Blutrat in Brüssel

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Wolfgang Sofsky
Blutrat in Brüssel

Von 1567 bis 1573 wurden die Niederlande vom „Rat der Unruhen“, den die Einheimischen alsbald den „Blutrat“ nannten, tyrannisiert. Der spanische König Philipp II. entsandte den berüchtigten Herzog von Alba als Statthalter mit spanischen Truppen, um den einheimischen Adel und den Aufruhr (Rebellion!) der calvinistischen „Ketzer“ und Bilderstürmer zu unterdrücken. Albas Aufgaben waren klar definiert: Bestrafung der Rebellen, Stärkung der Zentralmacht, Reform des Steuersystems zugunsten des Königs, d.h. Konfiszierung einhemischen Vermögens zugunsten der Krone. Bereits eine Woche nach seinem Eintreffen in Brüssel setzte Alba den Rat der Unruhen ein. Er konnte, ungeachtet des Standes, jede verdächtige Person vor Gericht laden und aburteilen. Revision oder Berufung waren nicht vorgesehen. Das Urteil war unwiderruflich und an keine weitere Autorität gebunden. Der Blutrat war nichts anderes als die Fortsetzung spanisch-katholischer Besatzungsmacht mit den Mitteln der Blutjustiz. Die bekanntesten Opfer des Rats, desssen Beschlüsse zuletzt von Alba selbst oder seinem Günstling, dem Lizentiaten Vargas gefällt wurden, waren die Grafen Egmont und Philipp van Hoorne, die am 5. Juni 1568 in Brüssel hingerichtet wurden. Die Schreckensherrschaft Albas löste eine Flüchtlingswelle aus, bis zu 18.000 Todesurteile soll der Blutrat verhängt haben.

„Alle Gefängnisse, deren der Herzog gleich beim Antritt seiner Verwaltung eine große Menge hatte neu erbauen lassen, waren von Delinquenten vollgepreßt; Hängen, Köpfen, Vierteilen, Verbrennen waren die hergebrachten und ordentlichen Verrichtungen des Tages; weit schon seltener hörte man von Galeerenstrafe und Verweisung, denn fast keine Verschuldung war, die man für Todesstrafe zu leicht geachtet hätte.“ (Friedrich Schiller, Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung ,1788).

Es dauerte achtzig Kriegsjahre, bis die Niederlande die Unabhängigkeit von Spanien errungen hatten. Parallelen zu aktuellen Vorkommnissen in Madrid, Barcelona und Brüssel sind rein zufällig.

© WS 2017

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Moses Mendelssohn: Kleine Schwingungen

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Wolfgang Sofsky
Moses Mendelssohn: Kleine Schwingungen

1783 veröffentlicht der Aufkärer Moses Mendelssohn „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“. Im zweiten Abschnitt findet sich ein nüchternes Fazit der sittlichen und moralischen Qualitäten des Menschengeschlechts, vor allem jedoch eine Absage an jede Illusion von sittlichem Fortschritt. Ein solcher ist in der Geschichte und in der göttlichen Vorsehung (sofern es solches geben sollte) nicht  vorgesehen. Man soll sich illusionärer Hypothesen und blinder Hoffnungen enthalten und „umherschauen auf das, was wirklich geschieht.“ Der Realist Mendelssohn kommt ohne Fortschrittsglauben aus, im Gegensatz zu jedweden „Idealisten“ wie Lessing, Kant, Fichte, Hegel, Marx etc., im Gegensatz aber auch zu den atheistischen Fortschrittsgläubigen des Pariser Holbach-Kreises, die auf den läuternden Fortschritt durch die Erkenntnisse der Wissenschaften hoffen. Vom Geschwätz der populären politischen Ideologien jeglicher Couleur wollen wir gar nicht reden.

„Aber daß auch das Ganze, die Menschheit hienieden, in der Folge der Zeiten immer vorwärts rücken und sich vervollkommnen soll, dieses scheint mir der Zweck der Vorsehung nicht gewesen zu sein…. Nun findet ihr,in Absicht auf das gesamte Menschengeschlecht, keinen beständigen Fortschritt in der Ausbildung, der sich der Vollkommenheit immer weiter näherte. Vielmehr sehen wir das Menschengeschlecht im ganzen kleine Schwingungen machen; und es tat nie einige Schritte vorwärts, ohne bald nachher, mit gedoppelter Geschwindigkeit in seinen vorigen Zustand zurück zu gleiten… Der Mensch geht weiter; aber die Menschheit schwankt beständig zwischen festgesetzten Schranken auf und nieder; behält aber, im ganzen betrachtet, in allen Perioden der Zeit ungefähr dieselbe Stufe der Sittlichkeit, das selbe Maß von Religion und Irreligion, von Tugend und Laster, von Glückseligkeit  und Elend.“ 

Eine realistische Sicht auf die Zeitläufte erfordert indes eine theoretische Einstellung aus der Perspektive des unbeteiligten Zuschauers. Ihr bietet sich das Welttheater als das dar, was es ist. Die an praktischer, sittlicher Vervollkommnung interessierten Dichter und  Denker, Pädagogen, Pastoren und Politiker sind viel zu sehr mit der Erziehung und „Rettung“ des Menschengeschlechts befaßt, als daß sie die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens sehen, geschweige denn einsehen könnten. Die theoretische Einstellung ist ihnen unmöglich. Die Trauer würde sie lähmen, der Zorn der Vergeblichkeit würde sie rasend machen. Irgendwann fällt der Vorhang vor diesem statischen Trauerspiel.

© W.Sofsky 2017

Freiheit, Katalonien, deutsche Reaktionen

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Wolfgang Sofsky
Freiheit, Katalonien, deutsche Reaktionen

Im ach so freisinnigen Germany reagiert man auf die Freiheitsbewegung der Katalanen mit seltsamen Etikettierungen.

Die einen sind verärgert, daß sie in ihrer Ruhe und ihrem innigen Glauben an die allseitige Welteinheit gestört werden. Andere sind erbost, daß eine Region mit knapper Mehrheit für die Freiheit votiert und dabei das Verfassungsrecht des spanischen Zentralstaates mißachtet. Es liegt in der Natur einer Sezession, daß Justiz und Recht des alten Regimes für den neuen Staat nicht mehr zuständig sind, weswegen es auch nicht ohne eine gewisse Absurdität ist, daß sich die Wortführer der Sezession nach Madrid begeben, um sich von dem dortigen Sondergericht aburteilen zu lassen. Nach der Sezession ist Madrid für Barcelona nicht mehr zuständig. Wie man seinen Häschern entkommt, ob in den Bergen, im Keller, in Brüssel, Antwerpen, Helsinki, London, Edinburgh oder New York ist eine Frage der Sicherheit und Gelegenheit. Aber was fordern die altgermanisch, protestantischen Kommentatoren? Wer sich der spanischen Repression entzieht, sei ein Feigling, der „anständige“ Widerstandskämpfer, deren Zahl in Old Germany ja seinerzeit in die Millionen ging, habe – auch ohne freies Geleit – vor das Gericht zu treten, „anständig“ zu bekennen, schließlich kann er gesinnungsmäßig nicht anders, als sich verhaften und einkerkern zu lassen. Wahrhaft Ehre hat im neuen Deutschland nur, wer sich köpfen läßt.

Wieder andere germanische Kommentatoren schreiben den Katalanen eine bewußte, halbbewußte oder unbewußte Neigung zu „Masochismus“ zu, als hätten sie die aktuelle Niederlage gegen das spanische Protektoratsregime halbwillentlich herbeigeführt, um besser und schöner leiden zu können. Auch eine Neigung zur Opferrolle dichtet man den Katalanen an. Wer verliert, ist schließlich selber schuld. Das ist besonders perfide, weil man so das, was man den Deutschen nicht zu Unrecht vorhalten konnte, ins Ausland projizieren und sich selbst damit entlasten kann: Seht nur, diese Katalanen sind genauso wehleidig und selbstgerecht wie wir selber. Aber wir haben uns davon emanzipiert, wir haben gelernt, wir sind also die historisch Besseren. Abgesehen davon, daß historische Verlierer keine Opfer sind, und man nach einer Niederlage durchaus Grund zu Trauer haben kann.

Und da sind die Staatstreuen und Staatsgläubigen aller Couleur, die Konservativen ohnehin, die Liberalen (in Germany seit je eher nationaleinheitlich als libertär gesinnt) im Zweifelsfall ebenso, und die Sozialdemokraten und Staatssozialisten schon immer. Alle fürchten sie, ihr Glaube an die Legitimität staatlicher Ordnung könne Risse bekommen, wenn sich ein paar Millionen von einem Staat lossagen und ihren eigenen gründen. So groß ist die Staatstreue und die Angst vor dem Chaos, daß der Zentralstaat auch ruhig mal etwas energischer, robuster für Ordnung sorgen darf. Lieber Ordnung als Freiheit, das ist die Devise aller Staatsparteien.

Vorgehalten wird den Katalanen auch, sie seien „unsolidarisch“, weil sie sich von Madrid steuerlich nicht ausplündern lassen wollen und nur der Zentralstaat für gerechte Umverteilung in die ärmeren Regionen sorgen könne. Es seien die Reichen, die frei sein wollten. Nun kann man getrost bezweifeln, wie effektiv und gerecht eine zentrale Umverteilung in Spanien vonstatten geht und wieviel von der Umverteilung in den Taschen der regierenden Parteien landet, deren Korruptheit und Bestechlichkeit kaum jemand ernsthaft bestreitet. Solidarität, die nicht freiwillig erbracht wird, ist keine. Umverteilung ohne Zustimmung ist nichts als Zwang und Ausbeutung. Wer wollte es den Katalanen verdenken, daß sie selbst darüber entscheiden wollen, ob und wieviel sie ärmeren Regionen zahlen wollen, für welche Gegenleistung oder als Geschenk, nach dem Prinzip Etwas für Nichts.

Übel stößt es dem Deutsch-Demokraten auf, wenn bei einer Wahl oder einem Volksentscheid ein Ergebnis herauskommt, was ihm nicht gefällt. Das dumme „Volk“ ist stets verführt worden, von blonden Strähnenköpfen beim Brexit oder von dunklen Pilzköpfen in Barcelona. Die Verführer sollten endlich mal zum Friseur gehen. Aber immer ist das Volk dumm, von „Eliten“ verführt, ahnungslos, unvernünftig. Denn vernünftig ist nur, was dem Michel gefällt, wohlrasiert und wohlfrisiert, weise und klug, wie er ist. Das Deutungsschema ist altbekannt. Die armen Millionen, sie werden immer nur verführt, schon damals wurden die Deutschen, ahnungslos und unschuldig wie sie waren, verführt – von einer Figur mit seltsamer Haar- und Barttracht. Der Verführte kann nichts dafür, daß er will, was er will; es sind die Anführer (früher „Führer“), die ihm sagten, was er wollen soll.

Ein wahrer Horror ist vielen Germanen ein drohender „Rückfall in Kleinstaaterei“ , hat man doch Jahrhunderte gebraucht, um sich von der Obrigkeit zur späten Nation einen zu lassen. Katalonien wäre ein respektabler Staat in Europa mit sieben Mill. Einwohnern, offenen Grenzen, nicht zuletzt zu Spanien, größer als ein Drittel aller EU-Staaten, größer jedenfalls als das Herkunftland eines EU-Oberen, der, aus Klein-Luxembourg stammend, unermüdlich nach Größe strebt. Kleinere Staatsgebilde bieten zahlreiche Vorteile, neben der Bürgernähe und Kontrolldichte nicht zuletzt die kürzeren Fluchtwege. Von Ludwigsburg nach Mannheim war es seinerzeit nur ein Tagesritt, und der Deutschen Freiheitsdichter Fritze Schiller war in Sicherheit.

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Schröder-Sonnenstern: Staatsnarrenschiff

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Wolfgang Sofsky
Schröder-Sonnenstern: Staatsnarrenschiff

Von Friedrich Schröder-Sonnenstern, der erst 1949, mit knapp sechzig Jahren damit begann, abseits des Kunstbetriebs mit Buntstiften Bilder zu zeichnen, die in  Grenzbereiche des Surrealen führen, stammt ein Bildnis vom Staatsschiff auf Mondgeistfahrt, dessen Verweise auf wirkliche Narrenschiffe und politische Geisterfahren zwar beabsichtigt, aber ganz und gar zufällig ist.

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Joan Miró: Le Faucheur

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Joan Miró: Le Faucheur

1937 malte der „internationale Katalane“ Joan Miró im Pavillon der spanischen Republik bei der Weltauststellung zu Paris, gegenüber von Picassos (einem anderen internationalen Katalanen!) „Guernica“ ein großes Wandbild: „Le faucheur“ – „Der Schnitter“ oder „Aufständischer katalanischer Bauer“, einen schmalen Rumpf, darauf hochgereckt ein Kopf. Das Bild ist verschollen, aber ein Photo zeigt Miró bei der Arbeit.

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Öffentlicher Ungehorsam

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Wolfgang Sofsky
Öffentlicher Ungehorsam

Zum Repertoire des zivilen Ungehorsams gehört nicht nur der legale Arbeitskampf des Dienstes nach Vorschrift, die gezielte Non-Kooperation, der Arbeitsboykott, der Generalstreik etc., sondern auch der öffentliche Ungehorsam. Bei einer drakonischen Tyrannei ist dies natürlich hochriskant, denn eine Tyrannei wendet ihre Gewaltpotentiale auch auf der Straße ohne Limit an. In demokratischen Herrschaftssystemen, die erfahrungsgemäß binnen Stunden zur Despotie der Gewalt imstande sind, hat die öffentliche Gegenwehr ein einfaches Ziel: Sie versucht, die Regierung oder – wie im Falle Katalonien – das spanische Besatzungs- bzw. Protektoratsregime in eine Lage zu bringen, in der sie sich entscheiden muß, ob sie Tausende in den Kerker wirft oder das Feld räumt. Diesem Dilemma versucht das Regime zu entgehen, indem es die „Rädelsführer“ verhaftet und die Angst individualisiert. Jeder Rebell muß fortan fürchten, frühmorgens aus der Wohnung geholt zu werden. Auch exemplarische Bestrafungen politischer Gefangener dienen diesem Zweck der Verbreitung legalen Schreckens. Solange das Regime glaubt, die Mehrheit hinter sich zu wissen, kann es die Minderheit drakonischer Repression aussetzen. Umgekehrt kann ein massenhafter öffentlicher Ungehorsam das Regime so unter Legitimitätsdruck setzen, daß es nicht einzuschreiten wagt. Man stelle sich vor, die eingeflogene Militärpolizei sowie die politische Geheimpolizei Madrids begännen damit, jeden, der den Anweisungen der neuen Obrigkeit nicht gehorcht, abzuführen. In Brüssel wären zwar weiterhin nur sorgenvolle Mienen zu erkennen, und im philiströsen Berlin würde verlauten, die Rebellen seien schließlich selber schuld, aber in anderen Milieus und Regionen Europas genießen Massenverhaftungen nicht den besten Ruf. Öffentliche Resistenz zeigt die Entschlossenheit der Gegenmacht, die Überzeugungskraft des Mutes, nicht zuletzt die besseren Argumente des Widerstandes, zumal dann, wenn der Ungehorsam der Separatisten eine, wenn auch knappe Mehrheit der Bevölkerung Kataloniens repräsentiert.

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Franz Schubert: Streichquartett Nr.1, D 18

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Wolfgang Sofsky
Franz Schubert: Streichquartett Nr.1, D 18

Schubert soll seine Schulzeit im Konvikt der Piaristen, gelegen am Universitätsplatz Nr.796 in Wien, als „Gefängnis“ empfunden haben, dem er 1813, im Alter von sechzehn Jahren glücklich entrann. Er wurde daselbst in den üblichen Gymnasialfächern unterrichtet, von denen Latein und Mathematik nicht zu seinen Stärken zählten. Beinahe wäre er entlassen worden, hätten nicht der Direktor Lang und sein Musiklehrer Antonio Salieri sich für ihn eingesetzt. Der Kaiser persönlich faßte die Entschließung, daß dem Hofsängerknaben Schubert ein Stiftungsplatz zu gewähren sei, wovon der Begünstigte jedoch keinen Gebrauch machte und das Konvikt alsbald verließ. Wortkarg soll er gewesen sein, er hielt sich abseits der anderen Zöglinge, ging auf den Spaziergängen, so ein Konviktskollege späterhin, die Hände auf den Rücken gelegt, in sich gekehrt und den Tönen nachsinnend, die in seinem Kopfe erklangen. Schubert war erster Sopransänger, im Orchester spielte er die erste Geige und hin und wieder vertrat er den Orchesterleiter am Pult. Bis zum zwanzigsten Lebensjahr komponierte Schubert rund dreihundert Lieder, einige Messen und andere geistliche Werke, Opern, fünf Symphonien, zwei Orchesterouvertüren, drei Klaviersonaten und neun Streichquartette. Das erste (D18) entstand wie die acht anderen noch während der Gefängniszeit im Konvikt um 1810 oder 1811, Schubert war damals dreizehn Jahre alt. Uraufgeführt wurde es 1812 im häuslichen Kreise, wobei Franzens Vater sich am Cellopart versuchte. Der Sinn für die Freiheit muß den jungen Kompositeur schon bei der Wahl der Tonarten und Tempi beflügelt haben. Das Quartett steht in verschiedenen Tonarten: c-moll, g-moll, F-Dur, C-Dur, B-Dur und wieder C-Dur. Dem Andante folgt ein Presto vivace, das Menuett bildet nicht den dritten, sondern den zweiten Satz. Man kann trefflich darüber grübeln, welche Einflüsse sich bei dem jungen Werk nachweisen lassen und inwiefern es sich von den Meisterwerken des „reifen“, nur ein paar Jahre älteren Schubert unterscheidet. Doch verblüffender ist ein Sachverhalt, der für Schuberts Musik nicht untypisch ist: 1 die Generalpause, in der alle Stimmen schweigen und zusammen neu, von vorn beginnen müssen, weil keine eine Überleitung weiß; 2. Die kreisende, schweifende, endlose Wiederholung, in der die Musik auf der Stelle zu treten scheint, weil keine Stimme weiß, wie es weitergehen soll. Gespielt wird der erste Satz des frühen Werks von vier jungen Prager Musici, deren Namen leider nicht zu ermitteln war. Sie spielen bravourös, beweglich und – nicht ohne dramatische Verve (unruhige Handkamera bitte entschuldigen!): https://www.youtube.com/watch?v=NoleHj-hcPA

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Walzer Nr. 13: Tschaikowski – 5. Symphonie

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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr. 13: Tschaikowski – 5. Symphonie

Zu den großen Walzer-Kompositeuren gehört zweifellos Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Man hat hier nicht nur an die Ballettmusiken zu denken, sondern auch ans Klavierwerk oder an die fünfte Symphonie, deren dritter Satz ein Walzer in A-Dur ist. Das „Schicksalsmotiv“, das die gesamte Symphonie prägt, überschattet dieses schlanke, nur punktuell aufschwelgende Allegro moderato kaum. Es ist, als befreie sich der Tanz von dem Steingewicht der Vorsehung, als führe er leichten Schrittes aus dem Bannkreis des Murrens, Zweifelns, Klagens hinaus. Erich Leinsdorf, der noch Bruno Walter und Arturo Toscanini assistiert hatte und nach der Emigration 1938 viele Jahre an der Met epochale Aufführungen leitete, übernahm 1962 von Charles Münch das Boston Symphony Orchestra. Mit diesem Klangkörper mit seinen exzellenten Holzbläsern (Klarinette, Fagott!) spielte er 1969 Tschaikowskis Symphonie: beweglich, frei im Tempo, leichtfüßig im Trio, mit minimal präziser Schlagtechnik: https://www.youtube.com/watch?v=LrHvTxiNFm4

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Ziviler Ungehorsam: Dienst nach Vorschrift

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Wolfgang Sofsky
Ziviler Ungehorsam: Dienst nach Vorschrift

Sollte das katalanische Parlament am Donnerstag die Unabhängigkeit des Landes beschließen, drohen aus Madrid repressive Maßnahmen: die Verhaftung des Präsidenten und seine Aburteilung zu 30 Jahren Kerker, die Inhaftierung der 13 Mitglieder der Regionalregierung plus deren Aburteilung wegen Rebellion, die Entlassung von rund 180 leitenden Beamten und deren vorsorgliche Inhaftierung bzw. Hausarrest, die sukzessive Entlassung von 162.000 katalanischen Beamten, sofern sie der Unterstützung der Freiheitsbewegung verdächtig sind, ebenso die Entlassung weiterer 84.000 Angestellter der lokalen Verwaltungsbehörden. Von den 74.000 Lehrern wird ohnehin die Mehrheit der Unabhängigkeitsbewegung zugerechnet. Neben der Statuierung von Exempeln zur allgemeinen Abschreckung bietet sich der Repression durch die Zentralregierung also ein weites Feld abgestufter oder drakonischer, erdoganähnlicher Maßnahmen. Für die Aufrührer, Rebellen, Hochverräter dürfte der Platz in den Gefängnissen kaum ausreichen.

Umgekehrt bieten sich den Bediensteten naturgemäß eine Reihe von Widerstandsformen. Sie reichen vom öffentlichen Protest, der plakativen Verweigerung des Gehorsams bis zum „Dienst nach Vorschrift“. Insbesondere letztere, wenig spektakuläre Form des Widerstrebens kann ein direktives Zentralregime an den Abgrund bringen. Hier gilt die Devise: Ohne Weisung keine Bewegung. Keine Organisation funktioniert, wenn die Bediensteten nur nach den Regeln arbeiten, ohne Surplus-Motivation, ohne flexible Anpassungen, ohne kreative Fallbearbeitung. Beim „Dienst nach Vorschrift“ verlangsamt sich das Arbeitstempo schlagartig. Man tut nur, was exakt angeordnet ist, vergißt jede Arbeitserfahrung, wartet auf den Detailbefehl, verschleppt die Ausführung, stellt jede unnötige Rückfrage, studiert ausführlich das Regelwerk, tut nur das, was die Aufsicht kontrollieren kann, etc. etc. Am Ende erweist sich die zentrale Leitung als unfähig, sie läuft auf, ohne daß jemand etwas Verbotenes getan hätte. Der Widerstand operiert hier nicht durch die Übertretung von Verboten, sondern durch die gezielte Unterlassung von Gewohntem. Weit vor der offensiven Arbeitssabotage nutzt der „Dienst nach Vorschrift“ den Kanon der offiziellen Normen.

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Neuauflage: Todesarten. Bilder der Gewalt

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Wolfgang Sofsky
Neuauflage: Todesarten. Bilder der Gewalt

br., 280 Seiten, 34 SW-Abb., 16,80 €
CreateSpace Independent Publishing: London/Leipzig/Wroclaw 2017
zu beziehen über Amazon.

Inhalt:

Gewalt im Bild –
I. Tiere und Menschen: Tod und Verwandlung. Die Höhle von Lascaux – Die Apathie der Kreatur. Löwenjagd von Eugène Delacroix – Der Heilige und die Bestie.
Der Heilige Georg und der Drache von Paolo Uccello – Fleisch und Blut. Im Schlachthaus von Lovis Corinth, Der geschlachtete Ochse von Chaïm Soutine.

II. Menschenopfer: Liebe oder Gottesfurcht. Die Opferung Isaaks von Donatello – Tod am Nachmittag. Die Enthauptung des Johannes von Caravaggio – Der gemarterte Gott. Kreuzigung von Matthias Grünewald.

III. Qualen und Strafen: Der Schlund. Das Tympanon der Abteikirche Sainte-Foy in Conques-en-Rouergue, Das Kuppelmosaik im Baptisterium in Florenz – Todesarten.
Die Apostelmartyrien von Stefan Lochner – Messerarbeit. Die Schindung des Marsyas von Tizian.

IV. Freitod: Nach dem Amok. Der Tod des Aias von Exekias – Letzte Trauer. Lucretia von Rembrandt – Im Hotel. Triptychon Mai – Juni 1973 von Francis Bacon.

V. Mord und Kampf: Unter Brüdern. Die Bernwardstür am Dom zu Hildesheim – Das Attentat. Judith von Peter Paul Rubens – Die Wut der Kraft. Herkules und Antäus von Hans Baldung Grien – Tödliche Genugtuung. Das Duell von Francisco Goya.

VI. Krieg: Nach der Schlacht. Flandern von Otto Dix – Die Greuel des Aufstands.
Desastres de la Guerra von Francisco Goya – Der wilde Krieg. Photographien von Corinne Dufka, James Nachtwey und Paul Lowe.

Literatur – Abbildungsverzeichnis

WS 2017

Respice finem

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Wolfgang Sofsky
Respice finem

„Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, sagt ein mittelalterlicher Mahnspruch aus den Gesta Romanorum: Was immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende. Die Empfehlung geht nicht nur auf das apokryphe Buch „Jesus Sirach“ zurück, sondern auch auf den griechischen Fabeldichter Äsop, der einsichtigen Lesern auf den Weg gab: „Klugen Leuten ziemt es, zunächst das Ende eines Unternehmens ins Auge zu fassen und es erst dann also ins Werk zu setzen.“ Anders gesagt: Nicht derjenige handelt verantwortlich und klug, der gute Absichten, feste Überzeugungen, herzvolle Worte, unverrückbare Prinzipien zum Ausgang seiner Dezision nimmt, sondern eine umsichtige Einschätzung der faktischen Konsequenzen seiner Entscheidung.  Nur auf die laute innere Stimme zu hören, kann leicht dazu führen, daß die realen Folgen diametral der guten Absicht widersprechen.

Dieser Grundsatz erspart viele hypermoralisch gesteuerte Entscheidungen, angefangen von der Migrationspolitik der offenen Grenzen, der Umverteilungspolitik des begrenzten Reichtums, der Wirtschaftspolitik des unbegrenzten Wachstums, der Sicherheitspolitik der unbegrenzten Überwachung bis zur Konsumpolitik des begrenzten Verbrauchs. Allerdings lassen sich, da Entscheidungen oftmals Knotenpunkte für den Start konträrer und divergenter Entwicklungen sind, die Folgen selten klar voraussagen. Die Wirklichkeit der Dezision streicht zwar akute Möglichkeiten und befreit von der Last der Unentschlossenheit, aber sie erzeugt neue mögliche Welten in der Zukunft. Nur der allwissende Dämon kennt bereits alle Konsequenzen, die erwünschten und die unerwünschten.

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