Jacob Burckhardt: Kritik des Islam

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Wolfgang Sofsky
Jacob Burckhardt: Kritik des Islam

Im 3. Buch der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ von Jacob Burckhardt, an dessen 200. Geburtstag am 25.5. zu erinnern ist, findet sich eine harsche Kritik an der Religion des Islam samt seiner kulturellen Leistung und seiner politischen Folgen. In Zeiten, da naive Religionsfreunde aller Art von der „Kultur“ des Islam schwärmen, ist es nützlich, eine etwas reservierte Sichtweise zur Kenntnis zu nehmen:

„Der Islam, der eine so furchtbar kurze Religion ist, ist mit dieser seiner Trockenheit und trostlosen Einfachheit der Kultur wohl vorwiegend eher schädlich als nützlich gewesen, und wäre es auch nur, weil er die betreffenden Völker gänzlich unfähig macht, zu einer andern Kultur überzugehen. Die Einfachheit erleichterte sehr seine Verbreitung, war aber mit derjenigen höchsten Einseitigkeit verbunden, welche der starre Monotheismus bedingt, und aller politischen und Rechtsentwicklung stand und steht der elende Koran entgegen; das Recht bleibt halbgeistlich.

Das Beste vielleicht, was vom Kultureinfluß des Koran sich sagen ließe, wäre, daß er die Tätigkeit als solche nicht proskribiert, die Beweglichkeit (durch Reisen) veranlaßt – worauf die Einheit dieser Bildung vom Ganges bis Senegal beruht – und ganz wüste orientalische Gaukelmagie ausschließt.

Aber auch die trübste christliche Kontemplation und Askese war der Kultur nicht so schädlich wie der Islam, sobald man folgendes erwägt:

Abgesehen von der allgemeinen Rechtlosigkeit vor dem Despotismus und seiner Polizei, von der Ehrlosigkeit aller derer, die mit der Macht zusammenhängen, [Fußnote] wofür die Gleichheit aller, die Abwesenheit von Adel und Klerus keinen Ersatz gewähren, entwickelt sich ein diabolischer Hochmut gegenüber dem nicht-islamischen Einwohner und gegenüber andern Völkern, bei periodischer Erneuerung des Glaubenskrieges, ein Hochmut, wodurch man gegen den noch immer unverhältnismäßig größten Teil der Welt und dessen Verständnis abgesperrt ist.

Die einzigen Ideale des Lebens sind die beiden Pole: der Fürst und der zynisch-asketische Derwisch-Sufi, zu denen allenfalls noch der Landstreicher in Art des Abu Seid kommt. In die Satire, das Landstreichertum und »Büßertum« mag sich das Freie und Individuelle noch allenfalls flüchten.

In der Bildung fällt auf: das Vordrängen der Sprache und Grammatik über den Inhalt, die sophistische Philosophie, an der nur die häretische Seite frei und bedeutend ist, dann eine erbärmliche Geschichtswissenschaft, weil alles außerhalb des Islam gleichgültig und alles innerhalb des Islam Partei- oder Sektensache ist, und eine im Verhältnis zu ganz ungehemmter Empirie doch nur mangelhafte Pflege der Naturkunde. Sie haben lange nicht so viel geforscht und entdeckt, wie sie frei gedurft hätten, es fehlte der allgemeine Drang zur Ergründung der Welt und ihrer Gesetze.

Die Poesie kennzeichnet hier vor allem der Haß des Epischen, weil die Seele der Einzelvölker darin fortleben könnte; Firdusi ist nur per Konterbande da. Dazu kommt noch die für das Epos tödliche Richtung auf das Lehrhafte – die Tendenz, das Erzählende nur als Hülle eines allgemeinen Gedankens, als Parabel wert zu achten. Der Rest flüchtete sich in das figurenreiche, aber gestaltenlose Märchen. Ferner gibt es kein Drama. Der Fatalismus macht die Herleitung des Schicksals aus Kreuzung der Leidenschaften und Berechtigungen unmöglich; – ja vielleicht hindert schon der Despotismus an sich die poetische Objektivierung von irgend etwas. Und eine Komödie ist unmöglich, schon weil es keine gemischte Geselligkeit gibt, und weil Witz, Spott, Parabel, Gaukler usw. die ganze betreffende Stimmung vorwegnehmen.

In der bildenden Kunst ist nur die Architektur ausgebildet, zuerst durch persische Baumeister, dann mit Benützung des byzantinischen und überhaupt jedes vorgefundenen Stiles und Materials. Skulptur und Malerei existieren so gut wie gar nicht, weil man die Vorschrift des Korans nicht nur innehielt, sondern weit über den Wortlaut übertrieb. Was dabei der Geist überhaupt einbüßte, läßt sich denken.

Daneben besteht freilich das täuschende Bild von blühenden, volkreichen, gewerblichen islamitischen Städten und Ländern mit Dichterfürsten, edelgesinnten Großen usw., wie z.B. in Spanien unter und nach den Omaijaden.

Aber über jene Schranken hinaus, zur Totalität des Geistigen, drang man auch hier nicht durch, und Unfähigkeit zur Wandelung, zur Einmündung in eine andere, höhere Kultur war auch hier das Ende, wozu dann noch die politisch-militärische Schwäche gegen Almoraviden, Almohaden und Christen kam.“

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Hugo von Hofmannsthal: Schweigen

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Wolfgang Sofsky
Hugo von Hofmannsthal: Schweigen

In der 14. Szene des „Schwierigen“ kommt es zu folgender, selten beherzigter Einsicht:

„Hans Karl: … Durchs Reden kommt ja alles auf der Welt zustande. Allerdings, es ist ein bißl lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß Gott wie große Wirkung auszuüben, in einem Leben, wo doch schließlich alles auf die letzte unaussprechliche Nuance ankommt. Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung.

Helene: Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde keiner den Mund aufmachen.“

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Descartes: Das Schweigen der Affen

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Descartes: Das Schweigen der Affen

In einem Brief an Chanut, den französischen Botschafter in Stockholm, notierte René Descartes, eine Einsicht, die nicht nur die Existenz des Schriftstellers betrifft, sondern auch die vielfach wiederholte Unterscheidung von Arbeit und Kommunikation, von instrumentellem und kommunikativem Handeln ad absurdum führt. Die Affen (die Wilden ohnehin) jedenfalls waren unverkennbar klüger als viele moderne Philosophen und Autoren: „Die Wilden nämlich glauben, die Affen könnten sprechen, wenn sie wollten, sie täten es aber absichtlich nicht, um nicht zum Arbeiten gezwungen werden zu können. Ich bin nicht so klug gewesen, das Schreiben zu unterlassen; darum habe ich nicht so viel Ruhe, als ich durch Schweigen erhalten hätte.«

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Laster. Gesichter der Unmoral – Inhalt

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Laster. Gesichter der Unmoral – Inhalt

br., 258 S., 24 SW-Abb., 14,80 €
CreateSpace Independent Publishing Platform, London/Leipzig/Wroclaw 2018
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Wer vom Guten reden will, darf vom Bösen nicht schweigen. Wer aber vom Bösen sprechen will, der muß zuerst die Untugenden, Laster und Frevel verstehen, welche dem wahrhaft Bösen vorausgehen. Dennoch ergibt sich das Gute keineswegs aus der Abwesenheit des Bösen. Die Menschen hätten noch keine einzige Tugend erworben, wenn sie sich aller ihrer Laster entledigt hätten. Aber die Welt wäre erträglicher, wenn sie auf einige Unsitten, Untaten und Sünden verzichten würden. Manche Wege zum Bösen wären versperrt, würden sie sich von ihrer Gleichgültigkeit, Trägheit und Feigheit, ihrer Torheit und Hoffnung, ihrem Hochmut und ihrer Unterwürfigkeit verabschieden. Die Kritik der Laster hilft zu verstehen, was Menschen tun, empfinden und erleiden, wenn sie unmoralisch sind.

Inhalt

1. Im Garten des Bösen: Entlastungen – Ursachen? – Stufen der Unmoral – Haltung und Charakter.

2. Gleichgültigkeit: Stumpfsinn – Desinteresse – Nebeneinander – Aktive Indifferenz – Spende und Alarmruf

3. Vulgarität: Anpassung nach unten – Lob der Höflichkeit – Rüpel, Pöbel, Grobian

4. Trägheit: Phantasie und Willensschwäche – Kollektive Trägheit – Faulheit als Stigma – Stellvertretung, Organisation, Demokratie

5. Selbstmitleid: Egozentrismus – Trauer und Mitleid – Selbstgerechtigkeit – Soziale Sackgassen – Vergleiche, Opferrivalität

6. Feigheit: Mut und Kleinmut – Ängstlichkeit – Mitläufer – Unentschlossenheit – Harmoniesucht – Lob des Streits                                                   

7. Torheit: Verlust der Wirklichkeit – Selbstsucht – Verleugnung, Leichtsinn, Wankelmut – Wehmut, Hoffnung – Törichte Mehrheit

8. Starrsinn: Borniertes Denken – Moralischer Fanatismus – Ritualismus – Rechthaberei – Dogmatismus

9. Habgier: Soziale Todsünde – Beute, Jagdfieber – Wachstum – Rivalität, Ausbeutung

10. Geiz: Verzicht, Versagung – Soziale Dürre – Askese und Bescheidenheit – Sparsamkeit

11. Maßlosigkeit: Verschwendung, Luxus, Konsum – Wunschzwang – Zeit der Verschwendung – Das Fest

12. Neid: Vergleich – Phantasien, Einsamkeit – Eifersucht – Schimpfklatsch – Ehrgeiz und Wettbewerb

13. Ungerechtigkeit: Empörung – Soziale Gerechtigkeit – Brüderlichkeit, Gleichheit – Verteilung, Vergeltung – Vertragsbruch, leere Versprechen – Soziale Schulden – Undankbarkeit, Schmähung – Politische Gerechtigkeit?

14. Geltungssucht: Reviere der Eitelkeit – Aufwärts! – Strategien des Dünkels – Prestige der Dinge – Niederlagen

15. Hochmut: Säkularisierung der Hybris – Selbstfixierung – Arroganz, Macht – Die Auserwählten – Kollektive Hybris

16. Unterwürfigkeit: Moderne Devotion – Selbstentwertung – Demut, Eifersucht – Kriecherei und Konkurrenz

17. Zorn: Wut oder Zorn – Anlässe, Ärger – Affekte der Feindseligkeit – Eindämmung – Protestmasse, Lynchmob

18. Hinterlist: Gefilde der Heimtücke – Rationalität der Arglist – Verstellung – Lüge – Verschweigen, Verführung – Verleumdung, Verschwörung – Verrat

19. Grausamkeit: Totale Überwältigung – Kreativität – Feigheit, Terror – Zeit und Raum – Folter – Fronarbeit – Schändung, Marter – Massaker

20. Inferno

21. Abbildungen

22. Literatur

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Borges: Mohammed

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Borges: Mohammeds Doppelgänger

Jorge Luis Borges, der die „heiligen“ Schriften der diversen Religionen als Beitrag zur Geschichte der phantastischen Literatur begriff, womit er dieses Genre innerhalb der literarischen Gattungen etwas aufwertete und die religiösen Texte als das zu lesen lehrte, was sie tatsächlich sind, hat seinen Erzählband von der „Universalgeschichte der Niedertracht“ (1935) mit einer Geschichte über einen Doppelgänger Mohammeds abgeschlossen, welche nicht nur von dem falschen, sondern auch dem echten Propheten handelt, einem Geist ohne innere Wahrnehmung.

Ein Doppelgänger Mohammeds
Da in der Vorstellung der Moslems die Ideen Mohammed und Religion unauflöslich verschmolzen sind, hat der Herr befohlen, daß ihnen im Himmel stets ein Geist vorschwebe, der die Rolle Mohammeds spielt. Dieser Abgeordnete ist nicht immer derselbe. Ein Stadtbürger aus Sachsen, den zu seinen Lebzeiten die Algerier gefangengenommen hatten und der zum Islam übergetreten war, hatte einmal diesen Posten inne. Da er ein Christ gewesen war, sprach er zu ihnen von Jesus und sagte ihnen, er sei nicht der Sohn Josefs gewesen, sondern der Sohn Gottes; es war ratsam, ihn abzulösen. Wo sich dieser stellvertretende Mohammed befindet, ist durch eine Fackel bezeichnet, die nur den Moslems sichtbar ist.

Der echte Mohammed, der Verfasser des Koran, ist seinen Glaubensjüngern nicht sichtbar. Man hat mir gesagt, daß er ihnen im Anfang vorschwebte, daß er sich aber die Herrschaft über sie anmaßte und in den Süden verbannt wurde. Eine Gemeinde von Moslems wurde von den Dämonen angestiftet, Mohammed als Gott anzuerkennen. Um den Aufruhr zu beschwichtigen, wurde Mohammed aus der Hölle heraufgebracht und zur Schau gestellt. Bei dieser Gelegenheit sah ich ihn. Er glich den körperhaften Geistern, die keine innere Wahrnehmung besitzen, und sein Gesicht war sehr dunkel. Er vermochte die Worte auszusprechen: »Ich bin euer Mohammed« und versank unmittelbar darauf.

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Kassandra

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Kassandra

Kassandra, Tochter der Hekabe und des Troerkönigs Priamos, Schwester von Paris, Hektor, Polyxena und vielen anderen, warnte, wie man weiß, die Trojaner vor dem hölzernen Pferd, in dem sich bewaffnete Männer versteckt hielten. „Ihr Narren“, trauet niemals einem Griechen, selbst wenn er Gaben bringt“, rief sie ihren Landsleuten zu. Doch die Anhänger des Priamos bestanden darauf, das hölzerne Pferd in der Stadt zu lassen, zu Ehren Athenes und aus Furcht vor dem Zorn der Göttin. Das Ende ist bekannt. Warum aber hörten die Troer nicht auf Kassandra? Es heißt, daß Kassandra in früherer Zeit einmal im Tempel Apollons eingeschlafen war . Da erschien der blonde Gott und versprach ihr, die Kunst der Prognose und Prophezeiung  zu lehren, wenn sie mit ihm schliefe. Kassandra soll das Angebot zuerst angenommen, aber sofort bereut und zurückgenommen haben. Der Gott, in solchen Fällen sonst wenig respektvoll, bat sie zumindest um einen Kuß. Als sie diesen gewährte, spuckte er ihr in den Mund. Damit verlor sie zwar weder ihr Wissen und Klarsicht noch ihre Kunst der Voraussage, aber sie büßte ihre Glaubwürdigkeit ein. Von nun an wollte niemand mehr auf sie hören, obwohl sie alles im voraus wußte.

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Glaukos

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Glaukos

Glaukos, unfolgsamer Sohn des Kreterkönigs Minos und der Pasiphaë, nicht zu verwechseln mit dem Meeresgott gleichen Namens und auch nicht mit dem Sohn des Sisyphos oder des Lykerkönigs Hippolochos, jener Glaukos mithin jagte eine Maus durch den Palast von Knossos, fiel in ein Honigfaß und erstickte. Der Seher Polyeidos fand ihn unter hier nicht weiter zu erwähnenden Umständen und erweckte ihn wieder zum Leben. Vater Minos überhäufte den Retter mit reichen Gaben, hielt ihn jedoch auf Kreta fest, damit er dem unfolgsamen Glaukos die Kunst der Prophetie lehre. So unterrichtete der Lehrer widerwillig seinen Zögling in allem, was er wußte. Da die Kunst der Voraussage, sei es als Prognose oder Prophetie, zahlreiche Kenntnisse über die Tatsachen der Welt zur Bedingung hat, bedurfte es einiger Zeit, bis der unfolgsame Glaukos alles Nötige erfahren hatte. Als der Unterricht beendet war und Polydeios sich anschickte, zurück nach Argos zu segeln, hieß er seinen Zögling, ihm zum Abschied in den offenen Mund zu spucken. Glaukos, folgsam wie selten, tat dies, und schon hatte er alles, was er gelernt hatte, vergessen

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Garkain

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Garkain

Unweit des Liverpool River erzählte man sich einst die Geschichte von Garkain, einem fliegenden Geist, der auch gehen konnte. Zwischen den Fingern und Zehen, an den Armen und Beinen, trug er weite Flughäute. Klug soll Garkain nicht gewesen sein. Er lebte allein und kannte weder Bogen noch Speer. Das Geheimnis des Feuers hatte ihm niemand mitgeteilt. So mußte er das Wild mit bloßen Händen fangen, wozu er seine Flughäute benutzte, um die gefangenen Tiere zu ersticken. Da er seine Beute weder kochen noch braten konnte, fraß er das Fleisch roh. Garkain wurde von allen Lebewesen gefürchtet, auch von den Menschen. Wer in sein Revier kam, dessen Grenzen niemand kannte, da der Himmel nirgendwo Grenzen hat, auf den stürzte sich Garkain im Flug, spannte seine Flughäute auf und umschlang sein Opfer so lange, bis dieses kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Auch Menschen konnte er danach im ganzen verschlingen.

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Privatheit – Inhalt

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Privatheit – Inhalt

br., 156 Seiten, 9,80 €
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
London/Leipzig/Wroclaw
erhältlich weltweit bei amazon

Privatheit – Inhalt:

1. Ein Tag im Leben der Familie B.; 2. Spuren: Archiv – Im Tumult der Zeichen; 3. Herrschaft und Privatheit: Totale Kontrolle – Demokratische Repression – Recht und Verbot; 4. Rückblicke: Lob der Grenze – Rom, Renaissance, Revolution – Anstalten der Disziplin; 5. Freiheit und Privatheit: Angreifer – Verdichtung, Anonymität – Lob der Privatheit ; 6. Reservate des Individuums : Haut und Berührung – Personaler Raum, Besitzreservat – Verletzungen, Verunreinigungen – Etikette, Höflichkeit – Verhaftung, Visitation; 7. Geheimnisse des Körpers: Scham – Sex – Drogen – Schmerz, Freitod – Ermittlung, Enthüllung – Nacktheit – Biopolitik; 8. Private Räume: Das „traute Heim“ – Intimität – Auto – Transparenz, Wanzen, Kameras – Verbrechen, Durchsuchung, Razzia; 9. Eigentum: Lob des Eigentums – Tausch, Ungleichheit  ─ Kritik der Steuer; 10. Informationen, Daten: Maskeraden des Selbst – Mitwisser, Verräter – Denunzianten, Voyeure – Indiskretion, Klatsch – Sozialdaten – Sicherheitsdaten – Arbeits- und Kundendaten; 11. Gedankenfreiheit: Innere Unfreiheit – Im Käfig der Loyalität – Indoktrination – Sucht – Politik des Geistes – Gedächtnispolitik – Redefreiheit – Kritik der Religion – Unmündigkeit; 12. Verteidigung des Privaten: Reaktionen – Barrieren – Ideologie – Öffentlichkeit, Protest – Diskretion, Konspiration; Adnoten

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Buñuel: Bildwerkschutz

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Buñuel: Bildwerkschutz

Juan Luis Buñuel, der Regisseur und Surrealist von der ersten bis zur vorletzten Stunde, erzählt in seiner Autobiographie „Mein letzter Seufzer“ einen bemerkenswerten Fall von religiöser Fürsorge. Während des Spanischen Bürgerkriegs sorgte sich eine katholische Äbtissin um das Wohl des Christuskindes. Sie meißelte das Kind aus der Marienstatue in ihrem Kloster heraus, nicht ohne der Madonna zu versprechen, das Kind sofort wieder zurückzubringen, wenn der Krieg vorüber und der Angriff der republikanischen Bilderstürmer überstanden sei. Diese Form des präventiven Bildwerkschutzes ist ohne eine gewisse Identifizierung von Abbild und Abgebildetem undenkbar. Was die steinerne Madonna von der schmerzhaften Maßnahme hielt, ist unbekannt.

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