Sonntagsfrage

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Sonntagsfrage

Jede Woche wird von irgendeinem „Institut“ eine repräsentative Umfrage mit zufällig ausgewählten Personen durchgeführt, um die Stimmung im Wahlvolk zu checken. Dabei wird regelmäßig die „Sonntagsfrage“ gestellt, damit erstens) die Publikationsorgane eine Meldung haben, und zweitens) die Parteistrategen wissen, wie ihr Verein im Volke gerade eingeschätzt wird, und drittens) das Wahlvolk weiß, wie seine aktuelle Neigung ist. Die übliche Sonntagsfrage lautet: „Wen (welche Partei, etc.) würden sie wählen, wenn nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?“. Im Unterschied zu diesem sattsam bekannten Brauch könnte sich jedes stimmberechtigte Subjekt auch einmal die Frage vorlegen: Von wem möchte ich regiert werden? Und da Parteien natürlich auch aus Personen bestehen (neben den Strukturen, Regeln, Programmen, pipapo) lautet die Frage: „Von welcher Person X möchte ich regiert werden?“. Dabei stellen sich z.Z. folgende Alternativen (Personen, von denen niemand ernsthaft regiert werden will, werden hier erst gar nicht genannt. Die Reihenfolge ist – wg. der Gleichbehandlung – zufällig)

Von wem möchten Sie regiert werden?

  • C.Özdemir?
  • S.Wagenknecht?
  • A.Merkel?
  • weiß nicht
  • möchte nur von mir selber regiert werden
  • Ch.Lindner?
  • G.Gabriel?
  • H.Seehofer?
  • möchte von niemandem regiert werden.

© WS 2017

Eliteherrschaft

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Wolfgang Sofsky
Eliteherrschaft

Das Konzept der Machtelite, wie es C.Wright Mills, in den 50er Jahren vorgestellt hat, um die Dominanz eine Gruppe von Politikern, Unternehmern und Militärs zu bezeichnen, wirft gewiß eine Reihe von Problemen auf. So wird man in Zeiten der „Mediengesellschaft“ auch Personen und Organe aus dem Bereich der organisierten Öffentlichkeit, der Meinungselite hinzuzählen müssen, ebenso das Leitungspersonal der Verwaltungen, Justiz, der Kultur und diverser Verbände. Daß die Machtelite keine homogene Kleingruppe ist, versteht sich von selbst. Wenn Bankiers, Politiker, Journalisten, Verleger und Bischöfe keine organisierte pressure group bilden, so ist das jedoch kein Indikator für gegenseitige Unabhängigkeit, sondern im Gegenteil das Zeichen einer unübersehbaren Übereinstimmung zwischen den Teileliten. Insbesondere die machiavellische Tradition von Pareto oder Mosca hat zudem auf Fraktionen und Rivalitäten innerhalb oder zwischen Eliten verwiesen. Die spätmarxistische Sichtweise redet weiterhin lieber von herrschender Klasse, meint jedoch der Sache nach wenig anderes.

Wie immer, zu den Verschleierungsstrategien der Herrschaft gehört es, die Tatsache von Machteliten oder herrschenden Klassen zu leugnen oder diese Diagnosen, wie heute üblich, als „demokratiefeindlich“, „rassistisch“, „faschistisch“ oder „reaktionär“ zu diffamieren. Meist kommen diese Diffamierungen aus dem Munde der Vorsprecher der entsprechenden Eliten. Eliten zu leugnen heißt, Macht zu leugnen. Und auf diesen Schwindel sollte niemand hereinfallen. Auch der „subtile“ Hinweis aus pseudoliberalem Munde, Machteliten seien ja nur „Leistungseliten“ ist erkennbar eine ideologische Verkleisterung. Niemand hat bestritten, daß manche Angehörigen moderner Machteliten bis zum Umfallen arbeiten, schließlich macht soziale und politische Macht immer eine gewisse Arbeit, aber daraus folgt nicht, daß diese Macht deswegen gerechtfertigt sei. So schwierig manches Detailproblem des Elitekonzepts auch sein mag, kritische Beobachter des Zeitgeschehens sollten sich die Rede von Elite und Eliteherrschaft von den Freunden der Macht nicht untersagen lassen.

© W.Sofsky 2017

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Lautlos. 71 kurze Geschichten
104 Seiten, 7,60 €; 8,20 USD; 6,30 GBP.
Createspace Independent Publishing, London/Leipzig/Wroclaw 2017
zu beziehen über Amazon.

Inhalt: Lautlos S.5, Fälle 6, Grundlos 7, Der Bote 8, Käsetorte 11, Pferdegetrappel 12, Keine Umstände 14, Der Austräger 16, Ein Spaßmacher 17, Hülsen 18, Holzkatzen 19, Festmahl 20, Am Straßenrand 22, Samstagnachmittag 23, Licht 24, Rühreier 26, Lange Bahn 28, Lavendel 29, Baskenmütze 30, Blindweiß 31, Atemlos 32, Kabel 33, Fürsorge 34, Gleisbett 35, Der Koffer 36, Schatten 38, Tor 39, Der Zigarillo 40, Stellenausschreibung 41, Der Berg 43, Drei Brüder 44, Ein Unfall 45, Erinnerungen 46, Schlaflos 47, Sand 48, Müllkipper 49, Krokodile 50, Ein Elefant 51, Blechkannen 52, Pflanzenschmerz 53, Vikunja 55, Die Peitsche 56, Konzert 58, Rückkehr 60, Der Ring 61, Glissando 62, Favoriten 63, Schließung 64, Der Inquisitor 66, Ungestüm 68, Totenspeise 70, Die Mauer 71, Fittiche 72, Die Sterblichen 73, Die Unsterblichen 76, Wortlos 79, Wortschwall 81, Lobpreis 82, Bilanzen 83, Zwei Götter 85, Rasso 86, Danach 88, Blindenzug 90, Abstieg 91, Die rote Schleife 92, Seidenkleider 93, Nachtfarben 94, Gesichter 96, Federmantel 97, Nachhall 98, Zeit 99.

Prinzip Sicherheit
162 S., 8,90 €
CreateSpace Independent Publ. Platform, Leipzig/Wroclaw 2016
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Inhalt: I. Katastrophen S. 7: Crash – Explosionen – 9/11 – Das Verhängnis – Wille zur Normalität. II. Gefahren, Wagnisse 17: Risiko und Verantwortung – Normale Gefahren. III. Kalkulation und Verleugnung 22: Glück oder Pech – Unwahrscheinliches Unglück. IV. Angst, Mut und Risikolust 27: Alarmstimmung – Lob der Courage – Kultur der Ängstlichkeit – Nischen des Wagemuts. V. Versicherungsgesellschaft 37: Geld gegen Sicherheit – Schuld und Schaden – Das Elend der Sozialkassen. VI. Soziale Komplikationen 44: Rollen, Normen, Phantasien – Vertrauen – Distanz und Verrat – Argwohn – Einsamkeit. VII. Risikowirtschaft 59: Markt und Konkurrenz – Arbeitsmarkt – Wechselfälle des Bankgeschäfts – Auf glattem Parkett – Geld und Charakter. VIII. Sicherheitsstaat 72: Herrschaft und Sicherheit – Staatsgewalt – Rechtssicherheit? – Machträume – Polizei – Der totale Sozialstaat – Ende des Staates? IX. Kriegsgefahren 85: Gefühle, Kalküle – Krieg der Soldaten – Kriegsrecht –  Der totale Krieg. X. Terror 95: Schauplätze, Motive – Vom Terrorismus zum Terrorkrieg – Herren des Schreckens – Heckenschützen, Geiselnehmer – Selbstmordattentäter – Die Schwäche des Starken – Siege des Schwachen. XI. Frieden und Sicherheit 112: Gleichgewicht der Destruktivkräfte – Der Kalte Krieg – Hegemonie – Das Weltreich – Beschleunigte Staatsbildung? XII. Freiheit oder Sicherheit 127: Negative Freiheit – Ausnahmezustand – Gefahren der Vorsorge – Totaler Terror. Anmerkungen 141
Krieg und Krise. Nachwort 2016  151

Todesarten. Bilder der Gewalt
280 S., 30 SW-Abb., 16,80 €
CreateSpace Independent Publ. Platform, Leipzig/Wroclaw 2015
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Inhalt: Gewalt im Bild S. 9, I. Tiere und Menschen: Tod und Verwandlung. Die Höhle von Lascaux 23; Die Apathie der Kreatur. Löwenjagd von Eugène Delacroix 35; Der Heilige und die Bestie. Der Heilige Georg und der Drache von Paolo Uccello 47; Fleisch und Blut. Im Schlachthaus von Lovis Corinth, Der geschlachtete Ochse von Chaïm Soutine 57. II. Menschenopfer: Liebe oder Gottesfurcht. Die Opferung Isaaks von Donatello 69; Tod am Nachmittag. Die Enthauptung des Johannes von Caravaggio 80; Der gemarterte Gott. Kreuzigung von Matthias Grünewald 92.       III. Qualen und Strafen: Der Schlund. Das Tympanon der Abteikirche Sainte-Foy in Conques-en-Rouergue, Das Kuppelmosaik im Baptisterium in Florenz 107; Todesarten. Die Apostelmartyrien von Stefan Lochner 123; Messerarbeit. Die Schindung des Marsyas von Tizian 138. IV. Freitod: Nach dem Amok. Der Tod des Aias von Exekias 151; Letzte Trauer. Lucretia von Rembrandt 160; Im Hotel. Triptychon Mai – Juni 1973 von Francis Bacon 171; V. Mord und Kampf: Unter Brüdern. Die Bernwardstür am Dom zu Hildesheim 184; Das Attentat. Judith von Peter Paul Rubens 196; Die Wut der Kraft. Herkules und Antäus von Hans Baldung Grien 207; Tödliche Genugtuung. Das Duell von Francisco Goya 219. VI. Krieg: Nach der Schlacht. Flandern von Otto Dix 229; Die Greuel des Aufstands. Desastres de la Guerra von Francisco Goya 240; Der wilde Krieg. Photographien von Corinne Dufka, James Nachtwey und Paul Lowe 251; Literatur 266. Abbildungsverzeichnis 279.

Weisenfels. Roman
236 S., 22,90 €;,
Matthes und Seitz, Berlin 2014

Einzelgänger. Erzählungen
202 S. 19,90 €,
Matthes und Seitz, Berlin 2013

Inhalt:  Die sechste Stunde S. 5; Der Einzelgänger 9;Verlorene Worte 17; Die Unnahbare 25; Eine Lehrstunde  31; Enttäuschungen 41; Nummer 403 49; Glockenblumen 58; Gelbes Licht 67; Kleine Entfernung 76; Das Nebelhorn 85; Im Landhaus 94; Das Gericht 104; Das Antlitz 112; Das Denkmal 122; Der Koffer 131; Schlechte Träume 141; Ein Handgemenge 148; Spinnenbeine 157; Ein Abkommen 166; Falsche Töne 173; Tänze 182; Die Abrechnung 190.

Das Buch der Laster,
272 S., 7,95 €
C.H.Beck, München 2009

Inhalt: Im Garten des Bösen S.7; Gleichgültigkeit 24; Vulgarität 35; Trägheit 45; Selbstmitleid 56; Feigheit 69; Torheit 87; Starrsinn 102; Habgier 116; Geiz 128; Maßlosigkeit 140; Neid 154; Ungerechtigkeit 167; Geltungssucht 187; Hochmut 198; Unterwürfigkeit 209; Zorn 221; Hinterlist 236; Grausamkeit 251; Literatur 269.

Verteidigung des Privaten. Eine Streitschrift
169 S. Pb., (mit neuem Nachwort), 10,95 €
C.H.Beck, München 2009

Inhalt: Spuren S. 7; Macht und Privatheit 17; Rückblicke 30; Freiheit und Privatheit 37; Reservate des Individuums 44; Geheimnisse des Körpers 58; Private Räume 76; Eigentum 91; Informationen 107; Gedankenfreiheit 124; Nachwort: Die Chancen des Privaten 149; Hinweise 160.

Traktat über die Gewalt,
240 S., 8,90 € (Tb)
S.Fischer, Frankfurt 2005

Inhalt: Ordnung und Gewalt S.7; Die Waffe 27; Gewalt und Leidenschaft 45; Die Gewalt, die Angst und der Schmerz 65; Die Tortur 83; Die Zuschauer 101; Die Hinrichtung 119; Der Kampf 137; Jagd und Flucht 155; Das Massaker 173; Die Zerstörung der Dinge 191; Kultur und Gewalt 209; Anmerkungen 227.

Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg
256 S., 19,90 €
S.Fischer, Frankfurt 2002

Inhalt: I: Jenseits der Grenze S.7: 1. Über das Töten 9; 2. Das Paradies der Grausamkeit 21: Irrwege, Illusionen; Imagination und Verwandlung; Ritual, Befehl, Fanal; Gewohnheit, Exzeß; 3. Aktionen 37: Amok, Der Mob, Am Pranger, Maske und Feuer;  II. Terror und Verfolgung 63: 4. Moderne und Barbarei: Zivilisation; Bürokratie; Herrschaft, Gemeinschaft, Nation; 5. Auschwitz, Kolyma, Hiroshima: Kriegsterror; Verfolgungsterror; Differenzen. 6. Terrorzeit: Attentat; Razzia; Todesmarsch. III. Krieg 113: 7. Kriegsgesellschaften: Gefecht, Belagerung; Flucht, Besatzung. 8. Die Gewalt des Krieges: Angriff auf die Sinne, Sturmlauf, Wunden. 9. Der wilde Krieg: Die Rückkehr der Marodeure; Gemetzel; Die Waffe der Schändung; Kosovo: Der Doppelkrieg; Terrorkrieg. IV. Nachwirkungen 187: 10. Vergeltung; 11. Vergessen; 12. Vom Verschwinden des Grauens. Quellen und und Anmerkungen 242.

Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager,
400 S., 19,99 € (Tb)
S.Fischer, Frankfurt 1997

© WS 2017

George Orwell: „Die Luft der Gleichheit“

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Wolfgang Sofsky
George Orwell: „Die Luft der Gleichheit“

George Orwell gehörte zu den westeuropäischen Intellektuellen, die 1936 nach Spanien eilten, um für die Republik zu kämpfen. An der Front von Aragon hielt er sich fast vier Monate in der Volksmiliz auf. Sein 1938 erschienenes Buch „Homage to Catalonia“ berichtet über den „Bürgerkrieg im Bürgerkrieg“, als Anfang Mai 1937 Kommunisten und Bereitschaftspolizei unter Anleitung sowjetischer Politkommissare in Barcelona eine Hexenjagd auf Sozialrevolutionäre, Trotzkisten und Anarchisten veranstalteten und Hunderte liquidierten. Aus seiner Zeit im Stellungskrieg an der Aragon-Front erzählt Orwell vom temporären Zustand der Anarchie unter Gleichen, eine befristete Erfahrung, welche jedoch die Faszinationskraft der Utopie von sozialer Egalität plausibel macht. Die sozialistische Propaganda beutet diese seltene Erfahrung aus, erhebt sie zum utopischen Wunschbild und planiert dabei den Unterschied zwischen befristeter Kommunität und dauerhafter Gesellschaft. Die Luft der Gleichheit ist flüchtig, aber es gibt sie.

„Als wir auf Urlaub gingen, war ich hundertfünfzehn Tage an der Front gewesen, und damals schien dieser Zeitraum einer der nutzlosesten meines ganzen Lebens gewesen zu sein. Ich war in die Miliz eingetreten, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Ich hatte jedoch kaum gekämpft, sondern nur wie ein passives Objekt existiert. Ich tat nichts als Gegenleistung für meine Rationen, außer daß ich unter der Kälte und dem Mangel an Schlaf litt. Das ist aber vielleicht in den meisten Kriegen das Schicksal der Mehrzahl der Soldaten. Wenn ich jedoch heute diese ganze Zeit rückblickend betrachte, bedauere ich sie nicht vollständig. Ich wünschte allerdings, ich hätte der spanischen Regierung etwas

wirkungsvoller dienen können. Aber von meinem persönlichen Gesichtspunkt, das heißt von dem Gesichtspunkt meiner persönlichen Entwicklung her gesehen, waren die ersten drei oder vier Monate, die ich an der Front verbrachte, weniger nutzlos, als ich dachte. Sie waren eine Art Interregnum in meinem Leben, völlig unterschieden von allem, was vorausgegangen war und was vielleicht auch noch kommen sollte. Diese Zeit lehrte mich Dinge, die ich auf keine andere Weise hätte lernen können.

Der wesentlichste Punkt bestand darin, daß ich während dieser ganzen Zeit isoliert war — denn an der Front war man fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten: selbst von dem, was sich in Barcelona ereignete, hatte man nur eine verschwommene Vorstellung, und das unter Leuten, die man etwas verallgemeinert und doch nicht zu ungenau als Revolutionäre bezeichnen konnte. Das war das Ergebnis des Milizsystems, das vor 1937 an der aragonischen Front nicht grundlegend geändert wurde. Die Arbeitermiliz, die auf den Gewerkschaften aufbaute und sich aus Leuten von ungefähr der gleichen politischen Meinung zusammensetzte, bewirkte, daß an einer Stelle die intensivsten revolutionären Gefühle des ganzen Landes zusammenkamen. Ich war mehr oder weniger durch Zufall in die einzige Gemeinschaft von nennenswerter Größe in Westeuropa gekommen, wo politisches Bewußtsein und Zweifel am Kapitalismus normaler waren als das Gegenteil. Hier in Aragonien lebte man unter Zehntausenden von Menschen, die hauptsächlich, wenn auch nicht vollständig aus der Arbeiterklasse stammten. Sie lebten alle auf dem gleichen Niveau unter den Bedingungen der Gleichheit. Theoretisch herrschte vollkommene Gleichheit, und selbst in der Praxis war man nicht weit davon entfernt. In gewisser Weise ließe sich wahrhaftig sagen, daß man hier einen Vorgeschmack des Sozialismus erlebte. Damit meine ich, daß die geistige Atmosphäre des Sozialismus vorherrschte. Viele normale Motive des zivilisierten Lebens — Snobismus, Geldschinderei, Furcht vor dem Boß und so weiter — hatten einfach aufgehört zu existieren. Die normale Klasseneinteilung der Gesellschaft war in einem Umfang verschwunden, wie man es sich in der geldgeschwängerten Luft Englands fast nicht vorstellen kann. Niemand lebte dort außer den Bauern und uns selbst, und niemand hatte einen Herrn über sich. Natürlich konnte dieser Zustand nicht andauern. Es war einfach ein zeitlich und örtlich begrenzter Abschnitt in einem gewaltigen Spiel, das augenblicklich auf der ganzen Erdoberfläche gespielt wird. Aber es dauerte lange genug, um jeden, der es erlebte, zu beeindrucken. Wie sehr damals auch geflucht wurde, später erkannte jeder, daß er mit etwas Fremdem und Wertvollem in Berührung gewesen war. Man hatte in einer Gemeinschaft gelebt, in der die Hoffnung normaler war als die Gleichgültigkeit oder der Zynismus, wo das Wort Kamerad für Kameradschaft stand und nicht, wie in den meisten Ländern, für Schwindel. Man hatte die Luft der Gleichheit eingeatmet. Ich weiß sehr genau, wie es heute zum guten Ton gehört zu verleugnen, daß der Sozialismus etwas mit Gleichheit zu tun hat. In jedem Land der Welt ist ein ungeheurer Schwarm Parteibonzen und schlauer, kleiner Professoren beschäftigt zu „beweisen“, daß Sozialismus nichts anderes bedeutet als planwirtschaftlicher Staatskapitalismus, in dem das Motiv des Raffens erhalten bleibt. Aber zum Glück gibt es daneben auch eine Version des Sozialismus, die sich hiervon gewaltig unterscheidet. Die Idee der Gleichheit zieht den normalen Menschen zum Sozialismus hin. Diese „Mystik“ des Sozialismus läßt ihn sogar seine Haut dafür riskieren. Für die große Mehrheit der Menschen bedeutet der Sozialismus die klassenlose Gesellschaft, oder er bedeutet ihnen überhaupt nichts. Unter diesem Gesichtspunkt aber waren die wenigen Monate in der Miliz wertvoll für mich. Denn solange die spanischen Milizen sich hielten, waren sie gewissermaßen der Mikrokosmos einer klassenlosen Gesellschaft. In dieser Gemeinschaft, in der keiner hinter dem Geld herrannte, wo alles knapp war, es aber keine Privilegien und kein Speichellecken mehr gab, fand man vielleicht in groben Umrissen eine Vorschau davon, wie die ersten Schritte des Sozialismus aussehen könnten. Statt mir meine Illusionen zu rauben, fesselte mich dieser Zustand. Die Folge war, daß ich noch viel stärker als vorher wünschte, der Sozialismus möge verwirklicht werden. Teilweise kam das daher, weil ich das Glück gehabt hatte, unter Spaniern zu leben. Mit ihrer angeborenen Anständigkeit und ihrem immer gegenwärtigen anarchistischen Gefühl würden sie selbst die ersten Stadien des Sozialismus erträglicher machen, wenn man ihnen nur eine Chance gäbe.“

© W.Sofsky 2017

Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

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Wolfgang Sofsky
Erich Mühsam: „Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist.“

Vierzehn Monate saß Erich Mühsam in den Zuchthäusern (Plötzensee, Brandenburg) und KZs (Sonnenburg, Oranienburg) der Nationalsozialisten in „Schutzhaft“, dann brachte ihn die SS in der Nacht des 10. Juli 1934 um. Sie schlugen ihn, injizierten ihm Gift, legten ihm eine Schlinge um den Hals und hängten ihn in der Latrine auf. Eine Woche zuvor war Theodor Eicke, der spätere Erfinder des Dachauer KZ-Modells und Generalinspekteur aller Lager, mit 150 SS-Leuten angerückt und hatte die SA-Wachleute entwaffnet. Drei Tage später wurde das KZ in der Alten Brauerei von Oranienburg aufgelöst, die überlebenden Häftlinge brachte man nach Lichtenburg.

Erich Mühsam war, neben Ernst Toller, Ernst Niekisch und seinem „Lebensfreund“ Gustav Landauer, eine der Leitfiguren der Münchener Novemberrevolution und Räterepublik, wofür man ihn zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilte. Nach knapp sechs Jahren wurde zu Weihnachten 1924 im Rahmen einer Generalamnestie freigelassen. Schon im März 1918 hatte man ihn wegen Streikaufrufen in Traunstein eingesperrt, nach wenigen Wochen aber wieder entlassen. 1915 saß er wegen Kriegsdienstverweigerung ein halbes Jahr im Zuchthaus. Und schon im Februar 1910 hatte man ihn wegen „Geheimbündelei“ kurzzeitig festgesetzt und angeklagt, später jedoch freigesprochen.

Ein alleseits „rebellisches Subjekt“ war Erich Mühsam, Literat, Anarchist, Kritiker der Sozialdemokratie, später auch der USPD und KPD, aus der er nach wenigen Wochen wieder austrat, aber auch der „Föderation kommunistischer Anarchisten“, die ihn 1925 ausschloß – wegen angeblicher Nähe zur KPD. 1931 entfernte ihn der „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ aus seiner Mitgliederkartei, wegen Verletzung der „Überparteilichkeit“. Gegner und Feinde hatte Mühsam zuhauf, bei Linken wie Rechten, aber er hatte auch Freunde, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Frank Wedekind oder Erwin Piscator, in dessen Berliner Bühnenbeirat er 1927 saß. Unermüdlich organisierte er die Opposition gegen die Autorität, gegen das Kapital, den Staat, den Krieg, gegen linken Konformismus und gegen die Nazi-Bewegung. Ebenso unermüdlich schrieb er: Satiren, Kampflyrik, Gedichte, Abhandlungen, Manifeste, Tagebücher, Memoiren, Dramen, darunter das Dokumentarstück für die Piscator-Bühne: „Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti“. Wenn niemand ihn drucken wollte, gab er seine Schriften selbst heraus. 1911-14 und 1918/19 war er Alleinautor der Monatsschrift „Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit“, von 1926 bis 1931 des Monatsmagazins „Fanal“, in dem er den Niedergang der Weimarer Republik analysierte.

Mühsam soll ein freundlicher, wenngleich etwas aufgeregter Zeitgenosse gewesen sein. Ein Antipode mit gewissen Sympathien für anarchische und allerdings (national)revolutionäre Gedanken, Ernst Jünger, schilderte im Rückblick eine Begegnung um 1930 in seinem Kriegstagebuch „Strahlungen II“: „Mühsam lernte ich bei Ernst Niekisch kennen, den ich häufig aufsuchte. Ich glaube, auch Toller war an jenem Abend dabei. Sie kannten sich aus der Zeit der Münchener Räterepublik, mit der sich die Linke eine ähnliche Absurdität wie später die Rechte mit dem Kapp-Putsch leistete. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, Mühsam begleitete mich auf dem Heimwege. Er war Bohemien vom Schlage Peter Hilles, weltfremder Anarchist, verworren, kindlich-gutmütig… Er redete in flatterndem Mantel wild, beinahe schreiend auf mich ein, so daß sich die Passanten nach der seltsamen Erscheinung umwandten, die an einen großen unbeholfenen Vogel erinnerte. Wir tauschten einige Briefe, bis kurz vor seiner Verhaftung; schreckliche Gerüchte sickerten bald über sein Schicksal durch… Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“

Die Neigung zur Bohème war beiden Autoren gemeinsam. Aber der Chemikersohn Jünger spielte im Berlin der 20er Jahre eher mit dieser Existenzform, während der Apothekersohn Mühsam viele Jahre in der Schwabinger Bohème verbracht hatte. Er wußte, daß diese Lebensform kein Spaß ist, daß sie aber einen Vorzug hat, und zwar über alle Klassen- und Standesschranken hinweg: die Freiheit.

„Meine eigene Lebensführung entsprach so wenig den Anforderungen grundsatzfester Zeitgenossen an geregelte Ausgeglichenheit, daß das Bestreben, mich doch wie jeden Menschen irgendwo einzuordnen, nur durch die Etikettierung als Bohemien erreicht werden konnte. Die mit dieser Bezeichnung verbundenen Assoziationen werden gemeinhin von Murgers Zigeunerleben und Puccinis Oper hergeleitet, wo materielle Kalamitäten so lange mit leichtsinnigen Scherzen verpflastert werden, bis die Kunstjünger arrivieren und die Kapitulation vor sittenstrammer Moral und staatsbürgerlicher Korrektheit vollziehen. Man braucht nur an die ganz großen Bohemenaturen der Weltliteratur, etwa an Li Tai Pe oder François Villon, zu erinnern, um die Seichtigkeit solcher Vorstellungen zu zeigen. Ich habe gewiß viele recht vergnügte Stunden in Gesellschaft künstlerischer Menschen verlebt, und wir haben uns gewiß, wenn kein Geld da war, mit allerlei gewagten Mitteln zu helfen gesucht, weniger, um uns zu amüsieren, als um in häufig schlimmster Not unsere Kameradenpflicht zu erfüllen, aber daß das sozusagen organisierte Bummeln den Lebensinhalt geistig bewegter Persönlichkeiten ausgemacht hätte, dafür habe ich kein Beispiel gefunden. Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium für die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerstände entgegensetzen.

Stimmt die Definition, dann habe ich nichts gegen meine Charakterisierung als Bohemien einzuwenden, dann ist aber auch klar, daß Boheme eine angeborene Eigenschaft von Menschen ist, die sich dadurch nicht ändert, daß der Freiheitswille nicht auf die Führung des eigenen Lebens in größtmöglicher Ungebundenheit beschränkt bleibt, sondern sich in Arbeit für die soziale Befreiung aller umsetzt. Bewußt oder geahnt – der Rebellentrotz der Fronde war bei all den Bohemenaturen lebendig, die nur je meinen Weg gekreuzt haben, ob sie sich aus dumpfen Proletarierkreisen, aus bigottischer Kleinbürgeratmosphäre, aus behütetem Bürgerwohlstand oder aus dem Museumsstaub adliger Herrenschlösser zur Freiheit der Künste und zur Geselligkeit auf sich selbst gestellter Menschen geflüchtet hatten“ (E.Mühsam, Unpolitische Erinnerungen, Berlin 1927).

Wie jeder Anarchist, der den diesen Ehrennamen verdient, hatte Mühsam die Aversion gegen jedwede Macht im Leib. Er träumte von ursprünglicher Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft auf Wechselseitigkeit, doch bedeutsamer als die Träume ist die kompromißlose Kritik der Macht, einschließlich der demokratischen Herrschaftsform. Vergesellschaftung des Staates, Beseitigung der Zentralmacht, Selbstverfügung in Gesellschaft, dies gehörte zu Mühsams Leitideen. Seine letzte Schrift von Anfang 1933, erschienen in einer letzten Sondernummer von „Fanal“, handelt von der „Befreiung des Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus?“ In diesem Vermächtnis findet sich auch eine, weiterhin aktuelle Passage zur Kritik der Demokratie. :

„Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder, um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen. Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden. Hierbei spielt die Regierungsform nicht die geringste Rolle. Monarchie, Demokratie, Diktatur stellen als Staatsarten nur verschiedene Möglichkeiten im Verfahren der zentralistischen Menschenbeherrschung dar. Wenn die Demokratie sich darauf beruft, daß sie dem Volksganzen die Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung mit gleichem Stimmrecht für alle gewährt, so ist daran zu erinnern, daß gleiches Stimmrecht nichts mit gleichem Recht zu tun hat und daß die Aussonderung von Abgeordneten eben die Beteiligung der Aussondernden an der Verwaltung verhindert und ihre Vertretung durch einander ablösende Machthaber bedeutet. Wo es Vorrechte des Besitzes gibt, kann kein formales Gleichsetzen von Stimmen wirkliche Gleichheit schaffen, ebensowenig wo die Selbstbestimmung der Menschen sich durch Verleihung von Macht ablösen läßt. Macht beruht immer auf wirtschaftlicher Ueberlegenheit, und die Abschaffung wirtschaftlicher Ueberlegenheit bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Macht bewirkt unter allen Umständen das Bestreben derer, die über die Macht verfügen, sie durch Neugewinnung wirtschaftlicher Ueberlegenheit zu sichern. Jeder auch nur zeitweilige Gesetzgeber, sei er Landesoberster, Minister oder Parlamentarier, fühlt sich über diejenigen, denen er Vorschriften machen darf, emporgehoben, wird also, auch wenn er es vorher nicht war, Sachwalter einer vom Ganzen gelösten Oberschicht mit anderen, gesteigerten Bedürfnissen und Lebenszielen, hört auf, der Klasse anzugehören, die sich nach den Gesetzen und Vorschriften zu richten hat. Das zeigt sich schon bei den zentralistisch organisierten Arbeitervereinigungen. Hier wird eine beamtete Führerschaft mit dem Vorrecht ausgestattet, die Richtlinien für das Verhalten und die Verpflichtungen der übrigen zu bestimmen, es entsteht Befehlsgewalt, Obrigkeit, Macht. Dadurch entsteht weiterhin eine grundsätzliche Scheidung der Interessen mit der Folge, daß der Kopf der Organisation ein Eigenleben gegenüber den Gliedern führt und daß die Verwaltung der Organisation Selbstzweck wird und stets seine Bedürfnisse wichtiger nimmt als die Aufgaben, derentwegen die Organisation geschaffen wurde.

Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihrer Handlungen zugrunde zu legen. Menschen und gesellschaftlich lebenden Tieren ist das Machtstreben nicht angeboren. Erst jahrtausendelange Gewöhnung an Vorrecht und Entrechtung hat die Menschen, nur sie, zu dem Glauben gebracht, es sei in ihrer Natur bedingt, daß der Wettstreit um den Platz an der Sonnenseite des Daseins in der Form von Machtkämpfen geführt werden müsse. Gerade aber erst die Machtkämpfe haben mit der Spaltung des Menschengeschlechts in Herrschende und Beherrschte verursacht, daß es eine Sonnenseite und eine Schattenseite des Lebens gibt. Macht kann nicht sein, wo keine Ohnmacht ist. Wer nach Macht strebt, kann sein Ziel nur erreichen, indem er andere ohnmächtig macht.“

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Religionsterror

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Religionsterror

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Schillers erste historische Schrift (1788) befaßt sich mit dem Freiheitskampf der Niederlande gegen die spanische Tyrannis. Darin findet sich im ersten Buch auch eine Charakterisierung der spanischen Inquisition. Diese Institution der Glaubensreinigung, einst erfunden gegen Sarazenen, Synkretisten, Muslime, Juden und Ketzer, betrieben von Bettelmönchen, „einer Abart des menschlichen Namens, die die heiligen Triebe der Natur abgeschworen“ und sich zu „dienstbaren Kreaturen des römischen Stuhls“ hochgedient hat, um die Wurzeln alter Religionen „auszureuten“, diese Institution trug bereits totalitäre Züge. „Inquisition hat es gegeben, seitdem die Vernunft sich an das Heilige wagte, seitdem es Zweifler und Neuerer gab.“ Die spanische Inqusition indes zielte nicht nur gegen verrufene Praktiken, sondern gegen Gesinnungen, gegen die Tiefen der Seele. Sie gab das Vorbild für alle Einrichtungen moderner Art, die mittels  Befragung, Selbstkritik, Umerziehung, Tortur, Schauprozeß, Lager oder Exekution abweichende Gedanken, Gesinnungen, Gefühle auszutilgen sucht. In jede Verästelung der Seele treibt sie den Schrecken.

„Wollte die Kirche einen vollständigen Sieg über den feindlichen Gottesdienst feiern und ihre neue Eroberung vor jedem Rückfalle sicherstellen, so mußte sie den Grund selbst unterwühlen, auf welchen der alte Glaube gebaut war; sie mußte die ganze Form des sittlichen Charakters zerschlagen, an die er aufs innigste geheftet schien. In den verborgensten Tiefen der Seele mußte sie seine geheimen Wurzeln ablösen, alle seine Spuren im Kreise des häuslichen Lebens und in der Bürgerwelt auslöschen, jede Erinnerung an ihn absterben lassen und wo möglich selbst die Empfänglichkeit für seine Eindrücke töten. Vaterland und Familie, Gewissen und Ehre, die heiligen Gefühle der Gesellschaft und der Natur sind immer die ersten und nächsten, mit denen Religionen sich mischen, von denen sie Stärke empfangen und denen sie sie geben. Diese Verbindung mußte jetzt aufgelöst, von den heiligen Gefühlen der Natur mußte die alte Religion gewaltsam gerissen werden – und sollte es selbst die Heiligkeit dieser Empfindungen kosten, So wurde die Inquisition, die wir zum Unterschiede von den menschlicheren Gerichten, die ihren Namen führen, die spanische nennen. Sie hat den Kardinal Ximenes zum Stifter; ein Dominikanermönch, Torquemeda, stieg zuerst auf ihren blutigen Thron, gründete ihre Statuten und verfluchte mit diesem Vermächtnis seinen Orden auf ewig. Schändung der Vernunft und Mord der Geister heißt ihr Gelübde, ihre Werkzeuge sind Schrecken und Schande. Jede Leidenschaft steht in ihrem Solde, ihre Schlinge liegt in jeder Freude des Lebens. Selbst die Einsamkeit ist nicht einsam für sie; die Furcht ihrer Allgegenwart hält selbst in den Tiefen der Seele die Freiheit gefesselt. Alle Instinkte der Menschheit hat sie herabgestürzt unter den Glau-ben; ihm weichen alle Bande, die der Mensch sonst am heiligsten achtet. Alle Ansprüche auf seine Gattung sind für einen Ketzer verscherzt; mit der leichtesten Untreue an der mütterlichen Kirche hat er sein Geschlecht ausgezogen. Ein bescheidner Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papsts wird geahndet wie Vatermord und schändet wie Sodomie; ihre Urteile gleichen den schrecklichen Fermenten der Pest, die den gesundesten Körper in schnelle Verwesung treiben. Selbst das Leblose, das einem Ketzer angehörte, ist verflucht; ihre Opfer kann kein Schicksal ihr unterschlagen; an Leichen und Gemälden werden ihre Sentenzen vollstreckt; und das Grab selbst ist keine Zuflucht vor ihrem entsetzlichen Arme.“

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

Lukrez: Ursprung der Gottesverehrung

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Wolfgang Sofsky
Lukrez:  Ursprung der Gottesverehrung

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Obwohl der Götterglaube keiner logischen oder argumentativen Prüfung standhält, glauben viele Menschen unverdrossen an ihre Götter, verehren sie, beten sie an und verfolgen diejenigen, die derlei Aktivitäten für Zeitverschwendung, Torheit, Unfug oder Selbstverdummung halten. Die Quellen der Religion versiegen nicht. Auch die besten Erklärungen für vermeintlich Unerklärliches, auch der Nachweis logischer, begrifflicher Inkonsistenzen, auch die Aufklärung unbewußter Wünsche, Sehnsüchte, Ängste hat nur begrenzten Erfolg. So liegt es nahe, den Ursprüngen der Gottes- und Geisterverehrung, die auf dem Globus gar vielfältige Blüten getrieben hat, nachzugehen. Lukretius, der römische Epikureer, Zeitgenosse Ciceros, Caesars und Catulls, fragt im fünften Buch des Lehrgedichts „De rerum natura“ (V,1161-1240), „woher in den Menschen der heilige Schauer gepflanzt ward, der jetzt überall noch auf dem Erdkreis Tempel auf Tempel Göttern errichtet und zwingt, sie an festlichen Tagen zu feiern“? Am Anfang waren es Traumgestalten, denen die Menschen Gefühle und erhabene Worte zuschrieben, riesige Kräfte, ewiges Leben, Unbesiegbarkeit und Wundertätigkeit. Dann erkor man diese Figuren zu kosmischen Bewegern:

„Und wie die Jahreszeiten in ständigem Wechsel sich drehten,
Ohne daß ihnen der Grund für diese Erscheinungen klar ward.
Und so flüchteten sie zu den Göttern, vertrauten sich ihnen,
Deren Geheiß und Wink, wie sie glaubten, die Welten regiere.
In den Himmel verlegen sie Tempel der Götter und Wohnsitz,
Weil auch Sonne und Mond durch den Himmel schienen zu wandeln,
Mond und Tag und Nacht und der Nacht tiefernste Gestirne
Und die nächtlichen Fackeln des Himmels und fliegenden Flammen,
Wolken und Tau und Regen und Schnee, Wind, Hagel und Blitze,
Rasend heulender Sturm und gewaltig drohender Donner.
0 unseliges Menschengeschlecht, das solches den Göttern im
Zuschrieb, ja ihnen gar der Zornwut Bitterkeit beigab!…
Frömmigkeit ist es mitnichten, verhüllten Hauptes ein Steinbild
Zu umwandeln und opfernd an alle Altäre zu treten
Oder zur Erde zu fallen der Länge nach oder die Hände
Zu den Tempeln der Götter zu heben und reichliches Tierblut
Ihren Altären zu weihn und Gelübd‘ an Gelübde zu reihen,
Sondern mit ruhigem Geiste auf alles schauen zu können…

Nicht Frömmigkeit und Götterverehrung ist die angemessene Einstellung zu den erstaunlichen Phänomenen der Natur, zu den übermächtigen Widerfahrnissen, sondern die theoretische Einstellung, die Theoria, das meditierend analytische Betrachten und Erforschen der realen Kräfte. Dies erspart auch die furchtsame Frage, ob irgendwann einmal eine Schöpfungsstunde der Welt schlug, ob es göttlicher Willkür und Macht obliegt, wie lange die Welt dauert, ob sie irgendwann untergeht oder ob die göttliche Gnade für ewigen Schwung der Gestirne sorgt. Die Frömmelei indes, sie betrachtet die Natur nach Maßstäben der Gesellschaft. Sie projiziert die Erfahrung sozialer Macht auf die Bewegungen der Natur. So bleibt den Menschen nur Zittern und Zagen, blinde Hoffnung, Wunderglaube – und Angst.

„Und: wem krampft sich das Herz nicht aus Angst vor den Göttern zusammen,
Wem fährt nicht ein entsetzlicher Schreck in die Glieder, wenn plötzlich
Furchtbarer Blitzeinschlag die vertrocknete Erde erschüttert,
Während des Himmels Gewölbe durchrollt der grollende Donner?
Zittern nicht ganze Völker alsdann? Erfaßt nicht der Schrecken
Stolzer Könige Glieder, so daß sie in Angst vor den Göttern
Fürchten, es nahe die Stunde, in der sie für scheußlichen Frevel
Oder tyrannischen Spruch die Bestrafung müßten erwarten?

Doch alle Gebete sind vergebens, zumal der Blitzgott noch nie bei gutem Wetter seine Pfeile entsandt hat. Kein Gott bewahrt den Menschen vor dem Tod. So gering ist seine Wunderkraft, daß er über das natürliche Ende nicht bestimmen kann. Der Gottesglaube indes verkleinert den Menschen und vergrößert seine Illusionen ins schier Unermeßliche.

© W.Sofsky 2017

Bellerophon

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Wolfgang Sofsky
Bellerophon

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Bellerophon, Sohn des Glaukos und Enkel des Sisyphos, Dompteur des Pegasos und Bezwinger der Chimaira, einem feuerspeienden weiblichen Ungeheuer mit dem Haupte eines Löwen, dem Leib einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange, Belerophon mithin fliegt nach bewegtem Leben zum Olymp hinan, als ob er unsterblich sei. Nach der populären Legende soll Zeus eine Stechmücke entsandt haben, die Pegasos unter dem Schwanz stach, sodaß das fliegende Pferd sich aufbäumte und den übermütigen Reiter zur Erde abwarf, woraufhin Pegasos weiter gen Himmel flog, damit Zeus ihn als Träger seiner Blitze einsetzen konnte, derweil Bellerophon in einen Dornbusch fiel, lahm, blind und einsam über die Erde wanderte, die Menschen mied, bis ihn der Tod erlöste. Gemäß einer unpopulären Legende, von der Euripides in seinem Drama „Bellerophontes“, von dem allerdings nur wenige, wenngleich entscheidende Verse überliefert sind, verhielt es sich eher umgekehrt. Bevor er in den Himmel startete, sagt der frühe Atheist:

„Sagt da einer, es gebe Götterim Himmel? Es gibt sie nicht, es gibt sie nicht, wenn man sich nicht dumm auf das alte Wort verlassen will. Betrachtet es für euch selbst, bildet eure Meinung nicht nach meinen Worten! Die Tyrannis, so sage ich, tötet sehr viele und bringt sie um ihren Besitz; Tyrannen, ihre Eide brechend, zerstören Städte. Und die, die solches tun, sind glücklicher als die, die ruhig Tag für Tag die Götter verehren. Ich kenne kleine Städte, die die Götter verehren, die größeren, frevelhaften gehorchen müssen, durch die zahlenmäßige Überlegenheit des Heeres besiegt. Wenn einer von euch faul wäre, aber zu den Göttern betete und nicht selbst für seinen Lebensunterhalt sorgte… und schlimme Unglücke lassen Religion groß wie ein Turm werden.“ (Euripides Fr286 N2)

Bellerophon fliegt mit Pegasus zum Himmel, um die Götter mit ihrer Ungerechtigkeit zu konfrontieren – der Himmelsritt als Göttertest. Zeus aber schickt einen Blitz, sodaß Bellerophon tödlich verwundet vom Pferd fällt. Die Götter existieren – unzweifelhaft -, aber sie sind ungerecht und Urprung alles Bösen. Lange währte der Expertenstreit, ob der Dichter sich selbst in der Figur äußert, was bei Euripides nicht selten ist, und ob des Zeusens Blitzstrahl nur ein Zugeständnis des Atheisten an den offiziellen Götterglauben war. Da Atheisten indes seit je zu den wenig beliebten Zeitgenossen gehören, hat die altphilologische Exegese meist an der Trennung von Autor und Figur festgehalten, ja, den Dichter zu einem Frömmling umgedeutet, der den Ungläubigen Bellerophon die gerechte Strafe erleiden läßt. Immerhin war Euripides die radikale Religionskritik nicht fremd: Entweder sind die Götter allmächtig und ungerecht, oder sie sind gerecht, aber nicht allmächtig. Wenn sie jedoch nicht allmächtig sind, so sind sie keine Götter. Und wenn sie ungerecht sind, sind sie ebenfalls keine Götter.

© W.Sofsky 2017

Xenophanes: Götterprojektionen

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Wolfgang Sofsky
Xenophanes: Götterprojektionen

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Über den Poeten Xenophanes, der um 570 a.Chr. im kleinasiatischen  Kolophon geboren wurde, stammt die Einsicht, daß nicht die Götter die Menschen erschaffen, sondern die Menschen die Götter. Geister und Götter sind nichts als Projektionen. Man hat diesen kritischen Freigeist in einen verkappten negativen Theologen umgetauft, in  einen frühen Mono- oder Pantheisten, um ihn ins christliche Entwicklungsmodell einzupassen. Doch war für ihn das Wort „Gott“ nur ein linguistischer Platzhalter für eine Art universaler Kraft, die Blumen zum Blühen, Tiere zum Laufen, Sterne zum Leuchten und Menschen zum Reden bringt. Sobald man die jeweiligen Ursachen kennt, erübrigt sich das Wort „Gott“. Bedeutsamer indes ist die Einsicht in die projektive Gestalt der Götter. Götter haben menschliche Eigenschaften, sie denken, reden, zürnen, lieben, opfern sich auf. Der anthropomorphistische Gipfelpunkt ist erreicht, wenn sich in einer Religion die Vorstellung verbreitet, der Gott sei Mensch geworden, ja er sei in Menschen selbst verkörpert. Es muß daher nicht verwundern, daß die Gottesbilder nach Ethnien und Kulturen erheblich variieren:

Homer und Hesiod haben die Götter mit allem belastet, was bei Menschen übelgenommen und getadelt wird: stehlen und ehebrechen und einander betrügen. Sie haben soviel Missetaten der Götter aufgezählt als möglich: stehlen und ehebrechen und einander betrügen.

Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond.

Aber die Menschen nehmen an, die Götter seien geboren, sie trügen Kleider, hätten Stimme und Körper – wie sie selber.

Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder in der von Rindern, und sie würden solche Statuen meißeln, ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.“ (Diels/Kranz (Hg.) Vorsokratiker 21 B11-16)

© W.Sofsky 2017

Diagoras von Melos: Atheismus der Tat

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Wolfgang Sofsky
Diagoras von Melos: Atheismus der Tat

Diagoras von Melos gilt gemeinhin als einer der ersten Vordenker, die sich den Beinamen „Atheist“ zulegten. Der Poet zeigte seinen Unglauben nicht durch Schriften oder Verse, sondern durch Handlungen. In Samothrake soll er angesichts der Weihegeschenke an die Götter für Rettung in Seenot angemerkt haben, die Gaben wären noch weit zahlreicher, wenn alle Ertrunkenen Gelegenheit gehabt hätten, lebend noch etwas zu weihen. Votivtafeln der Geretteten beweisen nicht, daß Götter sich um die Menschen kümmerten. Denn nirgends sind die Toten dargestellt, die im Meer ertrunken sind. Wie sein Lehrer Demokrit sah Diagoras den Ursprung aller Religion in der Angst vor den Schrecknissen der Natur und Geschichte. Einmal soll er das hölzerne Abbild eines Gottes ins Feuer geworfen haben, mit den Worten, der Gott möge sich doch durch ein Wunder selbst retten. Nach den Greueln in Melos Anfang 415 a.Chr., als die Athener Stadt und Insel vollständig verwüsteten, soll Diagoras in einer öffentlichen Rede den Kult der Demeter in Eleusis angegriffen und die „Mysterien“ aufgedeckt haben. Transparenz ist das Ende aller religiösen Geheimnisse und Riten. So klagte man ihn der Gottlosigkeit an, im selben Jahr, da auch Protagoras verbannt wurde. Diagoras floh nach Korinth, dann nach Pellene. Obwohl man im ganzen attischen Seereich nach ihm fahndete, war er nicht mehr aufzufinden. In Eleusis indes war die Stele mit der Ächtung und dem Fahndungsraufruf noch viele Jahrhunderte zu besichtigen.

© W.Sofsky 2017

Salafismus – deutsch!

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Wolfgang Sofsky
Salafismus – deutsch!

Nach jüngsten Recherchen leben in Deutschland rund 10.000 Salafisten. Sie werden tat- und geldkräftig von Institutionen auf der arabischen Halbinsel unterstützt. Unter Religionsfreunden wird nun in subtiler Differenzierung behauptet, zwar gehöre der Islam zu Deutschland, der Salafismus aber nicht. Man sieht, wie Religionsfreunde es mit den Regeln der Logik zu halten pflegen. Danach gilt nämlich folgende Schlußfolgerung:

Der Islam gehört zu Deutschland
Der Salafismus gehört zum Islam.
Also gehört der Salafismus zu Deutschland.

Man kann diese Folgerung bestreiten, indem man die Prämissen bestreitet. Wenn der Islam nicht zu Deutschland gehört, gehört auch der Salafismus nicht zu Deutschland. Oder: wenn der Salafismus nicht zum Islam gehört, dann gehört er auch nicht zu Deutschland. Daß der Salafismus Teil des Islam ist, dürfte allerdings wohl niemand ernsthaft bestreiten. Ob der Islam zu Deutschland gehört, ist dagegen vielfach umstritten. Auf jeden Fall wird man sich, falls man den Islam zu Deutschland gehörig behauptet, auch dazu durchringen müssen, daß auch der Salafismus zu Deutschland gehört, wie viele andere unsympathische Zeitgenossen, Landsleute, Zellen, Gruppen, Sekten, Organisationen, Parteien und Bewegungen eben auch.

© WS 2016

Freud: Religion – Wunsch und Illusion

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Wolfgang Sofsky
Freud: Religion – Wunsch und Illusion

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In seiner religionskritischen Schrift „Die Zukunft einer Illusion“ von 1927 verweist Sigmund Freud nicht nur auf die kindliche Hilflosigkeit, die Menschen glaubensanfällig macht. Unbedingt und untilgbar ist auch die blinde Sehnsucht  nach Schutz und inniger Geborgenheit. Religionen, gleich welcher Art, gründen nicht auf Erfahrung oder Nachdenken, „es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche.“ Seinem Status und Range nach haben diese Vorstellungen eine gewisse Ähnlichkeit mit Wahnideen. Je ferner die Erfüllung des Wunschs, desto beharrlicher wird an die Illusion geglaubt. Je dürftiger die Gründe, desto stärker der Dogmatismus und der Ritualismus in trauter Gemeinschaft. Je weniger Antworten von höherer Stelle, desto häufiger und nachdrücklicher das Gebet. Je fadenscheiniger die Illusion, desto brachialer die Wut auf alle, welche die Illusion als das entlarven, was sie ist, als Illusion eben. Was aber ist eine Illusion? Von Irrtümern und Täuschungen ist sie sehr wohl zu unterscheiden.

„Eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum, sie ist auch nicht notwendig ein Irrtum. Die Meinung des Aristoteles, daß sich Ungeziefer aus Unrat entwickle, an der das unwissende Volk noch heute festhält, war ein Irrtum, ebenso die einer früheren ärztlichen Generation, daß die Tabes dorsalis (Rückenmarkschwindsucht, WS) die Folge von sexueller Ausschweifung sei. Es wäre mißbräuchlich, diese Irrtümer Illusionen zu heißen. Dagegen war es eine Illusion des Kolumbus, daß er einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt habe. Der Anteil seines Wunsches an diesem Irrtum ist sehr deutlich. Als Illusion kann man die Behauptung gewisser Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die einzige kulturfähige Menschenrasse, oder den Glauben, den erst die Psychoanalyse zerstört hat, das Kind sei ein Wesen ohne Sexualität. Für die Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee, aber sie scheidet sich, abgesehen von dem komplizierteren Aufbau der Wahnidee, auch von dieser. An der Wahnidee heben wir als wesentlich den Widerspruch gegen die Wirklichkeit hervor, die Illusion muß nicht notwendig falsch, d. h. unrealisierbar oder im Widerspruch mit der Realität sein. Ein Bürgermädchen kann sich z. B. die Illusion machen, daß ein Prinz kommen wird, um sie heimzuholen. Es ist rnöglich, einige Fälle dieser Art haben sich ereignet. Daß der Messias kommen und ein goldenes Zeitalter begründen wird, ist weit weniger wahrscheinlich; je nach der persönlichen Einstellung des Urteilenden wird er diesen Glauben als Illusion oder als Analogie einer Wahnidee klassifizieren. Beispiele von Illusionen, die sich bewahrheitet haben, sind sonst nicht leicht aufzufinden. Aber die Illusion der Alchemisten, alle Metalle in Gold verwandeln zu können, könnte eine solche sein. Der Wunsch, sehr viel Gold, soviel Gold als möglich zu haben, ist durch unsere heutige Einsicht in die Bedingungen des Reichtums sehr gedämpft, doch hält die Chemie eine Umwandlung der Metalle in Gold nicht mehr für unmöglich. Wir heißen also einen Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt, und sehen dabei von seinem Verhältnis zur Wirklichkeit ab, ebenso wie die Illusion selbst auf ihre Beglaubigungen verzichtet.“

© W.Sofsky 2016

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Pareto: "Demokratische" Eliteherrschaft

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Wolfgang Sofsky
Pareto: „Demokratische“ Eliteherrschaft

paretoVilfredo Pareto (1848-1923) ist neben Spencer, Weber, Simmel oder Durkheim nicht nur einer der Gründerväter der modernen Soziologie, sondern auch ein ehrenwertes Mitglied im Club der bösen Denker. Emile Durkheims Bemerkung, der Mensch müsse zwischen Gott und der Gesellschaft wählen, hätte Pareto mit Gelächter quittiert. „Gott“ war für ihn ein sinnloser Begriff, denn niemand hat Gott je gesehen. Der Glaube an die Zivilisierung der Leidenschaften oder den Fortschritt der Vernunft hielt er für einen frommen Wunsch und die demokratische Propaganda für eine verkappte Herrschaftsideologie. Für die Rationalisierung niederer Beweggründe hatte Pareto ein ausgeprägtes Gespür – und eine elaborierte Theorie. Zu den Listen der Macht gehört, sich mit Moral oder einem vermeintlichen „Volkswillen“ zu maskieren. Pareto hielt dies für eine Strategie der Füchse, die sich die Gewalt der Löwen zu ersparen suchen. Alle Gesellschaften weisen fundamentale Ungleichheiten auf, eine ungleichmäßige Verteilung der Güter, des Ansehens, der Ehre und der Macht. Diese Ungleichheit ist möglich, weil eine kleine Zahl von Menschen mit List und/oder Gewalt über die Mehrzahl herrscht. Die „Masse“ läßt sich von dieser Elite lenken und leiten. Denn meist gelingt es der Elite, die Mehrzahl von sich zu überzeugen. Eine legitime Regierung ist diejenige, der es gelungen ist, die Regierten zu der Auffassung zu überreden, daß es in ihrem ureigenen Interesse läge, daß es ihre Pflicht sei oder ihnen sogar zur Ehre gereiche, der kleinen Zahl selbsternannter Auserwählter zu gehorchen. Jedes politische Regime ist oligarchisch, jeder Politiker denkt entweder eigennützig oder naiv. Naiv denkt er, falls er selbst daran glaubt, zum Wohle aller zu arbeiten. Auch für die herrschende Elite gilt die Einsicht, daß die Bedeutung, Funktion und Motivation des Handelns nicht mit dem zusammenfällt, was die Handelnden selbst glauben.

Besonders erbost sind die Angehörigen der herrschenden Elite, die durchaus nicht homogen sein muß, wenn sich links, rechts oder mittig eine neue Gruppe bildet, die ihnen die Maskerade der Legitimität abzureißen sucht. Die Vor-, Mit- und Hauptsprecher des alten Regimes sind sofort dabei, allerlei Verunglimpfungen, Herabwürdigungen, Entehrungen zu verbreiten, um die Rivalen anzuschwärzen. Zu ihren bevorzugten Vorhaltungen gehört das Etikett der „Demokratiefeindlichkeit“. Die Wortführer der Oligarchie spielen sich als Gralshüter der „Demokratie“ auf, um die Oligarchie und deren Privileg zu verteidigen. Und sie bezichtigen die Opposition des Links-, Rechts- oder Mittepopulismus und merken gar nicht, daß sie mit diesem Etikett des Urbösen sich selbst als unpopuläre, volksferne Wortführer der Oligarchie entlarven. Aber dies gehört zu den üblichen Gepflogenheiten der Eliteherrschaft. Das Establishment verteidigt seine Privilegien, indem es die Opposition an den Pranger stellt. Und die Opposition diskreditiert das Establishment, indem es dessen Privilegien angreift und dessen Rechtfertigungen destruiert. Natürlich ist die Opposition nichts anderes als eine Art „Reserveelite“, die, falls sie jemals zur Macht gelangen sollte, ihre neue Stellung genauso verteidigen wird wie das alte Regime. Eliten sind nie von Dauer. Nach einer gewissen Zeit verschwinden sie alle. „Die Geschichte“, so Pareto, „ ist ein Friedhof von Eliten.“

1916 veröffentliche Pareto den „Trattato di Sociologia generale“. Dort heißt es über die Praktiken der demokratischen Eliteherrschaft (nach der Übersetzung von Gottfried Eisermann 1962) in zwei ausgewählten Paragraphen:

„§ 2244. Halten wir uns nicht mit der Fiktion der »Volksvertretung« auf, taubes Korn liefert kein Mehl. Gehen wir vielmehr weiter und sehen wir zu, welche Substanz sich hinter den verschiedenen Formen der Macht der herrschenden Klasse befindet. Von Ausnahmen abgesehen, die zahlenmäßig nur geringfügig und wenig dauerhaft sind, gibt es überall eine herrschende Klasse von geringem Umfang, die sich teilweise mit Gewalt und teilweise durch den Konsensus der beherrschten Klasse, die zahlenmäßig viel größer ist, an der Macht hält. Die hauptsächlichen Unterschiede beruhen in folgenden: hinsichtlich der Substanz in den Proportionen zwischen Gewalt und Konsensus, hinsichtlich der Form in der Art, wie man Gewalt anwendet und wie man den Konsensus erreicht…

§ 2267. Wenn wir alle diese Tatsachen ein wenig mit Abstand betrachten und sie soviel als möglich aus den Fesseln sektiererischer Leidenschaften und nationaler, parteimäßiger, perfektionistischer, idealistischer und anderer Vorurteile befreien, erkennen wir, daß die Herrschenden, wie auch immer die Regierungsform beschaffen sei, im Durchschnitt eine gewisse Neigung bezeigen, ihre Macht dazu zu benützen, um sich im Sattel zu halten, und sie zu mißbrauchen, um besondere Vorteile und Gewinne zu erlangen, ja daß sie zuweilen nicht einmal gut unterscheiden zwischen ihren eigenen Gewinnen und den Vorteilen ihrer Partei und daß sie sie zudem fast stets mit den Vorteilen und den Gewinnen der ganzen Nation verwechseln. Daraus folgt:

1. Von diesem Standpunkt aus gibt es keinen großen Unterschied zwischen den verschiedenen Regierungsformen. Die Unterschiede bestehen vielmehr in der Substanz, d. h. in den Gefühlen der Bevölkerung: wo sie überwiegend (oder in geringerem Maße) ehrenhaft ist, findet man auch eine überwiegend (oder in geringerem Maße) ehrenhafte Regierung.

2. Gebrauch und Mißbrauch der Macht werden um so ausgedehnter sein, je größer die Einmischung des Staates in die privaten Angelegenheiten ist. Wenn die Ausbeutungsmöglichkeiten wachsen, wächst auch das, was sich dabei herausholen läßt. In den Vereinigten Staaten von Amerika, in denen man die Moral durch Gesetz aufzwingen will, kann man große Mißbräuche erblicken, die dort fehlen, wo es diesen Versuch nicht gibt oder wo er sich in viel geringeren Proportionen bewegt.

3. Die herrschende Klasse eignet sich die Habe anderer an, nicht nur für den eigenen Gebrauch, sondern auch um daran Menschen der beherrschten Klasse teilhaben zu lassen, die sie verteidigen und ihre Macht mit Waffengewalt oder Schläue sichern helfen, ganz so wie in der Antike die Klientel dem Patron Hilfe leistete.

4. In den meisten Fällen sind weder die Patrone noch ihre Gefolgsleute sich voll ihrer Überschreitungen der Regeln der in ihrer Gesellschaft existierenden Moral bewußt, und wenn sie ihrer gewahr werden, entschuldigen sie das leicht, indem sie entweder behaupten, letztlich würden andere dasselbe machen, oder durch den fadenscheinigen Vorwand, daß der Zweck die Mittel heilige. Kann doch für sie der Zweck, die eigene Macht zu behaupten, nicht anders als großartig sein, und so verwechseln ihn zahlreiche von ihnen guten Glaubens mit der Rettung des Vaterlandes. Es gibt aber auch Menschen unter ihnen, die glauben, sie verteidigten die Ehrlichkeit, die Moral, das öffentliche Wohl, während ihr Wirken vielmehr die üblen Künste derer verbirgt, die danach streben, ganz einfach Geld zu machen.

5. Die Regierungsmaschine verbraucht auf jede Weise eine bestimmte Menge Reichtum, die nicht nur in Beziehung steht zur Gesamtmenge an ökonomischen Gütern, die den Privatpersonen gehören, in deren Angelegenheiten sich die Regierung einmischt, sondern auch zu den von der herrschenden Klasse benützten Mitteln, um sich an der Macht zu halten,…“

© W.Sofsky 2016

Erasmus: Torheit Religion

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Wolfgang Sofsky
Erasmus: Torheit Religion

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Nach ausführlicher Erörterung des Beitrags der Stände und Berufe zur Verbreitung der Narretei faßt Stultitia, die es besonders gut mit ihresgleichen meint, ihre Erwägungen, die Religion betreffend, zusammen: „.. ,daß die christliche Religion offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zur Torheit hat, dagegen weit weniger mit der Weisheit übereinstimmt. Wollt ihr einen Beweis für diesen Sachverhalt, so achtet darauf, daß es vor allem Kinder, Greise, Frauen und Dummköpfe sind, die besonderes Gefallen an heiligen Gegenständen und religiösen Übungen finden und sich stets ganz nah an den Altar drängen, offenbar aus natürlicher Veranlagung. Außerdem seht ihr, daß die Gründer der Religion sich einer wunderbaren Einfalt anvertrauten und erklärte Feinde der Wissenschaft waren. Schließlich werdet ihr keinen Toren sich unsinniger verhalten sehen als den, der ganz von der Glut christlicher Frömmigkeit ergriffen ist. Sein Vermögen schenkt er freigebig weg, um Unrecht, das ihm zugefügt wird, kümmert er sich nicht, läßt sich hintergehen, unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, verschmäht jedes Vergnügen, ernährt sich nur mit Fasten, Nachtwachen, Tränen, Mühsam und Mißhandlungen, ekelt sich vor dem Leben und wünscht einzig den Tod herbei – kurz mit allem, was das gewöhnliche Leben ausmacht, hat er die Verbindung verloren, gleichsam als lebte sein Geist schon anderswo, nur nicht mehr in seinem Körper…“

Nicht nur an den mönchischen Asketen des Lebens, auch an den Lehrern und Schülern des Glaubens hat Stultitia ihr Vergnügen. Sie beten Holzstatuen an, murmeln heilige Zauberformeln, stimmen Bittgesänge an, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben, sagen einschlägige Verse auf, spenden Kerzen, lassen Ablaßzahlungen und Steuern eintreiben, flehen die Heiligen an, von denen der eine gegen Zahnschmerzen hilft, der andere gegen Seenot, der dritte gegen den Teufel. „Kein einziger jedoch dankt für Erlösung von der Torheit. Sie ist so reizvoll für die Sterblichen, daß sie von allem anderen befreit werden wollen, nur nicht von der Torheit“. (Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit).

Man muß nicht denken, daß fünf Jahrhunderte später die Zahl der Narren geringer sei. Nun bevölkern neben Greisen, Kindern und Dummköpfen auch viele junge und alte Männer die Beträume, neigen Haupt und Glieder, lauschen andächtig dem Prediger, murmeln einschlägige Verse und Formeln, huldigen einem toten Propheten und seiner Gottheit, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben und geraten in gar großen Zorn, wenn der Spott des Teufels sie ereilt, die Sottisen der Stultitia, welche doch gar nichts mehr liebt als ihresgleichen, die Narreteien der Gläubigen, Frömmler und Frommen. Gäbe es die Torheiten nicht, Stultitia würde sie erfinden müssen, auf daß allüberall lautes Gelächter erschallt.

© WS 2016

 

Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wer je Zweifel daran hatte, daß Religionen niemals nur Privatsache, sondern stets eine öffentliche, politische Angelegenheit sind, der werfe einen Blick ins 12.Kapitel von Thomas Hobbes „Leviathan“. Wie immer zeichnet sich Hobbes auch in Fragen der Religion durch unliebsame Einsichten aus. Der Ursprung der Religion liegt in vier Quellen: dem Glauben an unsichtbare Geister, der Unkenntnis abgeleiteter Ursachen, der Verehrung dessen, was man fürchtet, und dem Umstand, daß zufällige Ereignisse für Vorzeichen gehalten werden. Zwei Arten von Menschen nutzen diese Tendenzen aus: Staatsgründer und Propheten. Beide verfolgen die Absicht, „die Menschen, die sich ihnen anvertrauten, zu Gehorsam, Befolgung den Gesetzen, Frieden, Nächstenliebe und zur bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen. So ist die Religion der ersten Art  ein Bestandteil menschlicher Politik und lehrt einen Teil der Pflicht, die irdische Könige von ihren Untertanen verlangen. Die Religion der letzten Art ist göttliche Politik und enthält Vorschriften für diejenigen, welche sich dem Reich Gottes unterworfen haben.“

Politiker verfolgen einige Strategien, um ihrem Tun göttliche Weihen zu verleihen. Erstens suchen sie den Untertanen einzuprägen, die von ihnen erlassenen Gesetze seien göttliche Weisungen. „So behauptete Numa Pompilius, er habe die Regeln des Gottesdienstes, die er bei den Römern einführte, von der Nymphe Egeria empfangen, und der erste König und Gründer des Königreiches von Peru gab vor, er und seine Frau seien Kinder der Sonne, und Mohammed behauptete, um seine neue Religion einführen zu können, er habe Zusammenkünfte mit dem Heiligen Geist, der als Taube erscheine. Zweitens legten sie Wert darauf, den Glauben zu erwecken, daß dieselben Dinge, die durch Gesetz verboten waren, auch den Göttern mißfielen. Drittens waren sie auf die Einführung von Zeremonien, Bittgebeten, Opfern und Festen bedacht, wodurch die Menschen dazu gebracht werden sollten, zu glauben, der Zorn der Götter könne besänftigt werden, und Mißerfolge im Krieg, große Epidemien und das persönliche Unglück jedes einzelnen rührten vom Zorn der Götter her, und ihr Zorn von der Vernachlässigung ihrer Verehrung oder einigen Fehlern bei den verlangten Zeremonien…

Aber wo Gott selbst durch übernatürliche Offenbarung die Religion einpflanzte, schuf er sich auch ein besonderes Reich und erließ Gesetze, die nicht nur das Betragen gegen ihn selbst, sondern auch das der Menschen untereinander betrafen. Und dadurch sind in diesem göttlichen Reich Politik und bürgerliche Gesetze ein Bestandteil der Religion, und somit ist dort die Unterscheidung von zeitlicher und geistlicher Herrschaft gegenstandslos. Es ist richtig, daß Gott König der ganzen Welt ist — doch kann er auch König eines besonderen und auserwählten Volkes sein. Denn darin liegt auch kein größerer Widerspruch als in der Tatsache, daß der Oberbefehlshaber der ganzen Armee zugleich ein besonderes eigenes Regiment oder eine eigene Kompanie befehligen kann. Gott ist durch seine Gewalt König der ganzen Erde, aber er ist König seines erwählten Volkes durch Vertrag.“

Kurz gesagt: Politik und Religion sind stets aufs Engste verknüpft. Dies gilt für alle Religionen, zumal jene monotheistischen Offenbarungsreligionen, die von einer imperialen Mission getrieben sind. Sie wollen die gesamte Menschheit, also alle Heiden, Abtrünnige, Anders- und Ungläubige bekehren oder beseitigen. Solche Religionen für eine harmlose Privatsache zu halten, ist Kinderglauben. Ebenso närrisch ist es, in einem Anflug von subtiler Betulichkeit, die politische von der vermeintlich privaten Religion unterscheiden zu wollen. Religion will stets in die Politik, in die Gesellschaft, will die Formen des Lebens prägen, durchherrschen. Mit den Seelen des Individuums gab sie sich noch nie zufrieden.

© W.Sofsky 2016

Gabe, Schuld, Religion

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Wolfgang Sofsky
Gabe, Schuld, Religion. Eine Spekulation

Massengebet

Niemand hatte seinerzeit die Götter um die Schöpfung gebeten. Die Gabe war freiwillig, wie die Stiftung der Kultur. Von Anbeginn steht die Menschheit in der Schuld von Mächten, die ihr die Welt bereitet und als Erbe hinterlassen haben. Diese Last des Anfangs ist niemals abzutragen, weder durch Gebete, Gehorsam oder Dankbarkeit noch durch das Opfer tierischen oder menschlichen Lebens. Nicht einmal das Blutopfer vermag die Schuld gegen die Götter zu tilgen. Die Menschen haben nichts Gleichwertiges einzutauschen. Was könnte die Gabe des Lebens, des Tods, der Welt vergelten? So sind die Menschen auf Gedeih und Verderb in Religionen verstrickt. Ist Religion etwas anderes als die unentwirrbare Bindungsschuld, welche die Menschen gegen die Götter haben? Jene sind die Schöpfer und  Eigentümer der Welt, ihrer Dinge und Güter. Sie existieren jenseits aller Wechselwirtschaft, jenseits aller Verträge und Tauschgeschäfte. Die Geister sind weder verpflichtet zu geben, noch sind sie angehalten, die Gaben der Menschen anzunehmen oder gar zu erwidern. Souveränität besteht nicht zuletzt darin, den Verpflichtungen des Tauschs enthoben zu sein. Dennoch versuchen wahrhaft Gläubige immerzu, endlich ihre Schulden zu begleichen – vergeblich. Streben sie gar nach einer Welt ohne Schuld, in der es keine Geister und keinen Urheber der Welt mehr gibt?

Die „Schöpfung“ schafft – wie jede Gabe – Macht, Verpflichtung, Bindung. Indem der Geber sein Werk an den Empfänger übergibt und mit ihm die Welt teilt, macht er ihn zu seinem Schuldner. Freigebigkeit, Abhängigkeit und Ungleichheit sind aufs Engste miteinander verknüpft. Die Gabe formt Gesellschaft, Ökonomie und Moral. Derjenige erwirbt Macht und Prestige, der sich freigebiger erweisen kann als jeder andere und der aus der Rivalität aller Wesen als Sieger hervorgeht. Wer vermag mehr zu geben als die Götter? Sie geben, um andere Wesen auszustechen, sie zu verschulden, ihres Gesichts zu berauben. Dank ihrer unermeßlichen Großzügigkeit stürzen die Götter die Menschen nicht nur in Schuld und Abhängigkeit, sondern in tiefste Scham. Beim Gebet neigen die Menschen das Haupt, sinken auf die Knie, werfen sich zu Boden. Denn sie wissen, ihrem Gegenüber, dem sie alles, auch sich selbst zu verdanken glauben, alles schuldig bleiben zu müssen.

© WS 2016

Kritik der Religion

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Wolfgang Sofsky
Kritik der Religion.
Dankrede zur Verleihung des Holbach-Preises am 20.9.2015 in Edenkoben

Meine Damen und Herren,

HolbachWer als erster einen Preis zu tragen hat, der des Barons Holbach gedenkt, hat einen seltenen Vorteil. Er hat das erste Wort und entgeht der Gefahr zu wiederholen, was frühere Laureaten über den freundlichen Aufklärer mit dem bösen Blick gesagt haben. Ein unermüdlicher Streiter war Holbach, wider Vorurteile, Illusionen und Selbsttäuschungen aller Art. Er hielt sich an das, was wir wissen, und mißtraute allem, woran wir nur glauben. Die Welt war für ihn die Summe aller Tatsachen, der Steine, Tiere, Menschen, der Körper am Himmel und auf Erden. Während man sich in deutschen Landen meist um Werte, Gemüt und Gesinnung sorgt, widmete sich Holbach dem irdischen Leben. Zur Enzyklopädie seines Freundes Denis Diderot steuerte er nicht nur hunderte Artikel zur Chemie, Biologie oder Mineralogie bei. Von Holbach stammen auch kritische Beiträge zur Theokratie und politischen Repräsentation, zum Aberglauben und zu Religionen fremder Völker.

Für einen Realisten sind Götter und Geister keineswegs bedeutungslos. Im Gegenteil: Woran Menschen glauben, was sie erfinden oder sich einbilden, ist in seinen Folgen stets real, wenn nicht fatal. Die Mythen und Kultriten, die Verklärung sinnlosen Leidens, die Paradiesträume und Höllenängste sind geschichtsmächtige Tatsachen. Holbachs Themen, das sind neben den Materien der Natur die Wirklichkeit der Macht und Moral, vor allem jedoch der Religion.

Trotz Aufklärung, trotz Säkularisierung ist die Kritik der Religion niemals abgeschlossen. Mit dem Verdacht des Priesterbetrugs ist die Angelegenheit nicht erledigt. Nicht selten will der Betrogene selbst betrogen werden. Holbach wußte genau, daß sich Religionskritik nicht in Kirchen-, Sekten- oder Predigerkritik erschöpft. Die Doktrin, die Dogmen, die Götter sind zu entzaubern, als historische Begebenheiten, als systematische Irrtümer.

Schon die Idee eines allmächtigen Schöpfers ist, wie man weiß, eine logische Unmöglichkeit. Kann ein omnipotenter Gott einen Felsen erschaffen, den niemand bewegen kann, also auch er selbst nicht? Vermag er einen solchen Felsen nicht zu erschaffen, ist er nicht allmächtig. Vermag er einen solch schweren Felsen indes zu erschaffen, kann ihn aber nicht von der Stelle rücken, ist er ebenfalls nicht allmächtig. Kann sich ein großmächtiger Gott in einen Zustand der Ohnmacht versetzen, kann er sich selbst auslöschen? Wie soll ein toter Gott allmächtig sein? In Fragen der Gottesexistenz mag man unentschieden sein. Was die kardinalen Eigenschaften angeht, ist das Ergebnis eindeutig. Allmächtig kann ein Gott ebensowenig sein wie allwissend und allgut.

Woher aber rührt der tiefe Wunsch nach Frömmigkeit, nach Hörigkeit, nach absolutem Sinn? Götter sind meist eine Erfindung menschlicher Angst. Nichts scheint gräßlicher als die Aussicht, alsbald nicht mehr da zu sein. So leben die Toten als Geister fort. Die Idee der unsterblichen Seele, so Holbach, hat eine organische Ursache. Sie entspringt dem Trieb der Selbsterhaltung. „Dieser Wunsch verwandelte sich gar bald in Gewißheit; und darin, daß die Natur uns den Wunsch, immer fortzudauern, eingeprägt hatte, glaubte man einen hinlänglichen Beweis zu finden, daß der Mensch nie aufhören werde fortzudauern.“ Wie jeder Philosoph, der den Namen verdient, lehrt Holbach ein rechtes Verhältnis zum eigenen Ende: „Sterben ist nichts weiter als aufhören zu denken und zu empfinden, zu genießen und zu leiden. Deine Ideen werden mit dir untergehen, und deine Schmerzen dir nicht ins Grab folgen. Denke an deinen Tod, nicht um… deinen Trübsinn zu nähren, sondern dich zu gewöhnen, ihm mit ruhigen Augen entgegen zu sehen, und dich gegen die leeren Schrecken zu sichern, welche die Feinde deiner Ruhe dir einzuflößen bemüht sind.“

Holbachs Lebenswerk ist eine Schule der Atheisten. Sein Pariser Salon war Treffpunkt für die freien Geister seiner Zeit. Auf der Gästeliste finden sich Laurence Sterne und Adam Smith, der Abbé Galiani, Diderot, der Historiker Edward Gibbon, Benjamin Franklin. Als David Hume, der große schottische Skeptiker, das Gastmahl des Barons zum ersten Mal besuchte, war er über den ungewohnt freimütigen Ton leicht schockiert. Er saß neben dem Gastgeber, als er der Runde mitteilte, er glaube nicht an die Existenz von Atheisten, da er noch nie einen getroffen habe. Holbach erwiderte prompt: „Monsieur, zählen Sie, wie viele von uns hier sind.“ Achtzehn Gäste waren anwesend. „Es ist ein guter Anfang, Ihnen sofort fünfzehn zeigen zu können. Die anderen drei haben sich noch nicht entschieden.“

Auf Atheismus stand im spätabsolutistischen Frankreich die Peitsche, das Beil, die Galeere oder die Bastille. Der fleißige Autor Holbach veröffentlichte viele seiner Bücher ohne oder unter falschem Namen. Seine erste Schrift „Das entschleierte Christentum“ wurde zuerst in Nancy, dann im freien Amsterdam gedruckt. In Strohballen versteckt oder in Heringsfässern mit doppeltem Boden gelangten die Bücher nach Paris. Obwohl es in Paris damals wie in einer Kloake roch, dürfte manchem Leser im Untergrund die Lektüre ziemlich gestunken haben. Sein Hauptwerk, das „System der Natur“, dieses Kompendium für ein Leben jenseits von Ignoranz, Angst und Unmündigkeit, wurde in handlichen Teilbänden aus Amsterdam zurückgeschmuggelt. So konnte man sie leichter verstecken. Als Autor firmierte ein verstorbener Akademiker. Die Maske eines Toten bewahrte den Baron vor den Häschern des alten Regimes.

Man sage nicht, daß Atheisten heutzutage besser gelitten seien. 225 Jahre nach Holbachs Tod sind die Fanatiker mitten unter uns. Sie werden nicht weniger. Es genügen ein paar Zeichnungen, ein Roman oder unliebsame Blogeinträge, und der Autor riskiert tausend Stockschläge – von Staats wegen -, ein weltweites Todesurteil, ein Blutbad. Die Wut der Gotteshüter scheint grenzenlos. Sie fühlen ihren Propheten durch eine Karikatur beleidigt, und bemerken nichts von ihrer gotteslästerlichen Anmaßung. Götter können durch Bilder oder Worte unmöglich verunglimpft werden. Nur wer seine Götter zu Menschen degradiert hat, kann überhaupt auf die Idee kommen, ihnen beispringen, sie rächen zu müssen.

Fanatismus und Gewalt verkleistern die Risse des Halbglaubens. Nicht in Buchstabentreue, nicht in beflissenem Gehorsam, nicht im Mausoleum wohlfeilen Trosts liegt das Fundament des Glaubens, sondern im Geschmack fürs Unsichtbare, im Widerfahrnis dessen, was Gläubige in Momenten der Ergriffenheit, der Verzückung, der Ekstase oder Offenbarung als heilig erleben. All dies sind zwar unvernünftige mentale Zustände, aber es gibt sie, und sie bedürfen der Erhellung, der Aufklärung.

Wem aber die Evidenz des Heiligen nicht zuteil wurde, muß sich mit Frömmigkeiten aus zweiter Hand begnügen. Der Halbgläubige kennt keine Kompromisse, er ist notorisch beleidigt. Dringend benötigt er die Zeremonie, die Stütze die Autorität – oder die direkte Aktion, die Macht der Gewalt. Wer sich selbst nicht ganz glaubt, tötet die Ungläubigen, in den Banktürmen, in Redaktionsbüros, im Schnellzug. Blut und Schmerz bezeugen ihm den Besitz vermeintlicher Wahrheit. Die Tötungsmacht beweist den Gotteskriegern, einem allmächtigen Gott anzuhängen. Gewalt verschafft tatsächlich jene Allmacht, die sie ihrem Idol andichten. Sie ist eine Art praktischer Gottesbeweis. Die Todesschwadrone des Glaubens führen heilige Kriege, verschleppen Sklavinnen, sprengen uralte Tempel in die Luft. Abermillionen Tote, Verstümmelte, Vertriebene gehen auf das Konto der Religionen, nicht zuletzt die Millionen, die zur Zeit vor den Religionskriegen aus Afrika und Asien nach Europa fliehen.

Ein aufgeklärter Atheismus rechnet heute nicht mehr mit einem Siegeszug der Vernunft. Der selbständige Gebrauch der Vernunft ist nicht jedermanns Sache. Die Gier nach den Opiaten der Verheißung, Erbauung und Erlösung scheint unersättlich. Man kann reden, soviel man will. Man bläst auf erloschenen Kohlen, auf denen sich kein Fünkchen Verstand entzündet. Die Sehnsucht nach Illusionen und Despotie ist durch Wissen, Argumente, Gegenbeweise nicht aus der Welt zu schaffen. Von einem Dialog der Religionen darf man ohnehin nur die gegenseitige Anerkennung aller Irrwege erwarten. Umso bedeutsamer ist das Prinzip der Religionsfreiheit. Holbach hielt die Freiheit des Willens und Handelns für eine Kopfgeburt. Doch nicht jede Bedingung, unter denen Menschen handeln, ist eine kausale Ursache, ein Zwang. Die Welt ist voller Alternativen, auch wenn manche sich gerne weismachen lassen, es gebe sie nicht.

Was besagt die Freiheit der Religion? Ein jeder darf denken, was er will, glauben, was er will, beten, zu wem er will. Jeder darf sich seinen Torheiten verschreiben. Klugheit ist nicht geboten, Einfalt nicht verboten. Jeder darf Unglaubwürdiges glauben, darf sich der Schwärmerei hingeben, sich mit Gleichgesinnten zu Kultfeiern treffen. Wo immer er seine Seligkeit zu erlangen hofft, kein Weg ist ihm versperrt. Allerdings erleidet das Individuum auf Dauer Schaden, wenn es die Pflichten gegen sich selbst mißachtet. Wer sich in Unmündigkeit einrichtet, verliert seine Urteilskraft. Wer sich vor Göttern zu Boden wirft, ergibt sich, um es mit einem alten, auch von Kant benutzten Ausdruck zu sagen, der Kriecherei.

In der Öffentlichkeit ist es mit dem privaten Illusionsglück vorbei. Gottesbilder prallen aufeinander, werden beargwöhnt, verlacht. Der Anfechtungen sind viele. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Eintracht der Bekenntnisse. Sie ist ein unruhiges Terrain voller Kollisionen, Animositäten, Feindseligkeiten. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Niemand ist gehalten, einem frommen Ansinnen Glauben zu schenken und die Götter eines anderen zu verehren. Religionen sind nicht sakrosankt. Des einen Frömmigkeit ist dem anderen nichts als Bigotterie. Was der eine für heilig hält, ist für andere ein profaner Irrtum. Zum Schutz eines jeden heißt Freiheit der Religion zuallererst Freiheit von Religion.

Um den Religionskrieg zu beenden, hat der moderne Staat den Glauben zwar zur Privatsache erklärt. Dennoch strebt der Staat, dieser sterbliche Leviathan, selbst nach höheren Weihen. In Wahrheit ist seine Aufgabe höchst profan: Schutz der Freiheit und Sicherheit der Bürger. Hierzu hat er in Glaubensdingen neutral zu bleiben. Auf strikte Indifferenz hat er zu achten, in jeder öffentlichen Einrichtung. Bibel oder Koran sind als Lehrbücher nicht zugelassen. Die Schule ist die Schule der Nation, nicht der Religion.

Der gottlose Staat ist die Voraussetzung für religiöse Vielfalt – und Einfalt. Er bewahrt die Minderheiten vor der Hegemonie der Mehrheit, und er weist den Fanatismus in seine Schranken. Religionen wollen wachsen, wollen ihre Anhänger mehren, wollen sich die Erde untertan machen. Dieser imperialen Mission beugt der Staat vor. Indem er den Religionen die Waffen der Macht aus der Hand schlägt, schützt er die Strenggläubigen und die Ungläubigen, die Gleichgültigen, die Abtrünnigen, jene, denen das Hemd des Glaubens locker sitzt, und die Freigeister, die sich allein auf gottlose Vernunft stützen.

Der Baron starb im Januar 1789. Die Revolution stieß die Philosophen des Holbachschen Salons in den Strom des Vergessens. Sie waren für die Revolutionäre zu radikal. Die neue politische Religion, diese totalitäre Allianz von Tugend, Tod und Terror, hätte dem Seziermesser von Diderot und Holbach und ihren Freunden kaum standgehalten. Sie setzten auf Kritik, Wahrheit, Wissen, nicht auf Glauben und Gefühl, Macht und Mission. In Zeiten der Idole, der Eiferer, des korrekten Konformismus, des betulichen Kleinmuts bedarf es dringend radikaler Störenfriede. Sie streiten gegen jede Illusion, jede Macht.

© W.Sofsky 2015

Malatesta: Über die Regierung

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Wolfgang Sofsky
Malatesta: Über die Regierung

Errico Malatesta, der freundliche Anarchist, ist heute weithin unbekannt. Sein Leben glich einer Odyssee, überall suchte ihn die Polizei. Er lebte in Ancona, Ägypten, Genf, Rumänien, Paris, Florenz, Buenos Aires, auf der Haftinsel Lampedusa, in Malta, New Jersey und kehrte immer wieder nach London zurück. Als er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat reiste, sollen die Seeleute von Genua ihm zu Ehren die Arbeit eingestellt und alle im Hafen liegenden Schiffe ihre Sirenen betätigt haben. 1921 wurde er erneut verhaftet, mit einem Hungerstreik protestierte er gegen die Verzögerung seines Prozesses. Zwei Monate vor der faschistischen Machtübernahme ließ man ihn frei. Mussolini ließ den alten Mann – Malatesta war mittlerweile fast siebzig – ungeschoren. Er arbeitete in Rom als Elektriker, und so mancher römische Bourgeois soll sich entsetzt haben, wenn er erfuhr, daß die Leitungen in seiner Villa von dem „fürchterlichen“ Malatesta gelegt worden waren.

Malatesta war ebenso unbeugsam wie unbestechlich. Er träumte den Traum vom Endzustand umfassender Freiheit in Solidarität, doch teilte er weder die Hoffnung auf den syndikalistischen Generalstreik noch verfocht er die gewaltsame Propaganda der Tat, geschweige denn die autoritäre Vorhutpolitik einer kommunistischen Sekte oder Partei. Von der Eroberung des Staates durch Wahlen (Sozialdemokratie), Putsch (Leninismus) oder lange Märsche durch Institutionen bei unvermeidlicher Angleichung an dieselben hielt der erklärte Feind jeglicher Regierung nichts. Man muß die Illusionen des Anarchismus nicht teilen, aber niemand betreibt die Kritik der Macht unnachsichtiger als der Anarchismus. Hier einige Passagen zur Kritik der Regierung:

Drei Formen der Herrschaft
„Man unterjocht die Menschen auf zweierlei Art; entweder unmittelbar durch die rohe Kraft, die körperliche Gewalt; oder auf Umwegen, indem man ihnen alles wegnimmt, was sie zum Leben brauchen und sie so zur Ohnmacht verdammt. Die erste Art ist der Ursprung der Regierung, der politischen Macht überhaupt; die andere Art ist der Ursprung des Reichtums, der wirtschaftlichen Vorrechte. Es gibt zwar noch eine dritte Art, um die Menschen zu bedrücken; nämlich indem man ihren Verstand und ihre Gefühle unterdrückt. Das ist die religiöse, die priesterliche Herrschaft. Aber so wie der so genannte „Geist“ ein Ergebnis der materiellen Kräfte ist, so ist die Lüge, und die Institutionen, die den Zweck haben, die Lüge zu verbreiten, nur eine Folge der wirtschaftlichen Vorrechte, und ihr Zweck ist nur, diese Vorrechte zu schützen und zu befestigen.

Staatsaufgaben
Für uns ist die Regierung die Gesamtheit der Regierenden; und die Regierenden, Monarchen, Präsidenten, Minister, Abgeordnete u. s. w. sind diejenigen, die die Macht haben, Gesetze zu schaffen, um die Beziehungen der Menschen zu einander zu regeln, und die Macht haben, diese Gesetze vollziehen zu lassen; z. B.: Steuern auszuwerfen und einzutreiben; die Menschen zum Militärdienst zu zwingen; diejenigen, die gegen die Gesetze handeln, zu verurteilen und zu bestrafen; die privaten Vereinbarungen zu überwachen und gut zu heissen; einzelne Zweige der Produktion und der öffentlichen Dienstleistungen zu monopolisieren (z. B. Tabak, Salz; Eisenbahnen, Post und Telegraf u. s. w.) oder wenn sie wollen, die ganze Produktion und alle öffentlichen Dienste zu verstaatlichen, in die Hand zu nehmen; den Austausch der Produkte (den Handel) zu fördern oder zu beschränken; mit den Regierungen anderer Länder Krieg anzufangen oder Frieden zu schliessen; dem Volke das Wahlrecht zu gewähren oder zu entziehen — und dergleichen Dinge mehr. Die Regierenden sind also, mit einem Wort, diejenigen Menschen, die mehr oder weniger die Macht haben, die Kräfte die Gesellschaft, d.h. die körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte aller andern Menschen in ihre Dienste zu zwingen. In dieser Macht besteht das Prinzip der Regierung, das Prinzip der Herrschaft.

Privilegien
„Eine Regierung, d.h. eine gewisse Anzahl von Leuten, deren Aufgabe es ist, Gesetze zu machen, die gewohnt sind, sich der Kraft aller zu bedienen, um jeden zu zwingen, sie zu achten, bildet schon in und für sich selbst eine privilegierte Klasse, welche von der Masse des Volkes geschieden ist. Sie wird, wie jede fest begründete Körperschaft instinktiv danach trachten, ihre Machtbefugnisse zu erweitern, sich der Aufsicht des Volkes zu entziehen, ihre besonderen Bestrebungen zu verwirklichen und ihre eigenen Interessen den übrigen Menschen aufzuzwingen. Indem sie eine privilegierte Stellung einnimmt, befindet sich die Regierung im Gegensatz zur Masse des Volkes, dessen Kräfte sie täglich in Anspruch nimmt.“

Der Irrglaube an die Macht
„Die Regierung übernimmt es, das Leben der Staatsbürger mehr oder weniger gegen unmittelbare brutale Angriffe zu verteidigen. Sie anerkennt und legalisiert eine Anzahl von grundlegenden Rechten und Pflichten, von Gewohnheiten und Gebräuchen, ohne welche ein gesellschaftliches Leben unmöglich ist. Sie organisiert und leitet einige öffentliche Dienstleistungen, wie z. B. die Post, die Landstrassen, die öffentliche Gesundheit, die Wasserregulierung, den Forstschutz usw.; sie gründet Waisenhäuser und Spitäler und gibt sich gern den Anschein, daß sie die Beschützerin und Wohltäterin der Armen und Schwachen ist. Wenn wir es aber genauer betrachten, wie und warum sie diese Aufgaben erledigt, so beweisen die Tatsachen, daß alles was die Regierung tut, nur darum und deswegen getan wird, um zu herrschen, um die Vorrechte – ihre eigenen und diejenigen der Klasse, die sie vertritt und verteidigt — aufrecht zu erhalten, zu vermehren und zu verewigen.

Keine Regierung kann lange bestehen, ohne ihre wahre Natur unter dem Vorwand der allgemeinen Nützlichkeit zu verstecken; sie kann nicht das Leben der Bevorzugten beschützen, ohne daß sie sich den Anschein gibt, das Leben Aller beschützen zu wollen; sie kann nicht den Vorrechten Einzelner Geltung verschaffen, ohne Miene zu machen, das Recht von allen Menschen aufrecht zu erhalten.

Wider die freiwillige Knechtschaft
Wir sind gewohnt, unter einer Regierung zu leben, die alle Kräfte, alle Intelligenz, jeden Willen, den sie für ihre eigenen Zwecke benützen kann, in Beschlag nimmt, und alle jene, welche sie nicht braucht oder welche ihr feindlich sind, hindert, lähmt und unterdrückt — und wir bilden uns ein, daß Alles, was in der Gesellschaft geschieht, das Werk der Regierung ist und daß ohne Regierung weder die Gesellschaft noch die Kraft, die Intelligenz oder der gute Willen der Menschen weiterbestehen würde.

Was ist der Zweck der Regierung? Warum sollen wir zu Gunsten einiger Menschen unsere eigene Freiheit, unsere eigene Initiative aufgeben? Warum müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich — mit oder ohne Willen der übrigen Menschen — der Kraft aller Anderen zu bemächtigen und über dieselbe nach eigenem Gutdünken zu verfügen? Sind sie denn so aussergewöhnlich begabt, dass sie, mit einigem Rechte, sich an die Stelle des ganzen Volkes setzen, und für die Interessen der übrigen Menschen besser sorgen könnten? Sind sie unfehlbar und moralisch nicht zu verderben, so dass man vernünftigerweise das Los eines Jeden ihrer Güte anvertrauen kann?“

© W.Sofsky 2015

Religion, Terror, Organisationen

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Wolfgang Sofsky
Religion, Terror, Organisationen

Folgende Organisationen, auf deren Konto hunderttausende Tote gehen, haben mit der Religion des Islam nichts zu tun:

Abdallah Azzam Brigades (AAB) (Libanon, Arabische Halbinsel)
Abu Sayyaf Group (ASG), Philippinen, Stärke: 400)
Al-Aqsa Martyrs Brigade (AAMB) (Gaza)
Al-Nusra (Syrien, offizieller Al-Quaida Ableger in Syrien, 7000)
Ansar al-Dine (AAD) (Nordmali, Südwestlybien)
Ansar al-Islam (AAI) (Nord- Zentralirak)
Ansar al-Scharia (Lybien, Tunesien)
Army of Islam (AOI) (Gaza)
Asbat al-Ansar (AAA) (Südlibanon, ca.2000)
Boko Haram (BH) (Nordnigeria, Nordkamerun, ca.9000)
Gama’a al-Islamiyya (IG) (Ägypten, Jemen, Frankreich, Deutschland etc.)
Groupe Islamique Armé (GIA) (Algerien, ca.250.000 Opfer)
Hamas (Gaza, Westbank)
Haqqani Network (HQN) (Pakistan/Afghanistan, 10.000)
Harakat ul-Jihad-i-Islami (HUJI) (Indien, Afghanistan, einige hundert)
Harakat ul-Jihad-i-Islami/Bangladesh (HUJI-B) (Indien, Bangladesh)
Harakat ul-Mujahideen (HUM) (Pakistan, Kaschmir, einige hundert)
Hizballah (Südlibanon, Beirut, Syrien, zehntausende Aktivisten)
Indian Mujahedeen (IM) (Indien, einige hundert)
Islamic Jihad Union (IJU) (Pakistan/Afghanistan, ca.200)
Islamic Movement of Uzbekistan (IMU) (Zentralasien, Iran, ca.300)
Islamic State (IS) (Irak, Syrien, Libanon, weltweit ca.30.000 Aktivisten)
Jama’atu Ansarul Muslimina Fi Biladis-Sudan (Ansaru) (Nordnigeria)
Jaish-e-Mohammed (JEM) (Kaschmir, Pakistan, Afghanistan, einige hundert)
Jemaah Ansharut Tauhid (JAT) (Malaysia, Philippinen, einige tausend)
Jemaah Islamiya (JI) (Indonesien, Philippinen, einige tausend)
Jundallah (Südostiran, Afghanistan, Belutschistan, ca.2000)
Kata’ib Hizballah (KH) (Irak, Bagdad, ca.400)
Lashkar e-Tayyiba (Pakistan, Südasien, einige tausend)
Lashkar i Jhangvi (LJ) (Pakistan, wenige hundert)
Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) (nach Niederlage Südwestasien, UK)
Al-Mulathamun Battalion (AMB) (Mali, Niger, Algerien)
Palestine Islamic Jihad – Shaqaqi Faction (PIJ) (Gaza, weniger als 1000)
Popular Front for the Liberation of Palestine-General Command (PFLP-GC) (Syrien, Südlibanon, einige hundert)
Al-Qa’ida (AQ) (Pakistan, Irak, Syrien, Jemen, Somalia, Zellen weltweit, Stärke unbekannt)
Al-Qa’ida in the Arabian Peninsula (AQAP) (Jemen, ca.1000)
Al-Qa’ida in the Islamic Maghreb (AQIM) (Mali, Niger, Südlybien, unter 1000)
Al-Shabaab (AS) (Somalia, Kenia, einige 1000)
Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP) (Pakistan, einige tausend)

Listen von Organisationen, die als terroristisch eingestuft werden, gibt es von der EU, den USA und anderen Nationen. Der Informationsstand ist sehr unterschiedlich, da viele Organisationen naturgemäß konspirativ agieren und gute Geheimdienste zwar viel wissen, aber nicht alles bekannt geben. Die in Klammern aufgeführte Zahl der Aktivisten sind alle Schätzzahlen, Zahlen über Sympathisanten, Gesinnungsgenossen etc. liegen nicht vor).

Es sollte deutlich sein, wie provinziell die Debatte um religiöse Hintergründe ist. Kein Bewohner Bagdads käme auf die Idee, daß der Anschlag eines sunnitischen Selbstmordattentäters dreihundert Meter weiter vor der Moschee nichts mit Religion zu tun hätte. Kein Bewohner Kairos würde behaupten, Muslimbrüder oder Attentäter von Gama’a al-Islamiyya seien keine religiösen Fanatiker. Kein Kurde, kein Yeside würde sich hinstellen und sagen, nein, die Mörderbanden des IS-„Kalifats“ hätten mit der Religion nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Anschläge in westlichen Metropolen erregen zwar höchste Aufmerksamkeit, sind jedoch – bislang – punktuelle Ereignisse, in anderen Weltregionen ist der islamistische Terror chronisch, und in manchen Gebieten wird ein kontinuierlicher Krieg geführt. Entsprechend divergiert das Organisationsniveau des militanten Islam. Es reicht von Einzeltätern, Schläferzellen, Kommandos, Netzwerken über Milizen, Clanarmeen bis zu regelrechten Armeen mit tausenden Gotteskriegern und staatsähnlichen Strukturen. Debatten um die unsichere Prävention von Attentaten betreffen lediglich das niedrigste Eskalationsniveau des globalen, multifokalen Terrorkriegs. Wortwechsel um „Sicherheit“, „Vorratsdatenspeicherung“ oder die Überwachung/Inhaftierung/Ausweisung mobiler Gotteskrieger (von Europa nach Syrien/Jemen und retour), sind von erstaunlicher Provinzialität. Es wäre nützlich, den militanten Islam als internationales Phänomen wahrzunehmen und als eine Art „totaler“ politischer und sozialer Tatsache, die eine gestaffelte, mehrdimensionale Strategie erfordert. Das Problem ist zu ernst, um es dem Innen- oder gar dem Justizministerium zu überlassen.

© W.Sofsky 2015

La Rochefoucauld: Über das Lob

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Wolfgang Sofsky
La Rochefoucauld: Über das Lob

Vor über 350 Jahren, im Jahre 1664 also, entschied der Herzog von La Rochefoucauld, Prinz von Marcillac und Pair von Frankreich, einige seiner Einsichten zusammenzustellen und sie unter dem Titel „Réflexions ou sentences et maximes morales“ herauszugeben, eine gänzlich unvollständige Sammlung, die in den folgenden Jahren von 300 auf rund 500 Aphorismen anwachsen sollte, welche – nicht nur wegen des Umfangs – zahllose Leser fanden, die endlich wissen wollten, was es mit den Maskeraden des Menschen auf sich habe und warum zuletzt niemandem über den Weg zu trauen sei. Keiner hat die Schlupfwinkel der Verstellung derart gründlich ausgeleuchtet wie La Rochefoucauld, dieser Rebell gegen den höfischen Zentralstaat und Mitkämpfer der Fronde gegen Mazarin, was ihm eine schwere Verletzung im Gesicht und den Verlust eines Auges eintrug, wodurch die Sehkraft des verbliebenen Auges jedoch derart geschärft wurde, daß ihm nichts mehr entging. Noch eine Eloge auf seine Sentenzen- und Menschenbeobachtungskunst gerät in den Verdacht einer Maskerade, die La Rochefoucauld bereits unnachsichtig entlarvt hat.

„Man lobt ungern, und man lobt nie jemanden ohne Eigennutz. Lob ist eine listige, versteckte, feine Schmeichelei, die Spender und Empfänger anders befriedigt. Dieser nimmt sie als Preis für seine Verdienste an, und jener gibt sie, um seine Billigkeit und Urteilskraft ins rechte Licht zu setzen.

Wir wählen oft giftige Lobsprüche, die durch einen Gegenstoß Fehler an dem Gelobten hervorspringen lassen, die wir auf keine andere Art aufzudecken wagen.

Gewöhnlich lobt man, um gelobt zu werden.

Wenige Menschen sind weise genug, nützlichen Tadel verräterischem Lob vorzuziehen.

Es gibt lobenden Tadel und tadelndes Lob.

Lobsprüche ablehnen heißt, nochmals gelobt werden wollen.

Das Lob, das man uns erteilt, dient wenigstens dazu, uns in der Ausübung der Tugend zu stärken.“

(F.de La Rochefoucauld, Reflexionen oder moralische Sentenzen und Maximen)

© W.Sofsky 2017

Alain: Von der Unentschlossenheit

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Wolfgang Sofsky
Alain: Von der Unentschlossenheit

Manche halten Untätigkeit für einen Beweis von Klugheit. Wer nichts tue, so sagen sie, mache auch nichts verkehrt. Andere halten Untätigkeit für eine Wohltat, weil sie alles beim Alten lasse. Wieder andere schätzen an Demokratien nicht nur die lange Bedenkzeit bis zu einer Enscheidung, sondern auch die Kunst der Nicht-Entscheidung. Diese Regierungsform sei anderen überlegen, weil sie die Untertanen mit möglichst wenigen Entschlüssen und Veränderungen behellige.

Vielen Apologeten des Nichtstuns ist freilich entgangen, daß Untätigkeit häufig einen höchst banalen Grund hat: die Unentschlossenheit. Sie ist von den Übeln eines der größten. Sie erzeugt ein Leiden ganz eigener Art. Sie hält Körper und Geist in fortwährender Erregung und gönnt dem Subjekt keine Ruhe, keinen Schlaf. Hin und her ist der Unentschlossene gerissen, soll er seine Liebe erklären oder nicht, soll er die Stellung kündigen oder nicht, soll er gegen die Mißhandlung protestieren oder nicht, soll er das Geld ausgeben oder nicht, soll er das Bündnis schließen oder nicht? In allen Lebensbereichen, im Privaten wie im Öffentlichen, ruiniert Unentschlossenheit das Leben. Der Unentschlossene glaubt, sich die Möglichkeiten zu erhalten, wenn er nichts tut. Doch am Ende verliert er jede Möglichkeit, wenn er etwas Mögliches nicht wirklich werden läßt.

„Man wägt die Folgen des einen Schrittes gegen die des anderen ab, ohne je von der Stelle zu kommen. Die Wohltat wirklichen Handelns besteht darin, daß die Möglichkeit, für die man sich nicht entschieden hat, vergessen wird und, genaugenommen, auch gar nicht mehr existiert, weil das Handeln alles verändert hat. Nur in Gedanken handeln dagegen ist nichts; alles bleibt wie es war. In jedem Handeln gibt es ein Element Glücksspiel; denn man muß seine Überlegungen abbrechen, bevor der Gegenstand erschöpft ist.“ (Alain, Die Pflicht glücklich zu sein, FfM 2005, S.190).

© W.Sofsky 2014

Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei "demokratischer Wahlen"

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Wolfgang Sofsky
Gustav Landauer: Über die Dummheit und die Narretei „demokratischer Wahlen“

landauerGustav Landauer (1870-1919) gehörte zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die für die Freiheit rundum fochten, gegen kapitalistische Ausbeutung, gegen den Parlamentarismus der Parteien, gegen den Zentralismus des Reichs, und gegen den Jakobinismus der Kommunisten. Gesellschaftliche Ordnung dachte er als „Bünde der Freiwilligkeit“, jenseits staatlicher Herrschaft. „Die Anarchie ist der Ausdruck für die Befreiung des Menschen vom Staatsgötzen, vom Kirchengötzen, vom Kapitalgötzen“. Landauer verfaßte Novellen und Romane, schrieb – im Anschluß an Fritz Mauthners Sprachkritik – über „Skepsis und Mystik“, kommentierte die Predigten Meister Eckharts und das Werk William Shakespeares, übersetzte Balzac, Oscar Wilde und Kropotkin, schrieb für Martin Buber eine Monographie über „Die Revolution“ und gab von 1909 und 1915 den „Sozialist“ heraus, das Organ des „Sozialistischen Bundes“, zu dessen ersten Mitgliedern Erich Mühsam und Martin Buber zählten. In 115 Artikeln schrieb Landauer über Tagesereignisse, über Literatur, Philosophie und Kultur und veröffentlichte mehrere Übersetzungen von Proudhon. Gegen die Kriegsbegeisterung 1914 war der Pazifist Landauer immun und gegen den Staatsglauben der Marxisten, Sozialdemokraten und Spartakisten ohnehin. Mitte November 1918 beriet er den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner und plädierte im Zentralarbeiterrat Bayerns für den Aufbau einer föderativen Republik. Als am 7.4.1919 gegen die SPD-Regierung eine Räterepublik ausgerufen wurde, übernahm er kurzzeitig das Amt eines „Volksbeauftragten für Volksaufklärung“. An Fritz Mauthner schrieb er: „Läßt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß es nur ein paar Tage sind und dann war es ein Traum.“ Seine erste und einzige Entscheidung war die Abschaffung des Geschichtsunterrichts in bisheriger Form in bayerischen Schulen. Eine Woche später, als die KPD die Räteregierung okkupiert hatte, verzichtete er auf die weitere Mitarbeit. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Räterepublik durch Reichswehr und Freikorps wurde Landauer am 1.Mai aufgrund einer Denunziation in München verhaftet und nach Stadelheim verbracht. Dort ist er am 2.Mai nach den Mißhandlungen durch Offiziere und Soldaten gestorben.

In Zeiten vielfacher Verdrossenheit über repräsentative Ohnmacht und über die  Selbstbeweihräucherung der Macht- und publizistischen Kommentareliten dürfte – ohne Anlaß irgendeines Gedenktages – eine kleine Erinnerung angebracht sein, an die Verbreitung von Dummheit bei „demokratischen“ Wahlen.

Was die Menschen angeht, so ist ihr ganzes Leben auf Verkehr, Meinungsaustausch, Erinnerung der Generationen und Erfahrung, Überlegung und Vorsorge gestellt. Was aber machen die Menschen für einen Gebrauch von ihren besonderen Eigenschaften, Gaben und Möglichkeiten? Zum Teil ohne Zweifel den richtigen: sie kleiden sich warm, haben Häuser gebaut und heizen den Ofen gegen die Kälte, sie sorgen für ihre und ihrer Angehörigen Ernährung, sie machen einander Mitteilungen über Gefahren, die drohen, sie überliefern sich von Geschlecht zu Geschlecht nützliche Kenntnisse. Aber zum andern Teil machen sie von ihrer besonderen Natur, die Verstand heißt, den sehr unzulänglichen und sehr verkehrten Gebrauch.

Die Menschen unterscheiden sich nämlich von … Tieren nicht nur durch den Verstand, sondern ebensosehr durch die Kehrseite des Verstandes: die Dummheit und deren traditionelles Weiterleben. Keineswegs ist die Dummheit bloß Abwesenheit von Verstand, bloß etwas Nichtvorhandenes, Negatives. Es ist darum auch falsch, Tiere dumm zu nennen, weil ihnen der Menschenverstand fehlt. Es gibt, bildlich gesprochen, im Kopf des Menschen keine leere Stelle; das soll heißen, kein Mensch leidet an Abwesenheit des Verstandes, der nicht dafür etwas anderes hätte: manche haben eine Art Instinkt, die meisten aber ganz positive, veritable Dummheit….

Heute geht ihr, alle fünf Jahre einmal, zur Wahl! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedrucktem Namen hinein, klebt zu, daß keiner sehe, was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer (mittlerweile auch Frauen, WS) zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden.Und die Männer (und Frauen!) sind so gewählt, wie es der Mehrheit entspricht: ein Recht der Minderheit, sich nun von der Mehrheit zu trennen und, sei’s auch nur auf diesem wahnsinnig verkehrten Wege dessen, was ihr Wahl heißet, eigenes durchzusetzen, gibt’s nicht. Die Mehrheit geht alle fünf Jahre ins Klosett, um abzudanken; die Minderheit hat nicht einmal dieses Recht, sie hat gar keines. Der Telegraph, es ist so sonnenklar, hat die Bestimmung in sich, getrennte Menschen zusammenzubringen, ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, sich während ihrer Entschließungen in Verbindung zu halten. Heute dient er (und TV, WS) dazu, daß die Menschen nach geschehener Lächerlichkeit erfahren, diese Lächerlichkeit sei mit den und den Ergebnissen in ganz Deutschland vor sich gegangen.

Und welche Aufregung, welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslose, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht, Wahlsieg, Triumph; es ist, wie wenn sich Affen in einem Zeughaus Ritterrüstungen über das braune Fell gezogen hätten.

Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?

(Aus: Gustav Landauer, Von der Dummheit und von der Wahl, in: Der Sozialist, 15.01.1912)

© W.Sofsky 2014

Bakunin: Über die Freiheit

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Wolfgang Sofsky
Michail Bakunin: Über die Freiheit

Mikhail_BakuninIm dritten Band seiner Autobiographie „Mein Leben“ berichtet Alexander Herzen von manch ungestümen Taten seines Freundes Michail Bakunin, der von Prag kommend, 1848 in Dresden eintrifft und als ehemaliger Artillerieoffizier „die Professoren, Musiker und Pharmazeuten, die zur Waffe gegriffen haben, das Kriegshandwerk lehrt… er gibt ihnen den Rat, die „Madonna“ von Raffael und die Bilder von Murillo auf die Stadtmauern zu stellen und sich mit ihnen vor den Preußen zu schützen, die zu klassisch gebildet seien, um es zu wagen auf Raffael zu schießen. Seine artilleristischen Kenntnisse haben ihm überhaupt geholfen. Als er von Paris nach Prag unterwegs war, stieß er irgendwo in Deutschland auf einen Bauernaufstand. Sie lärmten und schrien vor dem Schloß und wußten sich nicht zu helfen. Bakunin stieg aus dem Wagen, und da er keine Zeit hatte festzustellen, um was es ging, stellte er die Bauern in Reih und Glied auf und gab ihnen so gute Lehren, daß, als er sich wieder in den Wagen setzte, um den Weg fortzusetzen, das Schloß aus allen vier Ecken brannte.“ Aber wie kann man nur die hehre Kunst für die Freiheit opfern, Bilder als farbigen Schutzschild der Revolution mißbrauchen!, wird der besorgte Philister fragen. Die preußischen und sächsischen Truppen waren nie zimperlich, wenn sie Aufstände niederschlugen.

In den üblichen Gedenkstücken zu Bakunin verkommt die Anarchie meist zum „Bildungs“- und „Erbauungsgut“ . Ein kleines, wohliges Grausen befällt den staatstreuen Bürger angesichts des ärgsten Widersachers jeder Staats- und Religionsordnung: ein Leben für die Freiheit, jenseits aller Karriere, mit allen Gefahren für Leib und Leben. Auf einer Irrfahrt war Bakunin unterwegs, von Aufstand zu Aufstand, von Konvent zu Konvent, vom habsburgischen, dann zaristischen Zuchthaus in die sibirische Verbannung, woraus ihn nur die Flucht von Irkutsk, den Amur hinauf nach Japan, Kalifornien, London rettete. Den autoritären Kommunisten widerstand er schon Jahrzehnte, bevor Lenin, Trotzki, Stalin, Berija samt Helfershelfern den Staatsterror in Gang setzten, dennoch übersetzte er das Manifest des Denunzianten Marx ins Russische. Von der späten Altersarmut im Tessin weiß man weniger, auch nicht von seinen Treffen mit den Leitfiguren der italienischen Unabhängigkeit Mazzini und Garibaldi oder seinen Reden vor den anarchistischen Uhrmachern im Schweizer Jura.

Als Weltreisender der Revolution, als Prophet lustvoller Zerstörung und obskurer Bewunderer des Tatpropagandisten Netschajew wird Bakunin meist dargestellt, ein Hüne von Gestalt, der seinen Filzhut angeblich nie abnahm, es dafür aber versäumte, seine Kleidung regelmäßig abzubürsten. Von seinen Schriften, geschweige denn seinen Einsichten ist kaum die Rede. Als sei Bakunin ein geistloser Gewaltmensch des Aufstands gewesen. Ein Blick in sein Hauptwerk „Gott und der Staat“ von 1871 kann eines Besseren belehren. Seine Religionskritik überrundet diejenige von Ludwig Feuerbach oder David Friedrich Strauß um einige Meilen, die Passage zur praktischen Antiphilosophie der Befreiung nimmt der Riese Bakunin leichtfüßiger als der Verfasser der Thesen ad Feuerbach („Die Philosophen haben die Welt nur….“), die Idee der Selbstüberschreitung oder Selbstentgrenzung durch die Kraft der Negation findet sich bei dem Linkshegelianer ebenso wie die Aufkündigung jeden Gehorsams gegenüber Priestern, Propheten, Polizisten und Beamten.

Denn der Staat ist Repression, Herrschaft, und jede Eroberung des Staates, sei es via Putsch, sei es via Wahl und paternalistischer Reform, setzt nur die Unfreiheit fort. Alle verehren sie den Staat, auch der Liberalismus, der sich die Freiheit zu Unrecht auf die Fahnen geschrieben hat. Er vermag die Freiheit nur als persönliche, private Freiheit des heiligen Individuums jenseits aller Gesellschaft zu denken und nicht als sozialen Zustand. Er verwechselt das Soziale mit Sozialismus, träumt von freien Verträgen und fürchtet die Freiheit des anderen, was ihn spornstreichs wieder unter den Schutzmantel des Staates flüchten läßt. So endet das zaghafte Individuum kläglich als Staatssklave neben allen anderen. Doch der Ort der Freiheit ist weder der Staat oder die Kirche noch das Individuum, sondern die Gesellschaft der freien Assoziationen. Der Philister verwechselt bis heute den Zustand der An-Archie, der Herrschaftslosigkeit, mit Gewalt und Unordnung. In Wahrheit ist auch Anarchie Organisation. Kooperation und Konflikt, Produktion und Konsum, Wirtschaft und Politik, schließlich die Föderation der Regionen, Länder und Nationen werden von unten nach oben mehr oder weniger direkt „organisiert“.

„Nur im Schoße der Gesellschaft, die notwendig vor der Entstehung seines Denkens, seiner Sprache und seines Willens da ist, wird (der Mensch) fortschreitend Mensch und frei; er kann das nur tun durch die gemeinsamen Anstrengungen aller ehemaligen und gegenwärtigen Glieder dieser Gesellschaft, die demnach die natürliche Grundlage und der Ausgangspunkt seines menschlichen Daseins ist. Daraus geht hervor, daß der Mensch seine individuelle Freiheit oder seine Persönlichkeit nur dadurch verwirklicht, daß er sich mit allen Individuen, welche ihn umgeben, vervollständigt, daß er dies nur kann durch die gemeinsame Arbeit und Kraft der Gesellschaft, außerhalb derer er zweifelsohne unter allen wilden Tieren, welche auf der Erde existieren, das dümmste und elendste bleiben würde. .. Erst die Gesellschaft, weit davon entfernt, die Freiheit zu verringern und zu beschränken, schafft die Freiheit der menschlichen Individuen. Sie ist die Wurzel, der Baum, die Freiheit ihre Frucht.“ Sicher ist die Freiheit nicht in der Isolierung und auch nicht unter dem Regime des Rechts, das niemals neutral ist, sondern einzig in der gegenseitigen Anerkennung. Geteilte Freiheit ist nicht halbe Freiheit, sondern doppelte Freiheit. „Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, Männer und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon entfernt, eine Beschränkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung.“

Negativ schließlich ist die Freiheit, weil sie sich empört, gegen jegliche Macht, auch gegen die vermeintliche Schutzmacht der Autorität. Wer die Freiheit in Leib und Seele hat, der duldet keinen Tyrannen, keinen Herrn über sich, keinen Gott, keinen König, aber auch keine niedrigen Exekutionsgehilfen der Sklaverei. Wer immer sich anmaßt, anderen Vorschriften zu machen, ist vor der Attacke der Freiheit nicht sicher. Und wer sich anmaßt, andere als sein Eigentum oder sein Verfügungsobjekt zu beanspruchen, vergeht sich an der Freiheit. Kinder gehören nicht der Kirche, nicht der Partei, nicht dem Staat, nicht der Schule, nicht den Verbänden, nicht den Lehrern und nicht den Eltern, sie gehören einzig sich selbst.

Man mag von Bakunins Pathos oder seinem menschenfreundlichen Optimismus befremdet sein. Angesichts der Kleingeisterei, des Duckmäusertums, der Botmäßigkeit in fast allen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bereichen gerät der kritische Beobachter der Unfreiheiten heutzutage in keineswegs mildes Entsetzen.

© W.Sofsky 2014