Politik und Geist oder Lob der zynischen Vernunft

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Wolfgang Sofsky
Politik und Geist oder Lob der zynischen Vernunft

Von dem Dramatiker, Spätmarxisten und Zigarrenraucher Heiner Müller, der temporäre Schreibblockaden gelegentlich mit einer Flasche besseren Whiskys zu überwinden pflegte, ist eine Bemerkung über die zynischen Kapazitäten von Politikern überliefert. Auf die Frage, ob Politiker zynisch seien, sagte er: „Nein. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten von Politikern, daß sie ihren eigenen Reden glauben. Zum Zynismus gehört eine Intelligenz, die in der Politik nicht gefragt ist.“ Solche Bemerkung kann – überraschungsfrei – ein Lamento über die Überheblichkeit von Intellektuellen gegenüber Politikern auslösen, eine Klage über den Elitenhaß der Geisteselite oder über die Doppelzüngigkeit der Denker, die ja selbst nur nach Macht gieren. In einem Land indes, in dem der langjährige zweithöchste Staatsrepräsentant als großer Ironiker gehandelt wurde, weil er die Volksvertreter ermahnte, in den Ferien nicht allzu weit hinauszuschwimmen (wg. möglichen Rückrufs), scheint der Sinn für Selbstdistanz wenig entwickelt. Wo Politik in Moral ersäuft wird und jede zweite Rede in einer – überraschungsfreien – moralisierenden Pointe endet, ist weder die Kapazität zur Ironie noch gar zum Zynismus (was ja bekanntlich noch etwas anderes ist) ausgeprägt. Weit und breit keine Hunde in Sicht (obwohl Zynismus ja bekanntlich noch etwas anderes als Kynismus ist)! Anders gesagt: Der Wille zum Selbstbetrug ist allen Moralpredigern eigen, was wir nicht erst seit Heiner Müller, sondern spätestens seit Friedrich Nietzsche wissen. Ein Zyniker weiß, daß er lügt. Er weiß, daß ihm die Moral nur als Mittel der Macht etwas gilt. Er weiß, daß er betrügt, weil seine Hörer betrogen werden wollen. Und er wäre zugleich ein wahrhafter Ironiker, wenn er dies noch mit einer zweideutigen Offenlegung andeuten würde. Stattdessen: der Augenaufschlag der Wahrhaftigkeit, der Brustton der Selbstgerechtigkeit, der plane Appell an die – vermeintliche – Wahrheit. Dagegen hilft weder Whisky noch Zigarrenrauch.

© WS 2017

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Panik in der Gefolgschaft

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Wolfgang Sofsky
Panik in der Gefolgschaft

Jede politische Partei hat Anführer, Zu- und Beiträger, Funktionsgesellen und gemeine Mitglieder. Manchmal glauben Personen aus der zweiten, dritten oder vierten Reihe, dem Anführer,  dem sie ihren Aufstieg und Sonnenplatz verdanken, beispringen zu müssen. Ungefragt melden sie sich zu Wort, wiederholen die Worte ihres Anführers, schmücken die Sätze mit allerlei Girlanden aus, warnen vor weiteren Angriffen, bekunden moralische Entrüstung oder malen den Teufel an die Wand. Gewiß, der Untergang ihres Anführers wäre auch ihr eigener Untergang, aber für das Land, die Nation, die Welt ist ihr Anführer ebenso entbehrlich wie sie selbst. So verwechseln sie ihr eigenes Geschick mit dem Geschick aller, was nicht nur von grober Selbstüberschätzung hinten, in der zweiten, dritten, vierten Reihe zeugt, sondern auch von der Verwechslung von Klugheit und Loyalität. Der kluge Zu- und Beiträger, Funktionsgeselle und Wortmelder erkennt rechtzeitig, wann die Stunde ihres Anführers geschlagen hat. Er wechselt rechtzeitig die Claqueursclique, hält sich dezent zurück und schweigt oder sieht zu, daß er sein eigenes Profil profiliert und seinerseits Anhänger gewinnt. Die kuriosen Wortmeldungen, die gegenwärtig aus Kiel, Aachen, Frankfurt, Brüssel, Berlin und andernorts zu hören sind, scheinen jedoch weniger von Klugheit als von aufsteigender Panik zu künden. Dabei existiert das Amt weiter, auch wenn das Personal wechselt. Nur dumm, wenn es den eigenen Anführer erwischt, dem man seinen Sonnenplatz zu verdanken glaubt.

© WS 2018

Sokolov spielt „Tic, Toc Choc“

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Wolfgang Sofsky
Sokolov spielt „Tic, Toc Choc“

1722 komponierte Francois Couperin ein kurzes Stück mit dem rätselhaften, onomapoetischen Titel „Le Tic, Toc, Choc – ou Les Maillotins“, womit gewiß nicht der mittelalterliche Volksaufstand Pariser Bürger gegen das königliche Steuerregime gemeint war, die mit Bleischlägeln an die Türen des Rathauses hämmerten, sondern eher das tönende Perpetuum mobile eines klöpfelnden Cembalos, auf dem eben jenes Stück zu hören ist. Da die rechte und linke Hand meist über Kreuz liegen, war das Stück ursprünglich für zwei Cembali oder für ein Instrument mit zwei Manualen gedacht. Was man indes anstellen kann, sobald man das Stück mit trockenem Anschlag auf einem modernen Steinway spielt, demonstriert Grigory Sokolov, von dem auf dem Video indes kaum mehr als das Uhrwerk der Hände zu sehen ist: https://www.youtube.com/watch?v=8r5kecJfS2I

© W.Sofsky 2018

Festung

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Wolfgang Sofsky
Festung

Manche Kommentatoren des Zeitgeschehens wundern sich, daß trotz der Abnahme der Zuwanderungszahlen in den letzten Monaten die soziale Aversion in der Bevölkerung mehr und mehr angestiegen ist, die Aversion gegen offene Grenzen und weitere Zuwanderung aus EU-Randgebieten und aus Krisengebieten jenseits der EU. Man glaubt offenbar, gesellschaftliche Stimmungen verliefen parallel zur Statistik. Doch scheint es eine Art „Grenzbelastung“ (ähnlich dem „Grenznutzen“ bei der Bewertung von Gütern) zu geben, eine Marke, an der aktive Gastfreundschaft, Mitleid, Integrationsillusionen und Duldung unliebsamer sozialer Prozesse ins Gegenteil umschlagen. Ist diese Marke überschritten, verschieben sich die politischen Kräfteverhältnisse. Nationale Bewegungen gewinnen an Zustimmung und stellen mancherorts bereits die Regierung. Es ist ein Irrtum, darauf zu hoffen, daß diese aversive Tendenz durch weitere Regelungen oder Migrationssteuerung zu stoppen wäre. Mit einer gewissen Reaktionsverzögerung setzt sich nach der Überrumpelung von 2015/16 die Tendenz durch, die Obergrenze an Zuwanderung gegen Null abzusenken (ausgenommen sind die wirtschaftlich benötigten Fachkräfte). Manche Länder schließen die Häfen, andere ihre Landgrenzen. Die Gesellschaft der Einheimischen macht dicht: emotional, politisch, polizeilich, materiell. Dagegen hilft auch nicht die fadenscheinige Beschwörung „europäischer“ oder „globaler Lösungen“. Die erste „Lösung“ ist die eigene Festung. Sie kann mit eigenen Mitteln errichtet und verteidigt werden. Jedes Land tut das, was es selbst für sich tun kann. Und wenn man sich mit dem einen oder anderen Nachbarn verbünden kann, umso besser. Aber das ist etwas ganz anderes als eine wolkige Wertegemeinschaft oder die Fiktion eines Kontinentalstaates.

© WS 2018

Die Deutschen und die Grenze

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Wolfgang Sofsky
Die Deutschen und die Grenze

Aus gegebenem Anlaß eine Adnote von 2015:

Die Deutschen haben zu ihren Staatsgrenzen ein eigenartiges Verhältnis. Das liegt keineswegs nur an der Ambivalenz, die jeder Grenze eigen ist. Grenzen trennen und verbinden Territorien, Gruppen, Kollektive, Nationen. Sie schützen, halten fern, schließen aber auch ein. Der Gegensatz von Freiheit und Sicherheit verdichtet sich an der Grenze. Deutschlands fast schon neurotisches Grenzverhältnis dürfte jedoch von unbewußten oder halbbewußten Konflikten herrühren. Grenzen werden nicht nach ihrer Zweckmäßigkeit, sondern nach ihrem Schuldstand beurteilt. In manchen Kreisen gilt die Grenze als solche schon als politmoralischer Sündenfall. Ihre Schutzfunktion ist dabei in Vergessenheit geraten.

Man erinnere sich an einige historische Stationen. Die Nation gelangte zu ihren ersten Außengrenzen durch einen Krieg. Die innere Einheit, die Aufhebung der Zollschranken etc., erfolgte infolge gemeinsamer Expansion. Der Krieg schuf die Nation, Einheit geschah nicht in Freiheit, sondern in Kampfeinheit. Anschließend versuchte man in zwei weiteren Kriegszügen die Nationalgrenzen auszudehnen und verlor in beiden Fällen große Gebiete in West und Ost. Daraufhin zog sich eine undurchlässige, todesgefährliche Grenze mitten durch die Nation. Im Weststaat stritt man sich jahrzehntelang um die formelle Anerkennung der Ostgrenze (Oder-Neiße) und träumte zugleich von der Aufhebung aller Westgrenzen. Der Oststaat schloß seine Bevölkerung in einem Staatsgefängnis ein. Wer flüchten wollte, wurde verhaftet oder getötet. Schließlich öffnete sich die geschlossene Mittelgrenze unversehens, nach einer Massenflucht über Drittländer und nach einer unbedachten Bemerkung während eines abendlichen Pressetermins. So wurde die Mittelgrenze planiert und zum Naturschutzgebiet, zur ökologischen Schutzzone umgewidmet, garniert mit ein paar Museumsinseln mit Wachtürmen, Stacheldraht und Schauräumen zum sinnigen Grenzgedenken. Die Zeit der Grenze schien ein für allemal vorüber. Nationale Sperren wurden aufgehoben bzw. an die Peripherie des Staatesbundes (EU) verlegt. Aber dann erging, mit einer ähnlich unbedachten Bemerkung wie beim Fall der Mauer, bei einem Pressetermin die Einladung an die Welt, und nun kommen die Hunderttausende, die man gerufen, aber nicht gemeint hat.

An die Grenzfrage heftet sich der Tugendstolz der Nation, das mühsam erarbeitete gute historische Gewissen, dazu der Weltstaatstraum (seid umschlungen Milliarden), der pfarrhäusliche Begegnungsglaube (laßt alle Kindlein zu uns kommen), die Multikultiideologie (alle Kulturen sind gleich nah bei Gott, also bei uns) und der kontinentale Einheitstraum (wir sind alle Brüsselianer). Läßt man den moralpolitreligiösen Überbau einmal beiseite, dann zeigt sich, daß man mit Grenzen pragmatisch umgehen kann. Je nach Lage kann man sie öffnen oder schließen, man kann Durchgänge ausbauen, Registraturen errichten; Zäune einreißen, wenn es opportun ist, Zäune ziehen, wenn es unausweichlich ist. Keine Nation hat ein ähnlich fatales Verhältnis zu ihrer Grenze, zumal nicht wenige Landsleute noch immer hoffen, die Nation habe sich bereits in Luft aufgelöst, ein typisch deutsches Hirngespinst, das Franzosen, Spanier, Griechen, Polen, Dänen, Belgiern, Schweden, Finnen und allen anderen nicht einmal im Traum eingefallen wäre. So grenznah ist dieses Hirngespinst, daß jeder, der an die faktische Existenz der Nationen erinnert, sofort als Defaitist, Nationalist, Revanchist, Rassist, Nazi oder Motzki bezeichnet wird.

© W.Sofsky 2015

Göttertreff

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Wolfgang Sofsky
Göttertreff

Von Parmenides wurde einst berichtet, die Göttin Athene habe ihn einmal mit einem Handschlag begrüßt. Beide hätten sich „von Mensch zu Mensch“ unterhalten. Von Schamanen gibt es die Kunde, sie hätten Göttern in die Nase oder ins Ohrläppchen gebissen oder Göttinnen die Haare gekämmt, von intimeren Begegnungen gar nicht zu reden. Solche lässigen Göttertreffs sind natürlich von anderer Art, als man es von den Nomadenreligionen gewohnt ist, in denen man sich im Falle der Offenbarung in den Wüstenstaub wirft oder auf den Knien die Treppe zum Altar hinaufrutscht. Servilität ist für diese Sorte von Religionen konstitutiv.

© WS 2018

Rubinstein spielt Chopin, Scherzo cis-moll, op. 39

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Wolfgang Sofsky
Rubinstein spielt Chopin, Scherzo cis-moll, op. 39

Chopin soll, wie George Sand übermittelte, „fürchterlich in seinem Zorn“ gewesen sein. Mit schweren Gegenständen soll er hin und wieder nach seinen Schülern geworfen haben. Hätte er seinen Landsmann Rubinstein gehört, – und er hört ihn hier von der Wand herab -, er hätte dessen männliche steigerungsbereite Kraft ebenso goutiert wie seine gelassene, noble, beschwingte Freiheit. Für den Pianisten mit dem einzigartigen „goldenen Ton“ ohne technische Mätzchen und falsches Forcieren war Musizieren eine Form des Atmens. Der Hörer behält auch über Jahrzehnte seinen Ton im Ohr. Und eine nicht ganz unbekannte Anekdote über den jungen Pianisten, der in seiner Pariser Zeit etwas „unter die Räder gekommen“ war, sei hier beigefügt. Paul Dukas sagte zu Rubinstein: „Amüsieren Sie sich, soviel Sie wollen, aber vergeuden Sie sich nicht. Paris ist nichts für Sie. Fahren Sie nach Polen zurück, sorgen Sie dafür, körperlich und moralisch wieder gesund zu werden, trinken Sie Milch, reiten Sie, schlafen Sie zur rechten Zeit, kurzum, werden Sie ein rechtschaffener Mensch.“ Dies war, wie Rubinstein einräumt „ein guter Rat, und das Beste daran – ich habe ihn befolgt.“

https://www.youtube.com/watch?v=WwRBPAqtKEo

© WS 2018

Generalverdacht

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Wolfgang Sofsky
Generalverdacht

In der Bevölkerung kursieren hartnäckig Gerüchte, daß im Gefolge der unkontrollierten Zuwanderung, die durch die Magnetpolitik der deutschen Regierung willentlich begünstigt und verstärkt worden ist, die Zunahme klein- und großkrimineller Taten von der Obrigkeit und der ihnen angeschlossenen rechtlich-öffentlichen Anstalten systematisch verschwiegen, vertuscht oder ignoriert wird. Insbesondere nach den jüngsten Taten von Freiburg, Kandel, Wiesbaden und anderswo (in Velbert waren es „EU-Ausländer“, nämlich acht junge Bulgaren) hat sich neben der gesellschaftlichen Unruhe dieser Generalverdacht erneut verstärkt. Um, wie es heißt, keinen Fremdenhaß zu schüren, sollen Herkunft und Hintergrund von Eigentumsdelikten, sexuellen Belästigungen, Vergewaltigungen und Mordtaten unerwähnt bleiben. Vermutlich sind diese Gerüchte völlig gegenstandslos, wie alle Gerüchte, die nicht zutreffen. Sie stellen nicht nur die Spitze der Regierung, sondern auch Vertreter der lokalen Administration sowie die Anführer der nationalen Meinung völlig zu Unrecht unter Generalverdacht. Ebenso unzutreffend sind folgende Verdächtigungen:

Aus der Tatsache, daß einige Asylbewerber Straftäter sind, folgt nicht, daß alle Asylbewerber Straftäter sind.
Aus der Tatsache, daß viele Zuwanderer keine Mörder sind, folgt nicht, daß alle Zuwanderer keine Mörder sind.
Aus der Tatsache, daß einige Zuwanderer arabischer Herkunft und islamischen Glaubens keine Antisemiten bzw. Feinde Israels sind, folgt nicht, daß alle Zuwanderer arabischer Herkunft und islamischen Glaubens keine Antisemiten sind.
Aus der Tatsache, daß einige Regierungsmitglieder unfähig sind, folgt nicht, daß alle Regierungsmitglieder unfähig sind.
Aus der Tatsache, daß einige Deutsche Fremde willkommen heißen, folgt nicht, daß alle Deutsche Fremde willkommen heißen.
Aus der Tatsache, daß einige Deutsche blond und blauäugig sind, folgt nicht, daß alle Deutsche blond und blauäugig sind.

Die Schlußfolgerung von einigen Fällen auf die Gesamtheit ist logisch ungültig und unzulässig. Auch wenn der summarische Fehlschluß dafür sorgt, das eigene Welt- und Gesellschaftsbild in Ordnung zu halten, sind generelle Verdächtigungen noch idiotischer als Verdächtigungen, die lediglich unzutreffend sind. Davon strikt zu unterscheiden ist indes der wohlbegründete Anfangsverdacht, der durch weitere Vorfälle und Untersuchungen bestätigt oder widerlegt werden kann. Ohne Verdacht keine Ermittlung. Ein Generalverdacht indes ist schon erledigt, wenn sich ein einziger Fall findet, der das Gegenteil beweist. So ergibt sich:

Wenn es einen Deutschen gibt, der nicht blond und blauäugig ist, dann gilt nicht, daß alle Deutschen blond und blauäugig sind.
Wenn es einen Deutschen gibt, der Fremde nicht willkommen heißt, dann gilt nicht, daß alle Deutschen Fremde willkommen heißen.
Wenn es ein Regierungsmitglied gibt, das nicht unfähig ist, dann gilt nicht, daß alle Regierungsmitglieder unfähig sind.
Wenn es einen Asylbewerber gibt, der kein Straftäter ist, dann gilt nicht, daß alle Asylbewerber keine Straftäter sind.

Zur Widerlegung eines Generalverdacht genügt ein einziges Gegenbeispiel. Man muß also weder empirische Prozentzahlen ermitteln noch sich in korrektes und hasenfüßiges Verschweigen oder maximierte Empörungsrhetorik flüchten.

© WS 2018

Galgenkreuz

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Wolfgang Sofsky
Galgenkreuz

Würde der Luftschiffer Giannozzo, der sich längst geschieden hat von der Welt, heutzutage mit dem Siechkolben über die deutschen und europäischen Lande fliegen, er wäre ebenso erbost wie seinerzeit über die Mülanzer, die zum Galgen als dem Wahrzeichen ihrer Stadt eine Jubiläums-Prozession mit anschließender Jubelrede für alle teuersten Jubelseelen veranstalten. Heute haben die Münchaner wieder einmal das Kreuz zum Hochzeichen des Landes erkoren, den Galgen ihres Christus, den sie ohnehin in jeder Kirche anbeten und den ihre Pfaffen stolz auf der Brust tragen. Alle Schul- und Amtsdiener sind beauftragt, dies Wahrzeichen von Marter und Tod gut kenntlich an die Wand zu hängen, damit ein jeder Zögling erkennt, was ihm droht, wenn nicht in diesem, dann in einem späteren Leben: drangenagelt werden sie, die Unfügsamen, Ungläubigen, Ungehorsamen. Und die närrischen Pfaffen, die allen Tages vor dem Galgenkreuz auf die Knie fallen, was sind sie erbost, daß ihnen die Staatsoberen das Marterzeichen entwendet haben, mit dem sie seit Jahrtausenden die Alt-, Neu-, Voll-, Halb-, besonders aber die Abgläubigen kujoniert haben. Giannozzo, er wäre wahrlich erzürnt und riefe den Jubelseelen zu: „Nun lasset uns dieses Kreuz verehren, wenn wir zusammen sind, beim Anstich und Abstich, wenn wir am Morgen aufwachen und nachts zu Bette gehen, wenn wir lernen und arbeiten, alle Zeit. Leben soll es – das Kreuz, denn es lehrt jedermann mores, die Freunde und die Fremden.“

© WS 2018

Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581

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Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581

In der Mozart-Woche 2000 in Salzburg spielte Sabine Meyer mit dem Hagen-Quartett das Mozartsche Klarinettenquintett KV 581.

  1. Satz (Allegro): https://www.youtube.com/watch?v=rMlyFdPRxEE
  2. Satz (Larghetto): https://www.youtube.com/watch?v=K_pTcHqWQ8o
  3. Satz (Menuetto): https://www.youtube.com/watch?v=DAgoMz2Ot1I
  4. Satz (Allegretto con variazioni): https://www.youtube.com/watch?v=fmcsv_h83zo

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Zölle

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Wolfgang Sofsky
Zölle

Abgaben auf fremde Güter und Dienste sind gut, Abgaben auf eigene Güter und Dienste sind böse. Zölle, die einem selbst nützen, sind gute Zölle, wohingegen Zölle, die einem selbst schaden, den Untergang des Welthandelssystems, des Freihandels, der internationalen Gemeinschaft aller Händler bedeuten. Zölle auf eigene Güter sind allesamt „Straf“zölle, Zölle auf fremde Güter sind „Schutz“zölle. Und da sind noch die „Vergeltungs“zölle, also jene, die erhoben werden, weil der andere, der „protektionistische“, „nationalistische“ Bösewicht, Zölle erhoben hat. Fehlen noch die „Sühne“zölle, die man erhebt, um Zollübeltaten zu bestrafen. Zölle sind weit mehr als wirtschaftliche Tatsachen. In der internationalen Empörungspropaganda links und rechts des Atlantiks und Pazifiks, sind Zölle vor allem moralische bzw. unmoralische Taten. Dabei ist die Sachlage ganz einfach. Zölle werden erhoben, um staatliche Einnahmen zu erhöhen und heimischen Produzenten bzw. Steuerzahlern einen Vorteil zu verschaffen, den kanadischen Milchbauern, den US-Aluminiumwerkern, den französischen Kuhhirten, den europäischen Stahlwerkern usw. usw. Natürlich wäre die Streichung aller Zölle in der G7 für die EU „viel zu kompliziert“, wie ein eilfertiger Brüsselokrat sofort zu bedenken gab. Ein einzelnes EU-Land, selbst wenn es schon groß ist und der G7 angehört, hat sich dem EU-Zollregime zu unterwerfen und kann nicht einfach national einer Zollfreiunion beitreten. So garantiert die EU, daß weiterhin Straf-, Vergeltungs, EU-Schutzzölle erhoben werden. Aber weder die Welt noch die Weltwirtschaft wird deswegen untergehen.

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Julian Barnes: „Sentimentaler Quatsch“

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Wolfgang Sofsky
Julian Barnes: „Sentimentaler Quatsch“

Von Julian Barnes ist folgender, „witziger“ Satz überliefert. Es ist der erste Satz aus dem Essay „Nichts was man fürchten müßte“, womit einmal mehr bewiesen wäre, wie bedeutsam erste Sätze für Erzählungen, Romane oder Essays sein können: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“. Sein Bruder befand dazu kurz und bündig, dieser Satz sei „sentimentaler Quatsch“, womit allerdings auch bewiesen ist, daß erste Sätze am Beginn von Romanen, Essays oder Erzählungen durchaus ziemlicher Quatsch sein können, da man schlecht jemanden vermissen kann, an dessen Existenz man nicht glaubt. Man kann jemanden vermissen, der gerade nicht da ist. Und man kann jemanden vermissen, der nicht mehr da ist. Aber man kann niemanden vermissen, der niemals da war und an dessen Dasein man auch nicht glaubt. So ergibt sich die Schlußfolgerung:  „Ich glaube nicht an Gott, und ich würde ihn nicht vermissen, wenn es ihn gäbe.“

© WS 2018