Leo Strauss: Was ist Religionskritik?

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Wolfgang Sofsky
Leo Strauss: Was ist Religionskritik?

In seiner frühen (1930) Arbeit über Spinozas Religionskritik präzisiert Leo Strauss in einer Fußnote, was unter Religionskritik zu verstehen ist. Sie ist weder mit Indifferenz noch Unglaube oder schwankender Skepsis zu verwechseln. Agnostizismus ist keine Religionskritik, die den Namen verdient. Religionskritik zielt gegen die Religion als solche, gegen ihre Mythen, Dogmen, Riten und Organisationen, nicht zuletzt gegen ihre Auswirkungen auf die Hirne der Menschen und ihre politischen und sozialen Verhältnisse.

„Religions-Kritik kann eigentlich nur heißen die ausdrückliche Kritik, die aktuelle Bekämpfung der Religion; die bloße Indifferenz gegenüber der Religion gilt uns auch dann, wenn sie keinen Platz für die Religion übrig läßt, noch nicht als Religions-Kritik. Auch dann liegt noch keine Religions-Kritik vor, wenn zwar ausdrücklich zur Religion Nein gesagt wird, dieses Nein aber nicht mehr ausdrücken will als die „freie Entscheidung der Person“: der Unglaube ist noch nicht Religions-Kritik. Dabei bleibt dahingestellt, ob nicht die Indifferenz und der Unglaube, selbst die strengste Skepsis, wenn sie sich nur radikal verstehen, notwendig zur Religion-Kritik werden. Um nun die eigentliche Religions-Kritik auch endlich von der inner-religiösen Kritik an bestimmten Religions-Formen zu unterscheiden, wollen wir radikale Religions-Kritik jedes Nein-Sagen zur Religion als solcher nennen, das Anspruch darauf erhebt, für alle Menschen (für alle „höheren Menschen“) verpflichtend zu gelten.“

© WS 2017

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John Selden: Ohne Ölung

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Wolfgang Sofsky
John Selden: Ohne Ölung

Als John Selden, Autor des „Mare clausum“ und mehrerer rechtshistorischer Werke, führender Gelehrter für hebräische und arabische Studien und Widersacher des englischen Königs in Steuerfraggen, auf dem Sterbebett lag, soll er überlegt haben, von einem Priester der Sakaramente zu empfangen. Selden hatte mit vielerlei Traditionen gebrochen, neue, freie, widerspenstige Gedanken vorgelegt und in der gelehrten und politischen Welt mutig vertreten. Und nun wollte er sich – kurz vor Toresschluß – wirklich die letzte Ölung geben lassen? Thomas Hobbes soll, einer Anekdote gemäß, anwesend gewesen sein und seinen sterbenden Geisteskollegen energisch zurecht gewiesen haben: „What, will you that have written like a man, now dye like a woman?“ Derart ermahnt, gab Selden die Anweisung, den Priester doch nicht vorzulassen.

© WS 2017

Todesarten – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Todesarten. Bilder der Gewalt (Neuauflage) – Inhalt

br., 280 Seiten, 34 SW-Abb., 16,80 €
CreateSpace Independent Publishing: London/Leipzig/Wroclaw 2017
zu beziehen über Amazon.

Inhalt:

Gewalt im Bild –
I. Tiere und Menschen: Tod und Verwandlung. Die Höhle von Lascaux – Die Apathie der Kreatur. Löwenjagd von Eugène Delacroix – Der Heilige und die Bestie.
Der Heilige Georg und der Drache von Paolo Uccello – Fleisch und Blut. Im Schlachthaus von Lovis Corinth, Der geschlachtete Ochse von Chaïm Soutine.

II. Menschenopfer: Liebe oder Gottesfurcht. Die Opferung Isaaks von Donatello – Tod am Nachmittag. Die Enthauptung des Johannes von Caravaggio – Der gemarterte Gott. Kreuzigung von Matthias Grünewald.

III. Qualen und Strafen: Der Schlund. Das Tympanon der Abteikirche Sainte-Foy in Conques-en-Rouergue, Das Kuppelmosaik im Baptisterium in Florenz – Todesarten.
Die Apostelmartyrien von Stefan Lochner – Messerarbeit. Die Schindung des Marsyas von Tizian.

IV. Freitod: Nach dem Amok. Der Tod des Aias von Exekias – Letzte Trauer. Lucretia von Rembrandt – Im Hotel. Triptychon Mai – Juni 1973 von Francis Bacon.

V. Mord und Kampf: Unter Brüdern. Die Bernwardstür am Dom zu Hildesheim – Das Attentat. Judith von Peter Paul Rubens – Die Wut der Kraft. Herkules und Antäus von Hans Baldung Grien – Tödliche Genugtuung. Das Duell von Francisco Goya.

VI. Krieg: Nach der Schlacht. Flandern von Otto Dix – Die Greuel des Aufstands.
Desastres de la Guerra von Francisco Goya – Der wilde Krieg. Photographien von Corinne Dufka, James Nachtwey und Paul Lowe.

Literatur – Abbildungsverzeichnis

WS 2017

Denkbilder – Inhalt

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Denkbilder – Inhalt

Verlag CreateSpace, London, Leipzig, Wroclaw
160 S., 43 SW-Abb., 12,80 €
erhältlich bei über amazon:

Denken ist unsichtbar. Deshalb machen sich Menschen Bilder vom Denken. Skulpturen und Gemälde führen nachdenkliche Figuren vor Augen; Epen, Verse und Dramen lassen große und kleine Denker sprechen. Metaphern vergleichen das Denken mit Gebäuden, Blitzen, Wegen oder Strömen. Die Kunst- und Kulturgeschichte des Geistes war schon immer damit befaßt, Gedanken ins Bild zu setzen. Der Essay geht dieser Geschichte nach, nicht ohne die Systematik des Denkens selbst zu bedenken.

Inhalt : Cernavodă – Denkbilder – Demokleides – Sarcofago della Cerbita – Sokrates: Denken im Tod – Der Groll des Achilleus – Aias: Denken vor dem Tod – Diego Velazquez: Nach der Schlacht – Penelope und Eurykleia – Herakles: Zwischen der Arbeit – Pythagoras: Denken im Leben – Aristoteles: Denkendes Leben – Raffael: Heraklits tiefe Seele – Gedankenblitz – Denkweg – Gedankengebäude – Gedankenfluß – Avalokiteshvara – Zen: Undenkbares denken – Sukia: Im anderen Zustand – Der Bucklige – denkend – Michelangelo: Jeremia – Donatello: Zuccone – Hieronymus Bosch: Wüstengedanken – Vittore Carpaccio: Hiob – Hans Leinweber: Im Elend denkend – Auf hartem Steine – Il Pensieroso – Albrecht Dürer: Melencolia – Fledermäuse oder Das Denken der anderen – Niclaus Gerhaert: Gedankenkreis – Der Tod – denkend – „Alas, poor Yorick“ – Thomas Hobbes: Denkmaschine – Pieter Jacobsz Codde: Denkpause – Gedankenfälle – J.H.W.Tischbein: In der Zelle – Johann Heinrich Füssli: Grames Stolz – Robert Schumann: Töne denkend – Fernand Khnopff: Töne hörend – Charles Meryon: Le Stryge – Charles Baudelaire: Gedankenflug – Dante Gabriel Rossetti: Penelope – G.F.Watts: Undeutliches Gemurmel – Eduard Manet: La Prune oder Der Tagtraum – Vincent van Gogh: Das innere Hindernis – Rodin: Denkathlet – Edvard Munch: Schattendenker – Franz von Stuck: Haßlicht – Giorgio de Chirico: Muse – gedankenlos – Samuel Beckett: Denken – gemeinsam? – Ron Mueck: In der Ecke – Der Wächter – Sichtweisen

© WS 2017

Koalitionen – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Koalitionen – Inhalt

Verlag: CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2017.
br., 140 Seiten, 9.80 €.
erhältlich bei Amazon:

https://www.amazon.de/dp/1975742184/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1504096504&sr=8-2&keywords=sofsky

Inhalt

Eins, zwei, drei
Die Struktur der Koalition: Gegensätze, Gemeinsamkeiten – Ressourcen, Präferenzen, Offerten
Formen der Koalition: Stimmung und Spontaneität – Feindespakt und Probebündnis Zweckbündnis und Verteidigungspakt – Dauerallianz und Gewohnheitsbündnis.
Koalitionsbildung: Kontaktlinien und Kanalarbeit – Intrige und Geheimnis – Abstände, Ränder, Zentren, Netze.
Machtfelder: Despotie und Gleichgewicht – Revolution und Reform – Einzelgänger, Nutznießer, Mitläufer – Gewinne und Kosten.
 Wahlverwandtschaften: Der Wille zur Macht und der Wille zum Profit – Der Wille zur Sicherheit – Ideologische Nachbarschaft – Gleichheit und Schutz – Solidarität.
Regeln und Programme: Teilnahmerechte – Versprechen, Vorauszahlung, Verteilung – Themen, Ziele – Unklarheiten, Fiktionen.
Gefahren: Ungewißheiten – Ungleichheit – Unfreiheit – Entfremdung – Sinnverlust.
Maßnahmen: Organisation – Koordination und Demokratie – Politisches Theater – Wachstum.
Finale: Repression und Explosion – Sezession – Verrat – Koalitionswechsel – Agonie.

© WS 2017

Lautlos – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Lautlos – Inhalt


Verlag: Createspace Independent Publishing, London/Leipzig/Wroclaw,
br., 134 Seiten, 7,60 €
erhältlich bei Amazon.

„Lautlos“ versammelt kurze Geschichten über Menschen und Tiere, Geister und Götter. Manche handeln von wirklichen Vorkommnissen, andere von irrealen oder surrealen Begebenheiten. Unter den ernsten Stücken sind auch mehrere von eher heiterer Natur. Einige Geschichten haben eine tiefere Bedeutung, andere nicht.

Inhalt: Lautlos – Fälle – Grundlos – Der Bote – Käsetorte – Pferdegetrappel – Brille mit Goldrand – Der Austräger – Keine Umstände – Ein Spaßmacher – Hülsen – Holzkatzen – Festmahl – Am Straßenrand – Samstagnachmittag – Licht – Rühreier – Lange Bahn – Lavendel – Baskenmütze – Blindweiß – Atemlos – Die Puppe – Kabel – Fürsorge – Gleisbett – Rosenquarz – Schatten – Tor – Der Zigarillo – Stellenausschreibung – Vater und Sohn – Regen – Der Berg – Waldbrand – Drei Brüder – Ein Unfall – Erinnerungen – Alabaster – Der Kurs – Schlaflos – Sand – Müllkipper – Krokodile – Flugkatzen – Ein Elefant – Blechkannen – Pflanzenschmerz – Vikunja – Die Peitsche – Konzert – Rückkehr – Der Ring – Glissando – Favoriten – Schließung – Der Inquisitor – Ungestüm – Totenspeise – Die Mauer – Fittiche – Die Sterblichen – Die Unsterblichen – Wortlos – Wortschwall – Lobpreis – Bilanzen – Menschen? – Zwei Götter – Rasso – Das Standbild – Danach – Blindenzug – Abstieg – Die rote Schleife – Seidenkleider – Nachtfarben – Punkte – Gesichter – Federmantel – Nachhall – Zeit.

© WS 2017

Prinzip Sicherheit – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Prinzip Sicherheit – Inhalt

prinzipsicherheit

 

 

 

 

 

 

 

CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2016.
ISBN-13: 978-1539666714
ISBN-10: 1539666719
br., 162 S.; 8,90 €; 8,00 GBP; 9,80 USD.
erhältlich bei Amazon

Inhalt

I. Katastrophen 7
Crash – Explosionen – 9/11 – Das Verhängnis – Wille zur Normalität
II. Gefahren, Wagnisse 17
Risiko und Verantwortung – Normale Gefahren
III. Kalkulation und Verleugnung 22
Glück oder Pech – Unwahrscheinliches Unglück
IV. Angst, Mut und Risikolust 27
Alarmstimmung – Lob der Courage – Kultur der Ängstlichkeit – Nischen des Wagemuts
V. Versicherungsgesellschaft 37
Geld gegen Sicherheit – Schuld und Schaden – Das Elend der Sozialkassen
VI. Soziale Komplikationen 44
Rollen, Normen, Phantasien – Vertrauen – Distanz und Verrat – Argwohn – Einsamkeit
VII. Risikowirtschaft 59
Markt und Konkurrenz – Arbeitsmarkt – Wechselfälle des Bankgeschäfts – Auf glattem Parkett – Geld und Charakter
VIII. Sicherheitsstaat 72
Herrschaft und Sicherheit – Staatsgewalt – Rechtssicherheit? – Machträume – Polizei – Der totale Sozialstaat – Ende des Staates?
IX. Kriegsgefahren 85
Gefühle, Kalküle – Krieg der Soldaten – Kriegsrecht –  Der totale Krieg
X. Terror 95
Schauplätze, Motive – Vom Terrorismus zum Terrorkrieg – Herren des Schreckens – Heckenschützen, Geiselnehmer – Selbstmordattentäter – Die Schwäche des Starken – Siege des Schwachen
XI. Frieden und Sicherheit 112
Gleichgewicht der Destruktivkräfte – Der Kalte Krieg – Hegemonie – Das Weltreich – Beschleunigte Staatsbildung?
XII. Freiheit oder Sicherheit 127
Negative Freiheit – Ausnahmezustand – Gefahren der Vorsorge – Totaler Terror
Anmerkungen 141
Krieg und Krise. Nachwort 2016  151

© WS 2016

Max Weber: Politik, Staat und Gewalt

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Wolfgang Sofsky
Max Weber: Staat, Gewalt, Politik

Zu Beginn (§2) der Staatssoziologie in „Wirtschaft und Gesellschaft“ gibt Max Weber eine kurze und nüchterne Charakteristik dessen, was man unter „Staat“ und „Politik“ zu verstehen hat, wen man sich auf dem Boden der historischen Wirklichkeit bewegen will. Man klammere also alles ein, was in Sonntags-, Kanzel-,   Katheder- und sonstigen Pultreden aus interessiertem oder unberufenem Munde zu hören ist, und richte den Blick auf das, was der Fall ist. Das dem Staat spezifische Mittel ist die Gewalt, die er zu monopolisieren trachtet. Und Politik ist nichts anderes als das Streben nach Macht, nicht zuletzt nach Macht über die fraglichen Gewaltmittel. Alles andere ist Schönfärberei, Illusionspolitik. Dies heißt natürlich nicht, daß Machtpolitik sich nicht auch gewaltfreier Taktiken bediente oder daß der Gehorsam, auf dem die Staatsherrschaft aufruht, allein durch Angst motiviert sei.

„Vom Standpunkt der soziologischen Betrachtung ist ein »politischer« Verband und insbesondere ein »Staat« nicht aus dem Inhalt dessen zu definieren, was er tut. Es gibt fast keine Aufgabe, die nicht ein politischer Verband hier und da in die Hand genommen hätte, andererseits auch keine, von der man sagen könnte, daß sie jederzeit, vollends: daß sie immer ausschließlich denjenigen Verbänden, die man als politische, heute: als Staaten, bezeichnet oder welche geschichtlich die Vorfahren des modernen Staates waren, eigen gewesen wäre. Man kann vielmehr den modernen Staat soziologisch letztlich nur definieren aus einem spezifischen Mittel, das ihm, wie jedem politischen Verband, eignet: das der physischen Gewaltsamkeit. »Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet«, sagte seinerzeit Trotzkij in Brest-Litwosk. Das ist in der Tat richtig. Wenn nur soziale Gebilde beständen, denen die Gewaltsamkeit als Mittel unbekannt wäre, würde der Begriff »Staat« fortgefallen sein; dann wäre eingetreten, was man in diesem besonderen Sinn des Wortes als »Anarchie« bezeichnen würde. Gewaltsamkeit ist natürlich nicht etwa das normale oder einzige Mittel des Staates – davon ist keine Rede –, wohl aber: das ihm spezifische. In der Vergangenheit haben die verschiedensten Verbände – von der Sippe angefangen – physische Gewaltsamkeit als ganz normales Mittel gekannt. Heute dagegen werden wir sagen müssen: Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes – dies: das »Gebiet«, gehört zum Merkmal – das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezifische ist, daß man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonen das Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur soweit zuschreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zuläßt: er gilt als alleinige Quelle des »Rechts« auf Gewaltsamkeit.

»Politik« würde für uns also heißen: Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen den Menschengruppen, die er umschließt. Das entspricht im wesentlichen auch dem Sprachgebrauch. Wenn man von einer Frage sagt: sie sei eine »politische« Frage, von einem Minister oder Beamten: er sei ein »politischer« Beamter, von einem Entschluß: er sei »politisch« bedingt, so ist damit immer gemeint: Machtverteilungs-, Machterhaltungs-oder Machtverschiebungsinteressen sind maßgebend für die Antwort auf jene Frage oder bedingen diesen Entschluß oder bestimmen die Tätigkeitssphäre des betreffenden Beamten. Wer Politik treibt, erstrebt Macht: Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele – idealer oder egoistischer –, oder Macht »um ihrer selbst willen«: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu genießen.

Der Staat ist, ebenso wie die ihm geschichtlich vorausgehenden politischen Verbände, ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen. Damit er bestehe, müssen sich also die beherrschten Menschen der beanspruchten Autorität der jeweils herrschenden fügen. Wann und warum sie das tun, läßt sich nur verstehen, wenn man die inneren Rechtfertigungsgründe und die äußeren Mittel kennt, auf welche sich eine Herrschaft stützt.“

© WS 2017

Werte und Macht

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Wolfgang Sofsky
Werte und Macht

Wer Wert sagt, will den Wert setzen, ihn durchsetzen. Tugenden übt man aus, Normen werden auf Einzelfälle angewendet, Befehle werden exekutiert, Werte indes werden gesetzt und durchgesetzt. Wer behauptet, daß Werte einfach gelten, kaschiert, daß sie entweder bereits durchgesetzt wurden (dies wäre eine überprüfbare empirische Behauptung), oder noch durchgesetzt werden sollen (dies wäre eine verkappt präskriptive Behauptung). Meist wird beides vermischt, wobei so getan wird, als sei das, was man durchsetzen will, bereits verbindlich, als sei das Resultat der Machtaktion bereits eine Tatsache. Dies ist eine Methode der, um mit C.Schmitt zu reden, „Selbstverpanzerung im Kampf der Wertungen“, oder anders gesagt, eine Methode im Machtkampf der Ideologien. Die Behauptung, ein Wert sei „objektiv“ kann also einen harmlosen Sinn haben, wenn man dessen Verbindlichkeit empirisch festgestellt hat, z.B. daß eine Mehrheit den Wert für richtig und in ihrem Handeln für verbindlich hält. Ein solcher Wert gilt dann, er hat faktische Geltung. Einen ganz anderen Sinn hat die Behauptung von der „Objektivität“ eines Werte,  wenn derjenige, der dies behauptet, den Wertträger (also die eigene Gruppe) verschweigt, das Subjekt der Wertsetzung verschleiert und vor allem den thetischen Charakter seiner Wertsetzung verharmlost. Wer einen Wert setzt, wertet das eine auf und das andere ab, er verwertet den Wert und setzt sich gegen Unwertes ab. Nicht selten wird diese Setzung mit den stärksten Mitteln betrieben. Das Böse kann getrost und mit bestem Gewissen mit Bösem bekämpft werden.

Behält man diesen Zusammenhang im Auge, dann erscheint das beliebte Gerede von Werten als eine Aktion im ideologischen Machtkampf. Werte zu beschwören, an sie zu appellieren oder so zu tun, als würden sie gelten, sind Maßnahmen der Wertdurchsetzung. Sie gehen einher mit einer aggressiven Abwertung des Gegners. Man kann im Kampf gegen den Haß selbst haßerfüllt sein. Die vielen Friedens-, Demokratie- und Menschenfreunde, die höchste Werte im Munde führen, können im Machtkampf und Wortgefecht selbst ziemlich rabiat werden. Dasselbe gilt für die Gegenseite, die von Volk, Vaterland, Heimat, Verrat etc. redet. Moralpropaganda ist ein aggressiver Machtkampf. Die einen sollen eingesperrt, die anderen verjagt werden. So wäre schon etwas gewonnen, würde man diese Wertebene einfach mal streichen, oder zumindest deutlich, ohne menschen(un)freundlichen Augenaufschlag, sagen, wer was durchsetzen und daß er etwas durchsetzen will. Ist das Visier geöffnet, kann man zumindest die Gegner erkennen in ihren Interessen, Standpunkten, Angriffspunkten.

© WS 2017

Diderot über Mohammed

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Denis Diderot über Mohammed

„On peut regarder Mahomet comme le plus grand ennemi que la raison humaine ait eu.“

(Histoire générale des dogmes et opinions philosophiques: Depuis les plus anciens temps jusqu’à nos jours. Tirée du Dictionnaire encyclopédique, des arts & des sciences, Band 3. London 1769. S. 128)

© WS 2017

Goya: Schule der Esel

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Goya: Schule der Esel

Die kürzeste Kritik des Bildungssystems bietet Francisco Goyas Capricho 37, dem ersten Bild der „Asnerias“. Ein großer Esel unterrichtet kleine Esel. „Ob der Schüler wohl mehr wissen wird?“, lautet die Legende. Die Antwort liegt auf der Hand. Wo Esel Esel unterrichten, kommen nur Esel heraus, zumal die jungen Esel stets jammern und klagen, wenn sie nicht von ihresgleichen, von Eseln unterrichtet werden, da sonst der „Streß“ zu hoch sei, indes die alten Esel klagen und jammern, daß sie, sei es in der Akademie oder Universität, sei es in den unteren, mittleren oder höheren Schulen, immer nur Esel zu unterrichten hätten.

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J.W.Goethe: 3000 Jahre!

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Wolfgang Sofsky
J.W.Goethe: 3000 Jahre!

„Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib´ im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.“

3000 Jahre möge das historische Wissen und Denken umfassen, empfiehlt Goethe im „West-Östlichen Diwan“. Man wird heute hinzufügen müssen, daß noch ein paar zusätzliche Jahrhunderte ägyptischer, chinesischer oder mesopotamischer Kultur der allgemeinen Bildung gut tun dürften. Und es könnte auch nicht schaden, von jenen Vorfahren schon mal gehört zu haben, die Lascaux oder die Grotte Chauvet (> 30.000 Jahre) hervorgebracht haben, von den Felskünsten der Aborgines (ca. 40.000 Jahre) ganz zu schweigen. Warum das? Weil man dann eine gewisse Vorstellung erlangt, woher man kommt, wer/was man ist und womit unter Menschen zu rechnen ist. Viel aktuelles Gerede erledigte sich dann im Nu. Aber welchen Zeithorizont haben Abiturienten, Geschichtsstudenten, Pädagogen, Erinnerungsredner, Journalisten oder politische Propagandisten im Kopf? Nicht wenige dürften im historischen Dunkel leben, von Tag zu Tag eben.

© WS 2017

Étienne de La Boëtie: Ursachen freiwilliger Knechtschaft

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Wolfgang Sofsky
Étienne de La Boëtie: Ursachen freiwilliger Knechtschaft

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Étienne de La Boëtie, in jungen Jahren Tyrannenfeind, später dann loyaler Beamter wie sein Freund Montaigne, verfaßte während seiner Studienzeit Anfang der 1550er Jahre den „Discours de la servitude volontaire“, ein Text, der den Hugenotten zeitweilig als Kampfschrift gegen die katholische Krone diente, jedoch nicht nur als Aufforderung zum Tyrannensturz gelesen werden kann, sondern als Analyse der Ursachen freiwilliger Unterwerfung.  Der Discours wurde zunächst in kleinem Kreis in Abschriften weitergegeben. Ein erster Druck erfolgte erst 1574, elf Jahre nach dem Tod seines Verfassers, die erste deutsche Übersetzung erschien 1593. Warum erdulden die Menschen das auferlegte Joch der Despotie, die Herrschaft des Königs, des Klerus, der Generäle, der Steuereintreiber, der Beamten und Unternehmer, der Chefs, des Staates, des Kapitals, der Religion? Warum schätzen sie ihre Freiheit so gering? Nach La Boëtie sind es neben der Feigheit auch die schiere Gewohnheit und die verblödende Ablenkung durch die „Kulturindustrie“, gestützt auf der Herrschaft des Steuer- und Wohlfahrtsstaates, welcher die Untertanen in Sklaverei hält:

„Wie dem Menschen alle Dinge natürlich sind, von denen er sich nährt und an die er sich gewöhnt, während ihm nur das eingeboren ist, wozu seine einfache und noch nicht veränderte Natur ihn beruft, so ist die erste Ursache der freiwilligen Knechtschaft die Gewohnheit. Sie sagen, sie seien immer untertan gewesen, ihre Väter hätten geradeso gelebt; sie meinen, sie seien verpflichtet, sich den Zaum anlegen zu lassen, und gründen selbst den Besitz derer, die ihre Tyrannen sind, auf die Länge der Zeit, die verstrichen ist; aber in Wahrheit geben die Jahre nie ein Recht, Übel zu tun, sondern sie vergrößern das Unrecht. Es bleiben immer ein paar, die von Natur aus besser Geborene sind: die spüren den Druck des Joches und müssen den Versuch machen, es abzuschütteln. Die gewöhnen sich nie an die Unterdrückung;… das sind freilich die, die einen guten Verstand und einen hellen Geist haben und sich nicht wie die große Masse mit dem Anblick dessen begnügen, was ihnen zu Füßen liegt; die nach vorwärts und rückwärts schauen, die Dinge der Vergangenheit herbeiholen, um die kommenden zu beurteilen und die gegenwärtigen an ihnen zu messen; das sind die, welche von Haus aus einen wohlgeschaffenen Kopf haben und ihn noch durch Studium und Wissenschaft verbessert haben; diese würden die Freiheit, wenn sie völlig verloren und ganz aus der Welt wäre, in ihrer Phantasie wieder schaffen und sie im Geiste empfinden und ihren Duft schlürfen; die Knechtschaft schmeckt ihnen nie, so fein man sie auch servieren mag…

Aber um auf meinen Faden zurückzukommen, den ich fast verloren hätte: der erste Grund, warum die Menschen freiwillig Knechte sind, ist der, daß sie als Knechte geboren werden und so aufwachsen. Aus diesem folgt ein zweiter: daß nämlich die Menschen unter den Tyrannen leicht feige und weibisch werden. Mit der Freiheit geht wie mit einem Mal die Tapferkeit verloren. Geknechtete haben im Kampf keine Frische und keine Schärfe: sie gehen wie Gefesselte und Starre und, als ob’s nicht Ernst wäre, in die Gefahr; in ihren Adern kocht nicht die Glut der Freiheit, die die Gefahr verachten läßt und die Lust hervorbringt, durch einen schönen Tod inmitten der Genossen die Ehre des Ruhms zu erkaufen. Die Freien wetteifern untereinander, jeder kämpft fürs Gemeinwohl und jeder für sich, alle wissen, daß die Niederlage oder aber der Sieg ihre eigene Sache sein wird, während die Geknechteten außer dem kriegerischen Mut auch noch in allen andern Stücken die Lebendigkeit verlieren und ein niedriges und weichliches Herz haben und zu allen großen Dingen unfähig sind. Die Tyrannen wissen das wohl, und tun ihr Bestes, wenn die Völker erst einmal so weit gekommen sind, sie noch schlaffer zu machen.

Die Theater, die Spiele, die Volksbelustigungen und Aufführungen aller Art, die Gladiatoren, die exotischen Tiere, die Medaillen, Bilder und anderer Kram der Art, das waren für die antiken Völker der Köder der Knechtschaft, der Preis für ihre Freiheit, das Handwerkszeug der Tyrannei. Dieses Mittel, diese Praktik, diesen Köder hatten die antiken Tyrannen, um ihre antiken Untertanen unters Joch der Tyrannei zu schläfern. So gewöhnten sich die Völker in ihrer Torheit, an die sie selbst erst gewöhnt waren, an diesen Zeitvertreib, und vergnügten sich mit eitlem Spielzeug, das man ihnen vor die Augen hielt, damit sie ihre Knechtschaft nicht merkten. Die römischen Tyrannen verfielen noch auf etwas weiteres: sie sorgten für öffentliche Schmäuse, damit die Kanaille sich an die Gefräßigkeit gewöhnte: sie rechneten ganz richtig, daß von solcher Gesellschaft keiner seinen Suppentopf lassen würde, um die Freiheit der platonischen Republik wiederherzustellen. Die Tyrannen ließen Korn, Wein und Geld verteilen: und wie konnte man da »Es lebe der König!« zum Ekel schreien hören! Den Tölpeln fiel es nicht ein, daß sie nur einen Teil ihres Eigentums wiederbekamen und daß auch das, was sie wiederbekamen, der Tyrann ihnen nicht hätte geben können, wenn er es nicht vorher ihnen selber weggenommen hätte.“ (Étienne de La Boëtie, Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen, Ü: Gustav Landauer, Münster/Ulm 1991)

© WS 2017

Friedrich Nietzsche: Entspannte Weltsicht

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Nietzsche: Entspannte Weltsicht

Im Nachlaß der 80er Jahre des mitunter etwas überspannten Philologen und Philosophen Friedrich Nietzsche findet sich eine ungewöhnlich gelassene Einsicht in die Verhältnisse der Welt:

„Der Mensch, eine kleine, überspannte Tierart, die – glücklicherweise – ihre Zeit hat; das Leben auf der Erde überhaupt ein Augenblick, ein Zwischenfall, eine Ausnahme ohne Folge, etwas, das für den Gesamt-Charakter der Erde belanglos bleibt; die Erde selbst, wie jedes Gestirn, ein Hiatus zwischen zwei Nichtsen, ein Ereignis ohne Plan, Vernunft, Wille, Selbstbewußtsein, die schlimmste Art von Notwendigkeit, die dumme Notwendigkeit… Gegen diese Betrachtung empört sich etwas in uns; die Schlange Eitelkeit redet uns zu „das alles muß falsch sein: denn es empört … Könnte das nicht alles nur Schein sein? Und der Mensch trotz alledem, mit Kant zu reden – – „“.

Klammert man die Empörungen der schlangenfalschen Eitelkeit ein und beläßt es bei der Einsicht in die kosmologische Sachlage, dann entfaltet sich auf einmal eine ungeheuere Wirkungskraft. Was erübrigt sich nicht alles? Jede Ideologie von Fortschritt, jedes Religionsgefasel von Göttern, Schöpfungskronen, Unsterblichkeiten, alle sinnlosen Appelle an die Weltrettung, entsprungen der menschlichen Allmachtsphantasie, der Glaube an Vernunft, Wille, Freiheit, Kreativität, Moral, Humanität, Ruhm, die Aufregungen des Medienbetriebs ohnehin, die Grabenkämpfe um Macht, Land, Geld, Wissen, Einfluß – alles Folgen überspannten Bewußtseins. Jedes Individuum wird verschwinden, demnächst, die Erinnerung wird vergehen, alsbald, die Species wird verschwinden, früher als später, und das Gestirn auch, später als früher. Das ist alles.

© WS 2017

Arno Schmidt: Wider das Gerede von der „christlich-abendländischen Kultur“

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Wolfgang Sofsky
Arno Schmidt: Wider das Gerede von der „christlich-abendländischen Kultur“

In seinem noch immer lesenswerten Essay „Atheist?: Allerdings!“ von 1957 wendet sich Arno Schmidt auch gegen die Floskel von der „christlich-abendländischen Kultur“, nicht um – in einem Akt spezieller zeitgenössischer Torheit – dem Islam Tür und Tor zu öffnen, sondern um die Grundlage abendländischer Kultur freizulegen: „la lumière sans phrase“.

Was hat das Christentum zur Entwicklung des Guten, Wahren und Schönen beigetragen? Hier über die Religion und das Schöne:

„Des Schönen?: Wenn wir Künstler lediglich auf die Antriebe und Arbeitshypothesen des Christentums angewiesen wären : höchste Spitze wären Dostojewskijfiguren; Menschen ohne Renaissance; sündig-formlos; weichselzöpfige Trolle, Brackwässer des Geistes tretende; in rotten boroughs kauernde; und literarische Schwedentrünke vomierend à la: „Es danket DIR mit Herz und Mund / die arem, sünd’ge Made. / DEIN Leichnamsduft durchweh‘ dies Haus, / DEIN Blut bespreng‘ die Herzen … “ (ob der betreffende Verfasser wohl jemals kriegerische Leichenfuder gerochen hat? Ich ja!).

Und man soll mir nicht nur Beschäftigung mit der Dichtung vorwerfen können; nicht nur Berufung auf den großen Bruder Goethe, ihn, dem das Kreuz verhaßt war wie Wanzen, Rauch des Tabaks, Knoblauch und Hundegebell. Wieviel hat nicht die Kirche den Malern zu verdienen gegeben, was? Die rechte Antwort ist längst gegeben : „Indem der himmlische Sinn des Guido, sein Pinsel, der nur das Vollkommenste, was geschaut werden kann, hätte malen sollen, Dich anzieht – : so möchtest Du gleich die Augen von den abscheulich dummen, mit keinen Scheltworten der Welt genug zu erniedrigenden Gegenständen wegwenden – man ist immer auf dem Schindanger! Entweder Missetäter oder Verzückte, Verbrecher oder Narren; wo denn der maler, um sich zu retten, einen nackten Kerl, eine hübsche Zuschauerin herbeischleppt. Unter zehn Sujets nicht eins, das man hätte malen sollen : und das eine hat der Künstler nicht von der rechten Seite nehmen dürfen. Ein ‚Johannes in der Wüste‘, ein ‚Sebastian‘, wie köstlich gemalt; und was sagen sie? : der Eine sperrt das Maul auf; der Andere krümmt sich!“ (Wie hätte Malerei denn auch sollen gedeihen können, wo jahrhundertelange ikonoklastische Stänkereien ihr oftmals den Boden gänzlich unter den Füßen wegzogen?!)

Das Christentum ist nämlich – trotz aller später hinzuerfundenen „Niederen Mythologie“ seiner Heiligen, oder der schüchtern fabulierenden Legenden – künstlerisch einfach nicht konkurrenzfähig! Nicht gegenüber der Gestalten- und Gedankenfülle der Antike; nicht gegenüber dem Material der Geschichte oder der Naturwissenschaften – kurz : nicht gegenüber dem von ihm überheblich vernachlässigten, ja verleumdeten, dem Künstler aber unentbehrlichen (weil zur Gestaltung aufgegebenen) Leben schlechthin!

(Ich protestiere an dieser Stelle feierlich gegen die heute unaufhörlich kursierende falsche Wortmünze von der „christlich-abendländischen Kultur“. Eine „christliche Kultur“ ist, eben wegen der dort grundsätzlichen Diffamierung von Kunst und Wissenschaft, ein Widerspruch in sich! Unsere abendländische Kultur, auf Altertum und Renaissance geruhend, ist im härtesten Kampf gegen die ausgesprochen kulturhemmenden Kräfte des Christentums entstanden! Also Schluß endlich mit dem klangvoll-widersinnigen Silbenfall!)…

Gibt denn niemand die Tatsache zu denken, daß von unserem großen Sechsfachgestirn – Goethe,Herder, Klopstock, Lessing, Schiller, Wieland: nie sah die Welt gleichzeitig ihresgleichen!-, daß von diesen Sechsen nicht einer katholisch war; dafür aber drei – die besseren Drei! erklärte Feinde jeder positiven Religion, deutlicher: des Christentums?!“

 © WS 2017

Symposium: Die Götter Griechenlands

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Symposium: Die Götter Griechenlands

Kürzlich fand in Bad Berka, unweit von Weimar, ein Treffen des Holbach-Instituts statt. Anwesend waren die korrespondierenden Mitglieder Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS). Gegenstand waren einige Fragen des Atheismus sowie der antiken Religion. Hier einige Auszüge aus der Konversation:

WS: Da wir uns hier in der Nähe von Weimar aufhalten, ist es zur Einstimmung vielleicht angebracht, an Schillers philosophisches Gedicht über „Die Götter Griechenlands“ zu erinnern. Bekanntlich hat das Poem seinem Autor einige Vorwürfe eingebracht: es zeige eine antichristliche Tendenz. Daraufhin hat Schiller fünf Jahre später, 1793 also, den Text umgedichtet. Der Vorwurf des Atheismus war auch im klassischen Weimar wenig angenehm. Halten wir uns an die erste Fassung von 1788. Dort heißt es zu Beginn:

„Da ihr noch die schöne Welt regieret, an der Freude leichtem Gängelband glücklichere Menschenalter führtet, schöne Wesen aus dem Fabelland! Ach! Da eurer Wonnendienst noch glänzte, wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte Venus Amathusia!“

RL: Nun, Schiller hatte ein klares Bewußsein davon, daß Götter Fabelwesen sind, Ausgeburten der Imagination. Es wäre ihm nicht im Traume eingefallen, sie für real zu halten. Ebenso fabel-haft ist natürlich die Idee, die Welt sei damals „schöner“ gewesen. Worum es ihm in dieser biographischen Phase künstlerischen Selbstzweifels geht, ist wohl die Erweiterung des Denk- und Imaginationsraums um das Fabelland der griechischen Antike.

IP: Man könnte auch sagen, es ging ihm um die Opposition der Kulturen. Hier die christliche Kultur, welche die Sinnlichkeit verleumdet, mit ihrem ernsten, unsichtbaren Gott, dieser grausamen Gottheit, die ihren eigenen Sohn opfert und alle Untertanen unter das Regime von Schuld und Gewissen zwingt. Dort aber eine Wunschkultur, die der griechischen Götter eben, eine Kultur der Daseinsfreude, der Lebenslust, des Lebens im Draußen, nicht in der Höhle der Innerlichkeit. Die griechischen Götter müssen keine Erlösung oder Versöhnung versprechen, da sie die Menschen nicht zuvor mit der Knute von Angst und Gewissensnot geschlagen haben.

ZM: Aber jenseits der moralistischen Tyrannei sollten wir zunächst die simple Tatsache festhalten: die Götter sind Fabelwesen, und zwar alle Götter, die griechischen, indischen und aztekischen, der christliche Gott oder der islamische Allah, allesamt Fabelfiguren! Der Rückgang in die Antike zeigt, wie jede Reise in eine andere Kultur, die Relativität der Gottesbilder, aber auch den ungeheueren Reichtum der Imagination in Kulturen, die keine heiligen Bücher und Dogmen kennen, keinen absoluten Eingott, sondern viele Götterfiguren, bei Hesiod sind es über 300. Da gibt es einfach viel mehr zu erzählen. Wenn man dagegen nicht mehr viel zu erzählen hat, muß man damit anfangen, jedes Wort umzudrehen. So entstand die Exegese, die Auslegung „heiliger“ Worte, die Theologie.

RL: Das würde heißen, daß die Christianisierung des Abendlandes eines kulturelle Verarmung bedeutet hat. Nicht die Entzauberung durch das moderne Denken ist das Problem, sondern die monotheistische Kanalisierung, diese kognitive Engführung, bedeutete einen epochalen Kulturverlust.

WS: Das ist eine steile These. Das frühe Mittelalter war zwar bekanntlich nicht finster, aber im Vergleich mit der antiken Hochkultur wohl doch ein kultureller Niveauverlust. Was die literarischen Schätze anlangt: hätten die Christen nicht das „Alte Testament“ von den Juden übernommen und die neuen Heiligenlegenden hinzugefügt, dann müßten sie sich mit dem kanonischen Neuen Testament begnügen, ein recht übersichtliche Lektüre für den Wunderglauben und mit einer Zentralgeschichte: dem Menschenopfer Jesu. Das ist nur mehr ein Gerippe von Imagination.

ZM: Die christliche Welt scheint für Schiller eine kalte Welt zu sein, der Gott im unsichtbaren Jenseits, die Seele in unsichtbarer Innerlichkeit, ein drakonisches Regimes.

RL: Das würden die glühenden Anhänger des Monotheismus natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Aber sie reagieren naturgemäß recht erbost, wenn da noch andere Götter die Welt bevölkern, diese Götzen, die ausradiert gehören: Baal, Zeus, Aphrodite, Eros, Buddha, Vishnu, alles Götzen, weg damit, sprengen!

ZM: Und zwar im selbstgerechten Bewußtsein, nur einen Gotteswillen zu exekutieren, den Willen des einzigen Gottes. Wer aber den Gattungsbegriff „Gott“ zum Eigennamen umwidmet, der verliert auch das Bewußtsein davon, daß alle Götter kulturelle Erfindungen sind. Monotheismus und Fanatismus scheinen nahe beieinander zu liegen.

WS: Ich möchte noch einmal zu Schillers Gedicht zurück. Wenn es Schiller um die Restitution des mythischen Bewußtseins geht, zumindest innerhalb der Poesie, dann ist Bereicherung sein Ziel, Belebung, Verschönerung der Künste und des Lebens. Doch sind die Götter Griechenlands mitnichten derart lebensfroh, rosig, edel, hold und erhaben, wie Schillers geradezu enzyklopädisches Gedicht suggeriert. Er idealisiert ohne Ende. Es gibt ja nicht nur den wilden Dionysos, die fremden Götter wie Adonis, Kybele, die Große Göttin Meter oder Sabazios, es gibt kleinere Götter wie Hestia, Hekate oder Prometheus, es gibt Untiere, Monstren, Dämonen, Gorgonen, Sirenen, Schreckensgestalten, vor allem aber sind selbst die zwölf olympischen Gottheiten Homers zumindest ambivalent, um nicht zu sagen vielgesichtig. Fast alle haben eine schwarze, bedrohliche Seite. Artemis, die Jägerin und Geburtshelferin, schickt auch das Kindbettfieber und hat ihren Tempel an der Stelle in Athen, wo man die Hingerichteten hinwirft. Aphrodite, Inbegriff von Schönheit und Liebreiz, bestraft drakonisch, wer sich zur Liebe nicht hinreißen läßt. Von den rituellen Ekstasen und Rasereien ganz zu schweigen. Nicht nur die Mythologie, auch die Riten der griechischen Religion sind vielgesichtig, widersprüchlich, gegensätzlich, fern des ideologischen Dogmas und des liturgischen Ritualismus.

RL: So führt der „Rückgang“ in die Antike in freiere Gefilde, da nicht nur andere Fabelwesen hausen, sondern auch „menschlichere“ Götter?

ZM: Damit beginnt ja der antike Atheismus, mit dem Nachweis nämlich, daß die Götter wie Menschen sind, Projektionen. Sie leben in Familie, kennen Generationskonflikte, Vatermorde, Rivalitäten, Eifersucht, Machtlust, Zerstörungswut, Sympathie, Klugheit, Geschicklichkeit, Verführung, sie haben Sex, mit Ausnahme der göttlichen Jungfrauen Artemis und Athene. Sie sind wie die Menschen, nur sterblich sind sie halt nicht.

WS: Schiller: „Da die Götter menschlicher noch waren, waren Menschen göttlicher.“

IP: Nicht nur Unsterblichkeit markiert die Trennlinie. Die Götter sind nicht allwissend, aber sie wissen meist mehr als die Menschen. Ihre Planung zielt weiter hinaus, indes die Menschen mehr oder weniger im Dunkel der Tagesereignisse herumtappen. Götter können riesige Räume überwinden, man denke an Hermes, aber sie sind keineswegs immer da. Allgegenwart ist ohnehin kein göttliches Attribut, sondern eine Horrorvorstellung. Es ist immer gut, wenn Götter auch mal fort sind. Außerdem verwandeln sie sich, nehmen Tiergestalt an, kommen in Wolken oder Dunstschleiern daher. Aber sie sind Personen, wie die Menschen Personen sind, sie haben ein Verhältnis zu sich selbst. Und weil sie Personen sind, können nicht nur Menschen über Götter lachen, sondern auch die Götter über sich selbst. Man stelle sich Jahwe oder den Christengott oder Allah als lachenden Gott vor! Im Monotheismus gibt’s immer wenig zu lachen. Ein schmunzelndes Christuskind auf Mariens Arm ist armselig. Über der Madonna mit dem Kind lauert immer schon das Wissen ums fatale Ende am Kreuz. Und das selige Lächeln der in Ewigkeit Entrückten, auf den Portalen des Jüngsten Gerichts. Denen scheint das Lachen so vergangen zu sein, daß es nur mehr zu einem verklärten Lächeln reicht.

ZM: Die Ebenbildlichkeit von Menschen und Göttern muß man noch genauer bestimmen für das jeweilige Pantheon. Im Grunde geben Gottesbilder ja Aufschluß darüber, welche kollektiven Vorstellungen, Wünsche, Machtphantasien, Ängste Menschen jeweils haben. In ihren Göttern spiegeln sie sich selbst. Deshalb sind Götter kulturhistorisch so interessant. Aber der Ausgangspunkt ist stets der genuin atheistische Befund, daß das Pantheon eine menschliche Kreation ist, in der die Menschen sich ein Gegenüber erfinden, das fast so ist wie sie selbst. Religion – Menschenwerk, Götter – Fabelwesen.

RL: Wie kann man die vermeintliche Macht der Götter verstehen? Es kommt ein Prozeß der Entfremdung in Gang, oder sagen wir, der Objektivation: Zuerst von den Menschen in die Welt gesetzt, gewinnen die Götter eine Art Eigenleben, eine unabhängige Existenz. Sie machen, was sie wollen, sonst wären sie ja keine Götter, sie übertrumpfen die Menschen, beherrschen sie, spielen mit ihnen, hetzen sie aufeinander wie vor Troja. Als eigenständige, unbegrenzte Macht scheinen sie die Welt zu regieren. Und die Menschen beten sie an, unterwerfen sich, errichten Kultstätten für Idole, die nichts als ihre eigenen Erfindungen sind. Diese Objektivation macht der Atheismus rückgängig. Er besteht darauf, daß Götter nichts als Fabelwesen sind. Dadurch befreit er die Menschen von Idolen und Illusionen, aber auch von einem autokratischen Regime, das in den Köpfen und in der Gesellschaft existiert.

ZM: Ein nicht geringer Vorteil der griechischen Götter ist immerhin, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, den Menschen erschaffen zu wollen. Sie genügen sich selbst. Sie brauchen kein Spiegelbild wie der einsame Wüstengott im vorderen Orient. Wovon die nahöstliche Mythologie geradezu besessen ist, nämlich die Schöpfung von Anbeginn, die Erfindung der ersten Menschen, das ist für die griechische Religion kein Thema. Die Menschen sind schon da. Das ist ja auch nicht verwunderlich, sind sie es doch, welche die Götter erschaffen haben.

RL: Und Prometheus?

ZM: Eine subliterarische Fabel, apokryph!

RL: Nun gut, wie schafft es aber eine Kultur, die Frage nach dem Anfang des Menschen auf sich beruhen zu lassen?

WS: Vielleicht waren die Griechen weise, manche zumindest. Da die Menschen einfach da waren, brauchte man diese Selbstverständlichkeit nicht zu bezweifeln, trotz gewisser Verluste bei Eroberungszügen, Erdbeben, Vulkaneruptionen. Erst wenn die Todesangst überhand nimmt, stellt sich unablässig die Frage, woher die Menschen eigentlich gekommen sind. Wer sich weniger ängstigt, muß sich auch nicht dauernd seiner selbst vergewissern. Ein letzter Blick in Schillers Gegenwelt: „Damals trat kein gräßliches Gerippe vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß nahm das letzte Leben von der Lippe, still und traurig senkt ein Genius seine Fackel. Schöne, lichte Bilder scherzten auch um die Notwendigkeit, und das ernste Schicksal blickte milder durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.“

© WS,IP,ZM,RL 2017

Goethe: Menschengötter

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Wolfgang Sofsky
Goethe: Menschengötter

Irgendwann zwischen 1804 und 1812 soll Goethe zu Friedrich Wilhelm Riemer bemerkt haben: „Was der Mensch als Gott verehrt, ist sein eigenstes Inneres herausgekehrt.“ Und er soll in dieser Zeit auch hinzugefügt haben: „Erkennt er Würde, sucht er Würde, so verehrt er sie auch außer sich… Zur Zeit, als es noch Könige gab, gab es auch noch Götter.“ Als aber die Könige verschwanden, kam nicht nur die Würde in Dekadenz, sondern auch die der Götter. „Sie mußten sich gefallen lassen, daß man mit ihnen umsprang wie mit den Menschen. Es war die Egalisierung bis in den Himmel gedrungen.“

Diese religionshistorische Notiz über den Niedergang der Götter findet ihre Bestätigung in der spät- und postchristlichen Vorstellung, daß der Gott in jedem Menschen sei, ja, daß er nichts anderes als der jeweilige „Mit“mensch sei, und Gotteswürde eben nichts anderes die allgemeine Würde sei, die jedem Menschen eigen sei, worin immer sie genau bestehen mag. Abgesehen von solcherlei historischer Diagnose über den Konnex von Götterglaube und Fürstenautorität – die These von der Exkorporation der Götter rechnet damit, daß die Menschen eine, zumindest vage Vorstellung von sich selbst haben. Sie haben Wünsche, Sehnsüchte, Ideen von Glück und Gefühl, von Stolz, Macht, Zorn, Gnade, Sorge, Beschwörung. Erst wenn sie dies haben, können sie Götter als Ebenbilder ihrer selbst entwerfen.

Womöglich hat es sich historisch jedoch umgekehrt verhalten. Was die Menschen mit der Zeit als ihr Inneres erkannten, war die Inkorporation dessen, was sie zuvor den Göttern zugesprochen hatten. Das Innenleben war einst ein Eingriff der Gottheit, ein Widerfahrnis, das die Menschen übermannte. Angst, Trauer, Zorn, Freude, Liebe ereilte die Menschen wie eine fremde Macht. Und diese fremde Macht waren die Götter. Sie versetzten die Menschen in die jeweiligen Zustände, erlegten ihnen Gedanken, Entscheidungen, Gefühle auf. Erst als die Menschen zu glauben begannen, daß sie selbst im Mittelpunkt der Welt stünden, kehrten sie die Inkorportion des Göttlichen um in eine Exkorporation des Menschlichen. Seitdem ist die Zeit der Götter vorbei. Und die Menschen halten sich selbst für Götter, die man nur bei Gottesstrafe verachten und verlachen darf. Das Ende der Religion indes ist erst erreicht, wenn der Himmel leer ist, wenn dort weder Götter oder Menschen noch Affen oder Spatzen als höhere Wesen verehrt werden.

© W.Sofsky 2017

Goya: Inquisition

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Wolfgang Sofsky
Goya: Inquisition

Religionsterror wird öffentlich ausgestellt, bei der Verbrennung der Delinquenten, bei ihrer Schändung, bei der Verkündung des Urteils. Die Religion usurpiert die Verfahren der Justiz, klagt an, überführt, verhängt Urteile und vollstreckt sie. Viel Volk ist immer versammelt, wenn der Schauprozeß inszeniert wird. Die Gesichter verschwimmen in Namenlosigkeit. Rund um das Podium indes sitzen die Mönche der verschiedenen Orden. Man erkennt sie an den weißen, schwarzen, braunen, schwarzweißen Kutten und Trachten. Angeklagt sind vier Personen. Sie tragen eine Art Meßgewand und Spitzhüte, auf denen rot aufzüngelnde Flammen gezeichnet sind, die Zeichen des nahen Scheiterhaufens. Der Vertreter der weltlichen Obrigkeit sitzt lässig da, hat den linken Fuß nach vorn geschoben und hört aufmerksam der Urteilsverkündung zu. Der Inquisitor in der Bildmitte berät sich mit dem Gehilfen der peinlichen Untersuchung. Im Schein der Kerze verliest der Richter das Urteil. Die Angeklagten reagieren individuell. Einer hat sittsam den Kopf gesenkt und die betenden Hände zum Empfang des Urteils gefaltet. Ein anderer in der ersten Reihe ist verzweifelt in sich zusammengesunken. Einem Ditten haben sich die Füße weit auseinandergestellt, als wollte etwas aus seinem Körper herausfahren. Francisco Goya hat das Bild zwischen 1812 und 1819 gemalt, vielleicht noch vor 1814, als die Inquisition unter dem Regime Bonapartes zwischenzeitlich ausgesetzt war. 1815 wurde er selbst vor das Sanctum Officium zitiert, wegen der Bildnisse von der nackten und der bekleideten Schönen. Goyas Antworten sind nicht überliefert.

© W.Sofsky 2017

Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Wolfgang Sofsky
Friedrich Schiller: Krieg und Religion

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Vermeintlich aufgeklärte Gemüter möchten glauben machen, die Kriege der Gegenwart hätten nichts, aber auch gar nichts mit Religion zu tun. Es ginge nur um Öl, Macht, Beute oder Ehre. Und es seien nur irregeleitete, gekränkte, unterprivilegierte Subjekte, die sich in die Kampfverbände des radikalen Islam einreihen, Fälle für die Psychiatrie oder fürs Sozialamt, fernab jeden wahren Glaubens, fernab jeder Religion, die ja, so meinen die vermeintlich abgeklärten Hilfsgeister in der lutheranischen Tiefebene, zuletzt in Friedensgesinnung ihre Heimat hat und nicht auf den Schlachtstätten des Schreckens. Friedrich Schiller, bekanntlich nicht nur Mediziner, Dichter, Philosoph und Menschenkenner, sondern auch Historiker, zumal des 30jährigen Krieges, wußte es besser: „Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert.“  Der Enthusiasmus der Individuen und der Massen überspringt den Kalkül der Selbsterhaltung. Politik bedient sich nicht länger der Religion, Religion wird zur Politik. Sie macht opferbereit, sie vergeudet alles für nichts. Im ersten Buch zur „Geschichte des Dreißgjährigen Krieges“ (1790) heißt es über den Religionsenthusiasmus:

„Nur gegenwärtige Vorteile oder gegenwärtige Übel sind es, welche das Volk in Handlung setzen; und diese darf eine gute Staatskunst nicht abwarten. Wie schlimm also für diese Fürsten, wenn nicht zum Glücke ein anderes wirksames Motiv sich ihnen dargeboten hätte, das die Nation in Leidenschaft setzte und einen Enthusiasmus in ihr entflammte, der gegen die politische Gefahr gerichtet werden konnte, weil er in dem nämlichen Gegenstande mit derselben zusammentraf! Dieses Motiv war der erklärte Haß gegen eine Religion, welche das Haus Österreich beschützte, die schwärmerische Anhänglichkeit an eine Lehre, welche dieses Haus mit Feuer und Schwert zu vertilgen strebte. Diese Anhänglichkeit war feurig, jener Haß war unüberwindlich; der Religionsfanatismus fürchtet das Entfernte, Schwärmerei berechnet nie, was sie aufopfert. Was die entschiedenste Gefahr des Staats nicht über seine Bürger vermocht hätte, bewirkte die religiöse Begeisterung. Für den Staat, für das Interesse des Fürsten würden sich wenig freiwillige Arme bewaffnet haben; für die Religion griff der Kaufmann, der Künstler, der Landbauer freudig zumGewehr. Für den Staat oder den Fürsten würde man sich auch der kleinsten außerordentlichen Abgabe zu entziehen gesucht haben; an die Religion setzte man Gut und Blut, alle seine zeitlichen Hoffnungen. Dreifach stärkere Summen strömen jetzt in den Schatz des Fürsten; dreifach stärkere Heere rücken in das Feld; und in der heftigen Bewegung, worein die nahe Religionsgefahr alle Gemüter versetzte, fühlte der Untertan die Anstrengungen nicht, von denen er in einer ruhigern Gemütslage erschöpft würde niedergesunken sein. Die Furcht vor der spanischen Inquisition, vor Bartholomäusnächten eröffnet dem Prinzen von Oranien, dem Admiral Coligny, der britischen Königin Elisabeth, den protestantischen Fürsten Deutschlands Hülfsquellen bei ihren Völkern, die noch jetzt unbegreiflich sind.“

Der erwachte Souverän

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Wolfgang Sofsky
Der erwachte Souverän

Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ließ der Souverän die Amtsinhaber, die Repräsentanten, Minister und Kanzler gewähren. Regelmäßig wurde die Regierung wiedergewählt; widerspruchslos nahm der Souverän ihre Beschlüsse hin, die Kommentare, die Debatten der Wortführer und Nachredner. Zu Unrecht hielten viele diesen Zustand des schlafenden Souveräns für den politischen Normalzustand. Ungestört richteten sich die Amtsinhaber in ihren Büros ein, die Verwalter verwalteten, die Steuereintreiber trieben Steuern ein, die Wortmelder meldeten sich täglich, ja stündlich zu Wort, alles ging seinen gewohnten Gang. Doch plötzlich erwachte der Souverän. Die Überraschung, der Unmut der Etablierten war erheblich. Zunächst hielt sich der Souverän noch zurück, begnügte sich mit einem Referendum, mit Plebisziten. Doch die Regierung verstand die Zeichen nicht, ja, sie bestritt dem Souverän das Recht, sich in Plebisziten selbst zu äußern und verbindliche Beschlüsse zu fällen. Die Repräsentanten dachten, nur Repräsentanten hätten etwas zu sagen. Da kam es zu Aufruhr. Unwillig schüttelte der Souverän sein Haupt und ballte die Fäuste. Amtsinhaber und Wortmelder mußten erkennen, daß die ruhigen Zeiten vorüber waren und sie um ihre Pfründe, ihren Einfluß, ihre Bedeutung zittern mußten. Nicht länger verhöhnten sie den Souverän wegen der vermeintlichen Torheit der Massen, sie kuschten nun vor seiner Macht, redeten ihm gar nach dem Munde. Doch der erwachte Souverän strich sie einfach ab und blies den Staub der angemaßten Regierungsmacht in alle Winde.

© W.Sofsky 2016

Richard Tuck: Der schlafende Souverän

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Wolfgang Sofsky
Richard Tuck: Der schlafende Souverän

Am Freitagabend, dem 2.9.2016, war Richard Tuck in der Hochetage des Holbach-Instituts zu Gast. Tuck lehrt in Harvard politischen Theorie und Ideengeschichte und ist letzthin durch eine Studie über den „schlafenden Souverän“ hervorgetreten: R.Tuck, The Sleeping Sovereign. The Invention of Modern Democracy. Cambridge UP 2016. Im Anschluß an Hobbes und Rousseau erinnert Tuck an die grundlegende Differenz zwischen der Regierung, welche die Staatsgeschäfte betreibt, und dem Souverän, der die Identität des politischen Gemeinwesens ausmacht. Bedeutsam ist diese Unterscheidung nicht zuletzt für die Begründung der Demokratie. Sie erschöpft sich nicht in der Wahl von Repräsentanten, sondern kennt auch die direkte Entscheidung des Souveräns, durch Interventionen, Plebiszite und Referenden: https://www.youtube.com/watch?v=C0SmUrBlWcU

© WS 2016

Holbach: Der gläubige Tyrann

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Wolfgang Sofsky
Holbach: Der gläubige Tyrann

d'Holbach

Im 24.Kapitel seines Hauptwerks „System der Natur“ (1770) prüft  Paul Henry Thiry d´Holbach, der Namenspatron dieses Instituts, den Einfluß, „welchen der Glaube an Gott auf die Moral, die Politik, die Wissenschaft und die Wohlfahrt der Völker und Individuen“ hat. Hier findet sich auch das moralische Psychogramm des gläubigen Tyrannen, dem die Religion nicht nur Rechtfertigung, sondern vor allem Entlastung und Ansporn ist.

„Auch die Fürsten leiten ihre Macht unmittelbar von Gott ab und bedienen sich seines schrecklichen Namens, um ihre Völker in Gehorsam zu erhalten…so viele benutzen ihre Macht nur, um ihre Launen zu befriedigen, und bemerken in ihrer Torheit nicht einmal, daß sie, indem sie ihre Völker mißhandeln, sich selbst den größten Schaden zufügen. Durch unwürdige Schmeichelei vergöttert, halten sie sich für Herren des Gesetzes und handeln eigenmächtig im Namen der Gesellschaft, die ihre Stimme nicht laut werden lassen darf. Sie bestimmen, was Recht, was Unrecht sein soll und entziehen sich willkürlich den Gesetzen, die sie Anderen auferlegen. Sie lassen ihrer Willkür freien Lauf, weil sie der Straflosigkeit sicher sind; sie verachten die öffentliche Meinung und Sitte; sie verachten das Urteil derer, die sie jeden Augenblick unter dem Gewichte ihrer Übermacht zerschmettern können…

Fast alle Fürsten haben religiöse Bildung gehabt, aber nur sehr wenige unter ihnen waren sittlich gebildet und durch echte Tugendübung ausgezeichnet. Die Religion hat nur dazu beigetragen, sie noch sorgloser in ihrer Zügellosigkeit zu machen, da ihnen die Religion ein sehr bequemes Mittel darzubieten schien, die beleidigte Gottheit wieder zu versöhnen…

Wenn so viele Fürsten bei aller Religiösität doch so wenig Tugend besaßen, so können wir wohl daraus den Schluß ziehen, daß die Religion ihrer Moralität eher nachteilig als förderlich gewesen sei. Wer einmal sich für mächtig genug hält, dem Haß der Menschen Trotz bieten zu können, wer einmal hartherzig genug ist, um bei den Leiden der Menschheit ungerührt zu bleiben, der wird sich auch in seinem Tun durch die Furcht vor einem strafenden Gotte nicht irre machen lassen; wer einmal bis zu solchem Grade sein Gemüt verhärtet hat, der wird durch nichts im Himmel und auf Erden sich erweichen lassen, ja für den wird die Religion nur noch ein Reizmittel zu größerer Kühnheit werden. Denn je leichter man es dem Menschen macht, ein Verbrechen zu verbüßen, desto leichtsinniger wird er Verbrechen begehen. Die zügellosesten Menschen sind ihrer Religion oft sehr ergeben, weil sie ihnen die Mittel an die Hand gibt, das Mangelhafte in ihren Sitten durch religiöse Übungen zu ersetzen; denn freilich ist es weit leichter, gewisse Lehrsätze anzunehmen und zu glauben und gewisse Gebräuche zu beobachten, als Gewohnheiten abzulegen und seinen Leidenschaften zu widerstehen.“

© W.Sofsky 2016

„Menschenverderber“

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Wolfgang Sofsky
„Menschenverderber“

Im Club der bösen Denker hat man sich der Auflösung individueller und kollektiver Illusionen und Ideologien verschrieben. Eingetragene Mitglieder sind u.a. Thukydides, Tacitus, Machiavelli, Hobbes, Shakespeare, La Bruyère, Diderot, d´Holbach, Goya, Flaubert, Freud. „Menschenverderber“ hat man einige dieser Denker genannt, weil sie sagen, was Menschen tun, und nicht, was sie tun sollten. Sie sind Realisten und nichts als Realisten. Der „Menschenverderber“ verfügt über einen ungetrübten Blick auf das, was der Fall ist. Manche halten diesen Blick für einen „bösen“ Blick, weil er festhält, was ist. „Menschenverderber“ ist in Wahrheit ein Ehrentitel. Der Realist stellt die Menschen dar, wie sie sind und wie sie geblieben sind. Weder an Ideale noch an Illusionen glaubt er, zumal die allermeisten Ideale nur Betrug sind. Religion betrachtet der „Menschenverderber“ als eine menschliche Erfindung, Recht hält er für eine Kodifizierung von Macht. Dies hat ihm den Ruf eingetragen, Schlechtigkeit in die Welt zu tragen. Da er die Glaubwürdigkeit der Religion und die Legitimität des Rechts unterhöhle, öffne er der Korruption Tür und Tor. Indem er den Menschen sage, wer sie wirklich sind, mache er sie schlechter und bösartiger als sie ohnehin sind. Indem er die Gewalt seziere, fördere er die Gewalttätigkeit. Indem er das Laster studiere, leiste er ihm Vorschub. Indem er die Torheiten aufdecke, raube er den Menschen Halt und Hoffnung. Ein Menschenverderber sei er, weil er den Menschen den blanken Spiegel vorhalte. Besonders erbost sind alle, die von den Illusionen ihrer Zeitgenossen profitieren. Sie hassen den Menschenverderber, da dieser sie um ihre Anhänger, ihre Gefolgschaft bringt. Dabei weiß der Menschenverderber, daß sich die Betrüger keine Sorgen machen müssen. Der Wunsch nach Illusionen wird bleiben, die Narren und Unholde werden die Erde bevölkern, bis zum Ende.

© WS 2016

Erasmus: Torheit Religion

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Wolfgang Sofsky
Erasmus: Torheit Religion

erasmus

Nach ausführlicher Erörterung des Beitrags der Stände und Berufe zur Verbreitung der Narretei faßt Stultitia, die es besonders gut mit ihresgleichen meint, ihre Erwägungen, die Religion betreffend, zusammen: „.. ,daß die christliche Religion offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zur Torheit hat, dagegen weit weniger mit der Weisheit übereinstimmt. Wollt ihr einen Beweis für diesen Sachverhalt, so achtet darauf, daß es vor allem Kinder, Greise, Frauen und Dummköpfe sind, die besonderes Gefallen an heiligen Gegenständen und religiösen Übungen finden und sich stets ganz nah an den Altar drängen, offenbar aus natürlicher Veranlagung. Außerdem seht ihr, daß die Gründer der Religion sich einer wunderbaren Einfalt anvertrauten und erklärte Feinde der Wissenschaft waren. Schließlich werdet ihr keinen Toren sich unsinniger verhalten sehen als den, der ganz von der Glut christlicher Frömmigkeit ergriffen ist. Sein Vermögen schenkt er freigebig weg, um Unrecht, das ihm zugefügt wird, kümmert er sich nicht, läßt sich hintergehen, unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, verschmäht jedes Vergnügen, ernährt sich nur mit Fasten, Nachtwachen, Tränen, Mühsam und Mißhandlungen, ekelt sich vor dem Leben und wünscht einzig den Tod herbei – kurz mit allem, was das gewöhnliche Leben ausmacht, hat er die Verbindung verloren, gleichsam als lebte sein Geist schon anderswo, nur nicht mehr in seinem Körper…“

Nicht nur an den mönchischen Asketen des Lebens, auch an den Lehrern und Schülern des Glaubens hat Stultitia ihr Vergnügen. Sie beten Holzstatuen an, murmeln heilige Zauberformeln, stimmen Bittgesänge an, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben, sagen einschlägige Verse auf, spenden Kerzen, lassen Ablaßzahlungen und Steuern eintreiben, flehen die Heiligen an, von denen der eine gegen Zahnschmerzen hilft, der andere gegen Seenot, der dritte gegen den Teufel. „Kein einziger jedoch dankt für Erlösung von der Torheit. Sie ist so reizvoll für die Sterblichen, daß sie von allem anderen befreit werden wollen, nur nicht von der Torheit“. (Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit).

Man muß nicht denken, daß fünf Jahrhunderte später die Zahl der Narren geringer sei. Nun bevölkern neben Greisen, Kindern und Dummköpfen auch viele junge und alte Männer die Beträume, neigen Haupt und Glieder, lauschen andächtig dem Prediger, murmeln einschlägige Verse und Formeln, huldigen einem toten Propheten und seiner Gottheit, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben und geraten in gar großen Zorn, wenn der Spott des Teufels sie ereilt, die Sottisen der Stultitia, welche doch gar nichts mehr liebt als ihresgleichen, die Narreteien der Gläubigen, Frömmler und Frommen. Gäbe es die Torheiten nicht, Stultitia würde sie erfinden müssen, auf daß allüberall lautes Gelächter erschallt.

© WS 2016

 

„Gottes“macht – endlich

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Wolfgang Sofsky
„Gottes“macht – endlich

thhobbes

Was immer Menschen sich vorstellen, ist endlich. Sie können daher keine Vorstellung von etwas haben, das sie unendlich nennen. Niemand kann sich ein Bild von unendlicher Größe machen oder eine unendliche Geschichte erzählen. Auch unermeßliche Kraft oder Macht ist dem Menschen nicht vorstellbar. Wenn die Menschen daher von X sagen, er sei unendlich, so sagen sie damit nichts, was sie sich vorstellen könnten, sondern lediglich, daß sie sich für außerstande halten, sich X überhaupt vorzustellen. „Und deshalb dient der Name Gottes nicht dazu, uns eine Vorstellung von ihm zu vermitteln, denn er ist unbegreiflich und seine Größe und Macht sind unvorstellbar, sondern um uns zu seiner Verehrung anzuhalten.“ (Hobbes, Leviathan, Kapitel 3). Nicht um die Erkennbarkeit der Gottheit geht es mithin, sondern um Unterwerfung. Der Zweck der Verehrung ist Macht. Wen man verehrt sieht, durch demütige Gesten, Lobreden oder Bekenntnisse, der wird für verehrungswürdig und mächtig gehalten. Ihm will man gleichfalls gehorchen, wodurch sich dessen Macht wiederum vergrößert. Alle Prädikate, welche man X zusprechen könnte und die man X im Laufe der Glaubensgeschichte zugesprochen hat, sind Aufforderungen zur Verehrung. Was immer man X zuspricht, läuft entweder auf eine Anthropomorphisierung hinaus oder auf einen logischen Widerspruch. Hält man X z.B. für die Ursache der Welt und behauptet man, die Welt insgesamt sei Gott, so behauptet man zugleich, die Welt habe keine Ursache, es gäbe also keinen Gott. „Zu sagen, die Welt sei nicht geschaffen worden, sondern ewig, heißt zu bestreiten, daß es einen Gott gibt, da was ewig ist, keine Ursache hat… Die Vertreter der Ansicht, Gott befinde sich im Zustand der Ruhe, sprechen ihm die Sorge um die Menschheit und somit seine Ehre ab. Denn dies bewirkt, daß die Menschen ihm gegenüber weder Liebe noch Furcht empfinden, und dies ist die Wurzel der Ehre“ (Hobbes, Leviathan, Kap.31). Weder Gestalt, Idee, Ort oder Bewegung, weder Zorn, Liebe, Vernunft oder Wissen kann X zugeschrieben werden, denn alle diese Eigenschaften sind entweder begrenzt und endlich oder sie haben eine Ursache. Von X kann mithin nichts gesagt werden. Wovon aber nichts gesagt werden kann, was unterscheidet dies von nichts? Wenn von allen Dingen, Ereignissen, Zuständen gilt, daß sie endlich und verursacht sind, so ist X nichts. Aber nichts zu verehren, kann dennoch zu einer beträchtlichen Anhäufung von Macht führen. Diese „Gottes“macht jedoch ist begrenzt. Sie ist nur eine begrenzte Vorstellung von etwas Endlichem, nichts sonst. Sie kann daher bestritten, beschnitten, beseitigt werden.

© WS 2016

Goya: Goldschnabelpredigt

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Wolfgang Sofsky
Goya: Goldschnabelpredigt

GoyaCapricho53

Das Capricho Nr.53 von Franscisco Goya, dem größten aller Satiriker und steten Feind christlicher Bigotterie, porträtiert den Kanzelredner und das andächtig lauschende Auditorium. „Welch goldener Schnabel“ lautet der Bildkommentar. Welch goldene Worte enthält das sinnlose Gekrächze des Papageis. Der Prado-Kommentar, immer bemüht der satirischen Attacke die Spitze zu kappen und die Kirche ungeschoren zu lassen, redet von einer „akademischen Sitzung“ faselnder Ärzte. Doch unter den Zuhörern der Versammlung (man darf dabei getrost an öffentliche Kirchentreffen denken, zu denen Gläubige zu Zehntausenden zusammenströmen), sind viele Mönche; und der Papagei ist ein Priester, der auf der Kanzel nachbetet, was man seit Jahrhunderten vorbetet.

© WS 2016

Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: Politische Religion

hobbes

Wer je Zweifel daran hatte, daß Religionen niemals nur Privatsache, sondern stets eine öffentliche, politische Angelegenheit sind, der werfe einen Blick ins 12.Kapitel von Thomas Hobbes „Leviathan“. Wie immer zeichnet sich Hobbes auch in Fragen der Religion durch unliebsame Einsichten aus. Der Ursprung der Religion liegt in vier Quellen: dem Glauben an unsichtbare Geister, der Unkenntnis abgeleiteter Ursachen, der Verehrung dessen, was man fürchtet, und dem Umstand, daß zufällige Ereignisse für Vorzeichen gehalten werden. Zwei Arten von Menschen nutzen diese Tendenzen aus: Staatsgründer und Propheten. Beide verfolgen die Absicht, „die Menschen, die sich ihnen anvertrauten, zu Gehorsam, Befolgung den Gesetzen, Frieden, Nächstenliebe und zur bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen. So ist die Religion der ersten Art  ein Bestandteil menschlicher Politik und lehrt einen Teil der Pflicht, die irdische Könige von ihren Untertanen verlangen. Die Religion der letzten Art ist göttliche Politik und enthält Vorschriften für diejenigen, welche sich dem Reich Gottes unterworfen haben.“

Politiker verfolgen einige Strategien, um ihrem Tun göttliche Weihen zu verleihen. Erstens suchen sie den Untertanen einzuprägen, die von ihnen erlassenen Gesetze seien göttliche Weisungen. „So behauptete Numa Pompilius, er habe die Regeln des Gottesdienstes, die er bei den Römern einführte, von der Nymphe Egeria empfangen, und der erste König und Gründer des Königreiches von Peru gab vor, er und seine Frau seien Kinder der Sonne, und Mohammed behauptete, um seine neue Religion einführen zu können, er habe Zusammenkünfte mit dem Heiligen Geist, der als Taube erscheine. Zweitens legten sie Wert darauf, den Glauben zu erwecken, daß dieselben Dinge, die durch Gesetz verboten waren, auch den Göttern mißfielen. Drittens waren sie auf die Einführung von Zeremonien, Bittgebeten, Opfern und Festen bedacht, wodurch die Menschen dazu gebracht werden sollten, zu glauben, der Zorn der Götter könne besänftigt werden, und Mißerfolge im Krieg, große Epidemien und das persönliche Unglück jedes einzelnen rührten vom Zorn der Götter her, und ihr Zorn von der Vernachlässigung ihrer Verehrung oder einigen Fehlern bei den verlangten Zeremonien…

Aber wo Gott selbst durch übernatürliche Offenbarung die Religion einpflanzte, schuf er sich auch ein besonderes Reich und erließ Gesetze, die nicht nur das Betragen gegen ihn selbst, sondern auch das der Menschen untereinander betrafen. Und dadurch sind in diesem göttlichen Reich Politik und bürgerliche Gesetze ein Bestandteil der Religion, und somit ist dort die Unterscheidung von zeitlicher und geistlicher Herrschaft gegenstandslos. Es ist richtig, daß Gott König der ganzen Welt ist — doch kann er auch König eines besonderen und auserwählten Volkes sein. Denn darin liegt auch kein größerer Widerspruch als in der Tatsache, daß der Oberbefehlshaber der ganzen Armee zugleich ein besonderes eigenes Regiment oder eine eigene Kompanie befehligen kann. Gott ist durch seine Gewalt König der ganzen Erde, aber er ist König seines erwählten Volkes durch Vertrag.“

Kurz gesagt: Politik und Religion sind stets aufs Engste verknüpft. Dies gilt für alle Religionen, zumal jene monotheistischen Offenbarungsreligionen, die von einer imperialen Mission getrieben sind. Sie wollen die gesamte Menschheit, also alle Heiden, Abtrünnige, Anders- und Ungläubige bekehren oder beseitigen. Solche Religionen für eine harmlose Privatsache zu halten, ist Kinderglauben. Ebenso närrisch ist es, in einem Anflug von subtiler Betulichkeit, die politische von der vermeintlich privaten Religion unterscheiden zu wollen. Religion will stets in die Politik, in die Gesellschaft, will die Formen des Lebens prägen, durchherrschen. Mit den Seelen des Individuums gab sie sich noch nie zufrieden.

© W.Sofsky 2016

Symposium: Kulturmacht

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Zoe Merck, Isabeau Prévost, Romuald Lenski, Wolfgang Sofsky
Symposium: Kulturmacht

Am 24.4.2016 fand in Baden Baden ein zweites Symposium statt mit den korrespondierenden Mitgliedern des Holbach-Instituts Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS, Bovenden). Gegenstand waren einige Fragen einer Theorie der kulturellen Macht. Hier Auszüge aus der Konversation:

WS: Wir hatten bei unserem letzten Treffen festgestellt, daß das, was wir mit einem vorläufigen Arbeitsbegriff „kulturelle Macht“ nennen wollen, eine Begrenzung von Freiheiten mit sich bringt, von Freiheiten des Denkens, Fühlens, Wissens, Glaubens und Tuns. Das ist die limitierende, die repressive Funktion dieser Macht. Zweitens hatten wir vermutet, daß kulturelle Macht ein Kompositum ist. Sie hat eine sanfte, nahezu unmerkliche Seite, und eine massive, handgreifliche, die bis zur Verfolgung und Vernichtung von Außenseitern oder Abtrünnigen reicht. Die sanften Einschränkungen mögen manchmal unbemerkt bleiben, die verletzenden Sanktionen sind selten ignorierbar. Zu erinnern ist auch an die Objektbereiche dieser Macht: Kognition, Moral, Geschmack, Kult. Wichtig ist ferner, daß diese Macht nicht immer sozial unmittelbar ist, sondern indirekt wirksam sein kann, vermittels prägender, formativer Gegenstände und materieller Tatsachen wie Architektur, Technik, etc. Das könnte man die Sachlichkeit kultureller Macht nennen. Um nun einen Schritt weiterzukommen, sollte man zunächst noch einmal einen Schritt zurücktreten und klären, was an dieser Macht eigentlich Macht ist.

RL: Nun, nehmen wir einen klassischen Vorschlag: Danach ist Macht ein soziales Verhältnis, in welchem A die Chance hat, seinen Willen auch gegen den Widerstand B´s durchzusetzen. Das heißt, A ist überlegen und könnte, falls er auf Widerstand träfe, seinen Willen durchsetzen. Das heißt nicht, daß Widerstreben tatsächlich vorliegt. Wenn B tut, was A will, braucht A keinen Widerstand zu brechen. Vielleicht ist kulturelle Macht jene Machtform, die dafür sorgt, daß überhaupt kein Widerstreben aufkommt, daß A´s Macht also bereits in eine Art von Herrschaft transformiert ist.

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ZM: Das heißt, daß kulturelle Macht eine starke Tendenz zur Herrschaft hat, und zwar weniger durch Institutionalisierung, sondern durch ihre subkutane Wirkung, durch die Verinnerlichung der Macht, durch den Übergang von objektiver in subjektive Kultur. Kulturelle Sozialisation oder Integration ist also eine Hauptstraße dieser Macht. Aber wie kann man kulturelle Herrschaft unterscheiden von einem Konsens ohne Machtgefälle, von einem Einverständnis, ohne daß jemand überlegen oder abhängig ist?

RL: Macht oder Herrschaft schließen nicht aus, daß sich beide Seiten in manchen Interessen, Zielen, Methoden einig sind. In einer Herrschaft findet jedoch kein Konflikt zwischen konträren Zielen statt. Daß der Unterlegene auf die Verfolgung seiner Ziele verzichtet, heißt nicht, daß keine Herrschaft bestünde. Im Gegenteil: Er fügt sich, ist gehorsam, aus Angst, aus Gewohnheit, aus dem Glauben an die Berechtigung der Herrschaft oder – und hier wird es interessant – weil ihm gar nicht mehr in den Sinn kommt, daß er eigene Ziele haben könnte. Der Sinn für die Freiheit ist ebenso dahin wie der Sinn für Selbständigkeit. Kulturelle Macht setzt sich oft durch, ohne daß die Unterworfenen ihrer gewahr werden.

ZM: Ich möchte widersprechen. Kulturelle Macht ist häufig keineswegs konfliktfrei. Es gibt Deutungskonflikte, Auseinandersetzungen über die Grenzen des Diskurses, über das korrekte Vokabular, über die Schönheit, die Häßlichkeit, über den rechten Vollzug der Regeln, Konventionen, Rituale, über legitimes und verfemtes Wissen, über die Richtigkeit von Gefühlen usw.usw. Friedhofsruhe aufgrund unbemerkter Manipulation und Indoktrination scheint nicht die Regel zu sein. Der Machthaber wünscht sich zwar die selbstverständliche Gefolgschaft, den fraglosen Gehorsam, die Unterwerfung ohne Murren, doch die Unterlegenen murren, auch wenn sie folgen.

IP: Aber Murren ist kein Widerstand!

RL: Zweifellos. Aber wo beginnt die Aufkündigung des Gehorsams? Wenn B nicht mehr tut, was A von ihm will, wenn er bremst, die Ausführung des Befehls verschleppt, wenn er zwar tut, was er soll, aber an nichts mehr glaubt, hinhaltende Passivität, Mentalreserve, Rollendistanz, Eigensinn..?

Prévost

IP: Hoffentlich bemerkt das noch jemand! Der unbemerkten Widerstandskämpfer sind immer viele. Wenn´s opportun ist, also nichts kostet, finden sich oft emsige Gegner der bösen Macht. Alle waren sie in der Résistance, aber keiner hat sie dort je gesehen.

ZM: Wenn Gesten vermeintlicher Widerständigkeit zum guten Ton gehören, ist immer höchste Vorsicht geboten. Nehmen wir Autoren, deren Texte von der Kritik unisono gelobt werden, wie kritisch sie doch die Verhältnisse betrachten. Die Attitüde der Kritik, zumal der Gesellschaftskritik, scheint zeitweise zu den dominanten Kriterien der Kulturindustrie zu gehören. Gesinnungsgebot erfüllt, politisches Urteil vorhanden, genehm und genehmigt, Text zwar mäßig, all das ist eine Form des Konformismus. Kritik ist hier in Affirmation umgeschlagen, die Kulturmacht hat die die Geste der Verweigerung bereits eingemeindet, zum Teil ihrer selbst gemacht.

WS: Ein Zwischenruf: Wir kommen in Fragen der Macht naturgemäß rasch zu dem Problem der Opposition, der vielfältigen Weisen des Widerstrebens, hier also des „kulturellen“ Widerstrebens. All dies klingt so, als sei kulturelle Macht eher ein Kampfforum, ein Schlachtfeld des Glaubens, Meinens, Wissens und Tuns. Sollten wir nicht einfach zugestehen, daß das kulturelle Machtverhältnis diverse Formen annehmen kann. Da ist die kulturelle Herrschaft, die Macht ohne Konflikt, und da ist der andauernde Machtkonflikt, der Kampf um den Glauben, das Wissen, Denken und Reden. Wir haben also zwei Grundformen der Macht: Herrschaft und Konflikt, wobei, und das war die Ausgangsfrage, eine Seite dominant ist, d.h. Mittel zur Verfügung hat, um das, was sie will, letztlich durchzusetzen. Macht ist stets Durchsetzungsmacht, das Vermögen, sich gegen fremde Kräfte durchzusetzen, ob jene sich wehren oder nicht. Hält jedoch der Konflikt an, ohne daß eine Seite  gewinnen kann, dann liegt kein Machtverhältnis vor.

RL: Das ist absurd: Macht gibt es nicht nur dann, wenn einer gewonnen hat. Gewiß ist der Begriff eines „Gleichgewichts der Mächte“ Unsinn, es fehlt die für Machtverhältnisse konstitutive Asymmetrie der Chancen und Mittel. Ein Patt ist kein Machtverhältnis, sondern dessen Neutralisierung.

WS: Man kann begrifflich nicht von Macht reden, wenn zwei gleich Mächtige aufeinander losgehen. Wir haben dann einen Kampf um die Macht, einen unentschiedenen Streit.

IP: Vielleicht besteht der Vorteil einer offenen Gesellschaft darin, daß es immer beim Unentschieden bleibt, weil immer neue Parteien ins Spiel kommen und keine auf Dauer letztlich die Oberhand gewinnen kann.

Lenski

RL: Schön wär´s. Nehmen Sie den Meinungskampf in einer demokratischen Eliteherrschaft. Es gibt freie Presse, einige einflußreiche Leitorgane, Sendeanstalten, Oligopole des Meinungskampfs. Nun kann man beobachten, wie ähnlich sich diese Organe häufig sind. Die Meinungen gehen nicht sonderlich  weit auseinander. Und es gibt eine Praxis der Verfemung. Wer sich nicht in diesen Rahmen fügt, wer die Grenzen der Mitte nach links, rechts, oben oder unten überschreitet, wird sofort etikettiert, diskreditiert, abgestempelt. Es gibt ein elaboriertes Vokabular der Ausgrenzung, des Ausschlusses. Nicht jeder darf bei diesem geregelten Meinungsspiel mitspielen. Das nenne ich kulturelle Macht gegen Abweichung, und die Akteure bilden bei allem Wettbewerb untereinander eine dominante, große Meinungskoalition. Tauchen dann an den Rändern Exzentriker auf, Unruhestifter können das nur Extremisten oder Terroristen sein. Aus mittlerer Perspektive ist alles extremistisch, was nicht Mitte ist.

ZM: Diese Exzentriker sind jedoch häufig höchst unangenehme Gestalten.

RL: Das kann ja sein. Aber sind die Figuren in der Mitte angenehmer? Mir geht es darum, daß auch in „offenen“ oder demokratischen Herrschaftssystemen ein Bezirk definiert ist, in dem das offizielle Politik- und Kulturspiel stattfinden soll, ein Bereich, der überwacht, kontrolliert, sanktioniert ist, alles andere ist Stammtisch, schlechter Geschmack, ekelhaft, böse, dumm und was die Etiketten noch alle sind.

WS: Wir sind nun schon angelangt bei den Methoden der Macht. Dazu gehört auch der soziale Ausschluß, die Diskreditierung, die Ausgrenzung, der soziale und kulturelle Tod. Es erscheint sinnvoll,  zwischen Strukturen, also den Machtfigurationen, seien sie zur Herrschaft geronnen oder noch in einem andauerndem Konflikt ausgetragen, und den Prozessen, Methoden, Strategien zu unterscheiden. Daraus ergeben sich zahlreiche Forschungsfragen, die wir für heute protokollieren sollten: 1. Welche Figurationen sind typisch und elementar für kulturelle Macht? Hier sind ja nicht nur Machthaber am Werk, sondern eine Vielzahl von Handlangern, Gehilfen, Exekutoren: Lehrer, Schreiber, Baumeister, Priester, Propagandisten, Zensoren usw. 2. Wie verlaufen in diesem Machtfeld Konflikte? Wer markiert die Arena, wer darf teilnehmen, wer nicht? Wer verbündet sich, wer hilft wem, wer vollstreckt die Sanktionen, welche Ausweichmanöver gibt es, Tarnung, Flucht, etc. 3. Welche Formen der kulturellen Fügsamkeit und des Widerstrebens gibt es? Was denken und tun die Unterlegenen, bemerken sie überhaupt ihre Unterlegenheit? 4. Welche Methoden sind typisch für kulturelle Macht, wie operiert sie, durch Setzung von Daten, Sachen, durch Erzeugung von Emotionen, Indoktrination, durch „kulturelle Sozialisation“, also Gewöhnung, Verinnerlichung etc. 5. Aus welchen Quellen speist sich kulturelle Macht, wie entsteht aus Abhängigkeit und Alternativlosigkeit, aus der Verletzbarkeit des Menschen ein Machtverhältnis, und was heißt überhaupt „kulturell verletzbar“?

RL: Ich möchte noch einen Punkt anfügen, wir bewegen uns in der Diskussion ja noch ganz am Anfang. Wir sortieren Probleme, ohne daß eine Lösung in Sicht wäre. Was ich sagen will: Kulturelle Macht hat die Tendenz zu einer Art „innerer Macht“ zu werden. Sie wird Teil der Seele. Und sie wirkt im Dunkeln. Sie steuert Einstellungen, Überzeugungen, setzt Maßstäbe, liefert Sinn. Und sie beruht auf einem spezifischen Mangel des Menschen: seinem Bedürfnis nach Orientierung, Maß, Regel, Bedeutung. Das ist das Einfallstor kultureller Macht.

IP: Eine zweite Quelle dieser Macht scheint mir darin zu liegen, daß Menschen auf kulturelle Artefakte angewiesen sind. Sie benötigen Techniken, Gegenstände, Werkzeuge, Behausungen, Treffpunkte, vielleicht auch Idole und Fetische. Also ein zweites Einfallstor kultureller Macht.

ZM: Aller schlechten Dinge sind drei: Eine dritte, vielleicht etwas metaphysische Quelle könnte darin liegen, daß das menschliche Leben Formen benötigt. Das sind nicht nur Artefakte, soziale Regeln, sondern auch Denkmuster, Gefühls- und Geschmacksmuster. Menschen geben ihrem Leben eine Form, sie müssen dies tun, sonst würden sie im Chaos untergehen. Zumindest glauben sie das. Wer aber diese Formen prägen und durchzusetzen vermag, der hat kulturelle Macht.

WS: Damit sind wir bei einigen anthropologischen Bedingungen, welche die Bildung kultureller Macht begünstigen und auch die historische Konstanz dieser Machtform, so vielfältig sie sich zunächst darstellen mag, erklären kann. Solange Menschen Formen, Maßstäbe und Artefakte benötigen, solange sind sie gefährdet, in ein Machtfeld zu geraten, in dem sie ihre Freiheiten einbüßen.

© ZM, IP, RL, WS

Symposium: Freiwillige Knechtschaft – Themen der Aufklärung

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Isabeau Prévost, Romuald Lenski, Wolfgang Sofsky
Symposium: Freiwillige Knechtschaft – Themen der Aufklärung

Am 5.4.2016 fand in Bad Kissingen ein Gespräch statt zwischen den korrespondierenden Mitgliedern des Holbach-Instituts Isabeau Prévost (IP, Strasbourg) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS, Göttingen). Gegenstand waren einige Themen der Aufklärung sowie einige Probleme der kulturellen Macht. Hier Auszüge aus der Konversation:

WS: Welchen Sinn hat es, heute an ein Programm der Aufklärung anzuknüpfen, für die ja nicht nur die Namen Holbach, Diderot oder LaMettrie stehen, sondern auch die klandestinen radikalen Aufklärer. Sie sind im Land von Lessing oder Kant kaum bekannt, und sie wären, wenn sie seinerzeit bekannt geworden wären, auch ziemlich unpopulär gewesen. Diese Aufklärung hat keinen Frieden  mit der Obrigkeit gemacht und sich auch nicht mit betulichem Agnostizismus begnügt. Aber welchen Sinn hat heute noch eine Religionskritik? Ist sie nach Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud noch immer Dreh- und Angelpunkt radikaler Aufklärung?

Prévost

IP: Sagen wir so: sobald, wie in Deutschland, das Verhältnis von Staat und Kirchen unscharf ist und Kleriker eine führende Rolle im moralischen und politischen Diskurs beanspruchen, ist die Kritik der Religion zugleich eine Kritik an der dominanten politischen Ideologie. Wichtiger als die dogmatischen Überreste und die sozialen Kirchenruinen sind jedoch die säkularen Versatzstücke der alten Religion. Da ist weithin verbreitet eine merkwürdige Hoffnung auf Konsens, Versöhnung, Erlösung. Da sind zuhauf sentimentale Appelle an Mitleid, Nächstenliebe, unbedingten Pazifismus, da ist die Sehnsucht nach Gemeinschaften, nach rituellen Kollektiven, nach Eintracht. Die Glaubensgemeinde dient als Vorbild der Politik. Nicht umsonst gleichen sich politische Sonntagsreden und Predigten bis in Tonfall und Wortwahl. Da sind aber auch endzeitliche, geradezu apokalyptische Beschwörungen von Weltuntergängen, ein durch und durch christliches, wenn nicht messianisches Denkmotiv. Von der zur Zeit eigentümlichen Sympathie für andere Religionen und andere Spiritualitäten, einschließlich für esoterischen Obskurantismus einmal ganz abgesehen.

WS: Ein letzthin wiederaufgelegtes Pamphlet aus dem frühen 18.Jahrhundert über die drei Betrüger, also über Moses, Jesus, Mohammed, wird als akademische Editionsarbeit zu den Akten gelegt.  Würde sich aber jemand in einer Talkshow hinstellen und sagen, das sind die drei großen Betrüger, hagelte es offiziellen Protest, nicht zuletzt bei allen „Antiphobikern“. Als ob Religionen nicht tatsächlich zum Fürchten wären. Doch, was die Transformationen angeht: Motive der alten Religion finden sich nicht nur in totalitären politischen Ideologien, sondern auch in anderen politische und unpolitischen „Weltanschauungen“, nicht zuletzt in der Ideologie der Demokratie, die ja angeblich auf irgendwelchen Grundwerten beruht.

IP: Man muß aber fragen, inwieweit dies ein besonders deutsches Phänomen ist. In einer laizistischen Nation haben Kleriker weit weniger zu sagen, mit der protestantischen Innerlichkeit ist es auch nicht so weit her, der politische Streit ist ruppiger, Demokratie heißt nicht Eintracht, sondern Streit. Das Parlament ist nur der notdürftig gezähmte Bürgerkrieg. Aber es gibt dort eine andere große Gemeinschaft, die Nation, die Grand Nation.

Lenski

RL: Eine ziemlich religionsähnliche Idee. Die Nation hat ihre große Erzählung, ihre Legenden und Mythen, ihre affektive Bindung, ihre Helden, ihre Gläubigen, ihre Liturgie, ihre Opfer, ihr Mausoleum. Dies reicht weiter als jede neonationalistische Ideologie, es ist eine Religion der Nation, jenseits der Parteien.

WS: Es scheint aber einen Unterschied zu geben zwischen der Profanisierung und Umwidmung altreligiöser Versatzstücke und Motive und wirklichen politischen Religionen, welche die Altreligionen beerbt haben. Will man den Religionsbegriff nicht so aufblähen, daß er am Ende nichts mehr besagt, dann braucht man eine Idee, die nur für Religionen – ohnehin schon ein weites Feld – spezifisch ist. Wie wäre es mit dem Begriff des Heiligen, mit Praktiken der Verehrung, Unterwerfung, Vorstellungen von Unantastbarkeit, Unendlichkeit, Empfindungen von Schrecken, Erhabenheit usw.

IP: Dann ist die Frage: Was gilt heute als heilig? Der Fortschritt, das Wachstum, der Staat, die Demokratie, die Menschenrechte, die westlichen Werte, Europa? Das sind alles unpersönliche Ideen, das Heilige ohne Götter. Nachdem die Könige verschwunden sind, das gottgleiche Amtscharisma herabgestuft wurde, herrscht immer noch eine Art Staatsvergottung, die alle Herrschaftsformen überdauert und durchzieht. Der Etatismus als politische Religion: der Staat soll schützen, nähren, ordnen, orientieren, bilden, versöhnen, erlösen. Er soll Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Bruderliebe realisieren. Der Staat als Gemeinschaft und Gemeinde. Thomas Hobbes hätte nie zu denken gewagt, wofür dieser „sterbliche Gott“ alles gut sein soll. Es braucht gar keine Staatskirche, wenn der Staat selbst schon die Kirche ist.

WS: Nicht einmal den Aztekengöttern wurden so viele Blutopfer gebracht wie dem modernen Staat, wenn er seine Kriege führte.

RL: Das würde heißen, daß die alte Religionskritik überführt werden muß in Staatskritik. Aber das wäre nun doch eine Verengung, zumal die hohe Zeit des Staates vorbei zu sein scheint. Alle Welt beklagt die Ohnmacht des Staates gegenüber den Märkten, den Banken, der Ökonomie, den lokalen Kriegsherren, etc.

IP: So ist das, wenn Götter miteinander wetteifern und ein Monopolgott sich gegen andere Götzen behaupten will.

WS: Entscheidend scheint mir nicht zu sein, ob der Staat ein moderner Gott ist, sondern ob die Menschen daran glauben, er solle es sein. Es geht also um eine konstante Disposition, eine Bereitschaft, ja, ein Bedürfnis nach gottgleichen Personen, Institutionen, nach Bindungen, Abhängigkeiten, Autoritäten, um ein Bedürfnis nach Übermacht. Diese soll schützen, lenken, die Person einfügen in die Gemeinde; einen Sinn soll sie vermitteln, den Geist soll sie formen, und sie soll einen trösten. Schließlich will man zu dieser Macht guten Gewissens und guten Glaubens aufsehen und sich ihr unterwerfen können.

RL: Untertanengeist?

WS: Man muß sich hier nicht den altbekannten Kriecher vorstellen, der sich duckt und buckelt und sich vor dem Altar oder Gottesbild zu Boden wirft.  Der neue Untertan geht aufrechter, er hält sich bereits für gerecht und moralisch, er liebt das Gute, er ist schon halb erlöst. Aber er ist auf schwer erträgliche, weil selbstgerechte Weise Konformist, angepaßt an sein Milieu, angepaßt an die verstaatlichten Verhältnisse, auch wenn er stets die Attitüde des Nonkonformisten, des Originären, Originellen, Individuellen an den Tag legt. Doch halten wir fest: Ein bleibendes Thema heutiger Aufklärung sind die quasireligiösen Versatzstücke in kollektiven Mentalitäten, die Ersatzobjekte und –institutionen, die falsche Toleranz gegen religiöse Übergriffe, vor allem aber das, was La Boëtie einst die „freiwillige Knechtschaft“ genannt hat, die Unterwerfungsbereitschaft und deren Mechanismen. Aufklärung nicht zuletzt als Kritik der Sklavenmoral, und zwar von Sklaven, die gar nicht wissen, daß sie welche sind.

RL: Wobei nicht zu vergessen ist, daß der Untertanengeist aktiv befördert wird. Bevor die Polizei kommt und der öffentliche Pranger aufgestellt wird, sind die leisen Strategien der kulturellen Macht wirksam, Bildung, Indoktrination, Moral- und Geschmackskontrolle, der Kult des Heiligen. So plural sich die moderne Kultur geriert, die Vorschriften für die Lebensführung nehmen wieder zu, die Normen für die richtigen Gedanken, den richtigen Geschmack, die richtigen Werte, usw.

WS: Die Rede von kultureller Macht ist zwar nicht unüblich, aber haben wir bereits begriffen, um was es sich genau handelt? In den meisten Fällen wird ja wenig gedroht oder bestraft, wo regt sich manifester Widerstand? Oder ist diese weiche Macht schon so effektiv, daß Widerstreben gar nicht mehr gebrochen werden muß, da sie sich gar nichts mehr regt. Fast alles wird toleriert, Außenseitertum gilt als Gütesiegel von Kreativität, einen Kanon gibt es nicht. Es sieht so aus, als sei alles erlaubt.

RL: Das ist eine Illusion. Zwar ist diese Macht nicht so kompakt wie, sagen wir, diejenige der Kirche des Mittelalters. Die Gesellschaft ist differenzierter und heterogener als die Gesellschaft der Ständehierarchie. Die Kulturmacht durchdringt die Milieus in unterschiedlichem Maße. Aber, um ein simples Beispiel zu geben, das Vokabular der Rede, auch der privaten, soll reguliert, der ganze Schimpfklatsch überwacht und unterdrückt werden, im Internet, in der Schule, im Theater, im Parlament. Es gab selten Zeiten, da alles gesagt werden durfte. Doch seit einiger Zeit, so mein Eindruck, soll immer weniger gesagt werden dürfen. Das verkauft man dann als Fortschritt an Zivilisierung, obwohl es nur ein Rückschritt an Repression ist.

WS: So ähnlich redet die rechte Opposition auch, die zur Zeit gegen den Konsens der korrekten Demokratie rebelliert.

RL: Es ist völlig egal, wer was sagt. Entscheidend ist, ob es zutrifft. Jede Rebellion kämpft auch gegen die Sprache des alten Regimes. Das Problem ist, daß die Rebellion sofort eine neue Hegemonie zu errichten sucht, sei sie nationalistisch, ethnisch, heimatlich, spießig, partikularistisch oder universalistisch. Es ist zuletzt auch nur eine neue kulturelle Macht.

WS: Kein Unterschied in der Gültigkeit einer Kultur?

RL: Kulturelle Macht ist immer Freiheitsberaubung.

IP: Das liegt in der Natur von Macht, daß sie Freiheiten begrenzt. Aber, um ein älteres, unstrittiges Beispiel zu erwähnen: Die große Revolution demolierte vielerorts die Bauwerke der alten Macht, die großen Kathedralen, diese Wunderwerke der Architektur und Skulptur. Es war ein Bildersturm gegen die Monumente des Regimes, in dem Königtum und Religion aufs Engste verbunden waren. Natürlich ist es bedauerlich, was dabei alles unwiederbringlich zerstört wurde. Aber die Rebellen haßten die Religion, und sie haßten deren materielle Kultur, die steinernen Himmelsgebäude. Hier könnte man nun etwas genauer fragen, was für eine Art von Macht die kulturelle Macht ist.

WS: Es ist eine gemischte Macht. Neben der physischen Repression, die bis zur Vernichtung von Ungläubigen geht, gibt es die sanfte, durchdringende Wirkung der Autorität, des Glaubens und die sich in Stein, Glas, Schrift, Licht materialisierende Macht. Eine doppelte soziale Macht, die des Königtums und des Klerus ist hier materielle und ästhetische Macht geworden. Wir wissen nicht wie diese Macht funktioniert, aber die Bilderstürmer wußten genau, daß die Steine und Statuen keineswegs so unschuldig waren.

IP: Was die Revolutionäre ja nicht davon abgehalten hat, sogleich neue Liturgien, Glaubensdogmen zu erfinden, eine politische Religion der Revolution, mit terroristischen Folgen.

WS: Halten wir vorläufig fest. Zur Aufklärung gehört nicht zuletzt Aufklärung über den Religionshaß, der selbst eine quasireligiöse Form des Fanatismus annehmen kann. Doch ebenso gehört zu unserem Themenprogramm die Klärung der Wirkungsweise kultureller Macht. Religion ist ja nur ein, wenngleich ein historisch besonders prominenter und aktuell virulenter Fall von kultureller Macht. Sie beruht nicht zuletzt auf einer schier unerschöpflichen, unaufgeklärten Machtquelle, dem Bedürfnis nach freiwilliger Knechtschaft.

© IP, RL, WS

Machtbilder: Schlucht oder Leiter

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Wolfgang Sofsky
Machtbilder: Schlucht oder Leiter

Menschen, die gelegentlich über den Kreis ihrer Familie, Freunde und Kollegen hinausschauen und sich ein Bild von der Gesellschaft machen, greifen oftmals auf zwei Metaphern zurück, deren Realitätsgehalt kaum von der Hand zu weisen ist. Entweder teilen sie Gesellschaft und Politik ein in „die da oben“ und „wir hier unten“, oder sie sprechen von einer Leiter oder Treppe mit mehreren Rangstufen. Auf das erste, das dichtome Macht- und Gesellschaftsbild blicken Meinungsbildner weiter oben mit tiefer Verachtung herab. Ihnen kommt alles komplex, vielfältig, plural vor, alle Teil- und Teils-Teilsysteme sind auf derselben Ebene angesiedelt. Macht gibt es nicht. Das dichotome Machtbild indes ist die Vorstellung der kleinen Leute, der Nicht- oder Protestwähler, der PseudoPartizipationsmuffel, der Realisten, die sich der Macht mehr oder weniger ausgeliefert fühlen und sich selbst kaum Chancen ausrechnen. In der klassischen Studie zum „Gesellschaftsbild des Arbeiters“, vornehmlich in der Hüttenindustrie, die ein Dortmunder Soziologenteam in den 1950er Jahren vorgelegt hat, ist diese Vorstellung eindrücklich beschrieben:

„Das Gesellschaftsbild … beruht auf einer Überzeugung, die alle Vorstellungen eindeutig und einseitig bestimmt: In der menschlichen Gesellschaft gibt es ein „Oben“ und ein „Unten“, starr, unabweisbar, unabwendbar. Wir, die Arbeiter, gehören zum unteren Teil und können ihm nicht entrinnen. Denn die anderen sind stärker…  Durch die Gesellschaft geht ein Schnitt, eine Schlucht ohne Brücke. Auf der einen Seite befinden sich viele Menschen, auf der anderen nur wenige. Die Vielen versuchen manchmal — auch heute wieder —, die Schlucht zu überwinden. Aber die Teilung, die Dichotomie, läßt sich nicht rückgängig machen. Denn die Wenigen verfügen über den wertvolleren Teil, sie sind mächtiger und einig. Es hat also keinen Zweck, sich Illusionen zu machen: eine Verständigung oder ein Ausgleich ist hoffnungslos. Die Schlucht wird bleiben.“  (Heinrich Popitz/Hans Paul Bahrdt et al., Das Gesellschaftsbild des Arbeiters, Tübingen 1957, S.201).

Das dichotome Modell rechnet eher mit einem sozialen Gegeneinander, das Leitermodell mit einem Über- und Untereinander. Es versteht Gesellschaft nicht als unveränderliches Schicksal, sondern verheißt dem Individuum eine Chance. Macht ist vertikal geordnet. In der Hierarchie erfolgen Befehle und Anweisungen von oben nach unten, der jeweils Untergebene hat zu gehorchen. Wer aber in der Mitte sitzt, muß zwar gehorchen, darf aber auch befehlen und kann auf jemanden hinabsehen. Wer sich ganz unten befindet, kann durch Anstrengung, Mühe oder Networking ein, zwei, drei Stufen hinaufsteigen, sich in die Mittelränge emporarbeiten. Daß er ganz oben anlangt, ist wenig wahrscheinlich, aber eine Karriere ist durchaus möglich. Dieses hierarchische Macht- und Gesellschaftsmodell ist die Vorstellung der Auf- und Absteiger, der fleißigen und beflissenen Karrieristen, der Sozialreformer und Illusionisten. Sie hoffen auf Chancengleichheit und überlassen es jedem einzelnen, was er aus sich macht.

An der Spitze der Gesellschaft indes, dort, wo sich Macht, Reichtum, Meinung und Einfluß konzentrieren, neigt man, wenn man unter sich ist, häufig dem dichtomen Machtbild zu. Oben, da sind wir, da ist die Elite, da sind die Besten und Klügsten, die sich ihre Stellung, ihre Privilegien, ihre Yacht und die Insel höchstredlich verdient haben. Alle anderen, jenseits der Schlucht, sind Masse, Plebs, Gesindel, Pack.

© W.Sofsky 2016

Diderot: Über die Unkenntnis

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Wolfgang Sofsky
Diderot: Über die Unkenntis

Enzykl.

Im achten Band der Encyclopédie von 1765 findet sich ein Artikel von Denis Diderot über die Unkenntnis, das Nichtwissen („Ignorance, Métaphysique). Während gemeinhin darüber nachgedacht wird, wie wir zu Erkenntnissen gelangen, welche Bedingungen für gültiges Wissen erfüllt sein müssen, welche Strukturen das Wissen aufweist und wie es in der Gesellschaft verteilt ist, richten nur wenige ihr Augenmerk auf die Ursachen, Merkmale und Verfahren der Unkenntnis. Klügere Geister wissen zwar, daß sie nichts wissen, aber nicht immer wissen sie, was es heißt, etwas nicht zu wissen. Neugierige Geister setzen vieles daran, etwas in Erfahrung zu bringen, wovon sie zumindest wissen, daß es existiert. Manche machen dabei Entdeckungen von Sachverhalten, von denen sie überhaupt nicht wußten, daß sie davon nichts wußten. Diderot unterscheidet recht genau zwischen völliger Ahnungslosigkeit und unvollständiger Gedankenverknüpfung. Im ersten Fall besteht die Unkenntnis schlichtweg darin, daß man nicht einmal eine Ahnung davon hat, daß p der Fall ist. Im zweiten Fall, weiß man zwar, daß q der Fall ist, aber man weiß nicht, daß p, die Ursache von q, ebenfalls der Fall ist. So kann man sich keinen rechten Reim auf q machen und kein Urteil fällen dergestalt: Wenn p, dann q. Etwas ganz anderes ist die psychische Disposition der Denkfaulheit, die Menschen davon abhält, sich den Mühen der Gedankenarbeit zu unterziehen und sich aus dem Zustand selbstverschuldeter Ahnungslosigkeit herauszuführen. Diderot zeigt mithin zunächst, worin Unkenntnis besteht, und anschließend, wodurch sie verursacht ist.

„Die Unkenntnis besteht eigentlich in der Privation (Abwesenheit) der Idee von einer Sache oder in der Privation dessen, was zur Bildung eines Urteils über diese Sache dient. Manche definieren sie als »Privation oder Negation des Wissens«. Da das Wort »Wissen« aber in seiner genauen und philosophischen Bedeutung eine zuverlässige und bewiesene Kenntnis darstellt, so würde man eine unvollständige Definition der Unkenntnis geben, wenn man e auf das Fehlen zuverlässiger Kenntnisse beschränken wollte. Man ist doch nicht in Unkenntnis über unzählige Dinge, die man geht beweisen kann. Die Definition, die wir — nach Wolff — in  diesem Artikel geben, ist also exakter.

Wir sind in Unkenntnis  über eine Sache, wenn wir überhaupt keine Idee von ihr haben oder wenn wir uns gar kein Urteil über sie bilden können, obwohl wir schon irgendeine Idee von ihr haben. Wer zum Beispiel niemals eine Auster gesehen hat, ist in Unkenntnis über das Subjekt, das diesen Namen trägt. Derjenige, dem sich eine Auster zeigt, gewinnt zwar eine Idee von ihr, weiß aber noch nicht, welches Urteil er über sie fällen soll, und würde es nicht wagen, zu versichern, daß sie etwas Eßbares sei, geschweige denn ein köstliches Mahl. Weder die eigene Erfahrung noch die eines anderen liefern ihm, wenn niemand ihn über Austern unterrichtet hat, einen Anhaltspunkt für sein Urteil. Zwar kann er sich wohl vorstellen, daß die Auster gut schmeckt; aber dies ist eine Vermutung, ein Urteil aufs Geratewohl; nichts bürgt ihm vorerst für die Möglichkeit der Sache.

Die Ursachen unserer Unkenntnis liegen also : erstens in der Mangelhaftigkeit unserer Ideen; zweitens darin, daß wir den Zusammenhang der Ideen, die wir haben, nicht entdecken können; drittens darin, daß wir nicht genügend über unsere Ideen nachdenken. Wenn wir nämlich in erster Linie in Betracht ziehen, daß die Begriffe, die wir durch unsere Fähigkeiten bekommen, in keinem Verhältnis zu den Gegenständen selbst stehen, da wir keine klare und deutliche Idee von der Substanz selbst haben, die allem anderen zugrunde liegt: so erkenne wir leicht, warum wir nur selten zuverlässige Begriffe habe können…

Die Schwierigkeit, auf die wir stoßen, sobald wir den Zusammenhang unserer Ideen entdecken wollen, ist die zweite Ursache unserer Unkenntnis. Es ist uns unmöglich, die Idee von wahrnehmbaren Eigenschaften — eine Idee, die wir von den Körpern bekommen — irgendwie abzuleiten; es ist uns auch unmöglich, zu begreifen, daß der Gedanke eine Bewegung im Körper und der Körper wiederum den Gedanken im Geist hervorrufen kann. Wir können nicht ergründen, wie der Geist auf die Materie und wie die Materie auf den Geist wirkt; die Unzulänglichkeit unseres Verstandes kann den Zusammenhang dieser Ideen nicht entdecken, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als Zuflucht zu einem allmächtigen und allwissenden Agens zu nehmen, das durch Mittel wirkt, die unsere Unzulänglichkeit nicht ergründen kann.

Schließlich sind unsere Trägheit, unsere Nachlässigkeit und unsere Denkfaulheit ebenfalls Ursachen unserer Unkenntnis. Oft haben wir vollständige Ideen, deren Zusammenhang wir leicht entdecken könnten; aber wir unterlassen es, diese Ideen zu verfolgen und vermittelnde Ideen zu entdecken, die uns lehren könnten, was für eine Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zwischen ihnen besteht, und verbleiben deshalb in unserer Unkenntnis. Nur diese Unkenntnis verdient Tadel, nicht her jene Unkenntnis, die dort anfängt, wo unsere Ideen aufhören. Sie braucht nichts Betrübliches für uns zu haben, weil wir uns so nehmen müssen, wie wir sind, und nicht so, wie wir unserer Einbildung nach sein könnten. Warum sollen wir Kenntnissen nachtrauern, die wir uns nicht verschaffen konnten und die wir zweifellos nicht unbedingt brauchen, da sie uns tzogen sind? Ebensogut, hat einer der hervorragendsten Denker unseres Jahrhunderts (Voltaire, WS) gesagt, könnte ich tiefbetrübt darüber sein, daß ich nicht vier Augen, vier Füße und zwei Flügel habe.“

© WS 2016

Kritik der Religion

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Wolfgang Sofsky
Kritik der Religion.
Dankrede zur Verleihung des Holbach-Preises am 20.9.2015 in Edenkoben

Meine Damen und Herren,

HolbachWer als erster einen Preis zu tragen hat, der des Barons Holbach gedenkt, hat einen seltenen Vorteil. Er hat das erste Wort und entgeht der Gefahr zu wiederholen, was frühere Laureaten über den freundlichen Aufklärer mit dem bösen Blick gesagt haben. Ein unermüdlicher Streiter war Holbach, wider Vorurteile, Illusionen und Selbsttäuschungen aller Art. Er hielt sich an das, was wir wissen, und mißtraute allem, woran wir nur glauben. Die Welt war für ihn die Summe aller Tatsachen, der Steine, Tiere, Menschen, der Körper am Himmel und auf Erden. Während man sich in deutschen Landen meist um Werte, Gemüt und Gesinnung sorgt, widmete sich Holbach dem irdischen Leben. Zur Enzyklopädie seines Freundes Denis Diderot steuerte er nicht nur hunderte Artikel zur Chemie, Biologie oder Mineralogie bei. Von Holbach stammen auch kritische Beiträge zur Theokratie und politischen Repräsentation, zum Aberglauben und zu Religionen fremder Völker.

Für einen Realisten sind Götter und Geister keineswegs bedeutungslos. Im Gegenteil: Woran Menschen glauben, was sie erfinden oder sich einbilden, ist in seinen Folgen stets real, wenn nicht fatal. Die Mythen und Kultriten, die Verklärung sinnlosen Leidens, die Paradiesträume und Höllenängste sind geschichtsmächtige Tatsachen. Holbachs Themen, das sind neben den Materien der Natur die Wirklichkeit der Macht und Moral, vor allem jedoch der Religion.

Trotz Aufklärung, trotz Säkularisierung ist die Kritik der Religion niemals abgeschlossen. Mit dem Verdacht des Priesterbetrugs ist die Angelegenheit nicht erledigt. Nicht selten will der Betrogene selbst betrogen werden. Holbach wußte genau, daß sich Religionskritik nicht in Kirchen-, Sekten- oder Predigerkritik erschöpft. Die Doktrin, die Dogmen, die Götter sind zu entzaubern, als historische Begebenheiten, als systematische Irrtümer.

Schon die Idee eines allmächtigen Schöpfers ist, wie man weiß, eine logische Unmöglichkeit. Kann ein omnipotenter Gott einen Felsen erschaffen, den niemand bewegen kann, also auch er selbst nicht? Vermag er einen solchen Felsen nicht zu erschaffen, ist er nicht allmächtig. Vermag er einen solch schweren Felsen indes zu erschaffen, kann ihn aber nicht von der Stelle rücken, ist er ebenfalls nicht allmächtig. Kann sich ein großmächtiger Gott in einen Zustand der Ohnmacht versetzen, kann er sich selbst auslöschen? Wie soll ein toter Gott allmächtig sein? In Fragen der Gottesexistenz mag man unentschieden sein. Was die kardinalen Eigenschaften angeht, ist das Ergebnis eindeutig. Allmächtig kann ein Gott ebensowenig sein wie allwissend und allgut.

Woher aber rührt der tiefe Wunsch nach Frömmigkeit, nach Hörigkeit, nach absolutem Sinn? Götter sind meist eine Erfindung menschlicher Angst. Nichts scheint gräßlicher als die Aussicht, alsbald nicht mehr da zu sein. So leben die Toten als Geister fort. Die Idee der unsterblichen Seele, so Holbach, hat eine organische Ursache. Sie entspringt dem Trieb der Selbsterhaltung. „Dieser Wunsch verwandelte sich gar bald in Gewißheit; und darin, daß die Natur uns den Wunsch, immer fortzudauern, eingeprägt hatte, glaubte man einen hinlänglichen Beweis zu finden, daß der Mensch nie aufhören werde fortzudauern.“ Wie jeder Philosoph, der den Namen verdient, lehrt Holbach ein rechtes Verhältnis zum eigenen Ende: „Sterben ist nichts weiter als aufhören zu denken und zu empfinden, zu genießen und zu leiden. Deine Ideen werden mit dir untergehen, und deine Schmerzen dir nicht ins Grab folgen. Denke an deinen Tod, nicht um… deinen Trübsinn zu nähren, sondern dich zu gewöhnen, ihm mit ruhigen Augen entgegen zu sehen, und dich gegen die leeren Schrecken zu sichern, welche die Feinde deiner Ruhe dir einzuflößen bemüht sind.“

Holbachs Lebenswerk ist eine Schule der Atheisten. Sein Pariser Salon war Treffpunkt für die freien Geister seiner Zeit. Auf der Gästeliste finden sich Laurence Sterne und Adam Smith, der Abbé Galiani, Diderot, der Historiker Edward Gibbon, Benjamin Franklin. Als David Hume, der große schottische Skeptiker, das Gastmahl des Barons zum ersten Mal besuchte, war er über den ungewohnt freimütigen Ton leicht schockiert. Er saß neben dem Gastgeber, als er der Runde mitteilte, er glaube nicht an die Existenz von Atheisten, da er noch nie einen getroffen habe. Holbach erwiderte prompt: „Monsieur, zählen Sie, wie viele von uns hier sind.“ Achtzehn Gäste waren anwesend. „Es ist ein guter Anfang, Ihnen sofort fünfzehn zeigen zu können. Die anderen drei haben sich noch nicht entschieden.“

Auf Atheismus stand im spätabsolutistischen Frankreich die Peitsche, das Beil, die Galeere oder die Bastille. Der fleißige Autor Holbach veröffentlichte viele seiner Bücher ohne oder unter falschem Namen. Seine erste Schrift „Das entschleierte Christentum“ wurde zuerst in Nancy, dann im freien Amsterdam gedruckt. In Strohballen versteckt oder in Heringsfässern mit doppeltem Boden gelangten die Bücher nach Paris. Obwohl es in Paris damals wie in einer Kloake roch, dürfte manchem Leser im Untergrund die Lektüre ziemlich gestunken haben. Sein Hauptwerk, das „System der Natur“, dieses Kompendium für ein Leben jenseits von Ignoranz, Angst und Unmündigkeit, wurde in handlichen Teilbänden aus Amsterdam zurückgeschmuggelt. So konnte man sie leichter verstecken. Als Autor firmierte ein verstorbener Akademiker. Die Maske eines Toten bewahrte den Baron vor den Häschern des alten Regimes.

Man sage nicht, daß Atheisten heutzutage besser gelitten seien. 225 Jahre nach Holbachs Tod sind die Fanatiker mitten unter uns. Sie werden nicht weniger. Es genügen ein paar Zeichnungen, ein Roman oder unliebsame Blogeinträge, und der Autor riskiert tausend Stockschläge – von Staats wegen -, ein weltweites Todesurteil, ein Blutbad. Die Wut der Gotteshüter scheint grenzenlos. Sie fühlen ihren Propheten durch eine Karikatur beleidigt, und bemerken nichts von ihrer gotteslästerlichen Anmaßung. Götter können durch Bilder oder Worte unmöglich verunglimpft werden. Nur wer seine Götter zu Menschen degradiert hat, kann überhaupt auf die Idee kommen, ihnen beispringen, sie rächen zu müssen.

Fanatismus und Gewalt verkleistern die Risse des Halbglaubens. Nicht in Buchstabentreue, nicht in beflissenem Gehorsam, nicht im Mausoleum wohlfeilen Trosts liegt das Fundament des Glaubens, sondern im Geschmack fürs Unsichtbare, im Widerfahrnis dessen, was Gläubige in Momenten der Ergriffenheit, der Verzückung, der Ekstase oder Offenbarung als heilig erleben. All dies sind zwar unvernünftige mentale Zustände, aber es gibt sie, und sie bedürfen der Erhellung, der Aufklärung.

Wem aber die Evidenz des Heiligen nicht zuteil wurde, muß sich mit Frömmigkeiten aus zweiter Hand begnügen. Der Halbgläubige kennt keine Kompromisse, er ist notorisch beleidigt. Dringend benötigt er die Zeremonie, die Stütze die Autorität – oder die direkte Aktion, die Macht der Gewalt. Wer sich selbst nicht ganz glaubt, tötet die Ungläubigen, in den Banktürmen, in Redaktionsbüros, im Schnellzug. Blut und Schmerz bezeugen ihm den Besitz vermeintlicher Wahrheit. Die Tötungsmacht beweist den Gotteskriegern, einem allmächtigen Gott anzuhängen. Gewalt verschafft tatsächlich jene Allmacht, die sie ihrem Idol andichten. Sie ist eine Art praktischer Gottesbeweis. Die Todesschwadrone des Glaubens führen heilige Kriege, verschleppen Sklavinnen, sprengen uralte Tempel in die Luft. Abermillionen Tote, Verstümmelte, Vertriebene gehen auf das Konto der Religionen, nicht zuletzt die Millionen, die zur Zeit vor den Religionskriegen aus Afrika und Asien nach Europa fliehen.

Ein aufgeklärter Atheismus rechnet heute nicht mehr mit einem Siegeszug der Vernunft. Der selbständige Gebrauch der Vernunft ist nicht jedermanns Sache. Die Gier nach den Opiaten der Verheißung, Erbauung und Erlösung scheint unersättlich. Man kann reden, soviel man will. Man bläst auf erloschenen Kohlen, auf denen sich kein Fünkchen Verstand entzündet. Die Sehnsucht nach Illusionen und Despotie ist durch Wissen, Argumente, Gegenbeweise nicht aus der Welt zu schaffen. Von einem Dialog der Religionen darf man ohnehin nur die gegenseitige Anerkennung aller Irrwege erwarten. Umso bedeutsamer ist das Prinzip der Religionsfreiheit. Holbach hielt die Freiheit des Willens und Handelns für eine Kopfgeburt. Doch nicht jede Bedingung, unter denen Menschen handeln, ist eine kausale Ursache, ein Zwang. Die Welt ist voller Alternativen, auch wenn manche sich gerne weismachen lassen, es gebe sie nicht.

Was besagt die Freiheit der Religion? Ein jeder darf denken, was er will, glauben, was er will, beten, zu wem er will. Jeder darf sich seinen Torheiten verschreiben. Klugheit ist nicht geboten, Einfalt nicht verboten. Jeder darf Unglaubwürdiges glauben, darf sich der Schwärmerei hingeben, sich mit Gleichgesinnten zu Kultfeiern treffen. Wo immer er seine Seligkeit zu erlangen hofft, kein Weg ist ihm versperrt. Allerdings erleidet das Individuum auf Dauer Schaden, wenn es die Pflichten gegen sich selbst mißachtet. Wer sich in Unmündigkeit einrichtet, verliert seine Urteilskraft. Wer sich vor Göttern zu Boden wirft, ergibt sich, um es mit einem alten, auch von Kant benutzten Ausdruck zu sagen, der Kriecherei.

In der Öffentlichkeit ist es mit dem privaten Illusionsglück vorbei. Gottesbilder prallen aufeinander, werden beargwöhnt, verlacht. Der Anfechtungen sind viele. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Eintracht der Bekenntnisse. Sie ist ein unruhiges Terrain voller Kollisionen, Animositäten, Feindseligkeiten. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Niemand ist gehalten, einem frommen Ansinnen Glauben zu schenken und die Götter eines anderen zu verehren. Religionen sind nicht sakrosankt. Des einen Frömmigkeit ist dem anderen nichts als Bigotterie. Was der eine für heilig hält, ist für andere ein profaner Irrtum. Zum Schutz eines jeden heißt Freiheit der Religion zuallererst Freiheit von Religion.

Um den Religionskrieg zu beenden, hat der moderne Staat den Glauben zwar zur Privatsache erklärt. Dennoch strebt der Staat, dieser sterbliche Leviathan, selbst nach höheren Weihen. In Wahrheit ist seine Aufgabe höchst profan: Schutz der Freiheit und Sicherheit der Bürger. Hierzu hat er in Glaubensdingen neutral zu bleiben. Auf strikte Indifferenz hat er zu achten, in jeder öffentlichen Einrichtung. Bibel oder Koran sind als Lehrbücher nicht zugelassen. Die Schule ist die Schule der Nation, nicht der Religion.

Der gottlose Staat ist die Voraussetzung für religiöse Vielfalt – und Einfalt. Er bewahrt die Minderheiten vor der Hegemonie der Mehrheit, und er weist den Fanatismus in seine Schranken. Religionen wollen wachsen, wollen ihre Anhänger mehren, wollen sich die Erde untertan machen. Dieser imperialen Mission beugt der Staat vor. Indem er den Religionen die Waffen der Macht aus der Hand schlägt, schützt er die Strenggläubigen und die Ungläubigen, die Gleichgültigen, die Abtrünnigen, jene, denen das Hemd des Glaubens locker sitzt, und die Freigeister, die sich allein auf gottlose Vernunft stützen.

Der Baron starb im Januar 1789. Die Revolution stieß die Philosophen des Holbachschen Salons in den Strom des Vergessens. Sie waren für die Revolutionäre zu radikal. Die neue politische Religion, diese totalitäre Allianz von Tugend, Tod und Terror, hätte dem Seziermesser von Diderot und Holbach und ihren Freunden kaum standgehalten. Sie setzten auf Kritik, Wahrheit, Wissen, nicht auf Glauben und Gefühl, Macht und Mission. In Zeiten der Idole, der Eiferer, des korrekten Konformismus, des betulichen Kleinmuts bedarf es dringend radikaler Störenfriede. Sie streiten gegen jede Illusion, jede Macht.

© W.Sofsky 2015

Denis Diderot: Das Leben

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Wolfgang Sofsky
Denis Diderot: Das Leben als solches

In einem ungemütlichen Anfall von Klarsicht schrieb Denis Diderot an seine Liebes-, Seelen- und Denkgefährtin Sophie Volland, was es mit dem menschlichen Leben zuletzt auf sich hat, wenn man alles Gerede, alle Illusionen, alle Beschwichtigung und allen Selbstbetrug abzieht:

„Vom Augenblick des ersten Plapperns mit zum Moment des letzten Lallens eingezwängt zwischen Betrügern und Scharlatanen aller Arten, den eigenen Geist auszulöschen zwischen einem Mann, der einem den Puls gefühlt, und einen anderen, der einem den Kopf verdrehen will, nicht wissen, wo man herkommt und wohin man geht: voilá, das ist es, was die Leute das Geschenk der Eltern und der Natur nennen, das Leben.“

© WS 2015

Herrschaft, Tausch und Abhängigkeit

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Wolfgang Sofsky
Herrschaft, Tausch und Abhängigkeit

Aus der Geschichte der Macht weiß man, daß Herrschaft häufig auf Abhängigkeit beruht. Herrschaft ist ein soziales Verhältnis, in dem eine Seite mit der Fügsamkeit der anderen Seite rechnen kann, weil jene sich in ihre Unterlegenheit schickt, sei es aus Angst, Gewohnheit oder Kalkül, sei es, weil sie die Herrschaft – aus welchen Gründen auch immer – für berechtigt hält. Herrschaft ist Macht ohne Konflikt, sie ist gegenseitig, wie jedes soziale Verhältnis, aber asymmetrisch. Denoch wird die Ungleichheit der Ressourcen nicht in Frage gestellt oder gar in einem Konflikt ausgefochten. Verhältnisse der Fügsamkeit gibt es allerorten und zu allen Zeiten, zwischen Personen, Gruppen, Organisationen oder Staaten, in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik.

Wie erzeugt Abhängigkeit Herrschaft? Ein simples Tauschmodell mag dies verdeutlichen. Wie alle Modelle bildet es die soziale Realität nicht ab, beschreibt aber eine Basisstruktur von beträchtlichem Realitätsgehalt. Wie also kommt es zu Herrschaft?

B benötigt eine Leistung (oder ein Gut) von A, kann diese Leistung jedoch nicht mit gleicher Münze bezahlen. So hat B folgende Alternativen. Er kann a) versuchen, A´s Leistung zu erzwingen oder ihn zu berauben, er kann b) versuchen, sich die entsprechende Leistung andernorts zu beschaffen. Schließlich kann er c) weiterhin ohne die fragliche Leistung auszukommen versuchen. Gelingt ihm keine dieser Alternativen, kann er schließlich d) die Leistung mit Unterwerfung bezahlen. Gehorsam ist das Entgelt für eine Leistung, die auf andere Weise nicht beglichen werden kann; sie ist das letzte Tauschmittel, mit dem Menschen ihren Verpflichtungen nachkommen können. Zugleich aber ist Botmäßigkeit eine Währung, welche die größten Wohltaten aufwiegen und – ähnlich wie Geld – universal verwendet werden kann. Wie man alles für Geld, so kann man auch (fast) alles für Fügsamkeit bekommen: Liebe, Zuwendung, Hilfe, Zustimmung, Arbeitsplätze, Kapital, Öl, Stahl, Waffen, Information oder Schokolade.

Wer an der Abhängigkeit des anderen, also an der Wahrung seiner Machtquelle langfristig interessiert ist, tut gut daran, sich nicht allzu spendabel zu zeigen. Der Gläubiger zementiert seine Herrschaft, indem er gibt, was der Schuldner dringend benötigt. Aber er gibt niemals so viel, daß jener nichts mehr braucht und er selbst nichts mehr hat. Freigebigkeit ist der Ruin aller Herrschaft, Mangel ihr Prinzip. Vier Bedingungen müssen jedoch erfüllt sein, damit Herrschaft von Dauer ist:
– B darf seinerseits über keine Güter verfügen, die A unbedingt benötigt. Der Herr muß unabhängig von den Offerten des Knechts sein;
– A muß ein Monopol über die begehrten Güter haben, da sich B sonst an anderer Stelle eindecken könnte;
– B dürfen keine Trümpfe zur Verfügung stehen, mit denen er A drohen oder ihn zur Herausgabe des begehrten Objekts zwingen könnte. Der friedliche Tausch unterbindet nicht nur den Raub, sondern festigt auch die Abhängigkeit des Knechts;
– das begehrte Gut muß für B unverzichtbar sein, es darf für ihn keine Substitute geben.

Aus diesen Bedingungen ergeben sich elementare Strategien der Herrschaft bzw. der Emanzipation:
– Dem Herrn ist daran gelegen, Wettbewerb zu unterbinden, um sein Monopol zu schützen. Firmen preisen ihre Güter als einzigartige Marke an, Staatsbehörden verteidigen ihr Schutz- oder Kontrollmonopol, Partner verleumden potentielle Rivalen, Parteien preisen sich als einzige Garanten höchster Werte an und diskreditieren ihre Konkurrenten als Verräter oder Leichengräber des Gemeinwesens. Auch die Bildung heimlicher oder offener Koalitionen oder Kartelle ist ein Verfahren, das Angebot zu verknappen und die begehrte Leistung zu monopolisieren. Immer geht es darum, Dritte auszuschalten, um den Zweiten, den gehorsamen Knecht an sich zu binden.
– Umgekehrt kann sich der Abhängige um alternative Lieferanten bemühen. Er vermeidet „Fixierungen“, wechselt die Anbieter, ersetzt Fügsamkeit und Loyalität durch Unberechenbarkeit oder droht zumindest mit einem Wechsel der Zuneigung. Der erste Schritt des Knechts in die Freiheit ist die Suche nach Dritten, also Treulosigkeit. Unabhängigkeit, Freiheit beginnt mit der Erweiterung des sozialen Kreises um Dritte und Vierte.
– Will man den hohen Preis der Fügsamkeit nicht zahlen und ist auch kein Dritter sichtbar, bleibt oft nur die Suche nach Ersatz. Um dem Gasmonopol zu entgehen, setzt man auf andere Energiequellen; um sich nicht an eine Autorität auszuliefern, nach deren Anerkennung man giert, gibt man sich mit dem Lob eines Kollegen zufrieden. Die Taktik der kleinen Wünsche umgeht die Fallen von Abhängigkeit und Herrschaft. Man behilft sich mit Ersatzinformationen oder Indizien, wählt einen schlechter bezahlten Job, begnügt sich mit Sahnebonbons und verzichtet auf Schokolade. Bescheidenheit und Askese ersparen Gehorsam. Wer nur wenig braucht, muß sich niemandem unterwerfen.
– Darauf reagiert der Herr wiederum mit einer Politik der Unersetzbarkeit. Er preist seine Leistungen an, erfindet neue Werte und Wünsche, die angeblich nur er allein befriedigen kann. Insbesondere der moderne Zentralstaat ist ein Virtuose in der Propaganda der Unverzichtbarkeit. Immer neue Begehrlichkeiten weckt er. Zwar bleibt er viele Versprechen schuldig, doch wer soll sonst für Sicherheit, Wohlfahrt, Gerechtigkeit, Freiheit, für Rente und allseitige Lebenshilfe sorgen? Als Garant der Ordnung spielt sich der Herr auf, und meint dabei stets nur die Ordnung der Herrschaft. So erfolgreich ist diese Staatsideologie mittlerweile, daß die Zeitgenossen sich eine Gesellschaft ohne Staatsherrschaft gar nicht mehr vorstellen können. Längst haben sie in ihre Knechtschaft eingewilligt. Die ehrwürdige Idee einer freien Republik freier Menschen scheint für immer vergessen.

© W.Sofsky 2014

 

Schopenhauer: Über die Hoffnung

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Wolfgang Sofsky
Arthur Schopenhauer: Über die Hoffnung

„Hoffnung ist die Verwechselung des Wunsches einer Begebenheit mit ihrer Wahrscheinlichkeit. Aber vielleicht ist kein Mensch frei von der Narrheit des Herzens, welche dem Intellekt die richtige Einschätzung der Probabilität so sehr verrückt, daß er eins gegen tausend für einen leicht möglichen Fall hält. Und doch gleicht ein hoffnungsloser Unglücksfall einem raschen Todesstreich, hingegen die stets vereitelte und immer wieder auflebende Hoffnung der langsam marternden Todesart.

Die Hoffnung ist ein Zustand, zu welchem unser ganzes Wesen, nämlich Wille und Intellekt, konkurriert: jener, indem er den Gegenstand derselben wünscht, dieser, indem er ihn als wahrscheinlich berechnet. Je größer der Anteil des letztern Faktors und je kleiner der des erstern ist, desto besser steht es um die Hoffnung; im umgekehrten Fall desto schlimmer.

Wen die Hoffnung, den hat auch die Furcht verlassen: dies ist der Sinn des Ausdrucks „desperat“. Es ist nämlich dem Menschen natürlich, zu glauben, was er wünscht, und es zu glauben, weil er es wünscht. Wenn nun diese wohltätige, lindernde Eigentümlichkeit seiner Natur durch wiederholte sehr harte Schläge des Schicksals ausgerottet und er sogar umgekehrt dahin gebracht worden ist, zu glauben, es müsse geschehen, was er nicht wünscht, und könne nimmer geschehn, was er wünscht, eben weil er es wünscht; so ist dies eigentlich der Zustand, den man Verzweiflung genannt hat.“

Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, §313

Adnotum: Für den Drechsler grimmigwahrer Worte ist dies ein recht milder Befund. Aber die Hoffnung ist weit mehr als eine Narrheit des Herzens, eine verzeihliche Torheit. Sie spottet jeder Logik. Ihre kardinaler Fehlschluß, der nicht zuletzt der Fehlschluß aller Kardinäle samt Gefolgschaft ist, lautet: Ich glaube, daß p, weil ich wünsche, daß p. Wo immer sich Menschen der Hoffnung hingeben, sei es im Ehebett, der Schule, im Spital, auf dem Marktplatz, in der Kirche, im Kriegsstab oder im Regierungskabinett, stützen sie ihre Weltsicht und ihr Handeln auf diese Idiotie der Unvernunft. Hoffnung ist eine geschichtsmächtige Kraft. Sie verleitet nicht nur dazu, sich etwas vorzumachen oder sich mit dem Ärgsten abzufinden, sie mobilisiert den kollektiven Glauben an himmlische und irdische Götter und Mächte, vertraut leeren Versprechen und Verheißungen und führt geradewegs in die Fangarme der Tyrannei. Fern aller Wohltaten, gebiert auch die Hoffnung jene Übel, die sie sodann heftig hinwegzuwünschen pflegt.

© WS 2014

Pandora

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Wolfgang Sofsky
Pandora oder Über die Hoffnung

Pandora trug den irdenen Krug herbei und öffnete ihn. Er war das Geschenk der Götter an die Menschen, ein schön verzierter Pithos, überbracht von dem Mädchen, so schön und betörend wie die unsterbliche Göttin. Eine Kunstgestalt war sie, feingliedrig aus Erde und Wasser geformt von dem grobhändigen Hephaistos. Mit zahllosen Gaben wurde sie von den Göttern beschenkt. Neugier und Übermut spürte sie in sich, geschickt war sie mit den Fingern und hellhörig mit den Ohren. Aphrodite beschenkte sie mit Grazie, Liebreiz und verzehrender Sehnsucht; die Chariten legten ihr goldene Halsbänder um, die Horen bekränzten das Mädchen mit den Blumen des Frühlings; Athene schmückte sie mit Gürtel und Gewand und lehrte sie das Weben; Hermes verlieh ihr Stimme und Sprache, Lug und Trug, befreite sie von Scham und nannte sie Pandora, die Allbeschenkte und Allbeschenkende, zum Schaden der brotverzehrenden Menschen.Zu Epimetheus, dem Bruder des Prometheus, dem bestgehaßten Feind der Götter, führte er sie, als großherzige Gabe.

Kein Geschenk von den Göttern solle er annehmen, hatte Prometheus seinen Bruder gewarnt. Von Göttern sei nichts Gutes zu erwarten. Zurückschicken solle er die Gabe, damit den Sterblichen kein Übel erwachse. Doch der Bruder hatte die Warnung vergessen. Kaum war der Krug geöffnet, da flogen all die beschwingten Unwesen heraus. Seit dieser Stunde schweifen sie umher und bringen den Menschen Sorge und Trauer, Übel und Unheil. Klagen und Wehen, Alter und Irrsinn, Laster und Leidenschaften sind seitdem in der Welt. Krankheiten besuchen die Menschen tags und nachts, voller Unbilden ist das Meer, das Land und die Luft. Der Tod hat das Szepter übernommen, die Kluft zwischen den Menschen und den unsterblichen Göttern ist unüberwindbar.

Nur ein Verhängnis war noch nicht aus dem Krug geschlüpft, sondern verbarg sich unter dem Rande des Kruges. Auf Geheiß des Göttervaters Zeus hatte Pandora rasch den Deckel zugeschlagen, und so blieb dieses letzte Übel verschlossen. Es war die Hoffnung. Wollte Zeus die Menschen vor diesem Unheil bewahren oder wollte er ihnen nur vormachen, in dem Krug sei ein Glückselixier verborgen? Wollte er, daß sich die Menschen das letzte Unheil selbst bereiten? Manche sagen, Pandora habe, neugierig wie sie war, später erneut den Deckel gehoben, so daß auch Elpis, die Hoffnung, entweichen konnte. Andere sagen, im Krug sei die Hoffnung sicher verwahrt, zu stetigem Gebrauch. Nicht zum Trost blieb die Hoffnung im Gefäß, sondern zum ewigen Vorrat neuen Unheils. Wann immer Mut, Verstand und Zuversicht die Menschen verlassen, flüchten sie sich in die Hoffnung und harren aus. Hoffnung ist die höchste der Torheiten, das übelste aller Übel, denn sie hilft die Qualen zu verlängern. Todkrank schon hofft der Moribundus auf wundersame Genesung; von allen verlassen, hofft der Verlorene auf Zuspruch; jedes Handelns entschlagen, hofft der Ohnmächtige auf Rettung, Hilfe, Erlösung. Hoffnung verlängert das Leid, sie raubt dem Menschen die Fähigkeit, der Qual ein Ende zu setzen. In Hoffnung verhüllt, folgt er der Zeit, die ihn weiter ins Unglück treibt. Im Krug ist sie verwahrt, damit jeder sie  ergreifen und sich mit Blindheit schlagen kann.

© WS 2014