigen Mondes, durch Beobachtung und Schlußfolgerung erklärbar sind, dann sind die Erscheinungen des Himmels keine Gotteszeichen. Auch Meteroiten hielt Anaxagoras nicht für verehrungswürdige göttliche Wurfgeschosse, sondern für Felsbrocken, die von einem Himmelskörper abgebrochen waren. Solcherart kosmologische Entzauberung erregte den Zorn der Rechtgläubigen. Um 432 nahm die Athener Volksversammlung einen Gesetzesantrag an, den der Seher, Zeichendeuter und Orakelausleger Diopeithes eingereicht hatte. Danach sollen „diejenigen, welche nicht an das Göttliche glauben oder Lehren über die Dinge am Himmel verbreiten, wegen Verletzung der Staatsordnung vor Gericht gebracht werden.“  Anaxagoras entging nur durch den Einsatz seines Freundes Perikles der Todesstrafe, erhielt eine Geldbuße und wurde des Landes verwiesen. Es war nur einer jener berüchtigten Asebieprozesse, mit denen die religiöse Gesinnungspolizei Jagd auf Ungläubige oder Atheisten machte.

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Diagoras von Melos: Atheismus der Tat

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Diagoras von Melos: Atheismus der Tat

Diagoras von Melos gilt gemeinhin als einer der ersten Vordenker, die sich den Beinamen „Atheist“ zulegten. Der Poet zeigte seinen Unglauben nicht durch Schriften oder Verse, sondern durch Handlungen. In Samothrake soll er angesichts der Weihegeschenke an die Götter für Rettung in Seenot angemerkt haben, die Gaben wären noch weit zahlreicher, wenn alle Ertrunkenen Gelegenheit gehabt hätten, lebend noch etwas zu weihen. Votivtafeln der Geretteten beweisen nicht, daß Götter sich um die Menschen kümmerten. Denn nirgends sind die Toten dargestellt, die im Meer ertrunken sind. Wie sein Lehrer Demokrit sah Diagoras den Ursprung aller Religion in der Angst vor den Schrecknissen der Natur und Geschichte. Einmal soll er das hölzerne Abbild eines Gottes ins Feuer geworfen haben, mit den Worten, der Gott möge sich doch durch ein Wunder selbst retten. Nach den Greueln in Melos Anfang 415 a.Chr., als die Athener Stadt und Insel vollständig verwüsteten, soll Diagoras in einer öffentlichen Rede den Kult der Demeter in Eleusis angegriffen und die „Mysterien“ aufgedeckt haben. Transparenz ist das Ende aller religiösen Geheimnisse und Riten. So klagte man ihn der Gottlosigkeit an, im selben Jahr, da auch Protagoras verbannt wurde. Diagoras floh nach Korinth, dann nach Pellene. Obwohl man im ganzen attischen Seereich nach ihm fahndete, war er nicht mehr aufzufinden. In Eleusis indes war die Stele mit der Ächtung und dem Fahndungsraufruf noch viele Jahrhunderte zu besichtigen.

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Prodikos: Die Namen der Götter

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Prodikos: Die Namen der Götter

Prodikos aus Keos, ein Schüler des Protagoras und Lehrmeister des Sokrates, ist nicht nur durch die Parabel von Herkules am Scheideweg bekannt geworden. Er war ein Sprachanalytiker der ersten Stunde. Er untersuchte synonyme Ausdrücke auf ihre Bedeutungsvielfalt, um sie durch eindeutige Präzisierungen klarer zu machen. Es ist z.B. ein gehöriger Unterschied, ob sich jemand streitet oder zankt, ob einer geachtet oder gelobt wird, ob er Lust oder Vergnügen empfindet. Mit der Zergliederung der Begriffe, der Dihärese, verband Prodikos den Anspruch auf eine eindeutige Sprache, ähnlich modernen Versuchen einer normierten Wissenschaftssprache mit klaren Begriffen. Als Sprachanalytiker setzte Prodikos den atheistischen Agnostizismus des Protagoras fort, indem er der Frage nachging, wie Menschen dazu kamen, Götternamen zu gebrauchen. Diese Urgeschichte der Religion verlief in folgender Weise: Zunächst nannten die Menschen das, was ihnen besonderen Nutzen brachte, „Gott“, die Sonne, den Mond, die Flüsse, das Wasser (Poseidon), das Feuer (Hephaistos). Sodann wanderten Menschen umher, belehrten ihre Zeitgenossen und wurden aus Dankbarkeit zu Göttern erkoren, weil sie Fortschritte brachten, neue Gesetze oder Kulturpflanzen einführten. Das Getreide verdankten sie Demeter, den Wein Dionysos. Kult ist nichts anderes als eine Gedächtnisfeier für Nutzen und Fortschritt. Und die gegenwärtig herrschenden Götter, sie sind weder existent noch Objekt des Wissens.

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Protagoras: Götter?

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Protagoras: Götter?

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Die Schrift „Über Götter“ des griechischen Philosophen Protagoras ist nicht überliefert, außer dem ersten Satz, der alles entscheidet: „Was die Götter angeht, kann ich nicht sagen, weder daß sie sind noch daß sie nicht sind, auch nicht wie beschaffen an Gestalt sie sein sollten; denn vieles gibt es , was das Wissen verhindert, die Undeutlichkeit, und daß das menschliche Leben kurz ist.“ (Diels/Kranz (Hg.) Vorsokratiker 80 B4).  Protagoras soll ob solcher Gedanken vor Gericht gezogen worden zu sein. Er habe sich aber durch Flucht entzogen. Andere Quellen besagen, er sei 411 a.Chr. verbannt worden und auf der Überfahrt nach Sizilien im Meer ertrunken, indes das berüchtigte Buch in Athen öffentlich verbrannt worden sein soll. Die Wirklichkeit der Götter ist nicht gegeben, sie kann daher nicht Gegenstand von Wissen sein. Was die Dichter Homer oder Hesiod über die Götter erzählten, sei eben Dichtung. Nicht anders verhält es sich mit den „heiligen“ Schriften des Monotheismus: Literatur, Fiktion.

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Charles Meryon: Le Stryge

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Charles Meryon: Le Stryge

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Über den Dächern der Stadt, unweit des Turmes von St.Jacques, hockt der unersättliche Vampir auf dem Nordturm von Notre-Dame. Nach Blutnahrung lechzt er, die ewige Luxuria. Raben umkreisen den Turm, auf der Suche nach Aas. Doch während die Zunge schon nach der Beute giert, hat der Vampir das Haupt in beide Hände gestützt. Denkt er nach? Viollet-le-Duc, der Restaurator der Gotik, hat ihn neu auf die Balustrade gesetzt, 1850, als kein Ungeheuer des Mittelalters jemanden mehr erschreckte. Wohin soll er fliegen, so steinern starr er dasitzt? Der Graphiker Charles Meryon hielt ihn zunächst für eine Art Ausgucker eines Schiffs, doch dann verwandelte er ihn in ein denkendes Monstrum. Gierig beugt sich das Ungeheuer über die große Stadt. Überall wird es Nahrung finden, doch sein Schicksal ist trübe. Niemals wird ihn eine Mahlzeit sättigen. Keine Nahrung genügt ihm, kein Opfer stillt seinen Durst. Darüber denkt der steinerne Vampir nach, an ein Schicksal in elender Unendlichkeit.

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Exklusion – moralisch

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Exklusion – moralisch

Im Streit der Religionen und Ideologien um die rechte Integration und Inklusion der Subjekte gelten harsche Kriterien des moralischen Ausschlusses. Üblen Exemplaren wird strikt abgesprochen, überhaupt zur jeweiligen Gruppe, Gemeinde, Gemeinschaft, Gesellschaft zu gehören. Im einzelnen gelten nämlich folgende Kriterien moralischer Exklusivität.

Gute Götter sind Götter, böse Götter sind keine Götter.
Gute Engel sind Engel, böse Engel sind keine Engel.
Gute Menschen sind Menschen, böse Menschen sind keine Menschen.
Gute Muslime sind Muslime, böse Muslime sind keine Muslime.
Gute Christen sind Christen, böse Christen sind keine Christen.
Gute Kinder sind Kinder, böse Kinder sind keine Kinder.
Gute Hunde sind Hunde, böse Hunde sind keine Hunde.

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Thoreau: Weißweg

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Thoreau: Weißweg

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Skribenten wandern gelegentlich durch die weiße Welt von Schnee und Eis, so auch Henry David Thoreau unweit des Walden Pond im Walde von Concord, Mass., wobei er einer Strix nebulosa begegnete, die auf einer Weißfichte hockte und durch das Knirschen der Füße im Schnee in ihren weißen Träumen gestört wurde, da ihre Traumwelt sonst eine stille, lautlose Welt ist, in der sie sich selbst völlig geräuschlos zu bewegen vermag.

„Bei tiefem Schnee  hätte man den eine halbe Meile langen Weg von der Landstraße bis an mein Haus durch eine gewundene, schwarz getupfte Linie wiedergeben können, mit langen Zwischenräumen zwischen den einzelnen Tupfen. Denn eine Woche hindurch machte ich bei anhaltend schlechtem Wetter immer die gleiche Anzahl gleich langer Schritte, traf auf dem Hin- und Rückweg bewußt und mit der Genauigkeit eines Zirkels in meine eigenen tiefen Fußstapfen (zu solchen Praktiken müssen wir im Winter unsere Zuflucht nehmen), die oft erfüllt waren vom Blau des Himmels. Kein Wetter war jedoch schlecht genug, um mich von meinen Spaziergängen oder besser gesagt Streifzügen abzuhalten, denn ich marschierte oft acht bis zehn Meilen weit durch tiefen Schnee, bloß um eine Verabredung mit einer Rotbuche oder einer gelben Birke einzuhalten; manchmal auch mit einer alten Bekannten unter den Föhren, deren Wipfel, wenn Eis und Schnee die Äste niederbogen, schärfer hervortraten, so daß sie wie Tannen aussahen. Auch wenn der Schnee zwei Fuß tief war, stapfte ich noch auf die höchsten Hügel, bei jedem Schritt einen neuen Schneefall von den Ästen schüttelnd. Manchmal kroch und rutschte ich auch auf Händen und Knien dorthin, sofern sich die Jäger schon in ihre Winterquartiere zurückgezogen hatten. Eines Nachtmittags unterhielt ich mich damit, eine gestreifte Eule (Strix nebulosa) zu beobachten, die bei hellem Tageslicht auf einem der unteren toten Äste einer Weißfichte in der Nähe des Stammes saß. Ich blieb fünfzehn Fuß von ihr entfernt stehen. Sie hörte mich, wenn ich eine Bewegung machte und der Schnee unter meinen Füßen knirschte, konnte mich aber scheinbar nicht sehen. Wenn ich sehr laut wurde, reckte sie den Hals, sträubte die Nackenfedern und riß die Augen weit auf. Bald aber fielen ihre Lider wieder zu, und sie nickte ein. Auch mich überkam ein Gefühl der Schläfrigkeit, nachdem ich sie eine halbe Stunde lang beobachtet hatte. Sie saß mit halbgeschlossenen Augen da wie eine Katze, eine geflügelte Schwester der Katze. Ganz schmal war der Schlitz zwischen den Lidern, durch den sie eine halbinselförmige Verbindung zu mir unterhielt. So schaute sie aus dem Land der Träume auf mich herab und bemühte sich, das vage Etwas, das Ding, das da ihre Träume störte, zu erkennen. Schließlich, als ich beim Nähertreten etwas mehr Lärm machte, wurde sie unruhig und drehte sich träge um, als habe sie es satt, in ihren Träumereien gestört zu werden. Als sie aufflog und zwischen den Tannen hinschwebte, wobei sie die Flügel zu unerwarteter Breite ausspannte, konnte ich nicht das leiseste Geräusch vernehmen. Mehr von einem feinen Gefühl für ihre Umgebung als von ihren Augen geleitet, tastete sie sich mit den empfindsamen Fittichen ihren Weg durch das Halbdunkel und suchte sich einen neuen Ast, auf dem sie in Frieden das Heraufdämmern des Tages erwarten konnte.“  (Thoreau, Walden, cp. XIV)

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Hans Arp: Weiße Welt

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Wolfgang Sofsky
Hans Arp: Weiße Welt

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Daß weißer Gips für einen Skulpteur von methodischem Wert ist, zeigen Photos von Hans Arp 1958 in seinem Atelier in Meudon, einem Vorort von Paris. Er dient nicht nur als Material der Modellbildung. Keine Farbe, kein sperriges Material hält den Künstler von der freien Arbeit an der reinen Form ab. Umgeben von reinen, weißen Formen sitzt Arp inmitten einer Welt, die nichts als sein Werk ist.

© WS 2016

Hans Arp: Weißer Nabelhut

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Hans Arp: Weißer Nabelhut

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Kurz bevor er nach Paris übersiedelte, schuf Hans Arp, der Mitinitiator von Dada Zürich, der Meister des Abstrakt-Organischen, Übervater der Moderne, Verächter der Kunst- und Bewußtseinsgrenzen, der große Verballhorner, Wortverdreher und lyrische Assoziationsmaschinist, ein Holz-Relief, mit weißer Ölfarbe bemalt, namens „Chapeau-Nombril“, der Nabelhut: ein Kreis, der gelegentlich auch als Monokel vor seinem Auge auftaucht, sich zu einer Profillinie auswachsend, weil ein Kreis, an und für sich genommen, schon ein ziemlich alter Hut ist oder weil der Kreisnabel behütet sein will oder weil die scharfkantige Nabelscheibe einen weichen, ausladenden Kontrast benötigt oder weil das Schattenweiß des Geburtsnabels allein etwas langweilig wäre oder weil Hüte gerne auch mal Einrad fahren oder…

© W.Sofsky 2016

Jack London: Weißes Schweigen

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Jack London: Weißes Schweigen

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Im Februar 1899 erschien im Overland Monthly eine Kurzgeschichte von Jack London: „The White Silence“. Sie handelt von dem Versuch von Mason, seiner Frau Ruth und Malemute Kid, die weiße Wildnis am Yukon zu durchqueren. Londons Schilderung der ebenso stummen wie gleichgültigen Natur ist Kontinente entfernt von jenen weißen Gefilden, in die sich zentraleuropäische Schneegänger gelegentlich verirren. Die berühmteste Passage lautet:

„Die Natur kennt viele Wege, um den Menschen von seiner Endlichkeit zu überzeugen – den ewigen  Wechsel der Gezeiten, die Wut des Sturms, den Schock der bebenden Erde, das Grollen der Himmelsartillerie -, das Schrecklichste aber, das Betäubendste überhaupt ist das Weiße Schweigen, in dem nichts geschieht. Jede Bewegung erstirbt, die Luft wird klar, die Himmel sind messinggelb; das leiseste Flüstern wirkt wie ein Frevel, und der Mensch wird ängstlich,erschrickt  beim Laut seiner eigenen Stimme. Ein einsamer Fleck Leben, der die gespenstischen Wüsten einer toten Welt durchwandert, den sein Wagemut schaudern läßt und der erkennt, daß er ein Wurm ist, sonst nichts.

Sonderbare Gedanken steigen ungerufen in ihm auf, und das Geheimnis aller Dinge kämpft um Worte….“

© WS 2016

Robert Walser: Weiße Welt

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Robert Walser: Weiße Welt

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Wenn von weißen Welten in Sturm und Schnee die Rede ist, wird meist auf Adalbert Stifter oder die fragliche Passage in Thomas Manns „Zauberberg“ verwiesen. Weniger bekannt ist ein kurzes Prosastück „Schneien“ (1917) von Robert Walser. Hier wird nicht beschrieben, wie einem einsamen Wanderer Hören und Sehen vergeht, sondern was mit der Welt geschieht. Der weiße Schnee ist ein „totales“ Ereignis. Er überdeckt, verhüllt alles, ganze Staatswesen verschwinden im Schnee. Nichts kann sich der „Verweißung“ der Welt entziehen. Die Farben verschwinden, die Töne, die Wege, die Formen, Kanten und Linien, die Unterschiede, die Mannigfaltigkeiten und Gegensätze, die Lebenden, die Toten. Man muß sich dieses Widerfahrnis vor Augen und Ohren führen, um zu verstehen, worin die ästhetische Überwältigung durch die Farbe Weiß bestehen kann. Walsers famoses Kunststück redet weder  von einer zeitweiligen Desorientierung noch von einem katastrophischen Drama. Was das winterliche Gemüt nach dem ersten Abendschnee so anrührt, die plötzliche Dämpfung der Geräusche und das sanftweiße Häubchen am Gartenzaun, das ist, zu Ende bedacht, ein synästhetisches Ereignis von allerdings unheimlicher Kraft und Reichweite. Es betrifft sämtliche Sinne, und es droht die Welt insgesamt zum Verschwinden zu bringen.

Schneien.

„Es schneit, schneit, was vom Himmel herunter mag, und es mag Erkleckliches herunter. Das hört nicht auf, hat nicht Anfang und nicht Ende. Einen Himmel gibt es nicht mehr, alles ist ein graues weißes Schneien. Eine Luft gibt es auch nicht mehr, sie ist voll Schnee. Eine Erde gibt es auch nicht mehr, sie ist mit Schnee und wieder mit Schnee zugedeckt. Dächer, Straßen, Bäume sind eingeschneit. Auf alles schneit es herab, und das ist begreiflich, denn wenn es schneit, schneit es begreiflicherweise auf alles herab, ohne Ausnahme. Alles muß den Schnee tragen, feste Gegenstände wie Gegenstände, die sich bewegen, wie z. B. Wagen, Mobilien wie Immobilien, Liegenschaften wie Transportables, Blöcke, Pflöcke und Pfähle wie gehende Menschen. Kein Fleckchen existiert, das vom Schnee unberührt bleibt, außer was in Häusern, in Tunneln oder in Höhlen liegt. Ganze Wälder, Felder, Berge, Städte, Dörfer, Ländereien werden eingeschneit. Auf ganze Staatswesen, Staatshaushaltungen schneit es herab. Nur Seen und Flüsse sind uneinschneibar. Seen sind unmöglich einzuschneien, weil das Wasser allenSchnee einfach ein- und aufschluckt, aber dafür sind Gerümpel, Abfällsel, Hudeln, Lumpen, Steine und Geröll sehr veranlagt, eingeschneit zu werden. Hunde, Katzen, Tauben, Spatzen, Kühe und Pferde sind mit Schnee bedeckt, ebenso Hüte, Mäntel, Röcke, Hosen, Schuhe und Nasen. Auf das Haar von hübschen Frauen schneit es ungeniert herab, ebenso auf Gesichter, Hände und auf die Augenwimpern von zur Schule gehenden zarten kleinen Kindern. Alles, was steht, geht, kriecht, läuft und springt, wird sauber eingeschneit. Hecken werden mit weißen Böllerchen geschmückt, farbige Plakate werden weiß zugedeckt, was da und dort vielleicht gar nicht schade ist. Reklamen werden unschädlich und unsichtbar gemacht, worüber sich die Urheber vergeblich beklagen. Weiße Wege gibt’s, weiße Mauern, weiße Äste, weiße Stangen, weiße Gartengitter, weiße Äcker, weiße Hügel und weiß Gott was sonst noch alles. Fleißig und emsig fährt es fort mit Schneien, will, scheint es, gar nicht wieder aufhören. Alle Farben, rot, grün, braun und blau, sind vom Weiß eingefleckt. Wohin man schaut, ist alles schneeweiß; wohin du blickst, ist alles schneeweiß. Und still ist es, warm ist es, weich ist es, sauber ist es. Sich im Schnee schmutzig zu machen, dürfte sicher ziemlich schwer, wenn nicht überhaupt unmöglich sein. Alle Tannenäste sind voll Schnee, beugen sich unter der dicken weißen Last tief zur Erde herab, versperren den Weg. Den Weg? Als wenn es noch einen Weg gäbe! Man geht so, und indem man geht, hofft man, daß man auf dem rechten Weg sei. Und still ist es. Das Schneien hat alles Geräusch, allen Lärm, alle Töne und Schälle eingeschneit. Man hört nur die Stille, die Lautlosigkeit, und die tönt wahrhaftig nicht laut. Und warm ist es in all dem dichten weichen Schnee, so warm wie in einem heimeligen Wohnzimmer, wo friedfertige Menschen zu irgendeinem feinen lieben Vergnügen versammelt sind. Und rund ist es, alles ist rundherum wie abgerundet, abgeglättet. Schärfen, Ecken und Spitzen sind zugeschneit. Was kantig und spitzig war, besitzt jetzt eine weiße Kappe und ist somit abgerundet. Alles Harte, Grobe, Holperige ist mit Gefälligkeit, freundlicher Verbindlichkeit, mit Schnee, zugedeckt. Wo du gehst, trittst du nur auf Weiches, Weißes, und was du anrührst, ist sanft, naß und weich. Verschleiert, ausgeglichen, abgeschwächt ist alles. Wo ein Vielerlei und Mancherlei war, ist nur noch eines, nämlich Schnee; und wo Gegensätze waren, ist ein Einziges und Einiges, nämlich Schnee. Wie süß, wie friedlich sind alle mannigfaltigen Erscheinungen, Gestalten miteinander zu einem einzigen Gesicht, zu einem einzigen sinnenden Ganzen verbunden. Ein einziges Gebilde herrscht. Was stark hervortrat, ist gedämpft, und was sich aus der Gemeinsamkeit emporhob, dient im schönsten Sinne dem schönen, guten, erhabenen Gesamten. Aber ich habe noch nicht alles gesagt. Warte noch ein wenig. Gleich, gleich bin ich fertig. Es fällt mir nämlich ein, daß ein Held, der sich tapfer gegen eine Übermacht wehrte, nichts von Gefangengabe wissen wollte, seine Pflicht als Krieger bis zu allerletzt erfüllte, im Schnee könnte gefallen sein. Von fleißigem Schneien wurde das Gesicht, die Hand, der arme Leib mit der blutigen Wunde, die edle Standhaftigkeit, der männliche Entschluß, die brave tapfere Seele zugedeckt. Irgendwer kann über das Grab hinwegtreten, ohne daß er etwas merkt, aber ihm, der unterm Schnee liegt, ist es wohl, er hat Ruhe, er hat Frieden, und er ist daheim. — Seine Frau steht zu Hause am Fenster und sieht das Schneien und denkt dabei: «Wo mag er sein, und wie mag es ihm gehen? Sicher geht es ihm gut.» Plötzlich sieht sie ihn, sie hat eine Erscheinung. Sie geht vom Fenster weg, sitzt nieder und weint.“

© W.Sofsky 2016

Heinrich Heine: Gräfin Bianka

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Wolfgang Sofsky
Heinrich Heine: Gräfin Bianka

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Auch Heinrich Heine, im Herbst 1851, dem Erscheinungstermin seiner dritten Gedichtsammlung, des „Romanzero“, längst an die Matratzengruft gefesselt, ließ es sich nicht nehmen, der allseits verehrten „weißen Sirene“, der Gräfin Maria Kalergis, aber auch seinem verehrten Schriftkollegen Théophile Gautier seine Aufwartung zu machen, allerdings in heinisch-spöttelnder Manier, welche sogleich die gesamte schwärmerische Liebesdichtung ins Elefantöse transformiert. Der „weiße Elefant“ des Königs von Siam ist in Trübsinn verfallen, nichts kann ihn aufheitern, bis schließlich der königliche Sterngucker den Grund der elefantösen Melancholie zu ergründen weiß. Das Spottgedicht auf Gautiers „Symphonie in Weiß-Dur“, auf die Sirene und ihre Verehrer endet in fürstlicher Ratlosigkeit und äffischem Schlaf. Die Farbe Weiß kennt keine Grenzen der Liebe, der Geschlechter und Gattungen. Hier ein Auszug:

„Der weiße Elefant

Da täglich sich der Zustand (des Elefanten, WS) verschlimmert,
Wird Mahawasantes Herz bekümmert;
Er läßt vor seines Thrones Stufen
Den klügsten Astrologen rufen.

»Sterngucker, ich laß dir das Haupt abschlagen«,
Herrscht er ihn an, »kannst du mir nicht sagen,
Was meinem Elefanten fehle,
Warum so verdüstert seine Seele?«

Doch jener wirft sich dreimal zur Erde,
Und endlich spricht er mit ernster Gebärde:
»O König, ich will dir die Wahrheit verkünden,
Du kannst dann handeln nach Gutbefinden.

Es lebt im Norden ein schönes Weib
Von hohem Wuchs und weißem Leib,
Dein Elefant ist herrlich, unleugbar,
Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar.

Mit ihr verglichen, erscheint er nur
Ein weißes Mäuschen. Es mahnt die Statur
An Bimha, die Riesin, im ‚Ramayana‘,
Und an der Epheser große Diana.

Wie sich die Gliedermassen wölben
Zum schönsten Bau! Es tragen dieselben
Anmutig und stolz zwei hohe Pilaster
Von blendend weißem Alabaster.

Das ist Gott Amors kolossale
Domkirche, der Liebe Kathedrale;
Als Lampe brennt im Tabernakel
Ein Herz, das ohne Falsch und Makel.

Die Dichter jagen vergebens nach Bildern,
Um ihre weiße Haut zu schildern;
Selbst Gautier ist dessen nicht kapabel –
O diese Weiße ist implacable!

Des Himalaja Gipfelschnee
Erscheint aschgrau in ihrer Näh‘;
Die Lilie‘ die ihre Hand erfaßt,
Vergilbt durch Eifersucht oder Kontrast.

Gräfin Bianka ist der Name
Von dieser großen weißen Dame;
Sie wohnt zu Paris im Frankenland,
Und diese liebt der Elefant.

Durch wunderbare Wahlverwandtschaft
Im Traume machte er ihre Bekanntschaft,
Und träumend in sein Herze stahl
Sich dieses hohe Ideal.

Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund‘,
Und er, der vormals so froh und gesund,
Er ist ein vierfüßiger Werther geworden,
Und träumt von einer Lotte im Norden.

Geheimnisvolle Sympathie!
Er sah sie nie und denkt an sie.
Er trampelt oft im Mondschein umher
Und seufzet: ‚Wenn ich ein Vöglein wär!‘

In Siam ist nur der Leib, die Gedanken
Sind bei Bianka im Lande der Franken;
Doch diese Trennung von Leib und Seele
Schwächt sehr den Magen, vertrocknet die Kehle.

Die leckersten Braten widern ihn an,
Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian;
Er hüstelt schon, er magert ab,
Die Sehnsucht schaufelt sein frühes Grab.

Willst du ihn retten, erhalten sein Leben,
Der Säugetierwelt ihn wiedergeben,
O König, so schicke den hohen Kranken
Direkt nach Paris, der Hauptstadt der Franken.

Wenn ihn alldort in der Wirklichkeit
Der Anblick der schönen Frau erfreut,
Die seiner Träume Urbild gewesen,
Dann wird er von seinem Trübsinn genesen.

Wo seiner Schönen Augen strahlen,
Da schwinden seiner Seele Qualen;
Ihr Lächeln verscheucht die letzten Schatten,
Die hier sich eingenistet hatten;

Und ihre Stimme, wie ’n Zauberlied,
Löst sie den Zwiespalt in seinem Gemüt;
Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren,
Er fühlt sich verjüngt, wie neugeboren.

Es lebt sich so lieblich es lebt sich so süß
Am Seinestrand, in der Stadt Paris!
Wie wird sich dorten zivilisieren
Dein Elefant und amüsieren!

Vor allem aber, o König, lasse
Ihm reichlich füllen die Reisekasse,
Und gib ihm einen Kreditbrief mit
Auf Rothschild frères in der Rue Lafitte.

Ja, einen Kreditbrief von einer Million
Dukaten etwa; – der Herr Baron
Von Rothschild sagt von ihm alsdann:
‚Der Elefant ist ein braver Mann!’«

So sprach der Astrolog, und wieder
Warf er sich dreimal zur Erde nieder.
Der König entließ ihn mit reichen Geschenken,
Und streckte sich aus, um nachzudenken.

Er dachte hin, er dachte her;
Das Denken wird den Königen schwer.
Sein Affe sich zu ihm niedersetzt,
Und beide schlafen ein zuletzt.

Was er beschlossen, das kann ich erzählen
Erst später; die indischen Mall’posten fehlen.
Die letzte, welche uns zugekommen,
Die hat den Weg über Suez genommen.“

© WS 2016

Kulturelle Macht

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Wolfgang Sofsky
Kulturelle Macht

Wer bestimmt, was in den Schulen gelehrt wird, was in den Universtäten gedacht wird, was in den Zeitungen geschrieben, was im Rundfunk gesendet und im Fernsehen gesagt wird? Wer bestimmt, was in den Museen gezeigt wird, welche Wörter verpönt sind, welche Themen schicklich und welche unstatthaft sind? Wer bestimmt, was in den Regalen der Supermärkte liegt, was gegessen werden soll und welche Lebensmittel anrüchig sind? Wer bestimmt, wie man sich fortbewegen, wie man sein Gehäuse einrichten und bewohnen, welche Autos man fahren soll und welche nicht? Wer bestimmt, welche Gefühle erlaubt und welche verboten sind, welche Meinungen zugelassen und welche indiskutabel sind, was toleriert, akzeptiert, geduldet, totgeschwiegen, verfemt und verfolgt wird? Wer bestimmt, was als „fortschrittlich“ gelten soll und wer reaktionär ist? Wer einige oder gar alle diese Aspekte des Lebens bestimmt, der hat kulturelle Macht über all jene, die nicht darüber bestimmen. Und wer glaubt, er habe auch das Recht hierzu, habe mithin das kulturelle Bestimmungsrecht auf seiner Seite, der ist ein selbstgerechter Besitzer kultureller Macht. Er sollte sich nicht wundern, daß sich da und dort Bestrebungen regen, sich auf diese oder jene Weise diesem Machtanspruch zu entwinden.

© WS 2016

Théophile Gautier: Symphonie en blanc majeur

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Wolfgang Sofsky
Théophile Gautier: Symphonie en blanc majeur

gautier

Zu der Idee, Bildnissen von weiß verhüllten Damen den Musik-Titel „Symphonie“ zu verleihen, könnte der amerikanische Maler J.A.M. Whistler angeregt worden sein durch ein Poem, welches Théophile Gautier anno 1849 veröffentlicht hatte. Wörter erzeugen Bilder, Empfindungen, Töne, das Kunstwerk wird zum synästhetischen, zum totalen Ereignis. Indem die Wörter eine Welt in Weiß entwerfen, affizieren sie nicht nur einen Sinn, sondern mehrere zugleich, Empfindungen von Kühle, Weichheit, Glätte, Glimmer, Glanz, Schwermut, Eisfrost, Unnahbarkeit. Nicht durch die Vielfalt der Farben, sondern durch reine Monochromie, durch die Mannigfaltigkeit dinglicher Oberflächen entsteht die Vielstimmigkeit im herben Weiß-Dur.

Ausgelöst wurden Gautiers Huldigungsverse durch eine Frau, von der viele Zeitgenossen überwältigt waren. Ihre Bewunderer rühmten neben ihrer Klugheit auch ihre Schönheit, die ihr den Beinamen „die weiße Sirene“ eintrug. Die Gräfin Kalergis, geboren in Warschau, der niederrheinischen Diplomatenfamilie der Nesselrode entstammend, vielfach unterwegs in Europa, polyglott, charmant, gebildet und freigebig als Mäzenatin, unterhielt von 1847 bis 1858 in der Rue d´Anjou einen literarischen Salon, in dem die Dichter, Musiker, Künstler und Politiker der Zeit ein und aus gingen. Ab 1856 lebte sie abwechselnd in Paris, Petersburg, Warschau und Baden-Baden. Zeitweilig war Maria Kalergis Schülerin von Chopin. Sie gab Solokonzerte mit Stücken von Beethoven, Chopin, Schumann und Liszt, spielte mit dem Paganini-Schüler Ernesto Camillo und mit Henri Wieniawski Kammerkonzerte. Richard Wagner widmete ihr eine Neuauflage seiner berüchtigten Schrift über „Das Judenthum in der Musik“; die Gräfin hatte 1860 ein Defizit seiner Konzerte in Paris mit 10.000 Frs. gedeckt. Brahms besuchte sie öfter in Baden-Baden, Johann Strauß dedizierte ihr den Schneeglöckchen-Walzer, Liszt komponierte 1874 zu ihrem Gedenken die erste Elegie. Auf Bildern von Delacroix und Lenbach tauchte sie auf und als literarische Figur bei Cyprian Norwid, Alexandre Dumas und – Théophile Gautier:

kalergis

Symphonie en blanc majeur
De leur col blanc courbant les lignes,
On voit dans les contes du Nord,
Sur le vieux Rhin, des femmes-cygnes
Nager en chantant près du bord,

Ou, suspendant à quelque branche
Le plumage qui les revêt,
Faire luire leur peau plus blanche
Que la neige de leur duvet.

De ces femmes il en est une,
Qui chez nous descend quelquefois,
Blanche comme le clair de lune
Sur les glaciers dans les cieux froids ;

Conviant la vue enivrée
De sa boréale fraîcheur
A des régals de chair nacrée,
A des débauches de blancheur !

Son sein, neige moulée en globe,
Contre les camélias blancs
Et le blanc satin de sa robe
Soutient des combats insolents.

Dans ces grandes batailles blanches,
Satins et fleurs ont le dessous,
Et, sans demander leurs revanches,
Jaunissent comme des jaloux.

Sur les blancheurs de son épaule,
Paros au grain éblouissant,
Comme dans une nuit du pôle,
Un givre invisible descend.

De quel mica de neige vierge,
De quelle moelle de roseau,
De quelle hostie et de quel cierge
A-t-on fait le blanc de sa peau ?

A-t-on pris la goutte lactée
Tachant l’azur du ciel d’hiver,
Le lis à la pulpe argentée,
La blanche écume de la mer ;

Le marbre blanc, chair froide et pâle,
Où vivent les divinités ;
L’argent mat, la laiteuse opale
Qu’irisent de vagues clartés ;

L’ivoire, où ses mains ont des ailes,
Et, comme des papillons blancs,
Sur la pointe des notes frêles
Suspendent leurs baisers tremblants ;

L’hermine vierge de souillure,
Qui pour abriter leurs frissons,
Ouate de sa blanche fourrure
Les épaules et les blasons ;

Le vif-argent aux fleurs fantasques
Dont les vitraux sont ramagés ;
Les blanches dentelles des vasques,
Pleurs de l’ondine en l’air figés ;

L’aubépine de mai qui plie
Sous les blancs frimas de ses fleurs ;
L’albâtre où la mélancolie
Aime à retrouver ses pâleurs ;

Le duvet blanc de la colombe,
Neigeant sur les toits du manoir,
Et la stalactite qui tombe,
Larme blanche de l’antre noir ?

Des Groenlands et des Norvèges
Vient-elle avec Séraphita ?
Est-ce la Madone des neiges,
Un sphinx blanc que l’hiver sculpta,

Sphinx enterré par l’avalanche,
Gardien des glaciers étoilés,
Et qui, sous sa poitrine blanche,
Cache de blancs secrets gelés ?

Sous la glace où calme il repose,
Oh ! qui pourra fondre ce coeur !
Oh ! qui pourra mettre un ton rose
Dans cette implacable blancheur !

kalergis2

 

Symphonie in Weiß-Dur
Die weißen Hälse biegend schwimmen,
wie man im Norden sich erzählt,
die Schwanenfrauen nah dem Ufer
des alten Rheins mit ihrem Sang;

auch lassen sie von einem Baum
ihr Federkleid zur Erde sinken
und weißer noch als ihren Flaum
wie Schnee den bloßen Leib erglänzen.

Und eine unter diesen Frauen
zieht einmal auch zu uns herab,
weiß, wie der Mond am kalten Himmel
auf hohen Gletschern schimmernd ruht;

und die im Norden rein entsprungen,
sie lädt den wonnetrunknen Blick,
sich an des Leibes Perlmuttkühle,
an seiner Weiße satt zu sehn!

Ihr Busen, wie aus Schnee geformt
zu vollem Rund, mißt sich verwegen
mit des Gewandes weißem Taft,
mit der Kamelie weißer Blüte.

In diesen großen weißen Schlachten
sind Kleid und Blume leicht besiegt;
nach Rache mögen sie nicht trachten,
vergilben wie in Eifersucht.

Auf ihrer Schulter Marmorglanz,
auf ihre blendend weiße Glätte
sinkt unsichtbar ein Reif herab,
als zöge die Polarnacht näher.

Aus welch erlesnem Mark des Schilfes,
aus welchem Glimmer weißen Schnees,
aus welcher Hostie, welcher Kerze
stammt wohl die Weiße ihrer Haut?

War es ein Tropfen jener Milch
im blauen Schein des Winterhimmels,
die Lilie aus Silberlicht,
der weiße Schaum der Meereswelle,

das Fleisch der weißen Steingebilde,
darin die Götter heimisch sind?
war’s mattes Silber, war’s der klare
und trübe Schimmer des Opals?

das Elfenbein, das ihre Hand
zum Flügel macht, zum weißen Falter,
der zarte Noten zitternd küßt,
wenn er auf ihrer Spitze schaukelt?

das Hermelin, das unbefleckte,
das sein geschmeidig weißes Vlies
zum Schutz vor einem kühlen Hauche
um Schultern und auf Wappen legt?

Quecksilber, das in Fenstern sich
verzweigt als blühende Girlande,
Undinens Tränen, weiß erstarrt
im Spitzenwerk des Brunnenstrahles,

der Dornbusch, der mit schweren Zweigen
im Mai die weißen Blüten trägt?
war’s Alabaster, dessen Blässe
die Schwermut an sich selber mahnt?

der weiße Taubenflaum, der leicht
wie Schnee auf breite Dächer wirbelt,
der Stalaktit, der tränengleich
hernieder sinkt in dunkeln Höhlen?

Aus Grönländern, aus Vikingländern
kommt sie mit Seraphita her?
Ist sie die Eis-Madonna oder
ein weißes Winterbild der Sphinx?

Lawinensphinx, die schneebedeckt
auf sternbesäten Gletschern brütet
und unter ihrer weißen Brust
gefrorne weiße Rätsel hütet?

Oh, wer bringt dieses Herz zum Klopfen
in seines Friedens starrem Eis!
Oh, wer senkt einen roten Tropfen
in dieses unnahbare Weiß!

(Ü: H.Helbling)

© W.Sofsky 2016

Ilse Aichinger: Nach mir

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Ilse Aichinger
NACH MIR

aichinger

Heute lief mir ein Kleiner nach und sagte: Wiedersehen, Herr Pfarrer. Ich gab ihm die Hand und schüttelte ihn ab. Er hatte eine graue Pelerine und glänzende Stiefel und das Wasser spritzte um ihn, so schien es mir wenigstens, um mich stand es. Er blitzte mich freundlich an, aber in meinen Augengläsern fing sich nichts, ich ging rasch weiter und manche werden gedacht haben:Wie rasch er noch geht, der Alte. Manche auch nichts, die meisten. Es ist auch so, daß man ihnen zu viele Gedanken zuschreibt, solange sich die schwache Sonne noch zu einem verirrt. Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, der bist du – das hörte ich unlängst aus einem Garten und viel mehr denken sie nicht. Ein neuer Herbst beginnt, die Sonne jagt hinunter, wer erwartet es auch? Keiner weiß meine runden Gitter zu schätzen, Baumgruppen, die Gedanken, die ich nicht denke. Einmal zu Beginn meiner Amtszeit oder doch gleich danach sah ich eine Wespe auf einem Apfelbaum, die war handtellergroß, wer glaubt es mir heute? Gefächert und gebündelt ruhen die ungehaltenen Predigten in den Chören, während die Träumer sich zu rasch besinnen und den Täuflingen jeder Regen recht ist. Wie viele Regenmuster habe ich gesehen, die Zäune entlang, Schneemuster vor den Poststationen, Botengänger, Straßenwärter und schwache Lastträger vor den Karren, die älteren unter ihnen grüßten mich freundlich.

Legen wir alles zusammen, wir wissen, daß die letzten Nachmittage immer schon angebrochen waren, das Mückenzeug fing sich darin, Schritte der Neunjährigen auf fremden Terrassen, Eisschieberstöße, Stöße von Holz, Holz fuhr aneinander, mir stand alles offen. Manchmal ein Geflüster, das mein Kopf durchbrach, rasch dahin und ich segnete es ein. An Regennachmittagen die Berichte von Papierfabriken und Steinbrüchen, Bilanzen früherer Jahre (die späten haben mich nie verlockt), zu essen und zu trinken genug. Dann noch die Heimwege, Abkürzungen zwischen den Dornensträuchern, Labsal, flüchtige Grüße, Erwartung der Nacht. Die Gewöhnungen an den Tod sind verschieden.

Unter stilleren und bewegteren Himmeln haben die Bäcker der Reihe nach für mich gebacken, Dachdecker waren da, Kinder, die Schlittschuhe trugen, Wirtsleute, Lebensmittelhändler, Spediteure, was man will. Als ich herkam, war kein Faden gesponnen, blank und kalt starrte mir alles entgegen, aber nun liegt er um mich, um Mantel und Gesicht, und vom Schuh bis zum Hut reichen die Träume, sie reichen mir auch. Ich will jetzt gehen. Der Flintenhändler putzt noch einmal die Läufe und zieht die Hand mit dem Lappen rasch ins Dunkel zurück, die Glocken schlagen, es ist mir heute, als schlügen sie aneinander und nicht an ihre Klöppel, die neuen Schuppen stehen auf und starren ungestüm über die Dächer, soweit halten wir. Schulranzen, Mißverständnisse, Kohlenlager, ich habe mehr Bücher verborgt als ich zählen möchte und immer genau nach den Wünschen gefragt, jetzt sind die Wünsche groß geworden und die Kapellen altern, von steinernen Kränzen, Gelächter und dem Klingen der Monduhren bewacht. Die Teiche waren die vielen Winter hindurch weich und hart gefroren, aber keine Schleifspur blieb. Einmal habe ich in einer Wirtschaft heißen Holundersaft getrunken, von den Holzbalkonen herab stärkten die Blumen meine Blicke und stützten sie ab.

Es ist ein regnerischer Tag heute und die Wolken bewegen sich über die Almen fort, sterben wird keiner mehr, meine Arbeit ist getan. Die Taufkleider knistern in den Zimmern und Schränken, über den Schuhläden sind Schritte zu hören, die sich verlieren, über See, übern Berg, den Riesen nach, den Zwergen nach, gut gesohlt und genagelt, auf und davon. Meinen Nachfolger wird die Unruhe packen, den rosa Rauch kennt er noch nicht und das Kannenklirren von Norden und vom Westen, er geht jetzt auf harten Böden, auf dunklen, glänzenden zwischen Gummibäumen, Kissen, Willkommensgedichten und läßt sich den Tee neu aufgießen, aber ich komme ja bald. Auf die Fragen werde ich überall Antwort wissen, Holunder auf die Wiesen, der blüht leicht, wird leicht dunkel, Vögel und Menschen haben ihn gern, auch vor der Zeit. Und von den Amtsbrüdern kann ich rasch Abschied nehmen, habe es schon getan und will es wieder tun, von den Schwestern und Instrumentenverkäufern, Oberinnen in Armenhäusern und Spitälern, Klavierausleihern und so fort. Den feierlichen Umzügen trauere ich nach und den langen Wintern, zweimal verträglich in der hellen Sonne und bei Nacht.

Mein Grabkreuz wird verrosten und der Name darauf vergilben, und ich weiß den Weg schon, den Weg fort und hinauf, und kenne die Wolken über dem Schulhaus einen Tag nach dem Abschied, die Gespräche, Worte, die aufflackern und im Hellen vergehen, zwischen den unreifen Äpfeln, den Hühnerställen und Mauern. Ein Stein durch mein Fenster, der kam nie, ist draußen geblieben und hat mir gefehlt die Jahre hindurch und mit jedem Jahr mehr. Aber man muß sich abfinden mit den Himmeln, die man halten kann, mit den Verlusten von Nägeln und Knöpfen, Trauer und Gewinn.

Vielleicht, daß meinen Nachfolger der Stein erreichen wird, der mir gefehlt hat, die Birnbaumzweige werden vielleicht an seine Läden schlagen und die Geister ihn bald besuchen: Wegmüller und Sägemüller, die ihre Häupter seufzend an seine Mauern legen, Schneegeister, die Ruhe der Jagd und die Engel der Schneider und der Schüler am hellen Tag. Wir wollen uns in dieser Hoffnung trennen, mein Bruder, und dessen mächtig bleiben, was uns nicht umgibt.

(I.Aichinger, Meine Sprache und ich. Erzählungen, FfM 1978)

J.A.M.Whistler: Symphony in White Nr.3

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Isabeau Prévost
J.A.M.Whistler: Symphony in White Nr.3

whistler3

Die dritte „Symphony in White“ zeigt nochmals Joanna Hiffernan, diesmal entspannt auf einem Sofa sitzend, den Arm locker auf die Lehne gelegt, den Kopf denkend in die andere Hand gestützt. Zu ihren Füßen kniet Milly Jones, die Ehefrau eines Freundes. Zwei Jahre hat Whistler an dem Bild gearbeitet, bevor es 1867 in der Royal Academy zu sehen war. Das Bild fand viele Bewunderer, darunter H.Fantin-Latour oder E.Degas. Anders als die beiden ersten Symphonien ist hier die Farbe Weiß moduliert. Von Joannas Kleid, es ist dasselbe wie bei Nr 2, erscheint nur das Oberteil in klarem Weiß, der dünne Rock zeigt, ähnlich dem Sofa, gelbliche Schlieren. Milly Jones Gewand ist ganz in Gelbweiß gehalten, umgeben von grünlichen Schatten und japanischen Pflanzen. Der Fächer am Boden schimmert rötlich. Die Frauen sitzen stumm da, die reden nicht miteinander und sie denken nicht miteinander. Jede sinniert vor sich hin, auch Joanna, die dem Betrachter zugewandt scheint, ist in sich verschlossen. In Whistlers Symphony kehren zwar Motive wieder, der Fächer, die Blumen, das Kleid, die Person, doch die Themen entwickeln sich nicht, sie verharren in der Zeit. So vielfältig die Abschattierungen der Farbe Weiß, es ist die Farbe des Stillstands, der Generalpause, des poetischen Schweigens.

© IP/WS 2016

Swinburne: Before the Mirror

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Zoe Merck
Swinburne: Before the Mirror

swinburne

Whistlers Symphony in White Nr.2 hat Algernon Charles Swinburne zu einem Gedicht inspiriert, das, auf Goldpapier geschrieben, auf dem originalen Bilderrahmen angebracht wurde. Swinburnes (1837-1909) Verse geben ein Beispiel für die unter den englischen Symbolisten beliebte Literaturgattung des Gemäldegedichts. Musik, Lyrik und Bild sollen sich zu einer Art „Gesamtkunstwerk“ zusammenfinden. Doch wie sich Whistlers Gemälde von tieferen Bedeutungen befreit, so schweben Swinburnes Verse jenseits des Bildes dahin. Das Bild sagt weniger, als die Dichtung verkündet. Ob es mehr sagt, als es darstellt, ist ungewiß. Immerhin wechselt Swinburne gelegentlich die Perspektive: da ist das Denken der jungen Geliebten, und da ist das Sinnen der gealterten Frau im Spiegel. Vor allem jedoch spielt Swinburne großzügig mit der Farbe Weiß, dem Weiß der unschuldigen Schneeglöckchen, dem Weiß des Schnees, den die Winde härten, der Hand, die schneeweiß achtlos auf weißem Schnee liegt, dem weißlichen Verblassen der Freuden und Kümmernisse, dem weißen Hals, der das gesenkte Gesicht trägt, dem Weiß der vergehenden Zeit. So vieldeutig ist die Referenz der weißen Farbe, daß sie Whistlers Bildtitel „Symphony in White“ zu rechtfertigen scheint, obwohl das Bild weder weißen Schnee noch das Zerrinnen der weißen Zeit darstellt.

Vor dem Spiegel
(Verse, unter ein Bild geschrieben)
A. Whistler gewidmet

I.

Weiße Rose in rotem Rosengarten
Ist nicht so weiß;
Schneeglöckchen, die um Gnade bitten
   Und vor lauter Angst vergehn,
Weil der scharfe Ostwind bläst
Über ihre jungfräulichen Reihen,
Wechseln nicht wie dies Gesicht von blaß zu
                                        leuchtend hell.

Hinter dem Schleier, verboten,
    Dem Blick entzogen,
Liebe, liegt Kummer dort verborgen,
Liegt Wonne dort?
Ist Freude deine Mitgift oder Gram,
Weiße Rose mit müdem Blatt,
Späte Rose, deren Leben kurz, und vergänglich ihre Liebe?

Weicher Schnee, den harte Winde härten,
   Bis jeder Flocke Biß
Den ganzen blumenlosen Garten fülle,
    Des Blumen schon die Flucht ergriffen
Vor langer Zeit, beim Sommerende,
Und alle Menschen sich vom Fest erhoben,
    Und warmer Westwind sich gen Osten kehrte, und
warmer Tag zu Nacht.

II.

»Komme Schnee, komme Wind oder Donner
     Hoch oben in der Luft,
Ich betrachte mein Gesicht voll Staunen
Ob meines leuchtenden Haars;
Nichts andres beglückt oder bekümmert
Die Rose in ihrem Herzen, das schlägt
    Aus Liebe zu ihren eigenen Blättern und Lippen, die
                                                        sich selbst küssen.

Sie weiß nicht, wer sie geküßt,
     Sie weiß nicht wo,
Bist du der Geist, meine Schwester,
Du weiße Schwester dort,
Bin ich der Geist, wer weiß?
Meine Hand, eine gefallene Rose,
    Liegt schneeweiß auf weißem Schnee, achtlos.

Ich kann nicht erkennen, welche Freuden
    Oder welche Schmerzen es gab;
Welche blassen neuen Lieben und Schätze
     Die neuen Jahre bringen;
Welcher Sonnenstrahl, welcher Regenschauer fällt,
Als Mitgift welcher Gram noch welche Freude;
     Doch eines weiß die Blume; die Blume ist schön.«

III.

Froh, doch nicht außer sich vor Freude,
    Da Freuden vergehn;
Traurig, doch nicht gebeugt von Trauer,
    Da Kummer stirbt;
Tief in dem glänzenden Glas
Sieht sie alle vergaenen Dinge vorüberziehn
     Und all das süße Leben, das einst war, sich niederlegen
                                                       und daliegen.

Glühende Geister von Blumen
   Ziehen dort hernieder, ziehen näher;
Und Schwingen flüchtiger Stunden
     Ergreifen die Flucht und fliegen;
Sie sieht in formlosem Schein,
Sie hört über die kalten Ströme
     Die toten Münder vieler Träume singen und seufzen.

Das Gesicht gesenkt, den weißen Hals erhoben,
    Mit schlaflosem Auge
Sieht sie alte Lieben, die ziellos trieben,
     Sie wußte nicht, warum,
Alte Lieben und verblaßte Ängste
Einen Strom hinuntertreiben, der hört
    Das Fließen der Tränen aller Menschen unter dem
                                              Himmel.“
Ü:Gisela Hönnighausen)
(eine Mitteilung von Zoe Merck, Wolfenbüttel; ZM ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts)
© ZM, WS 2016

J.A.M.Whistler: Symphony in White Nr.2

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Isabeau Prévost
J.A.M.Whistler: Symphony in White Nr.2

whistlersymphony2

Welche Gedanken stellen sich ein, wenn einem aus dem Spiegel das eigene Gesicht anblickt, jedoch um zwanzig Jahre gealtert? Dieser Frage widmete sich J.A.M. Whistler in seinem zweiten Weißbild (1864) von seiner Geliebten Jo Hiffernan. Vor einem Kamin steht die weißgewandete junge Frau, einen japanischen Fächer in der Hand, den Kopf indes abgewandt, so daß kein Betrachter ahnen kann, was sie bewegt. Sie blickt nicht mehr in den Spiegel, denn die Zukunft, die ihr der Spiegel gezeigt hat, spricht nur von der Vergänglichkeit ihrer Jugend und Schönheit. So wendet sie sich vom Ebenbild ab und versinkt in sich selbst. Der Maler jedoch weiß, wie sie in zwanzig Jahren aussehen wird, erschöpft, müde, beschwert.

(aus einer Mitteilung von Isabeau Prévost, Strasbourg. IP ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

© IP,WS 2016

J.A.M.Whistler: Symphony in White Nr.1

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Isabeau Prévost
J.A.M.Whistler: Symphony in White Nr.1

whistlersymphony1

Wenn wir uns schon in symbolischen Sphären bewegen, es finden sich daselbst nicht nur Denkerfiguren, weibliche ebenso wie männliche, sondern auch Variationen zur Farbe Weiß, die auf diesen Seiten ja schon einmal eine gewisse Aufmerksamkeit gefunden hat. Erinnert sei z.B. an die Bildnisse von Whistler, der seine irische Geliebte Jo Hiffernan in weiße Kleider hüllte. Das erste „The White Girl“, auch Symphony in White Nr.1, vom Winter 1861 zeigt die junge Dame mit aufgelöstem Haar, zu ihren Füßen ein Blumensträußchen, Fell und Kopf eines Wolfs. Nach einem Wort des Kunstkritikers Jules Antoine Castagnary hält das Bildnis „jenen beunruhigenden Moment“ fest, „wenn der jungen Frau Zweifel kommen und sie darüber staunt, an sich selbst nicht mehr die Jungfräulichkeit der vorherigen Nacht feststellen zu können.“ Das ist hübsch gesagt für den Zustand der verlorenen Unschuld, den man in dem Bild sehen wollte. Courbet soll das Bild hingegen als ganz und gar unrealistisches Machwerk gesehen haben, als „eine Erscheinung mit einem geistigen Gehalt“. Vielleicht hat er auch an einen weißen Geist gedacht. Der offizielle Salon in Paris und die Royal Academy lehnten das skandalträchtige Bild jedenfalls ab. Der Salon des Refusés zeigte es 1863, zusammen mit dem nicht minder skandalträchtigen Werk Manets Déjeuner sur l´herbe. Auf der Suche nach Vorbildern vermißte man auch, daß das Bild nicht der „Frau in Weiß“ von Wilkie Collins entspräche. Man sieht, im Wirrwarr symbolischer Zuschreibungen kann man sich leicht verirren. Der Maler selbst, James Abbott McNeill Whistler, der Amerikaner in Paris, sagte einfach: „My painting simply represents a girl dressed in white standing in front of a white curtain.“ Anders gesagt: Das Bild ist ein Experiment von Weiß in Weiß.

Prévost

(aus einem Brief von Isabeau Prévost, Strasbourg. IP ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

© IP,WS 2016

G.F.Watts: „Undeutliches Gemurmel“

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Wolfgang Sofsky
G.F.Watts: „Undeutliches Gemurmel“

In der Londoner Tate Gallery wird ein Bild von George Frederic Watts aufbewahrt. Es zeigt eine weibliche Figur mit Flügeln, die den Betrachter unverwandt anstarrt. Der Ausschnitt ihres Kleids ist mit Federn besetzt, der aufgestellte Kragen erinnert an Kostüme von van Dyck. In der Mitte des Kragens sitzt ein Broschenherz, der geflügelte Kopfschmuck gleicht dem Helm des Hermes. Unübersehbar strahlt in der Mitte des Kopfreifs ein weißer Stern auf. Große Flügel ragen im Rücken der Figur empor. In ihrem Schoß liegen Pfeile, welche durch alle Masken und Verkleidungen dringen, und die silberne Trompete, die der Welt die Wahrheit kündet. Aug in Aug thront das Gewissen dem Betrachter gegenüber, das Haupt an eine starke Faust gelehnt, kein Fehlnis entgeht seinen Augen. Stets verharrt es im Dämmerlicht, doch seine feurigen Flügel verleihen ihm unaufhaltsame Macht. Watts wußte lange Zeit nicht, wie er das Bild nennen, geschweige denn, was es überhaupt besagen sollte. Auf „undeutliches Gemurmel“ kam es ihm an, auf symbolische Vieldeutigkeit. Ein Sonett von Walter Crane verleitete ihn dazu, das Bild zuerst „The Soul´s Prism“ zu nennen. Erst 1890, fünf Jahre nach Fertigstellung, fand er die Formulierung „Dweller in the Infinite“, heute heißt es „The Dweller in the Innermost“. Das Gewissen denkt immer, inmitten der Seele wartet es, halb Richter, halb Geistesgespinst.

© W.Sofsky 2016

Prinzip Sicherheit – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Neuerscheinung: Prinzip Sicherheit – Inhalt

prinzipsicherheit

Soeben erschienen:
Prinzip Sicherheit
CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2016.
ISBN-13: 978-1539666714
ISBN-10: 1539666719
br., 162 S.; 8,90 €; 8,00 GBP; 9,80 USD.
zu  beziehen über: Amazon (de, co.uk., com, fr, es, it)

Inhalt

I. Katastrophen 7
Crash – Explosionen – 9/11 – Das Verhängnis – Wille zur Normalität
II. Gefahren, Wagnisse 17
Risiko und Verantwortung – Normale Gefahren
III. Kalkulation und Verleugnung 22
Glück oder Pech – Unwahrscheinliches Unglück
IV. Angst, Mut und Risikolust 27
Alarmstimmung – Lob der Courage – Kultur der Ängstlichkeit – Nischen des Wagemuts
V. Versicherungsgesellschaft 37
Geld gegen Sicherheit – Schuld und Schaden – Das Elend der Sozialkassen
VI. Soziale Komplikationen 44
Rollen, Normen, Phantasien – Vertrauen – Distanz und Verrat – Argwohn – Einsamkeit
VII. Risikowirtschaft 59
Markt und Konkurrenz – Arbeitsmarkt – Wechselfälle des Bankgeschäfts – Auf glattem Parkett – Geld und Charakter
VIII. Sicherheitsstaat 72
Herrschaft und Sicherheit – Staatsgewalt – Rechtssicherheit? – Machträume – Polizei – Der totale Sozialstaat – Ende des Staates?
IX. Kriegsgefahren 85
Gefühle, Kalküle – Krieg der Soldaten – Kriegsrecht –  Der totale Krieg
X. Terror 95
Schauplätze, Motive – Vom Terrorismus zum Terrorkrieg – Herren des Schreckens – Heckenschützen, Geiselnehmer – Selbstmordattentäter – Die Schwäche des Starken – Siege des Schwachen
XI. Frieden und Sicherheit 112
Gleichgewicht der Destruktivkräfte – Der Kalte Krieg – Hegemonie – Das Weltreich – Beschleunigte Staatsbildung?
XII. Freiheit oder Sicherheit 127
Negative Freiheit – Ausnahmezustand – Gefahren der Vorsorge – Totaler Terror
Anmerkungen 141
Krieg und Krise. Nachwort 2016  151

© WS 2016

Rossetti: Penelope

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Wolfgang Sofsky
Rossetti: Penelope

rossettipenelope

Über die Jahrtausende nimmt die umsichtige Penelope stets dieselbe Pose ein, wenn sich ein Künstler ein Bild von ihr ihr zu machen sucht. Wie sie tatsächlich aussah, wissen wir allerdings recht genau. Sie sah weder aus wie Fanny Cornforth noch wie Alexa Wilding oder gar Jane Morris. Nein, in Wahrheit glich sie Ellen Smith, einer jungen Wäscherin von zweifelhafter Tugend und traurigem Schicksal, die in den 1860er Jahren vielen Künstlern Modell saß, darunter Burne-Jones, George Boyce und Dante Rossetti, der sie 1869 als Penelope malte, das Kinn leicht an den Handrücken geschmiegt, in der Linken das Schiffchen mit dem Faden, um das tagsüber gewebte Tuch wieder aufzutrennen, an Odysseus denkend oder an den Maler, dessen Portraits der fatalen Frauen einander so ähneln, daß man, heißen sie nun Lady Lilith, Beata Beatrix, Veronica Veronese, Pandora, Proserpina oder Penelope, glauben möchte, es seien Zwillingsschwestern der Sinnlichkeit gewesen, die ihm über die Jahre Modell saßen.

© W.Sofsky 2016

Penelope und Eurykleia

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Wolfgang Sofsky
Penelope und Eurykleia

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„„Wahrhaftig! Du bist Odysseus, liebes Kind! Und doch erkannte ich Dich nicht eher, ehe ich nicht meinen Herrn ganz betastet hatte!“ (Eu. zu O.)
Sprach es und blickte zu Penelopeia mit den Augen: sie wollte ihr anzeigen, daß ihr eigener Gatte im Hause wäre. Die aber vermochte nicht, zu ihr hinzublicken noch es gewahr zu werden, denn Athene hatte ihr den Sinn abgewendet. Odysseus aber faßte zu und packte sie (Eu.) mit der Hand, der rechten, an der Kehle und zog sie mit der anderen näher zu sich…“

Die erste melancholische Figur in der abendländischen Literatur dürfte die umsichtige Penelope gewesen sein, die Gattin des vermißten Odysseus. Über und über war sie bekümmert über den drohenden Verlust, über die quälende Ungewißheit. Die Sehnsucht ließ ihr das Herz schmelzen; die Übel, welche ihr der Daimon gebracht hatte, die unverschämt drängenden Freier, die Liebestrauer, die Treue zu dem Vermißten, die nächtliche Wehklage, wenn sie das Tuch in den Nähten wieder auflöste, das sie tagsüber gesponnen hatte, all dies härmte sie, beschwerte ihr den Kopf, so daß sie ihn in die Hand stützen mußte. Mehrfach hat man Penelope in der Antike in der Pose der denkenden, trauernden Frau dargestellt: als sie abends dem als Bettler verkleideten Odysseus gegenübersitzt und ihn nicht erkennt, und als ihr die alte Pflegerin Eurykleia, die soeben dem bettelstabigen Odysseus die Füße gewaschen und ihn an der Narbe erkannt hatte, mitteilen wollte, daß der geliebte Gatte im Hause sei, auch da verharrte Penelope in der Haltung der sinnenden Melancholie, wie im 19.Gesang der Odyssee berichtet wird und wie es ein römisches Relief aus dem ersten Jahrhundert vor Chr. zeigt, das im Nationalmuseum, den Thermen des Diokletian, aufbewahrt wird.  Auch Penelope verweist darauf, daß tieferes Denken, das kein Ziel kennt, seinen Ursprung in der Trauer der Seele hat.

© W.Sofsky 2016

Odyssee

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Wolfgang Sofsky
Odyssee

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„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel auch erlitt er Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten. Jedoch errettete auch so nicht die Gefährten, so sehr er es begehrte. Selber nämlich durch ihre eignen Freveltaten verdarben sie, die Toren, die die Rinder des Sohns der Höhe, Helios, verzehrten. Der aber nahm ihnen den Tag der Heimkehr. Davon — du magst beginnen, wo es sein mag — Göttin, Tochter des Zeus! sage auch uns!

Da waren zwar die andern alle, so viele dem jähen Verderben entgangen waren, daheim, dem Krieg entronnen und dem Meere. Diesen allein, den nach der Heimkehr und nach seinem Weib verlangte, hielt die Herrin, die Nymphe zurück, Kalypso, die hehre unter den Göttinnen, in den gewölbten Höhlen, begehrend, daß er ihr Gatte wäre. Doch als nun das Jahr kam unter den umlaufenden Zeiten, in dem ihm die Götter zugesponnen, daß er nach Haus, nach Ithaka, heimkehre, war er auch dort den Kämpfen nicht entflohen, auch nicht unter den Eigenen, den Seinen. Die Götter erbarmte es allgesamt, außer Poseidon: dieser zürnte voll Eifer auf den gottgleichen Odysseus, bevor er in sein Land gelangte.“ (Homer, Odyssee, Erster Gesang, 1-21; Ü: W.Schadewaldt)

Wovon handelt die Odyssee? Von der Suchfahrt des Telemach, der das Schicksal seines Vaters Odysseus zu erkunden unternimmt, von den Irrfahrt des Fürsten und Kriegsveteranen Odysseus, von seinen Liebesaffairen mit Kirke oder Kalypso, vom Streit zwischen Athene, der schützenden Freundin, und Poseidon, dem grimmigen Feind? Von den 24 Gesängen spielen die allermeisten auf Ithaka, der Heimatinsel. Nur in den Gesängen 9-12 erzählt der Held seinen Gastgebern, den Phaiaken, von der Irrfahrt. Das Thema der Odyssee ist die Heimkehr, die äußere und innere Heimkehr eines Kriegers, der nach vielen Leiden in der Ferne aus der Finsternis der Unbekanntheit zurückkehrt in seine Heimat, seinen Palast, zu seinem Sohn, zu seiner Gattin Penelope. Das Drama auf Ithaka, die Tötung der Freier, die seine Frau zur neuen Ehe drängen und sein Eigentum verprassen, die Masken des Ankömmlings, das Wiederkennen, die Annäherung des Fremden, all dies bildet den gesamten zweiten Teil der Odyssee. Das Epos ist kein Abenteuerroman, kein frühes Fantasy-Stück, sondern eine Dichtung über die Rückkehr aus der Fremde in eine Heimat, die selbst schon fremd zu sein scheint.

© WS 2016

Euripides: Wurzeln des Übels

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Wolfgang Sofsky
Euripides: Wurzeln des Übels

euripides

Die Tragödien des Euripides, des Denkers unter den Dichtern, sind dafür bekannt, wenn nicht berüchtigt, daß manche Figuren nicht nur etwas tun, sondern auch sagen, was sie tun. Sie sind so klug wie der Dichter, der sie sprechen läßt. Und zuweilen, inmitten eines Monologs, tritt aus der Figur der Dichter selbst hervor und sagt, wie es sich verhält, mit den Menschen, ihrem Los, ihrer Natur. Ein Exemplum handelt vom Gegensatz von Affekt und Vernunft. Warum tun Menschen das Gute nicht, obwohl sie es sehr wohl kennen? Naive Aufklärer denken, wer das Richtige wisse, der tue es auch; aus dem Wissen vom Richtigen erwachse zwangsläufig richtiges Handeln. Skeptische Aufklärer indes wissen, daß nicht das Wissen, sondern die Lüste und Laster das Handeln bestimmen. Im „Hippolytos“ spricht Phaedra zu den Frauen des Chors, aber es ist, als spräche nicht Phaedra, sondern Euripides:

„Schon früher hab´ich in langen Nächten
Gesonnen, was das Leben uns vergiftet.
Ich finde, daß es am Verstand nicht liegt,
Wenn Menschen fehlgehn (richt´ge Einsicht haben
Ja viele), sondern so muß man es ansehn:
Wir wissen und erkennen wohl das Rechte,
Doch führen wir´s nicht durch, teils nur aus Trägheit,
Teils weil die Lust am Schönen andre Lüste
Ersticken (denn das Leben bringt so viele:
Geschwätz und Müßiggang, ein ergötzliches Übel)
Und Schamgefühle…(375-384)

Nicht nur die Trägheit, auch lange Gespräche, Muße, „ergötzliche Übel“ und Scham rechnet Euripides zu den Lüsten, den Annehmlichkeiten, die vom rechten Handeln abhalten und so das Leben ruinieren. Die soziale Angst der Scham – eine heimliche Lust? Rechte Scham in rechter Zeit, vermittelt sie nicht, wie wohlerzogen, wohlgeraten, wohlmoralisch jemand ist, so daß sich auch mit roten Ohren ein kleines Lustgefühl gewinnen läßt – falls man noch nicht im Boden versunken ist. Und wie schamfrei, schamlos ist man erst, wenn man etwas nicht tut?

© W.Sofsky 2016

Prinzip Sicherheit

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Wolfgang Sofsky
Neuerscheinung: Prinzip Sicherheit
prinzipsicherheit
Soeben erschienen
Prinzip Sicherheit
CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2016.
ISBN-13: 978-1539666714
ISBN-10: 1539666719
br., 162 S.; 8,90 €; 8,00 GBP; 9,80 USD.
Mit neuem Nachwort 2016: Krieg und Krise.
zu  beziehen über:

https://www.amazon.de/Prinzip-Sicherheit-Wolfgang-Sofsky/dp/1539666719/ref=sr_1_13_twi_pap_2?ie=UTF8&qid=1477295629&sr=8-13&keywords=sofsky

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„Sicherheit ist das Grundproblem der menschlichen Gattung. Nirgendwo ist der Mensch ganz sicher. Die Gesellschaft bedroht ihn mit dem sozialen, die Wirtschaft mit dem ökonomischen, Staat, Krieg und Terror mit dem physischen Tod. Angst formt seinen Geist, seine Seele, seine Handlungen. Vom Umgang mit den Gefahren und Risiken handelt dieses Buch, von den institutionellen Vorkehrungen und Strategien, nicht zuletzt von den Illusionen der Fürsorge und Vorsorge. Gegen die Maßnahmen des Sicherheitsstaates plädiert Wolfgang Sofsky für eine entschiedene Verteidigung der Freiheit.“

© WS 2016

Michelangelo: Jeremia

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Wolfgang Sofsky
Michelangelo: Jeremia

michelangelojeremia

In der Cappella Sistina hat Michelangelo unter den Sibyllen und Propheten auch Jeremia verewigt, in der Pose dessen, der letzte Fragen bedenkt. Jeremia ist der Denker der Klage, des Leidens, der pathetischen Anklage – ob des Abfalls des Volkes und des Unheils falscher Götter. Zwiesprache hält er mit dem zürnenden Gott, der keine Verzeihung kennt und seinem Propheten verbietet, sich und seinen Hörern weiter Hoffnungen zu machen. Gelegentlich schweigt Jahwe auch, und der Prophet bleibt mit sich allein. Mit seinem Beruf und seiner Berufung hadert er, mit Ingrimm von seinem Gott erfüllt. Als einer der wenigen erlangt Jeremia Einsicht in die göttliche Verwerfung, in die finale Zerstörung. Sein Dasein ist ihm eine Summe von Mißerfolgen, von Mißachtung, Enttäuschung, Schuld. So gelangt Jeremia, Abkömmling des Stammes Benjamin, zur selben Einsicht wie der griechische Dramatiker Sophokles im „Ödipus auf Kolonos“, wo der Chor, des Menschen Los bedenkend, sagt: „Nicht geboren zu sein, das geht über alles; doch, wenn du lebst, ist das zweite, so schnell du kannst, hinzugelangen, woher du kamest.“ (1224-1227). Nicht anders heißt es im Buche Jeremia (Kp.20: 14, 17,18): „Verflucht sei der Tag, darin ich geboren bin; der Tag müsse ungesegnet sein, darin mich meine Mutter geboren hat!… Daß du mich doch nicht getötet hast im Mutterleib, daß meine Mutter mein Grab gewesen und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäret! Warum bin ich doch aus dem Mutterleibe hervorgekommen, daß ich solchen Jammer und Herzeleid sehen muß und meine Tage mit Schanden zubringen.“

Michelangelo dürften solche Gedanken nicht fremd gewesen sein. Die Figur des Jeremia ist die tragischste Gestalt der Zukunfts- und Weltenseher, ein gewaltiger Greis, der mit gekreuzten Beinen dasitzt, in sich geschlossen und doch scheinbar frei am Ende der Tage. Doch noch immer findet er keine Ruhe, Empfindungsqual beugt ihm das Haupt, ein Arm ist kraftlos in den Schoß gefallen, die Augen starren zur Erde. Der Schmerz wühlt ihn auf, die Gedanken jagen dahin, die Bilder des Unheils, zerschlagene Hoffnungen, leeres Glück. Der mächtige Körper ist noch ungebrochen, doch der Geist bewegt sich jenseits der Gegenwart. Im Grab der Hoffnung erfüllt sich das menschliche Geschick. Keine der Figuren an der sixtinischen Decke ist ruhiger, und keine wirkt überwältigender als der denkende, wissende Prophet.

© W.Sofsky 2016

Günter Eich: Der Gott der Taubstummen

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Wolfgang Sofsky
Günter Eich: Der Gott der Taubstummen

eich

In Günter Eichs Taubstummenhörspiel „Man bittet zu läuten“, telefoniert der Pförtner der Anstalt gelegentlich mit seinen Pilzfreunden, deren Verein er vorsteht. Zwischendurch unterhält er sich mit den Taubstummen, ihre Sprache beherrscht er perfekt. Er teilt den Hörern auch mit, was Taubstumme denken, wenn sie schweigen, eingedenk der Einsicht, daß Menschen, auch wenn sie schweigen, durchaus denken, ja, sogar grundsätzliche, um nicht zu sagen metaphysische Gedanken zu haben pflegen: „Je mehr man redet, desto mehr fällt einem ein. Schweigen ist Dummheit. Oder Atheismus. Die Taubstummen sprechen gegen Gott, deswegen sind sie taubstumm.“ Indes, Taubstumme sprechen nicht gegen Gott, sie schweigen zu Gott, was vermutlich das Allerklügste ist, das in dieser Angelegenheit möglich ist. Sie beten nicht, sie bitten nicht, sie verehren nicht, sie reden auch nicht darüber, sie sagen nichts. Dies bedeutet freilich nicht, daß sie an Gott jemals denken und es bedauern würden, nicht laut mit ihm sprechen zu können. Eher verhält es sich umgekehrt. Da sie nicht mit ihm sprechen, weder laut noch stumm, ist es ihnen auch erspart, an jemanden wie Gott zu denken.

© W.Sofsky 2016

Kant: Die Unfähigkeit zur Theoria – oder der Wille zum Fortschritt

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Wolfgang Sofsky
Kant: Die Unfähigkeit zur Theoria – oder der Wille zum Fortschritt

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1793 erschien von Immanuel Kant eine Verteidigung seiner praktischen Philosophie, der man theoretische Abstraktion und praktische Unbrauchbarkeit vorgehalten hatte: „Über der Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis.“ Im dritten Teil, einer Kritik an Moses Mendelssohn, widmet er sich dem „Verhältnis der Theorie zur Praxis in allgemein philanthropischer, d.i. kosmopolitischer Absicht“. In Wahrheit geht es um den Fortschritt in der Geschichte. Kant will nicht glauben, daß, was den sittlichen Fortschritt anbelangt, die Menschheit im wesentlichen auf der Stelle tritt, eine Einsicht, die sich aus dem weiten Geschichtsblick des unbeteiligten Zuschauers nahezu von selbst ergibt. Ebensowenig will Kant wahrhaben, daß der tragischen und oft tödlichen Possenspiele kein Ende ist. Was nicht sein darf, das ist auch nicht, lautet die fadenscheinige Logik dieser Hoffnung. Nicht einmal das Regime der Guillotine hat Kant von solch unaufgeklärter Hoffnung abgebracht. Da war der Aufklärer Mendelssohn näher an der historischen Wirklichkeit. Nirgends ist eine List der Natur oder der Geschichte erkennbar, die im Rücken der Narren für allmählichen Fortschritt sorgen würde.  Bei Kant indes heißt es:

„Moses Mendelssohn war der letzteren Meinung (Jerusalem, zweiter Abschnitt, S. 44 bis 47), die er seines Freundes Lessings Hypothese von einer göttlichen Erziehung des Menschengeschlechts entgegensetzt. Es ist ihm Hirngespinst: »daß das Ganze, die Menschheit hienieden, in der Folge der Zeiten immer vorwärts rücken und sich vervollkommnen solle. – Wir sehen, sagt er, das Menschengeschlecht im ganzen kleine Schwingungen machen; und es tat nie einige Schritte vorwärts, ohne bald nachher mit gedoppelter Geschwindigkeit in seinen vorigen Zustand zurück zu gleiten.« (Das ist so recht der Stein des Sisyphus; und man nimmt, auf diese Art, gleich dem Indier, die Erde als den Büßungsort für alte, itzt nicht mehr erinnerliche, Sünden an.) – »Der Mensch geht weiter; aber die Menschheit schwankt beständig zwischen festgesetzten Schranken auf und nieder; behält aber, im ganzen betrachtet, in allen Perioden der Zeit ungefähr dieselbe Stufe der Sittlichkeit, das selbe Maß von Religion und Irreligion, von Tugend und Laster, von Glückseligkeit (?) und Elend.« – Diese Behauptungen leitet er (S. 46) dadurch ein, daß er sagt: »Ihr wollt erraten, was für Absichten die Vorsehung mit der Menschheit habe? Schmiedet keine Hypothesen« (Theorie hatte er diese vorher genannt); »schauet nur umher auf das, was wirklich geschieht, und, wenn ihr einen Überblick auf die Geschichte aller Zeiten werfen könnt, auf das, was von jeher geschehen ist. Dieses ist Tatsache; dieses muß zur Absicht gehört haben, muß in dem Plane der Weisheit genehmigt, oder wenigstens mit aufgenommen worden sein.«

Ich bin anderer Meinung. – Wenn es ein einer Gottheit würdiger Anblick ist, einen tugendhaften Mann mit Widerwärtigkeiten und Versuchungen zum Bösen ringen, und ihn dennoch dagegen Stand halten zu sehen: so ist es ein, ich will nicht sagen einer Gottheit, sondern selbst des gemeinsten aber wohldenkenden Menschen höchst unwürdiger Anblick, das menschliche Geschlecht von Periode zu Periode zur Tugend hinauf Schritte tun, und bald darauf eben so tief wieder in Laster und Elend zurückfallen zu sehen. Eine Weile diesem Trauerspiel zuzuschauen, kann vielleicht rührend und belehrend sein; aber endlich muß doch der Vorhang fallen. Denn auf die Länge wird es zum Possenspiel; und, wenn die Akteure es gleich nicht müde werden, weil sie Narren sind, so wird es doch der Zuschauer, der an einem oder dem andern Akt genug hat, wenn er daraus mit Grunde abnehmen kann, daß das nie zu Ende kommende Stück ein ewiges Einerlei sei. Die am Ende folgende Strafe kann zwar, wenn es ein bloßes Schauspiel ist, die unangenehmen Empfindungen durch den Ausgang wiederum gut machen. Aber Laster ohne Zahl (wenn gleich mit dazwischen eintretenden Tugenden) in der Wirklichkeit sich über einander türmen zu lassen, damit dereinst recht viel gestraft werden könne: ist, wenigstens nach unseren Begriffen, sogar der Moralität eines weisen Welturhebers und Regierers zuwider.

Ich werde also annehmen dürfen: daß, da das menschliche Geschlecht beständig im Fortrücken in Ansehung der Kultur, als dem Naturzwecke desselben, ist, es auch im Fortschreiten zum Besseren in Ansehung des moralischen Zwecks seines Daseins begriffen sei, und daß dieses zwar bisweilen unterbrochen, aber nie abgebrochen sein werde. Diese Voraussetzung zu beweisen, habe ich nicht nötig; der Gegner derselben muß beweisen. Denn ich stütze mich auf meine angeborne Pflicht, in jedem Gliede der Reihe der Zeugungen – worin ich (als Mensch überhaupt) bin, und doch nicht mit der an mir erforderlichen moralischen Beschaffenheit so gut, als ich sein sollte, mithin auch könnte – so auf die Nachkommenschaft zu wirken, daß sie immer besser werde (wovon also auch die Möglichkeit angenommen werden muß), und daß so diese Pflicht von einem Gliede der Zeugungen zum andern sich rechtmäßig vererben könne. Es mögen nun auch noch so viel Zweifel gegen meine Hoffnungen aus der Geschichte gemacht werden, die, wenn sie beweisend wären, mich bewegen könnten, von einer dem Anschein nach vergeblichen Arbeit abzulassen: so kann ich doch, so lange dieses nur nicht ganz gewiß gemacht werden kann, die Pflicht (als das Liquidum) gegen die Klugheitsregel, aufs Untunliche nicht hinzuarbeiten, (als das Illiquidum, weil es bloße Hypothese ist) nicht vertauschen; und, so ungewiß ich immer sein und bleiben mag, ob für das menschliche Geschlecht das Bessere zu hoffen sei, so kann dieses doch nicht der Maxime, mithin auch nicht der notwendigen Voraussetzung derselben in praktischer Absicht, daß es tunlich sei, Abbruch tun.“

Der Vorteil und Preis der theoretischen Einstellung aus der Perspektive des unbeteiligten Zuschauers liegt darin, daß sich ihm das Welttheater als das bietet, was es ist. Der praktische, an sittlicher Vervollkommnung interessierte Denker und Dramatiker ist viel zu sehr mit der Erziehung des Menschengeschlechts befaßt, als daß er die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens sehen, geschweige denn einsehen könnte. Die Einstellung der Theoria ist ihm unmöglich. Die Trauer würde ihn lähmen. Daß irgendwann der Vorhang fiele vor diesem statischen Trauerspiel, ist nirgends erkennbar.

© W.Sofsky 2016

Conrad Ferdinand Meyer: Il Pensieroso

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Wolfgang Sofsky
Conrad Ferdinand Meyer: Il Pensieroso

Im Frühjahr 1858 reiste Conrad Ferdinand Meyer nach Italien. Danach widmete er dem Werk Michelangelos mehrere Gedichte, darunter auch dem Grabmal des Lorenzo de´Medici in Florenz.

Il Pensieroso
In einem Winkel seiner Werkstatt las
Buonarotti, da es dämmerte;
Allmählich vor dem Blicke schwand die Schrift …
Da schlich sich Julianus ein, der Träumer,
Der einzige der heitern Medici,
Der Schwermut kannte. Dieser glaubte sich
Allein. Er setzte sich und in der Hand
Barg er das Kinn und hielt gesenkt das Haupt.
So saß er schweigend bei den Marmorbildern,
Die durch das Dunkel leise schimmerten,
Und kam mit ihnen murmelnd ins Gespräch,
Geheim belauscht von Michelangelo:
„Feigheit ists nicht und stammt von Feigheit nicht,
Wenn einer seinem Erdenlos misstraut,
Sich sehnend nach dem letzten Atemzug,
Denn auch ein Glücklicher weiss nicht, was kommt
Und völlig unerträglich werden kann –
Leidlose Steine, wie beneid ich euch!“
(Die Worte stammen aus einem erhalten gebliebenen Sonett Julians)
Er ging, und aus dem Leben schwand er dann
Fast unbemerkt. Nach einem Zeitverlauf
Bestellten sie bei Michelangelo
Das Grabbild ihm und brachten emsig her,
Was noch in Schilderein vorhanden war
Von schwachen Spuren seines Angesichts.
So waren seine Züge, sagten sie.
Der Meister schob es mit der Hand zurück:
„Nehmt weg! Ich sehe, wie er sitzt und sinnt,
Und kenne seine Seele. Das genügt.“

meyer

Kurzerhand tauscht C.F. Meyer die beiden Herzöge Giuliano und Lorenzo aus, deren Überreste in San Lorenzo aufbewahrt werden. Die Verse handeln von der „melancholischen“ Figur des Lorenzo, doch in der Werkstatt des Meisters erscheint Giuliano. Die 28 Blankverse erzählen eine Legende, wie nämlich Michelangelo auf den Gedanken kam, ein gedankenvolles Grabbild zu erschaffen. Trotz lyrischer Stilmittel wie Zeilensprünge, Alliterationen und syndetischen Reihungen nähern sich die Verse der erzählenden Prosa. Sogar historische Präzision wird suggeriert in der eingefügten Anmerkung über das fiktive Sonett Giulianos. Jener erscheint geradezu seelenverwandt mit Michelangelo, dem Schöpfer seines Grabmals und Dichter melancholischer Sonette. Die Vision des Künstlers beginnt in der Dämmerung, wenn die Schrift verschwindet. Der Besucher glaubt sich allein und eröffnet den Marmorbildnissen seine geheimsten Gedanken. Gleich dem Künstler ist Giuliano ein schwermütiger Träumer. Er spricht mit dem Stein, den der Künstler formt. Das Temperament der Melancholie läßt ihn denken, zwingt ihn ins Denken, das Haupt senkt sich, die Hand birgt das schwere Kinn. Wie er in die Werkstatt schlich, so verschwindet er fast unbemerkt vom Ort der Besinnung, und ebenso schwindet er aus dem Leben. Der Meister jedoch verleiht ihm ewiges Leben im steinernen Bild.

© W.Sofsky 2016

Platon: Theoria als Lebensform

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Zoe Merck
Platon: Theoria als Lebensform

plato

Die entsprechende Stelle zu Lenskis Bemerkungen findet sich in Platons Timaios (90b-d):

„Wer nun also in seinen Begierden und ehrgeizigen Bestrebungen lebt und webt, auf sie seine Bemühungen richtet, in dem müssen sich notwendig nur sterbliche Meinungen erzeugen, und er muß durchaus, soweit es überhaupt möglich ist, sterblich zu werden, darin es an nichts fehlen lassen, weil er Derartiges in sich wuchern läßt. Wer dagegen, auf Erweiterung seiner Kenntnisse und Erlangung wahrer Einsichten ernstlich bedacht, diesen Teil seiner selbst vorzüglich übt, von dem ist es, wenn er die Wahrheit berührt, durchaus notwendig, daß er Göttliches und Unsterbliches denkt, und soweit die menschliche Natur es gestattet, der Unsterblichkeit teilhaftig zu werden, daß er davon keinen Teil versäumt; und da er ständig das Göttliche in sich pflegt und den ihm innewohnenden Schutzgeist im besten Zustande erhält, so muß er notwendig vor allen andern glückselig sein. Aber für jegliches gibt es gewiß nur eine und dieselbe Pflege, ihm die demselben angemessene Nahrung und Bewegung zuzuerteilen. Nun sind die dem Göttlichen in uns verwandten Bewegungen die Gedanken und Umschwünge des Weltganzen; diese muß demnach jeder zum Vorbilde nehmen, indem er die bei unserm Eintritt in das Leben irregeleiteten Umläufe in unserem Kopfe dadurch auf die richtigen zurückführt, daß er den Einklang und die Umläufe des Weltganzen erkennen lernt, und muß so dem Erkannten das Erkennende seiner ursprünglichen Natur gemäß ähnlich machen, durch diese Verähnlichung aber das Ziel jenes Lebens besitzen,welches den Menschen von den Göttern als bestes für die gegenwärtige und die künftige Zeit ausgesetzt wurde.“

zoe1

Ehrgeiz verschafft nur flüchtigen Ruhm, denn er verhilft nur zu vergänglichen, kurzsichtigen Einsichten. Sterblichkeit bzw. Unsterblichkeit ist mithin nicht nur von der Art der Gedanken abhängig, sondern auch von der „Einstellung des Lebens“. Der Lohn für Theoria ist sogar Glückseligkeit, sofern die „irregeleiteten Umläufe in unserem Kopfe“ korrigiert, revidiert und auf die richtigen Gedankenwege und -gänge geführt werden: Theoria ermöglicht Gedankenkorrekturen, sie schließt nämlich eine distanzierte Betrachtung seiner selbst ein, bis der Einklang von Selbst und Welt, bis die Harmonie der Welt- und Denkläufe erschaut ist.

(aus einem Brief von Zoe Merck, Wolfenbüttel. ZM ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

© ZM,WS 2016

Theoria und Unsterblichkeit – eine Anmerkung

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Romuald Lenski
Theoria und Unsterblichkeit – eine Anmerkung

Lenski

Der Vorrang des Betrachtens und Denkens vor dem Handeln, zumal vor allen Formen der Arbeit, hat seinen wichtigsten Grund in der Hoffnung auf Unsterblichkeit, zumindest bei den frühen Griechen. Menschen und Götter gleichen einander, obwohl die Götter unsterblich sind. Die Leidenschaft für das Sehen ist ihnen gemeinsam. Vom Olymp herab genießen die Götter das Spektakel der Dinge und Handlungen. Sie denken nicht daran, irgendwelche Welten zu schaffen, Gesetze zu erlassen, Sozietäten zu gründen oder Politik zu treiben, also andere Personen zu regieren. Die Götter schauen nur zu. Sie wurden einst geboren, aber sie sterben nie. In diesem Bewußtsein lassen sie die zahllosen Aufführungen an sich vorüberziehen. Was immer geschieht, ob Gutes oder Böses, ob Schönes oder Häßliches, es ist nur Spektakel. Was ist, ist zum Betrachten da. Dies ist, zugegeben, ein recht komfortable, distanzierte, gelassene, desinteressierte Haltung zur Welt.

An diesem göttlichen Privileg können Menschen teilhaben, indem sie die Anfechtungen und Erfordernisse des Tages einklammern und sich in die Haltung des Schauens versetzen. Nicht der Ruhm, den der Sänger verkündet, verschafft Unsterblichkeit. Lob aus des Sängers Mund sorgt nur für einen Platz im sozialen Gedächtnis. Eine Zeitlang werden die Taten weitererzählt. Doch irgendwann sind auch Achilleus, Odysseus, Solon oder Perikles vergessen. Ruhm vergeht. Wahre „Unsterblichkeit“ vespricht indes die theoretische Einstellung. Der Weise lebt in der Nachbarschaft der Götter. Sein Denken und Wissen befaßt sich mit dem Unvergänglichen, mit dem, das nicht anders sein kann, als es ist, mit dem also, das nicht nicht sein kann. Gedanken über das Unsterbliche verschafft dem Denken Unsterblichkeit. Diese ewigen Gegenstände sind die Ordnung des Kosmos, der Natur, der Gesellschaft, nicht zuletzt die Gesetze der Geschichte. Das ist eine wahrlich kühne Idee. Des Denkens wert und würdig ist nicht das, was sich ändert, sondern das, was in der Veränderung gleich bleibt. Auch wiederkehrende Gesetze des Wandels können invariant sein. Worauf es hier zunächst ankommt, ist folgende Vorstellung: Gedanken über Unvergängliches verleihen dem Denken Unsterblichkeit. Und daran partizipiert auch der Denker. Oder weniger prätentiös: Die theoretische Einstellung verspricht die Erkenntnis zeitlos gültiger Wahrheit. Wer diese in Worte faßt, äußert Aussagen, die unabhängig von Zeitpunkt und Ort der Äußerung gelten. Und wer für derlei Aussagen und Theorien bekannt wird, dem ist ewiger Ruhm gewiß. Deshalb heißt es: „Man soll entweder die Weisheit lieben oder sich sogleich verabschieden.“

(aus einem Brief von Romuald Lenski, Bratislava. RL ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

© RL,WS 2016

Gedankenblitz

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Wolfgang Sofsky
Gedankenblitz

Über dem Türsturz von Heideggers Hütte im schwarzwäldischen Todtnauberg war in griechischen Lettern ein Spruch Heraklits geritzt: „Alles lenkt der Blitz“. Nicht das ewige Feuer, der Blitz erhellt plötzlich Geist und Welt. Unversehens schlägt er ein, taucht für einen Moment das Dunkel rundum in fahlsilbriges Licht, bevor alles wieder in Finsternis versinkt. Der Spruch ist wie ein Orakel. Sichtbar wird der Sinn mit einem Schlag, doch sofort vergeht er wieder. Der Gedankenblitz fährt hernieder, er widerfährt dem Denkenden. Das Denken mag – auch bei künstlicher Beleuchtung im Halbdunkel des Alltags – gemächlich vor sich gehen, als mühsame Arbeit der Erkenntnis. Doch die Einsicht geschieht blitzartig. Bedeutsame Gedanken schlagen ein, verbrennen den Wirrwarr dürrer Halbgedanken, Vermutungen, Dogmen ringsum. Und diese Erleuchtung lenkt das weitere Denken, obwohl sie sofort wieder vergessen wird. Unversehens wird ein neuer Ausweg sichtbar. Gedankenblitze obliegen nicht der Souveränität des denkenden „Subjekts“. Sie ereilen einen und sind sogleich wieder vergangen. Es ist, als würde nicht das Denken den Gedanken hervorbringen, vielmehr scheint „es zu denken“, und das Denken registriert nur, welch lichte Gedanken sich einstellen.

© W.Sofsky 2016

William Carlos Williams: The Thinker

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Wolfgang Sofsky
William Carlos Williams: The Thinker

wcwilliams1921

The Thinker

My wife’s new pink slippers
have gay pom-poms.
There is not a spot or a stain
on their satin toes or their sides.
All night they lie together
under her bed’s edge.
Shivering I catch sight of them
and smile, in the morning.
Later I watch them
descending the stair,
hurrying through the doors
and round the table,
moving stiffly
with a shake of their gay pom-poms!
And I talk to them
in my secret mind
out of pure happiness.

© WS 2016

Thomas Hobbes: Denken ist Rechnen

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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: „Denken ist Rechnen“

thhobbes

Im fünften Kapitel des „Leviathan“ gibt Thomas Hobbes eine unromantische Charakteristik dessen, was das Denken sei. Die Vernunft operiert wie ein Zählwerk, sie addiert, subtrahiert, multipliziert und dividiert Eigenschaften, Behauptungen, Ideen. Denken sei eine Art Rechnen, wobei Menschen  allerhand Fehler machen können – wie Grundschüler in der Arithmetik:

„Denken heißt nichts anderes als sich eine Gesamtsumme durch Addition von Teilen oder einen Rest durch Subtraktion einer Summe von einer anderen vorstellen. Geschieht dies durch Wörter, so ist es ein Vorstellen dessen, was sich aus den Namen aller Teile für den Namen des Ganzen, oder aus den Namen des Ganzen und eines Teiles für den Namen des anderen Teiles ergibt. Und obwohl man in manchen Fällen, wie bei den Zahlen, andere Rechnungsarten als Addieren und Subtrahieren nennt, wie Multiplizieren und Dividieren, so handelt es sich dabei doch um dasselbe, denn Multiplizieren ist nur ein Zusammenzählen von gleichen Dingen und Dividieren ein Abziehen eines Dings sooft wie möglich. Diese Rechnungsarten sind nicht nur Zahlen eigen, sondern allen Arten von Dingen, die zusammengezählt oder auseinander entnommen werden können. Denn wie die Arithmetiker lehren, mit Zahlen zu addieren und zu subtrahieren, so lehren dies die Geometriker mit Linien, festen und künstlichen Figuren, Winkeln, Proportionen, Zeiten, Graden von Geschwindigkeit, Kraft, Stärke und Ähnlichem. Dasselbe lehren die Logiker mit Folgen aus Wörtern, indem sie zwei Namen zusammenzählen, um eine Behauptung aufzustellen, zwei Behauptungen, um einen Syllogismus zu bilden, viele Syllogismen, um einen Beweis zu führen, und von der Summe oder der Schlußfolgerung aus einem Syllogismus ziehen sie eine Aussage ab, um die andere zu finden. Schriftsteller, die über Politik schreiben, addieren Verträge, um die Pflichten der Menschen zu finden, und Richter Gesetze und Tatsachen, um herauszufinden, was bei Handlungen von Privatleuten recht und unrecht ist. Kurz: Wo Addition und Subtraktion am Platze sind, da ist auch Vernunft am Platze, und wo sie nicht am Platze sind, hat Vernunft überhaupt nichts zu suchen.

Auf Grund von allem, was bisher gesagt wurde, können wir definieren, das heißt bestimmen, was mit dem Wort Vernunft gemeint ist, wenn wir sie zu den Fähigkeiten des Geistes rechnen. Denn Vernunft in diesem Sinne ist nichts anderes als Rechnen, das heißt Addieren und Subtrahieren, mit den Folgen aus den allgemeinen Namen, auf die man sich zum Kennzeichnen und Anzeigen unserer Gedanken geeinigt hat. Ich sage Kennzeichnen, wenn wir bei uns selbst rechnen und Anzeigen, wenn wir unsere eigenen Berechnungen anderen beweisen oder darlegen wollen.“

Diese Explikation dessen, was man mit „Denken“ meinen kann, ist keineswegs so abwegig, wie sie sich auf den ersten Blick ausnimmt. Nicht umsonst hat man Hobbes als Vordenker der Künstlichen Intelligenz gehandelt. Denken ist zuerst und im wesentlichen Hinzufügen und Wegnehmen, Unterscheiden und Verbinden. Das Prinzip, so Hobbes, ist stets dasselbe, ob es sich um eine Prädikation, also das Zusprechen oder Absprechen von Eigenschaften, die Klassifizierung von Objekten, die Verknüpfung von Behauptungen, die Addition bzw. Subtraktion von Ideen, die Assoziation von Vorstellungen, Bildern oder Symbolen handelt. Wenn wir sagen, x habe die Eigenschaft F, dann „zählen“ wir x zur Klasse der Objekte hinzu, welche die Eigenschaft F haben. Schon bei der Wahrnehmung von Einzeldingen gelangt dieses Verfahren zur Anwendung. In der Ferne erscheint eine Gestalt und wird nach und nach immer deutlicher. Zunächst sehen wir sie nur schemenhaft und fragen uns, was dies wohl sei. Dann sehen wir immer genauer, daß daß es ein Körper in Bewegung ist, also kein statisches Objekt. Es bewegt sich auf zwei Beinen. Dann erkennen wir eine ungefiederte Figur, sehen Armbewegungen, hören eine Stimme, vernehmen Worte und gelangen so zu der Einsicht, daß es kein Fels, kein Tier, sondern ein ungefiederter Zweibeiner ist, welcher der menschlichen Sprache mächtig ist. Worüber immer gedacht wird, das Denken, welches hier die Wahrnehmung begleitet, operiert stets mit Unterscheidungen, mit dem Hinzufügen und Streichen von Eigenschaften.

© W.Sofsky 2016

Überlegen

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Wolfgang Sofsky
Überlegen

Herr Rudolf denkt über seinen nächsten Urlaub nach: Soll er nach Kreta oder nach Zypern fliegen? Was heißt, über etwas nachzudenken? Steht derjenige, der über etwas nachdenkt, über seinen Gedanken oder über der Sache, über die er nachdenkt? Zweifellos ist dies nicht der Fall. Wer über etwas nachdenkt, befindet sich nicht auf einer höheren Warte, weder gegenüber seinen Gründen noch gegenüber sich selbst. Manchmal heißt „über etwas nachdenken“ dasselbe wie „überlegen“. Man ist noch mit Denken beschäftigt, aber noch zu keinem Ergebnis gelangt. Der Ausdruck besagt, daß man noch unsicher, unentschieden, unentschlossen ist. Ob man bald zu einem Resultat, einem Entschluß kommen wird, ist damit nicht gesagt. Genau genommen besagt diese Redeweise, daß man, wenn man über etwas nachdenkt, gerade nicht über der Sache steht. Wer überlegt, ist nicht überlegen, im Gegenteil. Ohnehin sollte man sich vor räumlichen Lokalisationen des Denkens hüten. Sowenig Gedanken im Kopf sind, sowenig befinden sich die Gedanken über den fraglichen Sachverhalten.

Bedeutet „überlegen“ etwas anderes als „denken“? Auf die Frage, worüber er nachdenke, sagt Herr Rudolf, er denke an an seinen Urlaub, sei aber noch nicht schlüssig, ob er nach Kreta oder Zypern fliegen solle. Die Unentschiedenheit kann man auch so ausdrücken: A überlegt, ob p oder q. Er denkt über Möglichkeiten nach: ob ein Gedanke stimmt oder nicht, ob eine Behauptung zutrifft oder nicht, ob er dies oder jenes tun soll. Es scheint, als sei ein Schlüssel für das Verständnis des Überlegens die Annahme von Alternativen. Würde Herr Rudolf nicht glauben, es gäbe Möglichkeiten, bräuchte er nicht nachzudenken. Anders gesagt: Manchmal ist die Hoffnung, etwas könnte anders sein, nicht nur Anlaß, sondern auch Antrieb des Denkens über p, q etc.

© W.Sofsky 2016

Franz Liszt: Il Penseroso

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Wolfgang Sofsky
Franz Liszt: Il Penseroso

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1837 begann Franz Liszt, damals in Italien unterwegs, mit der Komposition des zweiten Bandes seiner „Pilgerjahre“. Dieser Teil der „Anneés de Pèlerinage“ wurden 1846 veröffentlicht. Liszt verkündete damals die Einheit der Künste. Der Band enthält die drei Petrarca-Sonette, die Dante-Sonate, ein Andante nach Raffael und ein Lento unter dem Eindruck von Michelangelos Grabfigur des Lorenzo de´ Medici in Florenz: „Il Penseroso“. Wie kann Musik das Denken, mit dem sie den unaufhaltsamen Verlauf in der Zeit teilt, in Tönen wiedergeben? Liszt setzt den Denker in eine stetig langsame, punktierte, chromatische Folge. Es spielt Alfred Brendel nach kurzer Einführung:

https://www.youtube.com/watch?v=jskv3FWq_Qo

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Michelangelo: Il Pensieroso

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Wolfgang Sofsky
Michelangelo: Il Pensieroso

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Die Figur des Lorenzo de’ Medici, Herzog von Urbino und Enkel von Lorenzo, il Magnifico, wird häufig als Verkörperung der Vita contemplativa betrachtet, obwohl es keinen Beweis gibt, daß Michelangelo das idealisierte Portrait so gemeint hätte. Mit dem realen Lorenzo hat die Figur wenig gemein. Jener befehligte eine Zeitlang die päpstliche Armee, ihm widmete Machiavelli den „Principe“. Nun sitzt er da, in der Grabeskapelle der Medici, in der Uniform römischer Legionäre, auf dem Kopf ein Raubtierhelm. Der rechte Arm dreht sich nach außen und ist auf den Oberschenkel abgelegt. Die linke Hand umschließt ein Tuch, zwischen Daumen und Zeigefinger stützt sich das Kinn ab. Der Ellbogen ruht auf einer Geldkassette, die von der grimmigen Maske einer Fledermaus bewacht wird. Die Beine sind angezogen und über kreuz, so daß sich die Figur unmöglich erheben könnte, ohne zuvor die Stellung der geharnischten Beine zu verändern. Lorenzo ist fern jeder Handlung, jeder Tat. Auf dem Sarkophag ruhen Aurora und die Abendröte, die Allegorien der Dämmerung, des Übergangs von Tag und Nacht. Lorenzo, dessen Gesicht durch den Helm verschattet ist, blickt – die Pupillen fehlen – hinüber zur Madonna und den Heiligen. Die Schultern sind etwas zurückgenommen. Er hält auf Abstand zur Gegenwart in der Gegenwart. Aber er träumt nicht, dämmert nicht vor sich hin und ist auch nicht in sich selbst versunken. Er denkt nach.

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Lukian: Die Panik der Götter

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Wolfgang Sofsky
Lukian: Die Panik der Götter

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Was würde mit den hohen Göttern auf dem Olymp geschehen, wenn keiner mehr an sie glauben würde? Was würde mit Allah, Jahwe, Gottvater, Mutter, Sohn und  Geist auf diesem oder jenem Wüstenberge geschehen, wenn niemand an ihre Existenz glauben, keine Worte oder Gaben mehr an sie richten würde, diese Frage stellte sich dereinst Jupiter, als er eine große Menge Volks zusammenstehen sah, die dem Streit zweier Philosophen lauschten. So erschrocken war Jupiter über die Aussicht, nur mehr von Ungläubigen umringt zu sein, daß er eilends alle Götter zusammenrief, um zu beraten, was man noch tun könne. Lukian, der Vorspötter aller Nichtgläubigen, hat im „Tragischen Jupiter“ die Panik der Götter angesichts gottloser Zeiten hellsichtig beschrieben.

„Unter solchen Gedanken“, berichtet Jupiter seinen Göttern, „war ich bis vor die Bilderhalle gekommen, als ich hier eine große Menge Volks beisammen sah, wovon einige in der Halle selbst, die meisten unter freiem Himmel standen; auch hörte ich, wie ein Paar Männer, die auf erhöhten Plätzen sehr laut sprachen und sich gewaltig ereiferten. Ich vermuthete sogleich sehr richtig, daß es Philosophen von der Gattung der Zänker seyn würden, und bekam Lust, näher hinzuzutreten und zu hören, wovon die Rede wäre. Da ich eine Wolke von der dichten Sorte angenommen hatte, so konnte ich mich ungesehen in die Gestalt dieser Leute verwandeln, und mittelst eines langen Bocksbartes mir das Ansehen von einem vollkommenen Philosophen geben. Nun machte ich mir mit den Ellbogen Platz durch die Menge, und trat ein, ohne daß man wußte, wer ich war. Dort fand ich den verwünschten Schurken, den Epikuräer Damis, der in einem heftigen Streit mit dem Stoiker Timokles, einem sehr braven Mann, begriffen war. Timokles schwitzte über und über, und hatte sich schon fast die Lunge aus dem Leibe geschrieen. Damis aber, mit einem teuflischen Lächeln, hetzte den guten Timokles nur noch mehr.

Der Gegenstand ihres ganzen Streites waren wir. Der verfluchte Damis behauptete nämlich, wir übten keine Vorsehung über die Menschen aus, und kümmerten uns gar nicht um das, was auf Erden vorginge; ja seine Behauptungen liefen deutlich genug darauf hinaus, daß wir überall gar nicht existierten. Und es waren Leute genug da, die ihm sogar noch Beifall gaben. Timokles, der unsere Sache verfocht, that, was in seinen Kräften stand, gerieth in einen schrecklichen Eifer, und stritt mit allen Waffen für uns, indem er unsere Fürsorge für die Welt rühmte, und ausführlich zeigte, wie wir alles im schönsten Zusammenhang und in der vollkommensten Ordnung einrichteten und regierten. Auch er hatte mehrere auf seiner Seite, die ihm beistimmten. Allein der wackere Mann war bereits ganz erschöpft, und konnte kein lautes Wort mehr hervorbringen, so daß die Menge schon anfing, nur dem Damis zuzuhören. Ich, der die Größe der Gefahr erkannte, befahl der Nacht, sich über die Versammlung zu lagern und sie auseinander gehen zu machen. Sie gingen also, nachdem sie eins geworden waren, am folgenden Tage die Untersuchung zu beendigen. Ich schloß mich der Menge an, und hörte, wie sie im Nachhausegehen unter einander Vieles zum Lobe des Damis sprachen, und wie wirklich bei weitem die Mehrzahl geneigt war, seine Ansichten zu theilen. Freilich gab es auch einige, die nicht so voreilig die andere Partei verurtheilen, sondern abwarten wollten, was Timokles am folgenden Tage vorbringen würde.

Dies ist es also, weswegen ich Euch zusammen berufen habe, gewiß eine Sache von nicht geringer Bedeutung, wenn ihr bedenkt, daß all’ unsere Ehre, unser Ansehen und unser Einkommen allein auf den Menschen beruht. Wenn diese sich den Glauben beibringen lassen, entweder daß es überhaupt keine Götter gebe, oder wenigstens, daß es mit unsrer Fürsorge und Regierung Nichts sey, so wird es auch mit den Opfern, Geschenken und Ehrenbezeugungen auf der Erde ein Ende haben; und wir sitzen am Ende müßig und hungrig auf unsrem Olymp, weil es keine Feste, keine Spiele, keine Opfer, keine Nachtfeiern und Prozessionen mehr gibt. Bei dieser so großen Wichtigkeit der Sache also habt Ihr Alle gemeinschaftlich auf ein Mittel zu denken, wie Timokles den Streit gewinnen und seine Meinung als die wahre erscheinen, Damis hingegen bei allen Zuhörern zum Gelächter werden möchte. Denn ich gestehe, ich traue es diesem Timokles doch nicht zu, daß er für sich allein den Sieg davon tragen werde, wenn ihm nicht von unsrer Seite einiger Beistand geleistet wird.“

Kurzum: die Götter finden die Gründe, die für ihre Existenz sprechen, derart dürftig, daß sie ihrem Anwalt und Fürsprecher Timokles keinen Sieg im rationalen Diskurs zutrauen, weswegen sie in ihrer Panik erwägen, zu anderen, nichtdiskursiven Mitteln zu greifen.

© W.Sofsky 2016

Freud: Religion – Wunsch und Illusion

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Wolfgang Sofsky
Freud: Religion – Wunsch und Illusion

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In seiner religionskritischen Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ von 1927 verweist Sigmund Freud nicht nur auf die kindliche Hilflosigkeit, die Menschen glaubensanfällig macht. Unbedingt und untilgbar ist auch die blinde Sehnsucht  nach Schutz und inniger Geborgenheit. Religionen, gleich welcher Art, gründen nicht auf Erfahrung oder Nachdenken, „es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche.“ Seinem Status und Range nach haben diese Vorstellungen eine gewisse Ähnlichkeit mit Wahnideen. Je ferner die Erfüllung des Wunschs, desto beharrlicher wird an die Illusion geglaubt. Je dürftiger die Gründe, desto stärker der Dogmatismus und der Ritualismus in trauter Gemeinschaft. Je weniger Antworten von höherer Stelle, desto häufiger und nachdrücklicher das Gebet. Je fadenscheiniger die Illusion, desto brachialer die Wut auf alle, welche die Illusion als das entlarven, was sie ist, als Illusion eben. Was aber ist eine Illusion? Von Irrtümern und Täuschungen ist sie sehr wohl zu unterscheiden.

„Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, daß sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das unwissende Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, ebenso die einer früheren ärztlichen Generation, daß die Tabes dorsalis (Rückenmarkschwindsucht, WS) die Folge von sexueller Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deutlich. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben, den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee, aber sie scheidet sich, abgesehen von dem komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von dieser. An der Wahnidee heben wir als wesentlich den Widerspruch gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion muß nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im Widerspruch mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann sich z. B. die Illusion machen, daß ein Prinz kommen wird, um sie heimzuholen. Es ist rnöglich, einige Fälle dieser Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und ein goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger wahrscheinlich; je nach der persönlichen Einstellung des Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee klassifizieren. Beispiele von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchemisten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können, könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold, soviel Gold als möglich zu haben, ist durch unsere heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der Metalle in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen also einen Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet.“

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Gottlob Frege: Gedanken denken

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Wolfgang Sofsky
Gottlob Frege: Gedanken denken

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1918 publizierte Gottlob Frege in den „Beiträgen zur Philosophie des Deutschen Idealismus“ den bahnbrechenden Aufsatz „Der Gedanke“.  Darin wird erläutert, was man mit dem Wort „Gedanke“ meinen kann und was man mit Gedanken zu tun pflegt. Das Denken, so heißt es hier, ist das „Fassen eines Gedankens“. Dies ist eine erstaunliche, aber auch irreführende Formulierung. Sie besagt nicht, man würde zuerst denken und käme dadurch auf einen Gedanken. Und sie besagt auch nicht, das Denken bestimme sich dadurch, daß es einen Gedanken „ergreift“. Weder geht das Denken dem Gedanken noch der Gedanke dem Denken voraus. Es gibt keine Gedanken, die umherschweben, um vom Denken erhascht zu werden.  Es verhält sich vielmehr so: Denken ist: einen Gedanken haben. Man denkt, wenn man einen Gedanken hat. Der Gedanke ist das, was man denkt. Wer nicht denkt, hat keinen Gedanken, er ist gedankenlos. Wer denkt, muß nicht notwendigerweise klar denken. Wer unklar denkt, der hat einen unklaren Gedanken, den er, so ist zu hoffen, durch weiteres Denken, durch weitere Gedanken also, nach und nach in einen klaren – und wahren – Gedanken verwandelt. Zum weiteren Nachdenken über das, was wir mit Gedanken tun, eine Passage Freges:

„Um das, was ich Gedanken nennen will, schärfer herauszuarbeiten, unterscheide ich Arten von Sätzen. Einem Befehlssatze wird man einen Sinn nicht absprechen wollen; aber dieser Sinn ist nicht derart, daß Wahrheit bei ihm in Frage kommen könnte. Darum werde ich den Sinn eines Befehlssatzes nicht Gedanken nennen. Ebenso sind Wunsch- und Bittsätze auszuschließen. In Betracht kommen können Sätze, in denen wir etwas mitteilen oder behaupten. Aber Ausrufe, in denen man seinen Gefühlen Luft macht, Stöhnen, Seufzen, Lachen rechne ich nicht dazu, es sei denn, daß sie durch besondere Verabredung dazu bestimmt sind, etwas mitzuteilen. Wie ist es aber bei den Fragesätzen? In einer Wortfrage sprechen wir einen unvollständigen Satz aus, der erst durch die Ergänzung, zu der wir auffordern, einen wahren Sinn erhalten soll. Die Wortfragen bleiben hier demnach außer Betracht. Anders ist es bei den Satzfragen. Wir erwarten „ja” zu hören oder „nein”. Die Antwort „ja” besagt dasselbe wie ein Behauptungssatz; denn durch sie wird der Gedanke als wahr hingestellt, der im Fragesatz schon vollständig enthalten ist. So kann man zu jedem Behauptungssatz eine Satzfrage bilden. Ein Ausruf ist deshalb nicht als Mitteilung anzusehen, weil keine entsprechende Satzfrage gebildet werden kann. Fragesatz und Behauptungssatz enthalten denselben Gedanken; aber der Behauptungssatz enthält noch etwas mehr, nämlich eben die Behauptung. Auch der Fragesatz enthält etwas mehr, nämlich eine Aufforderung. In einem Behauptungssatz ist also zweierlei zu unterscheiden: der Inhalt, den er mit der entsprechenden Satzfrage gemein, hat und die Behauptung. Jener ist der Gedanke oder enthält wenigstens den Gedanken. Es ist also möglich, einen Gedanken auszudrücken, ohne ihn als wahr hinzustellen. In einem Behauptungssatze ist beides so verbunden, daß man die Zerlegbarkeit leicht übersieht. Wir unterscheiden demnach

  1. das Fassen des Gedankens — das Denken,
    2. die Anerkennung der Wahrheit eines Gedankens — das Urteilen
    3. die Kundgebung dieses Urteils — das Behaupten.

Indem wir eine Satzfrage bilden, haben wir die erste Tat schon vollbracht. Ein Fortschritt in der Wissenschaft geschieht gewöhnlich so, daß zuerst ein Gedanke gefaßt wird, wie er etwa in einer Satzfrage ausgedrückt werden kann, worauf dann nach angestellten Untersuchungen dieser Gedanke zuletzt als wahr erkannt wird. In der Form des Behauptungssatzes sprechen wir die Anerkennung der Wahrheit aus. Wir brauchen dazu das Wort „wahr” nicht. Und selbst, wenn wir es gebrauchen, liegt die eigentlich behauptende Kraft nicht in ihm, sondern in der Form des Behauptungssatzes, und wo diese ihre behauptende Kraft verliert, kann auch das Wort „wahr” sie nicht wieder herstellen. Das geschieht, wenn wir nicht im Ernste sprechen. Wie der Theaterdonner nur Scheindonner, das Theatergefecht nur Scheingefecht ist, so ist auch die Theaterbehauptung nur Scheinbehauptung. Es ist nur Spiel, nur Dichtung. Der Schauspieler in seiner Rolle behauptet nicht, er lügt auch nicht, selbst wenn er etwas sagt, von dessen Falschheit er überzeugt ist. In der Dichtung haben wir den Fall, daß Gedanken ausgedrückt werden, ohne daß sie trotz der Form des Behauptungssatzes wirklich als wahr hingestellt werden, obwohl es dem Hörer nahegelegt werden mag, selbst ein zustimmendes Urteil zu fällen. Also auch bei dem, was sich der Form nach als Behauptungssatz darstellt, ist immer noch zu fragen, ob es wirklich eine Behauptung enthalte. Und diese Frage ist zu verneinen, wenn der dazu nötige Ernst fehlt. Ob das Wort „wahr” dabei gebraucht wird, ist unerheblich. So erklärt es sich, daß dem Gedanken dadurch nichts hinzugefügt zu werden scheint, daß man ihm die Eigenschaft der Wahrheit beilegt.“

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Denken an…

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Wolfgang Sofsky
Denken an…

Herr Rudolf denkt an Frau Rudolf, die gerade in Hamburg weilt. Wie kommt Frau Rudolf in den Gedanken von Herrn Rudolf? Offenbar ist Frau Rudolf nicht anwesend, sie ist in Hamburg. Wie also kommt ein Sachverhalt, der nicht gegenwärtig ist, in die Gedanken von jemandem? Wie wurde Frau Rudolf in den Kopf von Herrn Rudolf hineinbefördert? Die Lösung ergibt sich durch einfaches Nachdenken. Personen, an die wir denken, sind sowenig im Kopf wie in den Gedanken. Frau Rudolf läuft nicht im Kopf von Herrn Rudolf herum, sondern geht den Jungfernstieg entlang. Und auch wenn Herr Rudolf gerade daran dächte, daß seine Ehefrau den Jungfernstieg entlang ginge, dann wäre der Jungernstieg nicht in seinem Kopf, sondern in Hamburg. Weder Personen noch Ereignisse, an die Herr Rudolf denkt, sind in seinen Gedanken.

© W.S 2016

Dürer: Melancholia

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Wolfgang Sofsky
Dürer: Melancholia

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Über Dürers berühmten Kupferstich  „Melencolia I“ bemerkte Robert Burton (Anatomy of Melancholy, 1621): „Albrecht Dürer paints melancholy like a sad woman leaning on her arm with fixed looks, neglected habit, &c., held therefore by some proud, soft, sottish, or half-mad, …: and yet of a deep reach, excellent apprehension, judicious, wise and witty“. Gar Gegensätzliches fasse das Bildnis des bekümmerten Engels zusammen: Weisheit, Besonnenheit, Verwirrung, Trauer, Stolz und eine gewisse Verwahrlosung seiner selbst. Zahllose Zeichen erkennt der aufmerksame Betrachter: Zirkel, Tintenfaß, ein Rhomboeder, ein Hund, ein Putto, die Fledermaus, das Banner tragend, Meer, Himmel und Komet,  eine Geldbörse, ein Schlüsselbund, Nägel, eine Sanduhr und vieles mehr.  Betreibt die Schwermut Geometrie oder Astronomie, Erdenkunde oder Weltkunde? Ist das Bild ein Trostbild, ein Warnbild oder ein Selbstbild des Künstlers? Den ikonologischen Deutungen, die sich bei Warburg, Panofsky, Saxl und anderen nachlesen lassen, sei hier nichts hinzugefügt. Aber der schwere Engel mit dem verschattet dunklen Antlitz stützt sein Haupt auf die geballte Faust und starrt unverwandt in die Welt, ohne daß sich die auseinanderstrebenden Sehachsen an ein Ereignis oder ein Objekt heften würden. Das Weiß der Augäpfel tritt deutlich aus dem schwärzlichen Gesicht hervor. Der Engel ist nicht träge, sinniert nicht in sich hinein, er schaut ins Leere. Nicht im Zustand der Ermattung oder des Halbschlafs ist er. Das Tun ist ihm sinnlos geworden. „Überwach“ kann man den Ausdruck seiner Miene schwerlich nennen. Melancholia ist keine nervöse Erschöpfung. Die Faust konzentriert alle Handlungskraft, der leuchtende Blick vereint alle Seh- und Sinneskraft. Doch zielt sie nur mehr ins Nichts. Durch unaufhörliches Denken, Sehen und Forschen ist der Engel in Erstarrung geraten, in lähmende Kristallisation.

© W.Sofsky 2016

Theoria

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Theoria

Daß die Theoria, jene schauende Beschäftigung, die, angereichert mit der einen oder anderen Spekulation, recht betrieben, es den olympischen Göttern gleichzutun versucht, ist gewiß eine hybride Idee, eine Anmaßung. Doch diese Idee ist etwas ganz anderes als jene der christlichen Kontemplation, die meint, mit den Göttern selbst ins Gespräch oder zumindest in Kontakt zu kommen. Man muß seine Götter schon recht erniedrigt haben, um zu glauben, mit ihnen reden oder ihnen gefallen zu können. Und daß sie gar selbst in Erscheinung treten, wenn man sich aller anderen, zumal gottfernen und sündigen Gedanken entledigt hat, das kann nur glauben, wer das Denken zugunsten einer einzigen fixen Idee verabschiedet hat, daß nämlich die Götter entweder schon irgendwie in einem selbst wohnen oder zumindest die Neigung haben, in einem Wohnung zu nehmen. Warum sollten sie sich solcher Torheit überlassen?

Theoria dagegen ist eine ganz und gar areligiöse Aktivität. Sie zielt nicht auf vermeintliche Offenbarung, sondern auf die Einsicht in das Wesen der Dinge, in die Universalien oder auch Invarianten der Welt. Solche Einsicht stellt sich, so die Idee dieser methodischen Lebensführung, ein, wenn man sich den Sachen selbst widmet und wenn sich inmitten der Phänomene, der Erscheinungen, der vielen Variationen entweder nach und nach oder aber plötzlich, in einem Augenblick, die Strukturen abzeichnen.

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Aristoteles: Theoria

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Aristoteles: Theoria

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Was Aristoteles genau unter „Theoria“ verstand, ist unter Interpreten der Nikomachischen Ethik 10,7-8 keineswegs unumstritten. Womöglich meinte er eine Lebensform tätigen Schauens und Nachdenkens, welche die Sachverhalte in Ruhe betrachtet, aufgrund zuhandenen Wissens versteht und hin und wieder zu einer bleibenden, gültigen, „höheren“ Einsicht gelangt, die man vorher nicht hatte. Emsiges Studieren ist damit ebenso wenig gemeint wie der Test von Hypothesen, die endlose Lektüre mittelmäßigen Schrifttums oder die meditative Phantasie, welche hinab in imaginäre Welten führt. Wie  moralisch oder amoralisch diese Lebensform ist, ist unter den Schriftgelehrten gleichfalls umstritten. Verrufen ist die Theoria indes unter allen Aktivisten, die das Handeln, Lernen, Arbeiten, Reden, Entscheiden in den Mittelpunkt des Lebens gerückt haben. Theoria ist einzig auf Wahrheit aus und hat keinen Zweck. Sie ist für nichts da, sie genügt sich selbst. Weisheit ist ein Zustand des Glücks, und wer in die Nähe dieses Zustands gelangt, der gelangt in die Nähe des Olymp.

„Daß aber das vollkommene Glück ein Leben der aktiven geistigen Schau ist, wird auch von folgender Überlegung her deutlich: wir stellen uns vor, daß die Götter im höchsten Sinne selig und glücklich sind. Nun, welche Art von Handlungen haben wir ihnen beizulegen? Etwa Akte der Gerechtigkeit? Wird es nicht ein lächerliches Bild ergeben: die Götter bei Handelsgeschäften, bei der Rückgabe von hinterlegtem Gut und so weiter? Oder Akte der Tapferkeit, Aushalten in Gefahr und Wagnis um des Ruhmes willen? Oder Akte der Großzügigkeit? Wem sollten sie denn etwas schenken? Ein unmöglicher Gedanke, daß die Götter Geld oder dergleichen in Händen haben. Und wie sollten wir uns bei ihnen Akte der Besonnenheit vorstellen? Wäre es nicht geschmacklos sie zu preisen, wo sie doch keine schlechten Begierden haben? Und wenn wir alles der Reihe nach durchehen, so zeigt sich, daß Detail-Vorstellungen von einem Handeln der Götter kleinlich und ihrer unwürdig sind. Und doch ist es eine allgemeine Annahme, daß die Götter leben und folglich auch, daß sie wirken. Denn man kann sich nicht denken, daß sie schlafen wie Endymion. Wenn man nun aber einem lebenden Wesen das Handeln und mehr noch das Hervorbringen nimmt, was bleibt dann anderes übrig als die reine Schau? So muß denn das Wirken der Gottheit, ausgezeichnet durch höchste Seligkeit, ein reines Schauen sein. Und folglich hat jenes menschliche Tun, das dem Wirken der Gottheit am nächsten kommt, am meisten vom Wesen des Glücks in sich.“

Nur in Paranthese sei vermerkt, daß die olympischen Götter, anders als die Eingötter aus der orientalischen Wüste, die soviel Unheil angerichtet haben, nicht im Traume daran denken, sich in irdische Angelegenheiten einzumischen. Solche Niederungen sind ihnen aus gutem Grunde fremd. Sie sind glücklich, weil sie sich mit Theoria begnügen. Und sie sind selig, weil sie keine Menschen sind, weil sie nicht arbeiten, nicht kämpfen, nicht handeln. Daß antike Schriften häufig von den Erdenbesuchen einzelner Götter erzählen, ist eben nichts als Mythos und Literatur, nichts sonst. Doch lügen die Dichter vieles. Aber es ist keine Literatur, den Zustand der Theoria und Eudaimonia in eine Welt jenseits profaner Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit oder Großzügigkeit zu rücken.

© W.Sofsky 2016

Denklast

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Wolfgang Sofsky
Denklast

Woran kann man den Schmerz des Denkens erkennen? Wie alle inneren Vorgänge und Zustände ist das Denken nicht sichtbar. Man mag auf MRT-Bildern sehen, daß manche Gehirnareale gerade aktiv sind, aber erkennt man daran einen Gedanken? Über die Jahrtausende behalf sich die Menschheit mit dem Reden. Man glaubte, daß das, was einer denke, dasselbe sei wie das, was er sage. Viele Menschen glaubten, indem sie miteinander sprächen, tauschten sie ihre Gedanken aus, ja, sie kämen durch solches Reden sogar auf neue Gedanken. Ohnehin sei das Denken nichts anderes als eine Art inneres Reden. Was man mit anderen tue, das tue man auch in sich selbst. Und daher, so die beliebte Verwechslung von Genese und Struktur, müsse der Mensch erst mit anderen reden, um mit sich selbst denken zu können.

Manche Denker kamen auf die Idee, jeder Satz enthalte, sofern er überhaupt etwas enthalte, einen Gedanken. Sätze ohne Gedanken seien undenkbar. Andere Denker vertraten wortreich die Idee, Gedanken hätte man überhaupt nur, sofern man auch Sätze zu bilden verstehe. Die Logik der Sprache sei dasselbe wie die Logik des Denkens, der Vernunft. Kein Geist ohne Sprache, ohne „Kommunikation“ war der Hauptgedanke, der solange wiederholt wurde, bis sich der Gedanke im Gerede verflüchtigt hatte.

Wieder andere Denker wiesen auf einige Ungereimtheiten hin. Es gebe erstens Menschen, die mit sich alleine denken, ohne mit anderen zu reden. Auch der Stumme, der nie einen Satz sage, sei offenbar des Denkens fähig. Ein Satzaustausch seit mitnichten ein Gedankenaustausch, da die allermeisten Sätze überhaupt keinen Gedanken enthalten. Ohnehin werde die Bedeutung der Sprache maßlos überschätzt. Die meisten Menschen denken – Gottseidank –,  ohne etwas zu sagen. Es entstünde ein akustisches Chaos, wenn jeder, der gerade einen Gedanken hätte, diesen auch sagen würde. Ohnehin seien Menschen stets imstande, etwas anderes zu sagen als sie denken, so daß man also vermittels wohlgesagter Sätze gar nicht wissen könne, was einer denke, ja, ob er sich beim Reden überhaupt etwas gedacht habe.

Da die Sprache Schmerz und Geheimnis des Denkens nicht zu entschlüsseln vermochte, kamen andere Menschen, die es weniger mit dem Ohr als mit dem Auge hielten, frühzeitig auf den Gedanken, nicht Sätze oder Laute, sondern Gesten und Bilder vermöchten Gedanken zu zeigen. Ob einer denke, zeige sich in seinem Gesicht, in der Mimik, im unwillkürlichen Ausdruck oder aber in den Bewegungen und Haltungen des Körpers, in den Gesten. Zwar könne man denken im Gehen oder Stehen, im Sitzen oder Liegen, doch wahrhaft tiefe Gedanken, die aus den Untiefen der Seele aufstiegen oder dahin hinabführten, solche Gedanken, welche Geist und Gemüt beschwerten, ließen sich an jener Haltung ablesen, die seit Jahrtausenden und auf allen Kontinenten unter Menschen üblich sei. Der schwere Kopf bedürfe der Stütze, er lege sich in die Hand, die wiederum, derart belastet, einer Stütze bedürfe, so daß sich der durch Schmerz und Tiefsinn beschwerte Arm auf dem Knie, einer Lehne oder Tischplatte abstützen müsse. Tiefe Gedanken über die Welt, die Geister und Götter, tiefe Gedanken auch, an denen sich allerhand mißliche Gefühle anzuheften pflegen, benötigten einer physischen Stütze. Neben tiefen Denkern wie Saturn oder Satan, Jeremias oder Hiob, Robert Burton oder Dr. Gachet, benötige sogar Acedia, jene verfemte Trägheit, die keinen Gedanken mehr zulasse, der körperlichen Unterstützung. Und gar Melancholia, die große Trauer und Verzweiflung, die oft nur einen einzigen Gedanken, eine fixe Idee kenne, diese Kopfhängerei kreise stets in sich selbst und könne nicht mehr aus sich  heraus. Sie drücke den Kopf so steinschwer hinab, daß er von der Hand oder geballten Faust gestützt werden müsse.

Die Geste des aufgestützten Kopfes, der schützenden Hand an Wange oder Kinn, bezeugt mithin, daß es dem Menschen gleichermaßen beschwerlich zu sein scheint, tiefe Gedanken, einen einzigen oder gar keinen Gedanken zu haben. Jeder dieser inneren Zustände ist gleichermaßen Mühe, Schmerz und Last.

© W.Sofsky 2016

Demokleides

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Wolfgang Sofsky
Demokleides

demokleides

Der Hoplit Demokleides, Sohn des Demetrios, wurde 394 a.Chr. bei der Seeschlacht von Korinth getötet. Eine attische Grabstele, die in Athen aufbewahrt wird, zeigt ihn in sinnierender Haltung am Bug des Schiffes hockend. Helm und Schwert sind hinter ihm abgelegt. Worüber denkt der Tote nach? Denkt er an den Krieg, den tödlichen Hieb, an das Sinken der Triere, an seine Mitstreiter, seine Familie, an die Ungerechtigkeit des frühen Tods, das vergeudete Leben, oder denkt er an nichts? Schwer liegt der Kopf in der Hand, der Ellbogen stützt sich auf dem Knie ab.

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Pythagoras: Lob des Zuschauers

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Wolfgang Sofsky
Pythagoras: Lob des Zuschauers

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Von Pythagoras, dem Begründer der Zahlentheorie, dem Entdecker der musikalischen Harmonie, der die Kugel  für den schönsten Körper und den Kreis für die schönste Fläche hielt und den manche späten Deuter für eine Art Schamanen hielten, der einen Kreis von Anhängern und Nachahmern um sich scharte, von jenem Pythagoras mithin ist eine Legende überliefert, die lange vor Platon und Aristoteles vom Wert des Bios theoretikos spricht. Auf die Frage des Tyrannen von Phlius, wer und was er sei, soll Pythagoras geantwortet haben: „Philosoph“. Das Leben gleiche einem großen Jahrmarkt, so fügte er hinzu, wohin die einen als Wettkämpfer, die anderen als Händler, die besten jedoch als Zuschauer kämen. So seien im Leben die einen geborene Sklaven, unterwürfig auf Ruhm oder Reichtum bedacht. Den anderen indes, den Philosophen, den Zuschauern, ginge es um die Wahrheit. Ruhm-, Anerkennungs-, Hab- oder Machtsucht zeugten von sklavischer Gesinnung. Im Interesse an der Wahrheit, an der Betrachtung, am Nachdenken indes sei der Mensch frei.

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Lorenzo de´ Medici: Auf hartem Steine sitzend

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Lorenzo de´ Medici: Auf hartem Steine sitzend

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Von Lorenzo de´ Medici, dem Magnifico (1449-1492), der in frühen Jahren neben Dante, Boccaccio auch Petrarca studierte, stammen diverse Sonette, darunter auch eines über die Melancholie des Liebesleids. Die Geste des abgestützten Kopfs wird auch hier ausdrücklich, aus der Innenperspektive, beschrieben. In Ruhe gestellt, folgen die schweren Gedanken dem Gang der Zeit, Tag um Tag, Nacht um Nacht, von Momenten der Freude zu steter Pein und Klage.

Io mi sto spesso sopra un duro sasso,
e fo col braccio alla guancia sostegno,
e meco penso e ricontando vegno
mio cammino amoroso a passo a passo;

e prima l’ora e ´1 di che mi fe´ lasso
Amor, quando mi volle nel suo regno;
poi ciascun lieto evento ed ogni sdegno,
infino al tempo che al presente passo.

Cosi pensando al mio si lungo affanno
ed a´ giorni e alle notti, come vuole
Amor, ch´io ho già consumati in pianti,

ne veggendo ancor fine a tanto danno,
mia sorte accuso: e quel che più mi duole
è trovarmi lontan da´ lumi santi.

Ich sitze oft auf einem harten Stein und mache meiner Wange aus meinem Arm eine Stütze und überdenke und rekapituliere Schritt für Schritt den Gang meiner Liebe;

zuerst den Tag und die Stunde, da mich die Liebe überwand und in ihre Gewalt nahm; dann jedes freudige Ereignis und jede Pein bis hin zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

So mein langes Leid bedenkend und die Tage und Nächte, die ich, wie die Liebe es will, schon mit Klagen verbracht,

und noch kein Ende absehend solchen Kummers, klage ich mein Schicksal an: doch was mich noch mehr peinigt, ist, mich weit entfernt vom heiligen Licht zu finden.

L.d.M. il Magnifico: Tutte le opere. A cura di Gigi Cavalli, Bd.2, Mailand 1958, S.88 (Ü: L.Völker)

„Der Dichter“ von der Vogelweide

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Wolfgang Sofsky
„Der Dichter“ von der Vogelweide

walther_von_der_vogelweide

Der erste der drei politischen Reichssprüche, die Walther v.d.V. zwischen 1198 und 1201 verfaßte, die sogenannte „Reichsklage“, welche das Leben in unsicheren Zeiten darstellt, beginnt mit der Beschreibung jener Geste des aufgestützten Kopfes, die nicht nur den Körper im Vorgang des Denkens, sondern auch im Zustand der Schwermut, der Klage, der Trauer und Melancholie kennzeichnet. Das Bild in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), begonnen um 1300 in Zürich, zeigt diese Geste der Denker, Dichter, Propheten, Sibyllen, Götter, Teufel und Menschen, die sich in diesem Zwischenzustand befinden. Nicht zu übersehen ist jedoch, daß das Schwert des Ritters noch an den Felsen gelehnt ist.

Ich saz ûf eime steine,
und dahte bein mit beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben;
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe.
diu zwei sind êre und varnde guot,
daz dicke ein ander schaden tuot;
das dritte ist gotes hulde,
der zweier übergulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn.
jâ leider, desn mac niht sîn,
daz guot und weltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen.
stîg unde wege sint in benomen:
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze:
fride unde reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.

Ich saß auf einem Steine
und deckte Bein mit Beine.
Darauf der Ellbogen stand .
es schmiegte sich in meine Hand
das Kinn und eine Wange.
Da dachte ich sorglich lange,
dem Weltlauf nach und irdischem Heil,
doch wurde mir kein Rat zuteil:
wie man drei Ding erwürbe,
dass ihrer keins verdürbe.
Zwei Ding sind Ehr und zeitlich Gut,
das oft einander Schaden tut,
das Dritte Gottes Segen,
den beiden überlegen:
Die hätt ich gern in einem Schrein
doch mag es leider nimmer sein,
dass Gottes Gnade kehre
mit Reichtum und mit Ehre
zusammen ein ins gleiche Herz;
sie finden Hemmungen allerwärts:
Untreue liegt im Hinterhalt,
kein Weg ist sicher vor Gewalt,
so Fried als Recht sind todeswund,
und werden die nicht erst gesund, wird den drei Dingen kein Geleite kund.“

© W.Sofsky 2016

Raffael: „Le Penseur“ von Ephesos

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Wolfgang Sofsky
Raffael: „Le Penseur“ von Ephesos

heraklit

Wie Heraklit aussah, weiß niemand. Als Raffael die Gemächer des Apostolischen Palastes ausmalte und in der „Schule von Athen“ die antiken Vordenker mit Diskursen und Erklärungen befaßt darstellte, verlieh er Heraklit die Züge des sinnenden Michelangelo. Abseits der disputierenden Philosophen sitzt Heraklit auf dem Boden, stützt den Kopf mit der Linken und schreibt mit der Rechten einen der dunklen Sentenzen nieder, für die er berühmt, berüchtigt und gefürchtet war. Heraklit, der Einzelgänger von Ephesos, hinterließ nur Fragmente, was Theophrast zu der Vermutung veranlaßte, daß er ein Melancholiker gewesen sei und Menschen dieses Gemütszustandes selten etwas vollenden würden, da ihnen im steten Gegrübel immer noch etwas einfiele. Womöglich hat die Erfahrung des inneren Dauerzweifels den Philosophen zu der Einsicht geleitet, daß die Ereignisse und Zustände der Welt ebenso unbeständig sind, ja, streng genommen nichts als fortwährende, unaufhaltsame Prozesse sind, wie die Gedanken, die sich im wachen Geist sofort verflüchtigen, wenn Widersprüche, Gegensichten auftauchen:

„Wir wollen uns nicht vorschnell über die wichtigsten Dinge schlüssig machen (47)
Der Weg auf und ab ist ein und derselbe (60)
Man soll sich auch an den Mann erinnern, der vergißt, wohin der Weg führt (71)
Ein hohler Mensch pflegt bei jedem Wort starr dazustehn (87)
Die Sibylle, die mit rasendem Mund Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet, reicht mit ihrer Stimme durch tausend Jahre (92)
Die Seelen riechen im Hades (98)“

© W.Sofsky 2016

Niclaus Gerhaert: „Le Penseur“ von Strasbourg

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Wolfgang Sofsky
Niclaus Gerhaert: „Le Penseur“ von Strasbourg

gerhaert

44 Zentimeter mißt die Sandsteinbüste des Denkers im Musée de l’Œuvre Notre-Dame zu Strasbourg. Sie wird häufig als Selbstbildnis des niederländischen Bildhauers Niclaus Gerhaert von Leyden (ca.1430-1473) ausgegeben, der, bekannt mit den Werken Claus Sluters und der Portraitkunst J.v.Eycks, den Bildhauern und Holzschnitzern Süddeutschlands und Tirols einige wenige Vorbildwerke hinterlassen hat. Von seinen Werken sind nur wenige überliefert, sein umfangreichstes Hauptwerk, der Hochaltar des Konstanzer Münsters, eines der bedeutendsten Kunstwerke des späten Mittelalters, wurde in protestantisch-geordneter Manier 1529 von den Anhängern der Reformation zerstört. Von 1462 bis 1467 hielt sich Gerhaert in Strasbourg auf. Die Büste zeigt ein Individuum, das, den Kopf auf die Hand gestützt, in sich hinein sinnt. Spiralförmig ist der Körper über die Arme gedreht, die Figur kreist in sich selbst. Tief graben sich die Finger in die Wangen. Die Körperschraube unterscheidet diese Skulptur von anderen Darstellungen der Melancholie, des Kummers, der Müdigkeit, des Nachsinnens. Sie schließt die Gestalt von der Umgebung ab. Die Figur starrt nicht blicklos in die Ferne auf einen unbekannten Punkt, sie kehrt zurück zu sich selbst.

© W.Sofsky 2016

Novalis: Tropenrepublik

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Wolfgang Sofsky
Novalis: Tropenrepublik

novalis

In den Fragmenten aus dem zweiten Halbjahr 1799, als er aus Freiberg nach Weißenfels zurückgekehrt war, um erneut in die Verwaltung der kursächsischen Salinen einzutreten, finden sich zwei hellsichtige Bemerkungen des  Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, die unter den vielen religionstreuen und staatsornamentalen Betrachtungen deutlich hervorstechen:

„Es ist sonderbar, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, Religion und Grausamkeit die Leute aufmerksam auf ihre innige Verwandtschaft und ihre gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.“

„Das ist ein eigner Reiz der Republik, daß sich alles an ihr viel freier äußert. Tugenden und Laster, Sitten und Unarten, Geist und Dummheit, Talent und Ungeschicklichkeit treten viel stärker hervor, und so gleicht eine Republik dem tropischen Klima, nur nicht in der Regelmäßigkeit der Witterung.“

© W.Sofsky 2016

„Le penseur“ von Cernavoda

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Wolfgang Sofsky
„Le penseur“ von Cernavoda

cernavoda2

1956 fand man in einer Nekropole im rumänischen Cernavoda zwei kleine, etwa zwölf Zentimeter hohe Terrakottafiguren. Sie stammen aus dem sechsten Jahrtausend a.Chr., aus der neolithischen Harmangia-Kultur. Die weibliche Statuette hat ihr linkes Bein ausgestreckt und beide Hände auf das rechte Knie gelegt. Sie scheint in die Ferne zu blicken. Die männliche Figur sitzt auf einer Art Hocker, hat den Kopf in beide Hände gestützt und sinniert vor sich hin. Man hat ihn wegen dieser Haltung den „Denker von Cernavoda“ tituliert. Er gilt als die erste Figur der Menschheit, welche einen inneren Zustand darzustellen scheint. Statt gedankenvoller Introspektion drückt die Geste jedoch vor allem Trauer, wenn nicht Verzweiflung aus. Die Geburt des Denkens aus dem Widerfahrnis des Verlusts, der Trauer, des Todes – das ist die frühe Weisheit dieses Idols aus der Grabstätte.

© W.Sofsky 2016

Bilderverbot

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Wolfgang Sofsky
Bilderverbot

In der Hinterlassenschaft des Grafen Detloff von Weisenfels fand sich auch eine Aufzeichnung über das religiöse Bilderverbot:

„Der Monotheismus will uns einreden, es gebe zuletzt nur einen einzigen Gott, männlich und allmächtig. Eifersüchtig wacht er darüber, daß keine weiteren Götter neben ihm sind. Ein solch hybrider Gott hält sich für einzigartig und verweigert den Gläubigen sein Antlitz. Niemand soll sich von ihm ein Bild machen, und wer es dennoch tut, wird geblendet oder getötet. Ist er menschenscheu, will er nicht erkannt werden oder schämt er sich für die Schöpfung, die er angerichtet hat? Fürchtet er gar, die Menschen würden sein Bildnis zerstören und ihn leibhaftig davonjagen? Das Bilderverbot ist ein simpler Trick, eine hin­terlistige Glaubensstütze. Wenn sich einer in Unsichtbarkeit vermummt und seinen Anblick verweigert, kann sein Gegenüber nicht prüfen, wie er aussieht, ob er überhaupt existiert oder ob er nur ein Fabelwesen der Ein­bildungskraft ist. Was man mangels Beweisen nicht darstellen kann, läßt sich trefflich als un­darstellbar ausgeben. Wen man sich wegen fehlender Indizien nicht vorzustellen vermag, von dem kann man leichthin behaupten, er sei so gewaltig, daß er unvorstellbar sei. Wer sich nicht in einem vergänglichen, vergilbten Bild zu zeigen wagt, von dem sagt der Apologet, er sei unendlich, unvergänglich und daher unter keinen Umständen bereit, sich von Angesicht zu offenbaren. Kurzum, das Bil­derverbot unterbindet jede Wahrheitsprüfung. Im Grund kann da jeder kommen und ausrichten lassen, er sei Gott, aber zu sehen sei er nicht. Dabei liegt die Schlußfolgerung auf der Hand: Was nicht zu sehen ist, das ist auch nicht. Es ist nichts als ein Hirngespinst. Ein Gott ohne Gesicht ist ein Gott ohne Eigenschaften. Nicht die Summe aller Attri­bute ist er, sondern eine Leerstelle ohne Qualität, ein Nichts. Nur deshalb kann irgendwann ein Vorbeter auftauchen und sich selbst als Gottes Ab­kömmling ausgeben. Endlich sollen die Halbgläubigen ein Gesicht zu sehen bekommen. Wenn sich der Gott nicht zeigt, schlägt die Stunde selbsternannter Gotteskünder. Hätte der alte Herr – oder ist es eine schwarze Zauberin? – jemals selbst die Weltbühne betreten, hätte es keines Sohnes oder Sprachrohrs bedurft. Keiner hätte es gewagt, sich als Messias oder Prophet aufzuspielen. Der Menschheit wäre dadurch vieles erspart ge­blieben. Wo viele Götter hausen, sind Sendboten, Missionare, Glaubens­wächter und Wortverdreher ganz und gar überflüssig.“

aus: W.Sofsky Weisenfels, Berlin 2014

Der erwachte Souverän

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Wolfgang Sofsky
Der erwachte Souverän

Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ließ der Souverän die Amtsinhaber, die Repräsentanten, Minister und Kanzler gewähren. Regelmäßig wurde die Regierung wiedergewählt; widerspruchslos nahm der Souverän ihre Beschlüsse hin, die Kommentare, die Debatten der Wortführer und Nachredner. Zu Unrecht hielten viele diesen Zustand des schlafenden Souveräns für den politischen Normalzustand. Ungestört richteten sich die Amtsinhaber in ihren Büros ein, die Verwalter verwalteten, die Steuereintreiber trieben Steuern ein, die Wortmelder meldeten sich täglich, ja stündlich zu Wort, alles ging seinen gewohnten Gang. Doch plötzlich erwachte der Souverän. Die Überraschung, der Unmut der Etablierten war erheblich. Zunächst hielt sich der Souverän noch zurück, begnügte sich mit einem Referendum, mit Plebisziten. Doch die Regierung verstand die Zeichen nicht, ja, sie bestritt dem Souverän das Recht, sich in Plebisziten selbst zu äußern und verbindliche Beschlüsse zu fällen. Die Repräsentanten dachten, nur Repräsentanten hätten etwas zu sagen. Da kam es zu Aufruhr. Unwillig schüttelte der Souverän sein Haupt und ballte die Fäuste. Amtsinhaber und Wortmelder mußten erkennen, daß die ruhigen Zeiten vorüber waren und sie um ihre Pfründe, ihren Einfluß, ihre Bedeutung zittern mußten. Nicht länger verhöhnten sie den Souverän wegen der vermeintlichen Torheit der Massen, sie kuschten nun vor seiner Macht, redeten ihm gar nach dem Munde. Doch der erwachte Souverän strich sie einfach ab und blies den Staub der angemaßten Regierungsmacht in alle Winde.

© W.Sofsky 2016

Richard Tuck: Der schlafende Souverän

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Wolfgang Sofsky
Richard Tuck: Der schlafende Souverän

Am Freitagabend, dem 2.9.2016, war Richard Tuck in der Hochetage des Holbach-Instituts zu Gast. Tuck lehrt in Harvard politischen Theorie und Ideengeschichte und ist letzthin durch eine Studie über den „schlafenden Souverän“ hervorgetreten: R.Tuck, The Sleeping Sovereign. The Invention of Modern Democracy. Cambridge UP 2016. Im Anschluß an Hobbes und Rousseau erinnert Tuck an die grundlegende Differenz zwischen der Regierung, welche die Staatsgeschäfte betreibt, und dem Souverän, der die Identität des politischen Gemeinwesens ausmacht. Bedeutsam ist diese Unterscheidung nicht zuletzt für die Begründung der Demokratie. Sie erschöpft sich nicht in der Wahl von Repräsentanten, sondern kennt auch die direkte Entscheidung des Souveräns, durch Interventionen, Plebiszite und Referenden: https://www.youtube.com/watch?v=KyTbX8hOxYQ

© WS 2016

Religiöse Bilderfeindschaft

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Wolfgang Sofsky
Religiöse Bilderfeindschaft

bildersturmmünster

1522 erschien in Wittenberg ein bilderfeindliches Pamphlet des Theologen und Reformators Andreas Karlstadt „Von abtuhung der Bylder“, auf welches sich alle bilderfeindlichen Religionsfanatiker berufen können. Mißbrauch halte mit der innigen Betrachtung heiliger Bilder notwendig Einzug, Abgötterei, Prachtliebe, schnöde Verweltlichung, Glaubensabfall. Bilderstürmer und –zerstörer jeder Art, seien sie protestantisch, islamisch oder totalitär, lösen das Grundproblem, das jeder Ästhetik des Heiligen eigen ist, durch den Einsatz von Gewalt.

Das Problem umfaßt drei Gegensätze: 1. Wird eine heilige Person unschön oder ihrem Range nach unangemessen dargestellt, ist dies des jeweiligen Gottes, Propheten oder Heiligen unwürdig. Ist das Bild jedoch kunstvoll und schön, werden die Gedanken rasch von der religiösen Bedeutung abgelenkt und von der Schönheit des Werkes erfaßt. 2. Das Bildwerk soll die heiligen Personen lebendig darstellen, um das Gemüt des Betrachters zu bewegen. Fallen die Bildnisse indes allzu lebhaft, gemütvoll, anrührend aus, gerät der Betrachter in die Gefahr, das Abbild mit dem Abgebildeten zu verwechseln und sentimentaler Idolatrie zu verfallen. 3. Wird das Bildnis einer heiligen Person in gewöhnlichem Material wie einfachem Holz, billigen Farben oder wertlosem Gestein gefertigt, so ist dies des Gottes unwürdig. Wird es umgekehrt in allzu kostbarem Material wie Gold oder Edelstein geschaffen, so schätzt der Betrachter das Bildwerk um seiner Kostbarkeit willen. Aus dem Gott wird ein Goldgott, ein goldenes Kalb.

Einfache und radikale Gemüter halten diese Gegensätze für ein unauflösbares Dilemma. Sie verbannen daher jedes heilige Bild und jedes Bild des Heiligen aus der menschlichen Welt, demolieren Altäre, reißen Statuen um, zerfetzen Tafelbilder und verfolgen jeden, der sich ein Bildnis zu machen wagt.

© W.Sofsky 2016

Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

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Wolfgang Sofsky
Ludwig Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

wittgenstein1

Zu den aufmerksamsten, wenngleich unwilligsten Lesern von Frazers „Goldenem Zweig“ gehörte Ludwig Wittgenstein. Wie Frazer hielt sich Wittgenstein in den 30er Jahren in Cambridge auf. Daß sich die beiden je begegneten, ist unbekannt. Frazer, der viktorianische Ethnologe im Geiste des Evolutionismus, hatte fast sein ganzes Gelehrtenleben am Trinity College zugebracht. Er war in den 1930ern Jahren bereits in den späten 70ern und fast blind. Wittgenstein war 35 Jahre jünger und hatte vor dem Großen Krieg am Trinity College studiert. 1929 wurde er in Cambridge mit dem „Tractatus“ promoviert, gab in den 30ern Kurse und Vorlesungen, wurde jedoch erst 1939 auf den Lehrstuhl von G.E.Moore berufen. 1930 ließ er sich aus dem ersten Band von Frazers 12bändigem Werk vorlesen, später besaß er als Leseexemplar die einbändige Ausgabe von 1922. Im Sommer 1931 notierte er einige Bemerkungen in sein Manuskriptbuch. Viele Jahre später kamen ein paar Anmerkungen auf Papierzetteln hinzu. G.E.Anscombe fand sie nach seinem Tod in seiner Hinterlassenschaft. Die „Remarks“ wurden erstmals 1967 publiziert und sodann in den Sammelband „Philosophical Occasions: 1912-1951“ (1993) aufgenommen. Wittgenstein störte sich besonders an der  Verwechslung von Magie mit einer Art primitiver Wissenschaft, dem eurozentrischen Evolutionismus, den Projektionen in Frazers Beschreibungen sowie an der Verharmlosung des Befremdlichen zur irrigen Abweichung vom Vertrauten. Mythen beschreiben und erklären nichts, sie geben keine Meinung wieder. Die Wahrheitsfrage stellt sich gar nicht. Riten bezwecken nichts, sondern zeigen etwas. Man kann Wittgensteins Bemerkungen unschwer als Kritik einer Religionskritik lesen, die auf prompte  Aufklärung durch Gegenbeweise setzt, ohne den langen Weg der Aufklärung religiöser Motive zu gehen. Wenn man nicht erkundet, weshalb Menschen das glauben, was sie glauben, wird man gegen Irrglauben nie etwas ausrichten können. Hier ein paar Passagen:

„Man muß beim Irrtum ansetzen und ihn in die Wahrheit überführen. D.h. man muß die Quelle des Irrtums aufdecken, sonst nützt uns das Hören der Wahrheit nichts. Sie kann nicht eindringen, wenn etwas anderes seinen Platz einnimmt. Einen von der Wahrheit zu überzeugen, genügt es nicht, die Wahrheit zu konstatieren, sondern man muß den Weg vom Irrtum zur Wahrheit finden…

Schon die Idee, den Gebrauch – etwa die Tötung des Priesterkönigs – erklären zu wollen, scheint mir verfehlt. Alles, was Frazer tut, ist, sie Menschen, die so ähnlich denken wie er, plausibel zu machen. Es ist sehr merkwürdig, daß alle diese Gebräuche endlich so zu sagen als Dummheit dargestellt werden. Nie wird es aber plausibel, daß die Menschen aus purer Dummheit all das tun…

In effigie verbrennen. Das Bild des Geliebten küssen. Das basiert natürlich nicht auf einem Glauben an eine bestimmte Wirkung auf den Gegenstand, den das Bild darstellt. Es bezweckt eine Befriedigung und erreicht sie auch. Oder vielmehr, es bezweckt gar nichts; wir handeln so und fühlen uns dann befriedigt…

Daß der Schatten des Menschen, der wie ein Mensch ausschaut, oder sein Spiegelbild, daß Regen, Gewitter, die Mondphasen, der Jahreszeitwechsel, die Ähnlichkeit und Verschiedenheit der Tiere untereinander und zum Menschen, die Erscheinungen des Todes, der Geburt und des Geschlechtslebens, kurz alles, was der Mensch jahraus jahrein um sich wahrnimmt, in mannigfaltigster Weise miteinander verknüpft, in seinem Denken (seiner Philosophie) und seinen Gebräuchen eine Rolle spielen wird, ist selbstverständlich, oder ist eben das, was wir wirklich wissen und interessant ist…

Bei der magischen Heilung einer Krankheit bedeutet man ihr, sie möge den Patienten verlassen. Man möchte nach der Beschreibung so einer magischen Kur immer sagen: Wenn das die Krankheit nicht versteht, so weiß ich nicht, wie man es ihr sagen soll…

Frazer ist viel mehr savage, als die meisten seiner savages, denn diese werden nicht so weit vom Verständnis einer geistigen Angelegenheit entfernt sein, wie ein Engländer des 20sten Jahrhunderts. Seine Erklärungen der primitiven Gebräuche sind viel roher, als der Sinn dieser Gebräuche selbst…

Wenn es einem Menschen freigestellt wäre, sich in einen Baum eines Waldes gebären zu lassen: so gäbe es solche, die sich den schönsten oder höchsten Baum aussuchen würden, solche, die sich den kleinsten wählten, und solche, die sich einen Durchschnitts- oder minderen Durchschnittsbaum wählen würden, und zwar meine ich nicht aus Philostrosität, sondern aus eben dem Grund, oder der Art von Grund, warum der Andre den höchsten gewählt hat. Daß das Gefühl, welches wir für unser Leben haben, mit dem eines solchen Wesens, das sich seinen Standpunkt in der Welt wählen konnte, vergleichbar ist, liegt, glaube ich, dem Mythus — oder dem Glauben — zu Grunde, wir hätten uns unsern Körper vor der Geburt gewählt…

Wenn ich über etwas wütend bin, so schlage ich manchmal mit meinem Stock auf die Erde oder an einen Baum etc. Aber ich glaube doch nicht, daß die Erde schuld ist oder das Schlagen etwas helfen kann. »Ich lasse meinen Zorn aus.« Und dieser Art sind alle Riten. Solche Handlungen kann man Instinkt-Handlungen nennen. — Und eine historische Erklärung, etwa daß ich früher oder meine Vorfahren früher geglaubt haben, das Schlagen der Erde helfe etwas, sind Spiegelfechtereien, denn sie sind überflüssige Annahmen, die nichts erklären. Wichtig ist die Ähnlichkeit des Aktes mit einem Akt der Züchtigung, aber mehr als diese Ähnlichkeit ist nicht zu konstatieren.“

© W.Sofsky 2016

James George Frazer: Hanged God

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Wolfgang Sofsky
James George Frazer: Hanged God

Frazer

In einigen Religionen gibt es nicht nur die Vorstellung, daß Götter sterben und alsdann erneut aufstehen, sondern auch eine mythische Erzählung, wonach ein Gott oder Dämon an einen Baum aufgehängt wird. Das bekannteste Exemplum ist der christliche Jesus, der am arbor infelix stirbt, die Lanze in die Seite gestoßen. Aber auch der nordische Odin gehört in den Kreis der „hanged gods“. Gelegentlich wird ein Gott – wie Adonis oder Attis – geopfert, um das Wachstum der Vegetation zu fördern; manchmal opfert er sich – wie Odin – selbst, um in die Weisheit der Welt eingeweiht zu werden. Mitunter werden jedoch auch andere Lebewesen an Bäumen geopfert, wie der vorwitzige phrygische Satyr Marsyas, der es musikalisch mit Apoll aufnehmen wollte. Sir Frazer, der große Religionsethnologe und Anthropologe, hat im „Golden Bough“, diesem Kompendium religiöser Tötungsriten, Opferfeuer, Fruchtbarkeitszaubereien, Tabus und magischen Praktiken zum fraglichen Motiv ein paar Hinweise gesammelt. Die  Passage aus Odins Runenlied in der Edda ist hier jedoch nach der Simrock-Übersetzung eingefügt.

„Im Heiligen Haine zu Upsala wurden Menschen und Tiere dadurch geopfert, daß man sie an heiligen Bäumen aufhing. Die dem Odin geweihten Menschenopfer wurden regelmäßig durch Erhängen oder durch Erhängen und gleichzeitiges Erdolchen getötet. Der Mann wurde an einem Baum oder einem Galgen emporgezogen und alsdann mit einem Speer verwundet. Daher wurde Odin der Gott des Galgens oder der Gott der Gehängten genannt und unter einem Galgenbaum sitzend dargestellt. Ja, er soll selbst auf die gewöhnliche Art geopfert worden sein, wie wir aus den unheimlichen Versen des Hávarnál erfahren. Darin beschreibt der Gott, wie er seine göttliche Kraft erwarb, indem er die magischen Runen erlernte:

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann
Aus welcher Wurzel er sproß.

Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde. (Edda, Havamal, 139f., Ü: E.Simrock)

Die Bagobos von Mindanao, einer der Phillipinen, opferten früher alljährlich Menschen in ähnlicher Weise, um das Wachstum des Getreides zu fördern. Anfang Dezember, wenn das Sternbild des Orion um sieben Uhr abends am Himmel erschien, wußten die Leute, daß die Zeit gekommen war, um die Felder zur Saat zu bereiten und einen Sklaven zu opfern. Das Opfer wurde gewissen mächtigen Geistern als Dank für das gute Jahr dargebracht, welches das Volk gehabt hatte, und außerdem, um sich die Gunst der Geister im folgenden zu sichern. Das Opfer wurde an einen großen Baum im Walde geführt. Dort wurde es mit dem Rücken an den Baum gebunden und seine Arme über dem Kopfe ausgestreckt in der Stellung, in der die antiken Künstler den Marsyas darzustellen pflegten, wie er an dem verhängnisvollen Baume hing. Während es so an den Armen hing, wurde es getötet, indem man ihm einen Speer in der Höhe der Achselhöhlen durch den Körper bohrte. Später wurde der Körper an der Taille mitten durchgeschnitten, und die obere Hälfte ließ man eine Weile vom Baum herabhängen, während die untere Hälfte am Boden sich im Blute wälzte. Die beiden Teile wurden schließlich in einen flachen Graben neben den Baum geworfen. Bevor man dies tat, durfte jeder, der es wollte, ein Stück Fleisch oder eine Haarlocke von dem Leichnam abschneiden und sie zum Grabe eines Verwandten tragen, dessen Körper von einem Ghul verzehrt wurde. Von dem frischen Leichnam angelockt, würde der Ghul den vermodernden, alten Körper in Frieden lassen.

Diese Opfer sind heute noch lebenden Männern dargebracht worden. In Griechenland scheint die große Göttin selbst alljährlich i n e f f i g i e in ihrem heiligen Haine zu Confylea in den Arcadischen Bergen aufgehängt worden zu sein, und sie führte infolgedessen dort den Namen die „Erhängte“. Eine Spur von einem ähnliche Kult läßt sich in der Tat selbst in Ephesus, dem berühmtesten ihrer Heiligtümer, nachweisen, und zwar in der Sage von einer Frau, die sich erhängte und darauf von der mitleidigen Göttin in ihre eigenen geheiligten Gewänder gehüllt und Hecate benannt wurde. Ebenso wurde zu Melite in Phtia die Geschichte von einem Mädchen erzählt, mit Namen Aspalis, die sich erhängte, die aber scheinbar nur eine Abart der Artemis war. Denn nach ihrem Tode konnte man ihre Leiche nicht finden, aber ein Bild von ihr wurde gefunden, das neben dem Bilde der Artemis stand, und das Volk gab ihm den Namen Hecaerge oder Weitschießerin, einen der regelmäßigen Beinamen der Göttin. Alljährlich opferten die Jungfrauen dem Bildnis eine junge Ziege, indem sie diese aufhängten, weil Aspalis sich erhängt haben sollte. Das Opfer mag ein Ersatz für das Aufhängen eines Bildes oder eines menschlichen Stellvertreters der Artemis gewesen sein. In Rhodos wurde die schöne Helena unter der Bezeichnung „Helena des Baumes“ verehrt, denn die Königin der Insel hatte sie durch ihre Mägde, die als Furien verkleidet waren, an einem Ast aufhängen lassen. Daß die asiatischen Griechen Tiere auf diese Weise opferten, beweisen Münzen aus Ilium, die einen an einem Baume aufgehängten Ochsen oder eine Kuh darstellen, die von einem in den Zweigen oder auf dem Rücken des Tieres sitzenden Mann totgestochen werden. Auch in Hierapolis wurden die Opfer an Bäumen aufgehängt, ehe man sie verbrannte. Mit diesen griechischen und skandinavischen Parallelen vor unseren Augen vermögen wir wohl die Annahme kaum als völlig unwahrscheinlich abzutun, daß in Phrygien vielleicht Jahr für Jahr ein Menschengott an dem heiligen, aber verhängnisvollen Baume gehangen haben mag.“ (James George Frazer, Der goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Leipzig 1928, 517ff.)

Ezra Pound: Boja d´un Dio

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Wolfgang Sofsky
Ezra Pound: Boja d´un Dio

Pounds Canto XXVIII beginnt mit einer lokalen Variante der christlichen Schöpfungslegende, die allerdings in gelinder  Blasphemie endet. In der Romagna, dem Landstrich zwischen Po und Apennin, erzählte man sich, der erste Mensch sei ein „Romagnolo“ gewesen, den Gott bei all der Arbeit fast vergessen hätte. So es heißt es bei Pound:

„And God the Father Eternal (Boja d´un Dio!)
Having made all things he cd.
Think of , felt yet
That something was lacking, and thought
Still more, and reflected that
The Romagnolo was lacking, and
Stamped with his food in the mud and
Up comes the Romagnolo:
    „Gard, yeh bloody ´angman! It´s me“.
Aso iqua me….

Und Gott dem Ewigen Vater (Boja d´un Dio!)
War es, als er alles erschaffen hatte,
was ihm so einfiel,
Als ob noch irgendwas abginge, und er sann
Weiter nach und da kam er darauf:
Es fehlte der Romagnolo, und
Er stampfte mit dem Fuß auf
Und aus dem Baaz empor fuhr der Romagnolo
    „Beinheinrich! Da hast mich.“
Aso iqua me…
(Ü: Eva Hesse)

Boja d´un Dio!: Henker von einem Gott!
Aso iqua me: „Hier bin ich“.
„Romagnolo“ kann anspielen auf den Herzog der Emilia-Romagna: Cesare Borgia.

© W.Sofsky 2016

Sam Francis: Weißzellen

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Wolfgang Sofsky
Sam Francis: Weißzellen

Francis, Sam, Grey Space

Anfang der 1950er Jahre malte Sam Francis, gerade in Paris angekommen und fest gewillt, dem Einfluß des Abstrakten Expressionismus zu entgehen, einige weiße Bilder. Seine Reise nach Europa kommentierte er 1988 in einem Gespräch: „Ich wollte einfach nach Paris gehen; mir war nicht bewußt, was ich tat. Ich bin meinen Weg gegangen. Ich wollte mich außerhalb der USA aufhalten. Ich hatte das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben, und ich wollte die europäische Kunst sehen. Ich wollte die wahre Malerei sehen, ganz gleich welche.“ Bevor er jedoch bei Bonnard, Gauguin, Matisse und vor den Seerosen Monets die Farbe für sich entdeckte und sie daraufhin zur Explosion brachte, sorgte er für tabula rasa, monochrome Bilder in milchigem Weiß und Grau, mit biomorphen, zellenartigen Gebilden, dünnflüssig lasiert oder in tropfenden Schlieren sich auflösend. Diese Bilder ohne Sinn und Referenz (hier: Grey Space 1950/1, Ulster Museum, Belfast) verleiten zu vielerlei Deutungen: das Weiß des Anfangs, der Leere, der Elemente, der Stille, der Meditation, des vagierenden Nichts usw. Doch der Kalifornier in Paris dachte womöglich weniger an ein Gewebe von Zellen oder an einen Blick ins Mikroskop, sondern an einen alten Mythos. In einem Gespräch soll Francis seinen Pinsel einmal als Harpune bezeichnet haben, mit dem Kapitän Ahab den weißen Wal jagt. So blieb Moby Dick (vgl. Melville auf diesen Seiten) auch in manchen späteren Arbeiten gegenwärtig: das leere Weiß im Zentrum des Bildes, umgeben von Tropfen, Klecksen, Strichen, Schlieren in intensivster Farbigkeit.

© WS 2016

William Hogarth: Aberglauben und Fanatismus

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Wolfgang Sofsky
William Hogarth: Aberglauben und Fanatismus

hogarthcredulityDaß Frömmelei und Fanatismus keine Spezialität einer Religion sind, bezeugt ein Druck des englischen Malers und Kupferstechers William Hogarth aus dem Jahre 1761. Er spottet über die religiöse Inbrunst der Methodisten, einer strenggläubigen, gesinnungs- und lebensstrengen, von diversen Erweckungen heimgesuchten Kirche des Protestantismus. Georg Christoph Lichtenberg hat – wie üblich – im Göttinger Taschenkalender von 1787 einzelne Motive des Stichs über „Leichtgläubigkeit, Aberglauben, Fanatismus“ kommentiert und auch etwas zum tieferen Sinn gezielter Verspottung bemerkt: „Inwieweit aber alsdann die Satire gerecht oder ungerecht wäre, zu entscheiden, ist hier der Ort nicht, auch ist es nicht nöthig. Wenn wir nur darin eins sind, daß es solche Thoren und Betrüger… überall gibt, und daß sie sich täglich mehr ausbreiten, so kann es uns gleichgültig seyn zu wissen wie sie heißen und welche Secte die meisten liefert.“

Von hoher Kanzel predigt der Pastor auf die Gemeinde ein, unter dem Talar trägt er das Rautenkostüm des Harlekin. In der Linken hält er den Teufel mit dem Bratrost für die bösen Seelen, in der Rechten dessen Großmutter, auf dem Besen reitend und mit dürrer Brust die schwarze Katze säugend.

Aus der geistlichenhogarthcredulity2Gewehrkammer des Bösen stammen diese Figuren. Mit Eifer und Zorn donnert der Prediger auf die Gemeinde herab, so daß es ihm die Pastorenperücke vom Kopf reißt, was ihn nicht nur den Heiligenschein kostet, sondern auch die Tonsur jesuitischer Rechtgläubigkeit zu Tage treten läßt. Aber was würde man noch zu sehen bekommen, verdeckte das Holz der Kanzel nicht den Unterleib des fanatischen Predigers?

Auf der rechten Seite erkennt man ein Thermometer, das die Siedezustände der religiösen Gefühle anzeigt. Die Skala beginnt unten bei der Gehirnkugel mit „Selbstmord, Tollheit, Verzweiflung, fixes Herzensweh, Todeskampf, Kummer, Niedergeschlagenheit, Laulicht, hier ist die mittlere Temperatur; nun wird’s plötzlich heißer: Liebesgluth, Fleischeslust, Entzücken, Zuckungen, Tollheit (über der mittleren Temperatur, vorher hatten wir sie drunter) und endlich der Rase-Punkt auf einem Wölkchen angegeben, aus welchem ein Paar Cherubim in ihre Trompetchen stoßen.“ Im Lustpunkt in der Glorie sind Liebe und Wollust eins.

hogarthcredulity3Ihre Entsprechung finden diese Zustände des religiösen Gemüts nicht nur in den vielen Einzelfiguren und Paaren, die auf mancherlei Vorkommnisse der Zeit anspielen, sondern auch in der Menge gegenüber, die den Worten des Predigers lauscht. Verzweiflung, Ergriffenheit, Zorn und Inbrunst lassen sich aus den Gesichtern lesen; keiner scheint recht mehr bei Verstand, so sehr sind sie von den Donnerworten des Fanatikers getroffen. Hinter dem Fenster indes steht ein Muselmann mit Turban und Pfeife. Heilfroh scheint er, dieser Gemeinde christlicher Narren nicht anzugehören und von dem Irrsinn des Glaubens verschont zu sein.

© W.Sofsky 2016

Verethragna

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Wolfgang Sofsky
Verethragna

verethragna

Er ist schwerbewaffnet, strotzt vor Kraft und bringt stets den Sieg. Seine Potenz ist unermeßlich, aber er hat auch die Fähigkeit, Verletzte zu heilen. Er ist schneller als der Wind, und er vermag sich in mächtige Tiere zu verwandeln, in einen Bullen mit goldenen Hörnern, einen Bären, ein Kamel oder einen Schimmel mit Ohren aus Gold. Er beherrscht das Feuer, das den Sieg bringt, und er regiert den Planeten des Krieges. Aber Verethragna ist auch ein großer Jäger, der die Menschen mit Fleisch versorgt. Unweit des Berges Sanbulos weit hinter Ninive, dessen Lage  indes bis heute nie genau zu bestimmen war, wurde er unter dem Namen Hercules verehrt. Zu einer bestimmten Zeit „mahnt er die Priester durch ein Traumbild, Pferde zur Jagd zu rüsten und neben dem Tempel bereitzustellen. Sobald man den Pferden die mit Pfeilen gefüllten Köcher aufgeladen hat, rennen sie durch den Wald, und erst bei Nacht, wenn die Köcher leer sind, kehren sie mit heftigem Schnauben zurück. Der Gott zeigt, wiederum in einem nächtlichen Gesicht, wo er die Wälder durchstreift habe, und überall findet man das erlegte Wild“ (Tacitus, Annalen XII, 13).

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Tacitus: Sturz in die Knechtschaft

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Wolfgang Sofsky
Tacitus: Sturz in die Knechtschaft

tacitus

Die „Annalen“ des römischen Menschenbeobachters Tacitus lassen sich unschwer als Geschichte der Knechtschaft unter den Kaisern des ersten Jahrhunderts n.Chr. lesen. Nach dem Tod des Augustus begann das Regime des Tiberius mit der Ermordung des Postumus Agrippa. Der neue Kaiser gab ob dieses Vorfalls vor dem Senat keine weitere Erklärung ab. Dem Centurio, welcher die Tat vollbracht hatte, gab er den Bescheid, er habe keinen Befehl erteilt und jener müsse sich vor dem Senat selbst rechtfertigen. Tiberius lag es fern, die Macht des Principats dadurch zu schmälern, daß er alles vor den Senat bringe.

„Denn der Grundsatz jeder herrscherlichen Gewalt sei es, daß ein Rechenschaftsbericht nur dann in Ordnung sei, wenn er allein dem Herrscher erstattet werde.

Aber in Rom stürzte sich alles in die Knechtschaft: Konsuln, Väter, Ritter. Je höher sie standen, um so falscher und eilfertiger traten sie mit verstellter Miene auf, und um nicht über den Tod des alten Princeps Freude oder bei dem Regierungsantritt des neuen zu große Trauer zu verraten, zeigten sie ein Gemisch von Tränen und Freude, Klagen und Schmeichelei. Die Konsuln Sex. Pompeius und Sex.Appuleius“ waren die ersten, die den Treueid auf Tiberius Caesar leisteten. In ihre Hände legten dann Seius Strabo und G.Turranius, jener als Befehlshaber der Prätorianerkohorten, dieser als Präfekt der Getreideversorgung, den Eid ab Ihnen folgten der Senat, das Militär und das Volk. Denn alle Amtshandlungen ließ Tiberius durch die Konsuln einleiten, als ob die alte republikanische Verfassung noch bestünde und er selbst unschlüssig wäre, ob er die Zügel der Regierung persönlich übernehmen solle. Auch das Edikt, durch das die Väter in die Kurie berief, erließ er nur als Inhaber der tribunizischen Macht, die er unter Augustus erhalten hatte. Edikt war in einer knappen Form und in einem recht zurückhaltenden Ton abgefaßt: hinsichtlich der letzten Ehren seinen Vater wolle er den Senat befragen; er übe die Totenwache aus, und dies sei das einzige öffentliche Amt, das er für sich in Anspruch nehme. Und doch hatte er nach dem Tode des Augustus den Prätorianerkohorten die Parole als Imperator ausgegeben; die Wachen zogen in Waffen auf, und auch alles übrige trug das Gepräge eines fürstlichen Hofes; Militär bildete das Geleit zum Forum, Militär zu der Kurie. Er schickte schriftliche Erlasse zu den Heeren, als ob er das Principat angetreten habe; nirgends zeigte er Hemmungen, außer wenn er im Senat sprach… Auch auf seinen Ruf nahm er Rücksicht, indem er lieber den Anschein erwecken wollte, von dem Gemeinwesen berufen und auserwählt zu sein, als durch das Ränkespiel einer Frau und die Adoption eines Greises sich eingeschlichen zu haben. Später erkannte man, daß er die Rolle des Zaudernden auch zu dem Zweck gespielt habe, in die Gesinnung der adeligen Kreise Einblick zu gewinnen. Denn die Worte, die er hörte, und die Mienen, die er sah, pflegte er in seinem Innern zu verbergen und als Verbrechen zu mißdeuten.“ (Annalen I,6-7).

Etwaige Parallelen zur gegenwärtigen Transformation der türkischen Republik in ein Sultanat sind keineswegs zufällig. Da ist die Restfassade der alten Institution, des Parlaments, die Berufung auf Volkes Wille, die Konzentration der Macht, und da sind die Treueschwüre jener, die noch nicht in den Kerkern verschwunden sind.

© W.Sofsky 2016

Holbach: Der gläubige Tyrann

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Wolfgang Sofsky
Holbach: Der gläubige Tyrann

d'Holbach

Im 24.Kapitel seines Hauptwerks „System der Natur“ (1770) prüft  Paul Henry Thiry d´Holbach, der Namenspatron dieses Instituts, den Einfluß, „welchen der Glaube an Gott auf die Moral, die Politik, die Wissenschaft und die Wohlfahrt der Völker und Individuen“ hat. Hier findet sich auch das moralische Psychogramm des gläubigen Tyrannen, dem die Religion nicht nur Rechtfertigung, sondern vor allem Entlastung und Ansporn ist.

„Auch die Fürsten leiten ihre Macht unmittelbar von Gott ab und bedienen sich seines schrecklichen Namens, um ihre Völker in Gehorsam zu erhalten…so viele benutzen ihre Macht nur, um ihre Launen zu befriedigen, und bemerken in ihrer Torheit nicht einmal, daß sie, indem sie ihre Völker mißhandeln, sich selbst den größten Schaden zufügen. Durch unwürdige Schmeichelei vergöttert, halten sie sich für Herren des Gesetzes und handeln eigenmächtig im Namen der Gesellschaft, die ihre Stimme nicht laut werden lassen darf. Sie bestimmen, was Recht, was Unrecht sein soll und entziehen sich willkürlich den Gesetzen, die sie Anderen auferlegen. Sie lassen ihrer Willkür freien Lauf, weil sie der Straflosigkeit sicher sind; sie verachten die öffentliche Meinung und Sitte; sie verachten das Urteil derer, die sie jeden Augenblick unter dem Gewichte ihrer Übermacht zerschmettern können…

Fast alle Fürsten haben religiöse Bildung gehabt, aber nur sehr wenige unter ihnen waren sittlich gebildet und durch echte Tugendübung ausgezeichnet. Die Religion hat nur dazu beigetragen, sie noch sorgloser in ihrer Zügellosigkeit zu machen, da ihnen die Religion ein sehr bequemes Mittel darzubieten schien, die beleidigte Gottheit wieder zu versöhnen…

Wenn so viele Fürsten bei aller Religiösität doch so wenig Tugend besaßen, so können wir wohl daraus den Schluß ziehen, daß die Religion ihrer Moralität eher nachteilig als förderlich gewesen sei. Wer einmal sich für mächtig genug hält, dem Haß der Menschen Trotz bieten zu können, wer einmal hartherzig genug ist, um bei den Leiden der Menschheit ungerührt zu bleiben, der wird sich auch in seinem Tun durch die Furcht vor einem strafenden Gotte nicht irre machen lassen; wer einmal bis zu solchem Grade sein Gemüt verhärtet hat, der wird durch nichts im Himmel und auf Erden sich erweichen lassen, ja für den wird die Religion nur noch ein Reizmittel zu größerer Kühnheit werden. Denn je leichter man es dem Menschen macht, ein Verbrechen zu verbüßen, desto leichtsinniger wird er Verbrechen begehen. Die zügellosesten Menschen sind ihrer Religion oft sehr ergeben, weil sie ihnen die Mittel an die Hand gibt, das Mangelhafte in ihren Sitten durch religiöse Übungen zu ersetzen; denn freilich ist es weit leichter, gewisse Lehrsätze anzunehmen und zu glauben und gewisse Gebräuche zu beobachten, als Gewohnheiten abzulegen und seinen Leidenschaften zu widerstehen.“

© W.Sofsky 2016

Das Böse oder Vom Ursprung der Mondflecken

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Wolfgang Sofsky
Das Böse oder Vom Ursprung der Mondflecken

Woher hat das Böse seinen Ursprung? Von Kain nahm das Böse seinen Ausgang, der Neid, die Verleumdung, die Räuberei, die Gewalt und der Verlust der Seele. Woher rühren die Mondflecken? Gott hat Kain auf den Mond gestellt; dort steht er noch immer, das Dornenbündel auf dem Rücken. Warum hat Gott ihn auf den Mond gestellt? Damit Kain das Gute sieht und erkennt, wessen er sich beraubt hat, und damit er das Böse sieht, das er auf die Welt gebracht hat. Immer soll er sehen, was er angerichtet hat. Wie kommt es zu den Stürmen auf dem Mond? Immer wenn Kain weint, dann erheben sich starke Winde.

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H.Ch. Andersen: Weiße Korallen

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Wolfgang Sofsky
H.Ch. Andersen: Weiße Korallen

andersen1869

„Das Wetter änderte sich wirklich. Dicker, feuchter Nebel lag gegen Morgen über der ganzen Gegend; als es Tag wurde, begann es zu wehen; der Wind war so eisig, der Frost packte ordentlich zu, aber was war das für ein Anblick, als die Sonne aufging! Bäume und Büsche waren mit Rauhreif bedeckt; es sah aus wie ein Wald von weißen Korallen, es war, als ob alle Zweige mit strahlend weißen Blüten übersät wären. Die unendlich vielen und feinen Verästelungen, die man im Sommer unter all den Blättern nicht sieht, kamen nun alle einzeln hervor; es war ein Spitzengewebe und  so leuchtend weiß, als ströme ein weißer Glanz aus jedem Zweige. Die Hängebirke bewegte sich im Winde, es war Leben in ihr wie in allen Bäumen zur Sommerszeit; es war eine unvergleichliche Pracht! Und als dann die Sonne schien, nein, wie funkelte da das Ganze, als ob es mit Diamantenstaub überpudert wäre, und auf der Schneedecke des Erdbodens glitzerten die großen Diamanten, oder man konnte auch glauben, daß dort unzählige kleine Lichter brannten, weißer als der weiße Schnee“ (Hans Christian Andersen, Der Schneemann).

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Hugo Ball: Der magische Bischof

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Wolfgang Sofsky
Hugo Ball: Der magische Bischof

bischofball

Was Hugo Ball vor hundert Jahren, am 14.Juli 1916, im Zunfthaus zur Waag tatsächlich vorgetragen hat, ob ein dadaistisches Gründungs-, Abschieds- oder Nullmanifest, ist nach Sichtung der Quellen und trotz aller Erfindung von Traditionen schlichtweg unbekannt. Dada hatte ohnehin, wie manch andere Avantgarde, die Neigung, sich in Manifesten zu manifestieren. Anhänger, Adepten und Historiker mißverstanden solche Texte oft als wörtliches Glaubensdokument, obwohl ein Dada-Manifest auch nur Dada ist.

Weit interessanter ist ein anderer Bericht Hugo Balls, derjenige vom Abend des 23.6.1916, als er sich in eine Art kubistisches Bischofskostüm zwängte und einige Lautgedichte vortrug, was zu einem Prozeß der „inneren Überwältigung“ führte, durch den Rhythmus der Rezitation, die regelmäßigen Armbewegungen, die Starrheit des Kostüms, die selbst auferlegte Ernsthaftigkeit, nicht zuletzt die physische Kindheitserinnerung an sakrale Aufführungen. Diese Verwandlung führte Ball in eine andere Sphäre. In seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen „Die Flucht aus der Zeit“ berichtet er von diesem denkwürdigen Widerfahrnis.

„23.VI. Ich habe eine neue Gattung von Versen erfunden, »Verse ohne Worte« oder Lautgedichte, in denen das Balancement der Vokale nur nach dem Werte der Ansatzreihe erwogen und ausgeteilt wird. Die ersten dieser Verse habe ich heute abend vorgelesen. Ich hatte mir dazu ein eigenes Kostüm konstruiert. Meine Beine standen in einem Säulenrund aus blauglänzendem Karton, der mir schlank bis zur Hüfte reichte, so daß ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Darüber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und außen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, daß ich ihn durch Heben und Senken der Ellbogen flügelartig bewegen konnte. Dazu einen zylinderartigen, hohen, weiß und blau gestreiften Schamanenhut.

Ich hatte an allen drei Seiten des Podiums gegen das Publikum Notenständer errichtet und stellte darauf mein mit Rotstift gemaltes Manuskript, bald am einen, bald am andern Notenständer zelebrierend. Da Tzara von meinen Vorbereitungen wußte, gab es eine richtige kleine Premiere. Alle waren neugierig. Also ließ ich mich, da ich als Säule nicht gehen konnte, in der Verfinsterung auf das Podest tragen und begann langsam und feierlich:

gadji beri bimba
glandridi lauli lonni cadori
gadjama bim beri glassala
glandridi glassala tuffm i zimbrabim
blassa galassasa tuffm i zimbrabim…

Die Akzente wurden schwerer, der Ausdruck steigerte sich in der Verschärfung der Konsonanten. Ich merkte sehr bald, daß meine Ausdrucksmittel, wenn ich ernst bleiben wollte (und das wollte ich um jeden Preis), dem Pomp meiner Inszenierung nicht würden gewachsen sein. Im Publikum sah ich Brupbacher, Jelmoli, Laban, Frau Wigman. Ich fürchtete eine Blamage und nahm mich zusammen. Ich hatte jetzt rechts am Notenständer »Labadas Gesang an die Wolken« und links die »Elefantenkarawane« absolviert und wandte mich wieder zur mittleren Staffelei, fleißig mit den Flügeln schlagend. Die schweren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steigerung erlaubt. Wie sollte ich’s aber zu Ende führen? Da bemerkte ich, daß meine Stimme, der kein anderer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Meßgesangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen- und Abendlandes wehklagt.

Ich weiß nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann meine Vokalreihen rezitativartig im Kirchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwingen. Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungensgesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochämtern seiner Heimatspfarrei zitternd und gierig am Munde der Priester hängt. Da erlosch, wie ich es bestellt hatte, das elektrische Licht, und ich wurde vom Podium herab schweißbedeckt als ein magischer Bischof in die Versenkung getragen.“

© W.Sofsky 2016

Samuel Beckett: Über Belacqua, Beatrice und den Ursprung der Mondflecken

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Wolfgang Sofsky
Samuel Beckett: Über Belacqua, Beatrice und den Ursprung der Mondflecken

Im zweiten Gesang des Paradiso setzt Beatrice, die Dante durch die himmlischen Sphären geleitet, zu ausführlichsten Erörterungen an, den Ursprung der Mondflecken betreffend. Die Frage entlockte ihr zwar nur ein müdes Lächeln. Doch dann weist sie die Hypothese des Averroes in aller Umständlichkeit zurück. Die Flecken rühren nicht von der unterschiedlichen Dichte des ätherischen Mondkörpers her, denn unterschiedliche Merkmale von Himmelskörpern müssen mittels unterschiedlichen Ursachen erklärt werden, und bei einer Mondfinsternis müßte die Sonne ja regelrecht durch die dünnen Löcher hindurchscheinen, was offensichtlich nicht der Fall ist. Sodann legt sie Gedanken über den Zusammenhang von Helligkeit, Spiegel und Dichteschichten dar, wobei sie naturgemäß von der Astronomie des Sonnensystems wie von der Physik der Lichtwellen noch Lichtjahre entfernt ist. Der langatmige Diskurs führt in manche Sackgasse, denn die Widerlegung falscher Thesen mit falschen Argumenten hinterläßt zuletzt nur falsche Ideen.

Einem nicht unbekannten Leser Dantes erging es ähnlich, Belacqua nämlich, einer Figur des frühen Beckett, der 1932 in der Erzählung „Dante und der Hummer“ an der Lektüre von Beatrices Mondfleckentheorie schier verzweifelt und sich daher lieber mit dem Hummer befaßt.

„Es war Morgen, und Belacqua hatte sich im ersten Mondcanto so festgelesen, daß er weder vor noch zurück konnte. Die selige Beatrice war da, nebst Dante, und sie erklärte ihm die Mondflecken. Sie zeigte ihm zunächst, wo er im Irrtum war, dann brachte sie ihre eigene Erklärung. Diese hatte sie von Gott, er konnte sich also darauf verlassen, daß sie in allen Einzelheiten stimmte. Er brauchte ihr nur Schritt für Schritt zu folgen. Der erste Teil, die Widerlegung, ging glatt vonstatten. Sie machte ihre Sache klar, sie sagte, was sie zu sagen hatte, kurz und bündig. Aber der zweite Teil, die Beweisführung, hatte es so in sich, daß Belacqua nicht wußte, wo er anfangen oder aufhören sollte. Die Zurückweisung, der Verweis, das ging von selbst. Aber dann kam der Beweis, ein kurzes Stenogramm der Tatsachen, und Belacqua steckte wirklich fest. Es verdroß ihn auch, da es ihn zu Piccarda drängte. Und doch brütete er weiter über dem Rätsel, er wollte sich nicht geschlagen geben, er würde wenigstens die Bedeutung der Worte verstehen, die Reihenfolge, in der sie gesprochen wurden, und die Art der Genugtuung, die sie dem falsch unterrichteten Poeten verschafften, so daß dieser sich am Ende erfrischt fühlte und seinen schweren Kopf heben konnte, um seinen Dank abzustatten und in aller Form seine frühere Meinung zurückzunehmen.

Er versuchte immer noch, in diesen unzugänglichen Abschnitt einzudringen, als er es Mittag schlagen hörte. Sofort schaltete er von dieser Arbeit ab. Er schob seine Finger unter das Buch und ließ es auf sich zugleiten, bis es ganz auf seinen Handtellern lag. Die Göttliche Komödie offenliegend auf dem Lesepult seiner Hände. So hob er es unter die Nase und klappte es dort zu. Er hielt es eine Zeitlang in der Luft, schielte ärgerlich darauf und preßte den Deckel mit den Handkanten aneinander. Dann legte er es beiseite.“

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Jacob Grimm: Der Ursprung der Mondflecken

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Wolfgang Sofsky
Jacob Grimm: Der Ursprung der Mondflecken

jacobgrimm

Im 22.Kapitel seiner „Deutschen Mythologie“ von 1835 hat Jacob Grimm einige Erzählungen dokumentiert, die vom Ursprung der Mondflecken handeln. Keineswegs stammen diese Mythen nur aus Germanien. Daß die Mondscheibe nicht gleichmäßig hell leuchtet, sondern rätselhafte dunkle Schattenflächen aufweist, obwohl nichts einen Schatten zu werfen scheint, hat die Menschen vor und nach der Erfindung des Fernrohrs verstört und zu mancherlei Theorien verleitet, Theorien über weiße Hasen, Kindesräuber, Holz- oder Gemüsediebe und Schänder der Sabbatruhe.

„Die Flecken und schattigen Vertiefungen im Licht des Vollmonds haben bei mehreren Völkern seltsame aber ähnliche mythische Vorstellungen hervorgebracht. Dem indischen Volksglauben erscheinen sie wie ein Hase, nämlich Chandras, der Gott des Monds, trägt einen Hasen (sasa) und der Mond heißt darum Sasin oder Sasânka (Hasenmahl, Flecken). Auch nach mongolischer Lehre zeigen die Mondschatten eines Hasen Gestalt. Bokdo Dschagdschamuni (andere nennen ihn Schigemuni), der oberste Regent des Himmels, hatte sich einst in einen Hasen verwandelt, bloß um einem verhungernden Wandersmann zur Speise zu dienen; zu Ehren dieser tugendhaften Handlung setzte Churmusta, den die Mongolen als mächtigen Tängäri verehren, die Figur eines Hasen in den Mond. Folgendes erzählen die Einwohner von Ceylon: während Buddha, der große Gott, als Einsiedler auf Erden weilte, verirrte er sich eines tags im Wald. Nach langem Umherwandern begegnete er einem Hasen, der ihn anredete: „Kann ich dir nicht helfen, schlag den Pfad zur rechten Hand ein, ich will dich aus der Wildnis geleiten“. „Dank dir“, versetzte Buddha, „aber ich bin arm und hungrig, ich vermag deine Gefälligkeit nicht zu belohnen“. „Bist du hungrig“, sagte der Hase, „so zünde ein Feuer an, töte, brate und iß mich“. Buddha machte Feuer; gleich hüpfte der Hase hinein. Nun bewies Buddha seine göttliche Kraft, riß das Tier aus den Flammen und versetzte es in den Mond. Seitdem ist in dem Mond immer ein Hase zu sehen…

Eine altn. Fabel erzählt: Mâni (der Mond) nahm zwei Kinder, Bil und Hiuki von der Erde weg, als sie eben aus dem Brunnen Byrgir Wasser schöpften und den Eimer Sægr an der Stange Simul auf ihren Achseln trugen. Diese Kinder gehen hinter dem Mâni her, wie man noch von der Erde aus sehen kann. Daß hierunter nicht die Phasen des Monds, sondern seine Flecken verstanden wurden, folgt schon aus dem Bilde selbst. Der Mondwechsel kann nicht die Vorstellung zweier Kinder mit dem Wassereimer auf ihren Schultern erzeugen. Dazu kommt, daß das schwedische Volk bis auf heute zwei Leute, die einen großen Eimer auf der Stange zusammen tragen, in den Mondsflecken erblickt.  Bil war vermutlich ein Mädchen, Hiuki ein Knabe, …

Was uns das wichtigste scheint aus dieser heidnischen Einbildung vom kinderstehlenden Mondsmann, welche auch außerhalb dem Norden in ganz Deutschland und vielleicht weiter im Schwange gewesen sein wird, hat sich hernach eine christliche Modification ergeben. Man erzählt, der Mann im Mond sei ein Holzdieb, der am heiligen Sonntag unter der Kirche Waldfrevel verübt habe und nun zur Strafe in den Mond verwünscht worden sei: da erscheint er mit Axt auf dem Rücken und Reisholzbündel an der Hand. Ganz deutlich hat sich die Wasserstange des heidnischen Märchens in den Axtstiel, der getragene Eimer in den Dornbusch umgewandelt; die Idee des Diebstahls wurde beibehalten, vorzüglich aber Heilighaltung des christlichen Feiertags eingeschärft; der Mann leidet weniger Strafe darum, weil er Brennholz gehauen, als daß er es sonntags getan hat. Die untergeschobene Geschichte stützt sich auf IV.Mos. 15, 32–36, wo von einem Mann erzählt ist, der am Sabbat Holz gelesen und den die israelitische Gemeinde zu Tod steinigte, alles ohne Erwähnung des Monds und seiner Flecken. Wann diese Fabel in Deutschland zuerst erschien vermag ich nicht nachzuweisen, jetzt ist sie fast allgemein herschend;…

Kuhns Märk. Sagen no. 27. 104. 130 liefern drei verschiedene Erzählungen, nach der einen soll ein Besenbinder am Sonntag Reiser gebunden oder eine Spinnerin gesponnen, nach der andern ein Mann Mist gebreitet, nach der dritten Kohlstauden gestohlen haben und die Gestalt mit dem Reisbündel, der Spindel, Mistgabel und Kohlstaude die Mondflecken bilden…. Die abergläubischen Leute gaben vor, die schwarzen Flecken im Mondlicht seien der Mann, der am Sabbat Holz gelesen und darüber ist gesteinigt worden. Die holländische Volkssage läßt den Mann Gemüse stehlen, mit dem ›bundel moes‹ auf den schultern zeigt er sich im Mond. Ziemlich alt scheint die englische Überlieferung. Chaucer im Testament of Creseide 260–64 schildert den Mond als Lady Cynthia:
her gite was gray and ful of spottis blake,
and on her brest a chorle paintid ful even
bering a bush of thornis on his bake
whiche for his theft might clime no ner the heven,
der Dornbuschträger wird seines Diebstahls wegen nicht in den Himmel gelassen und muß im Mond bleiben….

Alle diese Auslegungen treffen darin überein, daß sie eine Menschengestalt in den Mondsflecken annehmen, die etwas auf der Schulter trägt, sei es den Hasen, die Stange mit dem Eimer, die Axt mit den Dornen oder die bloße Dornenlast. Aus dem Holzdieb und Brudermörder werden die Mondsflecken, aus dem Spreudieb die Streifen der Milchstrasse gedeutet.“

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Coeur d´Alene: Ursprung der Mondflecken

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Wolfgang Sofsky
Coeur d´Alene: Ursprung der Mondflecken

cdalene

Eine ganz andere Geschichte vom Ursprung der Mondflecken erzählen die Coeur d’Alene im Grenzgebiet von Idaho, Montana und Washington. Sie selbst nannten sich einst „Schitsu’umsh“, das sind die „Leute, die man hier entdeckt hat“:

Einst lud Mond seine Nachbarn zu einem großen Fest ein. Als die Hütte schon voll war, kam auch die Kröte noch hinzu. Vergebens bat sie um einen Sitzplatz, doch man warf sie hinaus. Zur Rache ließ sie einen gewaltigen Regen herniederprasseln, eine Sintflut, welche die Wohnstääte von Mond vollkommen überschwemmte. Mitten in der Nacht vom Fest gejagt, entdeckten die Gäste in der Ferne ein Licht. Es kam aus der Hütte der Kröte. Dorthin wollten sie flüchten, denn der Boden der Hütte war noch ganz trocken. Da aber sprang Kröte dem Mond mitten ins Gesicht, und niemand konnte sie mehr losreißen. Dort erkennt man sie noch heute.

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Claude Lévi-Strauss: Der Ursprung der Mondflecken

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Wolfgang Sofsky
Claude Lévi-Strauss: Der Ursprung der Mondflecken

levistrauss

Gestern abend war in der oberen Etage des Holbach-Instituts Claude Lévi-Strauss zu Gast. Er hatte es naturgemäß nicht allzu weit. Er berichtete von seinem Leben in Brasilien, in New York, in Paris, von den Riten, Kulten der Menschen und den universalen Strukturen ihrs Denkens: http://www.arte.tv/guide/de/058866-000-A/das-jahrhundert-des-claude-levi-strauss

Zum Abschluß seines Besuchs, es war schon spät und die Sonne der Nacht stand bereits am Himmel, erzählte der Mythenmann noch eine letzte Geschichte, die unter den Leuten des Ostens, den Puelche, überliefert wurde. Sie berichtet, wie einst die Flecken auf den Mond kamen: Zwei schwarze Vögel fraßen den Sohn der Sonne auf. Um die Vögel zu fangen, nahm Mond und dann Sonne die Gestalt von Aas an. Dem Mond mißlang es, die Sonne jedoch vermochte sich eines der Vögel zu bemächtigen. Der andere Vogel indes blieb frei. Er hatte zwei kleine Knochen des Sonnenkindes geschluckt, so daß seine Auferstehung unmöglich war. Daraufhin rief Sonne alle Tiere der Welt zusammen, um die Zeit, die Länge des Tages, der Nacht, der Jahreszeiten festzulegen. Als man sich einig war, stiegen Sonne und Mond zum Himmel hinan, aber der Mond schrie so laut, daß die verärgerten Tatus aus ihren Erdlöchern kamen und ihm das Gesicht zerkratzten. So hatte der Mond nun für immer Flecken im Gesicht.

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Adalbert Stifter: Wien – Rollen, Rasseln, Prasseln

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Wolfgang Sofsky
Adalbert Stifter: Wien – Rollen, Rasseln, Prasseln

Wien1860

Der Blick vom Kirchturm hinunter auf die große Stadt, hinüber zum Horizont eröffnet eine gar ikarische Welt. Plötzlich reißt etwas auf. Wie in der Montgolfiere oder auf dem Berggipfel überkommen den Betrachter Empfindungen von Weite, Ferne, Unendlichkeit. Aber nicht eine Landschaft von Tälern, Hügeln, Feldern bietet sich dem Auge dar, sondern eine Unzahl von Details, Dächern, Schornsteinen, Winkeln, Mauern, Straßen, Droschken, Menschen. Und die Stadt“landschaft“ ist eine Art totales Erlebnis. Noch liegt die Stadtgrenze nicht jenseits des Horizonts. Doch das Sonnenlicht entzündet die Kuppeln und Dächer, unaufhörlich dringen Geräusche ins Ohr. Stadt widerfährt zuerst den Ohren, und zwar lange vor dem modernen Maschinenlärm.  Bevor der Betrachter seine Fassung zurückgewinnt, den Blick halbsouverän durch das Schauspiel schweifen läßt und bevor gängige Metaphern die erregte Seele  beruhigen, besetzen Geräusche das Sinnenfeld. Adalbert Stifter hat in der 1840er Jahren in seinen Altwiener Szenen das akustische Morgengrauen angedeutet, von höherer Warte, vom Turm von Sankt Stephan aus.

„Die Sonne ist herauf! Die unten aber haben sie noch nicht— jetzt —ganz draußen brennt plötzlich ein Teil der Stadt an; wie es blitzt und von Zeile zu Zeile lodert! Jetzt brennt’s auch dort, jetzt dort, jetzt in der ganzen Stadt, ihr Rauch vermehret sich und wallt, wie ein goldner trüber Brodem in die Morgenglut hinein. Ganze Gassen schimmern im Morgenglanze, ganze Fensterreihen belegen sich mit Gold — Turmkreuze und Kuppeln funkeln — von einzelnen Türmen fallen die sanften Klänge der Glocken zum Morgen-Ave. In den Gassen regt sich’s; schwarze Punkte werden sichtbar und bewegen sich, und schießen durch einander, sie werden immer mehr, einzelne frische Schalle schlagen herauf, das Rollen, Rasseln und Prasseln wird immer dichter, das verworrene Tönen ergreift alle Stadtteile, als ob sich Gassen und Häuser durch einander rührten, bis ein einziges dichtes, dumpfes, fortgehendes Brausen unausgesetzt durch die ganze Stadt geht. Sie ist erwacht. Indeß schwingt sich die Sonne siegend und lächelnd, wie ein silbern reines Schild, immer höher über das wirre Babel empor.

Und nun, da der Tag Alles ins Klare gebracht hat, lasse unsere Blicke durch dies schöne Schauspiel wandern, ehe der Wind sich hebt, und der Staub seinen schmutzigen Schleier über ganze Teile der Stadt, und jenen schönen Schmelz der Fernsicht legt.

Der Teil gerade zu unseren Füßen ist die eigentliche Stadt. Wir sehen sie, wie eine Scheibe um unseren Turm herumliegen, ein Gewimmel und Geschiebe von Dächern, Giebeln, Schornsteinen, Türmen, ein Durcheinanderliegen von Prismen, Würfeln, Piramiden, Parallelopipeden, Kuppeln, als sei das Alles in toller Kristallisation an einander geschossen, und starre nun da so fort. — In der Tat, von dieser Höhe der Vogelperspektive angesehen, hat selbst für den Eingebornen seine Stadt etwas Fremdes und Abenteuerliches, so daß er sich für den Augenblick nicht zu finden weiß. Wie eine ungeheure Wabe von Bienen liegt sie unten, durchbrochen und gegittert allenthalben, und doch allenthalben zusammenhängend, nur die Gassen nach allen Richtungen sind wie hineingerißne Furchen, und die Plätze wie ein Zurückweichen des Gedränges, wo man wieder Luft gewinnt. Senkrecht im Abgrund unter uns liegt der Platz St. Stephans, die Menschen laufen auf dem lichtgrauen Pflaster wie dunkle Amei-sen herum, und jene Kutsche gleitet wie eine schwarze Nußschale vorüber, von zwei netten Käferchen gezogen, und immer mehr und mehr werden der Ameisen und immer mehr der gleitenden Nußschalen.“

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Robert Southey: London – sublime Stadt

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Wolfgang Sofsky
Robert Southey: London – sublime Stadt

london

1807 veröffentlichte Robert Southey die fiktiven Briefe einer fiktiven Englandreise eines fiktiven spanischen Touristen namens Don Manuel Alvarez Espriella. Darin schildert er die britische Gesellschaft, die Moden, Sitten, politischen und religiösen Verhältnisse. Er steigt die Kuppel von St.Paul´s hinan und blickt auf das „Stadtmeer“ von London hinab. Vor ihm tut sich eine von Menschenhand erschaffene Unendlichkeit auf, woraufhin sich – naturgemäß – typische Gefühle von Erhabenheit einfinden. Nicht nur Berge, Meere, Basiliken oder Kathedralen, tosende Stürme oder brüllende Vulkane, auch eine Stadtfläche, die jenseits des Horizonts weiterwächst, übersteigt die Grenzen der menschlichen Sinnes- und Vorstellungskraft:

„So sehr ich schon bei meinem ersten Eintritte beeindruckt gewesen von den Ausmaßen dieser Baulichkeit, so ward mein Sinn für deren erhabene Größe noch weiter geschärft durch die erstaunliche Länge der Gänge, welche wir durchschritten, und durch die scheinbare Endlosigkeit der Stufen, die wir erklommen. Wir hielten uns knapp hinter unserem Führer, da wir Gefahr witterten, und daß es gefahrvoll sein könne, sich anders zu verhalten, ward uns nicht lange danach vor Augen geführt am Beispiele einer Person, welche dortselbst sich verirrte und zwei Tage und Nächte in solch mißlicher Einsamkeit ausharren mußte. Schließlich fand der Betreffende den Weg zu einem der Vordertürme. Sich hörbar zu machen, war nicht möglich. So band er sein Taschentuch an den Spazierstock und streckte denselben durch’s Fenster als ein Not-Signal, welches zuletzt auch bemerkt ward von unten, so daß er befreit werden konnte. Der beste Plan in solchen Fällen wäre freilich, die Uhr anzuhalten, sofern man den Weg zu ihr finden kann.

In allen anderen Türmen, die ich jemals erklommen hatte, war der Aufstieg zwar ermüdend, doch auf keine Weise erschreckend gewesen. Steinerne Stufen, welche sich höher und höher um einen steinernen Pfeiler emporwinden, von unten bis hinauf zum obersten Turmgemach, gerade so breit, dich aufzunehmen zwischen Mittelpfeiler und Außenmauer – dergleichen verursacht zwar arge Gliederschmerzen und einen schwindeligen Kopf, doch keinerlei Furcht vor etwa drohender Gefahr. Nun aber war das genaue Gegenteil der Fall: der Aufstieg bis hinauf zur Kuppel erfolgte über Treppenaufgänge, die unterbrochen waren mit aus Holz gefertigten Absätzen von der scheinbaren Unsicherheit eines Bau-Gerüsts. Vorspringende Balken, behangen mit Spinngeweb und schwarz von Staub, unten die gähnende Tiefe, das riesige Ausmaß des düsteren Doms, darin wir eingeschlossen waren unterm spärlichen Licht des Tages, welches eben noch dazu diente, das alles sichtbar zu machen wie es bald vor uns aufdämmerte, bald dahinschwand, jetzt schräg von der einen Seite hereinfiel, um uns gleich danach in tiefster Finsternis zu lassen: aus derlei Gegebenheiten mag man ersehen, wie furchterre-gend solche Szene sich darstellen kann, und man weiß ja, wie köstlich es ist, dergleichen Schreckensbilder aus der sichern Geborgenheit zu betrachten.

Nachdem wir zuletzt doch noch den höchsten Punkt des Domes erreicht hatten, war ich’s zufrieden. Das letzte Stück Weges bis hinauf zum Kreuz führte über eine Leiter. Und als wir bereits Umschau halten konnten so weit das Auge reichte, war nichts über mir, was noch den weiteren, mühseligeren Aufstieg gelohnt hätte. Die alten Vogelschau-Ansichten, wie sie heute, weil aus der Mode gekommen, nicht mehr in Gebrauch sind, waren dennoch nützlicher denn jegliches Ding, das heutzutage ihren Platz einnimmt: zur Hälfte Plan, zur Hälfte Bild, vermittelten sie eine accuratere, lebhaftere Vorstellung der wiedergegebenen Örtlichkeit als die sämtlichen Stadtpläne von heute. Ich hatte ja St. Paul’s auch erklommen, um London dergestalt unter mir aufgefächert zu sehen. Und wiewohl da nichts Schönes, nichts Erhabenes zu sehen war: so giebt’s immerhin nur wenige Dinge, die so erhaben sind (wenn wir unter Erhabenheit das verstehen wollen, was uns die Einbildungskraft vollkommen ausfüllt, bis zu ihres Vermögens Rande) wie die Ansicht einer großen Stadt, sobald sie sich uns auf einen einzigen Blick darbietet! Hausdächer, Kamine, von denen viele zu Türmchen geformt sind, Mauer- und Kirchtürme, die Bäume und Gärten der juridischen Fakultät und auch die fernen Plätze, welche so viel Grün in unsere Karte bringen; Westminster Abbey mit Westmin-ster Hall zur einen Seite, ein sicherlich nicht minder bemerkenswertes Object; und zur andern Hand das Monument – eine erstaunliche Säule, wohl wert eines schöneren Anlasses und einer weniger verlogenen Inschrift; dahinter der Tower und sämtliche Masten der Seefahrt; der Fluß mit seinen drei Brücken und all seinen Booten und Barken; die Straßen, sofern sie Einblick gewähren, schwarz von Menschengewimmel und den Reihen der Wagen. Gen Norden erstreckten sich Hampstead und Highgate auf ihren Anhöhen, gen Süden die Berge von Surrey. Wo die Stadt ein Ende nahm, war unmöglich zu erkennen. Schöner wär’s gewesen, wenn, wie in Madrid, die Hauptstadt von Mauern umschlossen gewesen wäre, und das offene Land gleich außerhalb solcher Umgrenzung begonnen hätte. Nach jedweder Richtung hin liefen die Reihen der Häuser, so weit das Auge reichte, und blos die Flecken Grün’s waren gegen den äußersten Rand des Blickfeldes häufiger eingestreut, dort, wo die Häuserzeilen weiter und weiter auseinander strebten. Es war ein Anblick, der mich mit ehrfürchtiger Scheu und Melancholie erfüllte. Da stand ich nun und blickte hinunter auf die Behausungen einer Millionenzahl menschlicher Wesen: auf den einzigen Ort, wo mehr Wohlstand sich zusammendrängte, mehr Glanz, mehr Erfindungskraft, mehr Weltklugheit und – Ach! – mehr Weltblindheit, mehr Armut, Erniedrigung, Ehrlosigkeit und Erbärmlichkeit denn auf jedwedem anderen Ort dieses ganzen, bewohnbaren Erdenrunds!“

© WS 2016

Maxentiusbasilika

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Wolfgang Sofsky
Maxentiusbasilika

maxentiusbasilika

Eines der imposantesten Bauwerke des antiken Rom ließ Maxentius am Rande des Forum Romuanum errichten. Vollendet wurde die Basilika unter Konstantin. Neben dem Colosseum, Domitians Kaiserpalast auf dem Palatin, dem Pantheon oder den Thermenhallen des Diokletian gehört die Maxentiusbasilika zu den Meilensteinen in der Geschichte der Machtarchitektur. Auf einer Grundfläche von 100 mal 65 Metern ließ der Kaiser die Basilika als monumentale Empfangshalle errichten. Das Bauwerk zwang Besucher, die durch den Haupteingang im Osten eintraten, dazu, die gesamte Längsachse des Bauwerks zu durchschreiten.

Das Mittelschiff war 80 Meter lang, 25 Meter breit und 35 Meter hoch. (Das Hauptschiff des Kölner Doms mißt 43 Meter). Auf der Westseite schloß eine Apsis das Schiff ab. Von der Einganghalle im Osten gelangte man durch eine der fünf Türen in das Hauptgebäude. Seitenschiffe im Norden und Süden hatten je drei Räume, die untereinander und mit der  Eingangshalle verbunden waren. Mächtige, mit Kassetten verzierte Tonnen überwölbten die Räume. Die Decke des Mittelschiffs war keine Balkendecke, sondern ein doppeltes Kreuzgewölbe, die von acht Strebepfeilern getragen wurden. Sie maßen 14,5 Meter und bestanden aus prokonnesischem Marmor. Jedes der Joche überspannte eine Wölbung von 21 Metern. Dadurch konnte man das kassettierte Gewölbe 35 Meter hoch bis zu den Deckenrosetten ansteigen zu lassen.

Der mittlere Raum des Nordflügels hatte eine Apsis, vor der zwei Säulen standen und in deren Wände Nischen für Statuen eingetieft waren, gerahmt von kleinen Säulen auf profilierten Konsolen. Auf der Südseite gab es einen prächtigen Eingang: eine von vier  Porphyrsäulen gestützte Vorhalle mit einer Treppe davor. Diese neue Nord-Süd-Achse der Basilika ging auf Planänderungen unter Konstantin zurück..

konstantin

Der Innenraum muß nicht nur durch Größe und Höhe überwältigend gewesen sein, sondern auch durch die Pracht der Dekoration. Vielfarbig war der eingelegte Marmor der Böden und Wände. Auf den Kassetten der Gewölbe fand man vergoldeten Stuck. Fluchtpunkt des Raums jedoch war in der Westapsis eine Kolossalstatue der Kaisers und Gottes Konstantin. Die Sitzstatue hatte etwa die zehnfache Lebensgröße eines Sterblichen. Es handelte sich um einen Akrolith, um eine Statue, bei der nur die nackten Körperteile (Kopf, Arme, Beine) aus Marmor bestehen. Das Gewand bestand aus Goldblech, das über ein Holzgerüst gespannt war. Die Marmorteile sind heute im Hof des Konservatorenpalasts ausgestellt. Der Kopf des Kaisers mißt 2,60 Meter, der Fuß zwei Meter.

MaxentiuspPiranesi

Erhalten ist nur ein Seitenschiff, dessen Bögen etwa 20 Meter breit, 17 Meter tief und 24,50 Meter hoch sind. Es ist vielfach auf  Stichen und Zeichnungen von Piranesi, Rossini, Friedrich u.a. Ruinenkünstlers festgehalten, die stets den Kontrast zwischen dem gigantischen Steinwerk und der Winzigkeit menschlicher Figurenbetonen.

© W.Sofsky 2016

Stefano d´Arrigo: Das weiße Herz

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Wolfgang Sofsky
Stefano d´Arrigo: Das weiße Herz

stefano d´arrigo

Fischer, englische Matrosen, wilde Delphine und gefräßige Sardinen haben den großen Schwertwal, den orcinus orca, die unsterbliche Tödin, dieses Ungeheuer der Meere, das allem Leben den Tod bringt, zur Strecke gebracht. Inmitten der Fluten zwischen Scylla und Charybdis trieb der riesige Kadaver dahin, dann und wann stob blutige, schäumende Flüssigkeit aus dem Atemloch hervor. Das Meer dünte in ihm wie Ebbe und Flut, Wasser filterte sich durch Krater und Höhlen, Gänge und Löcher, füllte die Lungen und leerte sich nach und nach von schwärzlichem Blut, das die Wege verstopfte, schäumte hinaus, zerstob durch die knochigen Engen, so daß es die Männer für lebendigen Atem hielten. Doch einer der Fischer warf sich todesmutig ins Wasser, schwamm vor den gigantischen Kadaver, „stopfte ihm das Seil in den Rachen und führte es zwischen den Keilen seiner Zähne her, wie eine Klampe, dann befestigte er das Seil und machte eine weitere Windung zwischen den Keilen. An diesem Punkt gab er ihnen ein Zeichen, daß sie an dem Seil ziehen sollten, um die Schlinge festzuzuzurren und auszuprobieren, ob die Bindung auch hielt. Vom Boot aus zogen sie, der Strick spannte sich von den Händen der Pellisquadre bis zum schaumbrodelnden Rachen des Kadavers. Und der Tiergigant bewegte sich: Er trieb herrlich dahin. Sie halfen Masino wieder aufs Boot, dann gruppierten sie sich am Heck und banden sich den Strick einander um die Brust, einmal vorne, einmal hinten, das Boot setzte sich in Bewegung und hatte den gigantischen Kadaver im Schlepptau, und in dieser Haltung, mit weit aufgerissenem Rachen und leicht erhöhtem vorderen Viertel, sahen sie, dass der Tiergigant unter dem Hals einen großen weißen Fleck in Form eines Herzens hatte, wie ein riesiges Muttermal, das auf eine gigantische ungestillte Lust einer trächtigen Orca hindeutete, die der Haut des Sohnes aufgeprägt war. Sie wussten nichts von diesem herzförmigen Fleck, noch hatten sie je etwas davon erfahren oder gar gesehen, und es war seltsam, dass nicht einmal Signor Cama über ein so ungewöhnliches und unerwartetes Detail von so außerordentlicher Wirkung auf den Anblick jemals geredet hatte, und das jetzt, wo es bekannt war, nur zur Ehre seiner Orca gelangen konnte, denn es musste nicht die Spur eines Anzeichens dafür in seinem Buch über die Giganten der Meere geben. Dieser absolut verborgene Tiergigant fügte im Tod noch Geheimnis zu Geheimnis, wie wenn dieser weiße, unberührte Riesenfleck in Form eines Herzens ihm im Sterben gekommen wäre, ausgeworfen von der pechschwarzen Haut. Sie waren viel zu sehr mit dem Seil beschäftigt, um miteinander zu reden, doch teilten sie sich ihr Erstaunen, in das sie das Auftreten dieses herzförmigen Muttermals auf der Haut des Orcadavers versetzte, über die Augen mit, und was für ein großes Unheil daraus entstehen konnte, wenn Donna Cristina und die Frauen es zu sehen bekamen. Wer konnte dann noch die phantasieerregte Donna Cristina mit ihrem Herzgehenk daran hindern auszurufen: »Heiliger, heiliger Ferdinando Currò«?

Es war schon beeindruckend: dieser Koloss, Bringer des Todes, glitt hinter dem Landungsboot her mit seinem Verblüffung erregenden, seinem so sichtbar zur Schau getragenen Herzen, wie ein um den Hals hängendes Medalljon von Unschuld und Reinheit, fast so, als miede es sagen: Dies ist mein Herz. Und die Pellisquadre dachten: Das Herz der Orca, das Herz des meerischen Todes.

Es dunkelte, und die Pellisquadre fühlten, dass das Wetter umschlug. Nachdem der Schirokko so viele Tage lang von Morgen und Abend gekommen war und Schweißperlen hervorgebracht hatte, ging er jetzt in einen leichten Gräkal aus Nordost über, wehte bereits mit einigen Andeutungen von abendlicher Kühle und bildete dicht auf den Wellen kleine Kämme. Der Eindruck von einem verspätet brüllenden Sommer verflog augenblicklich, und eine Brise, die den Schweiß auf der Haut gefrieren ließ, wehte aus Nordost herunter, verwirrte zuerst und zuunterst das Meer mit dem Altmeer und warf es dann mit leichtem, schäumendem Pfeifen gegen den Kadaver des Orcaferons und strudelte heckhin über das Boot hinweg.

Nicht viel Zeit verging, und, enthüllt vom milchigen Weiß der jungen Schwertfische, sahen sie in der Höhe von Punta Cavallo zuerst ein Pärchen, dann ein weiteres und ein weiteres und dann, isoliert, viele weitere Schwertfische, die zurückkehrten.“

(Stefano d´Arrigo, Horcynus Orca, Ü: Moshe Kahn, Frankfurt 2015, S.1364f.)

„Menschenverderber“

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Wolfgang Sofsky
„Menschenverderber“

Im Club der bösen Denker hat man sich der Auflösung individueller und kollektiver Illusionen und Ideologien verschrieben. Eingetragene Mitglieder sind u.a. Thukydides, Tacitus, Machiavelli, Hobbes, Shakespeare, La Bruyère, Diderot, d´Holbach, Goya, Flaubert, Freud. „Menschenverderber“ hat man einige dieser Denker genannt, weil sie sagen, was Menschen tun, und nicht, was sie tun sollten. Sie sind Realisten und nichts als Realisten. Der „Menschenverderber“ verfügt über einen ungetrübten Blick auf das, was der Fall ist. Manche halten diesen Blick für einen „bösen“ Blick, weil er festhält, was ist. „Menschenverderber“ ist in Wahrheit ein Ehrentitel. Der Realist stellt die Menschen dar, wie sie sind und wie sie geblieben sind. Weder an Ideale noch an Illusionen glaubt er, zumal die allermeisten Ideale nur Betrug sind. Religion betrachtet der „Menschenverderber“ als eine menschliche Erfindung, Recht hält er für eine Kodifizierung von Macht. Dies hat ihm den Ruf eingetragen, Schlechtigkeit in die Welt zu tragen. Da er die Glaubwürdigkeit der Religion und die Legitimität des Rechts unterhöhle, öffne er der Korruption Tür und Tor. Indem er den Menschen sage, wer sie wirklich sind, mache er sie schlechter und bösartiger als sie ohnehin sind. Indem er die Gewalt seziere, fördere er die Gewalttätigkeit. Indem er das Laster studiere, leiste er ihm Vorschub. Indem er die Torheiten aufdecke, raube er den Menschen Halt und Hoffnung. Ein Menschenverderber sei er, weil er den Menschen den blanken Spiegel vorhalte. Besonders erbost sind alle, die von den Illusionen ihrer Zeitgenossen profitieren. Sie hassen den Menschenverderber, da dieser sie um ihre Anhänger, ihre Gefolgschaft bringt. Dabei weiß der Menschenverderber, daß sich die Betrüger keine Sorgen machen müssen. Der Wunsch nach Illusionen wird bleiben, die Narren und Unholde werden die Erde bevölkern, bis zum Ende.

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Condorcet: Unkenntnis

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Wolfgang Sofsky
Condorcet: Unkenntnis

condorcet

Von Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet, dem Mathematicus, Verfassungsdenker, Verfechter des Frauenwahlrechts, Feind der Sklaverei und erzliberalen Girondisten, der imitten des Terrors noch an den Fortschritt durch Bildung glaubte, stammt eine Bemerkung über den Zusammenhang von Unwissen und Unterdrückung: „Eine wahrhaft freie Verfassung und Gesellschaft, in der alle Klassen dieselben Rechte genießen, kann nicht überleben, solange das Unwissen eines Teils der Bürger ihnen die Kenntnis von deren Wesen und Grenzen verwehrt und sie dazu bringt, über Dinge zu urteilen, von denen sie nichts verstehen, und zu entscheiden, was sie nicht beurteilen können.“  Solange die Menschen unwissend und leichtgläubig sind, kann die Unterdrückung nicht enden. Deshalb muß die radikale Kritik der Religion mit dem Kampf gegen die Macht einher gehen. Der Sturz der Religion ist eine notwendige, allerdings keine hinreichende Bedingung für den Sturz der Macht. Für den radikalen Aufklärer Condorcet, endet die Aufklärung weder vor den Pforten der Kathedralen noch vor den Toren der Paläste. Wer sich mit der Kirche oder dem König gemein macht, verrät die Republik freier Bürger.

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Spinoza: Über Heiliges

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Wolfgang Sofsky
Spinoza: Über Heiliges

Spinoza

Im 12. Kapitel des Theologisch-politischen Traktats, das 1670 in Amsterdam anonym und mit dem falschen Verlagsort Hamburg gedruckt wurde, erläutert Baruch de Spinoza, was man unter „heilig“ zu verstehen hat. Das Heilige ist für den Freidenker Spinoza, der auch der philosophische Ahnherr des Barons Holbach war, weniger eine Erfahrung oder ein Widerfahrnis, welches den Menschen überkommt, als das Ergebnis ehrfürchtiger Praxis. Heilig ist, modern gesagt, eine Angelegenheit sozialer Definitionen, ritueller Kultbräuche und Einstellungen. Heilige Objekte und Bücher werden nicht verehrt, weil sie heilig sind. Sie sind heilig, weil und solange sie als solche verehrt werden.Ein Wort, ein Buch, ein Ritus, ein Gegenstand, ein Ort X ist nicht deswegen heilig, weil X von einem Gott stammt oder weil in ihm ein Gott gegenwärtig wäre, sondern weil X dazu dient, daß Menschen in den Zustand der Frömmigkeit, der Gottesfurcht oder –verehrung versetzt werden. Heilig ist das, was Menschen für heilig halten, um Anteil, Kontakt mit dem Heiligen zu erlangen. Der Wert von X bemißt sich allein an diesem Effekt. Deshalb kann sich ein ursprünglich religiöser Gebrauch von X auch in einen Aberglauben oder in schiere Indifferenz verwandeln. Eine vormals heilige Schrift, die niemanden in den Zustand der Frömmigkeit versetzt, ist keine heilige Schrift. Heiligkeit ist mithin keine Frage des Dogmas oder eines vermeintlichen Geheimnisses, sondern eine Frage wirksamen Gebrauchs.

Alle Frömmigkeit und Bigotterie, die auf der silbengetreuen Beachtung von Wörtern, Vorschriften oder Objekten besteht, weiß insgeheim um diese profane Zerbrechlichkeit des Heiligen. Für sie ist Blasphemie, Spott oder Reliquienschändung tatsächlich ein todeswürdiges Verbrechen, weil derlei das Heilige wirklich entzaubert. Nur wer der Phantasie anhängt, Heiliges sei und bliebe immer heilig, was immer Menschen tun, hat das Heilige sicherheitshalber ins unantastbare Jenseits befördert.

„Ein Gegenstand heißt heilig oder göttlich, der zur Übung der Frömmigkeit und Religion bestimmt ist, und er ist nur so lange heilig, als er zu diesem Zweck gebraucht wird. Hören die Menschen auf, fromm zu sein, so hört auch die Heiligkeit des Gegenstandes auf, und wenn sie ihn zur Vollziehung gottloser Dinge bestimmen, so wird der vorher heilige Gegenstand zu einem unreinen und weltlichen. So nannte der Erzvater Jacob einen Ort »Haus Gottes«, weil er da den ihm offenbarten Gott verehrte; allein die Propheten nannten denselben Ort »Haus der Ungerechtigkeit« (Hamos. V. 5, Hosea X. 5), weil die Israeliten nach der Einrichtung Jerobeam’s da den Götzenbildern zu opfern pflegten. Ein anderes Beispiel macht die Sache noch klarer. Die Worte erhalten durch den Gebrauch eine bestimmte Bedeutung, und wenn sie nach diesem Gebrauch so eingerichtet werden, daß sie die Leser zur Andacht bestimmen, gelten jene Worte als heilige, wie das Buch, was so geschrieben ist. Verliert sich nun später dieser Gebrauch, so daß die Worte nichts mehr bedeuten, und daß das Buch aus Bosheit, oder weil man es nicht mehr braucht, ganz vernachlässigt wird, dann haben solche Worte und ein solches Buch keinen Nutzen und keine Heiligkeit mehr. Werden endlich dieselben Worte anders gestellt, oder wird der Gebrauch, sie in eine andere Bedeutung zu nehmen, überwiegend, dann können die Worte und das Buch, die vorher heilig waren, unrein und weltlich werden.

Daraus folgt, daß nur der Sinn unbedingt über Heiligkeit und Weltlichkeit oder Unreinigkeit entscheidet, wie dies auch aus vielen Stellen der Bibel sich ergibt. So sagt, um eine solche anzuführen, Jeremias VII. 4, daß die Juden zu seiner Zeit den Tempel Salomo’s fälschlich den Tempel Gottes genannt hätten; denn, fährt er fort, Gottes Narnen kann nur derjenige Tempel führen, der von Menschen, die Gott verehren und die Gerechtigkeit verteidigen, besucht wird; geschieht dies aber von Mördern, Dieben, Götzendienern und anderen abscheulichen Menschen, dann ist er nur der Schutzherr der Übeltäter. – Was aus der Bundeslade geworden, gibt die Bibel nicht an, was mich oft gewundert hat; allein sicher ist, daß sie untergegangen oder mit dem Tempel verbrennt ist, obgleich es nichts Heiligeres und Verehrteres bei den Juden gegeben hat.

In diesem Sinne wird die Bibel auch so lange heilig und ihre Rede göttlich sein, als sie die Menschen zur Andacht gegen Gott bewegt; sollte sie aber von ihnen ganz vernachlässigt werden, wie ehedem von den Juden, so bleibt sie nur ein beschriebenes Papier und wird eine durchaus weltliche und dem Verderben ausgesetzte Sache, und wenn sie dann verdorben wird oder zu Grunde geht, so kann man nicht sagen, das Wort Gottes sei verdorben werden oder untergegangen, wie man auch zur Zeit des Jeremias nicht sagen konnte, der Tempel sei als Tempel Gottes verbrannt. Jeremias sagt dies auch von dem Gesetz selbst, indem er den Gottlosen seiner Zeit vorhält: »Weshalb sagt Ihr, wir sind erfahren, und Gottes Gesetz ist mit uns? Gewiß ist es vergeblich eingerichtet worden; die Feder der Schreiber ist vergeblich« (gewesen), d.h. Ihr sagt fälschlich, dass Ihr das Gesetz Gottes habt, wenn auch die Bibel bei Euch ist, nachdem Ihr selbst sie nutzlos gemacht habt. – Ebenso hat Moses, als er die ersten Tafeln zerbrach, keineswegs vor Zorn das Wort Gottes aus den Händen geschleudert und gebrochen (denn wer konnte dies von Moses und dem Worte Gottes annehmen), sondern es geschah dies nur mit Steinen, die allerdings vorher heilig waren, weil das Bündnis, nach dem die Juden Gott zu gehorchen sich verpflichtet hatten, auf ihnen geschrieben stand; allein nachdem sie dasselbe durch Anbetung des Kalbes gebrochen hatten, hatte es keine Heiligkeit mehr, und aus derselben Ursache konnten auch die zweiten Tafeln mit der Lade untergehen. Es kann deshalb nicht auffallen, wenn die ersten ursprünglichen Tafeln des Moses nicht mehr da sind, und daß das mit den Büchern, die wir noch haben, sich zugetragen hat, was ich oben erwähnt habe, wenn das wahre und allerheiligste Original des göttlichen Bundes hat ganz zu Grunde gehen können.“

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Kriecherei und Eigennutz

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Wolfgang Sofsky
Kriecherei und Eigennutz

Der Unterwürfige verletzt die Pflicht gegen sich selbst. Er verschleudert seine Freiheit und mißachtet sich als Subjekt mit eigenem Willen, Handeln und Denken. Nicht aus Ironie, Zweifel oder Einsicht setzt er sich hinter seinen Wert zurück, sondern aus Sehnsucht nach Beachtung und Bedeutung. Er pflegt seine hündische Existenz, nicht weil er den Unbilden des Schicksals entgehen oder fremder Übermacht ausweichen will, sondern weil er von ihr erhöht werden möchte. Das Winseln und Schmeicheln, das Hinknien und Hinwerfen zur Erde, die blinde Verehrung irdischer oder himmlischer Bilder und Figuren ist des Menschen Würde zuwider. In solchen Gesten regiert der Wunsch nach Erniedrigung. Nicht länger drückt die Vernunft der Haltung ihren Stempel auf. Der untertänige Affekt hat längst das Amt des Willens besetzt.

Dem Unterwürfigen fehlt die Glaubwürdigkeit. Auf der Suche nach Gunsterweisen sind ihm viele Mittel recht. Er überhäuft seinen Herrn mit Komplimenten, überschüttet ihn mit Beifall, wiederholt getreulich jedes Wort, nicht ohne Seitenblick, ob jener dies auch bemerkt. Diese Huldigung ist ein Widerspruch in sich. Sie ist eine Anmaßung, die dem Kriecher gar nicht zusteht. Welchen Wert hat der Lobpreis aus dem Munde des Knechts, der sich selbst nichts wert ist und durch devote Gesten fortwährend bekundet, daß er nichts zählt? Will er den Herrn insgeheim dazu verführen, ihn aufzuwerten, damit die Lobhudelei überhaupt Wert gewinnt? Nur zu gerne möchte sich der Herr in seiner Glorie sonnen. Doch dürfen die großen Töne keinesfalls von Heuchlern oder Speichelleckern stammen. Nur dem Eitlen schmeichelt das leere Kompliment. Der beflissene Laudator indes hat es darauf abgesehen, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Er lobt, um selbst gelobt zu werden. Und er gibt sich besonders bescheiden, um nochmals belobigt zu werden.

Uneigennützig ist Servilität nicht. Wer um Anerkennung buhlt, erstrebt Gunst vor Dritten. Er will nicht nur respektiert, er will bevorzugt werden. Alle anderen sollen auf die Ränge verbannt werden. Der Unterwürfige will sich seinem Idol bis auf Tuchfühlung nähern, will einen Logenplatz an der Seite der Macht, an der Tafel der Götter und Könige. Liegt der Kriecherei nicht eine heimliche Rivalität zugrunde, eine Konkurrenz des Zweiten gegen den Dritten um die Liebe des Ersten?

Unterwürfigkeit ist die Fortsetzung des Kampfs um Anerkennung mit den Mitteln der Selbstabwertung. Mit Geltungssucht ist dies ebenso vereinbar wie mit der Aggressivität der Konkurrenz. Nicht umsonst grassiert unter den Untertanen ein Haß gegen die Günstlinge. Die Enttäuschung über versagte Beachtung tröstet sich durch die Verachtung derjenigen, welche die Anerkennung erlangt haben. Der Untertan verweigert dem Rivalen den Respekt, weil er ihm nicht nehmen kann, was ihm der Respekt der anderen verschafft hat. Dafür beneidet und verwünscht er ihn. Wut packt ihn, wenn er andere an sich vorüberziehen sieht. Noch die kleinste Niederlage verstärkt die Geringschätzung, die er sich selbst zufügt. Ein tiefer Stachel sitzt ihm im Fleisch. Er stammt von all den Befehlen die er auszuführen hatte, von den enttäuschten Hoffnungen, vom Neid auf die Günstlinge, die ihn ebenso verachten wie er sich selbst. Auch wenn er heimlich über seinen Herrn lästert, sich über dessen Eigenheiten mokiert und ihn nachäfft, niemals würde er seinen Ärger direkt gegen die Macht richten. Aufzubegehren ist ihm undenkbar. Niemals wird er vor seinem Gott den Blick heben, seinem Herrn frech ins Gesicht lachen. Mit Angriffen auf Schwache und Wehrlose hält er sich schadlos. Der Mißmut und Groll machen sich Luft in Schadenfreude und übler Nachrede. Der unterwürfige Charakter freut sich, wenn es anderen übler ergeht als ihm selbst. Fremde Niederlagen erzählt er sofort weiter. Von den Rivalen weiß er nur Schlechtes zu berichten. Mit dem scheelen Blick des Ressentiments sieht er die Welt und wundert sich, daß niemand ihn schätzt. Der Wurm krümmt sich, um sich klein zu machen. Aber wer sich freiwillig zum Wurm macht, kann nicht darüber klagen, wenn er mit Füßen getreten wird.

(aus: W.Sofsky, Das Buch der Laster, München 2009)

Knechtschaft und Selbsterniedrigung

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Wolfgang Sofsky
Knechtschaft und Selbsterniedrigung

Zwei Maenner, einander in hoeherer Stellung vermutend, begegnen sich

Tief ist die Verstrickung des Unterwürfigen in das Verhältnis zur Autorität. Er tut nicht nur, was ihm aufgetragen wird, er schmiegt seine Einstellungen den Werten an, die das Idol zu verkörpern scheint. Er sieht sich mit dessen Augen, unterstellt sich dessen Urteil, übernimmt dessen Maßstäbe. Des eigenen Urteils entschlägt er sich. Nur die Autorität kann ihn erhöhen oder erniedrigen. Jedes Lob ist wie ein innerer Festtag, jeder Tadel eine Schmach. Zwischen Auszeichnung und Verdammung, zwischen Begeisterung und Niedergeschlagenheit sucht der Untertan nach Zuspruch und Gunsterweis. Einzig der Herr verspricht ihm Selbstbewußtsein. Vor die Wahl gestellt, frei oder untertan zu sein, läßt er die Freiheit und befolgt den Befehl. Nicht weil er das Gesetz achtet oder die Bajonette fürchtet, unterwirft er sich, sondern aus Anerkennungssucht und feiger Gewöhnung.

Gegenüber seinem Herrn wertet sich der Unterwürfige radikal ab. Er fühlt sich schwach, häßlich, nichtswürdig. Keinesfalls will er sich selbst gehören. Er demütigt sich, und er verachtet sich dafür. Immer weiter treibt ihn die Spirale der Selbstverachtung hinab. Unermeßlich scheint die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erniedrigen und sich wegen vager Hoffnungen und nichtiger Vorteile quälen zu lassen. Seine Knie sind schon wund von der elenden Kriecherei, und dennoch will er weiter abhängig sein, um sich beschützt zu wähnen. Gehorchen will er bis zur Selbstauslöschung. Er traut sich nichts zu. Den Mut, für sich selbst zu sorgen und sein Leben nach eigener Vorstellung zu führen, hat er längst verloren. Es gibt nichts, woraus sein Selbstbewußtsein noch Nahrung beziehen könnte. Nur die Hand des Herrn vermag ihn noch aufzurichten.

Die Selbstentwertung ist nicht das Ergebnis eines sozialen Vergleichs. Es ist nicht so, daß der Unterwürfige sich zuerst am anderen mißt, seine Schwächen konstatiert, um sich schließlich einen niederen Rang zuzuerkennen. Es verhält sich vielmehr umgekehrt. Weil er sich minderwertig fühlt, sucht er sich ein Idol der Anbetung. Weil er sich für unfähig und unwürdig hält, erfindet er den Thron, auf den er den Götzen setzt. Nie und nimmer käme er auf den Gedanken, sich mit dem Herrn zu messen. Schon der Vergleich käme ihm als pure Anmaßung vor.

Die Selbstverachtung hat ihre eigene Geschichte. Anfangs erniedrigt sich der Untertan, um erhört und erhöht zu werden. Er betet und dient, damit er in den Kreis der Auserwählten aufgenommen wird. Er schuftet sich ab, um etwas zu gelten. Damit vom Ruhm des Herrn etwas für ihn abfällt, sucht er dessen Nähe, zuerst unauffällig, dann drängelt er sich immer dreister nach vorn, wirbt zumindest um die Gunst der Günstlinge, wenn die Wege zum Thron versperrt sind. Doch dann die Katastrophe: eine unwirsche Geste, eine abfällige Handbewegung stößt ihn ins Nichts zurück. Er hat nichts und ist nichts. Die Mühsal von Monaten war vergebens. Er versucht es abermals, doch je länger er sich anstrengt, desto mehr verfestigt sich die Unterwürfigkeit zum Habitus. Mißerfolge potenzieren seine Bemühungen, bis endlich auch die letzte Spur von Stolz dahin ist. Unmöglich kann er von der Hoffnung lassen, irgendwann, in ferner Zukunft einmal, erhört oder zumindest gesehen zu werden.

Hat sich die Unterwürfigkeit zum Charakter kristallisiert, löst sie sich von der persönlichen Bindung. Die Fügsamkeit gegenüber dem Idol wird übertragen auf die Institution, welche die Autorität repräsentiert: die Kirche, den Staat, das Militär, den Clan. Nach und nach übernimmt die Gewohnheit das Kommando. Die Gesten der Kriecherei verselbständigen sich, Muskeln und Nerven agieren wie von selbst. Unwillkürlich schlägt sich der Blick nieder, fast automatisch neigt sich der Rumpf. Der Untertan lächelt freundlich, um sich keine Blöße zu geben, pflichtet sofort jeder Meinung bei, geht sorgfältig jedem Streit aus dem Wege. Vor jedem Staatsbeamten kuscht er, jedem Würdenträger leckt er schweifwedelnd die Hand, vor jedem Uniformträger zeigt er tiefe Ehrerbietung. Einen Fremden begrüßt er mit Bücklingen, und wenn er auf einen anderen Kriecher trifft, suchen sie sich gegenseitig im Respekt zu übertreffen. Einander in höherer Stellung vermutend, katzbuckeln sie voreinander, bis das Ballett der Selbstverleugnung sie gänzlich erschöpft hat.

(aus: W.Sofsky, Das Buch der Laster, München 2009)

Bertrand Russell: Message To Future Generations

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Bertrand Russell: Message To Future Generations

bertrandrussell

Heute zu Gast in den Räumen des Holbach-Instituts war Bertrand Russell. Am Ende der Konversation beantwortete er eine letzte Frage mit einer Botschaft für künftige Generationen, die Zukunft des Denkens, der Moral und des gloablen Zusammenlebens betreffend:

https://www.youtube.com/watch?v=ihaB8AFOhZo&list=PLmKUmS9HJkE4hbhVbbmyOAZKBrpsV14LB&index=6

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Bertrand Russell: Thomas Paine

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Bertrand Russell: Thomas Paine

paine

Zu dem ehrwürdigen Kreis der Freigeister und Tyrannenfeinde, die in der oberen Etage des Hauses Holbach gelegentlich aufeinander treffen, gehört auch der Quäkersprößling Thomas Paine, Autor des „Common Sense“, der Bibel der Amerikanischen Revolution, und des Artikels „The American Crisis“, den George Washington am Weihnachtsabend 1776 vor dem Angriff auf Trenton seinen Soldaten vorlesen ließ, woraufhin die Amerikaner, angespornt durch entschlossene Worte, den Sieg davontrugen. 1789 eilte Paine nach Frankreich und schrieb „Rights of Man“, von dem 200.000 Exemplare verkauft wurden. Das Honorar spendete er einer republikanischen Vereinigung. Die britische Regierung Pitts machte Paine 1792 den Prozeß und erklärte ihn zum „Outlaw“. Verleger und Verkäufer der Schrift werden zu mehrjähriger Haft oder zur Strafkolonie in Australien verurteilt. In Paris wurde Paine zum französischen Ehrenbürger ernannt. Als Freund der Girondisten, der die Exekution des Königs aus Dankbarkeit für die französische Unterstützung der amerikanischen Unabhängigkeit ablehnte, warfen ihn die Jakobiner in den Kerker. Kurz vor seinem Todestermin lag jedoch Robespierres Kopf unter der Guillotine. In „The Age of Reason“ griff Paine die kirchliche Orthodoxie an, den Klerus, nicht zuletzt die Grausamkeiten des Alten Testaments. Als „schmutzigen kleinen Atheisten“ empfing man ihn im Herbst 1802 in den USA. Man verübelte ihm sein Plädoyer gegen die Sklaverei und für die Rechte der Frauen. 1809 starb Paine, der Revolutionär der Freiheit, halb vergessen und verarmt in New Rochelle, unweit von New York.

Bertrand Russell, gleichfalls regelmäßiger Ehrengast im oberen Stockwerk des Hauses Holbach, widmete Paine 1934 einen längeren Essay: „Das Schicksal Thomas Paines“. Hieraus ein paar Absätze:

„Obwohl Thomas Paine sich in zwei Revolutionen hervorgetan hat und für den Versuch, eine dritte anzuzetteln, fast gehenkt wurde, ist sein Bild in unseren Tagen etwas verblaßt. Unseren Urgroßvätern erschien er als eine Art irdischer Satan, als subversiver Heide, der gleichermaßen gegen Gott und gegen seinen König rebellierte. Er zog sich die bittere Feindschaft dreier Männer zu, die im übrigen keine Verbündeten waren: Pitt, Robespierre und Washington. Die beiden ersteren trachteten ihn zu töten, und der dritte vermied sorgfältig jede Maßnahme zur Rettung seines Lebens. Pitt und Washington haßten ihn, weil er ein Demokrat war; Robespierre, weil er der Exekution des Königs und der Schreckensherrschaft entgegentrat. Es war sein Schicksal, stets von der Opposition geehrt und von den Regierungen gehaßt zu werden: Als Washington noch die Engländer bekämpfte, war er über Paine voll des Lobes; die französische Nation überhäufte ihn mit Ehren, bis die Jakobiner an die Macht kamen; selbst in England erzeigten ihm die berühmtesten Staatsmänner der Whig-Partei Freundschaft und beauftragten ihn, Manifeste zu entwerfen. Wie andere Menschen hatte auch er Fehler, aber gehaßt und mit Erfolg verleumdet wurde er wegen seiner Tugenden.

Paines historische Bedeutung besteht darin, daß er die Verkündung der Demokratie demokratisierte. Im 18. Jahrhundert gab es Demokraten unter französischen und englischen Adligen, unter Philosophen und nonkonformistischen Geistlichen. Aber sie alle stellten ihre politischen Spekulationen in einer Form dar, die sich nur an die Gebildeten wandte. Paine war ein Neuerer durch seinen Stil, der einfach, direkt, unakademisch und für jeden intelligenten Arbeiter verständlich war, wenn seine Lehre auch nichts Neues enthielt. Das machte ihn gefährlich. Und als er sich neben seinen anderen Verbrechen auch noch unorthodoxer religiöser Anschauungen schuldig machte, ergriffen die Verteidiger der Privilegien die Gelegenheit, ihn mit Schmähungen zu überhäufen.

Die ersten sechsunddreißig Jahre seines Lebens bieten keinen Anhaltspunkt für die Talente, die in seinen späteren Handlungen zum Vorschein kamen. Er wurde im Jahre 1737 in Thetford als Sohn armer Quäker geboren, besuchte bis zum Alter von dreizehn Jahren die örtliche Lateinschule und wurde dann Korsettmacher. Ein ruhiges Leben war jedoch nicht nach seinem Geschmack, und im Alter von siebzehn Jahren versuchte er, auf einem Kaperschiff mit dem Namen „The Terrible“ anzuheuern, dessen Kapitän „Death“ hieß. Seine Eltern holten ihn zurück und retteten ihm so wahrscheinlich das Leben, da von den zweihundert Mann Besatzung kurz darauf hundertfünfundsiebzig im Kampf fielen. Ein wenig später, beim Ausbruch des Siebenjährigen Krieges, gelang es ihm jedoch, auf einem anderen Kaperschiff zu segeln, aber über seine kurze Abenteurerlaufbahn zur See ist nichts bekannt. 1758 war er als Korsettmacher in London beschäftigt, und im Jahr darauf heiratete er, aber seine Frau starb nach wenigen Wochen. Im Jahre 1763 wurde er Steuereinnehmer, verlor aber zwei Jahre später seine Stellung, weil er vorgegeben hatte, er habe Inspektionen gemacht, während er in Wirklichkeit zu Hause studiert hatte. In großer Armut wurde er für zehn Shilling die Woche Schulmeister und versuchte anglikanischer Geistlicher zu werden. Vor diesem verzweifelten Schritt wurde er dadurch bewahrt, daß er in Lewes wieder als Steuereinnehmer angestellt wurde. Er heiratete dort eine Quäkerin, von der er sich aus unbekannten Gründen im Jahre 1774 formell trennte. In diesem Jahr verlor er wieder seine Anstellung, und zwar offenbar deshalb, weil er eine Eingabe der Steuereinnehmer um höhere Löhne organisiert hatte. Durch den Verkauf seiner gesamten Habe gelang es ihm, seine Schulden zu bezahlen und ein wenig für den Unterhalt seiner Frau zu sorgen, aber er selbst litt wieder bittere Not.

In London, wo er versuchte, die Eingabe der Steuereinnehmer dem Parlament vorzulegen, machte er die Bekanntschaft von Benjamin Franklin, der einen guten Eindruck von ihm erhielt. Das Ergebnis war, daß er im Oktober 1774, mit einem Schreiben Franklins versehen, in dem er als «scharfsinniger, ehrenwerter junger Mann» beschrieben wurde, nach Amerika segelte. Sobald er in Philadelphia eintraf, begann sich sein schriftstellerisches Talent zu zeigen, und er wurde fast im Handumdrehen Herausgeber eines Journals.

Seine erste Veröffentlichung im März 1775 war ein eindringlicher Artikel gegen die Sklaverei und den Sklavenhandel, dem gegenüber er stets ein kompromißloser Gegner blieb, was auch immer einige seiner amerikanischen Freunde sagen mochten. Es scheint zum großen Teil auf seinen Einfluß zurückzugehen, daß Jefferson in den Entwurf zur Unabhängigkeitserklärung den Abschnitt über dieses Thema aufnahm, der später gestrichen wurde. Im Jahre 1775 gab es in Pennsylvanien immer noch Sklaverei; sie wurde in diesem Staat durch ein Gesetz des Jahres 1780 abgeschafft, zu dem, wie allgemein angenommen wurde, Paine die Präambel schrieb.

Paine war einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste, der für die völlige Freiheit der Vereinigten Staaten eintrat. Im Oktober 1775, als selbst noch jene, die später die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten, auf irgendeine Einigung mit der britischen Regierung hofften, schrieb er: «Ich zögere keinen Augenblick zu glauben, daß der Allmächtige Amerika schließlich von Großbritannien trennen wird. Mag man es nun Unabhängigkeit oder wie auch immer nennen, wenn es die Sache Gottes und der Menschlichkeit ist, wird sie fortbestehen. Und wenn uns der Allmächtige gesegnet und zu einem Volk gemacht haben wird, das nur von ihm abhängt, dann mag sich unsere Dankbarkeit als erstes durch ein kontinentales Gesetz zeigen, das der Einfuhr von Negern zum Verkauf ein Ende setzt, das harte Los derjenigen, die bereits hier sind, lindert und ihnen mit der Zeit die Freiheit schenkt.»

Es war die Sache der Freiheit — Freiheit von Monarchie, Aristokratie, Sklaverei und jeder Art von Tyrannei —, daß sich Paine der Sache Amerikas annahm…

(In „Rights of Man“, WS) sagt er: «Alle Regierungen lassen sich in drei Gruppen einteilen. Erstens, Aberglaube. Zweitens, Macht. Drittens, das gemeinsame Interesse der Gesellschaft und die allgemeinen Menschenrechte. Das erste war eine Regierung der Priester, das zweite eine von Eroberern und das dritte eine Regierung der Vernunft.» Die beiden ersteren verschmolzen miteinander: «Das Wappen zeigte nebeneinander den Schlüssel Petri und den Schlüssel zur Schatzkammer, und die erstaunte, betrogene Menge betete die Erfindung an.» Solche allgemeinen Bemerkungen sind jedoch selten. Das Werk besteht zum größten Teil einerseits aus der französischen Geschichte von 1789 bis Ende 1791 und andererseits aus einem Vergleich der britischen Verfassung mit der, die 1791 in Frankreich ausgerufen wurde, und zwar selbstverständlich zugunsten der letzteren. Man muß bedenken, daß Frankreich 1791 immer noch eine Monarchie war. Paine war Republikaner und verheimlichte diese Tatsache nicht, aber in den „Rights of Man“ hob er sie auch nicht sehr hervor…

Paine hat die Welt in zweifacher Hinsicht beeinflußt. Während der amerikanischen Revolution weckte er Begeisterung und Zuversicht und trug wesentlich zum Sieg bei.

In Frankreich war seine Popularität nur vorübergehend und oberflächlich, aber in England rief er den hartnäckigen Widerstand der plebejischen Radikalen gegen die lange Tyrannei von Pitt und Liverpool ins Leben. Seine Ansichten über die Bibel schockierten zwar seine Zeitgenossen mehr als sein Unitarismus, obwohl sie heute auch ein Erzbischof vertreten könnte, aber seine wahren Anhänger waren die Männer, die in der von ihm ausgehenden Bewegung arbeiteten — diejenigen, die Pitt einkerkerte, diejenigen, die unter den Six Acts litten, die Oweniten, Chartisten, Gewerkschaftler und Sozialisten. Allen diesen Kämpfern für die Unterdrückten war er ein Beispiel an Mut, Menschlichkeit und Aufrichtigkeit. Wo es um öffentliche Anliegen ging, vergaß er die Vorsicht für seine Person. Die Welt beschloß, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ihn für seinen Mangel an Selbstsucht zu bestrafen. Bis zum heutigen Tag ist sein Ruhm nicht so groß, wie er es wäre, hätte er einen weniger edlen Charakter gehabt. Selbst um sich ein Lob für mangelnde Weltklugheit zu erwerben, ist etwas Weltklugheit vonnöten.“

© WS 2016

Unterwürfigkeit

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Wolfgang Sofsky
Unterwürfigkeit

Der Unterwürfige gehorchte weniger einem Gesetz als einer Person. Anders als der Pedant, der sich dem Buchstaben der Vorschrift unsterstellt, anders auch als der Konformist, der sich jede herrschende Meinung zu eigen macht, lugt der Kriecher zu einem Individuum hinauf. Höchste Achtung bringt er der Autorität entgegen, sei es aufgrund ihres Status, ihrer seltenen Fähigkeiten, ihrer Mission oder Machtfülle, ihrer wilden Entschlossenheit oder ihres verhexenden Charismas. Manchmal ist es auch nur schiere Grausamkeit, welche den Untertan auf die Knie zwingt. Doch wird seine Angst überlagert von Faszination, von dem innigen Wunsch nach Teilhabe. Im Bösen wie im Guten ist es die Willkür der Person, welche den Duckmäuser beeindruckt, die Unberechenbarkeit eines höheren Willens, der sich sein eigenes Gesetz zu geben scheint. Der Souveräne zieht den  Unterwürfigen in seinen Bann. Hin und her gerissen zwischen Furcht und Attraktion, ersehnt der Knecht persönliche Obhut, Anerkennung, Gnade. So sehr ist er den Launen seines Herrn ausgeliefert, daß er sich mit ihm identifizieren muß, um selbst überhaupt jemand zu sein.

Ob das Idol fiktiv ist oder real, immer scheint es der Normalität ein Stück weit entrückt. Unnahbar steht es über allen anderen.  Es ist, als gehörte es einer anderen Seinsregion an, und bisweilen ist dieses Terrain so weit entfernt, daß der Götze weder hörbar noch sichtbar ist. Aber beweist sein Schweigen nicht seine Allgegenwart? In der Vorstellung erstrahlt seine Aura umso heller. Legenden umranken seine Existenz, Geschichten von Gnade, Macht, Liebe und Zorn. Es ist die Einbildungskraft, welche das innere Götzenbild errichtet. Sie nährt die Vorstellung von übermenschlicher Potenz. Würde man dem Halbgott nur einmal direkt ins Gesicht sehen und ihn als Wesen aus Fleisch und Blut erkennen, würde das Phantasma sofort zerplatzen. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist stets der erste Schritt, um sich von den imaginären Fesseln der Macht zu befreien.

Kriecherei speist sich weniger aus Furcht als aus Sehnsucht. Wer sich nur ängstigt, der geht dem Herrn aus dem Weg und umschmeichelt ihn nicht. Die waffenlose Macht des Idols indes beruht auf dem Wunsch, beachtet, umhegt, gelobt zu werden. Der Unterwürfige hebt die Autorität in den Himmel, um von ihr überall gesehen zu werden. Er will von demjenigen, den er bewundert, besonders geliebt werden. Derart ist er von diesem Wunsch ergriffen, daß ihn die kleinste Mißbilligung in tiefe Verzweiflung stürzt. Er leidet an jedem Augenblick, da er nicht wahrgenommen wird, und er frohlockt schon bei einem gütigen Kopfnicken oder einer winzigen, unsichtbaren Belobigung, die allein in seiner Einbildung existiert und doch für ihn die ganze Welt bedeutet.

Unterwürfigkeit ist eine Machtquelle eigener Art. Der Untertan legt seinen Nacken selbst unter das Joch. Das Gefühl eigener Nichtigkeit treibt ihn geradewegs in die Fänge der Macht. Herrschaft beruht häufig auf nichts anderem als auf dem Bedürfnis  nach Zuneigung. Viele Herren haben keine andere Gewalt als die, welche man ihnen gibt. Nichts haben sie in der Hand als den Glauben devoter Knechte. Nicht durch Kraft und Visionen betören sie ihre Anhänger. Jene sind vielmehr gebannt von leeren Versprechen der Fürsorge, Geltung und Geborgenheit. Als armselige Tröpfe fühlen sie sich ohne die Gunst ihres Herrn. Er allein verleiht ihrem Leben Richtung und Sinn. Auf die Knute kann er fast ganz verzichten. Daß einer Sklave oder Untertan bleibt, liegt nicht selten an seinem eigenen Willen. Knechtschaft ist nicht nur das Unrecht der Herren, welche Menschen zu Sklaven machen, sondern auch das Unrecht der Unterjochten an sich selbst. Feigheit, Trägheit und Torheit locken sie in die freiwillige Knechtschaft. Sie gebären die Macht, die sie beherrscht, und halten sie am Leben. Denn mit der Freiheit vergeht auch die Courage zur Rebellion.

(aus W.Sofsky, Das Buch der Laster, München 2009, C.H.Beck Verlag) 

Servilität

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Romuald Lenski
Servilität

Lenski

Warum verschleudern Menschen ihre Freiheiten? Die Frage nach den Motiven des Gehorsams, der Haltung der Unterwürfigkeit, nach den offensichtlichen und geheimen Triebkräften der Fügsamkeit ist zentral für das rechte Verständnis von Herrschaft. Die Vergeblichkeit der Aufklärung beruht zu einem großen Teil auf tiefsitzenden Sperren, die weder mit Worten noch mit Waffen zu brechen sind. In dem wütenden Widerstand gegen die Zumutungen der Freiheit zeigt sich die ganze Kraft der Servilität. Daß Eliten, Privilegierte, Machthaber ihre Vorteile verteidigen und Aufrührer mit Diskreditierung, Verunglimpfung belegen, sie des Verbrechens an der Ordnung beschuldigen und sie gelegentlich sozial oder physisch exekutieren, dies ist eine historische Banalität. Weit erklärungsbedürftiger ist der selbstgewählte Einsatz überzeugter Sklaven für ihre Herren. So weit reicht gelegentlich die Sklavenmoral, daß die Knechte für ihre Herren, für ihre Götter, Götzen, Könige, Fürsten, Kanzler und Präsidenten ihr Leben drein geben, nicht aus Zwang, nicht aus Erwägungen moralischer Nützlichkeit, nicht aus fadenscheinigen Heilsversprechen, eingebildeten Gratifikationen, sondern freiwillig, aus eigener Überzeugung oder weil sie es für selbstverständlich halten. Die Analyse der Sklavenmoral muß also tiefer graben als alle Klagen über Manipulation, über kognitive oder kulturelle Zwänge, auch weiter als die sinnliche Überwältigung. Sie muß sich frei machen von falschen Hoffnungen. Viele Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Selbstbetrug, nach Unselbständigkeit, Unmündigkeit, Unterwerfung, nach Autorität, nach Götzen und Göttern, nach Unfreiheit. Sie wollen Sklaven sein, aber warum? Richten wir also die Aufmerksamkeit auf die emotionalen Prozesse der Unterwürfigkeit!

© RL 2016 (aus einem Rundbrief von R.Lenski, Bratislava, an die Mitglieder des Holbach-Instituts)

Der Preis der Hörigkeit

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Wolfgang Sofsky
Der Preis der Hörigkeit

Der erste Warner vor den Kosten der Herrschaft war Jahwe selbst. Im achten Kapitel von Samuel 1 begehren die Israeliten von Samuel einen König, auf daß er über sie richte, so wie es bei allen Völkern sei. Das aber gefiel Samuel übel und so fragte er den Herrn. Dieser aber anwortete: Gehorche der Stimme des Volkes in allem, was sie von Dir fordern, aber nenne ihnen den Preis der Unterwürfigkeit, wie ich es Dir auseinandergesetzt habe. Und Samuel sagte zu dem gehorsamgierigen Volk: „Das wird des Königs Recht sein, der über Euch herrschen wird. Eure Söhne wird er nehmen zu seinem Wagen und zu Reitern, und daß sie vor seinem Streitwagen her laufen; und zu Hauptleuten über tausend und fünfzig und zu Ackerleuten, die ihm seinen Acker bauen, und zu Schnittern in seiner Ernte, und daß sie seine Kriegswaffen und was zu seinem Wagen gehört, machen. Eure Töchter aber wird er nehmen, daß sie Salbenbereiterinnen, Köchinnen und Bäckerinnen seien. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Knechten geben. Dazu von Eurer Saat und Euren Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Knechten geben. Und eure Knechte und Mägde und eure schönsten Jünglinge und eure Esel wird er nehmen und seine Geschäfte damit ausrichten. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen, und ihr müßt seine Knechte sein. Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr euch erwählt habt, so wird euch der Herr zu derselben Zeit nicht erhören. Aber das Volk weigerte sich, zu gehorchen der Stimme Samuels, und sprachen: Mitnichten, sondern es soll ein König über uns sein,  daß wir auch seien wie alle Heiden, daß uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe. Und da Samuel alle Worte des Volks gehört hatte, sagte er sie vor den Ohren des Herrn. Der Herr aber sprach zu Samuel: Gehorche ihrer Stimme und mache ihnen einen König. Und Samuel sprach zu den Männern Israels: Gehet hin, ein jeglicher in seine Stadt.“ (1.Sam,11-22)

Thomas Paine kam nicht ohne Grund gelegentlich auf diese Textstelle zurück. Das „Recht des Königs“ ist das Recht jeder Regierung, der gewählten wie der heiß ersehnten. Die Regierung kommandiert die jungen Männer zu den Waffen und die Frauen zur Arbeit. Sie läßt die Untertanen für den Staat arbeiten, beraubt sie ihres Eigentums und ihrer Arbeitserträge. Ein Heer von Beamten, Kämmereren und Knechten sind zu ernähren. Demütig erwarten die rechtsgläubigen Untertanen die Sprüche des Richters, die Worte der Macht, das Lob des Königs für erwiesene Treue und Ergebung. Jahwe kannte den Preis der Herrschaft und ließ durch Samuel davor warnen. Doch die Menschen in ihrer selbstverschuldeten Torheit verzichteten auf ihre Freiheit und legten sich selbst in die Ketten der Regierung.

© W.Sofsky 2016

Erasmus: Torheit Religion

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Wolfgang Sofsky
Erasmus: Torheit Religion

erasmus

Nach ausführlicher Erörterung des Beitrags der Stände und Berufe zur Verbreitung der Narretei faßt Stultitia, die es besonders gut mit ihresgleichen meint, ihre Erwägungen, die Religion betreffend, zusammen: „.. ,daß die christliche Religion offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zur Torheit hat, dagegen weit weniger mit der Weisheit übereinstimmt. Wollt ihr einen Beweis für diesen Sachverhalt, so achtet darauf, daß es vor allem Kinder, Greise, Frauen und Dummköpfe sind, die besonderes Gefallen an heiligen Gegenständen und religiösen Übungen finden und sich stets ganz nah an den Altar drängen, offenbar aus natürlicher Veranlagung. Außerdem seht ihr, daß die Gründer der Religion sich einer wunderbaren Einfalt anvertrauten und erklärte Feinde der Wissenschaft waren. Schließlich werdet ihr keinen Toren sich unsinniger verhalten sehen als den, der ganz von der Glut christlicher Frömmigkeit ergriffen ist. Sein Vermögen schenkt er freigebig weg, um Unrecht, das ihm zugefügt wird, kümmert er sich nicht, läßt sich hintergehen, unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, verschmäht jedes Vergnügen, ernährt sich nur mit Fasten, Nachtwachen, Tränen, Mühsam und Mißhandlungen, ekelt sich vor dem Leben und wünscht einzig den Tod herbei – kurz mit allem, was das gewöhnliche Leben ausmacht, hat er die Verbindung verloren, gleichsam als lebte sein Geist schon anderswo, nur nicht mehr in seinem Körper…“

Nicht nur an den mönchischen Asketen des Lebens, auch an den Lehrern und Schülern des Glaubens hat Stultitia ihr Vergnügen. Sie beten Holzstatuen an, murmeln heilige Zauberformeln, stimmen Bittgesänge an, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben, sagen einschlägige Verse auf, spenden Kerzen, lassen Ablaßzahlungen und Steuern eintreiben, flehen die Heiligen an, von denen der eine gegen Zahnschmerzen hilft, der andere gegen Seenot, der dritte gegen den Teufel. „Kein einziger jedoch dankt für Erlösung von der Torheit. Sie ist so reizvoll für die Sterblichen, daß sie von allem anderen befreit werden wollen, nur nicht von der Torheit“. (Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit).

Man muß nicht denken, daß fünf Jahrhunderte später die Zahl der Narren geringer sei. Nun bevölkern neben Greisen, Kindern und Dummköpfen auch viele junge und alte Männer die Beträume, neigen Haupt und Glieder, lauschen andächtig dem Prediger, murmeln einschlägige Verse und Formeln, huldigen einem toten Propheten und seiner Gottheit, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben und geraten in gar großen Zorn, wenn der Spott des Teufels sie ereilt, die Sottisen der Stultitia, welche doch gar nichts mehr liebt als ihresgleichen, die Narreteien der Gläubigen, Frömmler und Frommen. Gäbe es die Torheiten nicht, Stultitia würde sie erfinden müssen, auf daß allüberall lautes Gelächter erschallt.

© WS 2016

 

David Hume: Das Schauspiel der Dinge

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Wolfgang Sofsky
David Hume: Das Schauspiel der Dinge

hume

Man hat sich über die Jahrhunderte darüber gestritten, ob David Hume ein Atheist war oder sich nur weigerte, sich Atheist zu nennen, weil er die zeittypischen Nachteile wie einen Platz auf der Galeere oder im Kerker fürchtete. Religionsfreunde nannten ihn lediglich einen Agnostiker, obwohl seine Argumente so harmlos und unentschieden keineswegs sind. Eines seiner Argumente führt in die Nähe von Hobbes´ negativer Theologie, wonach man über X überhaupt nichts sagen kann, wenn man X nicht zu einer Art Supermensch verniedlichen will. Auch über einen Schöpfer der Natur läßt sich nichts weiter sagen als das, was man über sein Werk, die Natur, sagen kann. So heißt es in Humes Enquiry Concerning Human Understanding im 11.Abschnitt:

„Zugegeben also, die Götter seien die Urheber der Existenz und Ordnung des Universums, so folgt, daß sie genau jenen Grad an Macht, Intelligenz und Güte besitzen, der in ihren Werken erscheint; nichts darüber hinaus kann jemals bewiesen werden, außer wir berufen uns auf Übertreibung und Schmeichelei, um die Mängel der vernünftigen Argumentation zu ersetzen. Soweit sich die Spuren der Eigenschaflen jetzt zeigen, soweit können wir auf die Existenz dieser Eigenschaften schließen. Die Annahme weiterer Eigenschaften ist bloße Hypothese,  noch mehr die Annahme, daß es in fernen Räumen oder Zeiten eine großartigere Kundgabe dieser Eigenschaften und ein solchen eingebildeten Eigenschaften entsprechendes Ordnungsschema gegeben habe oder geben werde: Es kann uns niemals gestattet sein, vom Universum als der Wirkung zu Jupiter als der Ursache aufzusteigen und dann herabzusteigen, um aus dieser Ursache eine neue Wirkung abzuleiten – als ob die gegenwärtigen Wirkungen allein nicht ganz der ruhmreichen Eigenschaften würdig wären, die wir der Gottheit beilegen. Da die Kenntnis  der Ursache ausschließlich aus der Wirkung hergeleitet ist, müssen beide einander genau angemessen sein, und das eine kann sich auf nichts weiteres beziehen oder die Grundlage einer neuen Ableitung und Schlußfolgerung sein.

Ihr findet gewisse Phänomene in der Natur. Ihr sucht nach einer Ursache oder einem Urheber. Ihr bildet euch ein, ihn gefunden zu haben. Ihr verliebt euch nachher so in euer Hirngespinst, daß es euch unmöglich dünkt, es sollte nicht etwas Größeres und Vollkommeneres hervorbringen als das gegenwärtige Schauspiel der  Dinge, das so voll Übel und Unordnung ist. Ihr vergeßt, daß diese überlegene Intelligenz und Güte völlig imaginär oder, zumindest, ohne jede vernünftige Grundlage ist und daß ihr keinen Grund habt, ihr andere Qualitäten zuzuschreiben außer denen, die ihr wirklich in ihren Werken ausgeübt und entfaltet seht. Laßt deshalb, o Philosophen, eure Götter dem gegenwärtigen Erscheinungsbild der Natur entsprechen und trachtet nicht, diese Erscheinungen durch willkürliche Unterstellungen zu verändern, um sie den Eigenschaften anzupassen, die ihr so gerne euren Gottheiten beilegt.“

© WS 2016

„Gottes“macht – endlich

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Wolfgang Sofsky
„Gottes“macht – endlich

thhobbes

Was immer Menschen sich vorstellen, ist endlich. Sie können daher keine Vorstellung von etwas haben, das sie unendlich nennen. Niemand kann sich ein Bild von unendlicher Größe machen oder eine unendliche Geschichte erzählen. Auch unermeßliche Kraft oder Macht ist dem Menschen nicht vorstellbar. Wenn die Menschen daher von X sagen, er sei unendlich, so sagen sie damit nichts, was sie sich vorstellen könnten, sondern lediglich, daß sie sich für außerstande halten, sich X überhaupt vorzustellen. „Und deshalb dient der Name Gottes nicht dazu, uns eine Vorstellung von ihm zu vermitteln, denn er ist unbegreiflich und seine Größe und Macht sind unvorstellbar, sondern um uns zu seiner Verehrung anzuhalten.“ (Hobbes, Leviathan, Kapitel 3). Nicht um die Erkennbarkeit der Gottheit geht es mithin, sondern um Unterwerfung. Der Zweck der Verehrung ist Macht. Wen man verehrt sieht, durch demütige Gesten, Lobreden oder Bekenntnisse, der wird für verehrungswürdig und mächtig gehalten. Ihm will man gleichfalls gehorchen, wodurch sich dessen Macht wiederum vergrößert. Alle Prädikate, welche man X zusprechen könnte und die man X im Laufe der Glaubensgeschichte zugesprochen hat, sind Aufforderungen zur Verehrung. Was immer man X zuspricht, läuft entweder auf eine Anthropomorphisierung hinaus oder auf einen logischen Widerspruch. Hält man X z.B. für die Ursache der Welt und behauptet man, die Welt insgesamt sei Gott, so behauptet man zugleich, die Welt habe keine Ursache, es gäbe also keinen Gott. „Zu sagen, die Welt sei nicht geschaffen worden, sondern ewig, heißt zu bestreiten, daß es einen Gott gibt, da was ewig ist, keine Ursache hat… Die Vertreter der Ansicht, Gott befinde sich im Zustand der Ruhe, sprechen ihm die Sorge um die Menschheit und somit seine Ehre ab. Denn dies bewirkt, daß die Menschen ihm gegenüber weder Liebe noch Furcht empfinden, und dies ist die Wurzel der Ehre“ (Hobbes, Leviathan, Kap.31). Weder Gestalt, Idee, Ort oder Bewegung, weder Zorn, Liebe, Vernunft oder Wissen kann X zugeschrieben werden, denn alle diese Eigenschaften sind entweder begrenzt und endlich oder sie haben eine Ursache. Von X kann mithin nichts gesagt werden. Wovon aber nichts gesagt werden kann, was unterscheidet dies von nichts? Wenn von allen Dingen, Ereignissen, Zuständen gilt, daß sie endlich und verursacht sind, so ist X nichts. Aber nichts zu verehren, kann dennoch zu einer beträchtlichen Anhäufung von Macht führen. Diese „Gottes“macht jedoch ist begrenzt. Sie ist nur eine begrenzte Vorstellung von etwas Endlichem, nichts sonst. Sie kann daher bestritten, beschnitten, beseitigt werden.

© WS 2016

Edgar Allan Poe: Weißer Abgrund

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Wolfgang Sofsky
Edgar Allan Poe: Weißer Abgrund

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Abgründe tun sich auf, Räume ohne Grenzen, in Elementen, die keinen Halt bieten. An Abgründe geraten Menschen nicht nur durch die Bewegungen der Körper und Seelen, sondern auch durch die Bewegungen der Feder, getrieben von der Imagination, mühsam gelenkt von den Kalkulationen des Handwerks. Schon der Untertitel des am 1.August 1838 bei der Behörde für Urheherrechte hinterlegten Buches hatte eine Tendenz ins Uferlose. Das Werk mit dem Titel „Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ bestehe nämlich aus – so jener Untertitel: „den Einzelheiten einer Meuterei und eines fürchterlichen Gemetzels an Bord der amerikanischen Brigg Grampus, auf ihrem Weg in die Süd-Meere, im Monat Juni des Jahres 1827. Mit einem Bericht über die Zurückeroberung des Schiffs durch die Überlebenden; ihren Schiffbruch und nachfolgend das entsetzliche Leiden durch beinahes Verhungern; ihre Errettung durch den britischen Schoner Jane Guy; die kurze Reise dieses letzteren Schiffes im Antarktischen Ozean; seine Kaperung und das Massakrieren seiner Besatzung inmitten einer Inselgruppe auf Höhe des vierundachtzigsten südlichen Breitengrades; zusammen mit den unglaublichen Abenteuern und Entdeckungen noch weiter im Süden, zu denen diese betrübliche Katastrophe geführt hat.“

Edgar Allan Poe, der sich in den Abgründen der Halluzinationen und Delirien vermutlich besser auskannte als in den ozeanischen Abgründen der Seefahrt, ein Sachverhalt, der über Sinn und Wert der Texte nicht das Geringste besagt, da Poe bekanntlich keine Dokumentationen verfertigte, sondern fiktive Welten entwarf, darunter auch einen Roman, den „Pym“, weswegen von seelischen Abgründen hier auch keine Rede sein soll, wie überhaupt eine psychologische oder gar psychoanalytische Deutung (wie jene von Marie Bonaparte) des „Pym“ das ästhetische Abenteuer zu einem Abenteuer des Unbewußten trivialisiert, Poe, der Urheber des Abenteuers also, ließ den Überlebenden am Ende einem Katarakt entgegentreiben, von dem man nicht recht weiß, ob er zur Hölle, in den Himmel oder ins weiße Nirgendwo, bzw. nirgendwohin ins Weiße führt. Es ist Glanzstück literarischer  Imagination, das einmal mehr beweist, daß die Schlüsse von Romanen ebenso bedeutsam sind wie die ersten Sätze, zumal Anfänge stets mit etwas beginnen oder zumindest so tun, Schlüsse indes stets mit nichts enden.

„9. März. Beständig fiel jetzt ein weißer Aschenregen auf uns nieder. Die gewaltige Dunstwand im Süden war unheimlich hoch überm Horizont emporgewachsen und begann jetzt eine deutlichere Gestalt anzunehmen. Ich kann sie nur mit einem auf keiner Seite begrenzten Wasserfall vergleichen, der sich schweigend von irgendeiner riesenhaften und weltentfernten Zinne des Himmels ins Meer ergoß. Dieser gigantische Vorhang schien die ganze Weite des südlichen Horizonts einzunehmen. Kein Laut ging von ihm aus. – 21. März. Nun hing ein mürrisches Dunkel über uns. Aber aus den milchigen Tiefen des Ozeans hob sich ein glimmender Schein und stieg leuchtend an den Flanken des Bootes herauf. Der weiße Aschenregen lagerte sich erdrückend auf uns und begann das Kanu zu füllen, aber im Wasser zergingen seine Flocken. Der Gipfel des Katarakts verschwand vollkommen im Dämmer der Höhe und Ferne. Doch näherten wir uns ihm offenbar mit schrecklicher Geschwindigkeit. Zuweilen erblickte man in ihm weite, gähnende Risse, die sich jedoch augenblicklich wieder schlossen. Aus einer dieser Klüfte, in der sich ein Chaos flirrender und zerfließender Gestalten bewegte, strömte ein heftiger, aber geräuschloser Wind hervor, dessen mächtiger Atem den flammenden Ozean aufwühlte. – 22. März. Die Finsternis war immer dichter geworden und nur der Widerschein des Wassers auf dem weiten Riesenvorhang belebte flirrend die Meeresnacht. Viele ungeheure und gespenstisch bleiche Vögel flogen jetzt unablässig aus jenem Schleier hervor und während sie sich den Blicken entzogen, schrillte noch ihr ewiges «Tekelili» in unseren Ohren. Und jetzt rasten wir den Umarmungen des Wassersturzes entgegen, dorthin, wo sich eine Spalte auftut, uns zu empfangen. Doch in diesem Augenblick erhob sich mitten in unserem Wege eine verhüllte menschliche Gestalt, gewaltiger in ihren Ausmaßen als alle Kinder dieser Erde. Und ihre Haut war von weißer Farbe, von der Farbe des leuchtendsten, blendendsten, ewigen Schnees …“

© WS 2016

Marcel Proust: Amiens

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Wolfgang Sofsky
Marcel Proust: Amiens

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Bei einer Versteigerung des Nachlasses von Marcel Proust bei Sotheby´s erzielte kürzlich eine Zeichnung der Kathedrale von Amiens einen Preis von 47.500 Euro. Wegen des hohen Preises mußte die Stadt Amiens, die das Werk hatte erwerben wollen, aus dem Wettbewerb aussteigen. Proust dürfte die Zeichnung im Herbst 1899 oder Anfang 1900 angefertigt haben, als er im Zusammenhang mit der Übersetzung von John Ruskins „Bible of Amiens“ neben Bourges, Rouen auch die Kathedrale von Amiens besuchte. Die Skizze war einem Brief an seinen Freund Reynaldo Hahn beigelegt. Bedeutsamer als Proust Zeichnung indes ist eine Deskription der Portalzone von Amiens: Erhabenheit durch Größe und Höhe, vor allem jedoch durch „filigranes Gewimmel“.

Amiens

„Wenn Sie sehen, wie dies monumentale und filigrane Gewimmel von steinernen Gestalten in Menschengröße zum Himmel ansteigt, mit ihrem Kreuz, ihrer Schriftrolle oder ihrem Szepter in der Hand, diese Welt von Heiligen, diese Generationen von Propheten, diese Folge von Aposteln, dieses Volk von Königen, dieser Aufmarsch von Sündern, diese Versammlung von Richtern, dieser Schwarm von Engeln, die einen neben den anderen, die einen über den anderen, aufrecht neben der Tür, die Stadt von oben aus Nischen oder vom Rand der Galerien her betrachtend oder die Blicke der Menschen nur noch unklar und geblendet empfangend, am Ansatz der Türme und im Ausströmen des Glockengeläuts, dann werden Sie gewiß an der Intensität Ihrer Empfindung spüren, daß dies etwas Großes ist, dieses gigantische, reglose und leidenschaftliche Aufsteigen.“

© WS 2016

Josef König: erhebend/erhaben

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Wolfgang Sofsky
Josef König: erhebend/erhaben

Dem Philosophen Josef König, 1893 im mittelpfälzischen Kaiserslautern geboren, Schüler von Georg Misch, in beiden Weltkriegen Soldat, von 1946 bis 1953 Ordinarius in Hamburg, danach bis 1961 Nachfolger Nicolai Hartmanns in Göttingen, stets auf dem Weg zur vollständigen Aufklärung der fraglichen Sachlagen zwischen Logik, Ontologie und Sprachphilosophie, unerbittlich auch in der Suche nach dem letztlich klaren Satz, was gelegentlich zu Ungetümen führt, die Thomas Bernhard sich hätte zum Vorbild nehmen können, wenn er nicht schon andere Vorbilder  gehabt hätte, nun, Josef König verdanken wir, wie noch nicht gesagt, eine grundlegende Studie über die „Natur der ästhetischen Wirkung“, im Jänner 1954 als Göttinger Antrittsvorlesung gehalten und 1957 in der Festschrift für den alten Briefgefährten und Göttinger Kollegen Helmuth Plessner („Wesen und Wirklichkeit des Menschen“, Göttingen 1957) abgedruckt, in welcher nicht nur getreulich die ästhetische Wirkung eines Kunstwerks von dessen nicht-ästhetischer Wirkung unterschieden wird, eine wahrhaft fundamentale Unterscheidung, die unzählige Feuilleton-, Bachelor- oder Katalogsätze über Kunst überflüssig macht, welche vorgeben, etwas über ein Kunstwerk zu sagen, aber doch nur etwas über den Rezipienten sagen, als ob die Heiterkeit des Betrachters einen Hinweis geben würde über die vermeintliche Heiterkeit des Bildes, das der Betrachter betrachtet, wohingegen ein traurig wirkendes Bild beim Betrachter mitnichten ein Gefühl der Trauer auszulösen pflegt, ja, gänzlich unabhängig von einem Betrachter traurig wirkt, da nämlich die ästhetische Wirkung eines Bildes, eines Verses, eines Gedankens, einer Fuge eine Eigenschaft des Kunstwerks ist und nicht eine Wirkung auf den Seelenzustand irgendeines Rezipienten, zumal die allermeisten Kunstwerke, sofern sie den Namen verdienen, überhaupt keine Botschaft aussenden, welche der Empfänger zu dechiffrieren hätte, schließlich ist Kunst kein Nachrichten- oder Kommunikationsmedium, nun, in diesem Zusammenhang der Unterscheidung von ästhetischer und nichtästhetischer Wirkung unterschied Josef König auch zwischen „erhaben wirkenden“ und „erhebend wirkenden“ Sachverhalten.

„Die erhebend wirkende Nachricht ist eine Nachricht, die diesen oder jenen Empfänger erhebt; und daß sie ihn erhebt, heißt und ist nichts anderes, als: sie bewirkt, daß er sich in einem gewissen Zustand befindet, von dem als einem Zustand des Erhoben-Seins zu sprechen sinnvoll und verständlich ist. Der Empfang der Nachricht ist die Ursache dessen, daß der Empfänger sich in einem anderen Zustand als zuvor befindet…

Daß dieser Zustand erstens eben ein Zustand und also überhaupt etwas ist und daß er zweitens ins Auge gefaßt und beschrieben werden kann, fasse ich dahin zusammen, daß er etwas für sich ist. Und wenn man ihn nun auffaßt als Wirkung einer Ursache, kann man daraufhin auch sagen, eine Wirkung dieser Art sei etwas für sich. Aber eben deshalb ist eine solche Wirkung eine nicht-ästhetische Wirkung.

Ganz und gar anders steht es, wenn man z. B. sagt, ein Anblick wirke erhaben oder wenn man von einer erhaben wirkenden Gesinnung oder auch — wie sinnvoll möglich sein dürfte — von einem erhaben wirkenden Gedanken spricht. Gerade der Unterschied von erhebend Wirken und erhaben Wirken kann besonders leicht den Unterschied, um den es hier geht, gegenwärtig halten. Daß etwas erhaben wirkt, heißt weder, daß es erhebt, noch daß es erhaben wäre in dem Sinne, in dem in Metall getriebene Arbeiten erhabene heißen. Das erhaben Wirken ist kein Bewirken. Von einer erhebenden Nachricht kann im Prinzip sinnvoll nur derjenige sprechen, den die fragliche Nachricht angeblich oder in der Tat erhoben hat; insofern ist eine erhebende Nachricht eo ipso eine jemanden erhebende Nachricht; und wenn man, wie vorkommt, schlechthin — d. h. diesen jemand weglassend — von einer erhebenden spricht, so wird dabei stillschweigend unterstellt, daß es mit dem Adressaten solcher Rede so steht wie mit dem Redenden selbst. Hingegen ein erhabener Anblick ist ein erhabener oder er isr dies schlechthin; d. h., in der Rede von ihm als einem erhabenen ist für den oder die, die ihn erhaben finden, kein Platz. Aber wenn man jemanden, der ihn erhaben findet, fragt, woher er denn wisse, daß er erhaben ist, wird die gemäße Antwort lauten können, daß er erhaben wirkt.

Es ist möglich, sowohl von einem erhebend wirkenden als auch von einem erhaben wirkenden Kunstwerk zu sprechen. Aber die Einführung der Rede von einem Kunstwerk hebt den aufgezeigten Unterschied nicht auf, sondern bestätigt ihn. Ein erhebend wirkendes Kunstwerk ist sinngemäß ein Werk, das den, der von ihm so redet, in einem Zustand der Erhobenheit versetzt hat. Solches Versetzen ist ein Bewirken; und die dadurch hervorgebrachte Wirkung ist keine ästhetische Wirkung. Wer hingegen sagt, dieses oder jenes Werk der Kunst wirke erhaben, nennt die von ihm her strömende ästhetische Wirkung bei ihrem Namen, der, wenn der also sie Beschreibende treffend beschreibt, „erhaben“ lautet…

Daß ein Anblick oder ein Gedanke, aber auch z.B. ein Kunstwerk erhaben wirkt, ist und meint, daß es der An-blick, der Gedanke oder das Werk ist, das so wirkt. Hingegen ist die Rede von einer erhebenden oder erhebend wirkenden Nachricht und nicht minder die von einem erhebenden oder erhebend wirkenden Kunstwerk der Möglichkeit nach überhaupt nicht sinnvoll, weil sie sinnvoll nur ist, wenn man darunter eine Nachricht oder ein Werk versteht, die tatsächlich und angebbar den oder jenen erhoben haben oder auch – nach der wahren oder falschen Meinung des Redenden – den oder jenen erheben werden. Und wenn nun diese Rede überhaupt sinnvoll ist, meint sie, richtig verstanden, nicht, daß es die Nachricht oder das Werk wäre, das erhebend wirkt, sondern meint, die Tatsache, daß dieser oder jener diese oder jene Nachricht empfangen oder dieses oder jenes Werk betrachtend aufgenommen hat, sei die Ursache der Tatsache, daß der Betreffende sich in einem anderen Zustand befindet als zuvor. Und diese letzte Tatsache kann in jedem Einzelfall sehr verschiedene Gründe haben, deren sich der Betreffende selber vielleicht nicht einmal bewußt ist. Die Unterschiede wollen präsent sein, wenn man die Natur einer ästhetischen Wirkung bedenken und begreifen will.“

© W.Sofsky 2016

Paul Klee: Polyphon gefaßtes Weiß

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Wolfgang Sofsky
Paul Klee: Polyphon gefaßtes Weiß

In dem Roman „Winterspelt“ von 1974 schildert Alfred Andersch ein Aquarell von Paul Klee aus dem Jahre 1930 „Polyphon gefaßtes Weiß.“: „Sie verfolgte die Bewegung der Farbwerte, die sich, obwohl sie sich in liegenden oder aufrechten Rechtecken abspielte, das weiße Rechteck in der Mitte einkreiste. Diese Bewegung von einem dunklen Rand in ein helles Innere wirkte tatsächlich mehrstimmig, polyphon, weil der Maler es verstanden hatte, die Tonwerte der Aquarellfarben einander durchdringen zu lassen. Die Transparenz, das durchfallende Licht, nahm nach der Mitte hin zu, bis es in dem weißen Rechteck aufgehoben wurde, das vielleicht eine höchste Lichtquelle war, vielleicht aber auch bloß etwas Weißes, ein Nichts.“

Im ersten Band seiner gesammelten pädagogischen Manuskripte „Das bildnerische Denken“ (1956) hatte Klee das Bild als Exempel eines Rezeptionsvorgangs beschrieben, der nicht, wie bei Andersch, von außen nach innen, vom Rand zur Mitte verläuft, sondern umgekehrt, von der Mitte im Uhrzeigersinn in zwei konzentrischen Kreisen um das weiße Rechteck herum. „Polyphon“, also die Gleichzeitigkeit mehrerer Stimmen, kann man die Komposition insofern nennen, als diverse Helldunkel- und Farbwerte gleichzeitig den Mittelpunkt „umfassen“ und „einfassen“, sei es infolge „durchfallenden Lichtes“, sei es infolge „auffallenden Lichtes“. Die Komposition ist zentrisch, das Weiß markiert eine vertiefte Mitte, und das Auge wird als erstes von der fernen Leere angesaugt, bevor es sukzessive nach außen wandert, um am Ende wieder in das Zentrum zurückzukehren, das nirgends ein Ende findet. Mit anderen Worten: Nichts affiziert das Auge mehr als das Nichts. Alle weitere folgt danach.

© W.Sofsky 2016

Abaelard: Sic et Non

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Wolfgang Sofsky
Abaelard: Sic et Non

abelard

Der „Ritter der Dialektik“, Petrus Abaelardus, heute fast nur noch bekannt wegen der dramatischen Liebe zu seiner Schülerin Heloise, verfertigte um 1121 sein Hauptwerk „Sic et Non“, ein Markstein theologischer „Aufklärung“, das er in den nächsten Jahrzehnten mehrfach überarbeitete. Bei den beiden verlorenen Ketzerprozessen, der letzte angestiftet durch den unseligen Bernhard, den manche für einen Heiligen halten, spielte das Buch angeblich keine Rolle. Aber es bot einen „Discours de la Méthode“, da es den Zweifel als Königsweg zur Wahrheit verfocht. Im Prolog umreißt Abaelard das Verfahren:

Zuerst sammle man umfassend alle diskutablen Textstellen (collatio) des Alten und Neuen Testamentes, der Heiligen, der Kirchenlehrer, extrahiere daraus, gemäß den Regeln der Vernunft, die Grundfrage (quaestio) und unterziehe dieser einer eingehenden Prüfung (inquisitio). Wonach fragt die Frage und wonach nicht? Sodann treffe man nach einer Prüfung des Wahrheitsgehalt einzelner Textstellen (dubitatio) eine Auswahl, prüfe die Echtheit der Stelle, vergleiche sie mit anderen Textstellen desselben Autors (manche widersprechen sich im Laufe der Zeit, ändern ihre Meinung, relativieren ein Argument etc.). Ferner unterscheide man, ob es sich um ein gewichtiges Argument (sententia) oder lediglich um eine beiläufige Ansicht (opinio) handelt, und inwieweit sie mit dem kanonischen Schriften (AT und NT) übereinstimmt. Nützlich sei dabei stets eine Untersuchung der Wortbedeutungen (significatio, Sinn und Referenz) und der Wortverwendung (Pragmatik), der Sprachanwendung (usus loquendi). Die Wahrheitsfindung unterliegt dabei, so Abaelard, auch einer ethischen Einstellung; nicht der Irrtum ist entscheidend, sondern die  Lauterkeit der Absicht (intentio). Der höchste Wahrheitsgehalt ist bei der Bibel (sancta scriptura) und den Worten Christi anzunehmen. Zum Abschluß leite man aus dem Geprüften (probatum) den grundsätzlichen Aussagegehalt, die wahre Proposition ab, und erreiche so eine Lösung der Widersprüche (solutio controversiarum).

Abaelard war so beliebt, daß die Schüler von weither nach Paris kamen. Er galt als frühscholastischer Virtuose in Logik und Dialektik. Nach dem Prolog listet das Buch 158 Quaestiones auf, theologische und moralische Grund- und Streitfragen und stellt jeweils die konträren Lehrmeinungen der Kirchenväter und Konzilien einander gegenüber. (z.B. Ob die Vorhersehung Gottes der Grund für den Ausgang der Dinge sei; ob nichts aus Zufall geschehe; ob die Vorbestimmung Gottes nur im Guten angenommen werden müsse; ob Sünden auch Gott gefallen mögen; ob Gott auch der Grund oder Urheber der Übel sei; ob Gott alles könne oder nicht; ob man Gott nicht widerstehen könne; ob Gott nicht die freie Entscheidung habe; ob dort,
wo das Wollen Gottes fehle, auch das Können Gottes fehle; ob Gott tue, was immer er wolle, oder nicht; usw.) Es sind über 2000 Textstellen. Abaelard ließ keine Kardinalfrage aus, enthielt sich aber selbst der Stellungnahme und überließ es dem Leser, seinen Schülern, das Verfahren selbständig anzuwenden. Abaelard, weit davon entfernt, den Glauben außer Geltung zu setzen, vertraute auf den Primat der Vernunft, auf eine rationale Theologie. Autorität und Tradition verbürgten zuletzt keine Wahrheit. Nur kritische Prüfung führe aus dem Glaubensdunkel ins Licht der Aufklärung.

„Dies zu erreichen, daran hindert uns am meisten die ungewöhnliche Art der Sprache und die divergierende Bedeutung der Ausdrücke, wo doch bald in dieser, bald in jener Bedeutung ein und derselbe Begriff auftaucht. Freilich verfügt ein jeder von ihnen über ein Übermaß an Sinnbedeutungen und Worten. Nach Cicero ist bei allem die völlige Übereinstimmung die Mutter der Sattheit. Sie erzeugt nur Überdruß. Deshalb sollte man auch bei ein und demselben Sachverhalt die Worte selbst abwechseln und nicht alles mit gewöhnlichen und zugänglichen Worten entblößen. Wie sagt der Selige Augustinus: „Dies ist nur deswegen verdeckt, damit es nicht schal wird, und es ist umso willkommener, mit je größerer Mühe man es erforscht und je schwieriger man es sich aneignet.““

Hat man sich dennoch im Dschungel der heiligen Worte und Bedeutungen verirrt und nichts verstanden, so gilt folgende Devise: Entweder ist die Handschrift fehlerhaft oder die Übersetzung oder: Du, verehrter Leser, hast es noch immer nicht begriffen, denke also weiter!

© W.Sofsky 2016

Goya: Goldschnabelpredigt

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Wolfgang Sofsky
Goya: Goldschnabelpredigt

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Das Capricho Nr.53 von Franscisco Goya, dem größten aller Satiriker und steten Feind christlicher Bigotterie, porträtiert den Kanzelredner und das andächtig lauschende Auditorium. „Welch goldener Schnabel“ lautet der Bildkommentar. Welch goldene Worte enthält das sinnlose Gekrächze des Papageis. Der Prado-Kommentar, immer bemüht der satirischen Attacke die Spitze zu kappen und die Kirche ungeschoren zu lassen, redet von einer „akademischen Sitzung“ faselnder Ärzte. Doch unter den Zuhörern der Versammlung (man darf dabei getrost an öffentliche Kirchentreffen denken, zu denen Gläubige zu Zehntausenden zusammenströmen), sind viele Mönche; und der Papagei ist ein Priester, der auf der Kanzel nachbetet, was man seit Jahrhunderten vorbetet.

© WS 2016

Richard Meier: Heiliges Weiß

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Wolfgang Sofsky
Richard Meier: Heiliges Weiß

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Richard Meier, der in Cornell Literatur bei Nabokov gehört und Anfang der 60er im Büro von Marcel Breuer gearbeitet hatte, bevor er sich zu den „New York Five“ gesellte, ist einer der bekanntesten Baumeister der Gegenwart. Man sagt ihm nach, er habe sich anfangs nicht zuletzt an Le Corbusier orientiert. Viele seiner Gebäude stehen an markanten Orten, an Hängen, auf Hügeln, an Küsten, mit Blick aufs Meer, den Fluß oder das Ulmer Münster. Meier konzipierte elegante Wohn- und Apartmenthäuser, Kirchen, Club- und Warenhäuser, Museen, die Kathedralen der Moderne, ferner Firmensitze, darunter das Getty Center über den Dächern von Los Angeles. Zum Vokabular seiner Baukunst gehört neben Rampen, Brücken, Decks, Relings, und hohen Glasfassaden, das manche Bauwerke wie weiße Dampfer über der farbigen Erde schweben läßt, vor allem die Farbe Weiß. Hierzu hat sich Meier mehrfach geäußert:

„Weiß reflektiert alle Farben der Umgebung. Man kann die Sachen klarer sehen in einem weißen Gebäude und das Weiße spiegelt die Farben der Natur, die überall um uns herum ist. Es unterstreicht die Lage am Fluss mit den Gebäuden der Umgebung, denn das weiße Gebäude erlaubt uns die benachbarte Farbe klarer zu sehen als den Rest.“

„Weiß ist keine Farbe – und es ist alle Farben. Weiß reflektiert das ganze Farbspektrum des Regenbogens. Es erlaubt Ihnen alle Farben zu schätzen, die um Sie herum sind, zu jeder Zeit. Architektur ist vom Menschen gemacht und Natur ist um uns herum. Eine weiße Architektur reflektiert die Farben in der Natur… Es gibt nicht nur ein Weiß. Im Arp Museum (Remagen) könnten sogar 135 Nuancen des Weiß gezeigt werden. Die Weißtöne, die ich nutze, sind anders als die, die andere Architekten bevorzugen. Während meines Lebens habe ich viele Studien zu den Unterschieden in den Nuancen des Weiß gemacht. Bis heute habe ich für jedes Projekt einen bestimmten Weißton vor Augen. Ich muss die Töne im Laufe der Zeit aber auch immer wieder verändern, weil sich die Vorschriften ändern bei der Verwendung von Chemikalien.“

Meier,Rom

„Weiß ist das vergängliche Zeichen ständiger Bewegung. Weiß ist immer da, aber nie dasselbe – hell und sanft geschwungen am Tag, silbern und gleißend bei Vollmond oder an Silvester. Zwischen dem Meer des Bewußtseins und der gewaltigen Materialität der Erde liegt die sich ständig verändernde Linie des Weißen. Weiß ist das Licht, das Medium einer verstehenden und transformierenden Macht.“

„Licht ist das Mittel, das uns dazu befähigt, das zu erleben, was wir das Heilige nennen. Licht ist der Ursprung dieses Gebäude.“ (zur Chiesa del Dio Padre Misericordio, Rom).

© WS 2016

Paul Valéry: La Feuille Blanche

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Isabeau Prévost

Paul Valéry
La Feuille Blanche

PValery

En vérité, une feuille blanche
Nous déclare par le vide
Qu’il n’est rien de si beau
Que ce qui n’existe pas.
Sur le miroir magique de sa blanche étendue,
L’âme voit devant elle le lieu des miracles
Que l’on ferait naître avec des signes et des lignes.
Cette présence d’absence surexcite
Et paralyse à la fois l’acte sans retour de la plume.
Il y a dans toute beauté une interdiction de toucher,
Il en émane je ne sais quoi de sacré
Qui suspend le geste, et fait l’homme
Sur le point d’agir se craindre soi-même.“

© IP 2016

(Isabeau Prévost, Strasbourg, ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts)

Affektion, Leib, Affekt

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Zoe Merck
Affektion, Leib, Affekt

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Um die Wirkungsweise von Macht, Religion und Ideologie zu verstehen, ist der Begriff der Überwältigung nicht unpassend. Er nimmt die Idee des Widerfahrnisses auf und verabschiedet die Vorstellung, alles Empfinden, Erleben, Wahrnehmen, Erfahren sei stets nur Aktivität, Aktion, Tätigkeit des Geistes. Das ist die erste wichtige Korrektur am gängigen Weltbild. Wenn wir diese Vorgänge in Passivität genauer kennen, wissen wir womöglich auch, wie tiefgreifend die Wirkungen kultureller Macht sind. Das heißt nicht, daß es hier um eine „Opfer“-perspektive ginge. Wie der Gehorsame oft selbst ein Interesse an seinem Gehorsam hat, so tut auch der Gläubige etwas dafür, daß ihn das, woran er glauben will, überkommen kann. Manche asketische Übungen haben ja gerade das Ziel, eine Leere zu erzeugen, welche die Empfänglichkeit steigert fürs Erlebnis des Heiligen. Auf das Verhältnis von Widerfahrnis und Empfänglichkeit muß jeweils genau geachtet werden.

Unzutreffend erscheint mir jedoch die Vorstellung, man könne sinnliche, kognitive und physische „Überwältigung“ säuberlich separieren. Kein Mensch denkt ohne Körper, sagt Lenski zu Recht. Kein Mensch erlebt eine rote Farbfläche, eine strahlendes Weiß, eine Fassadenwand von 60 Metern Höhe wie beim Straßburger Münster oder einen rotglühenden Tempel auf der Akropolis nur als eine visuelle Sensation. Er ist stets leiblich involviert und mehr oder weniger in seinem Gemüt affiziert. Überwältigung ist niemals nur ein Wahrnehmungsereignis, sie ergreift die gesamte Person. Die sinnliche Affektion erzeugt einen Affekt, der leiblich, also im somatischen Selbstverhältnis, im „Körpergefühl“ als Weitung, Engung, Spannung, Schwellung usw. erlebt wird. Das Erleben eines Gefühls ist verbunden, vielleicht sogar grundiert in einem Leibgefühl. Zugleich sind akute Gefühle etwas, was der Person zustößt. Affekte sind innere Widerfahrnisse, Affektionen durch äußere Ereignisse ebenfalls. Überwältigung ist, und hier muß man dessen Dramatik wirklich betonen, ein „totales Widerfahrnis“. Sie betrifft die Person als ganze. Kann sie sich davon absetzen, distanzieren, es als Laune abtun, als Irritation, als merkwürdige Sensation, dann ist die Wirkung bereits brüchig. Anders ist es bei Stimmungen, in die man versetzt wird oder in die man sich teilweise auch selbst versetzen kann. Wir haben also a) Affektionen im sensuellen Feld, b) Affekte, akute Gefühle, c) leibliche Empfindungen, d) übersituative Stimmungen, e) übersituative Haltungen, f) aktive Reaktionen auf diverse Widerfahrnisse. Wie all dies miteinander zusammenhängt im senso-affektiven Kreislauf, ist unklar. Aber man wird diese Komplexität im Auge behalten müssen, wenn man bei der Analyse von „Überwältigungen“, also von kultureller Macht weiter kommen will.

© ZM 2016
(aus einem Brief von Zoe Merck, Wolfenbüttel. ZM ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

Der Gärtner

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Wolfgang Sofsky
Der Gärtner

Eine Lichtung im lichten Laubwald sieht so aus, als würde sie von einem Gärtner regelmäßig gepflegt. Allerdings ist nirgends ein Gärtner zu sehen, und niemand hat dort jemals einen Gärtner gesehen. Es muß also ein unsichtbarer Gärtner sein, der die lichte Lichtung pflegt. Man hört aber auch keinen Gärtner, und niemand hat ihn je auf der lichten Lichtung arbeiten oder singen gehört. Es muß also ein unhörbarer Gärtner sein, welcher die lichte Lichtung pflegt. Aber nicht einmal die Jagdhunde, die sonst alles wittern, können ihn riechen. Kein Hund hat jemals die Spur eines Gärtners aufgenommen. Es muß also ein ganz und gar geruchloser Gärtner sein, der die lichte Lichtung pflegt. Das wirft allerdings die Frage auf: Was unterscheidet den unsichtbaren, unhörbaren, geruchlosen Gärtner von gar keinem Gärtner?

© WS 2016

Arthur Koestler: Umdressur

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Wolfgang Sofsky
Arthur Koestler: Umdressur

koestler1947

Lenskis Rundbrief vom 17.5. deutet die Verinnerlichung der Gedankenkontrolle an. Man nehme die Berichte aus den Zellen der Kommunistischen Partei! Der Beitritt ist zunächst freiwillig, aber der Novize durchläuft eine Art Probezeit mit Schulungen, Instruktionen, manchmal hat er einen informellen Mentor oder Tutor. Wirklich erfolgreich ist die Gedankenkontrolle erst, wenn ihr Opfer selbst seine Gedanken zu überwachen beginnt und sich für unerwünschte Regungen selbst bestraft, wenn Schuldgefühle, Schuldangst, Gewissensnot, Selbstkasteiung, Selbstkritik zum persönlichen Habitus werden. Die Pflicht zu kollektiver Gedankenselbstkontrolle im Sinne der Parteiinie kennt man aus Beschreibungen, wie sie Arthur Koestler in seinen autobiographischen Texten gegeben hat. Koestler war bekanntlich KP-Mitglied von 1931-38, bis er mit der Bewegung brach. Er hatte im Gegensatz zu unzähligen intellektuellen Irrläufern recht bald begriffen, daß politische Religionen keine  Sache der Vernunft, sondern des Glaubens sind. In den Zellen gingen Wort- und Gedankenkontrolle Hand in Hand. Die Gruppe, die Partei hatte immer recht, auch wenn sie abrupt die Linie wechselte.

„Das offizielle Treffen begann immer mit einem politischen Vortrag, der von einem Instruktor von der Bezirksleitung (oder vom Zellenleiter mit den nötigen Instruktionen der Bezirksleitung) gehalten wurde. In diesen Vorträgen wurde die Parteilinie hinsichtlich der Tagesfragen festgelegt. Dann folgte eine Diskussion, aber eine besonderer Art. Es ist eine Grundregel kommunistischer Disziplin: Wenn die Partei einmal eine bestimmte Linie für ein bestimmtes Problem festgelegt hat, ist jede Kritik an diesem Parteibeschluß Sabotage. In der Theorie ist Diskussion gestattet, bevor ein Entschluß gefaßt wird, in der Praxis aber werden Entscheidungen immer ohne vorherige Beratung mit der Gefolg-schaft von oben getroffen. Ein Schlagwort der deutschen Partei lautete: »An der Front wird nicht diskutiert.« Ein anderes: »Wo immer ein Kommunist ist, ist er an der Front.« Daher zeigten unsere Diskussionen eine völlige Übereinstimmung aller Meinungen.“ (Koestler, Als Zeuge der Zeit. Das Abenteuer meines Lebens, Bern 1985, S.147).

„Dementsprechend zeichneten sich unsere Diskussionen stets durch völlige Einstimmigkeit der Ansichten aus, und ihr Verlauf war, daß ein Zellenmitglied nach dem anderen aufstand und in gutem Djugaschwilesisch zustimmende Variationen zu dem vom Referenten angeschlagenen Thema vortrug. Aber »vortragen« ist hier wohl nicht das treffende Wort. Wir bemühten unseren Geist verzweifelt, nicht nur Rechtfertigungen für die festgelegte Parteilinie zu finden, sondern auch uns selbst zu beweisen, daß wir schon immer der geforderten Meinung gewesen waren; und in den meisten Fällen gelang uns das auch…

„Unser Instruktor hielt ein Referat, in dem er uns bewies, da es kein »kleineres Übel« gebe, daß die Parole des »kleineren Übels« auf einem philosophischen, strategischen und taktischen Trugschluß beruhe und eine diversionistische, liquidatorische und konterrevolutionäre Lüge sei; und folglich hatten wir für jeden, der diesen ominösen Ausdruck auch nur in den Mund nahm, von jetzt an nichts als Mitleid und Verachtung übrig. Ja mehr noch, wir waren überzeugt, daß wir selbst den Begriff des »kleineren Übels« schon immer für eine Erfindung des Teufels gehalten hatten. WIe konnte es nur irgend jemandem entgehen, daß es besser war, sich beide Beine amputieren zu lassen, als wenigstens eines retten? Und daß die korrekte revolutionäre Politik darin bestand, der verkrüppelten Republik die Krücken wegzustoßen? Der Glaube ist ein wundersames Ding: er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, daß ein Hering ein Rennpferd ist.

Nicht allein unser Denken, auch unsere Sprache und Ausdrucksweise wurde völlig umdressiert. Gewisse Worte waren absolut tabu — z. B. »kleineres Übel« oder »spontan«, das letztere, weil »spontane Äußerungen des revolutionären Klassenbewußtseins“ zu der trotzkistischen Theorie der permanenten Revolution gehörten. Andere Ausdrücke wiederum wurde zu bevorzugten Haushaltsworten in unserem Vokabular. Ich denke nicht nur an den typischen kommunistischen Jargon mit seinen „werktätigen Massen“, sondern auch an Worte wie „konkret“ oder „sektiererisch“ (»Du mußt deine Frage in konkreter Form stellen, Genosse!«; »Du nimmst eine linkssektiererische Haltung ein, Genosse!«) Eines unserer ausgefallensten Lieblingsworte war »herostratisch«. In einem seiner Werke hatte Lenin den Griechen Herostratus erwähnt, der einen Tempel niederbrannte, weil ihm nichts anderes einfiel, um zu Ruhm zu gelangen. Also hörte und las man in unserer Literatur häufig Wendungen wie : … der verbrecherische, herostratische Wahnsinn der konterrevolutionären Saboteure an den heroischen Anstrengungen der werktätigen Massen im Vaterland des Proletariats, den zweiten Fünfjahresplan in vier Jahren zu erfüllen…

Wiederholungen in der Diktion; die Katechismustechnik, eine rhetotrische Frage zu stellen und sie bis auf den letzten Buchstaben in der Antwort zu wiederholen; der Gebrauch von stereotypen Adjektiven und das Abtun aller unbequemen Meinungen und Tatsachen durch den einfachen Kniff, sie mit Anführungsstrichen zu versehen und auf diese Weise in einen ironischen Tonfall zu kleiden (die »revolutionäre« Vergangenheit Trotzkis, das »humanistische« Geblök der »liberalen« Presse usw.) — all das zusammen ergab jenen Stil, dessen unbestrittener Meister Josef Djugaschwili ist und der allein schon durch seine Monotonie eine einschläfernde und hypnotische Wirkung erzeugte. Zwei Stunden dieses dialektischen Tam-Tams genügten, um einen vergessen zu lassen, ob man ein Männchen oder ein Weibchen war — man war dann bereit, das eine oder andere zu glauben, sobald die falsche Alternative in ironischen Gänsefüßchen erschien. Man war ebenso auch zu glauben bereit, daß die Sozialdemokraten a) den Hauptfeind darstellten und b) natürliche Verbündete waren; daß die sozialistischen und kapitalistischen Länder a) friedlich nebeneinander leben und b) unmöglich friedlich nebeneinander leben konnten, und daß, als Engels schrieb, daß der »Sozialismus in einem Lande« unmöglich sei, er genau das Gegenteil gemeint hatte. Man lernte außerdem, mit Hilfe von Kettenschlüssen zu beweisen, daß jeder, der eine andere Meinung als die eigene vertrat, ein Agent des Faschismus war, weil er a) durch seine abweichlerischen Ansichten die Einheit der Partei gefährde, b) durch diese Gefährdung der Parteieinheit die faschistischen Siegesaussichten erhöhte und daher c) »objektiv« als Agent des Faschismus handelte, selbst wenn ihm die Faschisten »subjektiv« in Dachau die Nieren zu Brei geschlagen haben sollten. Begriffe wie »Agent des….«, »Demokratie«, »Freiheit« usw. hatten im Parteijargon eine völlig andere Bedeutung als im üblichen Sprachgebrauch, und da sie selbst innerhalb der Partei mit jeder Änderung der offiziellen Linie einen neuen Sinn annahmen, glichen unsere polemischen Methoden der Krocket-Partie der Herzkönigin aus Alice im Wunderland, bei der sich die Tore selbständig über das Feld bewegten und die Kugeln aus lebenden Igeln bestanden. Der einzige Unterschied war der, daß hier, wenn ein Spieler seinen Einsatz verpaßte und die Herzkönigin: »Kopf ab!« rief, der Befehl auch wirklich ausgeführt wurde. Wer sich in der Partei halten wollte, mußte ein Künstler dieses Wunderland-Krockets werden…“ aus: Arthur Koestler, Ignazio Silone u.a., Ein Gott, der keiner war, München 1962 (zuerst Zürich 1950), S.40ff.)

© WS 2016

Gedankenkontrolle

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Romuald Lenski
Gedankenkontrolle

Lenski

Bei der Erforschung kultureller Macht ist die Wirkungsweise sinnlicher Überwältigung gewiß ein wichtiges Thema. In diesem Sinne verstehe ich auch die Überlegungen über die Farben, das Erhabene und die Struktur des Wahrnehmungsfeldes. Hier fehlt allerdings eine Anthropologie oder Aisthesiologie der Sinne, die uns von den Banalitäten der populären Farbpsychologie befreit.

Zudem aber sollte man das kognitive Feld nicht unbeackert lassen. Die sinnliche Überwältigung hat etwas Momentanes: eine plötzliche Ergriffenheit, ein Gefühl der Einengung oder der Sturz ins Unermeßliche. Kognitive Überwältigung, also Gedankenkontrolle, indes scheint mehr Zeit zu benötigen und ist dafür in seiner Wirkung dauerhafter. Hier handelt es sich immer um eine Einengung des Denk- und Rederaums. Wir wissen mittlerweile, daß es keine Gehirnwäsche gibt. Dies hatte man nach den kommunistischen Schauprozessen oder der Freilassung amerikanischer Kriegsgefangener aus koreanischen oder chinesischen Lagern und Kerkern noch geglaubt. Dennoch gibt es eine Gedankenkontrolle, die physisch und sozial abgestützt ist.

Gedankenkontrolle ist zunächst leiblich verankert. Keiner denkt ohne Körper. Deshalb ist der physische Übergriff bei Maßnahmen der Gedankenkontrolle nicht selten, oder weniger euphemistisch, Folter oder folterähnliche Zwangs- und Gewaltsituationen sind der erste, brutale Weg zur Gedankenkontrolle: Man sperrt Menschen ein, drückt sie auf die niedrigste Stufe, entzieht ihnen Schlaf, Wärme, Nahrung, raubt ihnen den Namen, bricht ihr Selbstgefühl, stößt sie in unerträgliche Schmerzen, und dann erscheint unverhofft ein freundliches Gesicht, eine „helfende Hand“ und sagt ihnen, was sie sagen sollen. In der Regel sagen die Leute dann alles, was man verlangt. Und sie denken auch das, was sie sagen sollen. Hier geschieht Gedankenkontrolle durch physische Gewalt oder durch „inquisitorische“ Verhörpraxis, eine Methode, die in der Kriminalgeschichte der Religionen und Ideologien ja keineswegs unüblich ist.

Ein zweiter Weg ist die soziale Kontrolle. Man sperrt Menschen in einer Gruppe zusammen, die den Neuankömmling freundlich aufnimmt, ihn aber engmaschig belehrt, was er sagen und denken darf und was nicht. Wohlverhalten wird mit Anerkennung, Bewährungsnoten, Zuckerbrot prämiert, Fehlverhalten genau registriert und protokolliert, mit Drohungen belegt und schließlich durch Bloßstellung, Gruppengerichte, etc. sanktioniert. Manchmal ist auch noch eine Einzelautorität zugegen, welche die Maßstäbe der Gruppe verkörpert. Immer ist der falsche Gedanken ein Verbrechen an der Gruppe. Sie steht über dem Individuum. Jede Abweichung ist ein Vergehen am Sozialen schlechthin.

Der soziale Druck operiert meist mit folgenden Methoden: Erstens die Isolation: Die Person ist von allem abgeschnitten, was nicht ins Gruppensystem paßt, von externen Kontakten, Informationen, Nachrichten. Zweitens Dauerüberwachung des Verhaltens, der Gespräche, der Körperbewegungen, Gesten etc. Drittens Sanktionsangst: Es herrscht oft Unsicherheit und Furcht vor den meist unklaren Sanktionen für abweichendes Verhalten. Wären die Maßstäbe klar, könnte man sich heimliche Nischen bauen. Die Unberechenbarkeit schafft ängstliche Überanpassung. Viertens: Wiederholung, Gewohnheitsbildung. Die Indoktrination wird so oft wiederholt, bis Worte und Gedanken „in Fleisch und Blut“, also in eine Art Reiz-Reaktionsschematismus übergegangen sind. Ein Wort – sofort rastet der entsprechende Gedanke ein. Fünftens Zuckerbrot und Peitsche: Abweichler werden bestraft, Rechtgläubige belohnt.

Totale soziale Kontrolle findet sich in Sekten und anderen totalen Institutionen. Hierzu gehören Klöster, Internate, Kasernen etc. Die Mechanismen der Gedankenkontrolle finden sich jedoch auch in scheinbar liberalen Gesellschaften. Auf dem öffentlichen Diskursindex stehen verfemte Worte; verfemte Gedanken werden erfaßt, etikettiert, verfolgt, es gibt eine Zensur unliebsamer Meinungen, eine öffentliche Bloßstellung, sozialen Ausschluß, Dauerbeschallung in Schulen, Akademien, Medien, in politischer Propaganda der Regierungen und Parteien. Jede Macht träumt von der Kontrolle der Gedanken. Aber analytisch bräuchte man eine kleine Theorie der politischen Verfemung, um den „weichen“ Techniken der Gedankenkontrolle in demokratischen Herrschaftssystemen auf die Spur zu kommen.

© RL 2016

(aus einem Zirkularbrief von Romuald Lenski, Bratislava. Lenski ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: Politische Religion

hobbes

Wer je Zweifel daran hatte, daß Religionen niemals nur Privatsache, sondern stets eine öffentliche, politische Angelegenheit sind, der werfe einen Blick ins 12.Kapitel von Thomas Hobbes „Leviathan“. Wie immer zeichnet sich Hobbes auch in Fragen der Religion durch unliebsame Einsichten aus. Der Ursprung der Religion liegt in vier Quellen: dem Glauben an unsichtbare Geister, der Unkenntnis abgeleiteter Ursachen, der Verehrung dessen, was man fürchtet, und dem Umstand, daß zufällige Ereignisse für Vorzeichen gehalten werden. Zwei Arten von Menschen nutzen diese Tendenzen aus: Staatsgründer und Propheten. Beide verfolgen die Absicht, „die Menschen, die sich ihnen anvertrauten, zu Gehorsam, Befolgung den Gesetzen, Frieden, Nächstenliebe und zur bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen. So ist die Religion der ersten Art  ein Bestandteil menschlicher Politik und lehrt einen Teil der Pflicht, die irdische Könige von ihren Untertanen verlangen. Die Religion der letzten Art ist göttliche Politik und enthält Vorschriften für diejenigen, welche sich dem Reich Gottes unterworfen haben.“

Politiker verfolgen einige Strategien, um ihrem Tun göttliche Weihen zu verleihen. Erstens suchen sie den Untertanen einzuprägen, die von ihnen erlassenen Gesetze seien göttliche Weisungen. „So behauptete Numa Pompilius, er habe die Regeln des Gottesdienstes, die er bei den Römern einführte, von der Nymphe Egeria empfangen, und der erste König und Gründer des Königreiches von Peru gab vor, er und seine Frau seien Kinder der Sonne, und Mohammed behauptete, um seine neue Religion einführen zu können, er habe Zusammenkünfte mit dem Heiligen Geist, der als Taube erscheine. Zweitens legten sie Wert darauf, den Glauben zu erwecken, daß dieselben Dinge, die durch Gesetz verboten waren, auch den Göttern mißfielen. Drittens waren sie auf die Einführung von Zeremonien, Bittgebeten, Opfern und Festen bedacht, wodurch die Menschen dazu gebracht werden sollten, zu glauben, der Zorn der Götter könne besänftigt werden, und Mißerfolge im Krieg, große Epidemien und das persönliche Unglück jedes einzelnen rührten vom Zorn der Götter her, und ihr Zorn von der Vernachlässigung ihrer Verehrung oder einigen Fehlern bei den verlangten Zeremonien…

Aber wo Gott selbst durch übernatürliche Offenbarung die Religion einpflanzte, schuf er sich auch ein besonderes Reich und erließ Gesetze, die nicht nur das Betragen gegen ihn selbst, sondern auch das der Menschen untereinander betrafen. Und dadurch sind in diesem göttlichen Reich Politik und bürgerliche Gesetze ein Bestandteil der Religion, und somit ist dort die Unterscheidung von zeitlicher und geistlicher Herrschaft gegenstandslos. Es ist richtig, daß Gott König der ganzen Welt ist — doch kann er auch König eines besonderen und auserwählten Volkes sein. Denn darin liegt auch kein größerer Widerspruch als in der Tatsache, daß der Oberbefehlshaber der ganzen Armee zugleich ein besonderes eigenes Regiment oder eine eigene Kompanie befehligen kann. Gott ist durch seine Gewalt König der ganzen Erde, aber er ist König seines erwählten Volkes durch Vertrag.“

Kurz gesagt: Politik und Religion sind stets aufs Engste verknüpft. Dies gilt für alle Religionen, zumal jene monotheistischen Offenbarungsreligionen, die von einer imperialen Mission getrieben sind. Sie wollen die gesamte Menschheit, also alle Heiden, Abtrünnige, Anders- und Ungläubige bekehren oder beseitigen. Solche Religionen für eine harmlose Privatsache zu halten, ist Kinderglauben. Ebenso närrisch ist es, in einem Anflug von subtiler Betulichkeit, die politische von der vermeintlich privaten Religion unterscheiden zu wollen. Religion will stets in die Politik, in die Gesellschaft, will die Formen des Lebens prägen, durchherrschen. Mit den Seelen des Individuums gab sie sich noch nie zufrieden.

© W.Sofsky 2016

Le Corbusier in Athen: Die Tempelmaschine

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Wolfgang Sofsky
Le Corbusier in Athen: Die Tempelmaschine

parthenon

1911 machte sich der 24jährige Charles Edouard Jeanneret, der sich sechs Jahre später Le Corbusier nennen sollte, zu einer Rundreise zwecks Erfahrung des Erhabenen auf. Sie führte ihn nach Konstantinopel, Athen und Rom. In Athen kam er um elf Uhr morgens an und erfand tausend Ausflüchte, um nicht auf die Akropolis hinaufzusteigen. Er hockte in Cafehäusern herum, las Zeitungen, strich durch die Altstadtstraßen und wartete. Erst gegen Abend machte er sich auf den Weg. Oben angekommen, sah er, wie die sinkende Sonne die Steine in flammendes Rot und Orange verwandelt hatte. Er notiert die ästhetische „Gewalt“ des Erhabenen in deutlichen Worten:

„Seht, was das Richtige der Tempel bestätigt, das wilde Plateau, die makellose Struktur. Der Geist der Macht triumphiert. Der Herold, so entsetzlich klar schauend, hebt eine Trompete aus Erz an die Lippe und es tönt ein Schrei. Das Gebälk in seiner grausamen Unbeweglichkeit erschreckt. Das Gefühl eines übermenschlichen Schicksls ergreift uns. Das Parthenon, diese schreckliche Maschine, macht auf Meilen im Umkreis alles zu Staub, beherrscht alles.“

© WS 2016

Adalbert Stifter: Weiße Finsternis

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Wolfgang Sofsky
Adalbert Stifter: Weiße Finsternis

schneeweiß

In Stifters Werk kann der Leser gelegentlich in eine winterliche Eis- und Schneelandschaft geraten, und zwar nicht nur in seiner allerletzten Erzählung vom Untergangssturm im bayerischen Walde. Schon im „Bergkristall“ von 1845 verirren sich die Geschwister im Schnee, in dem „unersättlich“ niederfallenden Weiß, das alles zu verschlingen droht. Das Weiß verwirrt nicht nur das Auge, es läßt die Welt verstummen. Die Farbe ist ein synäthetisches Widerfahrnis. Weiß entfärbt und enttönt die Welt. Und da im Weiß keine Schatten, keine Dunkelheit zu erkennen ist, sieht man auch nicht die Form und Größe der Dinge. Inmitten der Summe aller Farben herrscht völlige Gleichartigkeit, Leere, Nichts. In der weißen Wüstenei weiß niemand, wohin er geht und woher er kommt. Hier einige Passagen:

„Ihre Freude wuchs noch immer; denn die Flocken fielen stets dichter, und nach kurzer Zeit brauchten sie nicht mehr den Schnee aufzusuchen, um in ihm zu waten; denn er lag schon so dicht, daß sie ihn überall weich unter den Sohlen empfanden, und daß er sich bereits um ihre Schuhe zu legen begann; und wenn es so ruhig und heimlich war, so war es, als ob sie das Knistern des in die Nadeln herabfallenden Schnees vernehmen könnten. »Werden wir heute auch die Unglücksäule sehen?« fragte das Mädchen, »sie ist ja umgefallen, und da wird es darauf schneien, und da wird die rote Farbe weiß sein.«

»Darum können wir sie doch sehen,« antwortete der Knabe, »wenn auch der Schnee auf sie fällt, und wenn sie auch weiß ist, so müssen wir sie liegen sehen, weil sie eine dicke Säule ist, und weil sie das schwarze eiserne Kreuz auf der Spitze hat, das doch immer herausragen wird.«…

Indessen, da sie noch weiter gegangen waren, war der Schneefall so dicht geworden, daß sie nur mehr die allernächsten Bäume sehen konnten.

Von der Härte des Weges oder gar von Furchenaufwerfungen war nichts zu empfinden, der Weg war vom Schnee überall gleich weich und war überhaupt nur daran zu erkennen, daß er als ein gleichmäßiger weißer Streifen in dem Walde fortlief. Auf allen Zweigen lag schon die schöne weiße Hülle.

Die Kinder gingen jetzt mitten auf dem Wege, sie furchten den Schnee mit ihren Füßlein und gingen langsamer, weil das Gehen beschwerlicher ward…

Der von der Großmutter vorausgesagte Wind war noch immer nicht gekommen, aber dafür wurde der Schneefall nach und nach so dicht, daß auch nicht mehr die nächsten Bäume zu erkennen waren, sondern daß sie wie neblige Säcke in der Luft standen….

Die Unglücksäule hatten sie noch immer nicht erreicht. Der Knabe konnte die Zeit nicht ermessen, weil keine Sonne am Himmel stand, und weil es immer gleichmäßig grau war.

»Werden wir bald zu der Unglücksäule kommen?« fragte Sanna.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Knabe, »ich kann heute die Bäume nicht sehen und den Weg nicht erkennen, weil er so weiß ist. Die Unglücksäule werden wir wohl gar nicht sehen, weil so viel Schnee liegen wird, daß sie verhüllt sein wird, und daß kaum ein Gräschen oder ein Arm des schwarzen Kreuzes hervorragen wird….

Sie gingen auf ihrem aufwärtsführenden Wege fort. Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße schon darlegende Decke nieder. Die Kinder nahmen die Kleider noch fester, um das immerwährende allseitige Hineinrieseln abzuhalten…

Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen, vielleicht erblicken wir etwas.«

Aber sie erblickten nichts. Sie sahen durch einen trüben Raum in den Himmel. Wie bei dem Hagel über die weißen oder grünlich gedunsenen Wolken die finsteren fransenartigen Streifen herabstarren, so war es hier, und das stumme Schütten dauerte fort. Auf der Erde sahen sie nur einen runden Fleck Weiß und dann nichts mehr….

Aber es war rings um sie nichts als das blendende Weiß, überall das Weiß, das aber selber nur einen immer kleineren Kreis um sie zog und dann in einen lichten, streifenweise niederfallenden Nebel überging, der jedes Weitere verzehrte und verhüllte Und zuletzt nichts anderes war als der unersättlich niederfallende Schnee.

»Warte, Sanna«, sagte der Knabe, »wir wollen ein wenig stehen bleiben und horchen, ob wir nicht etwas hören können, was sich im Tale meldet, sei es nun ein Hund oder eine Glocke oder die Mühle, oder sei es ein Ruf, der sich hören läßt, hören müssen wir etwas, und dann werden wir wissen, wohin wir zu gehen haben.«

Sie blieben nun stehen, aber sie hörten nichts. Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut, auch nicht der leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel….

Sie war nicht verzagt, sondern hob die Füßchen, so gut es gehen wollte, und folgte ihm. Er führte sie in dem weißen, lichten, regsamen, undurchsichtigen Raume fort….

Es war wieder nichts um sie als das Weiß, und ringsum war kein unterbrechendes Dunkel zu schauen. Es schien eine große Lichtfülle zu sein, und doch konnte man nicht drei Schritte vor sich sehen; alles war, wenn man so sagen darf, in eine einzige weiße Finsternis gehüllt, und weil kein Schatten war, so war kein Urteil über die Größe der Dinge, und die Kinder konnten nicht wissen, ob sie aufwärts oder abwärts gehen würden, bis eine Steilheit ihren Fuß faßte und ihn aufwärts zu gehen zwang.

»Mir tun die Augen weh«, sagte Sanna.

»Schaue nicht auf den Schnee«, antwortete der Knabe, »sondern in die Wolken. Mir tun sie schon lange weh; aber es tut nichts, ich muß doch auf den Schnee schauen, weil ich auf den Weg zu achten habe.«…

Sie merkten auch, daß ihr Fuß, wo er tiefer durch den jungen Schnee einsank, nicht erdigen Boden unter sich empfand, sondern etwas anderes, das wie älterer, gefrorner Schnee war; aber sie gingen immer fort, und sie liefen mit Hast und Ausdauer. Wenn sie stehen blieben, war alles still, unermeßlich still; wenn sie gingen, hörten sie das Rascheln ihrer Füße, sonst nichts; denn die Hüllen des Himmels sanken ohne Laut hernieder und so reich, daß man den Schnee hätte wachsen sehen können. Sie selber waren so bedeckt, daß sie sich von dem allgemeinen Weiß nicht hervorhoben und sich, wenn sie um ein paar Schritte getrennt worden wären, nicht mehr gesehen hätten.

Eine Wohltat war es, daß der Schnee so trocken war wie Sand, so daß er von ihren Füßen und den Bundschühlein und Strümpfen daran leicht abglitt und abrieselte, ohne Ballen und Nässe zu machen.

Endlich gelangten sie wieder zu Gegenständen.

Es waren riesenhaft große, sehr durcheinander liegende Trümmer, die mit Schnee bedeckt waren, der überall in die Klüfte hineinrieselte und an die sie sich ebenfalls fast anstießen, ehe sie sie sahen. Sie gingen ganz hinzu, die Dinge anzublicken.

Es war Eis – lauter Eis.“

© WS 2016

Karl Barth: Die Harmlosigkeit der Religion

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Wolfgang Sofsky
Karl Barth: Die Harmlosigkeit der Religion

karl_barthAngesichts des Festprogramms des EKD-Gremienprotestantismus zum Lutherjahr reibt sich jeder Freund und Feind des Christentums die Augen ob der verordneten Harmlosigkeit. Gewiß, Luther war ein großer Hasser, er haßte die Juristen, die Bauern, die Kleriker, die Juden, den Islam, den Papst und die Bischöfe. Die Reformation war ein Akt des Protests, der Revolution. Davon ist im heutigen Kirchentags“protestantismus“ kaum mehr als eine leise Erinnerung im Geiste der „Internationalität und Ökumene“ geblieben. Keiner will die christliche Wiedervereinigung mehr als die EKD-Elite. Dafür pilgert ihr Oberhaupt zur Audienz beim Papst, dafür pilgert sie bußfertig und reumütig mit ihren katholischen Kollegen zu den heiligen Stätten. Vom theologischen oder kulturhistorischen Gehalt des Protestantismus ist nichts zu hören. Vom Gestus des riskanten Protests ohnehin nichts. Man muß kein Freund des Christentums sein, um angesichts solch staatsnah verordneter Harmlosigkeit ents