Pausanias: Der Stuhl der Mnemosyne

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Wolfgang Sofsky
Pausanias: Der Stuhl der Mnemosyne

Zu den berüchtigsten antiken Orakeln gehört jenes des Trophonios in der böotischen Stadt Lebadeia. Der Wißbegierige gerät dabei unweigerlich in die Unterwelt, wobei ihm Hören und Sehen vergeht. Wenn er wiederkehrt, hat er das Lachen verlernt. Auf dem Stuhl der Erinnerung soll er sich jedoch vergegenwärtigen, was ihm aus der Zukunft widerfahren ist. Pausanias hat sich der Prozedur selbst unterworfen. Im neunten Buch der „Reise durch Griechenland“ berichtet er davon (Kap.39):

„Bezüglich des Orakels bestehen folgende Gebräuche. Wenn jemand im Sinne hat, zu dem Orakel des Trophonius hinabzusteigen , so muß er zuvor eine bestimmte Anzahl Tage in der, dem guten Dämon und dem guten Glücke geweihten Kapelle zubringen. Während seines dortigen Aufenthalts nimmt er verschiedene Reinigungen vor, enthält sich aber der warmen Bäder und badet nur im Herkynafluß. Dabei hat er Fleisch im Überfluß von seinen Opfern , denn in Wahrheit opfert jeder, der hinuntergeht, dem Trophonius und seinen Söhnen, dem Apollo, Kronos und Zeus dem König, der Hera Henioche und der Demeter Europe, welche man für die Wärterin des Trophonius ausgibt. Bei jedem von diesen Opfern ist ein Wahrsager anwesend, der die Eingeweide des Opfertiers beschaut und daraus dem Orakelsuchenden voraussagt, ob Trophonius ihn huldvoll und gnädig aufnehmen werde. Die Eingeweide aller andern Opfertiere geben jedoch die Gesinnung des Trophonius nicht so deutlich zu erkennen, wie das Widderopfer, das jeder in der Nacht, da er hinabsteigt, unter Anrufung des Agamedes in eine Grube hinein darbringt, und die vorhergehenden Opfer, wenn sie auch Glück anzeigten, gelten nichts , wenn nicht auch die Eingeweide dieses Widders eben dahin deuten; harmonieren aber diese mit jenen, so steigt nun der Betreffende voller Hoffnung hinab, und zwar auf folgende Weise.

In jener Nacht wird er von zwei ungefähr dreizehnjährigen Knaben aus der Stadt, Hermen genannt , an den Herkynafluß geführt und dort mit Öl gesalbt und gewaschen. Diese also baden den, der hinabsteigen will, und besorgen überhaupt alles Erforderliche, ganz wie Diener. Vom Flusse aber führen ihn die Priester nicht sogleich zu dem Orakel, sondern zu zwei ganz nahe beieinander liegenden Wasserquellen: aus der einen trinkt er das Wasser der Lethe, um alle bisherigen Sorgen zu vergessen, aus der andern das Wasser der Mnemosyne, um das , was er unten sehen wird, im Gedächtnis zu behalten. Dann wird ihm ein dem Dädalus zugeschriebenes Götterbild gezeigt, das die Priester nur diejenigen sehen lassen, welche dem Trophonius nahen wollen. Wenn er dieses Bild gesehen, ihm geopfert und zu ihm gebetet hat, führt man ihn in einem linnenen, mit Binden aufgegürteteu Unterkleid und mit hierzulande üblichen Sandalen an den Füßen zu dem Orakel.

Dieses Orakel liegt oberhalb des Haines auf der Berghöhe. Hier steht eine kreisförmige Mauereinlassung aus Marmor, im Umfang der kleinsten Tennen und nicht ganz zwei Ellen hoch. Auf diesem Mauerrande stehen Spieße, aus Erz, wie die Bänder, durch welche sie miteinander verbunden sind; eine Türe führt durch dieselben hinein. Innerhalb der Umfassungsmauer findet sich eine nicht von selbst entstandene, sondern mit größter Kunst und Regelmäßigkeit gebaute Erdöffnung. Dieser Bau hat die Form des Gefäßes zum Brotbacken, seinen Durchmesser kann man auf vier Ellen und auch seine Tiefe nicht höher als auf acht Ellen schätzen. Es führt jedoch kein Weg auf den Grund hinab , sondern wenn jemand dem Trophonius sich nähern will, so holt man eine enge und schwache Leiter herbei; steigt man auf dieser hinab, so sieht man zwischen dem Boden und der darauf gebauten Wand eine Öffnung, die mir zwei Spannen breit und eine Spanne hoch vorkam. Ist man unten, so legt man sich mit Honigkuchen in den Händen auf den Boden, steckt dann zuerst die Füße in die Öffnung und rückt dann auch mit dem übrigen Körper nach, um die Knie in die Öffnung hineinzubringen; ist es so weit, so wird der Körper augenblicklich nachgezogen und muß den Knien so schnell folgen, wie wenn ein sehr großer und reißender Strom einen Menschen verschlingt, den der Strudel gefaßt hat. Ist man aber in  das innerste Heiligtum gelangt, so besteht von jetzt an keine feste Bestimmung mehr darüber, wie man die Zukunft erfahren solI, sondern der eine erfährt sie durch das, was er sieht, der andere durch das, was er hört. Wer hinabsteigt, muß auch den Rückweg wieder durch dieselbe Öffnung nehmen, gleichfalls die Füße voran.

Den Tod soll noch keiner, der hinabgestiegen, gefunden haben, außer einer von der Leibwache des Demetrius, der nicht nur die gebräuchlichen Gottesdienste in der Umgebung des Heiligtums unterließ , sondern auch nicht zu dem Zweck hinabstieg , den Gott zu befragen, sondern weil er Gold und Silber aus dem Heiligtum entwenden zu können hoffte. Sein Leichnam wurde nach der Sage nicht durch die geheiligte Öffnung herausgeschafft, sondern kam anderswo heraus. Damit habe ich von den verschiedenen Erzählungen über diesen Menschen die glaubwürdigste mitgeteilt.

Kommt einer vom Trophonius herauf, so wird er noch einmal von den Priestern in Empfang genommen, auf den sogenannten Stuhl der Mnemosyne, der unweit des Heiligtums steht, gesetzt und darüber ausgefragt, was er gesehen und gehört habe. Nachdem die Priester dieses erfahren, überantworten sie ihn den zuständigen Dienern, welche ihn, während er noch vom Schrecken betäubt weder sich noch seine Umgebung erkennt, in die Kapelle des guten Glückes und des guten Dämon tragen, in der er sich früher schon aufgehalten hatte: hier kommt ihm bald sein voller früherer Verstand wieder und selbst das Lachen stellt sich ein. Ich berichte dies nicht nach Hörensagen, sondern habe es teils an andern Leuten gesehen, teils selbst auch den Trophonius befragt. Wer nun zum Trophonius hinabsteigt, muß unweigerlich das, was er gehört oder gesehen, auf eine Tafel schreiben und diese hier aufstellen.“

© WS 2017

Mnemosyne und ihre Töchter

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Wolfgang Sofsky
Mnemosyne und ihre Töchter

Von der Titanin Mnemosyne ist, obwohl sie den Menschen einen unerforschlichen Kontinent hinterlassen hat, selbst wenig bekannt. Als Göttin wurde sie in den Bergen Böotiens verehrt. Neun lange Nächte verbrachte sie mit Zeus, dem Wolkenversammler, auf ihrem heiligen Lager, fernab der übrigen Götter. Als die Zeit vergangen war, gebar sie unweit des schneebedeckten Olymp neun Töchter, die das Werk ihrer Mutter vollenden sollten. Erinnerung nämlich hält sich im Gedächtnis der Menschen allein durch die Künste, die Poesie. Klio, die erste Tochter, bewirkt, daß der Gesang vom Ruhme kündet. Euterpe erfreut den Hörer durch das Süße, Herzerquickende des Gesangs. Thalia knüpft die Poesie an das Fest, Melopene und Terpsichore verbinden sie mit Tönen, mit Musik und Tanz. Erato weckt das Verlangen nach Dichtung, Polhymnia sorgt für reiche Abwechslung, Urania hebt den Gesang der Poeten über das Menschliche hinaus. Kalliope, die neunte Tochter, sorgt für die Schönheit der Stimme beim Vortrag der Verse. Durch ihre Lieder erfreuen die neun Musen ihren Vater und seine olympische Sippe mit süßem Gesang. Rings jauchzte die dunkle Erde, reizend klang der Takt ihrer Füße, als sie hinanstiegen zum Göttersitz. Unsterbliche Weisen singen sie seitdem. Sie verkünden, was ist, was sein wird und was einst war. Ihre gestrenge Mutter Mnemosyne indes sorgt dafür, daß die so reizend singenden und tanzenden Musen sich nicht in Fiktionen verlieren, sondern Genaues und Zuverlässiges berichten und dem Poeten vergegenwärtigen, wie es tatsächlich war.

© W.Sofsky 2017

Religionsfrevel

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Wolfgang Sofsky
Religionsfrevel

Die Geschichte der Religionen kennt mehrere Formen des Frevels. Die erste besteht darin, die Existenz der Götter zu leugnen. Atheisten bestreiten, daß Götter überaupt existieren. Das hindert sie nicht daran festzustellen, daß Menschen aus diesem oder jenem Grunde glauben, daß Götter existieren. Allein, aus dem Glauben, daß p, folgt mitnichten, daß p. Solcher Religionsfrevel rechnet mit der Wirklichkeit und Wirkmäch-tigkeit religiöser Vorstellungen, aber nicht mit der Wirklichkeit der vorgestellten Götter. Atheisten beteiligen sich daher auch nicht an theologischen Debatten über die Eigenschaften von Göttern. Ob ein Gott allmächtig oder ohnmächtig, allklug oder alldumm, allgut oder allböse, allgegenwärtig oder verborgen, allgelb, allrot oder allschwarz ist, ist für ihn eine sinnlose Frage. Sie hat nicht mehr Bedeutung als diejenige, ob Einhörner groß, klein, gescheckt oder einfarbig sind.

Davon zu unterscheiden sind Einstellungen, welche die Götter mißachten und sich nicht um sie kümmern. Gleichgültigkeit gegenüber den Göttern verwirft nicht ihre Existenz, hält diese aber für belanglos. Für den Gleichgültigen ist es unerheblich, ob Götter sind oder nicht sind. Ebenso unbedeutend sind für ihn die Kultpflichten, die Achtungsgebote, die Wertschätzung heiliger Worte und Taten. Gleichgültige vernachlässigen die Götter, die von anderen verehrt werden. Sie nehmen nicht an Kulthandlungen teil, beten nicht, opfern nicht, denken nicht einmal an irgendeinen Gott. Diese Mißachtung wird ihnen von Gläubigen und Halbgläubigen zutiefst verübelt. Dem Gleichgültigen ist das, was für den Gottesanhänger den allerhöchsten Wert hat, schlechterdings wertlos.

Eine dritte Form des Religionsfrevels ist der Glaube an andere Götter.  Anhänger anderer Götter lehnen die Vorstellungen, Dogmen, Lehrmeinungen, Überzeugungen, Bekenntnisse, Gesinnungen von Religion A ab und präferieren stattdessen Götter und Lehren vom Typ B. Solche Frevler gelten gemeinhin als Ketzer, Häretiker, „Andersgläubige“, „Ungläubige“. Ihnen sind andere Götter und Kulte heilig. Insbesondere monotheistische Religionen wie das Christentum und der Islam sind in der Verfolgung solchen Religionsfrevels besonders unduldsam. Sie prüfen Gesinnungen, strafen und töten Abweichler. Während Atheisten und Gleichgültigen gar nichts heilig ist, ist den „Ketzern“ eine andere Gottheit heilig. Dies können Gesinnungsreligionen, die ihren monozentrischen Universalitätsanspruch ernst nehmen, unmöglich ertragen. Sie fordern, B abzuschwören und A anzubeten, und zwar nicht aus Opportunität, sondern aus tiefster Überzeugung. Abweichungen des Glaubens provozieren Gesinnungsterror und robuste Repression bis zur Ausstellung gemarterter Ketzer in öffentlichen Käfigen. Religion ist hier weniger eine Frage des korrekten Kultus als des korrekten Glaubens.

Eine vierter Frevel richtet sich nicht gegen Götter, sondern gegen deren Statthalter, Sprecher, Vertreter. Die Mißachtung oder Verachtung, der Ungehorsam oder die Indifferenz gegenüber Propheten, Predigern und Priestern ist ein gesellschaftlicher und ideologischer Machtkonflikt, der mit allen Mitteln der Resistenz, Renitenz und Repression geführt werden kann. Im Zentrum steht dabei zunächst die Delegitimierung sakraler Ämter und Personen, die „Entweihung“ angemaßter höherer „Würden“, die Widerlegung des Anspruch, in einem „höheren“ Namen zu reden und zu handeln. Nichts verärgert religiöse Virtuosen, Statthalter und Amtsträger mehr als die Profanisierung ihrer Stellung, ihrer Rollen und persönlichen Eigenschaften. Sie erscheinen am Ende als durchschnittliche Figuren, die weder für Götter noch mit Göttern zu sprechen vermögen. Ihre religiöse Vermittlungsfunktion erweist sich überaus weltlicher Machtanspruch.

Eine eigene Betrachtung verdienen die Methoden und Strategien des Religionsfrevels, die Techniken der Ruchlosigkeit, der Lästerung, Blasphemie, der Entweihung, der Profanisierung sowie die Repressionsformen religiöser Machthaber. Diese Analyse der Handungen, Aktivitäten, Konflikt- und Herrschaftsprozeduren ist naturgemäß eine weites Feld.

© W.Sofsky 2017

Tatsachen, Geschichte, Erinnerung

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Wolfgang Sofsky
Tatsachen, Geschichte, Erinnerung

Wer Vergangenes erkennen will, muß sowohl die Götter als auch die Greise aus dem Diskurs verbannen. Bei keiner Entscheidung, keiner Schlacht, keiner Verhandlung ist jemals ein Gott anwesend gewesen, ebensowenig wie das Schicksal. Was die Alten davon erzählen, ist indes genauso wenig überzeugend. Auch diese Tradition der Erinnerung gehört auf den Index. »Wer aber das Gewesene klar erkennen will“, heißt es in der methodischen Vorbemerkung zum  „Peloponnesischen Krieg“ von Thukydides,  „und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird“, der muß auf das Hörensagen mit seinen Irrfahrten, Seitenflüchten und trügerischen Vergnügungen verzichten. Von Mund zu Mund gehen nur leere Gerüchte und vorgestanzte Ideen. Die flottierende Erinnerung, jeder Täuschung, vor allem aber Selbsttäuschung verfallen, wählt willkürlich aus, deutet um, wie es ihr beliebt. Grundloses Raunen formiert sie zu unüberprüfbaren „Tatsachen“. Erinnerung ist Fälschungsarbeit, man überlasse sie den Dichtern, Geschichtenschreibern, Propagandisten, den Erfindern kleiner und großer Erzählungen. Die einen überhöhen die Dinge und schmücken sie aus, suchen nach Sensationen, die sie empören, indes die anderen Belangloses aneinanderreihen oder Unbeweisbares im Brustton der Überzeugung vorbringen, indem sie „alles bieten, was die Hörlust lockt, nur keine Wahrheit“. Das halb Glaubwürige erweist sich rasch als unglaubhaft. Doch die Leichtgläubigen und Gedächtnisschwachen, die Meinungsfreudigen und Selbstüberzeugten, sie folgen den jungen Erzählern und geschwätzigen Greisen. Geschichte indes steht außerhalb der gängigen, populären Urteile. Sie beginnt dort, wo die Erinnerung ihr Ende hat. Eine Mauer ist errichtet: hier das Gesagte und Fabulierte, der betörende Gesang, die laute Stimme, dort das, was tatsächlich der Fall war und ist.

© W.Sofsky 2017

Totenspeise

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Wolfgang Sofsky
Totenspeise

Zu Ehren der Toten wurde kein Altar errichtet, sondern eine Grube gegraben. Am Rand der bewohnbaren Welt hob der Reisende – auf Geheiß der Zauberin – ein ellenlanges Quadrat aus, goß ein Gemisch aus Honig hinein, süßen Wein sodann und endlich klares Wasser, um darauf weiße Gerste zu streuen, nicht ohne einen Eid abzulegen, bei der Heimkehr dereinst ein unfruchtbares Rind sowie einen schwarzen Bock zu opfern. Nach solchem Gelübde schlachtete er den Widder und das schwarze Schaf, und als die Toten immer näher herankamen, strömte das schwarzwolkige Blut in die Grube, indes seine Gefährten die Tiere häuteten, das Fleisch verbrannten und zu Hades und Persephone beteten. Junge Frauen und Männer kamen immer näher heran, lautlos, Schatten gleich, Greise, die vieles erduldet hatten, Mädchen mit jungem Gram im Herzen, tödlich Verwundete, Krieger in blutverkrusteter Rüstung. Sie umringten die Grube, da schrien sie auf, markerschütternd, als sie des Blutes ansichtig wurden. Die Nahrung erweckte sie, der Hunger, die Aussicht auf Sättigung – für einen kurzen Augenblick.

© W.Sofsky 2017

Unter Schatten

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Wolfgang Sofsky
Unter Schatten

Im Augenblick des Todes verläßt Thymós den Körper und verschwindet für immer. Er ist jene Kraft, welche den Menschen in Regung versetzt hat. Sie ist nun dahin. Psyché indes, der Lebenshauch, geht ins Haus des Hades ein. Die Atmung hört auf, aber der Odem wechselt den Ort. Psyché ist weder die Seele noch der Geist, und auch kein Doppelgänger des Menschen. Empfindungen und Gedanken sind mit dem Tode ebenfalls dahin. Sogar das Wissen, das allein der Lebende in sich wahrte, ist mit seinem Tode für immer verschwunden. Es bleibt allein Psyché. In dem Augenblick, da sie den Leichnam verläßt, wird sie zum eídolon, zur Bilderscheinung, gleich dem Spiegelbild, das man zwar manchmal sehen, aber nie ergreifen kann, ein Traumbild, ein Spukbild. So ist die Psyché eines Toten manchmal  sichtbar, zumindest vorstellbar. Als aber Achilleus den toten Patroklos, Odysseus seine Mutter umarmen will, gleitet das Bild wie ein Schatten oder Rauch durch ihre Hand. Die Schatten sind Häupter ohne Lebenskraft, sie haben keine Energie, kein Bewußtsein. Sie müssen erst Lebenssaft, Opferblut trinken, um sich erinnern und sprechen zu können. Sonst flattern sie – gleich zirpenden Fledermäusen in ihrer Höhle – umher. Als Erinnerungsbilder verharren manche „Seelen“ in der letzten Stunde des Lebens. Orion der Jäger jagt, Minos der König spricht Recht, Agamemnon ist umgeben von denen, die mit ihm erschlagen wurden. Die Schatten sind die Gewesenen. Sie erhoffen nichts, erwarten nichts. Manchmal flackert für einen Moment das Bewußtsein auf und sie ahnen die anderen Schatten ringsum. Manchmal ist es, als riefe jemand oder werfe die Arme in die Höhe. Dann versinken sie wieder in der Stille der Geschichte.

© W.Sofsky 2017