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Wolfgang Sofsky

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Lautlos. Kurze Geschichten

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prinzip Sicherheit

 

 

 

 

 

 

 

 

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© WS 2017

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Sezession

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Wolfgang Sofsky
Sezession

Revolutionen sind selten höflich, Sezessionen können in der Regel nicht mit der Zustimmung der Kolonial- oder Zentralmacht rechnen. Daß der König der Ausrufung einer Republik ohne König sein Plazet gibt, ist unwahrscheinlich. Aber alle in Europa wundern sich, daß der Kampf um Unabhängigkeit, d.h. das Abschütteln einer Fremdherrschaft etwas konfliktreich abläuft. Daß die spanische Zentralmacht mit Repression auf die katalanische Unabhängigkeitsbewegung reagiert, muß niemanden verwundern. Und daß die Repression die Anhängerschaft der Sezessionisten vergrößert, ist ebenso absehbar. Sezessionisten verstoßen i.ü. auch stets gegen die Verfassungen der Zentralstaaten, von denen sie sich lossagen. Eine Republik duldet keinen Monarchen. Doch die europäischen Unionisten von rechts bis links verteidigen lieber die Fürstenherrschaft als die Republik.

© WS 2017

Paul Klee: Punkt

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Wolfgang Sofsky
Paul Klee: Punkt

Klee hat in seiner Form- und Gestaltungslehre „Das bildnerische Denken“ auch auf den Punkt verwiesen, obwohl der Punkt so ziemlich das Gegenteil von dem zu sein scheint, worum es bei Klee meistens geht: die Bewegung, Dynamik, die Spannung:

„Der Punkt ist nicht dimensionslos, sondern unendlich kleines Flächenelement, das als Agens die Bewegung Null ausführt, das heißt es ruht. Kurz nach dem Ansetzen des Stiftes entsteht eine Linie. Der Punkt ist kosmisch, als Urelement. Jeder Eisamen ist kosmisch. Der Punkt ist kosmisch als Überschneidungsstelle von Bahnen. Der Punkt ist statisch als Aufprallpunkt. Der Punkt in Spannung zu Punkt gibt Linie…“

„Der Punkt ist kosmisch als Urelement. Die Dinge auf der Erde sind in ihrer Bewegung gehemmt und müssen einen Anstoß erfahren. Die Urbewegung, das Agens, ist ein Punkt, der sich in Bewegung setzt (Genesis der Form). Es entsteht eine Linie…“

Wenn auf einer Fläche zwei Punkte, zumal jene in Rot und Schwarz einander entgegenstehen, sind sie nicht durch eine Linie verbunden. Sie bleiben isoliert, für sich. Rot bewegt sich nicht zu Schwarz und Schwarz nicht Richtung Rot. Das ist das Nebeneinander der Punkte, allenfalls noch ein Gegensatz, eine Konstellation, die Klee im Bild realisiert hat, obwohl er sie im Text nicht vorgesehen hat.

© WS 2017

Kandinsky: Punkt

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Wolfgang Sofsky
Kandinsky: Punkt

Die Idee, das Universum sei zuletzt aus einem Punkt entstanden, dessen Durchmesser so winzig gewesen sei, daß man ihn fast für nichts halten könnte, wäre da nicht eine Hitze gewesen, eine Art „Urkraft“, in der Strahlung und Materie noch eins gewesen sein müssen und die durch irgendeine winzige Schwankung dafür sorgte, daß der Anfangspunkt instabil  wurde und zur Welt explodierte, diese Idee ist nicht zuletzt deshalb so bestechend wie unvorstellbar, weil es eine ästhetische Analogie für den Anfang gibt, den Punkt, mit dem die Linie anhebt, der Punkt, der je nach Raumlage Spannung erzeugt. Dieser Punkt ist ungleich anschaulicher als der astronomische Urpunkt der Welt, aber er vermittelt eine Phantasie von dem, worüber wir fast nichts wissen.

In dem Bauhaus-Buch Nr.9 von 1926 „Punkt und Linie zu Fläche“, einem Beitrag zur Analyse der malerischen Elemente, beginnt Wassily Kandinsky die Betrachtung des Punktes jedoch mit einem Blick auf die Sprache. Der Punkt ist das Schweigen, das stumme Universum, und er ist die Brücke von Satz zu Satz, von Gedanke zu Gedanke. Und dann reißt es den Punkt auf einmal auseinander zu einem neuen Klang:

„Der geometrische Punkt ist ein unsichtbares Wesen. Er muß also
als ein unmaterielles Wesen definiert werden. Materiell gedacht
gleicht der Punkt einer Null.

In dieser Null sind aber verschiedene Eigenschaften verborgen, die
„menschlich“ sind. In unserer Vorstellung ist diese Null — der
geometrische Punkt — mit der höchsten Knappheit verbunden, d. h.
mit der größten Zurückhaltung, die aber spricht.

So ist der geometrische Punkt in unserer Vorstellung die höchste
und höchst einzelne Verbindung von Schweigen und
Sprechen.

Deshalb hat der geometrische Punkt seine materielle Form in
erster Linie in der Schrift gefunden — er gehört zur Sprache und
bedeutet Schweigen.

In der fließenden Rede ist der Punkt das Symbol der Unterbrechung,
des Nichtseins (negatives Element), und zur selben Zeit ist er eine
Brücke von einem Sein zum anderen (positives Element). Das ist in
der Schrift seine innere Bedeutung.

Äußerlich ist er hier bloß ein Zeichen in einer zweckmäßigen Verwen-
dung, die das Element des „Praktisch-Zweckmäßigen“ in sich trägt,
das wir schon als Kinder kennenlernen. Das äußere Zeichen wird
zur Gewohnheit und verschleiert den inneren Klang des Symbols.

Das Innere wird durch das Äußere zugemauert.

Der Punkt gehört zum engeren Kreis der Gewohnheitserscheinungen
mit ihrem traditionellen Klang, der stumm ist.

Der Klang des mit dem Punkt gewohnheitsmäßig verbundenen
Schweigens ist so laut, daß er die anderen Eigenschaften vollkommen
übertönt.

Alle traditionell gewohnten Erscheinungen werden durch ihre ein-
seitige Sprache stumm. Wir hören nicht mehr ihre Stimme und sind
vom Schweigen umgeben. Dem „Praktisch-Zweckmäßigen“ unter-
liegen wir tödlich.

Manchmal ist eine außergewöhnliche Erschütterung imstande, uns
aus dem toten Zustand zu einem lebendigen Empfinden heraus-
zureißen. Nicht selten vermag aber auch das kräftigste Rütteln nicht, den toten Zustand in einen lebendigen zu verwandeln…. Durch das allmähliche Herausreißen des Punktes aus dem engen Kreis seines gewohnten Wirkens bekommen seine bis jetzt schweigenden inneren Eigenschaften einen immer mehr wachsenden Klang.“

© WS 2017

Lügen in der Politik oder Was ist ein Argument?

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Wolfgang Sofsky
Lügen in der Politik oder Was ist ein Argument?

Ein Argument besteht aus einer Menge oder einer Serie von Aussagen oder Behauptungen (p,q,r,s…z). Im klarsten Falle ist eine dieser Aussagen z als Zielaussage, als Konklusion gekennzeichnet, welche durch die anderen Behauptungen p,q,… gestützt werden soll. Die Konklusion ist das, wofür argumentiert wird; die anderen Behauptungen, die Prämissen, sind das, woher argumentiert wird. Weitere Aussagen in einem Argument dienen dazu, die Verbindung zwischen Prämissen und Konklusion herzustellen. Sie sollen nachweisen, daß derjenige, der die Wahrheit der Prämissen anerkennt, damit auch verpflichtet ist, die Wahrheit der Konklusion anzuerkennen. Jedes Argument hat also eine Struktur des „Wenn-Dann“. Wenn jemand die Wahrheit von p und q anerkennt, muß er auch die Wahrheit der Aussage z, der Konklusion anerkennen. Ein Argument besteht also nicht nur aus den „Gründen“ p, q etc., den Prämissen, die für z angeführt werden. Es besteht vielmehr in der Wenn-Dann-Beziehung zwischen Prämissen und Konklusion. Wenn ein Argument gültig ist, dann führt es von wahren Prämissen zur wahren Konklusion. Die Geltung eines Arguments ergibt sich mithin nicht aus der Wahrheit einzelner Behauptungen, sondern aus der Wahrheit der gesamten Wenn-Dann-Struktur.

Um ein Argument anzufechten, genügt es nicht, die Konklusion abzulehnen, weil sie einem nicht paßt oder weil man anderer Meinung ist. Viele Dispute erschöpfen sich im Austausch von Meinungen, nicht im begründeten Einspruch gegen Argumente. Daher ist nicht nur die Konklusion zur Rechenschaft zu ziehen, sondern das gesamte Argument. Es genügt nicht zu glauben, daß etwas mit einer Behauptung nicht stimmt. Man muß herausfinden, was nicht stimmt. Wie also kritisiert man ein Argument? Wenn man eine Konklusion als falsch nachweisen will, gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten.

Erstens kann man nach Prämissen suchen, um überhaupt Gründe für eine Behauptung ausfindig zu machen. Zeigt es sich, daß überhaupt keine Gründe angeführt werden oder aufzufinden sind, handelt es sich offenbar um eine unbegründete Behauptung. Der Austausch solcher unbegründeten Meinungen entspricht zwar dem gängigen Diskursniveau. Eine weitere Debatte erübrigt sich jedoch mangels argumentativer Substanz.

Zweitens kann man eine der Prämissen bestreiten und als falsch nachweisen. Sobald man die Unwahrheit einer Prämisse gezeigt hat, einer expliziten oder impliziten Annahme, erübrigt sich alles Weitere. Denn aus einer falschen Prämisse läßt sich keine wahre Konklusion ziehen.

Drittens kann man die Gültigkeit des Argumentes selbst prüfen. Dabei kann es vorkommen, daß man die Prämissen zwar akzeptieren muß, nicht aber die Beziehung zwischen den Prämissen und der Konklusion. Man sagt dann nicht: „Das ist nicht wahr!“, sondern „Das folgt nicht daraus!“.

Ein Beispiel: An Stammtischen wird häufig gesagt: „Politiker sind Lügner“ (z). Zur Begründung heißt es üblicherweise: „Politiker sind Lügner, weil sie nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind“ (p); Oder: „Politiker sind Lügner, weil sie durchtrieben und schlau sind“ (q). Offensichtlich sind die Behauptungen p und q weder für sich noch gemeinsam dazu geeignet, die Schlußfolgerung z zu stützen. Politiker, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, sagen die Wahrheit, wenn es ihnen nützt, und sie sagen die Unwahrheit, wenn es ihnen nützt. Zudem haben sie mit dem Problem zu tun, daß in dem Falle, da eine Lüge aufgedeckt wird, einem Politiker gewisse Nachteile zu entstehen pflegen. Wer als Lügner bekannt ist, dessen Ruf und Glaubwürdigkeit sind ruiniert; seine Wiederwahl, seine Karriere sind gefährdet. Ein notorischer Lügner ist daher unmöglich zugleich schlau und egoistisch. Ist er nämlich schlau, dann weiß er, daß Lügen oft kurze Beine haben und ihm Nachteile einbringen werden. Das Argument, wonach Politiker Lügner seien, weil sie egoistisch und schlau seien, ist mithin ungültig. Auch wenn man behauptete, Politiker wollten nur ihren eigenen Vorteil und seien dumm und kurzsichtig, kann man unmöglich folgern: „Politiker sind Lügner“. Weder prädestiniert Egoismus zur Unwahrheit noch Torheit. Dummheit kann dazu verleiten, die Wahrheit zu sagen oder zu lügen, je nach Situation. Kurzum: Die Behauptung z: „Politiker sind Lügner“ ist weder mit p („Politiker sind Egoisten“) noch mit q (Politiker sind durchtrieben), geschweige denn mit p+q (Politiker sind durchtriebene Egoisten) begründbar. Das heißt natürlich nicht, daß Politiker prinzipiell keine Lügner wären, sei es zum eigenen, sei es zum Vorteil Dritter, sei es aus Klugheit oder aus Torheit. Aber das ist eine andere Geschichte.

© W.Sofsky 2017

Diderot über Mohammed

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Denis Diderot über Mohammed

„On peut regarder Mahomet comme le plus grand ennemi que la raison humaine ait eu.“

(Histoire générale des dogmes et opinions philosophiques: Depuis les plus anciens temps jusqu’à nos jours. Tirée du Dictionnaire encyclopédique, des arts & des sciences, Band 3. London 1769. S. 128)

© WS 2017

Goya: Schule der Esel

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Goya: Schule der Esel

Die kürzeste Kritik des Bildungssystems bietet Francisco Goyas Capricho 37, dem ersten Bild der „Asnerias“. Ein großer Esel unterrichtet kleine Esel. „Ob der Schüler wohl mehr wissen wird?“, lautet die Legende. Die Antwort liegt auf der Hand. Wo Esel Esel unterrichten, kommen nur Esel heraus, zumal die jungen Esel stets jammern und klagen, wenn sie nicht von ihresgleichen, von Eseln unterrichtet werden, da sonst der „Streß“ zu hoch sei, indes die alten Esel klagen und jammern, daß sie, sei es in der Akademie oder Universität, sei es in den unteren, mittleren oder höheren Schulen, immer nur Esel zu unterrichten hätten.

© WS 2017

Max Ernst: Madonna

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Wolfgang Sofsky
Max Ernst: Madonna

Gelegentlich verprügelt die Heilige Jungfrau den Jesusknaben, was nicht die drei morgenländischen Könige bezeugen, sondern André Breton, Paul Èluard und der Maler höchstselbst, Max Ernst, die alle drei wenig überrascht scheinen, daß angelegentlich solcher Züchtigung auch mal ein Heiligenschein zu Boden fällt, was 1926 einigen Skandal auslöste, heute indes bei gelassener Betrachtung allenfalls ein Schmunzeln auslöst, da jeder weiß, daß Bilder von Jungfrauen keine Jungfrauen und Bilder von Göttern keine Götter sind, gar nicht davon zu reden, daß Bildnisse einer Züchtigung bei niemandem Schmerzen auslösen, ausgenommen bei jenen Zeitgenossen, welche Jungfraubilder allen Ernstes für Jungfrauen halten.

© W.Sofsky 2015

Eliteherrschaft

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Wolfgang Sofsky
Eliteherrschaft

Das Konzept der Machtelite, wie es C.Wright Mills, in den 50er Jahren vorgestellt hat, um die Dominanz eine Gruppe von Politikern, Unternehmern und Militärs zu bezeichnen, wirft gewiß eine Reihe von Problemen auf. So wird man in Zeiten der „Mediengesellschaft“ auch Personen und Organe aus dem Bereich der organisierten Öffentlichkeit, der Meinungselite hinzuzählen müssen, ebenso das Leitungspersonal der Verwaltungen, Justiz, der Kultur und diverser Verbände. Daß die Machtelite keine homogene Kleingruppe ist, versteht sich von selbst. Wenn Bankiers, Politiker, Journalisten, Verleger und Bischöfe keine organisierte pressure group bilden, so ist das jedoch kein Indikator für gegenseitige Unabhängigkeit, sondern im Gegenteil das Zeichen einer unübersehbaren Übereinstimmung zwischen den Teileliten. Insbesondere die machiavellische Tradition von Pareto oder Mosca hat zudem auf Fraktionen und Rivalitäten innerhalb oder zwischen Eliten verwiesen. Die spätmarxistische Sichtweise redet weiterhin lieber von herrschender Klasse, meint jedoch der Sache nach wenig anderes.

Wie immer, zu den Verschleierungsstrategien der Herrschaft gehört es, die Tatsache von Machteliten oder herrschenden Klassen zu leugnen oder diese Diagnosen, wie heute üblich, als „demokratiefeindlich“, „rassistisch“, „faschistisch“ oder „reaktionär“ zu diffamieren. Meist kommen diese Diffamierungen aus dem Munde der Vorsprecher der entsprechenden Eliten. Eliten zu leugnen heißt, Macht zu leugnen. Und auf diesen Schwindel sollte niemand hereinfallen. Auch der „subtile“ Hinweis aus pseudoliberalem Munde, Machteliten seien ja nur „Leistungseliten“ ist erkennbar eine ideologische Verkleisterung. Niemand hat bestritten, daß manche Angehörigen moderner Machteliten bis zum Umfallen arbeiten, schließlich macht soziale und politische Macht immer eine gewisse Arbeit, aber daraus folgt nicht, daß diese Macht deswegen gerechtfertigt sei. So schwierig manches Detailproblem des Elitekonzepts auch sein mag, kritische Beobachter des Zeitgeschehens sollten sich die Rede von Elite und Eliteherrschaft von den Freunden der Macht nicht untersagen lassen.

© W.Sofsky 2017

Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

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Wolfgang Sofsky
Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

Vierzehn Monate saß Erich Mühsam in den Zuchthäusern (Plötzensee, Brandenburg) und KZs (Sonnenburg, Oranienburg) der Nationalsozialisten in „Schutzhaft“, dann brachte ihn die SS in der Nacht des 10. Juli 1934 um. Sie schlugen ihn, injizierten ihm Gift, legten ihm eine Schlinge um den Hals und hängten ihn in der Latrine auf. Eine Woche zuvor war Theodor Eicke, der spätere Erfinder des Dachauer KZ-Modells und Generalinspekteur aller Lager, mit 150 SS-Leuten angerückt und hatte die SA-Wachleute entwaffnet. Drei Tage später wurde das KZ in der Alten Brauerei von Oranienburg aufgelöst, die überlebenden Häftlinge brachte man nach Lichtenburg.

Erich Mühsam war, neben Ernst Toller, Ernst Niekisch und seinem „Lebensfreund“ Gustav Landauer, eine der Leitfiguren der Münchener Novemberrevolution und Räterepublik, wofür man ihn zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilte. Nach knapp sechs Jahren wurde zu Weihnachten 1924 im Rahmen einer Generalamnestie freigelassen. Schon im März 1918 hatte man ihn wegen Streikaufrufen in Traunstein eingesperrt, nach wenigen Wochen aber wieder entlassen. 1915 saß er wegen Kriegsdienstverweigerung ein halbes Jahr im Zuchthaus. Und schon im Februar 1910 hatte man ihn wegen „Geheimbündelei“ kurzzeitig festgesetzt und angeklagt, später jedoch freigesprochen.

Ein alleseits „rebellisches Subjekt“ war Erich Mühsam, Literat, Anarchist, Kritiker der Sozialdemokratie, später auch der USPD und KPD, aus der er nach wenigen Wochen wieder austrat, aber auch der „Föderation kommunistischer Anarchisten“, die ihn 1925 ausschloß – wegen angeblicher Nähe zur KPD. 1931 entfernte ihn der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ aus seiner Mitgliederkartei, wegen Verletzung der „Überparteilichkeit“. Gegner und Feinde hatte Mühsam zuhauf, bei Linken wie Rechten, aber er hatte auch Freunde, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Frank Wedekind oder Erwin Piscator, in dessen Berliner Bühnenbeirat er 1927 saß. Unermüdlich organisierte er die Opposition gegen die Autorität, gegen das Kapital, den Staat, den Krieg, gegen linken Konformismus und gegen die Nazi-Bewegung. Ebenso unermüdlich schrieb er: Satiren, Kampflyrik, Gedichte, Abhandlungen, Manifeste, Tagebücher, Memoiren, Dramen, darunter das Dokumentarstück für die Piscator-Bühne: „Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti“. Wenn niemand ihn drucken wollte, gab er seine Schriften selbst heraus. 1911-14 und 1918/19 war er Alleinautor der Monatsschrift „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“, von 1926 bis 1931 des Monatsmagazins „Fanal“, in dem er den Niedergang der Weimarer Republik analysierte.

Mühsam soll ein freundlicher, wenngleich etwas aufgeregter Zeitgenosse gewesen sein. Ein Antipode mit gewissen Sympathien für anarchische und allerdings (national)revolutionäre Gedanken, Ernst Jünger, schilderte im Rückblick eine Begegnung um 1930 in seinem Kriegstagebuch „Strahlungen II“: „Mühsam lernte ich bei Ernst Niekisch kennen, den ich häufig aufsuchte. Ich glaube, auch Toller war an jenem Abend dabei. Sie kannten sich aus der Zeit der Münchener Räterepublik, mit der sich die Linke eine ähnliche Absurdität wie später die Rechte mit dem Kapp-Putsch leistete. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, Mühsam begleitete mich auf dem Heimwege. Er war Bohemien vom Schlage Peter Hilles, weltfremder Anarchist, verworren, kindlich-gutmütig… Er redete in flatterndem Mantel wild, beinahe schreiend auf mich ein, so daß sich die Passanten nach der seltsamen Erscheinung umwandten, die an einen großen unbeholfenen Vogel erinnerte. Wir tauschten einige Briefe, bis kurz vor seiner Verhaftung; schreckliche Gerüchte sickerten bald über sein Schicksal durch… Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“

Die Neigung zur Bohème war beiden Autoren gemeinsam. Aber der Chemikersohn Jünger spielte im Berlin der 20er Jahre eher mit dieser Existenzform, während der Apothekersohn Mühsam viele Jahre in der Schwabinger Bohème verbracht hatte. Er wußte, daß diese Lebensform kein Spaß ist, daß sie aber einen Vorzug hat, und zwar über alle Klassen- und Standesschranken hinweg: die Freiheit.

„Meine eigene Lebensführung entsprach so wenig den Anforderungen grundsatzfester Zeitgenossen an geregelte Ausgeglichenheit, daß das Bestreben, mich doch wie jeden Menschen irgendwo einzuordnen, nur durch die Etikettierung als Bohemien erreicht werden konnte. Die mit dieser Bezeichnung verbundenen Assoziationen werden gemeinhin von Murgers Zigeunerleben und Puccinis Oper hergeleitet, wo materielle Kalamitäten so lange mit leichtsinnigen Scherzen verpflastert werden, bis die Kunstjünger arrivieren und die Kapitulation vor sittenstrammer Moral und staatsbürgerlicher Korrektheit vollziehen. Man braucht nur an die ganz großen Bohemenaturen der Weltliteratur, etwa an Li Tai Pe oder François Villon, zu erinnern, um die Seichtigkeit solcher Vorstellungen zu zeigen. Ich habe gewiß viele recht vergnügte Stunden in Gesellschaft künstlerischer Menschen verlebt, und wir haben uns gewiß, wenn kein Geld da war, mit allerlei gewagten Mitteln zu helfen gesucht, weniger, um uns zu amüsieren, als um in häufig schlimmster Not unsere Kameradenpflicht zu erfüllen, aber daß das sozusagen organisierte Bummeln den Lebensinhalt geistig bewegter Persönlichkeiten ausgemacht hätte, dafür habe ich kein Beispiel gefunden. Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium für die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen.

Stimmt die Definition, dann habe ich nichts gegen meine Charakterisierung als Bohemien einzuwenden, dann ist aber auch klar, daß Boheme eine angeborene Eigenschaft von Menschen ist, die sich dadurch nicht ändert, daß der Freiheitswille nicht auf die Führung des eigenen Lebens in größtmöglicher Ungebundenheit beschränkt bleibt, sondern sich in Arbeit für die soziale Befreiung aller umsetzt. Bewußt oder geahnt – der Rebellentrotz der Fronde war bei all den Bohemenaturen lebendig, die nur je meinen Weg gekreuzt haben, ob sie sich aus dumpfen Proletarierkreisen, aus bigottischer Kleinbürgeratmosphäre, aus behütetem Bürgerwohlstand oder aus dem Museumsstaub adliger Herrenschlösser zur Freiheit der Künste und zur Geselligkeit auf sich selbst gestellter Menschen geflüchtet hatten“ (E.Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1927).

Wie jeder Anarchist, der den diesen Ehrennamen verdient, hatte Mühsam die Aversion gegen jedwede Macht im Leib. Er träumte von ursprünglicher Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft auf Wechselseitigkeit, doch bedeutsamer als die Träume ist die kompromißlose Kritik der Macht, einschließlich der demokratischen Herrschaftsform. Vergesellschaftung des Staates, Beseitigung der Zentralmacht, Selbstverfügung in Gesellschaft, dies gehörte zu Mühsams Leitideen. Seine letzte Schrift von Anfang 1933, erschienen in einer letzten Sondernummer von „Fanal“, handelt von der „Befreiung des Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?“ In diesem Vermächtnis findet sich auch eine, weiterhin aktuelle Passage zur Kritik der Demokratie. :

„Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder, um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen. Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden. Hierbei spielt die Regierungsform nicht die geringste Rolle. Monarchie, Demokratie, Diktatur stellen als Staatsarten nur verschiedene Möglichkeiten im Verfahren der zentralistischen Menschenbeherrschung dar. Wenn die Demokratie sich darauf beruft, daß sie dem Volksganzen die Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung mit gleichem Stimmrecht für alle gewährt, so ist daran zu erinnern, daß gleiches Stimmrecht nichts mit gleichem Recht zu tun hat und daß die Aussonderung von Abgeordneten eben die Beteiligung der Aussondernden an der Verwaltung verhindert und ihre Vertretung durch einander ablösende Machthaber bedeutet. Wo es Vorrechte des Besitzes gibt, kann kein formales Gleichsetzen von Stimmen wirkliche Gleichheit schaffen, ebensowenig wo die Selbstbestimmung der Menschen sich durch Verleihung von Macht ablösen läßt. Macht beruht immer auf wirtschaftlicher Ueberlegenheit, und die Abschaffung wirtschaftlicher Ueberlegenheit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Macht bewirkt unter allen Umständen das Bestreben derer, die über die Macht verfügen, sie durch Neugewinnung wirtschaftlicher Ueberlegenheit zu sichern. Jeder auch nur zeitweilige Gesetzgeber, sei er Landesoberster, Minister oder Parlamentarier, fühlt sich über diejenigen, denen er Vorschriften machen darf, emporgehoben, wird also, auch wenn er es vorher nicht war, Sachwalter einer vom Ganzen gelösten Oberschicht mit anderen, gesteigerten Bedürfnissen und Lebenszielen, hört auf, der Klasse anzugehören, die sich nach den Gesetzen und Vorschriften zu richten hat. Das zeigt sich schon bei den zentralistisch organisierten Arbeitervereinigungen. Hier wird eine beamtete Führerschaft mit dem Vorrecht ausgestattet, die Richtlinien für das Verhalten und die Verpflichtungen der übrigen zu bestimmen, es entsteht Befehlsgewalt, Obrigkeit, Macht. Dadurch entsteht weiterhin eine grundsätzliche Scheidung der Interessen mit der Folge, daß der Kopf der Organisation ein Eigenleben gegenüber den Gliedern führt und daß die Verwaltung der Organisation Selbstzweck wird und stets seine Bedürfnisse wichtiger nimmt als die Aufgaben, derentwegen die Organisation geschaffen wurde.

Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihrer Handlungen zugrunde zu legen. Menschen und gesellschaftlich lebenden Tieren ist das Machtstreben nicht angeboren. Erst jahrtausendelange Gewöhnung an Vorrecht und Entrechtung hat die Menschen, nur sie, zu dem Glauben gebracht, es sei in ihrer Natur bedingt, daß der Wettstreit um den Platz an der Sonnenseite des Daseins in der Form von Machtkämpfen geführt werden müsse. Gerade aber erst die Machtkämpfe haben mit der Spaltung des Menschengeschlechts in Herrschende und Beherrschte verursacht, daß es eine Sonnenseite und eine Schattenseite des Lebens gibt. Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist. Wer nach Macht strebt, kann sein Ziel nur erreichen, indem er andere ohnmächtig macht.“

© W.Sofsky 2017

Lügen in Politik und Religion

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Wolfgang Sofsky
Lügen in Politik und Religion

Die Rhetorik der demokratischen und religiösen Propaganda ist in der Regel keine gezielte Manipulation, keine willentliche Täuschung, keine Lüge, die das Publikum für dumm verkauft. Auf den korrupten Mandatsträger, den machtgierigen Minister oder hinterlistigen Kanzelprediger kommt es nicht an. Diese Kritik der Politik und Religion greift entschieden zu kurz. Politik, Presse oder Propheten notorische Lügen vorzuhalten, verfehlt den Sachverhalt. Diese Kritik denkt lediglich nach dem Modell des Priesterbetrugs: der Politiker/Prediger/Journalist ein frömmelnder Hochstapler, ein Blender und Beutelschneider, ein zynischer Falschspieler, der das ahnungslose, abergläubische Publikum hinters Licht führt. Davon kann in der Mehrzahl der Fälle keine Rede sein. Viele Redner/Schreiber bemühen sich wirklich um das, was sie für die Interessen aller halten, sie arbeiten hart, und sie glauben in der Tat an das, was sie sagen. Wer lügt, kennt die Wahrheit und sagt willentlich die Unwahrheit. Keine Lüge ohne das Bewußtsein der Lüge. Von den hier genannten Subjekten indes gilt: Sie hintergehen das Publikum, aber sie merken nicht, daß sie es hintergehen. Sie betrügen sich selbst, erkennen aber ihren Selbstbetrug nicht. Sie meinen, für andere zu sprechen, aber sie sprechen nur für sich selbst. In gutem Glauben halten sie sich selbst für jemand anderen, als sie wirklich sind. Ihr Gerede entpringt  nicht dem trüben Gehirnen zynischer Demagogen, ihre Moralpredigten, ihr Wertegeschwafel, ihr hoher Ton entspringt ihrer selbstgesetzten Mission. Ohne den unbedingten Willen zum Selbstbetrug ist ihr sozialer Betrug unmöglich. Zu Arglist und Tücke fehlt ihnen die Distanz, zu sich und zur Sache. Zum wahren Betrug fehlt ihnen die Boshaftigkeit. In Nietzsches unübertroffener Diagnose (Menschliches, Allzumenschliches I,52):

„Bei allen großen Betrügern ist ein Vorgang bemerkenswert, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Akt des Betrugs, unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebärden, inmitten der wirkungsvollen Szenerie überkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es dann, der dann so wundergleich und bezwingend zu denUmgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen großen Betrügern, daß sie aus diesem Zustand der Selbsttäuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie überwältigt; gewöhnlich trösten sie sich aber, diese helleren Momente dem bösen Widersacher zuschiebend. Selbstbetrug muß da sein, damit diese und jene großartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird“.

© W.Sofsky 2017

 

Gottverhaßt

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Wolfgang Sofsky
Gottverhaßt

PlutonVon den Kyklopen erhielt Zeus den Blitz als Waffe des Angriffs, Poseidon gaben sie den Dreizack, Pluton jedoch erhielt die Tarnkappe. Er ist der Unsichtbare, der alle unsichtbar macht. Niemand soll ihn bei seinem wahren Namen „Hades“ rufen. So nennt man ihn Polydegmon, der „viele Gäste Empfangende“ oder „Pluton“, der „Reiche“ und „Reichtum spendende“. Auch „Eubulos“, den „guten Ratgeber“ heißt man ihn, obwohl zuletzt niemand mehr seinen Rat benötigt. Dunkle Locken umgeben sein Haupt, manchmal begleitet ihn der dreiköpfige Hund Kerberos, der das große Tor bewacht. Auf einer Quadriga mit schwarzen Rössern entführte er einst seine Nichte Persephone in die Finsternis. Er ist der einzige Gott, der stets mit den Toten verkehrt. Hermes Psychopompos, der Seelengeleiter, führt nur wenige Verstorbene bis zu den Ufern des Acheron oder, wie die hingemordeten Freier der Penelope, bis zu aschebestreuten Wiese. Hades indes ist von allen Toten umgeben, für alle Zeit. Alle Sterblichen werden seine Gäste. Niemand entkommt ihm, alles Lebendige läßt er verschwinden. Wer das Tor des Hades durchschreitet, wird nie mehr zurückkehren. Oftmals ist sein Antlitz nach hinten gewandt, denn er blickt stets in die Vergangenheit. Wer ihm opfern will, muß dies gleichfalls mit abgewandtem Gesicht tun. In der unteren Welt ist er allgegenwärtig, aber niemand soll ihn sehen, weder die Toten noch die wenigen Lebenden, welche die Unterwelt aufsuchen. Ein Blick auf seine Gestalt, jeder würde zu Tode erschrecken.

Hades führt ein wenig geselliges Leben. Obwohl Bruder des Zeus und des Poseidon, gehört er nicht in den olympischen Kreis der leichthin Lebenden. Außer der Geschichte vom Raub der Persephone gibt es über ihn wenig zu berichten. Umso unheimlicher ist diese Gestalt. Doch kennt er, wie jeder Machthaber, die Furcht vor dem Ende der Macht. Als im Götterkampf die Erde bebt (Ilias 20,62ff.), springt Hades vom Thron auf und brüllt auf vor Schreck, damit Poseidon ihm von oben nicht die Erde zerrisse . Er fürchtet, die Erde könne aufbrechen und sein geheimes Reich werde ans Licht kommen, gräßlich, modrig, dumpf und gottverhaßt, wie es ist. Es ist, als würde man einen alten Stein umdrehen, und darunter wimmelte es von Larven und Getier.

Die Herrschaft des Hades ist von eigener Art. Er regiert die Toten. Die Toten aber sind nichts als Schemen, als Schatten ihrer selbst. Sie sind die Gewesenen. Hades beherrscht die Vergangenheit und nichts als die Vergangenheit. Sein Reich ist gegenwärtig, und jeder künftig Lebende wird dort eintreten. Aber es ist ein Reich der Geschichte, der verblichenen Erinnerung, in dem nichts mehr zu ändern, nichts mehr wahrzunehmen, zu erwarten, zu hoffen ist.

© WS 2017

Gottverlassen

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Wolfgang Sofsky
Gottverlassen

hippolytos-lemoyne

Zu den Eigenarten der alten Götter gehört ihre Todesferne. Leichtlebend wandeln sie festlich einher, unsterblich sind sie, nachdem sie einstmals geboren wurden. Wenn die Menschen etwas zu entscheiden haben, sind sie manchmal zugegen, doch sind sie keineswegs allgegenwärtig. Sobald es ans Sterben geht, verschwinden sie. Jammer und Wehklag geziemt ihnen nicht. Zwischen Göttern und Menschen ist eine Linie markiert: der Tod. Hier die Sterblichen auf dem Weg zu ihrem Ende, dort die todlosen Götter.

Spätestens in der letzten Not ziehen sich die Götter zurück. Apollon verläßt seinen Schützling Hektor, als dessen Schicksal besiegelt ist. Und der Held erkennt am Verschwinden Apollons, daß seine Zeit gekommen ist. Als Hippolytos mit zerschmetterten Gliedern am Boden liegt, spürt er noch, wie der Glanz der Artemis seine Seele überströmt, doch ist sie bereits im Aufbruch: „Ich seh´s und würde weinen, wenn ich dürfte… Leb wohl! Ich darf Verblichene nicht schau´n, mein Antliz darf  Todeshauch berühren. Und du bist nahe dieser letzten Not.“ Der Sterbende verabschiedet die Glückselige: „Du gehst? So leb´denn wohl auch, du sel´ge Maid. Die lange Freundschaft endet kurzes Scheiden.“ (Euripides, Hippolytos, 1396, 1437ff.)

Die antiken Götter trösten nicht, versprechen keine ewige Heimstatt, dienen nicht als Nothelfer, begleiten den Menschen nicht auf seinem letzten Gang. Vielleicht erwarten sie ihn irgendwo, womöglich enden die Verblichenen im Schattenreich des Hades. Aber kein Gott droht mit christlicher Hölle, Strafgericht oder höllengleicher Ewigkeit. Das Reich der Persephone ist von anderer Art als der christliche Teufelspfuhl. Womöglich trauen die Götter den Menschen am Ende mehr zu als  spätere Trost-, Jammer- und Angstreligionen. Wohl können Götter Menschen vernichten, aber sie können ihnen kein Leben geben, weder am Anfang noch am Ende. Das Gesetz der Befristung, das für irdische Angelegenheiten gilt, können sie nicht aufheben.

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Religionsterror

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Religionsterror

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Schillers erste historische Schrift (1788) befaßt sich mit dem Freiheitskampf der Niederlande gegen die spanische Tyrannis. Darin findet sich im ersten Buch auch eine Charakterisierung der spanischen Inquisition. Diese Institution der Glaubensreinigung, einst erfunden gegen Sarazenen, Synkretisten, Muslime, Juden und Ketzer, betrieben von Bettelmönchen, „einer Abart des menschlichen Namens, die die heiligen Triebe der Natur abgeschworen“ und sich zu „dienstbaren Kreaturen des römischen Stuhls“ hochgedient hat, um die Wurzeln alter Religionen „auszureuten“, diese Institution trug bereits totalitäre Züge. „Inquisition hat es gegeben, seitdem die Vernunft sich an das Heilige wagte, seitdem es Zweifler und Neuerer gab.“ Die spanische Inqusition indes zielte nicht nur gegen verrufene Praktiken, sondern gegen Gesinnungen, gegen die Tiefen der Seele. Sie gab das Vorbild für alle Einrichtungen moderner Art, die mittels  Befragung, Selbstkritik, Umerziehung, Tortur, Schauprozeß, Lager oder Exekution abweichende Gedanken, Gesinnungen, Gefühle auszutilgen sucht. In jede Verästelung der Seele treibt sie den Schrecken.

„Wollte die Kirche einen vollständigen Sieg über den feindlichen Gottesdienst feiern und ihre neue Eroberung vor jedem Rückfalle sicherstellen, so mußte sie den Grund selbst unterwühlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; sie mußte die ganze Form des sittlichen Charakters zerschlagen, an die er aufs innigste geheftet schien. In den verborgensten Tiefen der Seele mußte sie seine geheimen Wurzeln ablösen, alle seine Spuren im Kreise des häuslichen Lebens und in der Bürgerwelt auslöschen, jede Erinnerung an ihn absterben lassen und wo möglich selbst die Empfänglichkeit für seine Eindrücke töten. Vaterland und Familie, Gewissen und Ehre, die heiligen Gefühle der Gesellschaft und der Natur sind immer die ersten und nächsten, mit denen Religionen sich mischen, von denen sie Stärke empfangen und denen sie sie geben. Diese Verbindung mußte jetzt aufgelöst, von den heiligen Gefühlen der Natur mußte die alte Religion gewaltsam gerissen werden – und sollte es selbst die Heiligkeit dieser Empfindungen kosten, So wurde die Inquisition, die wir zum Unterschiede von den menschlicheren Gerichten, die ihren Namen führen, die spanische nennen. Sie hat den Kardinal Ximenes zum Stifter; ein Dominikanermönch, Torquemeda, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freiheit gefesselt. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glau-ben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am heiligsten achtet. Alle Ansprüche auf seine Gattung sind für einen Ketzer verscherzt; mit der leichtesten Untreue an der mütterlichen Kirche hat er sein Geschlecht ausgezogen. Ein bescheidner Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papsts wird geahndet wie Vatermord und schändet wie Sodomie; ihre Urteile gleichen den schrecklichen Fermenten der Pest, die den gesundesten Körper in schnelle Verwesung treiben. Selbst das Leblose, das einem Ketzer angehörte, ist verflucht; ihre Opfer kann kein Schicksal ihr unterschlagen; an Leichen und Gemälden werden ihre Sentenzen vollstreckt; und das Grab selbst ist keine Zuflucht vor ihrem entsetzlichen Arme.“

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

Leitkultur – deutsch

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Wolfgang Sofsky
Leitkultur – deutsch

Seit Jahren wird darüber gestritten, was ein deutscher Neubürger leisten soll. Gut „integriert“ soll er sein, sittsam, arbeitsam, wohlmeindend, gesetzes- und verfassungstreu, etc. Im Grunde genügen für eine Einbürgerung jedoch vier Fähigkeiten. Der Neubürger sollte, um ein wahrer Deutscher zu sein, erstens die Regeln des Fußballs, insbesondere die Abseitsregel kennen; zweitens sollten ihm, auch wenn er Schweinefleisch nicht zu schätzen weiß, die wichtigsten deutschen Wurstsorten vertraut sein; drittens sollte er imstande sein, das Lied der Biene Maya zu summen. Und viertens sollte er nach dem Besuch der einschlägigen Lernkurse die deutsche Sprache insoweit beherrschen, daß er Sätze richtig nach Gehör aufschreiben kann.

© WS 2016

Das Dilemma der demokratischen Wahl

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Wolfgang Sofsky
Wahldilemma

Hin und wieder geraten Menschen in eine dilemmatische Situation, eine Zwickmühle, eine Falle, in der, was immer sie tun oder unterlassen, stets etwas herauskommt, was sie nicht wollen. Ein einfacher  Fall: In einer Situation sind nur 3 Optionen offen, und alle führen zu üblen Ergebnissen

  1. p oder q oder r.
  2. Wenn p, dann s.
  3. Wenn q, dann s.
  4. Wenn r, dann s.
  5. s.

Man nehme ein Wahldilemma, wie es in demokratischen Repräsentationssystemen nicht selten ist:

  1. Folgende Parteien stehen zur Abstimmung: p oder q oder r.
  2. Wenn Partei p, dann gibt es eine schlechte Regierung s.
  3. Wenn Partei q, dann gibt es eine schlechte Regierung s.
  4. Wenn Partei r, dann gibt es eine schlechte Regierung s.
  5. Also gibt es in jedem Falle eine schlechte Regierung s.

Wie kann man auf ein solches Dilemma reagieren? Erstens kann man die Prämisse (1) bestreiten, indem man auf eine vierte oder fünfte Alternative verweist. Man behauptet mithin, falls sich noch eine weitere Partei x findet, daß gar keine echtes Dilemma vorliegt, da man ja x wählen kann. Dies ist naturgemäß nur dann zutreffend, wenn es erstens eine Partei x gibt und wenn zweitens die Wahl dieser Partei nicht zu einer schlechten Regierung s führt. So denken viele Anhänger junger Parteien. X-Anhänger denken entweder, wenn x, dann non-s: Wenn Partei x, dann keine schlechte Regierung. Oder sie denken: wenn x, dann p, q, oder r, und dann non-s. Wenn x stark ist, aber selbst nicht die Regierung stellt, sind p oder q oder r dazu gezwungen, keine schlechte Regierung zu bilden. Das ist die Hoffnung vieler Protestwähler. Sie glauben, wenn man x wählt, dann wird die Regierung besser. Resignierte X-Wähler indes bleiben von vornherein in der dilemmatischen Situation. Sie gestehen sich ein: Auch wenn x, dann s. Auch wenn x stark wird, bleibt die Regierung in jedem Falle schlecht.

Man kann dem Dilemma zweitens auch entgehen, indem man eine der konditionalen Aussagen 2-4 zurückweist. Man behauptet dann, p bzw. q, bzw r führten zu einer nichtschlechten Regierung. So denken die Anhänger der Parteien p,q,r. Sie machen in der Wahlbevölkerung nicht notwendig die Mehrheit aus. Aber in diesem Kreis bewegen sich alle offiziellen Debatten zwischen den Parteien und in den öffentlichen Medien: Wer verspricht keine schlechte Regierung?

Schließlich ist dem Dilemma auch drittens zu entkommen, indem man zwar das gesamte Argument im Prinzip akzeptiert, und zwar auch die Konklusion, es aber so uminterpretiert, daß die Lage so übel nicht aussieht. So kann man etwa Grade des Übels einführen und behaupten, daß zwar stets eine schlechte Regierung bei der Wahl herauskommt, aber die Regierungen von q oder r noch schlechter seien als jene von p. Dies ist das Argument des „kleineren Übels“.Eine Variante ist die Position, welche das gesamte Dilemma in einen grundsätzlichen Vergleich stellt: Lieber eine gewählte, schlechte Regierung als eine nichtgewählte schlechte Regierung („Demokratie ist eine schlechte Herrschaftsform, aber die anderen sind noch schlechter“). Man könnte diese Haltung die des „systemisch kleineren Übels“ nennen. Ferner kann man behaupten: Eine gewählte Regierung ist eine gute Regierung, weil sie gewählt ist. Dies ist die Position des ideologischen Demokratismus. Eine weitere Möglichkeit der Umdeutung besteht darin zu sagen: Lieber eine schlechte Regierung als gar keine. Dies ist die Haltung des resignierten Etatismus. Ihr steht die Position des prinzipiellen Nichtwählers entgegen: Es gibt gar keine guten Regierungen. Jede Regierung als Regierung ist schlecht. Das ist die Haltung des antietatistischen Anarchismus. Sie bewegt sich in repräsentativen Demokratien jedoch in einem anderen, unauflösbaren Dilemma. Denn hier gilt, daß in jedem Falle eine Regierung regiert, ob sie gut ist oder schlecht, ob sie von p,q,r oder x gestellt wird. Wer wählt, erhält eine schlechte Regierung, und wer nicht wählt, erhält ebenfalls eine schlechte Regierung: p oder non-p, dann s; q oder non-q, dann s; r oder non-r, dann s; x oder non-x, dann s. Was immer der Wähler tut, ob er wählt oder nicht, die schlechte Regierung ist ihm sicher.

© W.Sofsky 2016

Euripides: Wurzeln des Übels

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Wolfgang Sofsky
Euripides: Wurzeln des Übels

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Die Tragödien des Euripides, des Denkers unter den Dichtern, sind dafür bekannt, wenn nicht berüchtigt, daß manche Figuren nicht nur etwas tun, sondern auch sagen, was sie tun. Sie sind so klug wie der Dichter, der sie sprechen läßt. Und zuweilen, inmitten eines Monologs, tritt aus der Figur der Dichter selbst hervor und sagt, wie es sich verhält, mit den Menschen, ihrem Los, ihrer Natur. Ein Exemplum handelt vom Gegensatz von Affekt und Vernunft. Warum tun Menschen das Gute nicht, obwohl sie es sehr wohl kennen? Naive Aufklärer denken, wer das Richtige wisse, der tue es auch; aus dem Wissen vom Richtigen erwachse zwangsläufig richtiges Handeln. Skeptische Aufklärer indes wissen, daß nicht das Wissen, sondern die Lüste und Laster das Handeln bestimmen. Im „Hippolytos“ spricht Phaedra zu den Frauen des Chors, aber es ist, als spräche nicht Phaedra, sondern Euripides:

„Schon früher hab´ich in langen Nächten
Gesonnen, was das Leben uns vergiftet.
Ich finde, daß es am Verstand nicht liegt,
Wenn Menschen fehlgehn (richt´ge Einsicht haben
Ja viele), sondern so muß man es ansehn:
Wir wissen und erkennen wohl das Rechte,
Doch führen wir´s nicht durch, teils nur aus Trägheit,
Teils weil die Lust am Schönen andre Lüste
Ersticken (denn das Leben bringt so viele:
Geschwätz und Müßiggang, ein ergötzliches Übel)
Und Schamgefühle…(375-384)

Nicht nur die Trägheit, auch lange Gespräche, Muße, „ergötzliche Übel“ und Scham rechnet Euripides zu den Lüsten, den Annehmlichkeiten, die vom rechten Handeln abhalten und so das Leben ruinieren. Die soziale Angst der Scham – eine heimliche Lust? Rechte Scham in rechter Zeit, vermittelt sie nicht, wie wohlerzogen, wohlgeraten, wohlmoralisch jemand ist, so daß sich auch mit roten Ohren ein kleines Lustgefühl gewinnen läßt – falls man noch nicht im Boden versunken ist. Und wie schamfrei, schamlos ist man erst, wenn man etwas nicht tut?

© W.Sofsky 2016

Der erwachte Souverän

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Wolfgang Sofsky
Der erwachte Souverän

Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ließ der Souverän die Amtsinhaber, die Repräsentanten, Minister und Kanzler gewähren. Regelmäßig wurde die Regierung wiedergewählt; widerspruchslos nahm der Souverän ihre Beschlüsse hin, die Kommentare, die Debatten der Wortführer und Nachredner. Zu Unrecht hielten viele diesen Zustand des schlafenden Souveräns für den politischen Normalzustand. Ungestört richteten sich die Amtsinhaber in ihren Büros ein, die Verwalter verwalteten, die Steuereintreiber trieben Steuern ein, die Wortmelder meldeten sich täglich, ja stündlich zu Wort, alles ging seinen gewohnten Gang. Doch plötzlich erwachte der Souverän. Die Überraschung, der Unmut der Etablierten war erheblich. Zunächst hielt sich der Souverän noch zurück, begnügte sich mit einem Referendum, mit Plebisziten. Doch die Regierung verstand die Zeichen nicht, ja, sie bestritt dem Souverän das Recht, sich in Plebisziten selbst zu äußern und verbindliche Beschlüsse zu fällen. Die Repräsentanten dachten, nur Repräsentanten hätten etwas zu sagen. Da kam es zu Aufruhr. Unwillig schüttelte der Souverän sein Haupt und ballte die Fäuste. Amtsinhaber und Wortmelder mußten erkennen, daß die ruhigen Zeiten vorüber waren und sie um ihre Pfründe, ihren Einfluß, ihre Bedeutung zittern mußten. Nicht länger verhöhnten sie den Souverän wegen der vermeintlichen Torheit der Massen, sie kuschten nun vor seiner Macht, redeten ihm gar nach dem Munde. Doch der erwachte Souverän strich sie einfach ab und blies den Staub der angemaßten Regierungsmacht in alle Winde.

© W.Sofsky 2016

Pareto: "Demokratische" Eliteherrschaft

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Wolfgang Sofsky
Pareto: „Demokratische“ Eliteherrschaft

paretoVilfredo Pareto (1848-1923) ist neben Spencer, Weber, Simmel oder Durkheim nicht nur einer der Gründerväter der modernen Soziologie, sondern auch ein ehrenwertes Mitglied im Club der bösen Denker. Emile Durkheims Bemerkung, der Mensch müsse zwischen Gott und der Gesellschaft wählen, hätte Pareto mit Gelächter quittiert. „Gott“ war für ihn ein sinnloser Begriff, denn niemand hat Gott je gesehen. Der Glaube an die Zivilisierung der Leidenschaften oder den Fortschritt der Vernunft hielt er für einen frommen Wunsch und die demokratische Propaganda für eine verkappte Herrschaftsideologie. Für die Rationalisierung niederer Beweggründe hatte Pareto ein ausgeprägtes Gespür – und eine elaborierte Theorie. Zu den Listen der Macht gehört, sich mit Moral oder einem vermeintlichen „Volkswillen“ zu maskieren. Pareto hielt dies für eine Strategie der Füchse, die sich die Gewalt der Löwen zu ersparen suchen. Alle Gesellschaften weisen fundamentale Ungleichheiten auf, eine ungleichmäßige Verteilung der Güter, des Ansehens, der Ehre und der Macht. Diese Ungleichheit ist möglich, weil eine kleine Zahl von Menschen mit List und/oder Gewalt über die Mehrzahl herrscht. Die „Masse“ läßt sich von dieser Elite lenken und leiten. Denn meist gelingt es der Elite, die Mehrzahl von sich zu überzeugen. Eine legitime Regierung ist diejenige, der es gelungen ist, die Regierten zu der Auffassung zu überreden, daß es in ihrem ureigenen Interesse läge, daß es ihre Pflicht sei oder ihnen sogar zur Ehre gereiche, der kleinen Zahl selbsternannter Auserwählter zu gehorchen. Jedes politische Regime ist oligarchisch, jeder Politiker denkt entweder eigennützig oder naiv. Naiv denkt er, falls er selbst daran glaubt, zum Wohle aller zu arbeiten. Auch für die herrschende Elite gilt die Einsicht, daß die Bedeutung, Funktion und Motivation des Handelns nicht mit dem zusammenfällt, was die Handelnden selbst glauben.

Besonders erbost sind die Angehörigen der herrschenden Elite, die durchaus nicht homogen sein muß, wenn sich links, rechts oder mittig eine neue Gruppe bildet, die ihnen die Maskerade der Legitimität abzureißen sucht. Die Vor-, Mit- und Hauptsprecher des alten Regimes sind sofort dabei, allerlei Verunglimpfungen, Herabwürdigungen, Entehrungen zu verbreiten, um die Rivalen anzuschwärzen. Zu ihren bevorzugten Vorhaltungen gehört das Etikett der „Demokratiefeindlichkeit“. Die Wortführer der Oligarchie spielen sich als Gralshüter der „Demokratie“ auf, um die Oligarchie und deren Privileg zu verteidigen. Und sie bezichtigen die Opposition des Links-, Rechts- oder Mittepopulismus und merken gar nicht, daß sie mit diesem Etikett des Urbösen sich selbst als unpopuläre, volksferne Wortführer der Oligarchie entlarven. Aber dies gehört zu den üblichen Gepflogenheiten der Eliteherrschaft. Das Establishment verteidigt seine Privilegien, indem es die Opposition an den Pranger stellt. Und die Opposition diskreditiert das Establishment, indem es dessen Privilegien angreift und dessen Rechtfertigungen destruiert. Natürlich ist die Opposition nichts anderes als eine Art „Reserveelite“, die, falls sie jemals zur Macht gelangen sollte, ihre neue Stellung genauso verteidigen wird wie das alte Regime. Eliten sind nie von Dauer. Nach einer gewissen Zeit verschwinden sie alle. „Die Geschichte“, so Pareto, „ ist ein Friedhof von Eliten.“

1916 veröffentliche Pareto den „Trattato di Sociologia generale“. Dort heißt es über die Praktiken der demokratischen Eliteherrschaft (nach der Übersetzung von Gottfried Eisermann 1962) in zwei ausgewählten Paragraphen:

„§ 2244. Halten wir uns nicht mit der Fiktion der »Volksvertretung« auf, taubes Korn liefert kein Mehl. Gehen wir vielmehr weiter und sehen wir zu, welche Substanz sich hinter den verschiedenen Formen der Macht der herrschenden Klasse befindet. Von Ausnahmen abgesehen, die zahlenmäßig nur geringfügig und wenig dauerhaft sind, gibt es überall eine herrschende Klasse von geringem Umfang, die sich teilweise mit Gewalt und teilweise durch den Konsensus der beherrschten Klasse, die zahlenmäßig viel größer ist, an der Macht hält. Die hauptsächlichen Unterschiede beruhen in folgenden: hinsichtlich der Substanz in den Proportionen zwischen Gewalt und Konsensus, hinsichtlich der Form in der Art, wie man Gewalt anwendet und wie man den Konsensus erreicht…

§ 2267. Wenn wir alle diese Tatsachen ein wenig mit Abstand betrachten und sie soviel als möglich aus den Fesseln sektiererischer Leidenschaften und nationaler, parteimäßiger, perfektionistischer, idealistischer und anderer Vorurteile befreien, erkennen wir, daß die Herrschenden, wie auch immer die Regierungsform beschaffen sei, im Durchschnitt eine gewisse Neigung bezeigen, ihre Macht dazu zu benützen, um sich im Sattel zu halten, und sie zu mißbrauchen, um besondere Vorteile und Gewinne zu erlangen, ja daß sie zuweilen nicht einmal gut unterscheiden zwischen ihren eigenen Gewinnen und den Vorteilen ihrer Partei und daß sie sie zudem fast stets mit den Vorteilen und den Gewinnen der ganzen Nation verwechseln. Daraus folgt:

1. Von diesem Standpunkt aus gibt es keinen großen Unterschied zwischen den verschiedenen Regierungsformen. Die Unterschiede bestehen vielmehr in der Substanz, d. h. in den Gefühlen der Bevölkerung: wo sie überwiegend (oder in geringerem Maße) ehrenhaft ist, findet man auch eine überwiegend (oder in geringerem Maße) ehrenhafte Regierung.

2. Gebrauch und Mißbrauch der Macht werden um so ausgedehnter sein, je größer die Einmischung des Staates in die privaten Angelegenheiten ist. Wenn die Ausbeutungsmöglichkeiten wachsen, wächst auch das, was sich dabei herausholen läßt. In den Vereinigten Staaten von Amerika, in denen man die Moral durch Gesetz aufzwingen will, kann man große Mißbräuche erblicken, die dort fehlen, wo es diesen Versuch nicht gibt oder wo er sich in viel geringeren Proportionen bewegt.

3. Die herrschende Klasse eignet sich die Habe anderer an, nicht nur für den eigenen Gebrauch, sondern auch um daran Menschen der beherrschten Klasse teilhaben zu lassen, die sie verteidigen und ihre Macht mit Waffengewalt oder Schläue sichern helfen, ganz so wie in der Antike die Klientel dem Patron Hilfe leistete.

4. In den meisten Fällen sind weder die Patrone noch ihre Gefolgsleute sich voll ihrer Überschreitungen der Regeln der in ihrer Gesellschaft existierenden Moral bewußt, und wenn sie ihrer gewahr werden, entschuldigen sie das leicht, indem sie entweder behaupten, letztlich würden andere dasselbe machen, oder durch den fadenscheinigen Vorwand, daß der Zweck die Mittel heilige. Kann doch für sie der Zweck, die eigene Macht zu behaupten, nicht anders als großartig sein, und so verwechseln ihn zahlreiche von ihnen guten Glaubens mit der Rettung des Vaterlandes. Es gibt aber auch Menschen unter ihnen, die glauben, sie verteidigten die Ehrlichkeit, die Moral, das öffentliche Wohl, während ihr Wirken vielmehr die üblen Künste derer verbirgt, die danach streben, ganz einfach Geld zu machen.

5. Die Regierungsmaschine verbraucht auf jede Weise eine bestimmte Menge Reichtum, die nicht nur in Beziehung steht zur Gesamtmenge an ökonomischen Gütern, die den Privatpersonen gehören, in deren Angelegenheiten sich die Regierung einmischt, sondern auch zu den von der herrschenden Klasse benützten Mitteln, um sich an der Macht zu halten,…“

© W.Sofsky 2016

Integrationspflichten – unverzüglich

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Wolfgang Sofsky
Integrationspflichten – unverzüglich

Fremdlinge, die das Territorium von Michelhausen betreten und länger als einen Monat zu bleiben gedenken, müssen unverzüglich, schon an der Grenze, eine zweiseitige Erklärung unterschreiben, in der sie sich verpflichten, umgehend die Michelhäuser Sprache zu erlernen, einschließlich des Dialekts im benachbarten Pommelbach, ferner ab sofort den allseits bekannten Michelwerten zu huldigen, insbesondere den Werten der Gemütlichkeit, Besinnlichkeit und Gütigkeit, schließlich jedes Gesetzbuch auswendig zu lernen, Fernseher nicht aus dem Fenster zu werfen, Plastikflaschen und Joghurtbecher in der nahen Deponie persönlich abzugeben, sich in Amtswarteschlangen in Geduld zu üben und den Anweisungen der Obrigkeit jederzeit Folge zu leisten, keinem einheimischen Michelmann und keiner Michelfrau zu widersprechen, Messer und sonstiges Besteck nur zum Essen der hierfür vorgesehenen Tiere und Pflanzen zu verwenden, Kinder rechtzeitig in Krippen, Horten und Gärten abzugeben, Haustiere nicht zu schlagen, Geld nur zum Einkauf und Sparen, nicht zum Spekulieren oder Bestechen zu verwenden, Arbeitsgerät nicht nach Hause mitzunehmen, mit dem Auto nie schneller als das jeweils vorgeschriebene Micheltempo zu fahren, keine Katzen zu überfahren, auch wenn sie schwarz sind und von links einbiegen, die Michelhäuser Feiertage strikt einzuhalten, insbesondere den Nationaltag der unverhofften Einheit, jedermann mit Achtung und Respekt zu begegnen, einschließlich den Michelhäuser Riesen und Zwergen, bei allgemeinen Wahlen nur für die bekannten und seit Jahren bewährten Michelhäuser Parteien zu stimmen, nur an den vorgesehenen überdachten Plätzen zu beten und jeden Verdächtigen unverzüglich der zuständigen Obrigkeit zu melden, wobei als verdächtig jeder zu gelten hat, der gegen die in dieser Erklärung festgelegten Anweisungen entweder verstoßen hat oder aber gewillt ist, demnächst oder irgendwann dagegen zu verstoßen. Alle Zuwiderhandlungen, insbesondere die Verweigerung der Unterschrift unter diese Erklärung sowie die Abwesenheit bei den unangemeldeten Kontrollbesuchen werden mit der unverzüglichen Ausweisung aus dem Michelhäuser Gebiet geahndet.

© W.Sofsky 2015

Friedrich Nietzsche: Nächstenliebe

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Nietzsche: Nächstenliebe

Da zur Zeit ist in gewissen Milieus vielfach von „Nächstenliebe“ und anderen christlichen Geboten die Rede ist, liegt es nahe, sich einiger Einsichten Zarathustras zu erinnern, den Zusammenhang von Selbst- und Nächstenliebe betreffend. Nietzsche hatte sie bekanntlich in seinem Werk für Alle und Keinen festgehalten.

„Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich sage euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.
Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine Tugend machen: aber ich durchschaue euer »Selbstloses«.
Das Du ist älter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch nicht das Ich: so drängt sich der Mensch hin zum Nächsten.
Rate ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rate ich euch zur Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!
Höher als die Liebe zum Nächsten ist die Liebe zum Fernsten und Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und Gespenstern.
Dies Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als du; warum gibst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.
Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrtum vergolden…
Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut von euch.
Nicht nur der lügt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht der, welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im Verkehre und belügt mit euch den Nachbar.
Also spricht der Narr: »Der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter, sonderlich wenn man keinen hat.«
Der eine geht zum Nächsten, weil er sich sucht, und der andre, weil er sich verlieren möchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsamkeit ein Gefängnis.
Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen miteinander seid, muß immer ein sechster sterben…“
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Buch I.

© WS 2015

Jorge Luis Borges: Das Universum

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Wolfgang Sofsky
Jorge Luis Borges: Das Universum

Es gibt einen Ort, an dem alle Orte der Welt sind. Manche Menschen klettern dazu in einen Keller oder eine Höhle hinab, andere besteigen einen Gipfel, wieder andere liegen auf dem Boden und starren an die Decke, wo der Buchstabe erscheint. Und plötzlich ist alles da, gleichzeitig. Und da die Ereignisse, Erlebnisse, Erinnerungen, die Welt nicht nur total, sondern auch synchron sind, ist dieser andere Zustand sprachlich kaum darzustellen. Es bedürfte nicht nur einer vollständigen Beschreibung des Universums, sondern der Aufhebung der sprachlichen Sukzession, der unhintergehbaren Zeitlichkeit der Wort- und Satzfolgen. Dennoch ist dieser Zustand der „Unendlichkeit“ kein Chaos. Alles ist in ihm enthalten. Der Ort, der den Kosmos enthält, enthält zwangsläufig auch sich selbst. Er ist das Gegenteil der Leere, ein Abgrund der Fülle. Enthalten ist diese Fülle im ersten Buchstaben des heiligen Alphabets, dem Aleph, weswegen die Erzählung von Jorge Luis Borges, welche von diesem Zustand berichtet, auch den Titel „Das Aleph“ trägt.

„Nun komme ich zum unsagbaren Mittelpunkt meines Berichts; hier beginnt meine Verzweiflung als Schriftsteller. Alle Sprache ist ein Alphabet aus Symbolen, deren Anwendung eine den Gesprächspartnern gemeinsame Vergangenheit voraussetzt; wie soll ich anderen das unendliche Aleph mitteilen, das mein furchtsames Gedächtnis kaum erfaßt? Die Mystiker helfen sich in einer ähnlichen Klemme mit einer Fülle von Emblemen: um die Gottheit zu bezeichnen, spricht ein Perser von einem Vogel, der irgendwie alle Vögel ist; Alanus ab Insulis von einem Kreis, dessen Mittelpunkt überall, dessen Umfang aber nirgendwo ist; Ezechiel von einem Engel mit vier Gesichtern, der sich gleichzeitig nach Osten und Westen, nach Norden und Süden wendet. (Nicht umsonst erinnere ich an diese unbegreiflichen Analogien; sie stehen mit dem Aleph in einer gewissen Beziehung.) Vielleicht würden auch mir die Götter den Fund eines entsprechenden Bildes nicht versagen, aber dann wäre dieser Bericht kontaminiert von Literatur, von Falschheit. Überdies ist das Kernproblem unlösbar: die Aufzählung, wenn auch nur die teilweise, eines unendlichen Ganzen. In diesem gigantischen Augenblick habe ich Millionen köstlicher oder gräßlicher Vorgänge gesehen; keiner erstaunte mich so sehr wie die Tatsache, daß sie alle in demselben Punkt stattfanden, ohne Überlagerung und ohne Transparenz. Was meine Augen sahen, war simultan: was ich beschreiben werde, ist sukzessiv, weil die Sprache es ist. Etwas davon will ich gleichwohl festhalten.

Im unteren Teil der Stufe, rechter Hand, sah ich einen kleinen regenbogenfarbenen Kreis von fast unerträglicher Leuchtkraft. Anfangs glaubte ich, er drehe sich um sich selber; später begriff ich, daß diese Bewegung eine Illusion war, hervorgerufen durch die schwindelerregenden Schauspiele, die er barg. Im Durchmesser mochte das Aleph zwei oder drei Zentimeter groß sein, aber der kosmische Raum war darin, ohne Minderung seines Umfangs. Jedes Ding (etwa die Scheibe eines Spiegels) war eine Unendlichkeit von Dingen, weil ich sie aus allen Ecken des Universums deutlich sah. Ich sah das belebte Meer, ich sah Morgen- und Abendröte, ich sah die Menschenmassen Amerikas, ich sah ein silbriges Spinnennetz im Zentrum einer schwarzen Pyramide, sah ein aufgebrochenes Labyrinth (das war London), sah unzählige ganz nahe Augen, die sich in mir wie in einem Spiegel ergründeten, sah alle Spiegel des Planeten, doch reflektierte mich keiner, sah in einem Durchgang der Calle Soller die gleichen Fliesen, die ich vor dreißig Jahren im Flur eines Hauses in Fray Bentos gesehen hatte, ich sah Weintrauben, Schnee, Tabak, Metalladern, Wasserdampf, ich sah aufgewölbte Wüsten am Äquator und jedes einzelne Sandkorn darin, sah in Inverness eine unvergeßliche Frau, sah das unbändige Haar, den hochgemuten Körper, sah eine Krebsgeschwulst in der Brust, sah einen Kreis trockener Erde auf einem Pfad, wo vordem ein Baum gestanden hatte, sah in einem Landhaus in Adrogue ein Exemplar der ersten englischen Pliniusübersetzung, der von Philemon Holland, sah gleichzeitig jeden Buchstaben auf jeder Seite (als Kind wunderte ich mich immer, daß die Lettern in einem geschlossenen Buch nicht bei Nacht durcheinandergeraten und sich verirren), ich sah die Nacht und den Tag gleichzeitig, sah einen Sonnenuntergang in Queretan), der die Farbe einer Rose in Bengalen widerzustrahlen schien, sah mein Schlafzimmer und niemanden darin, sah in einem Kabinett von Alkmaar einen Globus zwischen zwei Spiegeln, die ihn endlos vervielfältigen, sah Pferde mit zer-strudelter Mähne auf einem Strand am Kaspischen Meer in der Morgenfrühe, sah das feine Knochengerüst einer Hand, sah die Überlebenden einer Schlacht, wie sie Postkarten schrieben, sah in einem Schaufenster in Mirzapur ein spanisches Kartenspiel, sah die schrägen Schatten von Farnen am Boden eines Treibhauses, sah Tiger, Dampfkolben, Bisons, Sturzfluten und Heereszüge, sah alle Ameisen, die es auf der Erde gibt, sah ein persisches Astrolabium, sah in einer Schublade des Schreibtischs (und beim Anblick der Handschrift erbebte ich) obszöne, unglaubliche, eindeutige Briefe, die Beatriz an Carlos Argentino geschrieben hatte, sah ein angebetetes Denkmal auf dem Chacarita-Friedhof, sah die gräßliche Reliquie dessen, was so köstlich Beatriz Viterbo gewesen war, sah das Kreisen meines dunklen Blutes, sah das Räderwerk der Liebe und die Veränderung des Todes, sah das Aleph aus allen Richtungen zugleich, sah im Aleph die Erde und in der Erde abermals das Aleph und im Aleph die Erde, sah mein Gesicht und meine Eingeweide, sah dein Gesicht und fühlte Schwindel und weinte, weil meine Augen diesen geheimen und gemutmaßten Gegenstand erschaut hatten, dessen Namen die Menschen in Beschlag nehmen, den aber kein Mensch je erblickt hat: das unfaßliche Universum.

Ich fühlte unendliche Verehrung, unendliches Bedauern.“

© WS 2015

Fetisch Integration

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Wolfgang Sofsky
Fetisch Integration

In Deutschland, dem Lande der Großkirchentage, will man aus Fremden so rasch wie möglich Freunde machen. Dazu sollen sie alle sofort die Sprache lernen, die Verfassung auswendig lernen, das Strafgesetzbuch nicht zu vergessen, und arbeiten sollen sie, und sich ausbilden, berufsmäßig versteht sich, schlechte Gewohnheiten ablegen, treu und dankbar und friedlich sein, Steuern zahlen und Kinder zeugen, zwecks künftiger Rentenzahlung, vor allem aber sollen sie nicht im Paralleluniversum einer Nachbarschaft verschwinden, sondern sich nach einer Leitkultur richten, die Werte beherzigen und beheiligen, die Großkirchentagswerte einer Leitkultur, von der in dieser desolaten Kultur kein Einheimischer weiß, worin sie besteht, da sich keiner mit der Frage konfrontiert sehen will, wie er sich selbst verstehen will, ja nicht einmal auf den Gedanken kommt, was denn der Fremde überhaupt verstehen soll, wenn nicht einmal die Einheimischen wissen wollen, was sie sind, außer daß sich alle, wie auf den Großkirchentagen, zwar nicht verstehen, aber mögen, weswegen sich ja auch die Fremden untereinander alle mögen sollen, einander herzen und anerkennen, nicht ertragen oder dulden, nein, anerkennen sollen sie einander, die Nigerianer die Pakistani, die Türken die Polen, die Syrer die Albaner, die Ukrainer die Vietnamesen, die Leute aus Eritrea diejenigen aus Afghanistan, alle sollen sie Deutsche werden, deutsch denken, deutsch arbeiten, deutschgemütlich sein, deutschkirchentagstolerant sein, was einmütig nicht nur von regelmäßigen Besuchern von Großkirchtentagen, Fernsehtalkschauen, Lehrerfortbildungsseminaren, Parteitagen oder Akademievorträgen, sondern auch von Absolventen von Journalistenschulen, sozialpädagogischen Aufbau- und soziologischen Abbaukursen propagiert wird.

Was wird geschehen? Auf der einen Straßenseite leben viele Christen aus Nigeria,  auf der anderen syrische Sunniten, ein jeder in seiner Community, auf der dritten altdeutsche Einheimische, die Großkirchentage nur aus dem Fernsehen kennen. Sie leben ruppig nebeneinander, gelegentlich kommt es zu robusten Begegnungen, in den Blocks, über die Straße hinweg, im nahen Park. Seit es vor drei Jahren ein paar Brandanschläge und eine Messerstecherei mit 13 Verletzten, es können auch 15 gewesen sein, gegeben hat, ist die Polizei in der Gegend wachsam und streifenpräsent, hat aber, da sie in der Zwischenzeit keinen größeren Zwischenfall bemerkt hat, nicht allzu viel zu tun, so daß sie vor allem die Übertretung des vorgeschriebenen Deutschtempos 25km/h registriert, was mittlerweile alle Taxifahrer wissen, die daraufhin ihre Zähluhr von Kilometern auf Fahrzeit umgestellt haben. Gemächlich schleichen sie, so langsam sind sie in Beirut nie gefahren, an den Streifenwagen vorbei, winken freundlich und wissen es zu schätzen, daß das ruppige Nebeneinander ihr schmales Salär auf dieser Route geringfügig erhöht hat.

© W.Sofsky 2015

Vor Dada – Hugo Ball: Wir Bohrlinge und Hellseher

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Wolfgang Sofsky
Vor Dada – Hugo Ball: Wir Bohrlinge und Hellseher

Bevor Dada da war, war schon Dada da. Ein Jahr vor der Eröffnung des Club Voltaire in Zürich im Februar 1916, einem demnächst wahrlich zu würdigenden Jahrestag, an dem sich die Welt an die Ururfrage erinnern kann „Wat is Dada“, proklamierten Hugo Ball und Richard Huelsenbeck im Februar 1915 in der Berliner Uhlandstraße ein „Literarisches Manifest“, das schon Dada war, ohne daß Dada schon da war:

Ein literarisches Manifest
„Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der „jüngsten“ Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer „gegen“ sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die „Programmatiker“ und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem „Heute“ zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle „ismen“ Parteien und „Anschauungen“. Negationisten wollen wir sein.“

© WS 2015

Der Untertan: Liebe oder Angst?

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Wolfgang Sofsky
Der Untertan: Liebe oder Angst?

Selten nur kommt die Streitfrage auf, ob es für den Untertanen besser sei, von der Regierung geliebt oder gefürchtet zu werden. Die Antwort ist einfach: Der Untertan sollte beides werden. Aber da es schwierig ist, beides zugleich zu sein, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, wenn denn schon eins von beiden fehlen muß. Denn von den Menschen kann man im allgemeinen folgendes sagen: Sie sind herrschsüchtig, töricht, feige, heuchlerisch, geldgierig und meist auf ihren Vorteil bedacht. Solange Du der Regierung Gutes tust, sie lobst, ihr Beifall spendest und sie wiederwählst, macht sie, was sie will. Wenn Du ihr aber Böses tust, ihr mit Mißgunst begegnest, ihr das Vertrauen entziehst, sie abwählst oder ab und zu den Palast stürmst, äugt sie ängstlich nach der Stimmung der Untertanen. In diesem Falle macht sie nicht mehr, was sie will, sondern, was sie soll. Auf die Dankbarkeit für erwiesene Zuneigung kann sich der Untertan nie und nimmer verlassen. Sie zerbricht augenblicklich, wenn der Eigennutz, die Machtgier und Herrschsucht im Spiele sind. Und da Machtgier und Herrschsucht immer im Spiel sind, vergeht die Dankbarkeit sofort. Die Furcht jedoch ist von Dauer. Die Angst vor Strafe hört niemals auf. Ein kluger Untertan wird niemals auf die Furcht verzichten. Wer ihn zu regieren, zu beherrschen, ihm Vorschriften zu machen wünscht, der sollte stets wissen, womit er zu rechnen hat.

(Das analoge Argument für den Machthaber findet sich bekanntlich im 17.Kapitel des „Principe“ von Niccolo Machiavelli).

© W.Sofsky 2015

Papierkult

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Wolfgang Sofsky
Papierkult

Alljährlich treffen sich in den Messehallen, in denen zuvor fahrende Meisterwerke der Design- und Ingenieurskunst zu bestaunen waren, einige Leute, die glauben, die wichtigste Erfindung des Menschentums seien die Bücher, weswegen sie hellauf empört sind, wenn jemand dafür plädiert, der Preis all der Machwerke dürfe, wie bei Kartoffeln, Bohnen, Reis, Milch oder Bier getrost dem Markt, sprich der Nachfrage überlassen werden, weil dann die Vielfalt geistiger Ergüsse gefährdet sei, obwohl jeder Sachverständige sich ernsthaft fragt, in welchem der alljährlich 100.000 Neuerscheinungen denn überhaupt ein „geistiger Erguß“ zu finden sei, was viele Leute jedoch nicht davon abhält, sich, nach dem branchenüblichen Gestöhn davor und danach, alljährlich wiederzusehen, um, wie bei Massenritualen üblich, den Kult des Buches mitsamt der darin eingeschriebenen Gesinnung zu feiern, obwohl jeder Sachverständige weiß, daß sie nicht das Buch, sondern sich selbst feiern, die Autoren ihren Stolz, der ihnen einflüstert, ihnen sei tatsächlich jemals etwas eingefallen, die Lektoren ihren Glauben, ihnen sei aufgefallen, wenn Autoren etwas eingefallen sei, die Programmchefs und Verleger ihre Schlauheit, von Leuten, die sich um jeden Preis für  Autoren halten wollen, zu leben, die Händler, welche gleichfalls davon leben, daß andere glauben, jemandem sei etwas eingefallen, was er lesen müsse, was natürlich, wie Sachverständige schon immer gewußt haben, ein gar großes Vorurteil ist, da die wesentlichen Gedanken des Menschentums noch nie in papiernen Büchern zu finden waren, geschweige denn in elektronischen Büchern, sondern in Steintafeln gemeißelt sind, und zahllose Kulturen recht gut damit gelebt haben, bedeutsame Geschichten und Einsichten von Generation zu Generation weiterzuerzählen und den Rest sofort zu vergessen, weswegen auch die Bücher früherer Messen längst vergessen sind und die Bücher der heutigen Messe spätestens übermorgen vergessen sein werden, was jeden Verständigen auf den Gedanken bringt, es könnte, um keine Zeit zu vertun, von Vorteil sein, lieber darüber nachzudenken, was auf den Steintafeln zu lesen ist und wie es gemeint war.

© WS 2015

Der zwölfte Walzer. Erich Kleiber dirigiert den "Donauwalzer"

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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr. 12: Erich Kleiber dirigiert den „Donauwalzer“

Kalendarische Übergangsriten sehen häufig Zwischenphasen der  Ausgelassenheit, des Überschwangs, des Rauschs vor. In bürgerlichen Zeiten, die längst vergangen sind, war der Walzer ein Medium festlichen Übermuts, wenn die akzelerierte Drehung die Gesellschaft der Paare in einen leichten Schwindel versetzte. Johann Straußens „An der schönen blauen Donau“ ist wohl der bekannteste aller Walzer. Noch heute wird er beim alljährlichen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker als vorletzte Zugabe gespielt. Anschließend hat der beschwingte Walzerrhythmus dem Radetzkymarschtakt zu weichen, womit der Alltag der Gesellschaft wieder beginnt.

1932 dirigierte Erich Kleiber, der Vater von Carlos Kleiber, die Berliner Staatskapelle. Kleiber war neben Bruno Walter, Otto Klemperer und Furtwängler seinerzeit der wichtigste Dirigent in Deutschland. Er hatte in jungen Jahren noch Gustav Mahler in Wien und Arthur Niekisch in Darmstadt erlebt. 1923 übernahm er die Leitung der Berliner Staatsoper unter den Linden, 1925 brachte er Alban Bergs „Wozzeck“ heraus, wofür er 34 Orchesterproben anberaumt hatte. Schrekers „Der singende Teufel wurde in dem prächtigen Knobelsdorffbau gleichfalls uraufgeführt, Janaceks „Jenufa“ erlebte unter Kleiber die deutsche Premiere. Kleiber war der Moderne verpflichtet. Als er 1934 Bergs „Symphonische Stücke“ aus „Lulu“ zur Uraufführung ansetzte, schrie ein Zuhörer aus dem Publikum „Heil Mozart“. Kleiber drehte sich um und rief in den Saal: „Sie irren sich; das Stück ist von Alban Berg!“ Anders als Furtwängler oder Gründgens war Kleiber immun gegen alle Avancen, die ihm die Nazis machten. Er verweigerte den Hitler-Gruß, im Januar 1935 kündigte er und verließ Deutschland. Göring, der auf den berühmten Dirigenten nicht verzichten wollte, sandte ihm ein Telegramm nach: „Kommen Sie zurück! Wir akzeptieren Ihre Bedingungen und zahlen Ihre Gage in Schweizer Franken auf ein Konto Ihrer Wahl.“ Kleibers Antwort: „In Ordnung, ich werde kommen, unter der einen Bedingung, daß ich bei meinem ersten Konzert ein reines Mendelssohn-Programm dirigieren kann.“ Kleiber reiste umher, gastierte in London, an der Scala, in Prag, schließlich wurde er Musikdirektor in Buenos Aires am Teatro Colón, dem führenden Opernhaus Lateinamerikas, und leitete dort das deutsche Repertoire.

Kleiber, der gebürtige Wiener und „wandernde Musikant“, war moralisch und musikalisch unbestechlich. Die Konfrontation mit der Macht wiederholte sich. Im April 1939 kündigte er den Vertrag mit der Mailänder Scala, nachdem das Regime Mussolinis Juden den Zutritt zur Oper verboten hatte. Musik sei für alle da, war sein Credo, wie die Sonne und die Luft. Als ihm in den 50er Jahren die DDR-Regierung erneut die Leitung der Staatsoper antrug, kam es zu einem letzten Eklat. Das zerstörte Opernhaus war großzügig restauriert worden, doch dann ließ die Kulturbürokratie in einem Anfall antimonarchistischer Korrektheit die Originalinschrift über Nacht entfernen: „Fridericus Rex Apollini et Musis“. Am 16.3.1955 erkärte Kleiber seinen Rücktritt. Er nahm den Vorfall als Vorzeichen, daß Politik und Propaganda erneut die Säle und Bühnen der Künste besetzen würden. Der Exilant Kleiber starb ein Jahr später in einem Zimmer des Grand Hotel Dolder in Zürich, am 27.Januar 1956, Mozarts 200. Geburtstag. Daß er eines natürlichen Todes gestorben sei, ist keineswegs verbürgt.

Kleiber galt als akribischer Musiker, der rigoros die Schlamperei der Tradition bekämpfte. Genaues Partiturstudium, gründliche Proben und straffe Disziplin schienen ihm unerläßlich. „Routine und Improvisation sind die Todfeinde der Kunst“, lautete sein Arbeitsmotto. Mit Klemperer teilte er den Sinn für Architektur und Proportion. Doch ebenso rühmte man seinen rythmischen Elan, seinen Klangsinn und sein untrügliches Gespür für Bögen und Phrasierung. Auch ein wehmütiger Ton für den Wiener Walzerklang war ihm nicht fremd. „Wo ich dirigiere, ist Wien“, sagte er einmal, wohl wissend, daß er seine Heimat für immer verloren hatte. Doch der Donauwalzer von 1932 hat nichts von der liebenswürdigen Geste der Ungenauigkeit, dem verwaschenen Rhythmus der verspäteten Romantik oder dem agogischen Schlendrian des Allzu-Populären. Kleiber, der „Modernist“, dirigiert prägnant, analytisch, streng, aber nicht „objektiv“. Manche Geste wirkt geradezu herrisch, doch es ist Konzentration, Formbewußtsein, Leidenschaft für die Musik. Man kann nicht sagen, daß dem Donauwalzer von Johann Strauß diese Spielweise abträglich wäre:
https://www.youtube.com/watch?v=2ZwY0SQn-fQ

© W.Sofsky 2014

Walzer Nr.11: Tolstoi: Kitty u.a.

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Wolfgang Sofsky
Der elfte Walzer. Tolstoi: Kitty u.a.

Zuweilen beginnen auf großen Bällen fatale Affairen und Dramen der Eifersucht. Die 18jährige Kitty, innig verliebt in Wronski und innig auf Gesten der Zuneigung hoffend, steigt mit ihrer Mutter die Treppe hinan. Es ist ein grandioser Auftritt in kunstvollem Tüll, in Spitzen, Bändern, Röschen, und der erste Tanz trägt sie sogleich hinein in das Fest der Blicke und Bewegungen. Man kann die folgende Passage lesen als schwungvollen Beginn des Dramas, doch man kann sie auch lesen als literarischen Walzer, der den Schwung der Bewegungen in kunstvolle, bewegte Worte faßt.

„Kitty hatte heute einen ihrer glücklichen Tage. Nirgends saß das Kleid zu eng; nirgends war die Spitzenborte hinuntergerutscht; keine Rosette war zerdrückt oder abgerissen; die rosa Ballschuhe mit den hohen, geschweiften Absätzen drückten nicht, sondern waren eine Lust für die Füßchen. Die dichten, hellblonden Bandeaus saßen auf dem kleinen Köpfchen fest wie das eigene Haar. Die drei Knöpfe an jedem der langen Handschuhe, die eng anliegend die Hände umschlossen, ohne deren Form zu verändern, hatten sich alle zuknöpfen lassen; keiner war abgerissen. Das schwarze Samtband, an dem ein Medaillon hing, umgab ihren Hals besonders anmutig. Dieses Samtband war geradezu entzückend, und als Kitty zu Hause ihren Hals im Spiegel gesehen hatte, hatte sie ein Gefühl gehabt, wie wenn dieses Samtband reden könnte… In den entblößten Schultern und Armen empfand Kitty eine marmorartige Kühle, ein Gefühl, das sie ganz besonders gern hatte. Ihre Augen leuchteten, und die roten Lippen konnten im Bewußtsein, wie reizend sie waren, ein Lächeln nicht unterdrücken.

Kaum hatte sie den Saal betreten und sich zu der Schar der Damen begeben, die, einem bunten Durcheinander von Tüll, Bändern, Spitzen und Blumen gleichend, auf Aufforderungen zum Tanze warteten (Kitty hatte in diesem Schwarm nie lange zu stehen brauchen), als sie auch schon zum Walzer aufgefordert wurde, und zwar von einem Kavalier ersten Ranges, dem tonangebenden Kavalier auf dem Gebiete des Ball-Lebens, dem berühmten Ballordner und Zeremonienmeister Jegor Korsunski, einem hübschen, stattlichen, verheirateten Manne. Er hatte soeben die Gräfin Bonina verlassen, mit der er den ersten Walzer getanzt hatte, und musterte »seine Truppen«, das heißt die zum Tanz angetretenen Paare, da erblickte er die eintretende Kitty, eilte mit jenem besonderen, nur den Ballordnern eigenen, ungezwungenen, wiegenden Gange auf sie zu, verbeugte sich und hob, ohne auch nur zu fragen, ob es ihr recht sei, den Arm, um ihn um ihre schlanke Taille zu legen. Sie blickte sich um, wem sie ihren Fächer übergeben könnte, und die Hausfrau nahm ihn ihr, freundlich lächelnd, ab.
»Wie schön, daß Sie so pünktlich gekommen sind«, sagte er, während er ihre Hüfte umfaßte. »Dieses Zuspätkommen ist auch eine zu arge Unsitte.«
Sie legte den gebogenen linken Arm auf seine Schulter, und die kleinen Füßchen in den rosa Schuhen bewegten sich hurtig, leicht und gleichmäßig nach dem Takte der Musik auf dem glatten Parkett.
»Es ist geradezu eine Erholung, mit Ihnen Walzer zu tanzen«, sagte er nach den ersten ruhigen Walzerschritten. »Eine ganz entzückende Leichtigkeit und précision«, – er sagte ihr dasselbe, was er fast allen Damen seiner Bekanntschaft sagte.

Sie lächelte über sein Lob und fuhr fort, über seine Schulter hinweg sich im Saale umzusehen. Sie war kein Neuling, für den auf einem Balle alle Gesichter zu einem einzigen zauberhaften Gesamteindrucke zusammenfließen, aber sie war auch keine jener jungen Damen, die von ihren Müttern auf alle Bälle geschleppt werden und dort alle Gesichter schon so genau kennen, daß sie sie gar nicht mehr sehen mögen, sondern sie nahm eine Mittelstellung zwischen diesen beiden Gegensätzen ein: sie war wohl erregt, hatte sich aber dabei doch so weit in der Gewalt, daß sie Beobachtungen anstellen konnte. In der linken Ecke des Saales hatte sich, wie sie sah, die Creme der Gesellschaft aufgestellt. Da war die schöne, fast bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Liddy, die Frau des Herrn Korsunski; da war die Hausfrau; da saß mit seiner weithin leuchtenden Glatze Herr Kriwin, der sich immer dort aufhielt, wo sich die Spitzen der Gesellschaft befanden; dorthin richteten die jungen Herren ihre Blicke, ohne daß sie doch gewagt hätten, hinzugehen; und dort fand sie auch mit den Augen ihren Schwager Stiwa heraus, und dann erblickte sie Annas schönen Kopf und entzückende Gestalt in einem schwarzen Samtkleide. Auch ›er‹ war dort. Kitty hatte ihn seit dem Abende, da sie Ljewins Antrag abgelehnt hatte, nicht wiedergesehen. Mit ihren scharfen Augen erkannte sie ihn sofort und bemerkte sogar, daß er zu ihr herüberschaute.
»Nun, noch eine Runde? Sie sind doch nicht ermüdet?« fragte Korsunski, der ein wenig außer Atem gekommen war.
»Nein, ich danke.«
»Wohin darf ich Sie führen?«
»Ich glaube, dort ist Frau Karenina. Führen Sie mich, bitte, zu ihr!« – »Wie Sie befehlen.«

Und Korsunski walzte mit kürzer abgemessenen Schritten gerade auf die Gruppe in der linken Ecke des Saales zu, wobei er fortwährend sagte: ›Pardon, mes dames, pardon, pardon, mes dames!‹ und in diesem Meere von Spitzen, Tüll und Bändern so geschickt kreuzte, daß er auch nicht an einem Flitterchen anhakte; dann schwenkte er seine Dame in kurzer Wendung herum, so daß ihre schlanken Beinchen in den durchbrochenen Strümpfen sichtbar wurden und ihre Schleppe sich fächerförmig ausbreitete und Kriwins Knie bedeckte. Korsunski verbeugte sich, drückte die Brust in dem weiten Westenausschnitt nach vorn heraus und reichte Kitty den Arm, um sie zu Anna Arkadjewna zu führen. Errötend nahm Kitty ihre Schleppe von Kriwins Knien herunter und blickte dann, ein wenig schwindlig, umher, um Anna herauszufinden. Anna war nicht in Lila, wie Kitty das für das einzig Gegebene gehalten hatte, sondern trug ein schwarzes, tief ausgeschnittenes Samtkleid, das ihre vollen, wie aus altem Elfenbein gedrechselten Schultern, die Büste und die rundlichen Arme mit den feinen, schmalen Handgelenken frei ließ. Das ganze Kleid war mit venezianischer Stickerei besetzt. Auf dem Kopfe trug sie in dem schwarzen Haare, lauter eigenem ohne fremden Zusatz, eine kleine Girlande von Stiefmütterchen, und ein Sträußchen ebendieser Blumen steckte zwischen weißen Spitzen an dem schwarzen Gürtelbande. Ihre Frisur hatte nichts Auffallendes. Auffällig waren nur diese überaus reizenden, eigenwilligen, kurzen Ringel des lockigen Haares, die überall, am Nacken und an den Schläfen, vom Kopfe abstanden. Um den glatten, kräftigen Hals schlang sich eine Perlenschnur.
Kitty hatte Anna täglich gesehen und sich geradezu in sie verliebt. Sie hatte sie sich durchaus in Lila vorgestellt; aber als sie sie jetzt in Schwarz erblickte, da kam sie zu der Erkenntnis, daß sie Annas Reiz vorher nicht in vollem Umfange erfaßt hatte. Sie sah sie jetzt in einer völlig neuen, überraschenden Erscheinungsform. Jetzt begriff sie, daß Anna nicht Lila tragen durfte und daß ihr Reiz gerade darin bestand, daß sie, gleichsam wie ein Bild aus dem Rahmen, aus ihrer Toilette heraustrat und daß man über ihrer Person ihre Toilette nicht beachtete. Und wirklich sah man dieses schwarze Kleid mit den prachtvollen Spitzen an ihr eigentlich gar nicht; das Kleid war nur der Rahmen, und sichtbar war nur sie in ihrer Schlichtheit, Natürlichkeit und Schönheit sowie in ihrer Heiterkeit und Lebhaftigkeit.Sie stand, wie immer, in sehr gerader Haltung da und redete gerade mit dem Hausherrn, indem sie den Kopf leicht zu ihm hinwandte, als Kitty an diese Gruppe herantrat.
»Nein, ich will keinen Stein auf sie werfen«, antwortete sie auf etwas, was er gesagt hatte, »verstehen kann ich es allerdings nicht, wie das möglich war«, fuhr sie achselzuckend fort. Dann wandte sie sich sogleich mit einem liebenswürdigen, gönnerhaften Lächeln zu Kitty. Mit schnellem Frauenblicke musterte sie deren Toilette und gab dann durch eine kaum bemerkbare, aber für Kitty verständliche Kopfbewegung ihren Beifall sowohl für die Toilette wie auch für die Schönheit der Trägerin zu verstehen. »Sie sind ja in den Saal hereingetanzt gekommen«, fügte sie hinzu.
»Das ist eine meiner treuesten Gehilfinnen«, sagte Korsunski und verbeugte sich vor Anna Arkadjewna, die er noch nicht begrüßt hatte. »Die Prinzessin trägt außerordentlich viel dazu bei, einen Ball heiter und schön zu gestalten. Anna Arkadjewna, einen Walzer«, sagte er, sich verneigend.
»Sie kennen einander schon?« fragte der Hausherr.
»Mit wem wären meine Frau und ich nicht bekannt? Wir sind wie weiße Wölfe, uns kennt jeder«, versetzte Korsunski. »Einen Walzer, Anna Arkadjewna!«
»Ich tanze nicht, wenn ich es vermeiden kann«, antwortete sie.
»Aber heute ist es nicht zu vermeiden«, entgegnete Korsunski.
In diesem Augenblicke trat Wronski heran.
»Nun, wenn es denn heute für mich unvermeidlich ist, zu tanzen, so kommen Sie!« sagte sie, ohne Wronskis Verbeugung zu beachten, und legte schnell die Hand auf Korsunskis Schulter.
›Was mag sie nur gegen ihn haben?‹ dachte Kitty; sie hatte recht wohl gemerkt, daß Anna den Gruß Wronskis absichtlich nicht erwidert hatte. Wronski trat nun auf Kitty zu, erinnerte sie an die ihm versprochene erste Quadrille und äußerte sein Bedauern darüber, daß er diese ganze Zeit her nicht das Vergnügen gehabt habe, sie zu sehen. Kitty blickte voll Bewunderung zu der tanzenden Anna hin und hörte gleichzeitig auf das, was Wronski sagte. Sie erwartete, daß er sie zum Walzer auffordern werde; aber er tat es nicht, und sie blickte ihn verwundert an. Er errötete und bat sie nun eilig um den Tanz; aber kaum hatte er ihre schlanke Hüfte umfaßt und den ersten Schritt gemacht, als die Musik plötzlich aufhörte. Kitty schaute in sein Gesicht, das dem ihren so nahe war, und noch lange nachher, noch jahrelang, erfüllte der Gedanke an diesen Blick voll Liebe, den er unerwidert gelassen hatte, ihr Herz mit einem bitteren, bitteren Gefühl der Scham.
»Pardon, pardon! Walzer, Walzer!« rief von der anderen Seite des Saales her Korsunski, faßte selbst die erste junge Dame um, die ihm in den Weg kam, und tanzte weiter.“ (Lew Tolstoi, Anna Karenina, Kp.22).

© WS 2014

Walzer Nr.10. Claude Debussy: Valse romantique

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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr.10. Claude Debussy – Valse romantique

Schon während seines Aufenthalts in der Villa Medici zu Rom kam Claude Debussy der Gedanke an den romantischen Walzer. Für die italienische Oper interessierte er sich nicht, Anregungen erhielt er von den liturgischen Werken Palestrinas oder Orlando di Lassos. Er las Verlaine, Baudelaire und Rossetti. Der Walzer ist eine Hommage an Emanuel Chabriers Walzer für zwei Klaviere, die Debussy mit seinem Mitkollegiaten Paul Vidal in der Villa aufführte. Ob er seinen eigenen Walzer noch in Rom oder erst 1890 in Paris notierte, ist unbekannt. Doch das frühe Stück des 28jährigen Komponisten zeigt eine bemerkenswerte Freiheit im Umgang mit dem Vorbild. Debussy verschiebt durch Synkopen die Melodiestimme um ein Viertel. Der Schwerpunkt liegt nicht auf der Eins, sondern auf dem zweiten, wenn nicht auf dem dritten Viertel. Dennoch sichert die linke Hand konstant den Walzerrhythmus, auch während der bewegten Girlanden. An einigen Stellen jedoch gerät der Drei-Viertel-Takt aus dem Rhythmus und verliert seinen latenten Schwung. Doch der Gegensatz der synchronen Bewegungen und die diachronen Wechsel der Tempi und Texturen weisen schon auf die späteren Klavierwerke wie die Etudes oder Préludes hin.
Zoltan Kocsis spielt (https://www.youtube.com/watch?v=DGYGRtnYX0c) zügig und betont trotz aller Wechsel die Struktur des Walzers. Er meidet wolkige Klangfarben und verliert sich nicht in Einzelheiten, die das kleine Stück zergliedern würden.

© W.Sofsky 2014

Alain: Von der Unentschlossenheit

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Wolfgang Sofsky
Alain: Von der Unentschlossenheit

Manche halten Untätigkeit für einen Beweis von Klugheit. Wer nichts tue, so sagen sie, mache auch nichts verkehrt. Andere halten Untätigkeit für eine Wohltat, weil sie alles beim Alten lasse. Wieder andere schätzen an Demokratien nicht nur die lange Bedenkzeit bis zu einer Enscheidung, sondern auch die Kunst der Nicht-Entscheidung. Diese Regierungsform sei anderen überlegen, weil sie die Untertanen mit möglichst wenigen Entschlüssen und Veränderungen behellige.

Vielen Apologeten des Nichtstuns ist freilich entgangen, daß Untätigkeit häufig einen höchst banalen Grund hat: die Unentschlossenheit. Sie ist von den Übeln eines der größten. Sie erzeugt ein Leiden ganz eigener Art. Sie hält Körper und Geist in fortwährender Erregung und gönnt dem Subjekt keine Ruhe, keinen Schlaf. Hin und her ist der Unentschlossene gerissen, soll er seine Liebe erklären oder nicht, soll er die Stellung kündigen oder nicht, soll er gegen die Mißhandlung protestieren oder nicht, soll er das Geld ausgeben oder nicht, soll er das Bündnis schließen oder nicht? In allen Lebensbereichen, im Privaten wie im Öffentlichen, ruiniert Unentschlossenheit das Leben. Der Unentschlossene glaubt, sich die Möglichkeiten zu erhalten, wenn er nichts tut. Doch am Ende verliert er jede Möglichkeit, wenn er etwas Mögliches nicht wirklich werden läßt.

„Man wägt die Folgen des einen Schrittes gegen die des anderen ab, ohne je von der Stelle zu kommen. Die Wohltat wirklichen Handelns besteht darin, daß die Möglichkeit, für die man sich nicht entschieden hat, vergessen wird und, genaugenommen, auch gar nicht mehr existiert, weil das Handeln alles verändert hat. Nur in Gedanken handeln dagegen ist nichts; alles bleibt wie es war. In jedem Handeln gibt es ein Element Glücksspiel; denn man muß seine Überlegungen abbrechen, bevor der Gegenstand erschöpft ist.“ (Alain, Die Pflicht glücklich zu sein, FfM 2005, S.190).

© W.Sofsky 2014

E.T.A. Hoffmann: Klein Zaches im Mondschein

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Wolfgang Sofsky
E.T.A. Hoffmann: Klein Zaches im Mondschein

Nach der Einführung der Aufklärung hatte nur eine Fee noch Bleiberecht. Wenige Stunden, bevor das neue Zeitalter hereinbrach, nutzte sie die Gelegenheit, um ihre Schwäne in Freiheit zu setzen und die Rosenstöcke beiseite zu schaffen. Mit Widerwillen wohnte Rosabelverde im Damenstift des Barons Prätextatus von Mondschein, ein gar lieblicher und schattiger Landstrich, wo auch ein  Professor der Naturkunde lebte, der aller Welt zu erklären wußte, warum die Sonne scheint bei Tage und bei Nacht der Mond und daß die Finsternis vornehmlich von einem Mangel an Licht herrühre. Doch nicht den Kosmos wußte die Fee zu verzaubern, sondern die Gesellschaft. Anläßlich eines Spaziergangs über das von Sonnnenglut erhitzte Land fand sie neben einer schlafenden Bauersfrau einen kleinen Wechselbalg.

„Das, was man auf den ersten Blick sehr gut für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können, war nämlich ein kaum zwei Spannen hoher, mißgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querüber gelegen, heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wälzte. Der Kopf stak dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen kundzutun schienen.“ (E.T.A. Hoffmann, Klein Zaches genannt Zinnober, 1819)

Von Mitleid gerührt, kämmte die Fee dem Zwerg das struppige Haar und verlieh ihm dadurch die Gabe, von allen anderen für hübsch und verständig gehalten zu werden. Was immer jemand an Erfolg und Leistung in seiner Gegenwart erbrachte, ward von nun an dem bösen Alräunchen zugeschrieben. Seine Karriere war unaufhaltsam. Eine regelmäßig erneuerte Frisur und ein paar zinnoberrote Strähnchen, und er galt als sensibler Poet, als Virtuose auf der Violine, avancierte zum Expedient und Minister für auswärtige Angelegenheiten, bis endlich, nach vielfältigen, hier nicht weiter anzuzeigenden Verwicklungen und Verwandlungen, der magische Kamm der Fee zerbrach und der purzelbäumige, mauzende und quinkelierende Kerl floh und starb.

Entzauberung der Geselschaft heißt nicht zuletzt, daß alle von planem, hellen Licht bestrahlt sind, in dem ein jeder so erscheint, wie er ist, jeder nach seinem Verdienst und seiner wahren Erscheinung beurteilt wird und sich niemand über sich und andere etwas vorzumachen vermag, ein Zustand, von dem man nach der Einführung der Aufklärung ebenso weit entfernt ist wie in den finsteren Epochen davor.

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Walzer Nr.9: Dinu Lipatti spielt F.Chopin op.34,2 a-moll

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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr.9: Dinu Lipatti spielt F.Chopin op.34,2 a-moll

Der rumänische Klaviervirtuose Dinu Lipatti schätzte die konzentrierte Arbeit im Studio. Er war ein Perfektionist, der so lange an einer Aufnahme feilte, bis er sie für gut befinden konnte. Er ließ sich Zeit und spielte ein Stück erst, wenn er jede Note verstanden hatte. Dem Zufall gab er keine Chance. Als man ihn bat, Beethovens Es-Dur-Klavierkonzert zu spielen, veranschlagte er noch mindestens drei Jahre bis zur Konzertreife. Geduld und Disziplin waren das sichere Fundament seiner Kunst. Was manche Hörer für eine Eingebung des Augenblicks hielten, war das Ergebnis zäher Übung und langwieriger Analyse. Seinen Schülern gab er auf den Weg: Es ist nicht nur wichtig, daß Sie die Komposition lieben. Drängen Sie nicht, lassen Sie sich Zeit, das Stück muß Sie ebenfalls lieben.

Lipatti spielte, als ob er mehr als zehn Finger hätte. Sein Anschlag war ohne Vergleich, schlank, warm, ohne jegliches Gewicht, das Legato war nie verschmiert und die Bässe waren manchmal wie hingetupft. Er hatte eine riesige Klavierhand, der kleine Finger war fast so lang wie der vierte, mühelos konnte er die Spanne einer Duodezime umfassen, die Schultern glichen denen eines Ringkämpfers, was überhaupt nicht zu seinem schmächtigen Körper passen wollte. Doch von den Schultern bis zu den Fingerspitzen führten die Arme ein musikalisches Eigenleben, unabhängig von den Bewegungen des Rumpfs.

Lipatti nahm sich Zeit, obwohl er keine Zeit hatte. Sein Taufpate war Georges Enesco, der dem Vierjährigen mit einem Lorbeer bekränzte. Mit 16 gewann er den Enesco-Kompositionswettbewerb mit einer Sonatine für Geige und Klavier. Als man ihm in Wien einen Klavierpreis versagte, verließ ein Juror, Alfred Cortot, das Gremium unter Protest und lud Lipatti nach Paris ein. Bei Charles Münch lernte er Dirigieren, bei Paul Dukas Komposition, und Cortot brachte ihm bei, was ihm am Klavier noch fehlte. Die Kriegsjahre verbrachte er bis 1943 in Bukarest, dann floh er mit seiner Frau in die Schweiz mit fünf Franken in der Tasche. Schon damals schwächten ihn die Fieberschübe, die sich später als Morbus Hodgkin herausstellen sollten. 1945 engagierte ihn Walter Legge, der legendäre Produzent, mit einem Exklusivvertrag für die englische Columbia. Im Juli 1950 nahm er in Genf in einem Studio des Schweizer Rundfunks Mozarts a-moll Sonate, Bachs B-Dur-Partita sowie vierzehn Walzer von Chopin auf; im Dezember starb er im Alter von 33 Jahren.

Von der Aufnahme der Walzer berichtete Legge später. Die Produktion nahm neun Tage in Anspruch – täglich drei bis sieben Stunden, morgens und spätabends. Lipatti legte Wert darauf, persönliche Manierismen zu vermeiden und die Unterschiede zwischen den einzelnen Walzern deutlich zu charakterisieren. Chopin hatte sie zu ganz verschiedenen Zeiten komponiert. „Nach sieben Sitzungen beschlossen wir, daß es für unsere Ohren nunmehr erfrischend sei, Abstand vom Walzer-Rhythmus zu gewinnen, und wir begannen mit Bach. An diesem Abend spielte Lipatti Kempffs Bearbeitung des Flöten-Siciliana und wandte sich schließlich (und nicht zum letzten Mal) dem Choral ‚Jesu bleibet meine Freude‘ zu. Nach sechs Tagen waren acht Walzer vollendet eingespielt, zur Befriedigung des kritischsten Trios, das jemals eine Aufnahme beurteilt hat – Dinu, seine Frau und ich. … Am nächsten Tag begannen wir um neun Uhr mit Bachs B-Dur-Partita und beendeten sie noch vor dem Mittagessen… Abends um sieben Uhr dann nahmen wir die Mozart-Sonate auf. Wenn ein Musiker jemals inspiriert war, dann war es Dinu an diesem Abend. Mozart und Bach waren seinem Herzen am nächsten. Es war Lipattis erste Mozart-Einspielung, aber sie war – vielleicht gerade deswegen – von einer unvergleichlichen Intensität. Die Phrasen nahmen menschliche Züge an und entwickelten sich vor dem geistigen Auge zu ungeschriebenen Opern… Um zehn Uhr waren wir soweit fertig, aber für Lipatti gab es kein Halten mehr. Wir mußten versuchen, die restlichen Walzer aufzunehmen, während er in dieser Stimmung war. Er spielte fünf, nicht alle, und kurz vor Mitternacht suchten die erschöpften Techniker nach etwas Eßbarem, und Dinu, der frischeste von uns allen, spielte „Stormy Weather“.“ (W.Legge, Words and Music, NY/London 1998 S.181f.)

Der a-moll Walzer op.34,2 soll Chopins Lieblingswalzer gewesen sein, ein Tanz für die Seele, eine valse triste, in der auch das Sostenuto in A-Dur die Melancholie nicht recht aufzuhellen vermag: http://www.youtube.com/watch?v=Uzd31RVObkU

© W.Sofsky 2014

Walzer Nr.8: Strauß/Schönberg – Rosen aus dem Süden

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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr.8: Strauß/Schönberg – Rosen aus dem Süden

Am 27. Mai 1921 fand im Festsaal der Schwarzwaldschule zu Wien ein denkwürdiger Abend statt. Der Verein für musikalische Privataufführungen hatte Mitglieder und Gäste zum außerordentlichen Walzerabend geladen. Der Verein, den Schönberg im Monat des Kriegsendes 1918 gegründet hatte, litt an chronischer Geldnot. Seine Ziele waren ebenso ambitioniert wie illusionär: Die neue Musik und ihre Autoren dem Publikum verständlich zu machen, durch gut studierte Aufführungen, oftmalige Wiederholungen und alle dies in privatem Rahmen, um die „Aufführungen dem korrumpierenden Einfluß der Öffentlichkeit“ zu entziehen. Musik ohne Wettbewerb, unabhängig von Beifall oder Mißfallen war das Ziel. Die Konzerte fanden wöchentlich statt, die Mitglieder waren zum Abonnement verpflichtet, und, da man kein großes Orchester zur Verfügung hatte, mußte vieles neu arrangiert werden, für die Besetzung eines Streichquartetts, für Klavier zu vier bis acht Händen. Immerhin brachte es der Verein auf rund 320 Mitglieder, und von November 1918 bis Ende 1921 fanden 117 Konzerte statt mit 154 zeitgenössischen Werken. Der Schönberg-Kreis führte jedoch nicht nur eigene Werke auf, sondern auch Ravel, Debussy, Reger, Bartok, Mozart oder Brahms. Mahlers 7.Symphonie spielte man am Klavier zu vier Händen. Das erfolgreichste „Propagandakonzert“ indes war besagter Walzerabend, zu dem Berg, Webern und Schönberg bekannte Strauß-Walzer arrangierten und anschließend die Originalmanuskripte versteigerten. Alban Berg berichtet von diesem Abend in einem Brief an seinen Schüler Erwin Stein:

„Walzerabend (in der Schwarzwaldschule): Das war wohl sehr gelungen. Aber die Arbeit!! Fünf fünfstündige Proben, in drei, vier Tagen so einen Riesenwalzer instrumentieren! Die Stimmen herausschreiben! Der Wust von administrativen Vorarbeiten!! — Am Abend selbst verkauften wir — Schönberg und Frau, Webern und Trude, ich und Frau, Steuermann, Ranki, Kolisch und Steinbauer im Turmzimmer Gedenkblätter, die zugleich als Eintrittskarten — von der Seitentür in den Saal — galten. Wer keines kaufte, mußte Spießruten laufen um das ganze Gebäude herum, um sich bei einer Kasse den Eintritt
durch die Hintertür zu erkaufen. Anwesend waren: ca. 160 Mitglieder und 30 bis 40 Gäste. — Schönberg hielt zu Beginn eine Rede über den Sinn der Veranstaltung — Fonds für Kammerorchester — und leitete die Lizitation. Beides in fabelhaft witziger, launiger Weise, der auch der immerhin schöne Erfolg zu verdanken ist. Die Walzer klangen durchwegs fabelhaft gut, sogar meiner, „Wein, Weib und Gesang“! Schönbergs Instrumentation überragte natürlich die meine weit. Ich hätte freilich nicht so viel gewagt. Steuermann zum Beispiel, der auf eine Bemerkung Schönbergs, daß sich jeder seine Stimme zu Hause anschauen müsse, lächelte, erhielt von Schönberg einen
wahnwitzig schwer gesetzten Klavierpart, der freilich prachtvoll klang. — Schon nach meinem Walzer setzte frenetischer Applaus ein, den Schönberg zuließ, um die Stimmung zu heben. Weberns Walzer, der dritte im Programm, mußte wiederholt werden, und zwar mit Webern am Pult und Schönberg mit dem Cello. Die Aufführungen verliefen glänzend; selbst mein Harmoniumspiel war entsprechend. Die Lizitation brachte: für meinen Waizer – als erster ausgerufen mit 500 Kronen — 5000 Kronen; für Schönbergs Lagunenwalzer 14.000 Kronen; Weberns Schatzwalzer wurde bis 7000 Kronen lizitiert, Schönberg, der immer mitlizitierte, um es hinaufzutreiben, bot 9000 Kronen — und blieb damit hängen, ganz gegen seine Absicht; schließlich Schönbergs
„Rosen aus dem Süden“ 17.000 Kronen. — Danach große Zusammenkunft
der Vereinsleitung im Hotel de France, wo Schönberg übernachtete.“

Hier spielt im das Ensemble „The Philharmonics“ Schönbergs „Rosen aus dem Süden“ inmitten des Café Sperl. Das Ensemble unter der Leitung des Primgeigers Tibor Kovác (hier auf dem Weg zu Arbeit) setzt sich aus Musikern der Wiener und Berliner Philharmoniker zusammen. Zum alten Arragement haben sie noch einen Kontrabaß hinzugefügt, dessen Part indes recht übersichtlich bleibt. Sie musizieren virtuos, ironisch und in fabelhafter Walzerlaune. Empfehlung!

https://www.youtube.com/watch?v=ir1SkGAkjOc

© W.Sofsky 2014

Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei "demokratischer Wahlen"

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Wolfgang Sofsky
Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei „demokratischer Wahlen“

Gustav Landauer (1870-1919) gehörte zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die für die Freiheit rundum fochten, gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen den Parlamentarismus der Parteien, gegen den Zentralismus des Reichs, und gegen den Jakobinismus der Kommunisten. Gesellschaftliche Ordnung dachte er als „Bünde der Freiwilligkeit“, jenseits staatlicher Herrschaft. „Die Anarchie ist der Ausdruck für die Befreiung des Menschen vom Staatsgötzen, vom Kirchengötzen, vom Kapitalgötzen“. Landauer verfaßte Novellen und Romane, schrieb – im Anschluß an Fritz Mauthners Sprachkritik – über „Skepsis und Mystik“, kommentierte die Predigten Meister Eckharts und das Werk William Shakespeares, übersetzte Balzac, Oscar Wilde und Kropotkin, schrieb für Martin Buber eine Monographie über „Die Revolution“ und gab von 1909 und 1915 den „Sozialist“ heraus, das Organ des „Sozialistischen Bundes“, zu dessen ersten Mitgliedern Erich Mühsam und Martin Buber zählten. In 115 Artikeln schrieb Landauer über Tagesereignisse, über Literatur, Philosophie und Kultur und veröffentlichte mehrere Übersetzungen von Proudhon. Gegen die Kriegsbegeisterung 1914 war der Pazifist Landauer immun und gegen den Staatsglauben der Marxisten, Sozialdemokraten und Spartakisten ohnehin. Mitte November 1918 beriet er den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und plädierte im Zentralarbeiterrat Bayerns für den Aufbau einer föderativen Republik. Als am 7.4.1919 gegen die SPD-Regierung eine Räterepublik ausgerufen wurde, übernahm er kurzzeitig das Amt eines „Volksbeauftragten für Volksaufklärung“. An Fritz Mauthner schrieb er: „Läßt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß es nur ein paar Tage sind und dann war es ein Traum.“ Seine erste und einzige Entscheidung war die Abschaffung des Geschichtsunterrichts in bisheriger Form in bayerischen Schulen. Eine Woche später, als die KPD die Räteregierung okkupiert hatte, verzichtete er auf die weitere Mitarbeit. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik durch Reichswehr und Freikorps wurde Landauer am 1.Mai aufgrund einer Denunziation in München verhaftet und nach Stadelheim verbracht. Dort ist er am 2.Mai nach den Mißhandlungen durch Offiziere und Soldaten gestorben.

In Zeiten vielfacher Verdrossenheit über repräsentative Ohnmacht und über die  Selbstbeweihräucherung der Macht- und publizistischen Kommentareliten dürfte – ohne Anlaß irgendeines Gedenktages – eine kleine Erinnerung angebracht sein, an die Verbreitung von Dummheit bei „demokratischen“ Wahlen.

Was die Menschen angeht, so ist ihr ganzes Leben auf Verkehr, Meinungsaustausch, Erinnerung der Generationen und Erfahrung, Überlegung und Vorsorge gestellt. Was aber machen die Menschen für einen Gebrauch von ihren besonderen Eigenschaften, Gaben und Möglichkeiten? Zum Teil ohne Zweifel den richtigen: sie kleiden sich warm, haben Häuser gebaut und heizen den Ofen gegen die Kälte, sie sorgen für ihre und ihrer Angehörigen Ernährung, sie machen einander Mitteilungen über Gefahren, die drohen, sie überliefern sich von Geschlecht zu Geschlecht nützliche Kenntnisse. Aber zum andern Teil machen sie von ihrer besonderen Natur, die Verstand heißt, den sehr unzulänglichen und sehr verkehrten Gebrauch.

Die Menschen unterscheiden sich nämlich von … Tieren nicht nur durch den Verstand, sondern ebensosehr durch die Kehrseite des Verstandes: die Dummheit und deren traditionelles Weiterleben. Keineswegs ist die Dummheit bloß Abwesenheit von Verstand, bloß etwas Nichtvorhandenes, Negatives. Es ist darum auch falsch, Tiere dumm zu nennen, weil ihnen der Menschenverstand fehlt. Es gibt, bildlich gesprochen, im Kopf des Menschen keine leere Stelle; das soll heißen, kein Mensch leidet an Abwesenheit des Verstandes, der nicht dafür etwas anderes hätte: manche haben eine Art Instinkt, die meisten aber ganz positive, veritable Dummheit….

Heute geht ihr, alle fünf Jahre einmal, zur Wahl! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedrucktem Namen hinein, klebt zu, daß keiner sehe, was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer (mittlerweile auch Frauen, WS) zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden.Und die Männer (und Frauen!) sind so gewählt, wie es der Mehrheit entspricht: ein Recht der Minderheit, sich nun von der Mehrheit zu trennen und, sei’s auch nur auf diesem wahnsinnig verkehrten Wege dessen, was ihr Wahl heißet, eigenes durchzusetzen, gibt’s nicht. Die Mehrheit geht alle fünf Jahre ins Klosett, um abzudanken; die Minderheit hat nicht einmal dieses Recht, sie hat gar keines. Der Telegraph, es ist so sonnenklar, hat die Bestimmung in sich, getrennte Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich während ihrer Entschließungen in Verbindung zu halten. Heute dient er (und TV, WS) dazu, daß die Menschen nach geschehener Lächerlichkeit erfahren, diese Lächerlichkeit sei mit den und den Ergebnissen in ganz Deutschland vor sich gegangen.

Und welche Aufregung, welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslose, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht, Wahlsieg, Triumph; es ist, wie wenn sich Affen in einem Zeughaus Ritterrüstungen über das braune Fell gezogen hätten.

Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?

(Aus: Gustav Landauer, Von der Dummheit und von der Wahl, in: Der Sozialist, 15.01.1912)

© W.Sofsky 2014

Walzer Nr.7 – Richard Strauss: Rosenkavalier

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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr. VII – Richard Strauss: Rosenkavalier

Im Zwischenreich der Figuren ereignet sich die Musik. Im Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal sind es nicht selten Walzer. Nicht umsonst hat man die Oper als „Walzeroper“ bezeichnet. Dabei ist der Anachronismus durchaus gewollt. Im Wien der Maria Theresia, zu der Zeit, da die Oper spielt, gab es noch keine Walzer. Doch in der Rückschau auf Alt-Wien erklingt immer eine Melodie im 3/4-Takt. Strauss, der um eine weitere Einnahmequelle nie verlegen war, wollte dem Konzertpublikum, das nicht in die Oper ging, seine üppige Klangkunst nicht vorenthalten und stellte zwei Walzerfolgen und 1945 gar eine Rosenkavalier-Suite zusammen, Sammlungen von Highlights, wie immer perfekt und verschwenderisch instrumentiert.

Wie man diese Walzerfolge in der Neuen Welt spielt, demonstrieren hier die New Yorker Philharmoniker unter ihrem langjährigen Chef Leonard Bernstein anno 1967. Folgt man den Bewegungen des Dirigenten und den todernsten Mienen der Musiker, kann man sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß diese Routiniers das Klanggetümmel weniger mit Wiener Schmelz als mit Ironie verstehen, eine Haltung, die noch das Spiel der Komödie zur Komödie macht:

https://www.youtube.com/watch?v=qhe8gZtRAlA  (Dauer 6 Min.)

© W.Sofsky 2014

Der sechste Walzer: Charles Gounod – Faust

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Wolfgang Sofsky
Der sechste Walzer: Charles Gounod – Faust

Vor der Stadt feiert das Volk, Mädchen, Matronen, Studenten, Soldaten tanzen den Walzer, eine Kanone wird aufgefahren, denn es geht in den Krieg. Die Paare wirbeln im Tanz, und Mephisto macht Faust mit Margarethe bekannt. Sie weist ihn zunächst ab, aber der Dämon rät zu Geduld, Faust werde noch an sein Ziel gelangen. Der Offizier kniet vor dem Kreuz, die Soldaten stellen sich in Reih und Glied, dann geht der Walzer in einen Marsch über und die Männer marschieren ins Gefecht. Die Mädchen jubeln und winken, mit Schwung und Begeisterung beginnt der Feldzug.

Ken Russel, von dem die Inszenierung in der Wiener Staatsoper stammt, hat seinerzeit (1985) viel maskiertes Volk auf der Bühne versammelt. Margarethe hat er in den Habit einer Nonne gesteckt (keine Maskerade), damit auch jeder im Publikum merkt, wie verwerflich die Verführung ist. Mit der Figur des Librettos und der Musik hat der Regieeinfall nichts zu tun. Weder singt Margarethe noch redet sie wie eine Nonne. Vermutlich ist mittlerweile auch schon jemand auf die Idee verfallen, das Mädchen in eine Burka zu stecken.

http://www.youtube.com/watch?v=KKRITskQsLU  (Dauer ca.6 Minuten)

Es singen:
Franciso Araiza (Faust), Ruggero Raimondi (Mephisto), Gabriela Benacková (Margarethe), Gabriele Sima (Siebel), es dirigiert Erich Binder das Orchester der Wiener Staatsoper

Und hier der Libretto-Auszug in deutscher Übersetzung

Ende 2.Akt:
Walzer und Chor. Tanz

CHOR
Leichte Wölkchen sich erheben,
Von des Zephyrs Hauch bewegt,
Und der Staub fliegt leicht erregt,
Wo im Tanz die Paare schweben,
Auf der Freude frohen Schwingen
Weithin hört den Walzer klingen.
MEPHISTO
Sieh die schönen Gestalten!
Willst du nicht der Schönsten unter ihnen
Anbieten deinen Arm?
FAUST
Lass die Scherze, die Spötterei’n;
Sie allein bringt Heil meinem Herzen!
SIEBEL
Ich muss an diesem Ort bald sehen Margarethen!
EINIGE JUNGE MÄDCHEN
Du hast uns heut‘ noch nicht zum Tanz gebeten!
SIEBEL
Nein, nein! Ich tanze heut‘ nicht.
CHOR
Leichte Wölkchen sich erheben etc.

Margarethe tritt auf
FAUST
O welch Glück! sie ist es!
MEPHISTO
Nun wohl! so sprich zu ihr.
SIEBEL
Margarethe!
MEPHISTO
Was gibt’s?
Mephisto stellt sich zwischen Siebel und Margarethe
SIEBEL
Verwünschter Kerl! auch noch da!
MEPHISTO
Ja, wirklich mein Freund! Ihr auch da?
Haha! Wahrhaftig, guter Freund, auch Ihr seid da!
FAUST
Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen,
Meinen Arm und Geleit Euch anzutragen?
MARGARETHE
Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause geh’n.
FAUST
Auf mein Wort, sie ist reizend
Und schön zum Entzücken!
O himmlische Maid, dich lieb‘ ich!
SIEBEL
Sie ist verschwunden!
MEPHISTO
Wie ging’s?
FAUST
Weh mir! man stiess mich zurück!
MEPHISTO
Wohlan! so misch‘ ich mich drein,
Und bald ist Margarethe dein!
Mephisto und Faust ab

JUNGE MÄDCHEN
Sprecht, was gibt’s?
ZWEITE GRUPPE DER MÄDCHEN
Es war Gretelein, die von dem Junker
Nicht wollte begleitet sein.

CHOR
Tanzet, walzet, tanzet nur zu!
Leichte Wölkchen sich erheben etc.
Seht wie schnell sie sich drehen,
Im weiten Raum Gewänder leicht wehen.
Welch Glück, welche Wonne
Erregt die Brust,
Nichts unter der Sonne
Gleicht dieser Lust!

© W.Sofsky 2014

Der fünfte Walzer: Franz Liszt – Mephisto in der Dorfschenke

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Wolfgang Sofsky
Der fünfte Walzer:
Franz Liszt: Mephisto-Walzer Nr.1

Durchs Fenster springt der Jäger herein, seinem Begleiter ist schon ganz wunderlich zumute. In allen Sinnen zieht es ihn; die Frau mit den schwarzen Augen und roten Wangen, den schwellenden Lippen und „wollustweichen Sterbekissen“ reißt ihm die Seele fort. Gar lustig geht es zu in der Dorfschenke, Musik und Tanz erfüllen den Raum, aber noch zögert er. Da eilt Mephisto zu den Spielleuten und bittet um die Geige:

„Ihr lieben Leutchen, euer Bogen
Ist viel zu schläfrig noch gezogen!
Nach eurem Walzer mag sich drehen
Die sieche Lust auf lahmen Zehen,
Doch Jugend nicht voll Blut und Brand.
Reicht eine Geige mir zur Hand,
’s wird geben gleich ein andres Klingen,
Und in der Schenk‘ ein andres Springen!

Der Spielmann dem Jäger die Fiedel reicht,
Der Jäger die Fiedel gewaltig streicht.
Bald wogen und schwinden die scherzenden Töne
Wie selig hinsterbendes Lustgestöhne,
Wie süßes Geplauder, so heimlich und sicher,
In schwülen Nächten verliebtes Gekicher.
Bald wieder ein Steigen und Fallen und Schwellen;
So schmiegen sich lüsterne Badeswellen
Um blühende nackte Mädchengestalt.
Jetzt gellend ein Schrei ins Gemurmel schallt:
Das Mädchen erschrickt, sie ruft nach Hilfe,
Der Bursche, der feurige, springt aus dem Schilfe.
Da hassen sich, fassen sich mächtig die Klänge,
Und kämpfen verschlungen im wirren Gedränge.
Die badende Jungfrau, die lange gerungen,
Wird endlich vom Mann zur Umarmung gezwungen.
Dort fleht ein Buhle, das Weib hat Erbarmen,
Man hört sie von seinen Küssen erwarmen.
Jetzt klingen im Dreigriff die lustigen Saiten,
Wie wenn um ein Mädel zwei Buben sich streiten;
Der eine, besiegte, verstummt allmählich,
Die liebenden beiden umklammern sich selig,

Im Doppelgetön die verschmolzenen Stimmen
Auf rasend die Leiter der Lust erklimmen.
Und feuriger, brausender, stürmischer immer,
Wie Männergejauchze, Jungferngewimmer,
Erschallen der Geige verführende Weisen,
Und alle verschlingt ein bacchantisches Kreisen.
Wie närrisch die Geiger des Dorfs sich gebärden!
Sie werfen ja sämtlich die Fiedel zur Erden.
Der zauberergriffene Wirbel bewegt,
Was irgend die Schenke Lebendiges hegt.
Mit bleichem Neide die dröhnenden Mauern
Daß sie nicht mittanzen können bedauern.
Vor allen aber der selige Faust
Mit seiner Brünette den Tanz hinbraust;
Er drückt ihr die Händchen, er stammelt Schwüre,
Und tanzt sie hinaus durch die offene Türe.
Sie tanzen durch Flur und Gartengänge,
Und hinterher jagen die Geigenklänge;
Sie tanzen taumelnd hinaus zum Wald,
Und leiser und leiser die Geige verhallt.
Die schwindenden Töne durchsäuseln die Bäume,
Wie lüsterne, schmeichelnde Liebesträume.
Da hebt den flötenden Wonneschall
Aus duftigen Büschen die Nachtigall,
Die heißer die Lust der Trunkenen schwellt,
Als wäre der Sänger vom Teufel bestellt.
Da zieht sie nieder die Sehnsucht schwer,
Und brausend verschlingt sie das Wonnemeer.“

In Töne gesetzt hat Franz Liszt diese Szene aus Nikolaus Lenaus Versepos „Faust“ im ersten Mephisto-Walzer. Der Hexenmeister Liszt hat den Walzer jedoch nicht für die Geige geschrieben, sondern für sein ureigenes Instrument: den großen Konzerflügel. Lediglich die leeren Quinten zu Beginn erinnern an die Violine. Mephisto mußte offenbar noch einmal nachstimmen, bevor er die Raserei entfesselte. Dieser Walzer bewegt sich an der Randzone des Rauschs, wo Rhythmus, Drehen und Kreisen einen Wirbel der Wollust auslösen, in dessen Mitte ein anderer Geist regiert. Es spielt Boris Berezovsky, für den Perfektion, Poesie, Elegie und Leidenschaft wahrlich keine Hexerei sind. Die Aufnahme stammt vom August 2009 (ca. 9.5 Minuten) – phänomenal!

http://www.youtube.com/watch?v=prnW7UA-K8E

© WS 2014

Der vierte Walzer: Rubinstein spielt Chopin op.34,1

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Wolfgang Sofsky
Der vierte Walzer:
Arthur Rubinstein spielt Chopin op.34,1

Arthur Rubinstein haßte es, wenn das Publikum herumrätseln mußte, welches Stück er als Zugabe spielte. Bei dem legendären Konzert 1964 im großen Saal des Moskauer Konservatoriums sagte der Kosmopolit Rubinstein alle Zugaben in perfektem Russisch an: hier Chopins As-Dur Walzer op.34,1, komponiert im Sommer 1835 in Decin in Böhmen, auf dem Schloß der Prinzessin von Thun-Hohenstein, welcher der Walzer auch gewidmet ist. Es ist unwahrscheinlich, daß jemals nach diesem Walzer in einem Ballsaal getanzt wurde, denn Chopins Klavierwalzer sind eher beschwingte oder melancholische Reflexionen über den Walzer, nicht ohne Elemente der polnischen Mazurka. Aber Rubinstein spielt das brillante Stück seines Landsmanns Chopin keineswegs wie in einem Salon. Sein Ton ist voll und nuanciert, sein Spiel ebenso gelassen und mühelos wie frei. Man glaubt fast, er würde die Töne atmen, so ist die Musik Teil seiner Physiologie.

http://www.youtube.com/watch?v=KLscY15Z0r0

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Der dritte Walzer. J.W.Goethe: Werther

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Wolfgang Sofsky
Der dritte Walzer. J.W.Goethe: Werther

Tanzen muß man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn sie sonst nichts dächte, nichts empfände; und in dem Augenblicke gewiß schwindet alles andere vor ihr.

Ich bat sie um den zweiten Contretanz; sie sagte mit den dritten zu, und mit der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versicherte sie mir, daß sie herzlich gern deutsch tanze. – »Es ist hier so Mode, »fuhr sie fort, »daß jedes Paar, das zusammen gehört, beim Deutschen zusammenbleibt, und mein Chapeau walzt schlecht und dankt mir’s, wenn ich ihm die Arbeit erlasse. Ihr Frauenzimmer kann’s auch nicht und mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, daß Sie gut walzen; wenn Sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehen Sie und bitten sich’s von meinem Herrn aus, und ich will zu Ihrer Dame gehen«. – ich gab ihr die Hand darauf, und wir machten aus, daß ihr Tänzer inzwischen meine Tänzerin unterhalten sollte.

Nun ging’s an, und wir ergetzten uns eine Weile an manigfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! Und da wir nun gar ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander herumrollten, ging’s freilich anfangs, weil’s die wenigsten können, ein bißchen bunt durcheinander. Wir waren klug und ließen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geräumt hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit Audran und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir’s so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben und mit ihr herumzufliegen wie Wetter, daß alles rings umher verging, und – Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, daß ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem andern walzen sollte als mit mir, und wenn ich drüber zugrunde gehen müßte. Du verstehst mich! „

Aus: Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Erstes Buch, am 16.Junius.

Lotte und Werther tanzen noch den „Deutschen“, einen Drehtanz im 3/4- oder 3/8 – Akt. Er gilt als Vorläufer des rascheren Walzers. Das Paar umfaßt sich mit einem Arm, die beiden freien Hände sind ineinandergelegt, der Arm ausgetreckt. Die Paare bilden einen Kreis und umrunden, sich fortlaufend drehend, den Saal. Im Innern des Kreises versuchen sich die Paare in anmutigen Verschlingungen der Arme und zierlichen Stellungen der Körper. Der Tanz ist eine günstige Gelegenheit, in der Öffentlichkeit eines Balls sich hautnah zu begegnen. Wegen der engen Körperhaltung und der „unzüchtigen Betastung“ galt der Tanz da und dort als unmoralisch. In Bayern und Salzburg war er in den 1760er Jahren verboten, in der Reichsstadt Wetzlar offenbar nicht. Kaiser Joseph II. gab für Bälle in den Redoutensälen der Hofburg „Deutsche“ in Auftrag, es gibt solche Tänze von Haydn, Mozart und Beethoven. Schuberts Walzer heißen häufig noch „deutsche Tänze“. Nach dem Wiener Kongreß beschleunigte sich das Tempo und aus dem „Deutschen“ wurde der Walzer.

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Der zweite Walzer: Carlos Kleiber dirigiert Johann Strauß op.346

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Wolfgang Sofsky
Der zweite Walzer
Carlos Kleiber dirigiert Johann Strauß op.346 

Auf dem Sprung vom Balldirigenten und Tanzkomponisten zum Operettenkönig versuchte sich Johann Strauß zunächst an einem Libretto, das im Orient spielt und „Indigo und die 40 Räuber“ hieß. Im Februar 1871 wurde das Machwerk im Theater an der Wien uraufgeführt, am Pult stand der Komponist höchstselbst. Sonderlich orientalisch klang die Musik nicht, die Töne kamen eher, wie der Biograph Ludwig Eisenberg schrieb, vom Lerchenfeld (16. Bezirk): „ melodisch packend, von pikanter rhythmischer Eigentümlichkeit und bestrickend instrumentiert. Als am Premierenabend beim Walzer ‚Ja, so singt man, ja, so singt man in der Stadt, wo ich geboren‘ das ganze Haus in einen jauchzenden Schrei ausbrach, die Insassen der Logen und Sperrsitze in tanzende Bewegungen gerieten, da glaubte man, jetzte müsse Strauß dem Primgeiger die Violine aus der Hand reißen, sie selber ansetzen und, wie einst beim ‚Sperl‘ zum Tanz aufspielen.“
Das Lied „Ja, so singt man“ wird im Walzer op.346 „Tausendundeine Nacht“ zu Beginn zitiert. Der zweite Walzer bietet das schwungvolle Bacchanal: „Laßt frei nun erschallen das Lied aus der Brust“, es folgen Motive aus dem 2. Akt und aus dem Finale. Auch der Eseltreiber aus der Operette taucht auf, bevor in der Coda sich alles zu großer Wirkung steigert. Die Uraufführung fand im März 1871 im Goldenen Saal des Musikvereins statt. Der Erfolg war triumphal.

Hier dirigiert der größte Meister der „Walzerseligkeit“, Carlos Kleiber, die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert 1992. Kleiber, der von manchen Kritikern zum bedeutendsten Dirigenten des 20.Jahrhunderts gekürt wurde, dirigiert, als entstünde die Musik erst im Augenblick der Aufführung. Seine Vorbereitung und die Proben waren indes von berüchtigter Gewissenhaftigkeit und zeitraubender Sorgfalt. So genau war er, daß er Noten las, die gar nicht notiert waren. Wie soll man sein Dirigat beschreiben? Beseelt, federnd, frei fließen die Bewegungen über jeden senkrechten Taktstrich hinweg, gelegentlich scheint sich der Tanz seiner zu bemächtigen, der Rhythmus bringt den Dirigenten selbst zum Tanzen. Aber trotz allen Enthusiasmus der Bögen und Linien ist die Aufführung von ungewöhnlicher Durchsichtigkeit und Präzision, in jeder Stimme, jeder Einzelheit. (Dauer ca. acht Minuten)

http://www.youtube.com/watch?v=g0kq1bSdpvk

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Der erste Walzer – Hector Berlioz: Auf einem Ball

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Wolfgang Sofsky
Walzer I
Hector Berlioz: Auf einem Ball

HenriettaSmithsonVon London kam sie nach Paris und spielte auf der Bühne die Ophelia oder Julia. Ein gefeierter Star war sie in ihrem Ensemble, die ebenso schöne wie talentierte Irin Harriet Smithson. Die Kritiken überschlugen sich, aber keiner war ihr so verfallen wie der junge Komponist Hector Berlioz, der sich unsterblich in sie verliebte. Zwar verstand er kein Wort Englisch, aber der Zauber ihrer Erscheinung, die Anmut ihrer Gesten und die Kraft ihres Ausdrucks überwältigten ihn. Nächtelang irrte er durch die Straßen und ersann tausend Gelegenheiten, wie er ihre Aufmerksamkeit erregen könnte. Flammende Briefe schrieb er ihr, doch sie antwortete nie, befremdet war sie von der Heftigkeit seiner Geständnisse. Ohne ihn eines weiteren Blickes gewürdigt zu haben, kehrte sie alsbald nach London zurück. Berlioz war vernichtet. Zur verschmähten Liebe kam das Scheitern der künstlerischen und gesellschaftlichen Karriere. Da packte ihn eine Idee, eine wahrlich fixe Idee, in einer unerhörten Symphonie dem Pariser Publikum seine rasende Liebe zu schildern und sich mit einem Kunstwerk an der hartherzigen Geliebten zu rächen. Sogar ein großes Orchesterkonzert in ihrer Heimatstadt wollte er veranstalten, um sie mit dem Erfolg zu beeindrucken. Aus diesem Projekt wurde nichts. Dafür komponierte Berlioz 1830 die „Symphonie phantastique“, die von den Phantasien eines liebestrunkenen Künstlers erzählt. Als er im Winter 1832 erfuhr, daß die angebetete Harriet Smithson wieder in Paris weilte, ließ Berlioz ihr ein Konzertbillett zukommen. Sie war die einzige, die noch nichts von dem Programm der Symphonie wußte und nicht einmal ahnte, daß sie der Grund für dieses Meisterwerk war. Alles nahm ein kurzes Ende, berichtet Berlioz in seinen Memoiren: „Ich werde Miss Smithson vorgestellt – Sie ist ruiniert – Sie bricht sich ein Bein – Ich heirate sie.“ Beide hatten einen Sohn und führten eine unglückliche Ehe. Sie wurde 1840 geschieden, die schöne Harriet verfiel dem Trunke und starb vierzehn Jahre später.

Die Kommentare der Zeitgenossen fielen zwiespältig aus: Felix Mendelssohn-Bartholdy schrieb am 15.März 1831 aus Rom an seine Mutter: „Nun solltet ihr aber Berlioz kennen lernen! Der macht mich förmlich traurig, weil er ein wirklich gebildeter, angenehmer Mensch ist und so unbegreiflich schlecht komponiert…Er hat eine Symphonie gemacht, die Episode de la vie d’un artiste heißt. Als sie gegeben wurde, ließ er eine Erklärung von 2000 Exemplaren drucken. Die besagte dann, daß sich der Komponist im ersten Stück unter seinem Thema an eine liebenswürdige junge Dame gedacht hat … und daß seine Wut, Eifersucht, Zärtlichkeit und Tränen darin vorkommen. Das zweite Stück ist ein Ball, wo ihm alles leer erscheint, weil sie fehlt. Das dritte heißt Scène aux champs; die Hirten spielen einen ranz de vaches (d.h. Kuhreigen), die Instrumente ahmen das Säuseln der Blätter nach (alles das steht im Programm) … Zwischen dem dritten und vierten Stück (fährt das Programm fort) vergiftet sich der Künstler mit Opium, versieht sich aber in der Dosierung und, statt zu sterben, hat er nun fürchterliche Visionen. Das vierte Stück ist eine solche Vision, wo er bei seiner eigenen Hinrichtung zugegen ist … das fünfte heißt songe d’une nuit, wo er die Hexen auf dem Blocksberg tanzen sieht, seine Geliebte darunter. Zugleich hört er das dies irae mit seinem cantus firmus (eben der idée fixe, aber parodiert…Wie unbeschreiblich eklig mir dies ist, brauche ich nicht zu sagen … Die Ausführung ist noch viel elender: vier Pauken, zwei Klaviere, welche Glocken nachahmen sollen, zwei Harfen, vier große Trommeln, acht verschiedene Geigen, zwei verschiedene Kontrabässe, die Solopassagen machen…“ Robert Schumann besprach die Symphonie 1835 dagegen positiver: „Was er haßt, faßt er grimmig bei den Haaren, was er liebt, möchte er vor Innigkeit erdrücken – Seht es einmal einem feurigen Jüngling nach, den man nicht nach der Krämerelle messen soll!“

Heinrich Heine (in: Über die französische Bühne) wußte den biographischen Anlaß vom musikalischen Gehalt durchaus zu sondern, konnte sich jedoch der Komik der Aufführung schwerlich entziehen.: „Man erwartet Außerorentliches, da dieser Komponist schon Außerordentliches geleistet. Seine Geistesrichtung ist das Phantastische, nicht verbunden mit Gemüt, sondern mit Sentimentalität; er hat große Ähnlichkeit mit Callot, Gozzi und Hoffmann. Schon seine äußere Erscheinung deutet darauf hin. Es ist schade, daß er seine, ungeheure, antedeluvanische Frisur, diese aufsträubenden Haare, die über seine Stirne, wie ein Wald über eine schroffe Felswand, sich erhoben, hat abschneiden lassen; so sah ich ihn zum ersten Male vor sechs Jahren und so wird er immer in meinem Gedächtnis stehen. Es war im Conservatoire de Musique, und man gab eine große Symphonie von ihm, ein bizarres Nachtstück, das nur zuweilen erhellt wird von einer sentimentalweißen Weiberrobe, die darin hin- und herflattert, oder von einem schwefelgelben Blitz der Ironie. Das Beste darin ist ein Hexensabbath, wo der Teufel Messe liest und die katholische Kirchenmusik mit der schauerlichsten, blutigsten Possenhaftigkit parodiert wird. Es ist eine Farce, wobei alle geheimen Schlangen, die wir im Herzen tragen, freudig emporzischen. Mein Logennachbar, ein redseliger junger Mann, zeigte mir den Komponisten, welcher sich am äußeren Ende des Saales, in einem Winkel des Orchesters befand, und die Pauke schlug. Denn die Pauke ist sein Instrument. „Sehen Sie in der Avant-scene“, sagte mein Nachbar, „jene dicke Engländerin? Das ist Miß Smithson; in diese Dame ist Herr Berlioz sterbens verliebt, und dieser Leidenschaft verdanken wir die wilde Symphonie, die Sie heute hören.“ In der Tat, in der Avant-scene-Loge saß die berühmte Schauspielerin von Coventgarden; Berlioz sah immer unverwandt nach ihr, und jedesmal, wenn sein Blick dem ihrigen begegnete, schlug er los auf seine Pauke, wie wütend. Miß Smithson ist seitdem Madame Berlioz geworden, und ihr Gatte hat sich seitdem auch die Haare abschneiden lassen. Als ich diesen Winter im Conservatoire wieder seine Symphonie hörte, saß er wieder als Paukenschläger im Hintergrunde des Orchesters, die dicke Engländerin saß wieder in der Avant-scene, ihre Blicke begegneten sich wieder…aber er schlug nicht mehr so wütend auf die Pauke.“

Der zweite Satz, ein Walzer: Allegro non troppo in A-Dur, erzählt von einem glänzenden Festball, auf dem die weißgerobte Dame der Verehrung unversehens auftaucht, im Leitmotiv, der fixen Idee. Nicht auf das klassische Menuett hat Berlioz bei diesem Tanzsatz zurückgegriffen, sondern auf den Walzer. Auf starkes Blech und Schlaginstrumente hat er zugunsten zweier Harfen verzichtet. In dieser symphonischen Tanzkapelle regieren die Streicher. Tänze sind in der Regel dreiteilig angelegt, Berlioz hat jedoch neben einer kurzen Einleitung eine lange Coda von 113 Takten angefügt. Nach der geheimnisvollen Moll-Einleitung, beginnt ab Takt 39 der Walzer in A-Dur. Im Reigen der Geigen tanzt die Gesellschaft, da taucht die Geliebte auf, (das Leitmotiv aus dem ersten Satz). Amüsiert scheint sie den Tanz zu genießen. Kurz vor Eintritt des Motivs wechseln plötzlich die Tonart von A-Dur nach F-Dur und die Dynamik von Fortissimo nach Pianissimo. Zufällig scheint der Verliebte die Angebetete erkannt zu haben und gerät für einen Moment in einen kleinen Schock der Überraschung, bevor der Walzer seine Erinnerung zu begleiten beginnt. Er wirkt jetzt noch glänzender als zuvor, Freude scheint den Verliebten zu erfassen, in der Coda steigern sich Tempo, Lautstärke, Übermut und frohe Erwartung. Doch sie beachtet ihn nicht. Leise, fragend wiederholt die Klarinette das Liebesmotiv, bevor der Tanz in einem fulminanten Finale endet. Wenn man indes das Ballprogramm einmal auf sich beruhen läßt und sich nur dem Wechsel von Schwung und Verharren, Tanz und Ruhe, Bewegung und Zweifel überläßt, also die Vorstellung der Szene vergißt und auf die Töne, Klänge und Rhythmen hört, erschließt sich erst der Glanz dieses Meisterstücks.  

Roger Norrington ist der Dirigent der folgenden Aufnahme (7:23 Minuten) vom 1.9.2013 in Helsinki. Er läßt das Orchestra of the Age of Enlightment spielen, was in den Noten steht. http://www.youtube.com/watch?v=ChOZAmgF-nA

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Goya: Niemand kennt sich

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Goya: Niemand kennt sich

Ein weibisch aufgeputzter General bändelt mit einem hübschen Frauenzimmer an. Ein Seidenkleid trägt sie und zierliche Schuhe. Tief beugt er sich zu ihr herab und blickt ihr tief in die Augen. Er trägt eine weiße Maske, sie eine schwarze. Obwohl sie einander Aug´in Aug´ gegenüber stehen, sieht er nichts. „Nadie se conoce“ – „Niemand kennt sich“ notierte Francisco Goya unter diesem Capricho. Auch die Dame erkennt den Galan nicht, denn „alle wollen vorspielen, was sie nicht sind. Jeder täuscht jeden“. Im Hintergrund stehen die Gestalten mit grotesken Spitzhüten und beäugen das Paar, das keines ist. Die Welt ist ein Karneval, die Gesellschaft eine Larvenparade. Aber auch wenn keiner sein Gesicht verhüllte, wüßten sie dann, wer der andere ist und wer sie selbst sind? Ahnungslosigkeit ist die Regel und keine Folge übler Täuschung oder Selbsttäuschung. Da keiner des anderen Gedanken lesen kann, kann er nur so tun, als ob er wüßte, was der andere denkt, wer jener ist und was jener gerade von ihm denkt, der sich so viele Gedanken darüber macht, was jener wohl gerade im Sinn haben könnte.

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