Bach: Himmelsburgklänge

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Wolfgang Sofsky
Bach: Himmelsburgklänge

himmelsburg

In der alten Wilhelmsburg, dem Residenzschloß zu Weimar oberhalb der Ilm, befand sich auch eine Kirche, die bei dem Brand am 6.Mai 1774 zerstört wurde. Über dem dreistöckigen Kirchenschiff befand sich in etwa 20 Metern Höhe, durch ein Oberlicht mit dem Kirchenraum verbunden, eine umlaufende Orgelempore mit Balustrade. Diese Capelle, die „Himmelsburg“, verband die irdische Wilhemsburg mit dem Himmelsreich Gottes. Acht Meter über der Balustrade war die Himmelskuppel mit Putten und Engeln ausgemalt. Durch eine drei mal vier Meter große Öffnung rieselten himmlische Töne auf die Gemeinde herab. In einer Schilderung von 1702 hieß es: Dort „höret man die delicateste und angenehmste Music, welche von virtuosen und geschickten Vocal- und Instrumental-Musicis gehalten wird, mit größtem Vergnügen.“  Die Akustik wirkte durch den Echoturm-Effekt wie eine Art Engelskonzert. Von 1708 bis 1717 pflegte Johann Sebastian Bach zweimal wöchentlich für den Herzog in dieser Himmelsburg zu spielen. Von 1712 bis 1714 wurde die Musikgalerie umgestaltet. Während des Gottesdienstes ohne Musik ließ sich die Deckenöffnung des Kirchenraums schließen. Während des Musizierens war der Organist oder Kappellmeister Bach, ebenso wie das Ensemble für die Kantaten, auf der Empore für den Herzog, seine Beamten und Gäste unsichtbar. Es war, als schallten die Töne aus himmlischer Sphäre auf den versammelten Hofstaat herab. Musikalische Erhabenheit kam hier nicht nur durch die raffinierte Architektur, die Klangfülle und Klangrichtung zustande,  sondern auch durch die Gegenwart des Unsichtbaren in flüchtigen Tönen.

Zu den Stücken, die derart den Weimarer Kirchenraum erfüllten, dürften auch Präludium und Fuge in f-moll, BWV 534 gehört haben. In dem Präludium verlangt der Notentext den seltenen tiefen Pedalton Des, der in Weimar nach dem Umbau 1714 zur Verfügung stand. F-moll galt im damaligen Tonartbewußtsein als Ausdruck von „Angst und Verzweiflung“. So ist das Vorspiel geprägt von Motiven, Sequenzen und harmonischen Folgen, die eine Abwärtsbewegung ergeben. Das Thema führt gewissermaßen hinab in die Tiefe. Vom Himmel erschallt eine Musik, deren Tonfolge hinab auf die Erde reicht. Es spielt Helmut Walcha auf der Schnitger Orgel der St.Laurenskerk, Alkmaar. Walchas stimmentransparente Version benötigt fast eineinhalb Minuten länger als die Interpretation jüngerer, moderner, historistischer Organisten: https://www.youtube.com/watch?v=1jMG1PNm_Rc.

© WS 2017

Lukrez: Ursprung der Gottesverehrung

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Wolfgang Sofsky
Lukrez:  Ursprung der Gottesverehrung

lukrez

Obwohl der Götterglaube keiner logischen oder argumentativen Prüfung standhält, glauben viele Menschen unverdrossen an ihre Götter, verehren sie, beten sie an und verfolgen diejenigen, die derlei Aktivitäten für Zeitverschwendung, Torheit, Unfug oder Selbstverdummung halten. Die Quellen der Religion versiegen nicht. Auch die besten Erklärungen für vermeintlich Unerklärliches, auch der Nachweis logischer, begrifflicher Inkonsistenzen, auch die Aufklärung unbewußter Wünsche, Sehnsüchte, Ängste hat nur begrenzten Erfolg. So liegt es nahe, den Ursprüngen der Gottes- und Geisterverehrung, die auf dem Globus gar vielfältige Blüten getrieben hat, nachzugehen. Lukretius, der römische Epikureer, Zeitgenosse Ciceros, Caesars und Catulls, fragt im fünften Buch des Lehrgedichts „De rerum natura“ (V,1161-1240), „woher in den Menschen der heilige Schauer gepflanzt ward, der jetzt überall noch auf dem Erdkreis Tempel auf Tempel Göttern errichtet und zwingt, sie an festlichen Tagen zu feiern“? Am Anfang waren es Traumgestalten, denen die Menschen Gefühle und erhabene Worte zuschrieben, riesige Kräfte, ewiges Leben, Unbesiegbarkeit und Wundertätigkeit. Dann erkor man diese Figuren zu kosmischen Bewegern:

„Und wie die Jahreszeiten in ständigem Wechsel sich drehten,
Ohne daß ihnen der Grund für diese Erscheinungen klar ward.
Und so flüchteten sie zu den Göttern, vertrauten sich ihnen,
Deren Geheiß und Wink, wie sie glaubten, die Welten regiere.
In den Himmel verlegen sie Tempel der Götter und Wohnsitz,
Weil auch Sonne und Mond durch den Himmel schienen zu wandeln,
Mond und Tag und Nacht und der Nacht tiefernste Gestirne
Und die nächtlichen Fackeln des Himmels und fliegenden Flammen,
Wolken und Tau und Regen und Schnee, Wind, Hagel und Blitze,
Rasend heulender Sturm und gewaltig drohender Donner.
0 unseliges Menschengeschlecht, das solches den Göttern im
Zuschrieb, ja ihnen gar der Zornwut Bitterkeit beigab!…
Frömmigkeit ist es mitnichten, verhüllten Hauptes ein Steinbild
Zu umwandeln und opfernd an alle Altäre zu treten
Oder zur Erde zu fallen der Länge nach oder die Hände
Zu den Tempeln der Götter zu heben und reichliches Tierblut
Ihren Altären zu weihn und Gelübd‘ an Gelübde zu reihen,
Sondern mit ruhigem Geiste auf alles schauen zu können…

Nicht Frömmigkeit und Götterverehrung ist die angemessene Einstellung zu den erstaunlichen Phänomenen der Natur, zu den übermächtigen Widerfahrnissen, sondern die theoretische Einstellung, die Theoria, das meditierend analytische Betrachten und Erforschen der realen Kräfte. Dies erspart auch die furchtsame Frage, ob irgendwann einmal eine Schöpfungsstunde der Welt schlug, ob es göttlicher Willkür und Macht obliegt, wie lange die Welt dauert, ob sie irgendwann untergeht oder ob die göttliche Gnade für ewigen Schwung der Gestirne sorgt. Die Frömmelei indes, sie betrachtet die Natur nach Maßstäben der Gesellschaft. Sie projiziert die Erfahrung sozialer Macht auf die Bewegungen der Natur. So bleibt den Menschen nur Zittern und Zagen, blinde Hoffnung, Wunderglaube – und Angst.

„Und: wem krampft sich das Herz nicht aus Angst vor den Göttern zusammen,
Wem fährt nicht ein entsetzlicher Schreck in die Glieder, wenn plötzlich
Furchtbarer Blitzeinschlag die vertrocknete Erde erschüttert,
Während des Himmels Gewölbe durchrollt der grollende Donner?
Zittern nicht ganze Völker alsdann? Erfaßt nicht der Schrecken
Stolzer Könige Glieder, so daß sie in Angst vor den Göttern
Fürchten, es nahe die Stunde, in der sie für scheußlichen Frevel
Oder tyrannischen Spruch die Bestrafung müßten erwarten?

Doch alle Gebete sind vergebens, zumal der Blitzgott noch nie bei gutem Wetter seine Pfeile entsandt hat. Kein Gott bewahrt den Menschen vor dem Tod. So gering ist seine Wunderkraft, daß er über das natürliche Ende nicht bestimmen kann. Der Gottesglaube indes verkleinert den Menschen und vergrößert seine Illusionen ins schier Unermeßliche.

© W.Sofsky 2017

Sextus Empiricus: Gotteszweifel

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Wolfgang Sofsky
Sextus Empiricus: Gotteszweifel

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Im „Grundriß der pyrrhonischen Skepsis“ führt Sextus Empiricus auch einige Argumente wider die Existenz eines Gottes an. Erstens ist ein Gott als solcher gar nicht denkbar; zweitens wäre er, sofern er denkbar wäre, keineswegs beweisbar, weder durch Verweis auf Offenbares noch auf Verborgenes; und schließlich besteht das notorische Problem der Theodizee. Die Beweisführung richtet sich gegen alle Dogmatiker, die Erzfeinde der Skepsis, wobei als Dogmatiker keineswegs nur religiöse Schriftgelehrte gelten, sondern alle, welche die Methode des skeptischen Zweifels abbrechen, um irgendetwas für gewiß halten zu können. Verfaßt wurde die Schrift ca. 180 -200 p. Chr. Sie gilt als ausführlichste Quelle für die pyrrhonische Skepsis. Im einzelnen lauten die Argumente aus Buch 3, 2-12 (Ü: M.Hossenfelder) wie folgt:

„[2] Da nun die Mehrzahl Gott die wirksamste Ursache nennt, so will ich zunächst Gott betrachten, nachdem ich vorausgeschickt habe, daß wir zwar, dem täglichen Leben folgend, undogmatisch Götter annehmen und Götter verehren und ihre Vorsorge gelten lassen, daß wir aber gegen die Voreiligkeit der Dogmatiker folgendes anführen:

Von allen Dingen, die wir denken, müssen wir die Substanz denken, z. B. ob sie körperlich sind oder unkörperlich. Aber auch die Gestalt; denn man könnte kein Pferd denken, ohne vorher die Gestalt des Pferdes kennengelernt zu haben. Ferner muß das Gedachte an irgendeinem Ort gedacht werden.

[3] Da nun von den Dogmatikern die einen behaupten, der Gott sei körperlich, die anderen, er sei unkörperlich, und die einen, er habe Menschengestalt, die anderen, er habe sie nicht, und die einen, er befinde sich an einem Ort, die anderen, er tue es nicht, und von denen, die ihn an einem Ort sein lassen, die einen, er sei innerhalb der Welt, die anderen, er sei außerhalb – wie sollen wir da einen Begriff von Gott bekommen können, da wir weder eine anerkannte Substanz von ihm haben noch eine Gestalt noch einen Ort, an dem er sich befände? Vorher nämlich mögen jene sich einig werden und zu einer Übereinstimmung gelangen, daß der Gott so und so beschaffen sei, dann mögen sie ihn uns beschreiben und dann erst verlangen, daß wir einen Begriff von Gott bekommen. Solange sie sich aber unentscheidbar streiten, haben wir von ihnen nichts, was wir anerkanntermaßen denken können.

[4] „Aber“, sagen sie, „denke dir etwas Unvergängliches und Seliges und glaube, daß dies der Gott sei.“ Das ist jedoch naiv. Denn wie derjenige, der Dion nicht kennt, auch dessen Akzidenzien nicht als Dions Akzidenzien denken kann, so können auch wir, da wir die Substanz des Gottes nicht kennen, nicht dessen Akzidenzien denken und verstehen.

[5] Außerdem mögen sie uns sagen, was das Selige ist: ob das, was tugendgemäß wirkt und für das ihm Untergeordnete vorsorgt oder das, was untätig ist und weder selbst Unannehmlichkeiten hat noch einem anderen bereitet. Denn auch hierüber sind sie in unentscheidbaren Widerstreit geraten und haben uns dadurch das Selige undenkbar gemacht und deswegen auch den Gott.

[6] Mag der Gott aber auch gedacht werden können, so muß man sich doch notwendig darüber zurückhalten, ob es ihn gibt oder nicht, im Sinne der Dogmatiker. Denn die Existenz des Gottes ist nicht offenbar. Wenn er sich nämlich von sich aus zeigte, dann würden die Dogmatiker darin übereinstimmen, wer er ist und von welcher Art und wo. Der unentscheidbare Widerstreit aber hat bewirkt, daß er uns verborgen zu sein scheint und beweisbedürftig.

[7] Wer nun beweisen will, daß es Gott gibt, der hat den Beweis durch Bezugnahme entweder auf Offenbares oder auf Verborgenes zu führen. Durch Bezugnahme auf Offenbares gelingt dies in keiner Weise. Denn wenn das die Existenz Gottes Beweisende offenbar wäre, dann müßte auch die Existenz Gottes offenbar sein, da sie mit dem sie beweisenden Offenbaren zusammen erkannt würde; denn das Bewiesene wird bezogen auf das Beweisende gedacht, weshalb es auch mit ihm zusammen erkannt wird, wie ich gezeigt habe. Die Existenz Gottes ist aber nicht offenbar, wie ich dargetan habe. Also wird sie auch nicht durch Offenbares bewiesen.

[8] Aber auch nicht durch Bezugnahme auf Verborgenes. Denn das Verborgene, das die Existenz Gottes beweist, bedarf eines Beweises, und wenn es durch Offenbares bewiesen werden soll, dann ist es nicht mehr verborgen, sondern offenbar. Also wird das Verborgene, das die Existenz Gottes beweist, nicht durch Offenbares bewiesen. Aber auch nicht durch Verborgenes. Denn wer das behauptet, gerät in einen unendlichen Regreß, da wir immer wieder einen Beweis für das Verborgene fordern, das zum Beweis des vorher angeführten angebracht wird. Also läßt sich die Existenz Gottes nicht aus etwas anderem beweisen.

[9] Wenn sie aber weder aus sich selbst offenbar ist noch aus etwas anderem bewiesen wird, dann ist unerkennbar, ob es Gott gibt.

Ferner ist noch folgendes zu sagen: Wer die Existenz Gottes behauptet, der sagt entweder, dieser sorge für die Dinge in der Welt, oder, er tue es nicht, und wenn er vorsorge, dann entweder für alle oder nur für einige. Wenn er für alle vorsorgte, dann gäbe es weder Schlechtes noch Schlechtigkeit in der Welt. Von Schlechtigkeit sollen aber alle Dinge voll sein. Also wird man nicht behaupten, der Gott sorge für alle Dinge.

[10] Wenn er aber nur für einige vorsorgt, warum sorgt er dann für die einen, für die anderen aber nicht? Entweder will und kann er für alle Dinge vorsorgen, oder er will zwar, kann aber nicht, oder er kann zwar, will aber nicht, oder er will weder noch kann er. Wenn er sowohl wollte als auch könnte, dann würde er für alle Dinge vorsorgen. Er sorgt aber nicht für alle Dinge wegen des oben Gesagten. Also trifft es nicht zu, daß er für alle Dinge sowohl vorsorgen will als auch kann. Wenn er zwar will, aber nicht kann, dann ist er schwächer als die Ursache, derentwegen er nicht für die Dinge vorsorgen kann, für die er nicht vorsorgt.

[11] Es verstößt jedoch gegen den Gottesbegriff, daß er schwächer als etwas sein soll. Wenn er für alle Dinge zwar vorsorgen kann, aber nicht will, dann müßte man ihn für mißgünstig halten, und wenn er weder will noch kann, dann ist er sowohl mißgünstig als auch schwach, was nur Frevler von Gott behaupten. Also sorgt der Gott nicht für die Dinge in der Welt. Wenn er aber für nichts Vorsorge trifft und es kein Werk von ihm gibt und auch keine Wirkung, dann vermag man nicht zu sagen, woher erkannt wird, daß es Gott gibt, wenn er doch weder aus sich selbst erscheint noch durch irgendwelche Wirkungen erkannt wird. Auch deswegen also ist unerkennbar, ob es Gott gibt.

[12] Hieraus folgern wir, daß diejenigen, die die Existenz Gottes mit Sicherheit behaupten, womöglich zum Frevel gezwungen werden. Wenn sie ihn nämlich für alle Dinge vorsorgen lassen, behaupten sie, der Gott sei Urheber von Übeln. Lassen sie ihn aber nur für einige Dinge oder sogar für nichts vorsorgen, dann werden sie gezwungen, den Gott entweder mißgünstig oder schwach zu nennen. Das aber ist offenkundig Frevel.“

© WS 2017