Sassetta: Rocket Man

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Wolfgang Sofsky
Sassetta: Rocket Man

1437 sammelten die Mönche von San Francesco in Borgo San Sepolcro 510 Dukaten für ein doppelseitiges Altarwerk, einem der größten und komplexesten Polyptychen der abendländischen Kunst. Es maß sechs Meter in der Breite und fünf Meter in der Höhe. Angefertigt wurden die Einzelteile in Siena und von dort zum Kloster transportiert, 1444 war der Flügelaltar vollendet, 1752 wurde er zerlegt, heute sind 26 der prächtig bemalten Tafelbilder über zehn Museen verstreut. Die Werkstatt des Sieneser Malers Stefano di Giovanni di Consolo, der seit dem 18. Jahrhundert als Sassetta bekannt ist, war für das Werk verantwortlich. Errichtet war der Altar über dem Grab des Heiligen Ranieri, eines franziskanischen Laienbruders, der 1304 gestorben war und in der Gegend für seine Wundertaten verehrt wurde. Insbesondere seine Flugkünste, mit denen er Geistlichen im Traume erscheinen konnte, ohne körperlich anwesend zu sein, waren Legende. Sassetta hat Sankt Ranieri auch bei einer anderen Wohltat festgehalten. Die Armen, die man in Florenz in ein Gefängnis oder Armenhaus gesperrt hatte, ersuchten ihn in einem Bittbrief um Hilfe. Flugs eilte Ranieri durch die Lüfte herbei und befreite die Armen aus dem Gefängnis. Die Tafel, die heute im Pariser Louvre aufbewahrt wird, zeigt den Heiligen, umgeben von einem Nimbus, angetrieben von einer Art Raketenmotor. Wie ein moderner Rocket Man überwindet er die Entfernung und ist zur Stelle, bevor ein Wächter irgendetwas bemerken konnte. Die Häftlingen entweichen durch das Loch in der Mauer und laufen hinaus in die Freiheit.

© WS 2018

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W.G.Sebald über Pisanello

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Wolfgang Sofsky
W.G.Sebald über Pisanello

Auf seinen Reisen durch die Geschichten, Träume, Erinnerungen, Ahnungen und Phantasien suchte W.G.Sebald nach einem Besuch in Wien und Venedig, auch einmal Verona auf, um einem seiner Lieblingsmaler Pisanello zu begegnen: „Die Bilder Pisanellos haben mir vor Jahren schon den Wunsch erweckt, alles aufgeben zu können außer dem Schauen. Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.“

Man könnte, wie es John Burnside getan hat, in dieser Passage aus „All´Estero“, dem zweiten Stück in „Schwindel, Gefühle“, eine Selbstbeschreibung von Sebalds eigener Schreibweise und Ästhetik herauslesen: jede Einzelheit sei von Bedeutung, im Schreiben und Lesen fülle sich allmählich die leere Welt, nach und nach träten die Dinge zueinander in Beziehung, erfüllten einander mit Sinn und lösten das Rätsel. Doch sind Pisanellos Werke ebensowenig realistisch wie Sebalds Prosa des Imaginären. Die Liebe des Künstlers zu tausenden Details unterliegt dem Rhythmus anmutiger Linien; die Finesse des Strichs geht einher mit der Illumination der Miniatur, und geflügelte Ungeheuer, die von heiligen Rittern zur Strecke gebracht werden, sind in keiner Wirklichkeit jemals aufgetaucht. In Verona verfolgen zwei junge Männer den Dichter, die ihm schon in Venedig mehrfach über den Weg gelaufen sind, die aber ebenso einer Erzählung Kafkas entstammen könnten. Die alte, kummervolle Mesnerin der Chiesa Sant´Anastasia, in der er Pisanellos Fresko vom Aufbruch des Heiligen Georg betrachten wird, verschwindet hinter einer Bretterwand, hinter der sich ihr Aufenthaltsraum, wenn nicht gar ihre Wohnung verbirgt. „Während der Zeit, in der ich das Fresco betrachtete, kam sie, mit einer Regelmäßigkeit, als hätte sie den ewigen Umgang, mehrmals hervor und entfernte sich ein Stück weit ins Dunkel hinein, um bald darauf, auf ihrer Umlaufbahn zurückkehrend, ihr Gehäuse wieder aufzusuchen.“

Kaum ein Lichtstrahl durchdringt das Dämmerlicht im Heiligtum. Wirft man jedoch eine Tausend-Lire-Münze in einen Blechkasten, wird das Fresco kurzzeitig beleuchtet. Nach und nach erkennt der Besucher die Einzelheiten: die Knochen der Drachenopfer, ein Schiff mit geschwelltem Segel, Hecken und Hügel, Türme und Zinnen, zwei Gehenkte am Galgen, Gebüsch und Gesträuch, Hunde, Reiter, darunter ein fremder Tartar, in der Mitte die Prinzessin im Federkleid, das abgeblätterte Silber der Ritterrüstung. „Zum Erstaunen ist es, wie es Pisanello verstanden hat, den jäh heraustretenden, seitwärts schon auf die schwere blutige Arbeit abschweifenden männlichen Blick des Ritters abzusetzen von der nur durch die geringfügigste Senkung der unteren Lidgrenze angedeuteten Beschlossenheit des weiblichen Auges.

Beigefügt sind dem Text Abbildungen des Frescos, vor allem der Augenpartien des Heiligen Georg und der, dem Drachen ausgelieferten Principessa. Die Blicke der Figuren erhellen die Düsternis der Szene und die Dunkelheit des Textes. Erst wenn der Blick das Dämmerlicht, die Nebel und Schleier durchdrungen hat, zeichnen sich im trüben Licht des Vergessens, der Verblendung und Verleugnung klare Konturen und Bilder ab. Zwei Details läßt Sebald indes unerwähnt. Ganz auf die Ästhetik des Auges, der Aufhellung, Aufklärung und Illumination fixiert, entgeht ihm nicht nur der verzerrende Silberblick, sondern auch der Mund des tapferen Ritters. Die verkürzte Oberlippe läßt die Zähne und Zahnlücken deutlich hervortreten, ein hübscher Jüngling ist er – trotz der üppigen, engelsgleichen Lockenpracht – nicht gerade, und vor der rettenden Tat scheinen ihm Erschöpfung und Widerwille bereits ins Gesicht geschrieben.

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Fra Angelico (Werkstatt): Scharfrichter Petrus

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Wolfgang Sofsky
Fra Angelico (Werkstatt): Scharfrichter Petrus

Fra Angelico bzw. ein Gehilfe aus seiner Werkstatt hat dem Motiv des Ohrabschneidens eine weitere Variante beigefügt. Auf dem Fresko im Florentiner Kloster San Marco (1437ff.), säbelt Petrus nicht das rechte, sondern das linke Ohr des Malchus ab. Der Jünger und Apostel reißt den sich windenden Malchus am Haupthaar, um den Kopf für den blutigen Schnitt festzuhalten. Malchus wehrt sich heftig, anders als bei Duccio oder Giotto. Er merkt und erwartet, was ihm angetan wird. Petrus verletzt das Ohr nicht aus Versehen oder einem widerständigen Impuls, er schneidet gezielt und mit Absicht. Die Tat gleicht einer Strafexekution. Der Richter steht über seinem Opfer. Ohnehin wird das Ohr – wie bei Duccio und Giotto – nicht mit dem Schwert abgeschlagen, wie gemeinhin von christlicher Seite behauptet und übersetzt wurde. Es ist eine willentliche Verstümmelung, die Messerarbeit eines Scharfrichters. Malchus soll nichts mehr hören, soll nicht länger dem Befehl des Hohepriesters gehorchen. Aber er soll auch nichts von den Predigten des neuen Propheten vernehmen. Er soll entehrt, bestraft, für jedermann sichtbar verstümmelt werden. Das Fresco wird, nicht zuletzt wegen des tumultartigen Geschehens, der lockeren Gruppierung der Figuren und dem schwunghaften Rhythmus, nicht Fra Angelico eigenhändig zugeschrieben.

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Duccio: Das Ohr des Malchus

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Wolfgang Sofsky
Duccio: Das Ohr des Malchus

Kurz nach Giotto (im ersten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts) hat auch Duccio die Szene vom Ohrabschneider Petrus und der Gefangennahme Jesu auf der Rückseite der Maestà festgehalten. Die Tafel befindet sich heute im Dommuseum zu Siena. In der gleichfalls ziemlich turbulenten Szene attackiert der graubärtige Petrus den Malchus jedoch nicht von hinten, sondern direkt von vorn. Die Feinde sehen einander ins Gesicht. Malchus soll wegen des abgeschlagenen und dann notdürftig angeheilten Ohrs von seinem Wohltäter wenig angetan gewesen sein. Laut Johannes Chrysostomos und weiterer altkirchlicher Auslegung soll der geheilte Malchus eben jener Knecht gewesen sein, der Jesus beim peinlichen Verhör vor Hannas mitten ins Gesicht schlug. Aus Christensicht gilt solches Verhalten als besonders verabscheuenswürdig. Erst wird einer wundersam gnädig geheilt, und dann rächt er sich trotzdem für das erlittene Übel, anstatt in tiefer Dankbarkeit zu entbrennen für ein Wunder der Wiedergutmachung, das aus schlechtem Gewissen entsprang. Seitdem soll Malchas, so die Legende, ein ehr- und hoffnungsloses Leben führen, dem „Ewigen Juden“ gleich, bis zur Stunde des Jüngsten Gerichts. Man erkennt unschwer, wie die Tat des übereifrigen Ohrabschneiders Petrus zu einer der Wurzeln des christlichen Antijudaismus wurde.

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Giotto: Petrus – der Ohrabschneider

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Wolfgang Sofsky
Giotto: Petrus – der Ohrabschneider

Während Judas auf dem Ölberg seinen Anführer küßt, um den Häschern die Identität Jesu zu verraten, schneidet Petrus einem Diener des Hohepriesters Kaiphas, Malchus mit Namen, in einem Akt übereifrigen Widerstands, hinterrücks das rechte Ohr ab. Jesus soll dieses Mißgeschick laut Lukas (22,50-51) durch ein Wunder wieder aus der Welt geschafft haben, indem er den Verletzten berührte, so daß ihm die Ohrmuschel entweder wieder anwuchs oder sie von unsichtbarer Hand angenäht wurde. Simon Petrus, der Glaubensfels, der wenig später seinen Anführer dreimal verleugnen sollte, bewies im Garten noch energische Gegenwehr. Warum er es jedoch dabei bewenden ließ, einem der Schergen nur ein Ohr abzuschneiden, erklärt sich wohl aus der Überraschung und den Turbulenzen bei der nächtlichen Inhaftierung. Es ist jedoch bemerkenswert, daß ein Teil des friedliebenden Christentums das höchste irdische, also vorhimmlische Amt in der Nachfolge eines Ohrabschneiders eingerichtet hat. Giotto hat die Szene auf einem Fresko in der Arenakapelle zu Padua festgehalten, Petrus im Nimbus des Heiligen, Malchus ohne eine Regung des Schmerzes, ganz auf die Beobachtung des Judaskusses konzentriert.

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Duccio: Auferstehung – übel riechend

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Wolfgang Sofsky
Duccio: Auferstehung – übel riechend

Als man die Platte des Grabes beiseite schob und Lazarus nach vier Tagen Tod zu den Lebenden zurückkehrte, muß sich ein bestialischer Verwesungsgeruch ausgebreitet haben. Cadaverin und Putrescin waren auch in der Antike die wesentlichen Duftstoffe der Verwesung. Im allgemeinen wird dieses olfaktorische Übel auf Bildnissen weder gerochen noch dargestellt. Schließlich gilt die Wiederbelebung des Lazarus durch Jesus aus Nazareth als Vorwegnahme seiner eigenen Wiederauferstehung. Es ist niemals ein Wort über den typischen Ostergestank in Umlauf gekommen. Eine Ausnahme ist eine Tafel von der Rückseite der großen Maestà, die Duccio di Buoninsegna, ein Schüler Cimabues, für den Dom zu Siena gemalt hat. Im 18. Jahrhundert wurde das Werk zerlegt, das Bild des Lazarus landete schließlich im Kimbell Art Museum in Fort Worth/Texas. Während der Untote am Felsengrab erscheint, hält sich ein Verwunderter spontan die Nase zu. Duccio muß gewußt haben, daß manche Wunder einen üblen Gestank auslösen.

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Simone Martini: Geistesabwesenheit

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Wolfgang Sofsky
Simone Martini: Geistesabwesenheit

Denkt er nach oder denkt er nicht nach? Schläft er oder träumt er? In welchem Geisteszustand ist der heilige Bischof Martin von Tours? Er sitzt auf einem Klappstuhl, auf dem zuvor schon der Kaiser gesessen hat, stützt den Kopf auf den Rücken der rechten Hand und hat die Augen geschlossen. Ist er gar von Melancholie befallen, oder von einer lähmenden Traurigkeit ob des Weltzustands? Ganz hat er sich aus der Welt zurückgezogen. Die Hand des Geistlichen auf der Schulter scheint er nicht zu spüren. Das Meßbuch, das ihm ein anderer entgegenhält, sieht er nicht. In wenigen Minuten soll er die Messe lesen, die Gläubigen warten schon. Doch er ist nicht mehr da. „Meditation“ hat man dieses Fresco von Simone Martini in Assisi genannt, doch ist es eine Meditation, wenn der Geist abwesend ist, die Haut nichts spürt, das Auge nichts sieht, Sinne und Verstand mithin abgeschaltet sind und Pflicht und Moral vergessen sind? Es ist auch keine Zwiesprache mit einem höheren Wesen zu erkennen, keine innere Sammlung, kein innerer Dialog, keine Versenkung in sich selbst oder ins vermeintlich Unendliche. Man muß nicht glauben, daß jemand, dessen Geist offenbar abwesend ist, seinen Geist andernorts, im Innern „sammeln“ würde. Einen Gedanken hat, wie man weiß, ohnehin noch niemand gesehen. Womöglich sollte sich der Betrachter dieses Denkbildes eingestehen, daß es innere Zustände gibt, in denen nichts geschieht, daß es ein Innenleben geben kann, in dem nur Leere herrscht. Auch Heilige sollen ab und zu in diese Leere geraten. Man kann nicht sagen, daß der Bischof in dem anderen Zustand unglücklich aussehen würde.

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Simone Martini – Mißklang

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Simone Martini – Mißklang

Daß der Flötenspieler seinen beiden Instrumenten Töne entlockt, die das Ohr des Hörers erfreuen, ist wenig wahrscheinlich. Angetreten zur Investitur des Heiligen Martin zum Ritter, hat er sich mit hohem Hut und Prachtgewand herausgeputzt, das nicht recht zum Anlaß passen will, soll der fromme Rittersmann von nun an nur noch gegen das Böse kämpfen. Alle Aufmerksamkeit zieht er auf sich und lenkt sie damit von dem Heiligen ab. Auch seine Mißtöne lenken von dem heiligen Ritual ab. Die anderen Musikanten indes fügen sich der Situation. Fröhlich singen zwei das Loblied zur Preisung des Martin; die Finger des Chitarra-Spielers finden die rechten Töne auf dem Griffbrett. Zu einem Ensemble finden die vier Musikanten schwerlich zueinander. Wer aber ist der Flötenspieler, ein später Nachfahre des Marsyas, der den Lyraspieler Apollon keck mit sinnlicher Flötenkunst herauszufordern wagte und dafür von dem blonden Gotte gehäutet wurde? Aber Marsyas betörte die Welt mit famosem Verführungsklang und wurde dafür bestraft. Das Instrument des Pfeifers indes besitzt mehr Grifflöcher, als seine Finger jemals bewältigen könnten. Zur Wahrung des Gleichgewichts muß er den kleinen Finger der rechten Hand als Stütze benutzen. Oder verkörpert er den Dämon des Luxus, der Seelenverderbnis, der auf seine Chance lauert? Aus leichten Schlitzaugen blickt er den Betrachtern direkt ins Gesicht, als suchte er sich sein nächstes Opfer? Oder ist in dem Spielmann ein arglistiger Zauberer gegenwärtig, ein Magier, ein Teufel, der die heiligen Zusammenkunft nutzt, um mit Mißtönen dazwischen zu quäken? Bläst er gar aus doppeltem Rohr das Gift seiner heidnischen Teufelsseele in die Welt hinaus, während alle die Arglosen an das Heil des guten Ritters glauben? Das Ausblasen der Seele ist für Lebewesen, denen die Götter den Odem eingehaucht haben, immer eine fatale, unheilträchtige Beschäftigung. Doch wenn die Seele nicht nur durch zwei Rohre gleichzeitig strömt, sondern auch durch die freien, unschließbaren Grifflöcher, dann ist, was die Musik anlangt, die Grenze zum Bösen überschritten. Mißklang, Dissonanz, häßliche Luft, so spielt der Teufel, während alle anderen sich in Harmonien zu ergehen wünschen. So hat Simone Martini den Fürst der Welt inmitten des Heiligtums, der Martinskappele in Assisi an die Wand gemalt.

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Gewalt: Methode – Motiv

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Wolfgang Sofsky
Gewalt: Methode – Motiv.

Die Tat von Münster zeigt einmal mehr, daß die Methoden der Gewalt („modus operandi“) und die Motivlage des Täters unabhängig voneinander variieren können. Islamistische „Attentäter“ benutzen Messer, Schußwaffen, Autos, Sprengstoff. „Amoktäter“ benutzen Messer, Macheten, Schußwaffen, Autos, Sprengkörper. Man kann von den Waffen und dem Aktionsmodus nicht kurzerhand auf den subjektiven Sinn der Tat zurückschließen. Ohnehin weisen auch Terroristen häufig eine gemischte Motivlage auf. Sie sind nicht nur Fanatiker, manche wollen sich für etwas rächen, haben keine Lust mehr, wollen Gottesbefehlen gehorchen oder den Erwartungen einer realen oder imaginierten Gruppe folgen. „Amoktäter“ wollen sich oftmals ebenfalls an jemandem rächen, haben keine Lust mehr, wollen einer inneren Stimme folgen etc. Manche Islamisten agieren allein, „Amoktäter“ agieren auch mal zu zweit. Der terroristische Effekt ist ebenfalls sehr ähnlich. Todesgefährlich sind beide. Ihre Taten sind überraschend, wahllos, maßlos, von besonderer Brutalität. Sie verbreiten Schrecken. Wer weiß, wieviele fanatische Gefährder unerkannt herumlaufen, wer weiß,  wieviele Leute mit „psychischen Problemen“ als „Zeitbomben“ herumlaufen? Daß einer nur persönliche „Motive“ hatte, ist alles andere als beruhigend. Es gibt keinen Grund zum Aufatmen. Das wirkliche oder vermeintliche Motiv ist jedenfalls kein hinreichendes Kriterium, um Gewalttaten zu klassifizieren und zu verstehen. Was besagt die Gemütslage und Intention überhaupt über die Bedeutung einer Tat? Die Reduktion aufs angebliche Motiv führt zu Fehldeutungen, falschen Maßnahmen, voreiligen Schlüssen, allzu prompten internationalen Beileids- und Solidaritätsbekundungen.

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Zur Auslieferung des „Putschisten“ Puigdemont

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Wolfgang Sofsky
Zur Auslieferung des „Putschisten“ Puigdemont

Im Fall des Carles Puigdemont und dessen Auslieferung an die zentralspanische Repressionsjustiz wird von der Regierung Merkel sowie von manchen angeschlossenen Qualitätsmedien folgendermaßen argumentiert:

1. CP ist ein Verbrecher (genauer genommen ein „Staatsverbrecher“ wg. Aufruhr/Hochverrat bzw. „Veruntreuung öff. Steuergelder“)
2. Die spanische Justiz ist von der spanischen Regierung unabhängig, sodaß jeder „Staatsverbrecher“ ein faires Verfahren zu erwarten hat.
3. Die spanische Monarchie ist ein Rechtsstaat, der „vollstes“ Vertrauen genießt.
4. Der Katalonienkonflikt muß innerspanisch politisch gelöst werden.
5. Die Bestrebungen für eine unabhängige katalonische Republik jenseits der spanischen Monarchie sind ein verfassungswidriges Staatsverbrechen – und müssen daher politisch gelöst werden.
6. Die Bestrebungen für eine unabhängige katalonische Republik jenseits der spanischen Monarchie stören die Einheit der EU – und gehen diese daher auch nichts an.
7. Die deutsche Justiz ist von der deutschen Politik unabhängig.
8. Also geht die deutsche Politik die Auslieferung des Großkriminellen C.P. nichts an.
9. Also ist C.P. durch die deutsche Justiz gemäß EU-Haftbefehl auszuliefern.
10. Also darf die deutsche Politik ihre Hände reiben – in Unschuld durch gezielte Unterlassung.

Jeder aufmerksame Leser dieser  Pseudoargumentation erkennt sofort, welche Prämissen unrichtig sind und welche Schlußfolgerungen aus den unrichtigen Prämissen ebenfalls falsch sind. Die Kriminalisierung einer politischen Unabhängigkeitsbewegung ist eine Maßnahme zur Rechtfertigung der bewußt inszenierten eigenen Untätigkeit und ein Freibrief für die politische Repressionsjustiz in Madrid. Bekanntlich gibt es nicht nur „furchtbare Juristen“, sondern auch nicht minder „furchtbare Politiker“.

Alle Freunde der Freiheit, alle Anhänger der freien Republik Katalonien, alle Katalanen, die entweder Unabhängigkeit oder hochgradige föderale Autonomie wollen, sie alle sollten wissen, daß die deutsche Regierung Merkel/Maas auf Seiten der Monarchie und des Regimes Rajoy steht und von ihr keine Solidarität und keine Moderation zu erwarten ist.

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Wider Angst und Trost: Zwei Arten Religionskritik

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Wolfgang Sofsky
Wider Angst und Trost: Zwei Arten Religionskritik

Einer der ersten Impulse der Religions- und Götterkritik war die Absicht, Leben und Geist von unnötiger Furcht und Unruhe zu befreien. Sie zielte darauf, die Angst vor übermenschlichen Mächten, vor göttlicher Willkür, vor dem Tod zu mindern, um so eine zentrale Ursache für das Unglück der Menschen zu beseitigen. Alle Phantasien von unsterblicher Seele, ewiger Pein, drakonischen Strafgerichten, lebenslangen Gewissensgerichten sind dem Leben abträglich. Sie sind nicht nur gegenstandslos, sondern gefährlich, ruinös, destruktiv, pathogen. Zeigt sich hingegen, daß nirgendwo Götter existieren außer in der Einbildung der Gläubigen, daß die Seele (sofern so etwas überhaupt als separate Wesenheit existiert) ebenso sterblich ist wie Gehirn und Nervensystem, daß Schuldphantasien eben nichts anderes als Phantasien sind, dann haben die Menschen weder die Götter noch den Tod zu fürchten. Diese Religionskritik dient der Befreiung von Angst.

Ein wichtiger Grund für diese Furcht ist Unkenntnis. Wer keine triftige Erklärung für den Ausbruch des Vulkans, für die Dürre im Lande, das Siechtum einzelner oder den Unfall nebenan hat, der greift oft zu religiösen Spekulationen über höhere Mächte und deren Willen. Solche Spekulationen beruhen auf Unkenntnis. Doch mit dem Wissen über die Tatsachen und ihre Ursachen erweisen sich religiöse Ersatz“erklärungen“ als überflüssig und obendrein unzutreffend. Auf sie kann daher künftig getrost verzichtet werden.

In der Neuzeit hat sich die Richtung der Religionskritik verschoben. Sie will nun weniger von Angst befreien als falschen Trost und törichte Hoffnungen bekämpfen. Die Probleme dieser Welt sollen im Diesseits angegangen werden und nicht durch betrügerische Illusionen übertüncht werden. Illusionen und Religionsopium halten die Menschen davon ab, sich selbst aus ihrer elenden Lage zu befreien: durch Wissen, Arbeit, Rebellion, Fortschritt. Politik statt Religion – das ist die Losung der modernen Religionskritik, Vernunft statt Offenbarung, Demokratie statt Gehorsam. Fatalerweise mündet diese Religionskritik jedoch gelegentlich in politische Prophetie, in politische Religionen, in den unbedingten Glauben an die grenzenlose Vernunft, den „Humanismus“, die Evolution, die Wissenschaft etc. Neue politische Götter, Legenden, Mythen, Hoffnungen, Torheiten treten dann an die Stelle der alten. Und in ihrer flachsten Variante verschwistert sich eine säkularisierte Politreligion ohne Götter mit einer dünnen Werterhetorik zu einer Art „politisierter Moral“.

Kurzum: Jede Religionskritik, die sich damit begnügt, Angst und Illusionen zu destruieren, greift zu kurz, zumal dann, wenn sich Politik als Religionsersatz installiert. Stattdessen ist die Religionskritik um die Kritik der Politik zu erweitern. Politische Illusionen sind nicht minder schädlich als religiöse Wunschbilder. Der Ausgangspunkt dieser Kritik ist ein kräftiger Realismus: Es gibt Tatsachen, an denen auch die Politik, die Wissenschaft, Technik oder Moral niemals etwas ändern werden. Die Geistes- und Handlungskraft des Menschen ist begrenzt, seine Verletzbarkeit unhintergehbar, sein Tod unvermeidlich. Ausflüchte in moralische Sicherheiten wie Gedanken an die Unzerstörbarkeit des eigenen Wesens sind lediglich unglaubwürdige Manöver der Selbstberuhigung. Sicherheiten für die verängstigte Sinnlichkeit sind nur begrenzt zu haben. Wer das nicht anerkennt, wird sich immer wieder in den Fesseln einer Religion verfangen, anstatt die Tatsachen des Lebens so zu nehmen, wie sie sind.

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Laster – Inhalt

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Neu: Wolfgang Sofsky: Laster. Gesichter der Unmoral – Inhalt

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Wer vom Guten reden will, darf vom Bösen nicht schweigen. Wer aber vom Bösen sprechen will, der muß zuerst die Untugenden, Laster und Frevel verstehen, welche dem wahrhaft Bösen vorausgehen. Dennoch ergibt sich das Gute keineswegs aus der Abwesenheit des Bösen. Die Menschen hätten noch keine einzige Tugend erworben, wenn sie sich aller ihrer Laster entledigt hätten. Aber die Welt wäre erträglicher, wenn sie auf einige Unsitten, Untaten und Sünden verzichten würden. Manche Wege zum Bösen wären versperrt, würden sie sich von ihrer Gleichgültigkeit, Trägheit und Feigheit, ihrer Torheit und Hoffnung, ihrem Hochmut und ihrer Unterwürfigkeit verabschieden. Die Kritik der Laster hilft zu verstehen, was Menschen tun, empfinden und erleiden, wenn sie unmoralisch sind.

Inhalt

1. Im Garten des Bösen: Entlastungen – Ursachen? – Stufen der Unmoral – Haltung und Charakter.

2. Gleichgültigkeit: Stumpfsinn – Desinteresse – Nebeneinander – Aktive Indifferenz – Spende und Alarmruf

3. Vulgarität: Anpassung nach unten – Lob der Höflichkeit – Rüpel, Pöbel, Grobian

4. Trägheit: Phantasie und Willensschwäche – Kollektive Trägheit – Faulheit als Stigma – Stellvertretung, Organisation, Demokratie

5. Selbstmitleid: Egozentrismus – Trauer und Mitleid – Selbstgerechtigkeit – Soziale Sackgassen – Vergleiche, Opferrivalität

6. Feigheit: Mut und Kleinmut – Ängstlichkeit – Mitläufer – Unentschlossenheit – Harmoniesucht – Lob des Streits                                                   

7. Torheit: Verlust der Wirklichkeit – Selbstsucht – Verleugnung, Leichtsinn, Wankelmut – Wehmut, Hoffnung – Törichte Mehrheit

8. Starrsinn: Borniertes Denken – Moralischer Fanatismus – Ritualismus – Rechthaberei – Dogmatismus

9. Habgier: Soziale Todsünde – Beute, Jagdfieber – Wachstum – Rivalität, Ausbeutung

10. Geiz: Verzicht, Versagung – Soziale Dürre – Askese und Bescheidenheit – Sparsamkeit

11. Maßlosigkeit: Verschwendung, Luxus, Konsum – Wunschzwang – Zeit der Verschwendung – Das Fest

12. Neid: Vergleich – Phantasien, Einsamkeit – Eifersucht – Schimpfklatsch – Ehrgeiz und Wettbewerb

13. Ungerechtigkeit: Empörung – Soziale Gerechtigkeit – Brüderlichkeit, Gleichheit – Verteilung, Vergeltung – Vertragsbruch, leere Versprechen – Soziale Schulden – Undankbarkeit, Schmähung – Politische Gerechtigkeit?

14. Geltungssucht: Reviere der Eitelkeit – Aufwärts! – Strategien des Dünkels – Prestige der Dinge – Niederlagen

15. Hochmut: Säkularisierung der Hybris – Selbstfixierung – Arroganz, Macht – Die Auserwählten – Kollektive Hybris

16. Unterwürfigkeit: Moderne Devotion – Selbstentwertung – Demut, Eifersucht – Kriecherei und Konkurrenz

17. Zorn: Wut oder Zorn – Anlässe, Ärger – Affekte der Feindseligkeit – Eindämmung – Protestmasse, Lynchmob

18. Hinterlist: Gefilde der Heimtücke – Rationalität der Arglist – Verstellung – Lüge – Verschweigen, Verführung – Verleumdung, Verschwörung – Verrat

19. Grausamkeit: Totale Überwältigung – Kreativität – Feigheit, Terror – Zeit und Raum – Folter – Fronarbeit – Schändung, Marter – Massaker

20. Inferno

21. Abbildungen

22. Literatur

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